9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2213 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 222

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2025 - Ideen

Der 7. Oktober ist quasi unter den Genozidvorwürfen gegen Israel, die sozusagen gleich ab dem 8. Oktober die Wahrnehmung dominierten, verschwunden. Bernd Rheinberg sucht bei den Salonkolumnisten eine Erklärung für dieses Phänomen: "Die Postmodernen wie der französische Philosoph Jean Baudrillard dachten noch, das große Trauma ihres Zeitalters wäre die Agonie fester Bezüge, die Agonie des Realen und Rationalen, was zu einem Zeitalter der Simulation führe. Aber das Reale ist weiterhin sichtbar, es wird nur von Lüge und Leugnung dissimiliert, sprich: abgebaut zur Gewinnung von Energie für die eigenen Zwecke. Es ist eine politische Verstoffwechselung. Daher spielen die Realitäten beziehungsweise die Gegebenheiten des asymmetrischen Kriegs als Erklärungen im jetzigen Gaza-Krieg keinerlei Rolle mehr - sei es, weil man das nicht einzuschätzen weiß oder schon wieder vergessen hat oder weil es politisch nicht in den Kram passt."
Stichwörter: 7. Oktober

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2025 - Ideen

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Die albanisch-britische Philosophin Lea Ypi erzählt in ihrem neuen Buch "Aufrecht" vom Leben ihrer Großmutter zwischen Osmanischem Reich, Faschismus und Kommunismus. Im FAS-Interview mit Florian Siebeck spricht sie über die Macht der Archive und verteidigt die Aufklärung gegen die Kritik durch den Postkolonialismus: "Einer der Gründe, warum die Ideen der Aufklärung von der Linken derzeit so herausgefordert werden, ist der Kolonialismus, aber ich glaube, dass man zwischen dem philosophischen Beitrag und der politischen Aneignung und Manipulation der Ideen der Aufklärung unterscheiden kann. Die sogenannten Zivilisierungsmissionen der Europäer in anderen Teilen der Welt waren das Gegenteil von Aufklärung, denn sie leugneten die Menschenrechte und unterwarfen Menschen. Es ist sehr unglücklich, dass die Aufklärung ausgerechnet in dem Moment am meisten kritisiert wird, wo sie am meisten gebraucht wird. Das macht uns völlig machtlos im Kampf gegen Dogmatismus und Autoritarismus."

Weitere Artikel: Auf den Ereignisse und Gestalten-Seiten der FAZ macht sich die Schriftstellerin Stephanie von Hayek Gedanken über das weltweite Ausladen Intellektueller, das sie als "Zeichen für eine wachsende Kulturfeindlichkeit" wertet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2025 - Ideen

Auch in Indonesien und Serbien gehen zur Zeit große Teile der Bevölkerung gegen ihre autoritären Regierungen auf die Straße. Diese Protestbewegungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht zentral, sondern dezentral und eher laschere Strukturen aufweisen, so die Protestforscherin Donatella Della Porta im Zeit-Online-Interview mit Tobias Bachmann. Ähnliches lässt sich auch bei der neuen französischen Protestbewegung "Bloquons tout" erkennen. "Tatsächlich sind solche Organisationsstrukturen relativ neu. Und sie bieten eine ganze Reihe strategischer Vorteile: Von außen ist es schwieriger, Führungsstrukturen zu erkennen. Außerdem sorgen horizontale Strukturen dafür, dass sich Menschen innerhalb der Protestbewegung auf Augenhöhe begegnen - niemand mag es, herumkommandiert zu werden. So können Bewegungen innovativ bleiben und schnell wachsen, auch aus den Städten hinaus in ländliche Gebiete."
Stichwörter: Protestbewegungen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2025 - Ideen

