Im
Zeit-Gespräch mit Peter Neumann und Christian Staas äußert sich
Claudia Roth zur Debatte um ihr Konzept für eine neue Erinnerungskultur (
unser Resümee). Den Vorwurf, dass darin das
Gedenken an die Shoah aus dem Blick gerät, hält sie für absurd. Es gehe "um eine Erweiterung des Blicks: auf die Demokratiegeschichte, die Kolonialgeschichte, die Migrationsgeschichte. Dass die Auseinandersetzung mit der Shoah das Zentrum unserer Erinnerungskultur bildet, bleibt davon völlig unberührt." Auch im Hinblick auf den Antisemitismus der Gaza-Proteste sieht sie keinen Konflikt zwischen kolonialem Erinnern und dem Gedenken an den Holocaust: "Gerade da kann doch eine vertiefte Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Fragen der kolonialen Vergangenheit
einiges zurechtrücken. Nicht erst seit dem 7. Oktober zeigt sich, dass manche Teile des Dekolonialisierungsdiskurses anfällig für Antisemitismus sind. Das kann doch aber nicht bedeuten, sich deshalb nicht mehr mit
unserer kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Länder wie Hamburg oder Berlin zeigen gerade mit ihren Konzepten, wie das parteiübergreifend und mit der Zivilgesellschaft geht."
Die deutsche Erinnerungskultur ist mehr als ihre Gedenkstätten, "denn entgegen dem Anschein ist diese
Kultur kein Instrument, in welchem gewissermaßen Module beliebig umgesteckt werden. Vielmehr orientiert sie sich an einer festen inneren Hierarchie,
an deren Spitze die Shoah steht, der europäische Judenmord",
ruft hingegen Thomas E. Schmidt in einem lesenswerten Artikel auf
Zeit Online jenen zu, die dieses Erinnern dauernd in Frage stellen. "Natürlich ist die ums 'Nie Wieder!' kreisende Erinnerungskultur einerseits nichts anderes als
ein kulturelles Konstrukt. Es ist das Resultat von Auswahl, Hervorhebung, Einübung, Ritualisierung und so fort. Man kann es dekonstruieren, also die Prinzipien aushebeln, die dieser geistigen Formation zugrunde liegen, was
im Augenblick an vielen Orten betrieben wird. Nichts ist leichter als das. Auch der feine Übergang ins Destruieren. Andererseits gibt es dabei eine Besonderheit zu berücksichtigen:
Diese Kultur ist nicht frei erfunden, sondern sie bezieht sich auf dokumentierte Geschichte. Und die aus ihr abgeleiteten ethischen Normen finden sich in einem tatsächlichen Konsens von deutschem Staat und deutscher Zivilgesellschaft wieder."
Der Akademische Senat (AS) der TU konnte sich nicht auf eine Abwahl der TU-Präsidentin
Geraldine Rauch, die auf Twitter einen antisemitischen Post geliked hat (
Unsere Resümees), einigen, berichten mehrere Medien, unter anderem
Zeit Online. "Das Gremium des AS habe stattdessen ein Meinungsbild zu einem möglichen Rücktritt der Präsidentin erhoben, berichtet der
Tagesspiegel. Rauch soll demnach
24 Stunden Zeit haben, bevor die Universität das Ergebnis veröffentlicht. Dem Bericht nach überlässt der AS damit die
Rücktrittsentscheidung der Uni-Präsidentin nun selbst."
In der
Zeit versucht, Anna-Lena Scholz mehr über die TU-Präsidentin
Geraldine Rauch herauszufinden, eine Interview-Einladung habe diese abgelehnt. Eines ist sicher, so Scholz, niemand in ihrem Umfeld halte Rauch für eine Antisemitin. Dass die Debatte so schnell so heftig wurde, liegt auch daran, dass es
in der Vergangenheit schon Kritik gab, erinnert Scholz: "Weil die Präsidentin immer wieder ihre Rolle überdehnt hatte, nach links. In den sozialen Medien wie in Zeitungsbeiträgen hatte sich Rauch scharf gegen das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit gewendet, das vor wenigen Jahren eine Gruppe konservativer bis rechtskonservativer Professoren gegründet hatte. Das Netzwerk stärke 'das Narrativ der Neuen Rechten" und "verfassungsfeindlicher Organisationen", schrieb Rauch damals in einem Beitrag. Und: 'Leider' gehörten 'auch Personen der TU Berlin' zu diesem Netzwerk; eine Professorin
nannte sie namentlich. Rauch rechtfertigte sich, sie habe ihre private Meinung geäußert. Viele an der Uni aber waren entsetzt."
Die
AfD möchte in ihrem Wahlprogramm die bisherige Kulturpolitik, die woke, links und antideutsch sei, zu einer "
Einheitskultur" umwandeln, weiß darüber hinaus aber nicht zu sagen, was deutsche Kultur überhaupt sei, erklärt Peter Laudenbach in der
SZ. Außerdem fantasierten sie von einem Rassismus gegen Weiße: "
So geht Täter-Opfer-Umkehr: Europäer als Opfer eines umgedrehten Rassismus und 'antiweißer Affekte'. Diese Polemik gegen eine postkoloniale 'Schuld- und Schamkultur' ist die Variation der rechtsradikalen Parole, die das Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen
Völkermords an den europäischen Juden als 'Schuldkult' verhöhnt. Dagegen hat Höcke schon vor Jahren eine geschichtspolitische 'Wende um 180 Grad' verlangt. Das Wahlprogramm setzt das fort, indem es der überfälligen Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und der europäischen Expansion pathetisch ein 'selbstbewusstes Bekenntnis zur eigenen Geschichte' entgegensetzt -
eine Umschreibung für selbstgerechtes Verdrängen."