Bücherbrief

Literarischer Hardcore

08.09.2025. Die neue Saison beginnt, und einer ihrer bedeutendsten Romane ist schon erschienen: Kamel Daouds "Huris", der das schwarze Jahrzehnt Algeriens thematisiert. Jokha Alharthi beschreibt in ihrem Roman "Herrinnen des Mondes" den Übergang des Oman vom Sultanat in einen modernen Staat. Jina Khayyer blickt im "Herzen der Katze" voller Poesie und Überraschungen auf das Leben im Iran zurück, Thomas Melle versinkt im "Haus zur Sonne" in eine Depression und arbeitet sich mit einem vertrackten Meisterwerk wieder hinaus. Susan Bernofsky porträtiert Robert Walser als "Hellseher im Kleinen": Dies alles und mehr in den besten Büchern des Septembers.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Notizen zu den Literaturbeilagen des Frühjahrs, Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders Kolumne "Vorworte" und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Kamel Daoud
Huris
Roman
Matthes und Seitz. 398 Seiten.  28 Euro

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Kamel Daoud hat mit seinem Roman "Huris" gegen ein Sprechverbot verstoßen - und das ist wörtlich zu verstehen, denn in Algerien ist es per Gesetz untersagt, das "Schwarze Jahrzehnt" zu thematisieren. Daoud hat das im Gespräch mit dem Perlentaucher ausgeführt. Dieser grausame Bürgerkrieg in den neunziger Jahren, der in Deutschland damals kaum zur Kenntnis genommen wurde, kostete 200.000 Menschen das Leben. Es gab in ihm keine "Guten". Es bekämpften sich das Regime und die Islamisten. Die Bevölkerung war zwischen Hammer und Amboss. Heute haben Regime und Islamisten ein Bündnis geschlossen. In Algerien hat sich damit institutionalisiert, was sich in vielen Ländern abzeichnet - eine Allianz zwischen der Linken und den religiösen Fanatikern. Daoud gibt in seinem Roman den Opfern des "Schwarzen Jahrzehnts" eine Stimme. Auch das ist wörtlich zu verstehen - der Protagonistin wurde beim Versuch, ihr die Kehle aufschlitzen, der Hals so verletzt, dass sie nur mühsam durch eine Kanüle sprechen kann. Daoud wurde vom Regime heftig attackiert. Nach Algerien kann er nicht zurück - dann würde er wohl wie sein Kollege und Freund Boualem Sansal im Gefängnis landen. Bisher gab es nur im Deutschlandfunk eine knappe, aber positive Besprechung der deutschen Ausgabe - mag sein, dass sich die Zeitungen diesen bedeutenden Roman für die Buchmessenbeilagen aufheben. Während der Buchmesse wird es auch eine weitere Solidaritätsveranstaltung für Sansal geben.

Jokha Alharthi
Herrinnen des Mondes
Roman
Dörlemann Verlag. 336 Seiten. 24 Euro

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Wann liest man schon mal einen Roman aus dem Oman? Und dann noch einen, der den Man-Booker-Preis bekommen hat? Jokha Alharthi ist die erste arabische Schriftstellerin, die den Preis erhalten hat - und auch die deutschen Kritiker sind hingerissen. Anhand der Schicksale der Schwestern Chaula, Asma und Mayya, die im fiktiven Dorf al-Awafi leben, erleben wir den Wandel Omans zwischen 1920 und 1990 und den Übergang des Sultanats von einer Stammes- und Sklavenhaltergesellschaft zum modernen Staat. Dlf-Kultur-Kritiker Carsten Hueck bewundert, wie Alharthi "Märchenhaftes und Moderne" verbindet, indem sie arabische Dichtkunst und Dorfgeschichte in ihren Familienroman fasst. In einem "dichten, multiperspektivischen Textgewebe", das nicht zuletzt durch Bildreichtum und Sinnlichkeit besticht, lernt Hueck den Kontrast zwischen der alten und der neuen Welt kennen, in der BMWs gefahren, aber im Hof noch Tiere geschlachtet werden. Etwas deutlicher geht Nicole Henneberg in der FAZ auf die Geschichte Omans ein, das immerhin eine schlimme Sklavenhaltergesellschaft war. Aber auch sie istbegeistert, wie die Autorin in diesem von Claudia Ott exzellent übersetzten Roman arabische Poesie einflicht und zugleich eine Fülle an "lokalen Tabuthemen" anspricht: Sie erfährt von Scham im Alltag, etwa wenn ein behindertes Kind geboren wird, oder von bis heute praktizierter Hexerei. Im Dlf hebt Dina Netz auch Otts instruktive Nachwort hervor.

