Außer Atem: Das Berlinale Blog

Erzählt von einem geplanten Nichtausbruch aus Nordkorea: Yang Yonghis 'Kazoku no kuni' (Forum)

Von Lukas Foerster
13.02.2012.

Am Anfang sitzt Rie abgeschlafft in dem kleinen Cafe, das ihre Mutter betreibt, den Kopf flach auf die Theke gelegt. Sie wird bald Besuch bekommen von ihrem Bruder Sonho, den sie seit Jahren nicht gesehen hat. Sie wartet, was kommt, aber ist doch schon gezeichnet von Wunden aus der Vergangenheit, die durch nichts wieder heilen werden.


Am Anfang sitzt Rie abgeschlafft in dem kleinen Cafe, das ihre Mutter betreibt, den Kopf flach auf die Theke gelegt. Sie wird bald Besuch bekommen von ihrem Bruder Sonho, den sie seit Jahren nicht gesehen hat. Sie wartet, was kommt, aber ist doch schon gezeichnet von Wunden aus der Vergangenheit, die durch nichts wieder heilen werden.

Rie ist eine Koreanerin, die in Japan lebt. Ihr Vater ist dem nordkoreanischen Regime treu ergeben und engagiert sich im hochpolitisierten Exilantenverband, der Verbindungen nach Pjöngjang unterhält. Sonho wurde als 16-Jähriger vom Vater ins Heimatland seiner Eltern geschickt, jetzt hat er dort selbst einen Sohn, zurückkehren kann er nur für kurze Zeit, zwecks Behandlung einer Krebserkrankung. Begleitet wird er von Yang, einem Aufpasser, der eigentlich gar nicht notwendig wäre, schließlich könnte das Regime Sonhos nordkoreanische Angehörigen jederzeit als Geisel nehmen, gewissermaßen sind alle Nordkoreaner potentielle Geiseln. "Kazoku no kuni" erzählt von einem geplanten Nichtausbruch aus einem totalitären System - in dieser Hinsicht ist er, nebenbei bemerkt, auch eine interessante Alternative zu Christian Petzolds "Barabara", einem sehr schönen Film, der freilich doch konventioneller konstruiert ist: entlang des Gegensatzes von (diktatorischem) Staat und Individuum.

Yang Yonghi, die Regisseurin, ist selbst Exilkoreanerin und hat vorher zwei großartige Dokumentarfilme gedreht, "Dear Pyongyang" und "Sona, the Other Myself", beide über Reisen ihrer Familie nach Nordkorea. Homemovie-Montagen waren das im Grunde. Den umgekehrten Weg, aus Pjöngjang heraus nach Japan, inszeniert sie als Spielfilm in zurückhaltenden Bildern und fast schon malerischen Farben, die Bilder wirken stets ein wenig entrückt und verschoben, scheinen sanft gekennzeichnet als Erinnerungen. Als Erinnerungen an Erinnerungen vielleicht sogar, schließlich gibt es irgendwo im Hintergrund, im Off des Films, die glückliche, gemeinsame Jugend der beiden Geschwister, vielleicht war die Farbpalette damals nicht so perfekt, aber dafür lebendiger. Die Gegenwart des Films ist ein ewiges "zu spät", das sich auch aus der Biografie der Regisseurin ableitet. Im Publikumsgespräch erzählt Yang Yonghi, dass der Film auf einer tatsächlichen Begebenheit in ihrer Familie beruht und dass er sich bis in einzelne Dialoge hinein an ihren Erinnerungen orientiert. Wenn sie über den Film spricht, macht sie keinen Unterschied zwischen Rie und sich selbst.

Sonho kommt an, begrüßt die Verwandtschaft, alle steigen in ein Taxi, kurz bevor sie ankommen, steigt er alleine aus, läuft alleine durch eine Straße, der Film gibt ihm Raum und lässt ihm Zeit, er wird sich, kann man sich da vorstellen, an seine Jugend erinnern, an dieselbe Straße, einiges wird sich verändert haben, anderes nicht. Mit Sonho gemeinsam schärfen sich die Sinne des Zuschauers für die sehr gewöhnlichen Ladengeschäfte, Straßenschilder und Passanten, die ihn umgeben. Dann betritt er sein Elternhaus, er wird vielleicht ein paar Monate hier verbringen können, vielleicht auch nur ein paar Tage. Die Entscheidungen treffen andere.

Alles ist von Anfang an entschieden oder wird irgendwann von Pjöngjang verfügt. Eine ganz grundsätzliche Nachträglichkeit liegt über jeder Geste, schwingt in jedem Satz mit. "Kazoku no kuni" erzählt eine einfache Geschichte, in der es keine doppelten Böden gibt. Man möchte den Film, wenn man über ihn schreiben will, am liebsten Szene für Szene nacherzählen, vielleicht würde man ihm so tatsächlich am ehesten gerecht werden. "Kazoku no kuni" überlässt einen ganz der emotionalen Intensität, die sich in der Begegnung der beiden Geschwister artikuliert, in der Verzweiflung Ries, der stoischen Resignation Sonhos, der hilflosen Fürsorge der Mutter, dem ambivalenten Schweigen des Vaters, der mit seinem Gewissen zu ringen scheint und auf dem das "zu spät" besonders schwer zu lasten scheint. Der Film fordert einen auf, sich ganz auf jede einzelne Figur einzulassen, wenn man das nicht will (und man kann sicher gute Gründe haben, das nicht zu wollen, der Film erhebt Ansprüche an seine Zuschauer, die andere Filme nicht erheben), bleiben vermutlich nur schöne Bilder. Wenn man aber dazu bereit ist, dann kann "Kazoku no kuni" zum intensivsten Erlebnis dieser Berlinale werden.

Lukas Foerster

"Kazoku no kuni - Our Homeland". Regie: Yang Yonghi. Mit Ando Sakura, Iura Arata, Yang Ik-june, Miyazaki Yishiko, Tsukayama Masane u.a., Japan 2012, 100 Minuten. (Vorführtermine)