Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
27.05.2002. In dieser Woche lesen Sie: Warum der neue Roman von Isabel Allende bei Hanser und bei Suhrkamp erscheint. Was die DVA von der Marktmacht der Barsortimente und der Buchketten hält. Warum immer mehr kleine Buchhändler aufgeben. Wer wächst. Und wie die Osiandersche Buchhandlung Kranke versorgen will. Von Hubertus Volmer

Börsenblatt

Viele kleinere Buchhandlungen sehen sich durch die aktuelle Rezession in ihrer Existenz bedroht. Zugleich legt der Marktführer zu: "Die zum Douglas-Konzern gehörende Thalia-Gruppe (Hamburg) hat im ersten Quartal nach eigenen Angaben einen Umsatz von rund 62 Millionen Euro erwirtschaftet. (...) Das Umsatzwachstum der 76 deutschen Phönix- und Thalia-Filialen betrug 6,7 Prozent." (Flächenbereinigt waren dies nach Angaben des buchreport 2,1 Prozent.) Gleich nebenan die Meldung: Schwaedt in Wiesbaden gibt auf.

Weitere Meldungen: Marcel Reich-Ranicki bringt 20 Romane in einer handlichen Kassette heraus, die für ihn den Kanon der 20 wichtigsten deutschsprachigen Romane bilden. Die Bücher-Box erscheint im Herbst. Die Banken haben das Sanierungskonzept des angeschlagenen Könemann Verlages akzeptiert. Auch die Karstadt-Buchsparte leidet unter der Konsumflaute. Und die Lübbe-Tochter Ehrenwirth (Gesundheitsratgeber) erhält ein neues Profil.

Außerdem gibt es Berichte über die Arbeit in Wörterbuchredaktionen und über das neue Buch von Isabel Allende, das zeitgleich in unterschiedlicher Ausstattung (und mit unterschiedlichen Preisen) bei Suhrkamp und Hanser erscheinen wird. Eine solche Kooperation hat es bislang nicht gegeben. Suhrkamp, Allendes Stammverlag, hatte eine Sublizenz an Hanser für eine Jugendbuchausgabe vergeben. "Doch niemand weiß, wie der Buchhandel, wie die Presse, wie die Leser reagieren werden", schreibt das Börsenblatt. Suhrkamp-Vertriebsleiter Ulrich Sonnenberg sagt: "Es wird spannend werden." Verkauft werden beide Ausgaben zuerst am 22. August, Suhrkamp druckt 100.000 Exemplare zum Preis von je 22,90 Euro, Hanser druckt 200.000 Exemplare die für 16,90 Euro an die Jugend gebracht werden sollen. Die Idee, zwei Ausgaben zur selben Zeit auf den Markt zu bringen, hatte Allendes Agentur.

In einem Extra-Teil des Börsenblatts geht es um Reiseführer und Reisebuchverlage. Darin unter anderem: Reiseführer für Kinder und Jugendliche sowie Reisehörbücher (!).
Archiv: Börsenblatt
Stichwörter: Suhrkamp

buchreport.express

Der buchreport bringt neue "Wasserstandsmeldungen" aus dem Hause Libro: Die Banken "schießen auf keinen Fall weiteres Überlebens-Bargeld ein"; das angeschlagene Unternehmen kann die Mai-Gehälter an seine 2.275 Mitarbeiter noch zahlen, "schafft aber schon die Urlaubsgelder und Juni-Gehälter nicht mehr"; Gespräche mit weiteren Investoren werden geführt; die Wiener Morawa & Styria Buchhandels GmbH habe ein "gewisses Interesse" an der Übernahme einiger Amadeus-Filialen bekundet, komme als Interessent abe kaum in Betracht, "denn die ausgewählten Filialen sind Filetstücke und lassen jene Sorgenkinder über, die nicht zuletzt die Insolvenz von Libro ausgelöst haben".

