Bücher der Saison

Frühjahr 2007

19.04.2007. Bei den Sachbüchern stechen vor allem die Reportagen und Essays zum Multikulturalismus von Ian Buruma und Amartya Sen hervor, aber auch die Geschichtsbände zum Kalten Krieg und Preußen. Und die Kunst wird übersichtlich.
Literatur / Politisches Buch und Sachbuch


Politische Bücher


Müssen wir noch sagen, dass wir Ian Burumas Buch "Die Grenzen der Toleranz" über die Niederlande nach dem Mord an Theo van Gogh für ein wichtiges Buch halten? Eine grandios geschriebene Reportage, die ein vielschichtiges Porträt der multikulturellen Gesellschaft zeichnet - und viel Stoff für Diskussionen bietet. Die FAZ hat sich auf zwei Seiten Burumas Bestandsaufnahme der Niederlande angenommen. Sie teilt zwar viele Antworten Burumas nicht, attestiert ihm aber, die "Schlüsselfragen der liberalen Demokratien" in den Blick zu nehmen und sehr scharfsinnig die Protagonisten des "holländischen Gesellschaftsdrama" zu porträtieren. Die taz ist dagegen vollauf zufrieden und lobt die analytische Kraft und Anschaulichkeit dieser Reportage. (Bestellen)


Curry gilt als Inbegriff indischer Gewürze. Tatsächlich haben die Portugiesen die Chilischoten aus den USA importiert, die Briten haben sie zusammen mit anderen Gewürzen zu dem bekannten Currypulver gemischt. Ähnlich, legt der Nobelpreisträger Amartya Sen in seinem Buch "Die Identitätsfalle" dar (Leseprobe hier), verhält es sich mit religiösen und kulturellen Identitäten: Menschen auf eine Identität zu reduzieren, kann nur falsch sein und großes Unheil anrichten. FR, NZZ und taz können Sens Überlegungen nur zustimmen. Die SZ lobt das Buch als "grundgescheit". Die Zeit stört sich zwar an einigen Wiederholungen, zollt ihm aber dennoch höchsten Respekt: Selten sei das Denken "so elegant, so menschenfreundlich" dahergekommen wie bei Sen. (Bestellen)


Mit Erschütterung, aber auch mit Bewunderung haben die Rezensenten und Rezensentinnen das "Russische Tagebuch" aus dem Nachlass der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja gelesen. Penibel genau halte Politkowskaja fest, mit welcher Rücksichtslosigkeit sich die Staatsmacht des Wladimir Putin gegenüber ihren Kritikern behaupte, schreibt die Zeit: durch Einschüchterung, Kaltstellen oder Gefügigmachen. Die FAZ bewundert, wie unerschrocken die Journalistin die geradezu übermenschliche Arbeit auf sich genommen hat, Putins Russland und Tschetschenienkrieg kritisch zu verfolgen. Die FR erklärt das Buch zur Pflichtlektüre für alle Freunde der Demokratie. Unnötig zu erwähnen, dass die sonst so schlagkräftige russische Polizei noch immer nicht Politkowskajas Mörder gefunden hat. (Bestellen)


Für seine Reise durch das Land der Baumwolle "Weiße Plantagen" hat Erik Orsenna den Lettre Ulysses Award for the Art of Reportage erhalten. Völlig zu Recht, sagen die Kritiker, die das Buch des französischen Autor nun auf Deutsch gelesen haben. Orsenna ist an all die Orte gereist, die von und mit der Baumwolle leben. Er hat Pflücker in Mali besucht, Lobbyisten in den USA oder Textilfabriken in China und Frankreich. Die Zeit verzeichnet dankbar, dass Orsenna erzähle, nicht besserwisse. Die SZ hält diese globale Geschichte für "reinen Lesegenuss". (Bestellen)


Findet in Darfur nun ein Völkermord statt oder nur genozidales Handeln? Der Unterschied mag für die Uno von Belang sein, wenn es gilt, keinen Beschluss zu fassen, Gerard Prunier findet ihn zweitrangig. Es wird getötet im Sudan, und Prunier nennt in seinem Buch "Darfur" Taten, Täter und Tatorte. Die SZ ist ihm dafür dankbar, betont aber, dass Prunier sehr wohl die komplexen historischen und kulturellen Hintergründe für den Konflikt um Darfur darzustellen weiß. Die FAZ vermisst bei Prunier die eindeutige Festlegung, sieht die Weltgemeinschaft aber trotzdem zum Hinsehen und Handeln aufgefordert. (Bestellen)