In der FAZ ist Oliver Weber nicht beeindruckt von Axel Honneths Merkur-Essay, der sich mit dem Fortschritt auseinandersetzt. Linke Einwände gegen den Fortschritt nehme Honneth ja noch ernst, konservative nicht mehr, kritisiert Weber: "Diejenigen, die dagegen öffentlich Einwände vorbringen, sind, so heißt es im Text, lediglich 'überfordert', 'abgestoßen', 'beunruhigt' oder 'verstört'", ließen sich also ganz von ihren Gefühlen leiten, so Weber, der es durchaus vernünftig findet, auch mal zu fragen, ob sich Gemeinsinn und Solidarität in sich auflösenden Gesellschaften wirklich universalisieren lassen. Er hält es eher mit Charles Taylor, der kürzlich überlegte, ob "die gegenwärtigen 'Verfallserscheinungen der Demokratie' auch darauf zurückzuführen sind, dass die Vertreter des Fortschritts über Einwände wie diese zu schnell hinweggegangen sind. Bestimmte, an Traditionen gebundene Lebensformen lassen sich nicht in Richtung Weltgesellschaft auflösen, ohne Vereinzelung, Entsolidarisierung und schließlich politischen Protest zu riskieren. Der Widerstand, der der Globalisierung inzwischen entgegenschlägt, bietet genügend Anhaltspunkte, dieser These eine gewisse Plausibilität einzuräumen."

Schön, dass die Bundesregierung mit dem "Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation" jetzt - nicht zuletzt aus Angst vor der AfD - ein Leuchtturmprojekt in Halle an der Saale errichtet. Ein "'Harvard' der Transformationsforschung" soll es werden. Dennoch ist Marcus Böick in der FAZ eher zwiegespalten angesichts der Tatsache, dass ostdeutsche Themen in Akademia so lange vernachlässigt wurden: "Ratsam wäre es, nun auch endlich mit verschiedenen Forscherinnen und Forschern offen darüber zu sprechen, was im 200-Millionen-Euro-Glaspalast zu Halle, dessen Eröffnung selbst bei pünktlicher Fertigstellung schon in die Zuständigkeit eines AfD-Ministerpräsidenten fallen könnte, eigentlich inhaltlich passieren soll. ... Doch es stellt sich noch ein weiteres, perspektivisches Problem - und auch dieser Text ist bislang ein beredtes Beispiel dafür: Die nationale Nabelschau muss endlich überwunden werden. Freilich, es soll bald in Halle auch um 'Europäische Transformationen' gehen - was auch immer das am Ende sein mag. Doch in der Praxis erweist sich schon der Graben zwischen Ostdeutschland und Zentral- und Osteuropa erfahrungsgemäß als viel tiefer, als man es im Jahr 2025 vielleicht erwarten könnte."

Ebenfalls in der FAZ antwortet die Historikerin Franziska Davies auf die Kritiker ihres Artikels (unser Resümee) über den russischen Historiker Alexei Miller und den Unwillen vieler westlicher Osteuropahistoriker, sich mit dem russischen Kolonialismus auseinanderzusetzen.
Stichwörter: AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2025 - Ideen

Wladimir Putin ist sehr am Thema "Unsterblichkeit" interessiert, besonders, was seine eigene Person betrifft, erzählt FAZ-Korrespondent Friedrich Schmidt. Er bezieht sich auf ein Gespräch zwischen Putin und Xi bei der jüngsten Militärparade am Platz des Himmlischen Friedens, wo eine Gesprächspassage zwischen Putin und Xi zum Thema aufgeschnappt wurde. Durch den Austausch von Organen werde man demnächst 150 Jahre alt, Unsterblichkeit sei erreichbar, habe Putin schwadroniert. Eine gewisse Unendlichkeit steht auch so schon in Aussicht, so Schmidt: "In Moskau gilt weiter die Maxime, die im Oktober 2014 Wjatscheslaw Wolodin, damals Erster Stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung, mittlerweile Unterhausvorsitzender, formuliert hat: 'Wenn es Putin gibt, gibt es Russland. Ohne Putin kein Russland.' Putin herrscht, seine vier Jahre als Ministerpräsident (2008 bis 2012) mitgezählt, schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert, macht keine Anstalten, das zu ändern, hat sich vielmehr 2020 per Verfassungsreform die Option geben lassen, bis 2036 im Präsidentenamt zu bleiben, und auch dann würde er erst 84 Jahre alt."

