9punkt - Die Debattenrundschau

Alles, was hochriss

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.05.2018. Die taz fragt: Sind offene Grenzen überhaupt ein linkes Konzept? Außerdem erkundet sie, was Ostdeutsche und Migranten verbindet. Im Blog der NYRB erinnert Todd Gitlin daran, dass 1968 in den USA das Jahr von Brutalität, Tragik und großem Backlash war. ZeitOnline und Übermedien diskutieren Jan Böhmermanns Reconquista Internet. Und in der Welt stellt Michael Angele klar: Frank Schirrmacher war kein Machtmensch, sondern ein Rauschmensch.

Ideen

In der taz denkt Stefan Reinicke noch einmal darüber nach, ob offene Grenzen für alle wirklich ein linkes Konzept ist: "Ist 'Grenzen weg' das richtige Ziel? Noch nicht mehrheitsfähig, aber vernünftig, so wie es vor hundert Jahren die Forderung nach dem Frauenwahlrecht war? Eher nicht. Unter den Fürsprechern offener Grenzen sind nicht zufällig viele Neoliberale und Linksradikale, die beide den Staat geringschätzen. Das globale Recht auf Migration würde, jedenfalls absolut gesetzt, die aufnehmenden Staaten ruinieren. Nationalstaaten brauchen einen definierten Souverän. Wenn Migranten sofort alle Rechte bekämen, würde das Kollektiv der Staatsbürger diffus und unverbindlich zu werden drohen ... Eine Welt ohne Staaten und Grenzen wäre nicht friedlicher und freier, sondern chaotischer und rechtloser."

Haben Sexroboter Gefühle? Slavoj Žižek möchte in der NZZ etwaigen Debatten um Grundrechte für Künstliche Intelligenzen den Saft abdrehen, er sieht darin reine Lustfeindlichkit am Werk: "Heutige Sexroboter sind nichts weiter als mechanische Puppen, die jedes Innenlebens entbehren. Das wissen natürlich auch die Befürworter solcher Forderungen. Ihnen ist es auch nicht wirklich um KI-Maschinen zu tun, die weder Schmerz noch Scham empfinden. Vielmehr haben sie es darauf abgesehen, die problematischen, aggressiven Begierden, Phantasien und Lüste von uns lasterhaften Menschen zu unterdrücken."

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Geschichte

Im Blog der NYRB erinnert der New Yorker Soziologe Todd Gitlin daran, dass sich das Jahr 1968 aus amerikanischer Perspektive ziemlich düster ausnimmt, nämlich als eine Folge von Brutalität, Rebellion und Tragödie - die Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy, die prügelnden Polizisten in Chicago, die schockierenden Bilder aus Vietnam: "Es ist heute schwer zu vermitteln, dass es Schock und Panik waren, die die Welt vor einem halben Jahrhundert erschütterten. Noch schwerer zu begreifen ist, das der große Sieger von 1968 die Konterrevolution war ... Auch wenn sich die radikale Linke an ihrer Vorstellung von Revolution begeisterte, ist die eigentliche Geschichte eher das Gegenteil, ein großer Schwenk zur Regression, die sich bis heute, wenn auch nicht ununterbrochen, fortsetzt. Der Reform-Ära des New Deal, die von der Überzeugung getrieben war, dass Regierungen dem Allgemeinwohl zugute kommen können, ging die Kraft aus. Die glorreichen Jahre der Brügerrechtsbewegung waren zu Ende. Der entsetzliche Vietnamkrieg, der die Lunte an Amerikas Ideale gelegt hatte, sollte noch weitere sieben Jahre unentschuldbaren Tötens bringen. Die große Linie dieser Geschichte ist der Backlash."

Dass der Antisemitismus in islamischen Ländern heute weit verbreitet ist, sieht der amerikanische Historiker Peter Wien in der SZ politisch und gesellschaftlich begründet, nicht aber religiös: "Im Islam gibt es keinen traditionellen, religiös oder rassistisch begründeten Antisemitismus.  Die Akzeptanz antisemitischer Vorurteile unter Muslimen sollte aber politisch und gesellschaftlich eingeordnet werden und nicht religiös. Ohne die koloniale Unterwerfung der arabischen Welt im 19. und 20. Jahrhundert ist die Verbreitung antisemitischen Gedankenguts auch in anderen islamischen Ländern kaum denkbar. Zu einem wirklich antisemitischen Vorfall kam es im Nahen Osten zuerst 1840 in Damaskus im Milieu katholischer Missionare. Ein italienischstämmiger Mönch war verschwunden, mehrere unter Folter erzwungene Aussagen schrieben sein Verschwinden den Juden zu, die es angeblich auf das Blut des Opfers abgesehen hatten, um Matze zu backen."

