Bücherbrief

Wie jemand reife Sonnenblumen bricht

09.12.2024. Überall nur noch Gesinnung und Germanisterei hatte Maxim Biller kürzlich in seiner von der SZ dokumentierten Rede zur Auszeichnung mit dem Nicolas-Born-Preis über Literaturbetrieb und Kritik geschimpft.  Clemens J. Setz ging es indes in der FAZ in der Gegenwartsliteratur viel zu "abgekartet diesseitig" zu, er vermisste ein "ehrliches erzähltes Jenseits". Nun denn: Fündig geworden sind wir für diesen Bücherbrief nicht nur irdisch. Bookerpreisträgerin Samantha Harvey lässt uns die Schönheit der Erde vom All aus entdecken. Barock, göttlich geradezu erzählt Alan Moore von Nahtoderfahrungen und Snooker spielenden Geistern in einem Arbeiterbezirk in North Hampton. Serhij Zhadan lässt sich das Dichten auch im Krieg nicht nehmen.
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Weitere Anregungen finden Sie in in der Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot", in der Kolumne "Vorworte", in unseren Büchern der Saison, den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Samantha Harvey
Umlaufbahnen
Roman
dtv. 224 Seiten. 22 Euro

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Es gibt Romane, die kommen genau zur rechten Zeit. Und wenn sie dann gerade erst mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurden: Umso besser. Wer möchte aktuell nicht mal für einen Augenblick die Welt verlassen, um sich dann mit frischem Blick ihrer Schönheit zu erinnern? Die britische Autorin gestattet das in ihrem fünften Roman ihren sechs Helden, die sie auf eine Raumstation ins Weltall schickt: Während die vier Männer und zwei Frauen aus verschiedenen Ländern sechzehn Mal am Tag die Erde umrunden, beobachtet Harvey ihr Zusammen- und Innenleben. Die Kritiker sind begeistert: Allein wie die Autorin die Schönheit der Erde aus unbekannter Perspektive beschreibt, wie eine "Landschaftsmalerin", dabei Gedanken zur Klimakrise einflicht, ganz ohne Agenda, dafür über die Verletzlichkeit der Welt reflektierend, verzaubert Zeit-Literaturchef Adam Soboczynski. Aktueller und schöner kann Literatur kaum sein, ruft im Dlf Kultur Meike Feßmann. Für den taz-Kritiker Yannic Walter umkreist Harvey die "existenziellen Fragen des menschlichen Lebens" - und zwar mal in Form naturwissenschaftlicher Beschreibungen, mal in der poetischen Form eines ausschweifenden Naturgedichts und mal in Form philosophischer Reflexionen darüber, wie die Schwerkraft die Art und Weise unseres Denkens prägt. Eine "Weltraum-Pastorale", die mit "bezaubernder Poetik und Metaphysik" für ein ressourcenschonendes Miteinander eintritt, stimmt FAZ-Kritikerin Sandra Kegel in den Lobeschor ein.

Alan Moore
Jerusalem
Roman
Memoranda Verlag. 1400 Seiten. 78 Euro

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Der britische Autor Alan Moore ist vor allem als Comickünstler berühmt, 2018 verkündete er, sich nicht vom Schreiben, aber von Comics zurückzuziehen. Vielleicht weil er so viel Spaß beim Verfassen dieses bereits 2016 im Original erschienenen Roman-Kolosses hatte? In der FAZ hält der Schriftsteller Clemens J. Setz jedenfalls alle für Esel, die sich den "Riesenroman" entgehen lassen. Auch wenn er einräumt, dass Umfang und Moores Neigung zum ausufernden Experiment vielleicht nicht jedermanns Sache sind. Aber was Moore an Textformen versammelt, von einer Geschichte eines Arbeiterbezirks in Northampton über einen Jugendroman bis zu einer Reihe von Novellen, lässt das Leserherz des Rezensenten höher schlagen. Allein die mittig im Buch platzierte Geschichte einer Nahtoderfahrung eines Jungen scheint Setz derart hinreißend, dass er so manchen Metaphern-Overkill und Endlosmonolog (über den Kapitalismus) und das ein oder andere "Slapstickgeblödel", etwa zwischen den Geistern von Beckett und Bunyan, schluckt. Manches offenbart sich auch erst im Verlauf des Textes als Konzept, etwa wenn sich Setz an eine frühe Episode um Charlie Chaplin erinnert. Barock ist das, aber auch göttlich, findet der Kritiker, der nach der Lektüre neu auf die Welt blickt. Im Dlf lässt sich auch Samuel Hamen nicht unterkriegen von der fantastischen Wucht dieses Romans. Hier wirbeln Raum, Zeit, Realitäten und Sprachen mit "hemmungslos verspielter Fabulierlust" durcheinander, ermuntert er zur Lektüre.

