Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
06.05.2002. In dieser Woche lesen Sie: Warum der Mensch nur entweder gut lesen oder gut Farben erkennen kann. Wo im September und im November jeweils eine ganze Stadt ein Buch liest. Warum junge Autoren schreiben. Und wo Sie die Neuerscheinungen des Herbstes schon jetzt versammelt finden. Von Hubertus Volmer

Börsenblatt

Der Bertelsmann-Club und der Börsenverein haben sich auf eine gemeinsame Position zu den Club-Ausgaben geeinigt. Gemeinsam will man dem Gesetzgeber vorschlagen, in Paragraf 5 Absatz 5 des geplanten Gesetzes zur Buchpreisbindung auf die ausdrückliche Definition von Club-Ausgaben und anderen Sonderausgaben zu verzichten. Dies soll stattdessen in der Begründung des Gesetzes geschehen, schreibt das Börsenblatt. "Über die rechtliche Zulässigkeit des Angebots eines Titels zu verschiedenen Endpreisen" sollen weiterhin folgende Faktoren bestimmen: "Preisunterschied, Ausstattungsunterschied, Erscheinenszeitpunkt und bei Buchgemeinschafts-Ausgaben Mitgliedschaftsbindung des Käufers." Ob diese Faktoren kumulativ oder alternativ gelten sollen, ist dem Börsenblatt nicht zu entnehmen. Allerdings erläutert Börsenvereins-Vorsteher Dieter Schormann in einem Interview: "Diese Kriterien müssen sich wie kommunizierende Röhren verhalten; je geringer also zum Beispiel der Zeitabstand zur Originalausgabe ist, desto geringer müsste auch der Preisabstand sein." Im Übrigen war Schormanns Eindruck, "dass man bei Bertelsmann den Konfrontationskurs beenden will. Das dadurch bewirkte Negativ-Image beim Sortiment würde sich wohl letztlich auf den gesamten Konzern auswirken; und dazu gehört nicht zuletzt auch die Verlagsgruppe."

"Buchstaben lesen ist in der Evolution nicht vorgesehen", sagt Ernst Pöppel, Professor für Medizinische Psychologie in einem interessanten Interview mit dem Börsenblatt. "Das Gehirn verwendet dafür einen Teil, der eigentlich andere Aufgaben hat, was ein Plus und ein Minus nach sich zieht: Das Plus ist die ungeheure Lesefähigkeit, das Minus ist der Verlust der visuellen Sensibilität, beispielsweise um Farben zu erkennen. Naturvölker sind uns darin überlegen." Symbolschriften sprechen die rechte Gehirnhälfte an, Buchstabenschriften die linke. Das führe zu "ganz anderen Denkprozessen. Ostasiaten denken in Metaphern, wir nicht." Eine weitere Erkenntnis: Zehn bis 14 Silben entsprechen dem "natürlichen Sprach- und Atemrhythmus"; in dieser Größenordnung liege daher auch die optimale Spaltenbreite.

Die Hörbuchhandlung Litraton eröffnet im September eine Filiale in Lübeck. Das Hamburger Muttergeschäft wurde 1998 eröffnet. Litraton ist außerdem als Hörbuch-Versand sowie als Hörbuchverlag aktiv.

Weitere Beiträge: Die Klett-Gruppe hat ihren Umsatz 2001 um elf Prozent gesteigert; dafür sorgte nicht zuletzt "Der Herr der Ringe". Die Eichborn AG hat zwar auch zugelegt, erwartet für das laufende Jahr allerdings einen Umsatzrückgang. Der Fischer-Taschenbuchverlag gibt sich ein neues Logo: Die drei Fische werden in eine Kreisfläche gesetzt. Die ersten Bücher mit dem neuen Signet erscheinen im November. Und die Schulbuchverlage ärgern sich über die Sparpolitik im Bildungsbereich - dazu gibt es ein Interview mit dem Geschäftsführer des VdS Bildungsmedien.
Archiv: Börsenblatt
Stichwörter: Psychologie, Lübeck, Logo

Börsenblatt

Thalia, der Marktführer unter den Buchketten, hat beim Umsatz im vergangenen Jahr um 4,3 Prozent zugelegt und will weiter wachsen. "Das Unternehmen solle nach dem Vorbild der Douglas-Parfümerien zu der Top-Marke für Bücher ausgebaut werden, heißt es im Geschäftsbericht des Douglas-Konzerns", zu dem die Thalia-Gruppe gehört.