Thomas Melle
Haus zur Sonne
Roman
Kiepenheuer und Witsch Verlag. 320 Seiten. 24 Euro

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Mit all seinen Romanen hat es Thomas Melle bisher auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft, allein gewonnen hat er ihn nie. Vielleicht gelingt es ihm mit seinem vierten Roman? Wenn es nach den Kritiken geht, hätte er ihn verdient. Auch wenn wir vorgewarnt werden: "Haus zur Sonne" schenkt uns nichts. Als "literarischen Hardcore" etwa bezeichnet Yannic Walter den Roman in der taz, auch wenn er gerade die leisen Töne bewundert. Deutlich fiktionaler als in seinen anderen Romanen erzählt Melle hier von einem Protagonisten, der an einer bipolaren Störung leidet, sich mit dem Ziel des assistierten Suizids in eine Art Klinik begibt, die letzte Wünsche mittels Halluzinationen erfüllt - bis der Überlebenswille doch durchdringt. Wie Melle den Zustand der Depression zwischen Stillstand, Wahn und gedanklichem Teufelskreis durch Sprache erfahrbar macht und zudem eine "bittere Satire" auf den Umgang der Gesellschaft mit psychischen Krankheiten verfasst, ist für Walter eine große literarische Leistung. Auch FAZ-Kritiker Jan Wiele lobt den Roman als "vertracktes Meisterwerk". In SZ staunt Hubert Winkels, wie Melle die Krankheit in "wilde ungezähmte, aus jedem Ruder laufende Poesie" fasst.

Jina Khayyer
Im Herzen der Katze
Roman
Suhrkamp Verlag. 253 Seiten. 25 Euro

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Die in Deutschland geborene Schriftstellerin und Journalistin Jina Khayyer ist iranischer Abstammung, die Geschichte, die sie in diesem Roman erzählt, von eigenen Erlebnissen und Erfahrungen inspiriert. Der Roman beginnt in der Nacht, in der die junge Jina Mahsa Amini von den Revolutionsgarden ermordet wird und die Proteste losbrechen, die sich in dem Ruf "Frau, Leben, Freiheit" manifestieren: Die lesbische Heldin Jina telefoniert mit ihrer im Iran lebenden Schwester Roya über die aktuelle Situation vor Ort, erinnert sich aber bald an ihre eigenen Iran-Aufenthalte in den Jahren 2000 und 2009. SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh erfährt hier etwa, dass in Teherans Theatern viele Stücke von Bertolt Brecht aufgeführt werden. Vor allem aber handelt der Roman von der Verbindung zwischen den iranischen Frauen und der westlichen Kultur sowie von den Repressionen im Iran, verrät uns Vahabzadeh, die von jungen Frauen liest, die ihre Schleier abwerfen, sobald sie unter sich sind oder erfährt, dass es für "lesbisch" in Farsi kein Wort gibt. Nicht jede Übertragung iranischer Poesie ins Deutsche findet die Kritikerin ganz gelungen, das tut der spannenden Lektüre aber keinen Abbruch, meint sie. In der FAZ empfiehlt auch Louise Otterbein den Roman, nur dem Dlf-Rezensenten Carsten Hueck geraten die Figuren gelegentlich zu holzschnittartig.

