9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2024 - Kulturpolitik

Heiner Bastian hat als Kurator viele Jahre lang die Sammlung Marx betreut. Doch seit immer mehr wichtige Bilder aus der Sammlung verschwinden - von Andy Warhol, Cy Twombly, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein, Anselm Kiefer und Skulpturen von Joseph Beuys, alle wohl von Marx und seinen Erben verkauft - obwohl sie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Dauerleihgabe versprochen ist, hat er die Nase voll: "Jetzt sind die homogenen Werkgruppen der Sammlung bereits teilweise verloren, und das im Bau befindliche Museum wird die ärmer gewordene Sammlung ohne die einstige Dichte hinnehmen müssen. Die Sammlung Marx wird nun zum Lehrstück im Sinne eines in einem anderen Kontext vor Jahren geschriebenen Kommentars von Eduard Beaucamp: 'Museen, hütet Euch vor der Macht der Sammler'. Bis heute gibt es weder in Berlin noch in anderen deutschen Museen einen verbindlichen Verhaltenskodex, der zwischen Sammler und Museum einvernehmliche irreduzible Absprachen zur Voraussetzung einer Zusammenarbeit regelt." Dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz den Verkäufen "bedenken- und tatenlos" zugesehen hat, macht Bastian erst recht fassungslos.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2024 - Kulturpolitik

"Schlechte Nachrichten aus der Welt des Musiktheaterbaus" verkündet Matthias Alexander im Aufmacher des FAZ-Feuilletons. Die deutschen Städte sind in einer paradoxen Situation, denn einerseits sinken in fast allen Opern die  Besucherzahlen (mehr hier) und andererseits sind in sehr vielen Städten Opernhäuser wie auch Theater sanierungsbedürftig, und die Kosten, die für solche Sanierungen veranschlagt werden, sind exorbitant. Mit 400 Millionen Euro fängt es in Städten wie Augsburg überhaupt erst an, es kann aber auch gern mal eine Milliarde kosten, schreibt Alexander. Manche Häuser werden dran glauben müssen. "Die Opernhäuser in Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg haben einen Umstand gemeinsam: Es handelt sich um Nachkriegsbauten. Diese Tatsache scheint also die Voraussetzung dafür zu sein, dass ein Standortwechsel in Betracht gezogen wird, der faktisch dem Abriss des Altbaus gleichkommt, denn dessen Unterhalt ohne Nutzung ist finanziell für keine Kommune zu leisten. Für ein Haus, das vor 1914 errichtet worden ist, wäre das undenkbar; man stelle sich den Aufschrei vor, wenn von der Politik die Idee verfolgt würde, die Staatsoper Unter den Linden, das Nationaltheater in München (dessen Sanierung in zehn Jahren ansteht) oder eben die Staatsoper Stuttgart aufzugeben."

Der ehemalige Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier hat vorgeschlagen, die "Beratende Kommission" zur Rückgabe von Raubkunst in eine Bundesbehörde umzuwandeln. Aber Bundeskulturministerin Claudia Roth ist darauf nicht eingegangen, sie möchte Schiedsgerichte, in denen die Frage der Rückgabe von Kunstwerken an die Familien von NS-Opfern geregelt wird. Hubertus Butin ist im Tagesspiegel sehr skeptisch. Unter anderem ist "unklar, ob die geplante Verwaltungsvereinbarung mit allen Bundesländern zustande kommt. Sollten sich im September bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen die politischen Machtverhältnisse massiv verschieben, könnte es sein, dass diese Länder dem Plan von Roth nicht zustimmen. Eine flächendeckende Lösung mit allen Bundesländern würde damit nicht mehr gelingen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2024 - Kulturpolitik

In der Welt greift der Historiker Julien Reitzenstein die Debatte um Claudia Roths Konzept einer neuen Erinnerungskultur (unsere Resümees) und die von Roth aufgelösten "Beratenden Kommission NS-Raubgut" (unsere Resümees) auf, die nun in ein Schiedsgericht umgewandelt werden soll, das Betroffene anrufen können. "Die Kulturpolitikerin Claudia Roth will die Gedenkkultur neu konzeptionieren, zu deren zentralen Elementen bisher das NS-Unrecht gezählt hat. Doch mit den zahlreichen vom NS-Regime geraubten Kulturgütern, die heute noch in öffentlicher Hand sind und ihren Eigentümern noch nicht zurückgegeben wurden, ist der Kultursektor der einzige Bereich, in dem NS-Unrecht bis heute anhält." Die Bundesregierung solle endlich ihre Beauftrage anweisen, den Koalitionsvertrag umsetzen und NS-Raubgut zurückgeben, fordert Reitzenstein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2024 - Kulturpolitik

Marion Ackermann, bislang Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ist zur neuen Chefin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gekürt worden. Alle begrüßen die Entscheidung. Andreas Kilb macht in der FAZ allerdings auf die geradezu elenden Zustände der Stiftung aufmerksam, die in ihrem Konstrukt aus Bund- und Länderaufsicht komplex strukturiert und akut unterfinanziert ist: "Die rasant gestiegenen Personalkosten rissen ein neues Loch in den Etat. Im laufenden Jahr beträgt die Deckungslücke weitere gut dreißig Millionen Euro. Um sie zu schließen, hat die Stiftung die Öffnungszeiten ihrer Häuser reduziert und zusätzliche Schließtage eingeführt. Die Budgets der Museen wurden um vierzig Prozent gekürzt. Solche Einschnitte in die Substanz sind das Gegenteil von Reform: 'Abwicklung' wäre ein passenderer Begriff."