Die Osiandersche Buchhandlung in Tübingen will künftig die Uni-Kliniken der Stadt mit Büchern und anderen Waren beliefern, berichtet der buchreport. "Dabei will er mit möglichst vielen Tübinger Einzelhändlern zusammenarbeiten, die jeweils ihre Produkte und Dienstleistungen in einem gemeinsamen Katalog anbieten und über eine zentrale Logistik ausliefern." Da die Buchhandlung über die notwendige Logistik verfüge, wolle sie auch die Bestellabwicklung für die anderen Firmen übernehmen. Die bestellten Waren sollen bereits am nächsten Morgen beim Patienten sein. Der buchreport macht folgende Rechnung auf: "In der Tübinger Universitätsklinik verarzten 8.000 Beschäftigte in 17 Kliniken und 2.000 Betten 66.000 stationäre und 200.000 ambulante Patienten pro Jahr." Irgendwie kommt das Blatt unterm Strich auf "rund 300.000" potenzielle Kunden. Die "ambulanten" Patienten müssen dann eben am nächsten Tag noch einmal in die Klinik kommen, um ihre Bestellung abzuholen.

Ein längerer Beitrag beschäftigt sich mit dem Thema Wertschöpfungskette. Es sei "lange, lange" her, dass die Verlage lediglich Taschenbuch- und Buchclub-Lizenzen verkauften. Damals war die Reihenfolge klar: "Zuerst die Originalausgabe, dann mit 12 bis 18 Monaten Abstand die Club-Ausgabe, dann die Taschenbuchausgabe und schließlich eine Sonderausgabe, die in aller Regel von Originalverlag in eigener Regie veranstaltet wurde." Anders als früher sei die Sonderausgabe heute ein Markenartikel und erscheine höchstens sechs Monate nach der Originalausgabe. (Und das ist noch nicht alles: Mittlerweile erscheinen sogar zwei Originalausgaben zur selben Zeit. Dazu mehr im Börsenblatt.) Unter den Sonderausgaben leiden die Taschenbücher. "Das Gerede von der Optimierung der Verwertungskette verschleiert lediglich die schleichende Verdrängung des Taschenbuch", sagt Rudolf Frankl, Marketing-Chef bei dtv und Sprecher der AG Taschenbuch. Probleme hat allerdings auch der Buchhandel, weil längst auch andere Vertriebswege genutzt werden. "Motto: Wo ein Markt ist, ist auch ein Buch."

Ausführlich berichtet der buchreport über die Umsatzrückgänge im Einzel- sowie im Buchhandel, weniger ausführlich (aber immerhin) über das fünfjährige Bestehen des Literaturhaus München. Außerdem erfahren wir, dass Warner Books bei der Vermarktung des neuen Titels des Bestseller-Produzenten James Patterson mit einem Limonadehersteller kooperiert.

Schließlich: die Bestseller.
Stichwörter: Bargeld

Börsenblatt

Der Salzburger Verleger Jochen Jung ärgert sich über fehlendes Engagement der Buchhändler für Titel, die "gemeinhin als schwierig oder anspruchsvoll bezeichnet werden". Er folgert: "Wenn viele Verlage nicht einmal mehr die Chance bekommen, sich mit Hilfe der Verbreitungsmöglichkeiten des regulären Buchhandels zu positionieren, warum müssen sie sich dann an dessen Regularien halten? Ist dieses Ablocken des Buchhandels nicht eine Art Aufkündigung des contrat social zwischen Buchhandel und Verlagen?"

