9punkt - Die Debattenrundschau

Kühle Schönheit und zwingende Sinnhaftigkeit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.03.2021. In der NZZ singt Eva Menasse dem NDR-Podcast von Christian Drosten ein Ständchen. So funktioniert Argumentation, lobt sie, nicht mit Rechthaberei, sondern mit ständiger Überprüfung des eigenen Standpunkts. Die SZ hat herausgefunden, dass es kaum eine Aktivität im Netz gibt, von der die Plattformen nicht profitieren. In der FAZ zeichnet Viktor Jerofejew ein liebevolles Porträt der Krim, die sich nie ukrainisch fühlte, aber russisch eigentlich auch nicht. Die FAS bleibt bei postkolonialen Theorien über den Holocaust skeptisch.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.03.2021 finden Sie hier

Gesellschaft

In der NZZ singt Eva Menasse dem NDR-Podcast von Christian Drosten ein Ständchen. So funktioniert eine echte Debattenkultur, lobt sie, nicht mit Rechthaberei, sondern mit ständiger Überprüfung des eigenen Standpunkts. Drosten und andere Forscher "haben sich manchmal innerhalb eines Tages drastisch korrigiert. Ohne jedes schlechte Gewissen: 'Ich habe gestern Nacht noch ein paar Studien gelesen, und daher . . .' Die Arbeit eines Wissenschaftlers strebt nicht danach, die eigenen Annahmen einzubetonieren, sondern sie hart zu überprüfen. Wie ein Schachspieler, der gegen sich selbst spielt, wie ein Hacker, der die eigene Firewall attackiert: Wie kommt man rein, wo ist mein Leck? Ausgesiebt wird, was fehlerhaft oder nicht gut genug ist; das Übrige ist vorläufig richtig. Schon am nächsten Tag kann es falsch sein. Und das ist die kühle Schönheit und zwingende Sinnhaftigkeit wissenschaftlichen Denkens, maximal entfernt von all dem entsicherten Meinen, grundlosen Schreien und Beleidigtsein, das die Welt erfüllt."

"Blackfacing" oder "Kulturelle Aneignung" etwa in parodistischen Karnevalskostümen sind heute tabu. Michael Miersch findet in seiner "Zwischenrufe"-Kolumne bei den Salokolumnisten aber noch bedenkliche Ausnahmen von der Regel: "Nun fiel mir beim Nachdenken darüber auf, dass es einen Bereich gibt, der von diesem Verdikt bisher verschont blieb: Travestieshows. Jedenfalls habe ich noch von keinem Protest dagegen gelesen oder gehört. Dort werden Frauen parodiert. Schlimmer noch: Frauen werden auf angeblich typisch weibliche Ausdrucksformen und Gesten reduziert. Skandal!!! Wenn ein Indianerkostüm Rassismus ist, dann sind Travestieshows eindeutig Sexismus. Ein Fall für woke Kulturwächter."
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Kulturpolitik

Die  Fotojournalistin und Kuratorin Maren Lübbke-Tidow berichtet für die FAZ über ein Online-Symposion zum projektierten "Deutschen Fotoinstitut", das in den Ruch geriet, eine Reparaturanstalt für die alternden Werke Andreas Gurskys und der Düsseldorfer Schule werden zu sollen. Um so mehr wundert sich Lübbke-Tidow, dass das Symposion nur "Denkanstöße für das Rheinland und Ruhrgebiet" geben wollte: "Dies war eine Selbstbeschränkung, die dem nationalen Anspruch des künftigen Instituts nicht gerecht wird, und man musste sich fragen, warum hier nicht bundesländerübergreifend, ja international, divers und auch generationenübergreifend über ein Medium diskutiert wurde, das wie kein anderes über regionale und nationale Grenzen hinweg global verständlich und zugleich noch immer zu wenig erforscht ist und internationale Standards zur Verständigung braucht."

Ideen

Claudius Seidl setzt sich in der FAS mit Theorien auseinander, die den Holocaust irgendwie in eine größere Kolonialgeschichte ein- und vor allem unterordnen wollen. Unter anderem kommt er auf die Mbembe-Debatte zurück und zitiert Michael Rothbergs Buch über "Multidirektionale Erinnerung", das nun auf deutsch übersetzt wurde. Einleuchten tun ihm die postkolonialen Thesen nicht: "Kann schon sein, dass das borniert klingt, aber die Ermordung der Juden war eben in erster Linie das Werk der Deutschen - und ganz egal, ob einer heute der Nachkomme von Tätern, Indifferenten oder der wenigen Widerstandskämpfer ist: Man bewohnt jedenfalls als Deutscher einen gemeinsamen Geschichts- und Erinnerungsraum mit den Nachkommen der Opfer und Überlebenden."