Serhij Zhadan
Chronik des eigenen Atems
50 und 1 Gedicht
Suhrkamp Verlag. 124 Seiten. 20 Euro

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"Es ist keine gute Idee, den Krieg als literarischen Stoff zu verwenden. Man ist gezwungen, zu viel Schmerz, zu viel Blut, zu viel Grausamkeit zu sehen, jeden Tag. Jede Nacht hörst du die Einschläge der Raketen. Und am Morgen wachst du dann auf und liest die Chronik der Getöteten. Das sind keine guten Zeiten für Gedichte", hatte Serhij Zhadan, der seit einem halben Jahr beim ukrainischen Militär ist, kürzlich im Zeit-Interview gesagt. (Unser Resümee) Und tatsächlich hatte Zhadan die Arbeit an diesem Band, die er bereits im März 2021 begonnen hatte, erst vier Monate nach Beginn der russischen Invasion wieder aufgenommen. Zum Glück, wie eine bewegte Stephanie von Oppen im Dlf Kultur notiert. Sie liest den Band in zwei Teilen, wobei auch jene Gedichte aus dem Jahr 2021, die sich Landschaften, Sprach- und Kinderspielen oder Jahreszeiten widmen, keineswegs prophetisch klingen, beispielsweise, wenn es in einem Sommergedicht von 2021 heißt: "Die Stimmen des Schulchores brechen wie jemand reife Sonnenblumen bricht" - 2021 dauerte der Krieg in der Ostukraine bereits sieben Jahre, erinnert uns die Kritikerin. Unmittelbarer klingen die Gedichte, die nach der russischen Invasion geschrieben wurden: Nun ist zwar nicht die Brutalität des Krieges, aber doch der Tod allgegenwärtig, schreibt Oppen, die einen Funken Hoffnung wahrnimmt: "Und in ihrer Schwermut ist ein Hauch Brombeere" heißt es in einem der jüngeren Gedichte. taz-Kritiker Jens Uthoff erkennt, wie lange es dauerte, bis die Ukrainer nach dem russischen Angriff ihre Sprache wiederfanden - und zwar mit voller poetischer Kraft. Hingewiesen sei auch noch auf einen frisch erschienenen Band mit sämtlichen Gedichten von Peter Rühmkorf (bestellen). Weitere Gedichtebände finden Sie in unseren Lyrikbänden der Saison.

Clemens Böckmann
Was du kriegen kannst
Roman
Carl Hanser Verlag. 416 Seiten. 24 Euro

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Kurz vor Jahresende legen uns die Kritiker mit Clemens Böckmanns Debütroman noch ein wichtiges Buch ans Herz. Wobei die Frage, ob es sich im engeren Sinne um einen Roman handelt, durchaus strittig ist, erzählt der Journalist und Dokumentarfilmer Böckmann doch hier die wahre Geschichte der DDR-Bürgerin Uta Krahl, die von der Stasi zu Spionagezwecken als Prostituierte verpflichtet wurde. Und das, obwohl Prostitution in der DDR verboten war. Die junge Uta, im Text: Anna, hat zunächst kein Problem mit dem Auftrag - sind die Kunden doch häufig Familienväter aus dem Westen, die sie mit Geschenken verwöhnen. Zugleich wird Uta selbst von der Stasi ausspioniert, wie die Vielzahl an immer undurchsichtiger werdenden Akten zeigt. Alkoholismus und Zweifel am System führen in den Achtzigern nicht nur zum Ende der Zusammenarbeit, vielmehr wird mit "stalinistischen Methoden" an Utas "psychischer Vernichtung" gearbeitet, resümiert Katharina Teutsch im Dlf. Böckmann hat (Stasi-)Akten, Protokolle, Verträge und Vereinbarungen aus der DDR-Vergangenheit gesichtet, zudem Gespräche mit der Protagonistin geführt - und so mal eben ein ganz neues Genre geschaffen, wie Elke Schlinsog im Dlf Kultur staunt: Den Rechercheroman. Dabei ergibt die Collage eine ganz eigene Erzählung: Stets müssen sich Autor und Leserin fragen, welcher Erzählung man eigentlich trauen kann und wer hier Opfer und wer Täter ist, ergänzt Teutsch. SZ-Kritiker Hubert Winkels hebt hervor, dass Böckmann dankenswerterweise auf Psychologisierung verzichtet und in der NZZ empfiehlt Paul Jandl den Roman als Kaleidoskop der Paranoia.