Auf Zeit online erinnert Nils Markwardt daran, dass "politische Unsterblichkeitsfantasien ihre bisher größte Konjunktur" nicht in Silicon Valley, sondern in der Sowjetunion hatten: "Vor über hundert Jahren hatten sich dort eine ganze Reihe von Denkern die Abschaffung des Todes auf die (meist roten) Fahnen geschrieben. In ihrem 2005 veröffentlichten Sammelband "Die Neue Menschheit" geben die Kulturwissenschaftler Boris Groys und Michael Hagemeister einen Überblick über die gleichermaßen obskuren wie damals durchaus einflussreichen Ideen ewigen Lebens. Angefangen hat es mit dem 1903 verstorbenen Philosophen Nikolai Fjodorow, der eine Leerstelle im zeitgenössischen Sozialismus erkannt haben wollte. Denn Letzterer müsse sich nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit ausbreiten. Deshalb sei es geboten, mit dem Fortschritt der Technik die Sauerei des Sterbens zu beenden. (...) Der sowjetische Kampf gegen den Tod blieb nicht nur philosophische Spekulation. Alexander Bogdanow, ein Weggefährte Lenins, gründete Mitte der 1920er-Jahre ein Institut für Bluttransfusionen zur experimentellen Verjüngung der Lebensgeister. In seinem 1927 erschienenen Text 'Der Kampf um die Vitalität' berichtet er von einem 50-jährigen Revolutionär, dem das Blut eines 20-Jährigen zugesetzt wurde. Beim Älteren sei danach angeblich die Arbeitsfähigkeit gestiegen, er konnte wieder besser sehen und habe aufgehört zu schnarchen."

Buch zur Debatte

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Ezra Klein, Kolumnist der New York Times, hat zusammen mit dem Wirtschaftsjournalisten Derek Thompson ein Buch geschrieben, "Der neue Wohlstand", das die Utopie vom guten Leben für alle schon heute für machbar hält, berichtet in der SZ Andrian Kreye. Umverteilung ist dabei - genau wie ungebremstes Wachstum - nicht die Lösung, weil sie keine Innovation beförderten, und genau die sei nötig: "Die Autoren finden dafür ein hübsches Bild: 'Würde es Ihnen gelingen, einen Blaubeerkuchen wachsen zu lassen, dann hätten Sie mehr Blaubeerkuchen', schreiben sie. 'Ökonomisches Wachstum entsteht aber nicht durch eine Anhäufung des immer Gleichen. Der Unterschied zwischen einer Volkswirtschaft, die wächst, und einer Volkswirtschaft, die stagniert, liegt im Wandel. Veranlassen Sie eine Volkswirtschaft zu wachsen, beschleunigen Sie eine andere Zukunft. Je mehr Wachstum es gibt, desto radikaler unterscheidet sich diese Zukunft von der Vergangenheit.' Aber gerade da scheitere die Konservative, die sich kulturell und gesellschaftlich viel zu sehr in der Vergangenheit verheddert", während die Linken überhaupt jeden Zukunftsglauben verloren hätten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2025 - Ideen

Francis Fukuyama hatte 1989 seinen Essay "Das Ende der Geschichte?" veröffentlicht, der später dann ohne Fragezeichen als Buch gedruckt wurde und sinnbildlich für die falschen Hoffnungen nach dem Ende der Sowjetunion stand, schreibt Alan Posener in der Welt. Dabei hält der Text auch heute noch Erkenntnisse bereit. Zum Beispiel, dass einer der größten Feinde der Demokratie die Langweile ist. Zitat Fukuyama: "'Die Erfahrung legt nahe, dass Menschen, wenn sie nicht für eine gerechte Sache kämpfen können, weil sich diese gerechte Sache in der vorigen Generation durchgesetzt hat, dann eben gegen die gerechte Sache kämpfen werden.' Haben sich Friede, Wohlstand und liberale Demokratie durchgesetzt, werden sie eben gegen diesen Frieden, diesen Wohlstand und diese Demokratie kämpfen." Die 68er gingen voran, jetzt sind es die Rechten: "Nicht zufällig tauchen viele Losungen und Haltungen, die man früher mit '68' assoziierte, nun bei den Rechtspopulisten auf. So die antiautoritäre Haltung, die etwa in der Pandemie den Rechten viele Anhänger zutrieb." Kurz: "Es ist, als hätte der Rationalismus die Seiten gewechselt."

