Außer Atem: Das Berlinale Blog

Barbiepuppe mit Feuerpenis: Kim Suns 'Self Referential Traverse: Zeitgeist and Engagement'

Von Lukas Foerster
14.02.2011.

Die Oddity der diesjährigen Berlinale fängt verhältnismäßig harmlos an, nämlich als Fernsehsitcom der banalsten Art. Ein tumber Vater und seine smarte Tochter streiten sich über Politik, die Mutter sorgt sich, die Kochschürze umgebunden, um den Familienfrieden. Dazu die Lacher des Publikums aus der Konserve, eingespielt meist in Momenten, die alles andere als komisch sind.


Die Oddity der diesjährigen Berlinale fängt verhältnismäßig harmlos an, nämlich als Fernsehsitcom der banalsten Art. Ein tumber Vater und seine smarte Tochter streiten sich über Politik, die Mutter sorgt sich, die Kochschürze umgebunden, um den Familienfrieden. Dazu die Lacher des Publikums aus der Konserve, eingespielt meist in Momenten, die alles andere als komisch sind.

Mir nichts dir nichts wechselt der Film dann das Register. Die nachgestellte, flache Fernsehästhetik weicht einer ebenfalls nachgestellten 16mm-Trashoptik inklusive digital eingefügter Artefakte über den Bildern; ein wenig sieht das aus wie in Quentin Tarantinos und Robert Rodriguez' "Grindhouse", nur wirkt es hier um einiges roher, unbehauener, weitaus weniger am pittoresken Effekt orientiert. Die Hauptfigur des Films ist jetzt eine ewige grinsende, uniformierte Marionette, die dem koreanischen Polizeimaskottchen Pogori nachempfunden ist. Pogori hat seine Beine verloren und möchte sich in seiner kleinen Wohnung Ersatz-Gliedmaße aus Styropor basteln. Aber er kommt kaum dazu, weil eine Horde Ratten ihm das Leben schwer macht. Kaum hat er eines der Tiere erledigt, schauen drei neue um die Ecke, knabbern an seinen neuen Beinen und machen sich über die Inneneinrichtung her.

"Self Referential Traverse: Zeitgeist and Engagement" ist das Porträt eines hoffnungslosen Paranoikers. Gelegentlich unternimmt er zwar vorsichtige Ausflüge in die Außenwelt, gesichert durch einen Stahlkäfig, bewehrt mit einem Schlagstock, hauptsächlich arbeitet der nebenbei auch ödipal zutiefst verunsicherte Pogori jedoch daran, sich selbst zur Ein-Mann-Armee und seine Behausung zur unbezwingbaren Festung hochzurüsten. Im Fernsehen laufen Pornos, eine Barbiepuppe mit Feuerpenis ist ebenfalls mit von der Partie.

Das alles hört sich noch nicht halb so bizarr an, wie der Film tatsächlich ist. Kim Sun animiert sein Figurenarsenal mithilfe krudester Stop-Motion-Technik, die Fäden, manchmal sogar die Hände, die sein Personal bewegen, ragen des öfteren in den Frame. Die wüste "musikalische" Begleitung passt wie die Faust aufs Auge, Dialoge werden ersetzt durch Soundschnipsel aus B-Movies. Kim Sun, der für diese bezaubernde Polit-Trash-Collage verantwortlich zeichnet, ist ein freier Radikaler des südkoreanischen Kinos. Mal alleine, mal mit seinem Bruder Kim Gok legt er jährlich zwei bis drei eigenwillige, kompromisslose Filme vor. Schon die Titel weisen auf die Unverträglichkeit mit gängigen Arthauskonventionen hin: "Capitalist Manifesto: Working Men of All Countries, Accumulate!" (Forum 2004), "Geo-Lobotomy" oder jetzt eben "Self Referential Traverse: Zeitgeist and Engagement".

Wer mit der Tagespolitik Südkoreas nicht vertraut ist, wird sich in letzterem Film gelegentlich etwas allein gelassen fühlen. Um Pogoris Feldzug gegen das Ungeziefer in der Wohnung und die Außenwelt vor der Tür konkreter einordnen zu können, müsste man vermutlich gut vertraut sein mit dem derzeitigen südkoreanischen Präsidenten Lee Myung-Bak, mit seiner konservativen Grand National Party und mit einem megalomanischen Kanalprojekt, das in Südkorea derzeit für jede Menge Ärger sorgt. Andererseits: Polizisten gibt es überall - und Ratten auch. Die anarchische, antiautoritäre Ausrichtung des Films ist universell decodierbar. Und vor allem ist dieses wahnwitzige, zwischen Experimentalfilm, Agitprop und John Waters marodierende Etwas das perfekte Antidot gegen all das brave, risikoarme, stets allzu geschmackssichere Förderkino, vor dem man in keiner der drei Hauptsektionen sicher sein kann. Ein wenig Frustrationstoleranz sollte man, das soll nicht verschwiegen werden, freilich schon mit ins Kino nehmen; bei der Pressevorstellung verließ mehr als die Hälfte der Journalisten den Saal vorzeitig.

Für alle, die auf den Geschmack gekommen sind: "Suicidal Variations", einen großartigen Horror-Experimental-Kurzfilm der Kim-Brüder, kann man sich auf Youtube ansehen.

"Self Referential Traverse: Zeitgeist and Engagement" ("Jagadangchak: shidaejeongshin kwa hyeonshilchamyeo"). Regie: Kim Sun. Darsteller: Pogori, Jung Ayoung, Kang Suk u.a., Südkorea 2011, 73 Minuten. (Forum, Vorführtermine)