Botho Strauß
Das Schattengetuschel
Hanser Berlin. 240 Seiten. 26 Euro

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Botho Strauß ist gerade achtzig geworden. Einige Doyens des literarischen Nachwuchses fragten sich, ob man einen so alten weißen Mann, der überdies "rechts" sei, überhaupt noch feiern soll. Sie waren vielleicht knapp geboren, als Strauß seinen "Anschwellenden Bocksgesang" veröffentlichte. Vorher galt der Theaterautor als Protagonist der Post-68er-Linken, und plötzlich besang er den Rückzug in seinen "Hortus conclusus". Aber allein die Prägekraft dieser Begriffe, die seitdem im Instrumentenkasten deutscher Intellektueller verblieben sind, zeigt: Mann, das ist schon ein toller Schriftsteller! Zeit-Rezensent Ijoma Mangold ließ sich nicht lumpen und prägte in seiner Rezension der köstlichen kleinen Miniaturen von Strauß selbst einen schönen Begriff: Mit einer "Poetik der Nano-Moralistik" hätten wir es hier zu tun. Marianna Lieder notiert in der Welt, dass Strauß fast reuevoll auf frühere reaktionäre Ausfälle zurückblickt. Sie ist gerührt. Sogar "grandios" erscheint ihr, wie der Autor seine Selbsterkundungen als "Selbstverfremdungs-Drama" inszeniert.


Sachbuch

Boris von Brauchitsch
William Turner
Biografie
Insel Verlag. 256 Seiten. 26 Euro

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Auf Andreas Beyers hochgelobte Cellini-Biografie (bestellen) haben wir in unseren Sachbüchern der Saison schon hingewiesen, nicht weniger lesenswert scheint die William-Turner-Biografie zu sein, die der Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch nun vorgelegt hat: Bisher ist sie erst von Tilman Krause in der Welt besprochen worden, aber er ist voll des Lobes: "fesselnd geschrieben" lege Brauchitsch die Akzente vor allem auf weniger bekannte Aspekte des Lebens und Schaffens Turners. So beschreibe er ihn überzeugend als Reiseenthusiasten, als kritischen Beobachter seiner Zeit, und als eigensinnigen Ausnahmekünstler mit "Sendungsbewusstsein" - oder anders gesagt: Mit dem Talent zur Selbstinszenierung. Anders als üblich, möchte Brauchitsch Turner nicht als Proto-Impressionisten, sondern als einen "eigenwilligen Naturalisten" verstanden wissen, womit Krause kein Problem hat. Die Erzählungen und Bildexegesen des Kunsthistorikers lassen für ihn folgenden Schluss zu: Turners Werk bildet die Synthese aus "romantischem Farbrausch" und Aufklärung. Hymnisch besprochen wurde zudem Simon Elliotts Graphic Novel über David Hockney (bestellen): Im Dlf Kultur kann Anne Kohlick kaum glauben, dass Elliott eigentlich Rechtsanwalt ist, der erst während der Pandemie anfing zu zeichnen und dann gleich ein so  professionelles wie experimentierfreudiges Buch vorlegt. In "leuchtenden Farben" erzählt Elliott Hockneys Biografie vom Aufwachsen in bescheidenen Verhältnissen bis zum teuersten lebenden Maler, setzt dabei nicht auf klassische Graphic-Novel-Elemente, sondern auf kurze Textfelder, die Anekdoten aus Hockneys Leben wiedergeben, erklärt die Kritikerin. Und Uwe M. Schneede, einer der bedeutendsten deutschen Kunsthistoriker der Gegenwart, schreibt eine Monografie (bestellen) über Gerhard Richter, den wichtigsten Gegenwartskünstler - und keine Zeitung nimmt Notiz davon: Immerhin, der FR durfte Schneede im Interview erklären, weshalb er eine Neubetrachtung von Richters Werk für notwendig hält - und im SWR empfiehlt Simone Reber den Band, weil er "auf alle reißerischen Attribute verzichtet und eine glasklare Darstellung und Analyse seiner Malerei liefert".