Eine Demokratie braucht heutzutage mehr als regelmäßig stattfindende Wahlen, erklärt der belgische Autor David Van Reybrouck im FR-Interview mit Michael Hesse. "Wahlen sind wichtig", aber sie müssten ergänzt werden (...). Aber das Wahlrecht allein reicht nicht. Unser System ist zugleich auch elitär, schon sprachlich: 'Election' und 'Elite' haben denselben Ursprung. Es ist ein Ausleseprozess, der viele ausschließt. Alle dürfen wählen, aber nur wenige gelangen ins Parlament. Die praktisch Ausgebildeten sind fast völlig abwesend. Die repräsentative Demokratie kann sich deswegen auch sehr demütigend anfühlen. Deshalb müssen wir Wahlen ergänzen: durch direkte Demokratie - Referenden - und deliberative Demokratie - Bürgerräte. Nur so fühlen sich auch jene wieder als Teil der Gesellschaft, die sich heute abgehängt fühlen. Es ist merkwürdig, obwohl wir das Wahlrecht haben, wofür meine Großeltern gestritten haben, erfahren die Menschen einen tiefen Frust mit der Demokratie. Für mich heißt das, das Wahlrecht ist wichtig, aber nicht genug."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2025 - Ideen

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Warum wird die Philosophin Simone Weil gerade heute wieder so viel gelesen? Joseph Hanimann gibt in der FAZ einen Überblick über die aktuelle Rezeption. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Matz untersucht beispielsweise "ihre Entwicklung von der strikten Kriegsverweigerung zur resoluten Kampfbereitschaft" anhand ihres Essays "Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt". "Durch eine minutiöse Wiederlektüre von Homers "Ilias" suchte Simone Weil in den Jahren 1937/38 zu zeigen, dass jenes Epos wie kein anderes die wahre Natur der Gewalt im Krieg darstelle. Über jede Taktik und politische Logik hinweg folge diese Gewalt ihrer eigenen blinden Dynamik und mache alles, was sie sich unterwerfe, zum bloßen Ding, das heißt in letzter Konsequenz den Menschen zur Leiche. Das sei so unabwendbar wie ein Naturgesetz. Welche Konsequenz abgesehen von schlichter Verweigerung daraus zu ziehen ist, kommt in jenem Aufsatz noch nicht wirklich zur Sprache. 'Der Ilias-Essay ist resigniert und realistisch, zutiefst verzweifelt und von einem existentiellen Willen zum Widerstand', resümiert Matz."
Stichwörter: Weil, Simone

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2025 - Ideen

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"Wir dürfen uns nicht weiter in einem Kult der Wehrlosigkeit einkapseln und das auch noch als Tugend verkaufen", sagt der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen, der im NZZ-Interview mit Paul Jandl den "strukturellen Pazifismus" der Linken kritisiert. Fassunglos macht ihn aber auch die Faszination der Neuen Rechten für Putin: Putin "lässt bei seinen Auftritten Hymnen zu Ehren von Stalin spielen und vernichtet die Erinnerungsarbeit, die mit dem Stalinismus zu tun hat. Es ist ein absolutes Versagen der Neuen Rechten, dass sie das nicht zur Kenntnis nehmen will. Was an Putin gefällt, ist seine Verachtung eines gewissen Pluralismus, aber vor allem ist es ein Kampf gegen die Nato. Was ich festgestellt habe: Die Neue Rechte weiß vom Zustand in Russland verdammt wenig. Würde sie in Russland versuchen, ihre Ideen umzusetzen, würde sie sehr schnell zu spüren bekommen, was eine Diktatur ist." 