Die Verlagsgruppe Random House dementiert, dass sie keine Vorab-Lizenzen an den Bertelsmann-Club geben will. Dies hatte der buchreport gemeldet. Allerdings wird es aus dem Herbstprogramm von Random House keine Lizenzen für Vorabveröffentlichungen geben. Sowohl der Club als auch Random House gehören zum Medienkonzern Bertelsmann; die Debatte um Vorab-Club-Lizenzen "erhitzt seit dem Erscheinen von John Grishams 'Die Farm' im Bertelsmann Club die Gemüter der Branche."

Mit dem Thema Preisbindung und Club-Lizenzen setzt sich der Preisbindungstreuhänder Dieter Wallenfels in einem längeren Beitrag auseinander. Nach seiner Auffassung widersprechen zeitgleiche Parallelausgaben nicht nur der bisherigen Praxis, sondern auch den geltenden Rechtsgrundsätzen. Sein Fazit: "Wenn eine Abweichung vom gebundenen Ladenpreis der Original-Ausgabe sachlich gerechtfertigt sein soll, ist es unabdingbar, dass wie bisher die Kriterien Zeitabstand, Ausstattungsunterschied, Mitgliedsbindung in Buchclubs und Preisabstand im Zusammenspiel zu würdigen sind - also kumulativ und nicht alternativ."

Weitere Meldungen und Beiträge: Der Bertelsmann Lexikon Verlag wird umgetauft in Wissen Media Verlag. AOL Time Warner hat im ersten Quartal dieses Jahres das höchste Minus in der US-Wirtschaftsgeschichte erzielt. Beim insolventen Könemann Verlag herrscht verhaltene Zuversicht. Dann schreibt Thomas Hess, BWL-Professor in München, über das Thema Verlagscontrolling. Und Volkhard Bode stellt den Verlag Hans Schiler vor.

In der Beilage "Aus dem Antiquariat" schreibt Dirk Heißerer über ein Porträt der Clara Rilke-Westhoff von Oskar Zwintscher aus dem Jahre 1902 und die Antiquarin Lotte Roth-Wölfle über ihr eigenes Leben.

Ein beigelegtes Plakat enthält die Hörbuch-Bestenliste für den Monat Mai.
Archiv: Börsenblatt

buchreport.express

Die Expansionspläne von Thalia und die Einigung im Club-Ausgaben-Streit sind natürlich auch für den buchreport die Top-Themen. In einem Kommentar zum Club-Streit schreibt David Wengenroth: "Der Kompromiss zwischen den Bertelsmännern und dem Börsenverein sieht nur auf den ersten Blick wie eine echte Einigung aus. In Wirklichkeit haben sich die Streithähne vor der Notwendigkeit, sich in der Sache auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen, kapituliert." Beide Parteien hätten durchaus die Möglichkeit gehabt, "im Gesetz eine Regelung unterzubringen, die einen Ausgleich der gegenläufigen Interessen enthalten hätte. Aber sie haben anders entschieden. Sie haben beschlossen, eigener Sachkunde und Konsensfähigkeit weniger zu trauen als dem Sachverstand branchenfremder Zivilrichter." ("Viele Gewinner" sieht dagegen Börsenblatt-Chefredakteur Hendrik Markgraf in seinem Kommentar.)

