Tezer Özlü

Suche nach den Spuren eines Selbstmordes

Roman
Cover: Suche nach den Spuren eines Selbstmordes
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518225585
Gebunden, 208 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Mit einem Nachwort von Emine Sevgi Özdamar. "Wir haben Deine Bücher in Istanbul sehr geliebt", schreibt Emine Sevgi Özdamar in ihrem Nachwort zu Tezer Özlüs "Suche nach den Spuren eines Selbstmordes", das die türkische Autorin und Übersetzerin 1982 auf Deutsch geschrieben, aber nur auf Türkisch veröffentlicht hat. Darin nimmt uns Özlü mit auf zwei Reisen: eine von Westberlin nach Prag, Triest und Turin, an die Orte von ihr verehrter Schriftsteller. Eine zweite führt in ihr Inneres. Zu ihren Träumen, Empfindungen und Wünschen. Sie steigt in den Zug und streift alles ab: die "vernunftlosen Ketten der Gesellschaft", die "kalten Nächte der Kindheit", die "Schlafzimmer der Nervenkliniken", die Verfolgung nach dem Militärputsch in der Türkei: "Hier in den Gärten von Valentino wird mir klar, dass mein einziges Glück darin besteht, allem zu entfliehen."

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 31.12.2024

Ziemlich beeindruckt ist Nico Bleutge von diesem Buch, das Tezer Özlü ursprünglich in den frühen 1980ern geschrieben hatte, nachdem sie, in der Türkei vorher als Menschenrechtsaktivistin tätig, mit einem Stipendium des DAAD nach Deutschland gekommen war. Tagebuchartig wirkt diese seinerzeit zwar auf Deutsch verfasste, aber zunächst nur auf Türkisch veröffentlichte Prosa, beschreibt Bleutge, aber tatsächlich holt Özlü weit aus, schweift auch immer wieder ab, insbesondere zu ihren literarischen Helden Cesare Pavese, Franz Kafka und Italo Svevo. Tatsächlich begibt sie sich, heißt es weiter, schließlich auf Reisen, die unter anderem zu Paveses Geburts- und Todesorten führen. Es geht ihr nach Bleutge darum, in der Selbstreflexion zu einer Intensivierung des Wahrnehmens zu gelangen, aber auch zu einem Leben jenseits bürgerlicher Konventionen und damit zu einem neuen Miteinander. Das lesend mitzuerleben ist ein tolles Erlebnis, meint der Rezensent abschließend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.12.2024

Ein besonderes Buch mit einer besonderen Publikationsgeschichte hat Kritikerin Cornelia Geißler vor sich: Die türkische Schriftstellerin Tezer Özlü hatte es 1982 in Berlin auf Deutsch geschrieben, bislang war es aber nur auf Türkisch zugänglich. Ausgang der Geschichte ist der Tod eines Mannes, den die Erzählerin geliebt hat, sie streift erst durch Berlin und dann durch ganz Europa auf der Suche nach der eigenen Identität und den Vorbildern ihrer Literatur, wie Cesare Pavese und Franz Kafka. Ihre Sprache ist dabei, obwohl es nicht die Muttersprache ist, "von philosophischer Tiefe und poetischem Klang", lobt Geißler, die der Lebenswille der Autorin - trotz eines Selbstmordversuchs - beeindruckt.  Die ist froh, dass dieses Buch nun - mit einem Vorwort von Emine Sevgi Özdamar - endlich auch auf Deutsch gelesen werden kann.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.11.2024

Rezensent Jan Wilm annonciert "große" Literatur mit diesem zwar 1982 auf Deutsch verfassten, aber bis heute nur in türkischer Übersetzung erschienenen Werk von Tezer Özlu. Die im Alter von nur 41 Jahren verstorbene türkische Autorin begibt sich hier in einer zweiwöchigen Reise von Berlin nach Turin auf die Spuren Cesare Paveses, der sich in Turin das Leben nahm, sinniert aber auch über die von ihr geliebten Schriftsteller Kafka und Svevo. Darüber hinaus aber ist das Buch auch eine intime Reflexion über Liebe und Schmerz, Leben und Sterben und nicht zuletzt eine Flucht vor den eigenen suizidalen Gedanken, erkennt der Kritiker, der vor allem dem Witz, der Feinfühligkeit, ja der "Leuchkraft des Literarischen" dieses Textes verfällt. Ein an Weiss, Nizon und Plath erinnernder Text, der den Rezensenten zum Nachdenken anregt. Und wenn Özlu schließlich über türkische Gastarbeiter oder den Nahostkonflikt nachdenkt, erscheint ihm das Buch zudem "erschreckend" politisch aktuell.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 31.10.2024

Die beeindruckte Rezensentin Shirin Sojitrawalla lobt Tezer Özlüs in den 1980er Jahren entstandene Buch, das auf Deutsch verfasst, aber bislang nur auf Türkisch veröffentlicht worden war, als eine mutige, feinsinnige literarische Unternehmung. Die Hauptfigur wird über ihre - physischen wie psychischen - Schmerzen definiert, sie begibt sich auf eine Reise zu ihren literarischen Helden, deren größter Cesare Pavese ist, aber auch Kafka und Italo Svevo spielen eine wichtige Rolle, ebenso Zeitgeschichtliches wie etwa die Fußball-WM 1982 oder flüchtige Männergeschichten. Sojitrawalla fühlt sich an Emine Sevgi Özdamar und auch an Sylvia Plath erinnert. Unruhig und nervös ist diese Prosa, in der Literatur den Sinn stiften soll, den es ansonsten im Leben nicht mehr gibt, erkennt die begeisterte Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.10.2024

Kaum zu glauben, dass dieses Buch erst jetzt auf Deutsch vorliegt, findet Rezensentin Juliane Liebert, also in der Sprache, in der Tezer Özlü es in den 1980ern geschrieben hatte. Umso schöner allerdings, es jetzt entdecken zu können, meint Liebert, und der Autorin auf den Reisen zu folgen, die sie auf den Spuren ihrer Lieblingsschriftsteller - unter anderem Kafka, Svevo, Pavese - unternahm. Wir landen dabei, erfahren wir, unter anderem in Berlin auf dem Schiff "Alte Liebe", und tauchen ein in das Leben einer Frau, die sich keine Beschränkungen auferlegen lässt. Auch von Özlüs Sprache ist Liebert hingerissen, manchmal wirken die Sätze etwas sehr unbestimmt, aber daneben berge der Text jede Menge aufmerksame Assoziationen und lyrikartige Miniaturen. Eine wunderbare Neu-, beziehungsweise Wiederentdeckung, die zeigt, wie weltläufig die deutsche Literatur der 1980er gewesen wäre, wenn man sie nur gelassen hätte, so das Fazit.

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