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Der Philosoph Otfried Höffe sinniert im FR-Interview mit Michael Hesse indes darüber, was Kant über KI gedacht hätte. Er würde "den gemäß seiner berühmten Bestimmung für die Aufklärung unverzichtbaren Mut vermissen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, nicht zuletzt so elementare Fähigkeiten, über die schon Pflanzen verfügen, wie der Selbstorganisation und der Selbstreproduktion. Die Aufgabe, die Forschung zur sogenannten künstlichen Intelligenz auf den Weg zu bringen, sie zu kontrollieren und rechtzeitig vor Gefahren zu warnen, also die drei für eine wahre Intelligenz unverzichtbaren Aufgaben, eine Initialmacht und eine Kontrollmacht auszuüben und ein Frühwarnsystem einzurichten, vermag letztlich nur der natürliche Mensch zu leisten und kein künstliches Gerät samt seinen unvorstellbar komplexen Algorithmen."
Stichwörter: Lethen, Helmut, Nato

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2025 - Ideen

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Der Philosoph Hanno Sauer, der auch ein Buch über soziale Distinktion geschrieben hat, erklärt im Welt-Gespräch, wie sich "Klassenzugehörigkeit" heute ausdrückt. Während für die "obere" Klasse immer noch Statussymbole wie große Häuser und teure Autos wichtig sind, gibt es in links-liberalen Kreisen andere kulturelle "Währungen": "Es wurde ja in den vergangenen Jahren oft gesagt, dass soziale und politische und intellektuelle Diskurse sich sehr moralistisch anfühlen. Dafür gibt es Begriffe wie 'virtue signaling' - also moralische Selbstdarstellung. Man prahlt damit, dass man sich noch stärker als andere einsetzt gegen Rassismus, gegen Sexismus und gegen Ableismus. Und dass man nicht mehr 'arme Menschen' sagt, sondern 'armutsbetroffene Menschen' oder so. Diese linguistischen Reformen rühren daher, dass Menschen Statuswettbewerbe primär mit moralischer Währung austragen. Das wiederum liegt daran, dass es viele Menschen gibt, die sogenannte 'High-Status-Low-Pay-Jobs' haben. Das sind Jobs mit einem relativ hohen Prestige, wie zum Beispiel Universitätsprofessor oder Feuilletonredakteur. Das sind coole Berufe. Aber damit wird man nicht reich."
Stichwörter: Soziale Klasse, Rassismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2025 - Ideen

Im FR-Interview mit Bascha Mika will der Politologe Wolfgang Merkel mit Blick auf das System Trump weder von Faschismus noch von Plutokratie sprechen. Geeigneter scheint ihm der Begriff des "Sultanismus" im Sinne Max Webers, der von einer "Sphäre freier, traditionsungebundener Willkür" sprach. So ersetze Trump "formalen Institutionen durch informelle Loyalitätsbeziehungen" und hebe die Trennlinie zwischen dem Privaten und dem Staatlichen auf. Genau wie Viktor Orban betreibe Trump dieses hochkorrupte System nicht besonders versteckt. Aber: "Bei Trump kommt aber noch etwas hinzu: Er feiert dieses Verhalten geradezu als eine besonders potente Form des politischen Agierens. Daran zeigt sich auch das Sultaneske: Ihm sollen Geschenke gemacht werden, von Katar hat er sie ja schamlos offen eingefordert. Er glaubt, es stehe ihm zu. Was da sichtbar wird, hat nicht etwas verschwiegen Korruptes, es ist ein offen sultanisches Auftreten. Die Grenzen zwischen Staat und persönlichem Eigentum werden verwischt - ohne dass Trump Gefahr läuft, dafür vor Gericht zu landen. Verglichen mit seiner ersten Amtszeit geht es jetzt in der zweiten noch einmal in ganz andere Sphären der Bedrohung, der Patronage, des Nepotismus und der Korruption."