Nelio Biedermann
Lázár
Roman
Rowohlt Berlin Verlag. 336 Seiten. 24 Euro

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Mit gerade einmal 22 Jahren legt der Schweizer Nelio Biedermann bereits seinen zweiten Roman vor, der gleich in 18 Sprachen übersetzt wird. Die Kritiker sind fasziniert von dieser anderhalb Jahrhunderte umspannenden Familiensaga des Adelsgeschlechts Lázár. Und vom Autor, der hier literarisch abgewandelt seine eigene Familiengeschichte erzählt: Auch die Biedermanns von Turony flohen in den 1950er Jahren in Folge des ungarischen Volksaufstandes in die Schweiz, erfährt Adam Soboczynski (Zeit) beim Treffen mit Biedermann. "Im besten Sinne größenwahnsinnig" findet er den Roman, der ihn durch die politischen Wirren des 20. Jahrhunderts treibt, hingerissen von der "stilistischen Prägnanz und erzählerischen Varianz" des Romans, den er an Thomas Mann und Joseph Roth geschult, aber dennoch "völlig zeitgemäß und eigenständig" findet. Auch SZ-Kritikerin Nora Zukker trifft sich mit Biedermann, der ihr wunderbar "aus der Zeit gefallen" erscheint. Seine Familiensaga ist "episch, tragisch und traumatisch, stürmisch, sehnsüchtig und sehr romantisch" schwärmt sie. Timo Posselt (FAS), beeindruckt von den literarischen Mitteln, die dem Autor zur Verfügung stehen, staunt, wie Biedermann den starken Sexualtrieb in der Familie "mit der Blutspur der Kriege" kreuzt. Im Gegensatz zum NZZ-Kritiker Peer Teuwsen, der nicht weiß, was er schlimmer finden soll: "das 20. Jahrhundert als bloße Schauerkulisse zu nehmen" oder "die unerträglichen Sexszenen, von denen das Buch schier birst? Es ist, als dächten die Mitglieder der Familie Lázár immer nur an das Eine". Der Leser muss wohl selbst herausfinden, ob er es hier mit Bewunderung für ein literarisches Wunderkind oder für adlige Geschichtsschmonzetten mit Hautgout zu tun hat.


Sachbuch

Götz Aly
Wie konnte das geschehen?
Deutschland 1933 bis 1945
S. Fischer Verlag. 768 Seiten. 34 Euro

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Es gibt wahrlich nicht wenige Publikationen, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, räumte der Historiker Götz Aly im Interview in unserem Perlentaucher-Podcast ein. Aber, meinte er, sie werden immer "langweiliger und detaillierter". Die große Frage hingegen gerät aus dem Fokus, nämlich: Wie konnten so viele Menschen zu Haupttätern oder Mitläufern in einem verbrecherischen Regime werden? Das ist einer der wichtigsten Punkte für Aly, denn auch, wenn nicht alle Deutschen den ideologischen Wahn der Nazis teilten, genossen diese breite Mitmachbereitschaft und Akzeptanz in der Bevölkerung. "Wie konnte das geschehen?", fragt Aly also in seinem gerade erschienenen Opus magnum, und gibt darauf nicht eine, sondern viele spannende Antworten: taz-Kritiker Ulrich Gutmair erfährt unter anderem, dass die Hoffnung auf sozialen Aufstieg ein großer Faktor war, der die Deutschen zum Teil dieser "Verbrechensgemeinschaft" werden ließ, außerdem betont er die Rolle der Gewerkschaften, die sich im Nachhinein als Hort des Widerstands inszenierten, tatsächlich aber im Großen und Ganzen mitmachten. SZ-Rezensent Martin Sabrow, Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung, ist ebenfalls durchaus beeindruckt von dieser "Gesamtdarstellung des deutschen Marsches in den Zivilisationsbruch" und schätzt, dass Aly viele "tradierte Deutungsmuster" dekonstruiert. Nicht einverstanden ist Sabrow allerdings damit, wie Aly den Holocaust einordnet, nämlich in erster Linie als Raubmord, der den drohenden Staatsbankrott abwehren sollte. Auch wenn der Kritiker Aly nicht in jedem Punkt zustimmt - klar ist für ihn: das ist ein "großes Alterswerk". 