Ausgerechnet Im Begriff des "Respekts" will Olaf Scholz, Kanzlerkandidat der SPD, einen Schlüssel finden, um identitäts- und sozialpolitische Forderungen zu versöhnen. In einem  Essay für die FAZ schreibt er: "In einer Gesellschaft des Respekts ist eine Politik des Respekts erforderlich. Sie spielt Identitätsfragen, eine Antidiskriminierungspolitik und die soziale Frage nicht gegeneinander aus. Sie ist liberal und sozial. Sie ist konsequent gegen Rassismus und Sexismus. Und sie wendet sich gegen den 'Klassismus' in unserer Gesellschaft, die teils subtile, teils offen verhöhnende Verachtung vieler hart arbeitender Bürgerinnen und Bürger und ihrer Lebensweisen. Daher geht es für mich um Respekt und Anerkennung auf allen Ebenen."
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Europa

Zu sagen, in Osteuropa grassiere der Populismus, wäre eine Untertreibung, meint Ulrich M. Schmid in der NZZ. Vielmehr melde sich ein beinharter, antiwestlicher Konservatismus zurück, der sich gerne auf die spezielle Identität, Kultur und das Wertesystem des jeweiligen Landes zurückzieht. Zum Beispiel in Polen, wo der Kaczynski-treue Philosoph Marek Cichocki sich in einem Essayband gerade gegen die Vorstellung gewehrt habe, "Polen gehöre zu 'Osteuropa'. Polen stelle vielmehr eine seltene Exklave der römischen Latinität im Norden dar. Cichocki hebt die Tradition der polnisch-litauischen Adelsrepublik hervor, in der politische Entscheidungen immer von einer moralischen Elite gefällt wurden. Durch diese historische Eigenart gehöre Polen gerade nicht zum Projekt des Westens mit seinen liberalen Traditionen. Der Hauptvektor der polnischen Politik bestehe nicht in individueller Freiheit, sondern in der Moral."

Die Krim hat sich nie ukrainisch gefühlt (Chruschschow hatte sie der Ukraine "geschenkt"). Aber auch nie eigentlich russisch. Falls sie sich die Krim-Bewohner Hoffnungen auf Putin machten, sind sie längst verflogen, schreibt Viktor Jerofejew in einem liebevollen historischen Porträt der Krim für die FAZ: "Die Krimbewohner halten durch. Zurück in die Ukraine zieht es sie nicht, aber große Illusionen darüber, dass die Krim innerhalb Russlands aufblühen würde, machen sie sich auch nicht mehr. Inzwischen sind die Putin-Plakate von den Straßenrändern verschwunden, weil sie die Menschen gereizt machen, denen die neuen Paläste von Putin und seinen Freunden den Zugang zum Meer versperren."

Amnesty International und seine Generalsekretärin Julie Verhaar geraten immer mehr in Bedrängnis, weil sie Alexei Nawalny den Status eine "Prioner of Conscience" aberkannten. Der Organisation wird vorgeworfen, einer russischen Lobbykampagne nachgegeben zu haben, berichtet Klaus-Helge Donath für die taz: "Unter anderem sorgte für Unverständnis, dass Verhaar und weitere leitende Amnesty-Mitarbeiter in London auf einen russischen Komödianten hereingefallen waren, der sich via Zoom als Nawalnys Stabschef Leonid Wolkow ausgab und dem gegenüber sie bedauerten, Nawalnys Sache zu 'untergraben'. Der richtige Wolkow sagte, allein das müsse für die Amnesty-Führung ein Rücktrittsgrund sein. 'Amnesty hat Putin einen PR-Erfolg geschenkt', schrieb der britische Labour-Abgeordnete Chris Bryant und legte seine Amnesty-Mitgliedschaft nach 35 Jahren nieder."
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Medien

In der NZZ ärgert sich Peter Strasser, dass die Medien die neuen Wutbürger so bedenkenlos mit dem Begriff "Querdenker" - so nannte man einst Intellektuelle wie Robert Jungk, Erwin Chargaff, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno oder Paul Feyerabend - geadelt haben, statt sie als das zu bezeichnen was sie sind: Hassprediger. Und es waren gerade die seriösen Medien, "die das dummdreiste Begriffsgehabe im Internet und am Boulevard in ihre Berichtsterminologie aufnahmen, meist ohne Anführungszeichen, ob geschrieben oder gesprochen. Damit wurde den alten klugen, störrischen Köpfen - den Querdenkerköpfen von einst - ein denkbar schlechter Dienst erwiesen."
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Stichwörter: Querdenker

Internet

In der SZ lädt Michael Moorstedt die Browsererweiterung Big Tech Detective herunter, eine  Software, die alle Webseiten blockiert, die Daten "an Amazon, Facebook, Google und Microsoft übertragen oder von deren Servern laden". Danach kann man das Internet kaum mehr benutzen, notiert er. "Die neuesten Nachrichten? Eher nicht. Wetter? Leider nein. Streamingportale, soziale Netzwerke, Online-Shopping, Lexika, Navigation? So gut wie alle Standardanwendungen im Netz bleiben durch das Programm verwehrt, und vor beinahe sämtliche der fünfzig populärsten Seiten in Deutschland kleistert die Software ein anklagendes rotes Banner. Nur vereinzelt findet man kleine Inseln im Meer der Monopolisten." Ob die Süddeutsche auch dazu gehört, verrät er nicht.
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Geschichte

Ein Erlass des römischen Kaisers aus dem Jahr 321, der die jüdischen Bürger von Köln betraf, wird zum Anlass, 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland zu feiern. Nur war Deutschland damals nicht "Deutschland" und Köln eine römische Stadt, kritisiert der Althistoriker Hartmut Leppin in der FAZ: "Es wird eine Kontinuität suggeriert, die zweifelhaft ist."
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