Christian Kracht

Die Toten

Roman
Cover: Die Toten
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2016
ISBN 9783462045543
Gebunden, 224 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

"Die Toten sind unendlich einsame Geschöpfe, es gibt keinen Zusammenhalt unter ihnen, sie werden alleine geboren, sterben und werden auch alleine wiedergeboren." Die Toten führt uns mitten hinein in die gleißenden, fiebrigen frühen dreißiger Jahre, als die Moderne, besonders die Filmkultur, ihre vorerst letzte Blüte erlebte. In Berlin, "dem Spleen einer unsicheren, verkrampften, labilen Nation", versucht ein Schweizer Filmregisseur, euphorisiert durch einen gewissen Siegfried Kracauer und eine gewisse Lotte Eisner, den ufa-Tycoon Alfred Hugenberg zur Finanzierung eines Films zu überreden, genauer gesagt: eines Gruselfilms, genauer gesagt: in Japan. Dort, auf der anderen Seite des Globus, bereitet zur selben Zeit der geheimnisvolle Japaner Masahiko Amakasu ein Komplott gegen die internationale Allmacht des Hollywoodfilms vor.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.09.2016

Zum "raffinierten Realismus" adelt Moritz Baßler die kontrastreiche Prosa Christian Krachts, der komplex und doch süffig Fakten und Fiktion mische, den "Glauben ans Unechte" mit der Liebe zum obskuren Detail verbinde und dabei auch noch alle Gegenstimmen zu Wort kommen lasse. Für Baßler ist das große Kunst und vor allem ein Kontrapunkt zu dem, was er als den "banalen Realismus" der Nachkriegsliteratur brandmarkt. Wem dagegen der literaturgeschichtlich und popkulturell aufgeladene Plot um Nazis und Film, Japan und Seppuku in den dreißiger Jahren nicht geheuer ist, der verwechsele Literatur mit Identitätspolitik, bescheidet Baßler möglichen Verächtern. Kracht nämlich verweigere dem Wirklichen das Anrecht auf die Sprache, stellt der Kritiker klar, der dies auch "links-politisch-korrekten" oder "pegidesk-empörten" Lesern empfiehlt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.09.2016

Rezensent Philipp Theisohn hat Christian Krachts neuen Roman verstanden. Der Autor schafft das in der Literatur, was die Band Laibach in der Popmusik vermochte: dem Totalitarismus den Spiegel vorzuhalten. Das ist radikal politisch, findet Theisohn, nicht literarisch-faschistisch. Das Risiko, das der Autor eingeht, indem er mit "ästhetisch-apathischem" Gestus vom Vorabend der nationalsozialistischen Machtübernahme erzählt, scheint dem Rezensenten beachtlich. Doch indem Kracht mit Kracauer auf den Stummfilm und das stumme Grauen des aufziehenden Nazi-Terrors blickt, meint Theisohn, bringt er die Barbarei zum Sprechen.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 10.09.2016

Für den Autor und Kritiker Carl von Siemens ist dieser Roman vor allem vom Buddhismus und Hinduismus geprägt: Nichts ist wirklich. Und weil es für den Autor keine Gewissheiten gibt, oszilliert er ebenso wie seine Protagonisten, meint Siemens. Real sei nur das Leiden und der Schmerz. Deshalb finde Kracht auch jede Ästhetisierung der Gewalt fragwürdig und lote sie in seinem Roman bis an die Grenze aus, spüre dabei auch noch den kulturellen Unterschieden in der Darstellung von Gewalt nach. Ob es dem Rezensenten wirklich gefallen hat? Fasziniert und beeindruckt ist er auf jeden Fall.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.09.2016

Was für ein ärgerlicher Stuss, schimpft Rezensentin Sabine Vogel über Christian Krachts neuen Roman. Von wegen großer Stilist! Nichts als maniriert, meint sie. Die blutrünstige Geschichte um eine fiktive cinematografische Achse zwischen Berlin und Tokio im Jahr 1933, angeleiert von einem deutschen Regisseur, sagt ihr nichts oder nichts Sinnvolles. Und warum reitet der Autor so insistierend auf dem Deutschtum herum und lässt Lotte Eisner über den deutschen Wald raunen? Für Vogel ein Rätsel bzw. verquerer deutschnationaler Mythenmuff.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.09.2016

Warum bloß muss es immer ums ganz große Ganze gehen in einer Kracht-Kritik? Rezensent Jens-Christian Rabe verrät es nicht, aber er will es wissen. Warum Christian Kracht wieder in allen Medien rumpost, ob er damit die Kritik eventuell aufs Glatteis führen möchte, ob der Autor durch und durch Popist oder doch bloß Pop-Literat ist und was all die rästelhaften Instagram-Fotos sollen. Symbolik? Unbedingt, unbedingt, ruft Rabe und rät dem Leser, lieber am besten zu oszillieren zwischen Ohrensesselgemütlichkeit und alerter Leserakribie, um doch noch Freude zu haben an diesem Buch, an seinen erzählerischen Kapriolen, seinem Herumeiern zwischen Historie und Klamauk und seinem prätentiösen Stil.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2016

Jan Wiele macht gleich klar, dass es bei dem neuen Roman von Christian Kracht für den Leser wiederum darum geht, Autor und Erzähler fein säuberlich voneinander zu trennen. Anderenfalls dürfte Kracht irrigerweise erneut als Gewaltverherrlicher dastehen, meint Wiele. Denn was der Autor in seiner neuen "Historien-Farce", die sich um den Clash von westlicher und japanischer Kultur im verhängnisvollen Jahr 1933 dreht und in der u. a. Chaplin, Heinz Rühmann, Lotte Eisner, ein diabolischer UFA-Boss und ein Schweizer Filmregisseur auftreten, an Gewaltszenen auffährt, reicht laut Wiele gut für mehrere Bücher. Oder Filme. Anspielungs- und fantasiereich und mittels einer reich überzuckerten Sprache setzt der Autor das um, erklärt Wiele weiter. Krachts Dandy-Stil könnte Kopfzerbrechen bereiten, meint er, doch zum Glück spricht ja nicht Kracht, sondern sein Erzähler.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 01.09.2016

"Jetzt will er's wirklich wissen!", jubelt Ijoma Mangold nach der Lektüre von Christian Krachts neuem Roman, den er als ganz "außerordentliches Kunstwerk" würdigt. Da ist zum einen die Sprache, "preziös und präzise", Eleganz mit Spielereien, weit weg vom "Wirklichkeitsfetischismus" der Gegenwartsliteratur, schwärmt der Kritiker. Und dann die Handlung, kunstvoll und von virtuoser Exzentrik, so Mangold, der sich von Kracht mit ins Berlin, Tokio und Hollywood der dreißiger Jahre nehmen lässt und die parallele Eroberung von Welt und Kino durch den Nationalchauvinismus erlebt. Allein, wie Kracht Geschichte und Fiktion verknüpft, einen Kulturkampf imaginiert, in dem der Film über die "Deutungshoheit" der Bilder entscheidet, einmal mehr Mut zum Betreten von "vermintem Terrain" aufbringt, wenn er seine Figuren über die "Bedrohung des kulturell Eigenen" sinnieren lässt, ringt dem Rezensenten Anerkennung ab. Wenn Mangold schließlich noch die Beschreibungen von japanischen Interieurs liest, kann er nur noch rufen: "Wunderwesen" von einem Roman!