Geschichte

Mit diesem Buch über Aufstieg und Niedergang "Preußens" lässt der in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark die deutschen Preußenforscher ganz schön alt aussehen - die Verächter des Militärstaats ebenso wie die Verehrer seiner aufgeklärten Toleranz. Die Zeit ist fasziniert, wie gründlich und souverän Clark gängige Preußenbilder revidiere. So nüchtern und unvoreingenommen habe noch kaum jemand über Preußen geschrieben, lobt die NZZ, ein "Meisterwerk". Die FR freut sich über die analytische Klarheit, die immer wieder gern und überzeugend gegen den Strich bürste. Die FAZ hält das Buch für "segensreich". Und die SZ glaubt, dass Clark den preußischen Historikern Treitschke, Ranke und Droysen intellektuell das Wasser reichen kann - menschlich sei er ihnen aber überlegen. (Bestellen)


Gleich zwei Bücher befassen sich mit der Geschichte des Kalten Kriegs, und auch wenn sie unterschiedlicher nicht sein können, werden sie von der Kritik alle beide empfohlen. An John Lewis Gaddis "Der Kalte Krieg" beeindruckt loben die Zeitungen vor allem, dass es einfach verdammt gut geschrieben ist. Als begnadeten Erzähler lobt ihn die FR, die schon nach fünf Abenden das Gefühl hatte, bestens Bescheid zu wissen. Der FAZ ist das Buch allerdings zu sehr auf das Handeln großer Männer angelegt und als "Schurken- und Heldengeschichte des Kalten Krieges" ein wenig zu manichäisch (Bestellen). Nicht ganz so eingängig wie John Lewis Gaddis ist offenbar Bernd Stövers Geschichte "Der Kalte Krieg", doch die Kritiker verheißen mindestens ebenso großen Gewinn. Stövers Ansatz, aber auch seine Deutungen des Konflikts sind intellektuell bedeutend anspruchsvoller als bei Gaddis, notiert etwa die FR. Ausgesprochen spannend findet die Zeit, wie der Potsdamer Historiker die Konfrontation der Blöcke aus ausgefeiltes System von Codes beschreibt, das keinen Raum für Zufälle ließ. Sie wünscht sich, dass ein solches Buchereignis die Aufmerksamkeit bekäme, die ihm in den USA sicher wäre. (Bestellen)


Biografien

Wahrscheinlich gibt es zu keinem Dichter mehr Biografien als zu Shakespeare, es wird nicht die letzte bleiben. Auch Peter Ackroyd hat sicher nicht die ultimative Shakespeare-Biografie vorgelegt, aber eine, die die Rezensenten in Freudentaumel versetzt. Die FAZ hat Shakespeare darin als kulturgeschichtliches Phantom erlebt, Alltag, Atmosphäre und Theatergeschichte des 16. Jahrhunderts findet sie sehr vital geschildert. Die Zeit begeistert vor allem, dass Ackroyd nicht versucht, die Widersprüche des Phänomens Shakespeare zu glätten. Und so erlebte sie ihn als großen Dichter, fantasievollen Schauspieler und knickrigen Geschäftsmann. (Bestellen)


Moralapostel, Etikettenonkel, Benimmlehrer - Adolph Freiherr von Knigge genießt einen recht zweifelhaften Ruf. Dankbar haben die Kritiker daher Ingo Herrmanns Biografie "Knigge" aufgenommen, die Knigge als Aufklärer, Bürgerfreund und Parteigänger der Französischen Revolution zeige. Die FAZ erkennt im guten Benehmen einen "Akt der Erkenntnis", die Zeit empört sich mit Knigge gar nicht zurückhaltend, dass schon vor zweihundert Jahren nicht die Geistreichsten die höchsten Stellen erklommen, sondern die "Gelenkigsten". (Bestellen)


