Arundhati Roy

Meine Zuflucht und mein Sturm

Cover: Meine Zuflucht und mein Sturm
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783103977097
Gebunden, 368 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Anette Grube. Bewegt von dem Ansturm der Erinnerungen und Gefühle, die vom Tod der Mutter hervorgerufen werden, erzählt Arundhati Roy die Geschichte ihres eigenen Lebens. Ein Blick auf Kindheit und Gegenwart, auf vererbten Widerstandsgeist und die Lebensrealität in Indien. Und eine Geschichte über Geschwister, die zusammenhalten gegen mütterliche Gewalt, sowie eine junge Frau, die ausbricht, um eine der unerschrockensten Stimmen unserer Zeit zu werden.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.11.2025

"Halb Monster, halb Heilige", so bringt Rezensentin Gisa Funk das ambivalente Bild der feministischen Vorkämpferin, Schulgründerin und Mutter auf den Punkt, welches Arundhati Roy in ihrem neuen autobiografischen Buch von ihrer Mutter entwirft. Dass die indische Star-Autorin darin auch von ihrer Karriere als Aktivistin und Autorin berichtet, erscheint Funk zweitranging. Im Zentrum steht eindeutig das zwiegespaltene Verhältnis zur Mutter, lesen wir. In ihrer einzigartigen poetischen Prägnanz und überraschend freimütig erzählt Roy von den zahlreichen mütterlichen Gräueltaten, von Wutanfällen, Gewaltausbrüchen, und emotionaler Erpressung, aber auch vom Verständnis und der Bewunderung der Tochter für diese Frau, die nicht nur allein drei Kinder großzog, sondern auch entgegen aller Widerstände eine pädagogisch fortschrittliche Schule gründete und sich gegen weibliche Unterdrückung einsetzte. Dass dieses Mutter-Tochter-Verhältnis hochgradig toxisch gewesen sein muss, ist eindeutig, und doch verzichtet die Autorin auf derartige Bewertungen und Schuldzuweisungen. Sie hält an ihrer Liebe fest, erklärt Funk. Nach dieser großartigen Lektüre dürften so einige Leserinnen gut nachvollziehen können, warum, so die berührte Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025

"Ein Stachelschwein" könne man "nicht umarmen", schreibt Arundhati Roy in "Meine Zuflucht und mein Sturm", ihr Rezensent Oliver Jungen kommentiert: Doch, sie kann, mit einer Erzählung wie dieser - so lebendig, so aufrichtig, so kritisch, und dennoch so voller Verständnis, Bewunderung und Liebe. Es ist nicht das erste Mal, dass Roy über Erfahrungen mit ihrer Mutter schreibt, einer "feministischen Autokratin", so drückt Jungen es aus, harschen Kritikerin des Patriarchats und des Kastensystems, Aktivistin, Pädagogin, Schulgründerin und strenge Mutter. In ihrem neuen Buch widmet sich Roy nun ganz dieser furiosen Frau und dem ambivalentem Verhältnis der beiden zueinander. Beeindruckend findet Jungen dabei, wie Roy die in der indischen Kultur wurzelnde Geschichte einer individuellen Beziehung erzählt, und diese dennoch so weit offen hält, dass auch Leserinnen und Leser aus anderen Gesellschaften und Milieus sich darin wieder finden können. Noch einmal beweist Arundhati Roy in diesem humorvollen, bilderreichen und einfühlsamen Buch ihr großes Erzähltalent, so der begeisterte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.10.2025

Arundhati Roy kann erzählen wie keine andere, das beweist sie nun, fast drei Jahrzehnte nach ihrem Welterfolg "Der Gott der kleinen Dinge" erneut: Packend, humorvoll, bild- und metaphernreich, in einer prickligen Sprache, die einem leichten Rauschmittel gleicht, lobt Rezensentin Sigrid Löffler: Erneut geht es um "Liebe und Tod", um Lebensgeschichten und Familienverhältnisse -hier um Roys Mutter und ihr eigenes zwiegespaltenes Verhältnis zu dieser furiosen, dieser widersprüchlichen Frau. Die Frage aber, die sich Roy in diesem Roman einmal stellt: Ob sie genauso, wie sie über Liebe und Tod geschrieben habe, auch über "Bewässerung, Landwirtschaft, Vertreibung" schreiben könne, muss Löffler allerdings mit einem klaren Nein beantworten. Das erste Drittel ihres Romans ist der Mutter gewidmet  und ihren zwei Gesichtern: Das der großen, engagierten, mutigen Reformerin, und das der prügelnden Furie, erklärt Löffler. Im zweiten Roman erzählt die Autorin, immernoch unterhaltsam, immernoch mitreißend, von ihrem eigenen Aufwachsen und dem Erwachsenwerden, ihrem Weg zu Literatur. Das letzte Drittel hingegen besteht eigentlich nur aus einer ermüdenden Aufzählung ihrer politischen Anliegen und Betätigungsfelder. Ein lesenswerter Roman also, zumindest zu zwei Dritteln, so die Rezensentin. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2025