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Gesellschaft

Im taz-Interview mit Daniel Schulz spricht die Migrationsforscherin Naika Foroutan über die Erfahrungen, die Ostdeutsche und Migranten in Deutschland teilen: "Ostdeutsche sind irgendwie auch Migranten: Migranten haben ihr Land verlassen, Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen. Das setzt ähnliche Prozesse in Gang, beispielsweise die Verschönerung der Erinnerung. Dieses Festhalten an einer idealisierten Vergangenheit haben wir auch bei vielen Migranten. Auch die Erfahrung, sich für seine Herkunft zu schämen. Die Ankunft ist auch deswegen erschwert, weil die Anerkennung fehlt." Und sie müssten sich auch ähnliche Vorwürfe anhören: "Viele Westdeutsche haben Türken, Italienern und Ostdeutschen gleichsam unterstellt, sie hätten nie gelernt, richtig zu arbeiten."
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Stichwörter: Migrationsforschung

Europa

In London steht offenbar wieder einmal eine alles entscheidende Sitzung zum Brexit an, auf der sich die Tories im Kabinett auf ein Vorgehen einigen wollen. Im Guardian zeigt Marina Hyde Anzeichen von Erschöpfung: "An der Uni brachte es ein Freund von mir fertig, achteinhalb Stunden lang den Snooze-Knopf seines Weckers zu drücken. Kann man sich das vorstellen? Alle zehn Minuten quälender Aufschub, der einem nur das Schlechteste beider Welten lässt. Das scheint Britanniens Brexit-Strategie... Letztes Jahr sagte mir ein Leave-Befürworter: 'Das Problem am Brexit ist, dass er vom britischen Establishment organisiert werden muss.'"
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Stichwörter: Brexit

Medien

Seit einigen Tagen macht eine Aktion des ZDF-Satirikers Jan Böhmermann von sich reden - "Reconquista Internet" soll eine satirische Nachahmung eines rechtsextremen Troll-Netzwerks namens "Reconquista Germanica" sein. Im Rahmen der Aktion ließ Böhmermann auch Listen von "Rechten" zirkulieren, die man blockieren soll, auf denen sich auch Namen wie Roland Tichy finden. Stefan Niggemeier kritisierte die Aktion zuerst in seinen Übermedien. Jochen Bittner schrieb dann auf Zeit online: "Twitter-Accounts wie die von, sagen wir, Emma Richter, Dushan Wegner oder Roland Tichy sind .. hochgradig diskursiv; sie sind provokant, bisweilen emotional und pauschalierend, aber sie verstoßen gegen keine Gesetze. Niemand muss sie mögen. Nur: Ihre Freiheit, sich zu äußern, die muss man in einem von Kant und Grundgesetz geprägten Land halt, ja, lieben. Wer, wenn nicht Jan 'Be Deutsch' Böhmermann wüsste das." Die Meedia-Redaktion resümiert die Debatte mit vielen Links und Videos. Auf Twitter kam's zum direkten Schlagabtausch zwischen Böhmermann und Bittner.

Weiteres: Im NZZ-Interview mit Florian Sturm gibt die amerikanische Medienwissenschaftlerin Andie Tucher den Kampf gegen Fake News fast schon verloren: "Die Leute neigen dazu, dem zu vertrauen, was sie sehen. Doch Videos können nun in bisher nicht gekanntem Ausmaß verändert werden. Das sollte nicht nur die Journalisten, sondern auch die gesamte demokratische Gesellschaft in Alarmbereitschaft versetzen." Der Betriebswirtschaftler Jochen Zimmermann fordert in der FAZ mehr Ökonomie für die Öffentlich-Rechtlichen: "Der Wettbewerb um die Mittel der Mediennutzer verbessert die Qualität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und macht ihn den Nutzern unmittelbar verantwortlich."

Die Welt bringt einen Vorabdruck aus Michael Angeles Buch "Schirrmacher. Ein Porträt". Darin verteidigt Angele den einstigen FAZ-Herausgeber sehr überzeugend gegen einige gängige Verdikte: "Lässt  sich  Schirrmacher  auf  die  Figur  des Machtmenschen reduzieren? Nein, meint ein Beobachter:  'Der richtige Machtmensch geht nur nach Macht, er will den anderen nicht bezaubern und ihm gefallen. Schirrmacher war ein Rauschmensch, und wenn es eine Cola war, Zigaretten, Koffein, alles, was hochriss."

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