Lou Osborn, Dimitri Zufferey
Die Söldner des Kremls
Wagner und Russlands neue Geheimarmeen
C.H. Beck Verlag. 352 Seiten. 26 Euro

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Ein düsteres, aber auch faszinierendes Thema, das die Journalisten Lou Osborne und Dimitri Zufferey hier anpacken: Die Wagner-Gruppe wurde zwar nach dem Tod ihres Anführers Jewgeni Prigoschin den russischen Geheimdiensten unterstellt, doch die Söldner des Kremls operieren weiterhin verdeckt, aktiver denn je begehen sie Menschenrechtsverbrechen in der Ukraine, in Afrika und im Nahen Osten, weisen die Autoren nach. Thekla Dannenberg hat den Band für den Dlf besprochen - und schon im Lauf der Rezension lernt man einiges über das einfache Geschäftsmodell der Wagner-Truppe: Man bietet einem korrupten Herrscher an, die Bodenschätze des Landes zu schützen. Dafür bekommt man einen Anteil der Einnahmen. Auf 2,5 Milliarden Euro beziffert Dannenberg mit den Autoren des Bandes die Gewinne der Wagner-Truppe, die nach Wagners irrer Rebellion gegen seinen Boss jetzt übrigens unter Russlands Diensten neu aufgeteilt werden. Die Autoren des Bandes haben akribisch recherchiert, so die Rezensentin, sie arbeiten dabei, ähnlich wie der bekannte Dienst Bellingcat, nach dem Prinzip der "Open Source Intelligence" (OSINT), beziehen sich also im wesentlichen auf Quellen, die öffentlich im Netz zu finden sind - auch wenn ihnen zusätzlich bestimmte Dokumente zugespielt wurden. Manchmal geht Dannenberg vor lauter Details der große Erzählfaden des Buchs verloren, aber allein für seinen Informationsreichtum und für das Vorwort des bekannten Journalisten Pierre Haski kann sie den Band dringend empfehlen.

Alain Finkielkraut
Revisionismus von links
Überlegungen zur Frage des Genozids
Ca ira Verlag. 204 Seiten 26 Euro

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Manchmal sind die aktuellsten Bücher fast ein halbes Jahrhundert alt. Allein der Titel von Alain Finkielkrauts Essay von 1982 war prophetisch: "L'Avenir d'une négation", Zukunft einer Leugnung. Dies Buch war also noch vor dem (ersten) Historikerstreit erschienen. Finkielkraut dachte damals darüber nach, warum die Holocaustleugnung, die man in der Regel fast reflexhaft der extremen Rechten zuordnete, mindestens ebenso maßgeblich von der extremen Linken ausging: Der linke Linguist Noam Chomsky, bis heute weithin respektiert, war es gewesen, der ein Vorwort zu Robert Faurissons Buch über die angeblich nicht existierenden Gaskammern geschrieben hatte. Den Bogen von Finkielkrauts damaliger Reflexion zum heutigen, fast in den Mainstream gelangten linken Antisemitismus, besonders nach dem 7. Oktober, werden alle Leser mit großem Gewinn schlagen, versichern Lukas Böckmann in der taz und Thomas Thiel in der FAZ. Finkielkraut widersprach schon damals der lange gängigen These, linker Judenhass sei erst nach dem Sechstagekrieg 1967 durch die Solidarität mit den Palästinensern entstanden. Vielmehr sieht er eine tiefere Kontinuität, die Holocaust und Kolonialverbrechen gleichsetzt, um Israels Existenz zu delegitimieren. Schon in der Dreyfus-Affäre gab es nicht nur einen rechten, damals katholisch geprägten, sondern auch einen linken Antisemitismus, so Finkielkraut. Und die Leugnung hatte eine Zukunft: Das, was Finkielkraut damals befürchtete, ist heute eingetreten, schließt Böckmann, der das Buch als klugen Kommentar zur Zeit und zum Zustand der Linken empfiehlt.