Jörg Häntzschel kommt in der SZ auf das verheerende Gutachten des Wissenschaftsrats über die SPK zurück, dessen Diagnosen im Grunde bis heute gültig sind: "Viele Empfehlungen des Wissenschaftsrats schlug die SPK in den Wind, andere ignorierte sie." Ackermann halt also zu tun!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2024 - Kulturpolitik

Die wichtigsten Werke im Hamburger Bahnhof, der zur Stiftung Preußischer Kulturbeseitz gehört, stammen aus Sammlungen, unter anderem aus der Sammlung Erich Marx. Aus dieser Sammlung haben die Erben des Sammlers vor zwei Jahren mit Zustimmung von SPK-Chef Hermann Parzinger drei äußerst wichtige Gemälde von Warhol und Twombly entfernt, um sie in der Galerie Gagosian zu verkaufen. Das widerspricht dem Vertrag, den die SPK mit Marx gemacht hatte, schreibt Hubertus Butin in der FAZ. Claudia Roth lasse den Vorgang nun prüfen. Der Hamburger Bahnhof hat offenbar im Gegenzug Werke von Beuys von den Erben geschenkt bekommen, doch das klingt entgegen feierlicher Dankesprosa von Parzinger wie ein Deal, so Butin, und eine Schenkung muss qua Gesetz bedingungslos erfolgen: "Hinzu kommt, dass dieser Deal zum Nachteil der Museen erfolgte und die Familie Marx begünstigte. Denn die Gemälde von Warhol und Twombly haben nach derzeitigen Schätzungen von internationalen Auktionatoren und Kunsthändlern einen Wert von bis zu 170 Millionen Euro, während das komplette Beuys-Konvolut auf höchstens ein Sechstel dieser Summe kommt. Dieses Konvolut Werke stellt also eindeutig kein Äquivalent für die Bilder der beiden amerikanischen Künstler dar."

Ebenfalls in der FAZ: Arnold Bartetzky protestiert gegen den drohenden Abriss von Goebbels-Villa und FDJ-Hochschule am Bogensee, rund 40 Kilometer nördlich von Berlin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2024 - Kulturpolitik

Seit 25 Jahren gibt es jenes Ministerium, "das so nicht heißen darf", das Kulturstaatsministerium. Ausgestattet ist es mit inzwischen immerhin zwei Milliarden Euro Budget. Andreas Kilb zieht in der FAZ eine Zwischenbilanz, vom Feuerkopf Michael Naumann, der das Amt gegen die "Verfassungsfolklore" der Bundesländer instituierte, bis Claudia Roth: "Bis vor einem guten Vierteljahrhundert war die Kulturpolitik des Bundes auf mehrere Referatsleiter im Innen-, Außen- und Wissenschaftsministerium verteilt. Dass sie dort nicht hingehörte, war den meisten Beteiligten von jeher klar (auch wenn das Auswärtige Amt seine Budgetherrschaft über das Goethe-Institut bis heute zäh verteidigt). Aber erst die rot-grüne Regierung Schröder hat daraus die Konsequenz gezogen. Weil ein Ministerium damals nicht zur Debatte stand, wurde die Kultur im Kanzleramt angesiedelt. Unter Naumann, Neumann und Grütters hat diese Konstruktion funktioniert, bei Claudia Roth und Olaf Scholz klappt sie nicht mehr."

Wird Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Nachfolgerin von Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz? Nicola Kuhn hat im Tagesspiegel Gerüchte vernommen - und würde es begrüßen: "Für Berlin wäre dies eine hervorragende Wahl. Die Kunsthistorikerin genießt hohes Ansehen, ist international vernetzt und ohnehin mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verbunden als Mitglied des Stiftungsrates, der sich aus Vertretern des Bundes und aller 16 Bundesländer zusammensetzt. Dort wird auch über die Wahl des nächsten Präsidenten entschieden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2024 - Kulturpolitik