Die Geschichte des Unternehmens Fromms ist ebenso spannend wie empörend. Spannend ist der sagenhafte Aufstieg des Julius Fromms, der es als Einwander aus einem ostpolnischen Schtetl vom Zigarettenverkäufer zum international tätigen Kondomfabrikanten brachte. Empörend ist die die Ausplünderung seines Unternehmens durch die Nazis: Göring ließ Fromms enteignen und vermachte es seiner Tante im Tausch gegen zwei Ritterburgen. Michael Sontheimer und Götz Aly haben in "Fromms" (hier eine Leseprobe) die Geschichte des Unternehmens rekonstruiert, und, wie die Zeit lobt: "Gut geschrieben und solide recherchiert". Die SZ vermisst zwar ein wenig Sittengeschichte der Weimarer Republik, hält die Geschichte Fromms' aber würdig mit Liebe zum Detail erzählt. Und die FR findet in dieser "vorzüglich lesbaren Unternehmensgeschichte" sehr anschaulich gemacht, wie Hitlers "Gefälligkeitsdiktatur" funktionierte. (Bestellen)


Naturwissenschaft

Als "das aufregendste Buch des Frühjahrs" bezeichnet die FAZ Josef H. Reichholfs "Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends". Der Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe Reichholf erzählt darin, wie das Klima in den vergangenen tausend Jahre die Kultur geprägt hat. Die Kleine Eiszeit ab 1500 etwa machte den Weinanbau in weiten Teilen Europas unmöglich und bescherte uns Bier als Nationalgetränk. Die Erderwärmung ab 1800 brachte mit der Romantik eine neue Liebe für die Natur. Die FAZ pocht darauf, dass Reichholf keine zwangsläufigen Kausalitäten behaupte, sondern Voraussetzung für bestimmte Entwicklungen darlege. Die sieht Wolfgang Sofsky in der NZZ zwar anders, und er ärgert sich, dass Reichholf mit deterministischen Deutungen hinter Montesquieu zurückfalle. Aber er findet das Buch in den Passagen sehr stark und solide, wenn er "reaktionären Naturhütern" ihr "vulgärromantisches Naturbild" ankreide. (Bestellen)


Theater

In höchsten Tönen gelobt wird Günther Rühles monumentale Geschichte des "Theaters in Deutschland 1887-1945". Ein "Epochenwerk" nennt es die Zeit, "Standardwerk" pflichten SZ und FR bei. Die FAZ ist nahezu eingeschüchtert von seiner "Monumentalität". Auch wenn das schwergewichtige Werk beim Leser einige Theaterliebe voraussetzt - von einem "Theaterprofessor" sei es nicht geschrieben, betont die Zeit, sondern von einem "Theatermann", der lieber erzählt als erklärt. Die FR ist eingenommen von der der "einzigartigen und schönen Ernsthaftigkeit" des Buches. Die FAZ hat selten so "perspektivenreich" das Theater, Politik und Gesellschaft miteinander verflochten gesehen. (Bestellen)


Ein solch "ungeniert verzücktes" Buch über die Macht und Verführung der Oper hat sich die SZ gern von Jean Starobinski gefallen lassen, der mit seinen Arbeiten zur französischen Aufklärung hinlänglich analytische Klarheit unter Beweis gestellt habe. Die "Zauberinnen" schwärmt die SZ ihrerseits, sei eine Lektüre von Reiz und Zauber und zeuge von der "Leichtigkeit und Weite des Denkens". Die Zeit hält das Buch für einen "geistesgeschichtliche Kraftakt" und reiht Starobinski in die Reihe der letzten großen enzyklopädischen Denkern neben Claude-Levy Strauss und George Steiner. (Bestellen)


Kunst

Der Kunstmarkt boomt. Selten gab es so viel Kunst wie heute, selten ließ sich mit ihr so viel verdienen. Und selten gab es so wenig Kriterien wie heute, was gute Kunst ausmacht. Jörg Heiser, Chefredakteur der Kunstzeitschrift "Frieze", will das ändern. In "Plötzlich diese Übersicht" gibt er einen geistreichen, kurzweiligen Überblick über die zeitgenössiche Kunst seit Marcel Duchamps. Heiser selbst setzt dabei vor allem auf Slapstick-Qualitäten und "produktiven Wahrnehmungsvandalismus". Die FAZ findet das Buch "erstaunlich erhellend". Die FR lobt, dass Heiser im Gegensatz zu vielen Kollegen seinen Lesern wirklich die Augen öffnet. Schließlich gelte: "Wer besser sieht, ist klüger." (Bestellen)


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