Michael Maar
Das violette Hündchen
Große Literatur im Detail
Rowohlt Verlag. 592 Seiten. 34 Euro

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Michael Maars "Die Schlange im Wolfspelz" über die Geheimnisse großer Literatur gehört mit zu den meist verkauften Büchern in unserem Buchladen Eichendorff21. Nun nimmt uns der Germanist abermals mit auf eine literarische Spurensuche vom neunzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart, richtet seinen geschulten Blick diesmal allerdings auf kleine, aber gewichtige und doch übersehene Details: Welches deutsche Vorbild verbirgt sich zum Beispiel hinter Nabokovs Lolita, was hatte Mark Twain gegen Jane Austen und gibt es in Bram Stokers "Dracula" einen antisemitischen Unterton? SZ-Kritiker Hilmar Klute jedenfalls liest das neue Werk des "Lesefalken" Maar mit viel Vergnügen und Staunen. Vor allem gefällt ihm, dass der "lebenskluge und lesekluge" Autor zwar oft auf "finstere Nebenwege" führt, und amüsante, mitunter delikate Details aufdeckt, die großen Meister der Literatur aber nie vom Sockel stößt.

Benny Morris
Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems
Eine Neubetrachtung
Hentrich und Hentrich Verlag. 826 Seiten. 39 Euro

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In welche Absurditäten sich die Nahost-Debatte hierzulande hineinsteigert, war mal wieder zu sehen, als letztes Jahr ein Vortrag des israelischen Historikers Benny Morris an der Uni Leipzig auf Druck von Aktivisten abgesagt wurde. Man kann nur annehmen, dass jene, die da demonstrierten, nicht in ein einziges seiner Werke tatsächlich hineingeschaut haben, denn Morris, der zu den einflussreichsten Köpfen der Neuen israelischen Historiker gehört, ist alles andere als einseitig oder unkritisch. Das bewies er nicht zuletzt mit seinem 1988 erschienenen Werk "Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems", das nun in einer aktualisierten Version erschienen ist, die erstmals zugängliche israelische Militärarchivakten berücksichtigt. In dieser Untersuchung des palästinensischen Exodus, der "Nakba" von 1948, zeigte der Historiker, dass es während der Staatsgründung Israels durchaus zu Vertreibungen von Palästinensern kam - ein Fakt, den die offizielle zionistische Geschichtsschreibung bis dahin leugnete. "Ideologiefrei und auf historische Gründlichkeit bedacht" ist dieses Werk, lobt Jochen Bittermann in der taz, der es einfach großartig findet, wie sich Morris detailliert mit den arabischen und jüdischen Fluchtbewegungen auseinandersetzt, die - zwischen zahlreichen territorialen Verwirrungen, Vergeltungsaktionen und Räumungsplänen - auch am Grunde des aktuellen Krieges zwischen Israel und der Hamas liegen. Dass die Verantwortung für die fortgesetzten Feindseligkeit durchaus auf beiden Seiten liegt, sieht auch Rezensent Thomas Speckmann bei Morris klug dargestellt. Marko Martin glaubt im Dlf nicht daran, dass Morris die "Mythen" beider Seiten auflösen kann, aber seine kluge und informative stellt dafür in jedem Fall das Handwerkszeug bereit, hält er fest.