Zoë Schlanger
Die Lichtwandler
Wie Pflanzen uns das Leben schenken
S. Fischer Verlag. 448 Seiten. 28 Euro

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Bücher über Pflanzen haben Konjunktur, und dass Bäume miteinander kommunizieren, wissen wir spätestens seit Peter Wohllebens "Das geheime Leben der Bäume". Und doch gibt es eine ganze Menge an Geheimnissen, die die Pflanzenwelt vor uns verborgen hält. Wer wusste schon, dass Pflanzen Ozeane überqueren können? Oder dass sie auf ihre Umwelt reagieren, auf Bewegungen, Berührungen, Geräusche etwa? Und dass Sonnenblumen genau erkennen, wer neben ihnen steht, wie der Dlf-Kultur-Kritiker Michael Lange hier lernt, klingt geradezu unheimlich. Die amerikanische Wissenschaftsjournalisten Zoë Schlanger, die für The Atlantic über den Klimawandel schreibt, ist keine Botanik-Expertin und das macht für den Kritiker den besonderen Reiz des Buches aus: Statt sich Wissen anzueignen und weiterzugeben, lässt sie uns teilhaben an ihrem Erkenntnisprozess: Sie besucht Wissenschaftler und Forscherinnen, befragt sie nicht nur zu ihren Forschungsobjekten, sondern auch zu ihrem eigenen Verhältnis zu Pflanzen, und lässt sich dabei immer wieder überraschen. Schlanger geht es dabei nicht nur darum, diese Informationen zu vermitteln, sondern sie will auch Bewusstsein schaffen, ein "Gefühl für Pflanzen" - und das gelingt ihr mit Poesie, Eleganz und Einfühlung, schließt der Kritiker. Für npr.org hat Tonya Mosley mit der Autorin über die Intelligenz der Pflanzen gesprochen.


Christian Grataloup
Die Geschichte der Erde
Ein Atlas
C.H. Beck Verlag. 320 Seiten. 38 Euro

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2024 war auch das Jahr der Atlanten: Den schönen von Emilie Aubry und Frank Tetart herausgegebenen, auf der arte-Sendung "Mit offenen Karten" basierenden Atlas "Die Welt der Gegenwart" (bestellen), der uns zu den geopolitischen Konflikten des 21. Jahrhunderts führt, haben wir schon in unseren politischen Büchern der Saison empfohlen. Eine Empfehlung zu Kate Crawfords "Atlas der KI" (bestellen), finden Sie in unserem Bücherbrief des Monats September. Als Geschenk für wissbegierige und engagierte Nichten und Neffen raten wir außerdem zu dem von Christian Endt, Ole Häntzschel und Luisa Neubauer herausgegebenen "Klima-Atlas" (bestellen), der in achtzig Karten den Klimawandel anschaulich macht. Als großartiges Nachschlage- und Schmökerwerk legt uns der Dlf-Kultur-Rezensent Günther Wessel zudem den von dem französischen Geografen Christian Grataloup in Kooperation mit dreißig Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen zusammengestellten Atlas nahe, der nicht weniger als die gesamte Weltgeschichte umfasst. Es beginnt mit dem Urknall und geht bis in die von Klimakrisen gebeutelte Gegenwart: Zahlreiche Schaubilder und Karten zeigen zum Beispiel Wanderbewegungen früher Menschenarten oder die Verbreitung von Lebensmitteln über den Globus. Im Zentrum stehen dabei die grafischen Elemente, stellt Wessel klar, die Texte sind knapp gehalten aber informativ. Ein Buch, in dem man sehr gerne blättert und immer wieder Neues entdeckt, schließt Wessel. Auf Zeit Online lernt Lukas Franke in diesem verdienstvollen Band, dass der menschliche "ungestüme Expansionsdrang nur einen Wimpernschlag der planetaren Zeit benötigte, um die eigenen Lebensgrundlagen in bedrohliche Schieflage zu bringen." Zu guter Letzt sei unbedingt noch hingewiesen auf Raoul Schrotts opulenten "Atlas der Sternenhimmel" (bestellen), der in erlesener Ausstattung siebzehn Sternenhimmel von allen Kontinenten versammelt. Im WDR würdigt Denis Scheck die "Herkulesarbeit" des Autors, der ihn beispielsweise lehrt, dass es in Südafrika ein "Erdferkelgestirn" gibt. Ein bisher nie dagewesene komparatistisches Werk mit "verblüffenden" Thesen, jubelt er.

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