Lange hat Rezensent David Pfeifer auf ein neues Buch von Arundhati Roy gewartet, jetzt hat er ein berührendes Memoir vor sich, dessen genaue Gattungszuordnung ein bisschen unbestimmt bleibt, denn es liest sich fast romanhaft. Es geht viel um die Mutter, Mary Roy, die Pfeifer "wie eine selbsterfundene Märchenfigur" vorkommt, die zwischen Egozentrik und aufopferungsvoller Hingebung schwankt; sie gründet eine Schule für Bedürftige, aber schmeißt die Tochter raus, wehrt sich gegen patriarchale Strukturen und kann der Tochter ihre Freiheit nicht gönnen. Auch ihren eigenen Weg zwischen Architekturstudium, Schriftstellerei und Aktivismus schildert Roy emotionsreich, aber nie sentimental, versichert der Rezensent. Die Mutter erscheint dem Kritiker wie ein "schlaues Scheusal", das er dann doch vermisst, als es im Buch auf ihren Tod zugeht. Er hofft, dass es bis zum nächsten Buch Roys nicht so lange dauert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.10.2025

Gern begibt sich Rezensentin Judith von Sternburg gemeinsam mit Arundhati Roy in deren Jugend. Das neue Buch der indischen Erfolgsautorin ist Sternburg zufolge durchweg autobiografisch, es geht zentral um das Verhältnis der künftigen Schriftstellerin zu ihrer Mutter, Mary Roy. Es geht um eine Mutter, die der Protagonistin gleichzeitig viel ermöglichte und sie einschränkte, um eine strenge Frau, die ihren Mann dominierte, auch als Lehrerin tätig war und der die Arbeit in der Schule über alles ging. Teils lustig, teils wütend, gelegentlich ein bisschen banal, aber immer ehrlich schreibt Roy hier, meint die Rezensentin, auch politische Themen wie der Kaschmir-Konflikt kommen zur Sprache, außerdem zeigt die Mutter ihren Schülerinnen, wie frau sich in einer Männerwelt behaupten kann. Mutig und wild ist dieses Buch, und es handelt von Freiheit, heißt es abschließend.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2025

Arundhati Roy hat ein Buch über ihre Mutter geschrieben, die sie während des Schreibprozesses fast wie ein Poltergeist verfolgt hat, wie sie dem Rezensenten Volker Weidermann erzählt, der sie zum digitalen Gespräch trifft. Mit "Der Gott der kleinen Dinge" ist die indische Schriftstellerin 1997 schlagartig berühmt geworden und auch dieses neue Buch zeigt Weidermann wieder das große Erzähltalent der Autorin: Sie zeigt ihre Mutter darin aus allen Perspektiven, zeigt eine Frau, die von ihrem Mann verlassen und geschieden wurde, zu einer Zeit, als das noch als Schande galt, die ihre Kinder schlägt, sie lieber abgetrieben hätte, aber sie zeigt auch die feminstisch-kämpferische Seite von Mary Roy, die eine Schule gründet und dem Architekten Laurie Baker zu Erfolg verhilft. Aber auch um Arundhati Roys Leben selbst zwischen Architekturstudium und Autorinnenleben geht es, so der Kritiker, und vor allem darum, wie sehr die Mutter ihr Leben in jeglicher Hinsicht geprägt hat. Davon erzählt sie überzeugend, in ihrem einzigartigen Stil und so, dass man sich auch aus anderen Umständen stammend in "diesem seltsamen, rauchartigen Ding" namens Literatur wiederfindet.

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