Susan Bernofsky
Hellseher im Kleinen
Das Leben Robert Walsers
Suhrkamp Verlag. 535 Seiten. 38 Euro

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Immer schon prägte ein ganz bestimmtes Phänomen die Literatur auf Bestseller-Listen: Was beim breiten Publikum Anklang findet, wird von Kritikern häufig verachtet - was das Feuilleton in den Himmel lobt, wird von der Leserschaft links liegen gelassen. Ein besonders markantes Beispiel für diese Diskrepanz zwischen Kritik und Publikumsgeschmack sind die Bücher Robert Walsers. Von Zeitgenossen wie Tucholsky, Benjamin, Kafka, Sebald oder Hesse verehrt, blieb ihm der kommerzielle Erfolg fast sein ganzes Leben verwehrt. Auf das Leben dieses eigenbrötlerischen Schweizers, der mittlerweile fest zum Kanon der literarischen Moderne gehört, blickt nun die Übersetzerin und Professorin Susan Bernofsky in ihrer neuen Biografie. Den Kritikern gefällt das ausnehmend gut: In der SZ ist Gökalp Babayiğit begeistert von Bernofskys Annäherung an den Ausnahmeschriftsteller und dessen ganz eigene Prosa, mit ihrer Aufmerksamkeit für das Kleine, Beiläufige und Hintergründige. Auch FAZ-Kritiker Joseph Hanimann bewundert, wie Bernofsky Walser als "Profi der literarischen Schreibkunst" ausweist und in Stilstudien seinem sprachlichen Raffinement nachgeht, aber auch den Stationen seines Lebens, gestützt auf "dokumentarische Recherche". Angela Gutzeit gefällt bei Dlf besonders, dass Bernofsky das Werk des Autors, der einen Teil seines Lebens in psychischen Heilanstalten verbrachte, eben nicht als Ausdruck seiner psychischen Probleme betrachtet, sondern als das Werk eines bewusst Handelnden künstlerischen Geistes analysiert wird. Ein "Glücksfall", jubelt Helmut Böttiger im Dlf Kultur.

Dominik Graf
Sein oder Spielen
Über Filmschauspielerei
C.H. Beck Verlag. 391 Seiten. 28 Euro

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Dominik Graf ist nicht nur einer der berühmtesten Regisseure des deutschen Kinos, sondern auch ein leidenschaftlicher Kritiker desselben: Der deutsche Film habe im internationalen Vergleich die "schlechtesten Filmohrfeigen" hervorgebracht, betonte er kürzlich im Dlf-Kultur-Interview, die Deutschen trauten sich einfach nichts. Er muss es wissen, schließlich hat er nach fünfzig Jahren im Filmgeschäft doch einige Erfahrung mit Schauspielern gesammelt. Diese hat er nun in einem Buch zusammengefasst, das die Filmkritiker allesamt begeistert: "Übersprudelnd mit filmhistorischen Anekdoten" erzählt Graf von seiner Arbeit mit Filmgrößen wie Robert Mitchum, Gene Hackman oder Isabelle Adjani, schwärmt Alexandra Wach beim Filmdienst. Er kritisiere die Produktionsbedingungen im deutschen Film, schaue aber auch mit feiner Ironie und Selbstkritik auf das eigene Werk und erzählt von den Fehlern, die er als junger Regisseur machte. Da kann man von einem Streit mit Götz George lesen, von Selbstzweifeln, der Skepsis angesichts der Autorenfilme des Neuen Deutschen Films, aber auch über den Einfluss von Pornos auf das Drehen von Sexszenen, so Wach. Zeit-Kritiker Thomas Schmid zählt Graf "zu den klügsten und erfolgreichsten deutschen Regisseuren" und lässt sich sehr gerne von ihm erzählen, wie er sich Anfang der Achtziger dem Genre-Kino zuwandte, was also hieß: Natürlichkeit, alltägliche Szenen, Tatort und Vorabendserie statt Autorenfilm - mit dem US-Genrekino als Vorbild. Frank Arnold stimmt bei epd-Film in das Lob mit ein und kramt schonmal alte DVDs aus, um sich die von Graf beschriebenen Szenen direkt nochmal anschauen zu können.

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