Nach Thalia und Hugendubel hat nun auch die Mayersche Buchhandlung Sanktionen gegen Heyne angekündigt. Heyne hatte den Titel "Die Farm" von John Grisham als Vorab-Lizenz an den Club gegeben. Die Mayersche steht im buchreport-Ranking der größten Buchhandlungen auf Platz sieben; Thalia und Hugendubel nehmen die Plätze eins und zwei ein. (Die Boykotte und Boykott-Androhungen scheinen Wirkung zu zeigen: In seiner Online-Ausgabe veröffentlich das Börsenblatt einen Offenen Brief von Ullstein-Heyne-List-Verleger Christian Strasser, in dem dieser ankündigt, seine Verlagsgruppe wolle vorerst keine neuen Lizenzen für Club-Premieren vergeben.)

Der Anteil des Online-Geschäfts am Buchhandel wird in den nächsten vier Jahren von drei auf elf Prozent steigen. Das ist ein Ergebnis der "Medien-Studie 2006", die von der Hypo-Vereinsbank und der Mercer Management Consulting vorgelegt wurde. Weitere Ergebnisse: Die Garantiesummen für etablierte Bestseller-Autoren sind in den vergangenen zehn Jahren um das Fünfzigfache gestiegen. Mittlere Verlage "mit unzureichenden Ressourcen und Strukturen werden im Wettbewerb nicht bestehen können". Und die Ausgaben der Deutschen für Bücher stagnieren; "neue Umsatzquellen können nur außerhalb des Marktes (Film, TV, Internet) generiert werden."

Dass Bestseller-Autoren teuer sind, hat zuletzt Random House Deutschland gemerkt. Die Verlagsgruppe soll vier Millionen Dollar für die nächsten beiden Romane von Elizabeth George bezahlt haben, meldet der buchreport. Offiziell wird diese Summe nicht bestätigt. "Fest steht, dass sich der Erwerb derart teurer Rechte heutzutage nur noch auszahlt, wenn die Zweitverwertungsmaschine (Goldmann-Taschenbuch, Club-Ausgaben) richtig läuft. Denn der Abverkauf im Sortiment dürfte diesen Einsatz nicht wieder einspielen."

Die Städte Hamburg und Bad Hersfeld haben eine Idee aus den USA aufgegriffen: "Eine Stadt liest ein Buch". In Bad Hersfeld soll im September "Der Vorleser" von Bernhard Schlink "zum gemeinsamen Leseerlebnis werden", so der buchreport. Hamburg hat sich für den 9. und 10. November "Der Mann im Strom" von Siegfried Lenz ausgesucht.

Und hier der Link auf die Bestsellerliste.
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buchreport.magazin

Bislang gibt es im deutschen Fernsehen keinen Nachfolger für das Literarische Quartett. Die existierenden Bücher-Sendungen haben ziemlich miese Quoten, schreibt Daniel Lenz. Von "Bücher, Bücher" über "Die Bestenliste" bis zu "Lese-Zeichen" oder auch "Willkommen im Club" - "keine der Sendungen kommt durchschnittlich über eine Quote von 100.000 Zuschauern; eine Null weniger ist keine Seltenheit." Marcel Reich-Ranicki erreichte mit seiner ersten "Solo"-Sendung immerhin 1,1 Millionen Zuschauer. Auch bei ihm fällt die Quote allerdings, zuletzt auf 720.000. Wie bringt man Bücher ins Fernsehen? Hubert Winkels ("Die Bestenliste") meint, das Gespräch sei "die attraktivste Form" von Literatur im Fernsehen. Wolfgang Herles ("aspekte") sagt dagegen: "Wir müssen Literatur in Bildern zeigen." Alles falsch. Vom "Quartett" lernen heißt, gute Quote erzielen. Das Erfolgsrezept lautet also: laut debattieren, wild streiten - und mindestens einmal pro Sendung "ficken" rufen.