In der taz resümiert Klaus Hillenbrand eine juristische Fachtagung, bei der unter anderem Volker Beck, Geschäftsführer des Berliner Tikvah Instituts und eine Reihe renommierter Juristen diskutierten, wie sich die "staatliche Alimentierung von Judenhass im deutschen Kulturbetrieb verhindern" lasse. Joe Chialos Antidiskriminierungsklausel wurde eine Absage erteilt: "Chialos Vorschlag einer Art Bekenntnisklausel gegen Hass liefe auf eine Einmischung des Staates hinaus, denn der Staat müsste dann überprüfen, ob ein Künstler sich auch an diese Bestimmung gehalten hat. Der freiheitliche Staat dürfe keine Wertebekenntnisse verlangen, sagte Beck." Stattdessen schwebt den Diskutanten eine "Anti-Antisemitismusklausel" in der Bundeshaushaltsordnung vor: "Ausgangspunkt ihrer Überlegung ist, dass die Freiheit der Kunst zwar garantiert ist, es aber kein Recht auf eine staatliche Förderung gibt." Die Juristin Nina Keller-Kemmerer erläutert: "Eine Anti-Antisemitismusklausel würde nicht den jeweiligen Künstler, wohl aber die von einer staatlichen Zuwendung profitierende Organisation rechtlich binden, keinen Judenhass zu verbreiten. Sie greife deshalb auch nicht in die Kunstfreiheit ein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2024 - Kulturpolitik

Thomas Wessel betrachtet für die Ruhrbarone die Unterstützer der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" und registriert ein paar Veränderungen: Einige Namen, die damals als Vertreter ihrer Institutionen unterzeichnet haben, stehen jetzt blank da: Hortensia Völckers (ehemals Leiterin der Kulturstiftung des Bundes), Bernd Scherer (ehemals Leiter des HKWD), Ulrich Khuon (ehemals Leiter des Deutschen Theaters) und Thomas Oberender (ehemals Intendant der Berliner Festspiele). Heute wollen die von ihnen damals vertetenen Institutionen nicht mehr als Unterstützer der Initiative (und des BDS) auftreten, staunt Wessel. Aber man muss schon nachfragen, um das zu erfahren. Kaum jemand wollte sich nach dem 7. Oktober öffentlich von der Initiative distanzieren: "BDS hat die Massaker der Hamas noch am Abend des 7. Oktobers bejubelt. Andreas Goergen, graue Eminenz in Claudia Roths Bundesbehörde für Kultur und von der 'Initiative Weltoffenheit' als fachlicher Berater bedankt, hatte zuvor einmal bekannt gegeben, die Nennung seines Namens sei ohne sein Wissen erfolgt, seitdem steht sein Name mit seinem Wissen unter der BDS-Weißwäsche. Während Amelie Deuflhard, Intendantin von Kampnagel Hamburg und Teil des Innercircle der Initiative Weltoffenheit, sich aus jeder Verantwortung hinaus historisiert: 'Ich glaube, es war eine andere Zeit', sagte sie dem Deutschlandfunk Ende letzten Jahres".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2024 - Kulturpolitik

Von einem "Drama in drei Akten" spricht Sandra Kegel in der FAZ hinsichtlich der Sanierung des Goethehauses in Weimar: Weil das Haus zuletzt in der DDR saniert wurde, eine grundlegende Sanierung also dringend erforderlich ist, hatte der Bundestag im Herbst des vergangenen Jahres die Kostenübernahme von 17,5 Millionen Euro beschlossen - und nun offenbar überraschend verkündet, dass "die parlamentarisch beschlossenen Zusatzmittel für das Goethehaus nicht bereitgestellt werden. (…) Das Geld für die Sanierung muss der Stiftung zufolge nunmehr aus dem regulären Investitionsetat entnommen werden. Dieser beträgt bis einschließlich 2031 derzeit jährlich etwa zwei Millionen Euro von Bund und Land, ist aber für den Erhalt sämtlicher Schlösser und Liegenschaften in der Obhut der Stiftung bestimmt - vom Bauhaus-Museum über die Herzogin Anna Amalia Bibliothek bis zum Goethe- und Schiller-Archiv, dem Schloss Belvedere und den umfangreichen Parkanlagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2024 - Kulturpolitik

Stefan Laurin versucht sich bei den Ruhrbaronen einen Reim auf Andreas Görgen zu machen, einen Mann im Hintergrund, ex Goethe-Institut und Auswärtiges Amt, heute Ministerialdirektor der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Claudia Roth, Inspirator des "Weltoffen"-Aufrufs, dessen Protagonisten sich seinerzeit herzlich bei ihm bedankten - aber er trat auch bei der Eröffnung der Internationalen Kurzfilmtage auf, deren Chef Lars Henrik Gass sich als einziger höherer Kulturfunktionär nach dem 7. Oktober (und auch vorher schon) mit Israel solidarisierte. Auf eine Geprächsanfrage der Ruhrbarone habe Görgen nicht reagiert, sein Amt ließ nur wissen, man sei sowohl gegen Rassismus als auch gegen Antisemitismus: "Natürlich sehen sich auch die Unterzeichner von GG Weltoffenheit nicht als Antisemiten. Ihnen ging es nur darum, Antisemiten weiterhin den Zugriff auf Steuergelder zu ermöglichen. Offenbar hat Görgen ihnen nicht geraten, von ihrem Vorhaben abzulassen und den BDS-Beschluss des Bundestages als das zu verteidigen, was er war: Ein früher Versuch, Antisemiten im Kulturbereich entgegenzutreten. Hätte er es getan, sie hätten ihm kaum gedankt." Laurin vermutet, dass der Beamte Görgen in einer kommenden Bundesregierung keine Funktion mehr haben wird.