Was du kriegen kannst
Roman

Carl Hanser Verlag, München 2024
ISBN
9783446281219
Gebunden, 416 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Wer ist diese Frau? Ihre Stasi-Akten beschreiben Uta als "groß", "schlank", "sehr intelligent, z. T. auch sehr raffiniert". Sie nennen sie "mannstoll" und notieren, dass sie "sehr viel raucht und auch viel Alkohol verkonsumiert". Aber ist das schon alles? Wie kann man einen Menschen voller Hoffnung und Lust beschreiben, der in die Widersprüche seiner Zeit gerät? Über vierzig Jahre war Uta Sexarbeiterin. Seit 1971 von der Stasi auf Männer angesetzt, war sie dabei Täterin und Opfer zugleich. In Clemens Böckmanns die Geschichte erzählen er, sie und die Akten gemeinsam ein Leben. Dabei gibt es keine Wahrheit über die DDR oder die Ausbeutung als Frau - aber Aufmerksamkeit für einen von allen vergessenen Menschen.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 28.11.2024
Klug findet Rezensentin Katharina Teutsch die Entscheidung des Verlags, dieses Buch als Roman herauszugeben, denn das, was der Journalist und Dokumentarfilmer Clemens Böckmann in seinem Debüt aus (Stasi-)Akten, Berichten und Gesprächen mit der Protagonistin des Textes, Uta Lothner, geborene Krahl, in einer Collage zusammenträgt, ergibt eine ganz eigene Erzählung: Stets müssen sich Autor und Leserin fragen, welcher Erzählung man eigentlich trauen kann. Die junge Uta, von der Stasi zu Spionagezwecken als Prostituierte verpflichtet, obwohl Prostitution in der DDR verboten war, hat zunächst kein Problem mit dem Auftrag - sind die Kunden doch häufig Familienväter aus dem Westen, die sie mit Geschenken verwöhnen, resümiert Teutsch. Zugleich wird Uta selbst von der Stasi ausspioniert, wie die Vielzahl an immer undurchsichtiger werdenden Akten zeigt. Alkoholismus und Zweifel am System führen in den Achtzigern nicht nur zum Ende der Zusammenarbeit, vielmehr wird mit "stalinistischen Methoden" an Utas "psychischer Vernichtung" gearbeitet, erfährt die Kritikerin. Sie empfiehlt ein wichtiges Buch, das die "Fratze des Überwachungsstaates" besonders offenkundig zeigt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 12.11.2024
Ist dieses Buch wirklich ein Roman? Ja, durchaus, findet Rezensent Stefan Michalzik, auch wenn die Geschichte der Hauptfigur Anna durchweg auf einem realen Vorbild basiert und Auszüge aus Stasiakten direkt in den Text einfließen. Anna führte neben einem biederen DDR-Berufsleben ein zweites Leben als Sexarbeiterin in Stasiauftrag und spionierte in dieser Funktion Geschäftsleute aus der BRD und anderen Ländern aus. Sie glaubte, lernt Michalzik, damals an das sozialistische System, genoss den geheimdienstlichen Sex jedoch auch aus Abenteuerlust und Abwechslung. Nach ihrem Ausstieg aus dem Job im Jahr 1980 wurde sie von der Stasi gegängelt, später wollte sie aus der DDR fliehen - ein glückliches Leben wird hier nicht erzählt, so der Kritiker. Manches ist Michalzik etwas zu ausführlich dargelegt, und Stasideutsch ist nun einmal eine eher unelegante Angelegenheit. Dennoch lobt der Rezensent das Buch für die Einblicke in die Wahnwelt der Stasi und auch für die psychologische Ausgestaltung der Romanhandlung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.11.2024
Rezensent Hubert Winkels hält Clemens Böckmanns Buch über die DDR-Sexarbeiterin Uta Krahl für einen richtig guten Roman. Erst ist er sich nicht so sicher, ob Böckmann überhaupt einen fiktiven Text geschrieben hat, derart viel dokumentarisches Material, vor allem in Form von Stasi-Akten, hält in den Text Einzug. Und Psychologisierung betreibt der Autor auch keine. Stattdessen greift er immer wieder sichtbar in den Text ein, erklärt Winkels. Schließlich aber wird die Person Krahl für den Rezensenten doch kenntlich, als Modefachverkäuferin in Zwickau, Küchenhilfe und Kellnerin und endlich Elend aus Selbstverlust und Alkohol. Für Winkels ein erstaunlicher Lebensroman und eine Chronik der Verhältnisse in der DDR in einem.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 01.11.2024
Clemens Böckmann hat einen "verstörend guten" Roman geschrieben und damit mal eben ein neues Genre geschaffen, so Rezensentin Elke Schlinsog: Den Rechercheroman. Böckmann arrangiert in "Was du kriegen kannst" verschiedenste Protokolle, Verträge und Vereinbarungen aus der DDR-Vergangenheit mit dem Lebensbericht der Ex-Stasi-Spionin und -Sexarbeiterin Uta, und er tut dies auf so gekonnte Weise, dass einem die Realität des damaligen Systems in all seinen Grautönen deutlich vor Augen tritt, lesen wir. Seine Protagonistin ist eine durchaus ambivalente Figur - eine junge Frau, die der Tristesse des DDR-Alltags etwas Abwechslung und Freude abzugewinnen versucht, durch Sex mit wechselnden Partnern. Als die Stasi auf sie aufmerksam wird, beginnt sie ihre Freier im Auftrag des Staates auszusponieren. Geschickt lässt der Autor die Informationen aus den Akten von damals und aus den Berichten seiner Zeitzeugin in der Gegenwart immer stärker gegeneinander laufen, die Widersprüche werden unübersehbar und damit auch die Frage: "Ist Uta Opfer oder Täterin?" Ein berührendes und zugleich erschütterndes Buch, im besten Sinne, so die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.10.2024
Erstaunlich findet Rezensent Paul Jandl Clemens Böckmanns Debütroman über die kleinen Fluchten der Möbelverkäuferin Uta und ihrer Freundinnen im tristen Zwickauer Sozialismus der 1970er. Neben die "moralisch doppelbödige" Lebensrealität der Protagonistinnen mit Piccolo und West-Devisen in der Astro-Bar stellt der Autor laut Jandl geschickt die des Staates, der das Leben der Frauen penibel protokolliert. Die Tristesse des DDR-Alltags wird für Jandl genauso sichtbar wie die verzweifelten Versuche, ihr zu entfliehen. Ein Kaleidoskop der Paranoia, scharf, fast hyperrealistisch wie bei Kluge, findet Jandl.