Außer Atem: Das Berlinale Blog

Fraktionen des Bösen im Nazihauptquartier: Volker Schlöndorffs 'La mer à l'aube' (Panorama)

Von Lukas Foerster
14.02.2012.

"La mer a l'aube", eine Fernsehproduktion von Volker Schlöndorff, die, was Ausstattung und filmische Mittel angeht, auch so aussieht, erzählt von der Hinrichtung 150 französischer Kriegsgefangener, die im Zweiten Weltkrieg auf Anordnung Hitlers als "Vergeltungsmaßnahme" für den Anschlag auf einen deutschen Offizier im Oktober 1941 von den deutschen Besatzern in Zusammenarbeit mit französischen Hilfstruppen geplant und durchgeführt wurde.


"La mer a l'aube", eine Fernsehproduktion von Volker Schlöndorff, die, was Ausstattung und filmische Mittel angeht, auch so aussieht, erzählt von der Hinrichtung 150 französischer Kriegsgefangener, die im Zweiten Weltkrieg auf Anordnung Hitlers als "Vergeltungsmaßnahme" für den Anschlag auf einen deutschen Offizier im Oktober 1941 von den deutschen Besatzern in Zusammenarbeit mit französischen Hilfstruppen geplant und durchgeführt wurde.

Wie obszön ist "La mer a l’aube"? Erste Antwort: schon ziemlich obszön, schließlich steckt auch Schlöndorff wieder deutsche Schauspieler in Naziuniformen und die deutschen Schauspieler fühlen sich da wohl: jetzt können sie endlich mal alle Register ziehen, vorführen, was sie auf der Schauspielschule so alles gelernt haben. Vielleicht schauen ja die richtigen Leute zu, dann könnte die SS-Uniform als Karrieresprungbrett dienen. Diesem Mechanismus kann sich ein deutscher Film, der im Modus des psychologischen Realismus über das Dritte Reich erzählt, kaum entziehen, das stimmt schon; den einzelnen Schauspielern ist sowieso nichts vorzuwerfen. Aber das heißt ja vielleicht nur, dass deutsche Filme, die im Modus des psychologischen Realismus über das Dritte Reich erzählen, grundsätzlich obszöne Unternehmungen sind und schlicht und einfach nicht gedreht werden sollten.

Zweite Antwort: So obszön wie zum Beispiel Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" und die meisten anderen Nazi-Blockbuster ist "La mer a l’aube" offensichtlich nicht. Es geht schließlich um ein deutsches Kriegsverbrechen, der Film versucht sich da nicht an Ausflüchten oder "dramaturgisch gerechtfertigten" Lügen (die halbjüdische Herkunft von Harlans Frau in "Jud Süß..."). Ganz im Gegenteil, soweit der Film historische Rekonstruktion bleibt, geht er keine Kompromisse ein: Es wird in den Besatzerquartieren technokratisch um quantifizierte Menschenleben gefeilscht: Kommunisten sollen es sein, noch lieber jüdische Kommunisten, es muss eine Altersuntergrenze festgelegt werden, die wird dann aber doch nicht eingehalten, das jüngste Opfer ist 17 Jahre alt: Guy Moquet, dessen Abschiedsbrief alljährlich an seinem Todestag in französischen Schulen verlesen wird und der eine zentrale Inspiration für den Film war. Im Nazihauptquartier gibt es unterschiedliche Fraktionen des Bösen, während zu den Gefangenen nur widersprüchliche Signale dringen, am Ende triumphiert die Mechanik des Terrors, die Hinrichtungssequenz ist sehr ausführlich und von einer bemerkenswerten Schonungslosigkeit. In einigen Szenen, gerade in denen, die sich dem Melodrama annähern, scheint ein genuines Interesse daran durch, die Erinnerung an die Individualität der Opfer zu bergen.

Dritte Antwort: Als Ganzes betrachtet ist "La mer a l'aube" dann doch wieder ziemlich obszön. Denn Schlöndorff begnügt sich nicht damit, die Chronik eines Kriegsverbrechens (fernsehgerecht) aufzubereiten. Er versucht sich gleichzeitig an einer Art "verfilmter literarischer Montage". Der Film beruht nicht nur auf Briefen oder Dokumenten der Betroffenen, die den Ablauf der Ereignisse dokumentieren, sondern auch auf zwei literarischen Quellen. Zum einen auf einem Bericht Ernst Jüngers über seine Zeit als Wehrmachts-Kompaniechef im besetzten Frankreich. Im Film sieht das dann so aus, dass sich ein ständig überaus nachdenklich dreinblickender Ulrich Matthes am laufenden Band Gedanken macht über die Pflicht zum Gehorsam und die Neigung zum gehorsamfreien Literatentum. Das ist vermutlich sogar weitgehend als eine Kritik an Jünger gedacht, trotzdem bleibt vor allem Matthes’ Großintellektuellendarstellerei schwer erträglich. Noch weniger ist zu rechtfertigen, warum mit dem jungen Heinrich Böll (Jakob Matschenz), der Teil des Erschießungskommandos ist und an dieser Aufgabe ausgesprochen theatral zerbricht, gleich noch ein zweiter deutscher Schriftsteller (zweifelhafter literarischer Qualität, aber darum geht es gar nicht) auftauchen muss. Böll und Jünger werden in ein ansonsten solide recherchiertes historisches Drama montiert, technisch funktioniert das kaum und das ist vermutlich sogar gut so: zum Glück versucht der Film nicht, Bölls Zusammenbruch gegen die 150 toten Kommunisten aufzurechnen. Umso mehr stellt sich aber die Frage, was er und Jünger dann überhaupt im Film verloren haben. Geht es dabei um kalkulierte Mitnahmeeffekte im Deutschunterricht? Oder wollte Matthes einfach mal wieder eine "herausfordernde Rolle", nachdem er schon den Goebbels damals, bei Hirschbiegel, so wunderbar getroffen hatte?

Lukas Foerster

"La mer à l'aube - Das Meer am Morgen". Regie Volker Schlöndorff. Mit Léo Paul Salmain, Ulrich Matthes, Martin Loizillon, Jacob Matschenz und André Jung. Frankreich / Deutschland 2011, 89 Minuten. (Vorführtermine)