Der Konditionen-Streit zwischen der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) und den Barsortimenten geht weiter. Der Verlag hatte "überzogene Rabatte" für Barsortimente "auf den oberen Rand des Normalmaßes" gekürzt (laut Börsenblatt von 35 auf 33 Prozent) und zugleich die Konditionen für direkt beim Verlag bestellende Buchhandlungen verbessert. DVA-Geschäftsführer Jürgen Horbach wirft den Barsortimenten, aber auch den Buchketten in einem offenen Brief vor, "ihre höchst bedenkliche und ungesunde Marktmacht" auszunutzen. "Seit Jahren sieht sich die DVA - und mit ihr wahrscheinlich auch weitere Verlage gleichen Zuschnitts - mit jährlich oder fast jährlich steigenden Wünschen nach Konditionenverbesserungen konfrontiert." Weil die DVA sich hier widerständig verhalte, diskriminierten die Barsortimente nun den Verlag, "um mal wieder ein Exempel zu statuieren". Außerdem sei das Unternehmen "für längere Zeit" von großen Filialisten sowie von Internet-Buchhändlern von Zentrallager- und Direktbezügen ausgeschlossen worden. Außerdem beklagt Horbach die seiner Ansicht nach verfehlte Solidarität zwischen kleinen und großen Buchhändlern. Anlass: Die Reaktion der Kleinen auf den Grisham-Streit zwischen Ullstein Heyne List und einigen großen Buchketten: "Einige große Filialisten finanzieren mit ihrem Bezugsweg Barsortiment (den in Wahrheit nur die Verlage finanzieren) ihren Verdrängungswettbewerb gegenüber dem kleineren und mittleren Sortiment (...). Es ist allerdings verwunderlich, dass das kleine und mittlere Sortiment eine solche Entwicklung auch noch im Gleichklang mit den Handelsriesen beklatscht. (...) Merken die denn nicht, dass die zunehmende Handelsmacht der Filialisten und Barsortimente gerade auch ihnen das Wasser abgräbt?" (Diese merkwürdige Solidarität hatte bereits die NZZ beobachtet. Horbachs Brief gibt es in der Online-Ausgabe des Börsenblatts nicht, nur den Bericht darüber.)

Time Warner und Joanne K. Rowling haben rechtliche Schritte gegen den Verlag an der Ruhr eingeleitet. "Auch gegen andere Hersteller von Unterrichtsmaterialien, unter ihnen Cornelsen Scriptor, ist Time Warner offenbar juristisch vorgegangen." Nach Darstellung der Time-Warner-Anwälte hat der Verlag an der Ruhr Namens- und Titelschutzrechte verletzt. Inhalte aus den "Harry Potter"-Bänden seien unerlaubt in Unterrichtsmaterialien des Verlags übernommen worden. Begriffe und Eigennamen wie "Hogwarts", "Dumbledore", "Hermine" oder "Quidditch" seien Erfindungen der Autorin und könnten nicht ohne Lizenz genutzt werden. "Nach geltendem Recht sei eine monothematische Aufarbeitung eines geschützten Werkes in Schulmaterialien nicht zulässig, so der Anwalt Axel Nordemann. Lizenzen für Schulmaterialien hätte die Autorin bewusst nicht vergeben." Hier die Position des Verlags an der Ruhr: Dessen Verleger Wilfried Stascheit fragt sich dem Börsenblatt zufolge, "ob man zu bestimmten Themen und Büchern überhaupt noch Sekundärliteratur produzieren könne, wenn der Urheberrechts- und Markenschutzgedanke so weit ausgedehnt werde".

Weitere Meldungen: Der Göttinger Verlag Vandenhoeck & Ruprecht hat eine Books-on-Demand-Tochter gegründet: V&R unipress. Anzeigenflaute und Wirtschaftsflaute haben bei Fachzeitschriften zu einem Umsatzrückgang von 13 Prozent geführt. Und das EU-Parlament hat die Europäische Kommission aufgefordert, bis Ende 2002 einen Richtlinienentwurf zur Buchpreisbindung vorzulegen.

Außerdem schreibt Tamara Weise über die Arbeit eines Schulberaters (der wird von Schulbuchverlagen in die Schulen geschickt und brauche "starke Nerven und hohe Sensibilität"). Stefan Hauck berichtet von der Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Sortimenter (AWS) in Münster (auch dort ging es um den "Kampf um die Rabatte"). Des weiteren schildert Hauck die Umstrukturierung bei der Verlagsgruppe Oetinger. Und schließlich informiert das Börsenblatt über die Details der Kooperation zwischen dem Verzeichnis lieferbarer Bücher und der Deutschen Bibliothek.
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Archiv: Börsenblatt
Stichwörter: Jochen Jung, Urheberrecht

BuchMarkt

"Krefeld ist nur ein Versuchsfeld", schreibt Heinz Gollhardt im BuchMarkt. Nachdem Habel nun auch eine Filiale in der Stadt eröffnet, tummeln sich dort zwei Großbuchhandlungen: Neben Habel auch der bisherige Marktführer Greven, der zu Thalia gehört. Dazu kommt eine Boulevard-Filiale des Bertelsmann Clubs. Was in Krefeld bevorstehe, werde bald der Normalfall in Deutschland sein. Die kleinen Buchhandlungen können zusehen, "sie sich die Großen in ihrer Stadt zerfleischen, während sie in anderen Städten ihre Rendite machen." Dass die kleinen Buchhandlungen dabei "in ernste Schwierigkeiten" geraten, ist "aus Sicht der Großen eher ein Nebeneffekt (...). Ihre Hauptgegner sind die anderen Großen."