Umfrage unter jungen deutschsprachigen Autoren und einer Autorin: Warum schreiben Sie? Arne Rautenberg meint, es gebe zwei Arten von Autoren. "Die, die schlauer sind als ihre Texte, und die, deren Texte schlauer sind als sie selbst. Zweifellos gehöre ich zur zweiten Sorte. Auch ich möchte mich von mir überraschen lassen. Und mit meinen Lesern dieses einmalige Lebensgefühl teilen." Matthias Göritz schreibt "in den Morgen hinein, an den Geräuschen der Vögel und manchmal an dem eines in der Ferne fahrenden Zuges vorbei." Marc Wortmann hat "eigentlich nicht groß die Wahl: Wenn ich einen Tag lang nichts aufschreibe, kriege ich Langeweile und trinke abends zuviel Bier." Und Chris Kraus sagt: "Das Herz kann man nicht mit Sat.1 waschen. Deshalb schreibe ich Romane."

Alljährlich stellt der buchreport "die deutschen Taschenbuchverlage vor den Röntgenschirm". In diesem Jahr sind 43 Einzelaufnahmen und ein knapper Überblick herausgekommen. Für die Taschenbuchverlage der Verlagsgruppe Random House diagnostiziert das Blatt mit 120 Millionen Euro Umsatz eine Alleinstellung auf dem Markt; allein die Random-House-Tochter Goldmann - der umsatzstärkste deutsche Taschenbuchverlag - setzte im vergangenen Jahr 74 Millionen Euro um.

"Hitler bleibt ein Thema", titelt der buchreport und listet Hitler-Bücher von zweifelloser und zweifelhafter Qualität auf, darunter "Hitlers Spionin", "Hitlers Frauen", "Hitlers Frauen und Marlene", "Hitlers langer Schatten" und "Hitlers Gesicht". Auch an Hitler-Romanen fehlt es nicht: "Wenn das der Führer wüsste" von Otto Basil oder "Siegfried" von Harry Mulisch sind nur zwei Beispiele.

Außerdem: Der buchreport listet ein paar Fantasy-Titel auf, die im Gefolge des "Herrn der Ringe" auf Erfolg hoffen. Eine weitere Liste bringt eine Auswahl von Institutionen, die Übersetzungen fördern. Dann gibt es einen Bericht darüber, wie Langenscheidt über die Teilnahme am Projekt "Zeitung in der Schule" zu kostenloser Werbung kam. Der S. Fischer Verlag bringt erstmals eine Neuerscheinung im Juni auf den Markt: den Roman "Desaster" von Bruno Richard. Peggy Voigt hat die Bestseller-Autorin Charlotte Link besucht, die sich über die ZDF-Verfilmung ihres Romans "Haus der Schwestern" geärgert hat. Maria Ebert schreibt über den Ramsch-Versand Jokers, eine Gemeinschaftsgründung von Weltbild und Hugendubel. Brit München hat sich Buchhandlungen in Urlaubsorten gewidmet und dabei erfahren, dass die Nordrhein-Westfalen, die in der Haupturlaubszeit auf die Nordseeinsel Juist kommen, oft sehr belesen sind und auch teure, gebundene Bücher kaufen. Das sagt jedenfalls ein Juister Buchhändler.

In der Rubrik "Verlage" porträtiert David Wengenroth den Verlag Wiley-VCH, der dieser Tage in Weinheim ein neues Domizil bezieht. Boris Langendorf schreibt über die Kooperation von C.H.Beck und dtv bei der Publikation von Gesetzessammlungen und juristischen Fachbüchern. Rainer Uebelhöde stellt den Wirtschaftsverlag Schäffer-Poeschel vor, dessen Poeschel-Teil am 1. September den 100. Geburtstag feiert. Und Anja Sieg widmet sich der Reed-Elsevier-Tochter Reed Exhibitions, dem größten Messeveranstalter der Welt. Reed Exhibitions richtet sechs internationale Buchmessen aus: Asia International Book Fair, BookExpo America, BookExpo Canada, London Book Fair, Salon du Livre, Tokio International Book Fair.

Und: Auf 58 Seiten listet der buchreport 500 Novitäten der kommenden Saison auf, darunter "Die Korrekturen" von Jonathan Franzen (erscheint im Juni bei Rowohlt), "Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern" von Norman G. Finkelstein (im September bei Diederichs) oder auch "Nichts als die Wahrheit" von Dieter Bohlen (Oktober, Heyne).