Mischka
Drei Porträts

Carl Hanser Verlag, München 2026
ISBN
9783446282254
Gebunden, 112 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Eigentlich war es kein Kreis, eher ein Kosmos, ein Universum, das mich in meiner Kindheit und Jugend umstrahlte." Barbara Honigmann erzählt vom Leben und Überleben der Freunde ihrer Eltern, die den Lagern der Nazis und des Gulag entkamen. Junge jüdische kommunistische Intellektuelle, die für ihre Ideale teuer bezahlten und von denen einige doch immer wieder Auswege fanden. Mischka zum Beispiel brachte in ihrer Moskauer Zweizimmerwohnung in den Siebzigerjahren Dichter und Dissidenten zusammen, die dem Sowjetregime die Stirn boten. Vor dem Hintergrund der mörderischen Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts bestechen diese mitreißend erzählten Erinnerungen an Bekannte, Gefährten, geliebte Menschen vor allem durch ihre Freundlichkeit, ihre Wärme, ihren Witz.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.02.2026
Diese neue Sammlung literarischer Porträts der deutschen Schriftstellerin macht Eindruck auf Rezensent Lothar Müller. Er liest darin unter anderem von der sogenannten "zweiten Generation", den Kindern von jüdisch-kommunistischen Überlebenden, die aus dem Exil zurückgekehrt sind und von ihren Eltern unauffällige Vornamen wie Peter oder Wolfgang erhielten, resümiert der Kritiker. Wo sich der erste Text des Bandes noch auf die Wiederentdeckung der jüdischen Identität der Kinder fokussiert, erzählt das titelgebende Porträt von der Verfolgung aufgrund kommunistischer Überzeugungen. Die Autorin erzählt in mündlich geprägter und ausschweifender Rede vom Leben Mischkas, Tochter einer jüdischen Großindustriellen und später angeklagte Kommunistin, die Honigmann auf ihren Forschungsreisen traf, trägt Müller an uns weiter. Auch wenn der Rezensent nicht näher beleuchtet, wie die Sprache und Struktur des Textes beschaffen ist, lobt er die Sammlung für ihre Nahbarkeit und Lebendigkeit.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.02.2026
Für den Rezensenten Paul Jandl haben die Bücher von Barbara Honigmann immer bildhaften und literarisch-schriftlichen Charakter zugleich: In diesem neuen Buch zeigt sie als eines von drei Porträts das Leben Mischkas, geborene Wilhelmine Magidson, einer Überlebenden des stalinistischen Terrors, die viele Jahre Arbeitslager hinter sich hat, ein Leben zwischen "endlosem Schnee und sumpfig durchweichter Erde" von kaum vorstellbarer Härte. Mischka und Honigmann, Tochter jüdischer Exilanten, lernen sich in Moskau in den 1970er-Jahren kennen, wo sie einem Kreis von Intellektuellen angehören, zu denen auch Heinrich Böll oder Lew Kopelew zählen. Jandl ist fasziniert von diesem lakonischen Text, der die Abgründe des 20. Jahrhunderts zeigt, ein "Nebeneinander aus wahnhaften Systemen", in dem die Menschen um ihren Verstand ringen. Auch die beiden anderen Texte in dem Buch zeichnen "Menschenportäts, wie sie die Literatur sonst nicht kennt", versichert der Kritiker, auch wenn Mischkas Geschichte die "eindrücklichste" bleibt.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 07.02.2026
Rezensent Helmut Böttiger bestaunt die drei autobiografischen Erzählungen in Barbara Honigmanns neuem Buch. Ein weiteres Mal umkreise die Autorin ihr Lebensthema eines international-flottierenden "Kulturjudentums", diesmal aus drei Blickwinkeln: In der Hauptgeschichte geht es um Mischka, eine aus großbürgerlichen Verhältnissen entstammende Kommunistin und Ersatzmutter für die Autorin, die in den 30er Jahren zurück von Berlin nach Moskau musste, wo sie in den stalinistischen Terror geriet, und deren Moskauer Wohnung später aber zu einem zentralen Treffpunkt für Dissidenten wurde. Die zwei anderen Geschichten beleuchten durch zwei Straßburger Begegnungen ("Max und Yvette") hindurch das eher osteuropäische, "sephardische und aschkenasische" Judentum, so Böttiger, und "Peter Thomas Klaus Wolfgang" handelt von der Zweiten Generation, deren Vertreter oft zwischen Genie und Depression schwankten, wie der Kritiker Honigmann wiedergibt. Im Kern gehe es dabei in allen Geschichten um dieses besondere Milieu kommunistischer, intellektueller Jüdinnen und Juden aus aller Welt, die oft in Ostberlin landeten, aber keine feste Verortung kannten. In diese Welt, in der Honigmann aufwuchs, liefert sie hochdifferenzierte Einblicke wie durch ein "fein justiertes literarisches Mikroskop" hindurch, dabei aber trotzdem sprachlich klar und in prägnanten, "eindringlichen Skizzen". Für den Kritiker eine weitere literarisch gelungene "Suche nach einem Fluchtpunkt".