Ganz ähnlich kommentiert Jo Volks den "Show-down der Giganten": Mittelständler geraten zwischen die Fronten, Verdrängungswettbewerber des kleinere Buchhandels treten im Kampf gegen Verlage als Verbündete auf. "Attackiert werden Verlage von Großbuchhändlern, denen sie jahrelang überproportionale Konditionen zugestanden oder aus Wettbewerbsgründen ungefragt offeriert haben. Mit solchen Zugeständnissen an die Marktmacht im Handel haben Verlage jahrelang das überproportionale Wachstum der großen Filialisten mitfinanziert. Und das nicht nur zu Lasten des mittelständischen Buchhandels, sondern auch zur eigenen Bredouille: je größer der Händler, desto größer bekanntlich sein Durchsetzungsvermögen gegenüber dem Lieferanten." Die Interessen von Großen und Kleinen, von Verlagen, Filialisten und Barsortimenten divergieren so stark, meint Volks, dass der Börsenverein "am seidenen Faden des Spartenkonsens'" baumele.

Dann berichtet Gerhard Beckmann, dass deutsche Bücher in der Schweiz seit etwa 18 Monaten bis zu 25 Prozent teuerer sind als in Deutschland. Der Zürcher Literaturagent Peter Fritz finde nur zehn bis zwölf Prozent vertretbar.

Die Quizshows haben den Lexikon-Umsatz angekurbelt, schreibt Barbara Meixner. "Neben der '*Mutter aller Quizshows', dem 24-bändigen Brockhaus - er erschien 2001 in einer limitierten Sonderausgabe und zurzeit werden die letzten Exemplare verkauft - laufen auch die fünfbändigen und die einbändigen Brockhaus im unteren Preissegment wie geschmiert." Der Pressesprecher des Verlages freut sich: "Im Gegensatz zu vielen anderen Verlagen sind wir mit dem letzten Geschäftsjahr sehr zufrieden."

Ulrich Faure hat sich mit Rainer Groothuis über das alte Thema Markenbildung unterhalten. Groothuis meint, es sei notwendig, Verlage als Marken zu positionieren: "Nur Marke schafft dauerhaft Vertrauen in das Produkt, starke Marken sind starke Bindungen zwischen Hersteller, Handel und 'Verbraucher'."

Weitere Beiträge: Aus Krefeld berichtet Carsten Tergast. Überschrift seines Artikels: "Clash of Cultures". Immerhin noch mit Fragezeichen. Am Rande gibt der BuchMarkt "10 Tipps zum Überleben" wenn die Großen kommen. Außerdem hat Tergast Peter Eichhorn, Marketingleiter bei Urban & Fischer, nach seiner Einschätzung im Streit um das neue Thieme-Konditionenmodell befragt. Margrit Philipp schreibt über die Expansionsstrategie von Hugendubel: Das Unternehmen bietet je nach Standort unterschiedliche Konzepte an. Beispiel München: Dort gibt es die großen Boulevardbuchhandlungen am Marienplatz und am Stachus, die traditionelle Buchhandlung wie am Salvatorplatz, Filialbuchhandlungen in Einkaufspassagen, drei kleinere Stadtteilbuchhandlungen und schließlich den Online-Shop (auch per Telefon und Fax sind Bestellungen möglich). Barbara Meixner porträtiert den vor 25 Jahren gegründeten Klett-Cotta Verlag. Christian von Zittwitz hat Nikolaus Hansen und Nikolaus Gelpke gefragt, warum sie den marebuchverlag gegründet haben (Hansen: "Ich kann nicht anders - die Verlegerei ist nun mal meine Leidenschaft").

Das Heft hat drei Schwerpunkte: Geschenkbuch - Kalender - Nonbooks sowie Krimi und Touristik.
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Stichwörter: Krefeld, Buchmarkt