9punkt - Die Debattenrundschau

Fakten hin, Fakten her

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.12.2016. 'Postfaktisch' ist zurecht Wort des Jahres, meinen die Kommentatoren, nur über die Nützlichkeit des Begriffs sind sie uneins. Postfaktisch, das sind die anderen, weiß Zeit Online. Fakten sind ohnehin überschätzt, findet Karl-Heinz Ott in der NZZ. In der FAZ erklärt Bernd Hüppauf, warum es in den USA keine Intellektuellen gibt. Joseph Vogl und Ethel Matala de Mazza versuchen sich in der taz an einer analytischen Bestimmung des Populismus. Und die SZ besteht auch im Zeitalter von Big Data auf die Autonomie des Einzelnen.

Gesellschaft

Praktisch, dass Begriffe unbenutzbar werden, wenn sie zum Wort des Jahres gekürt werden, meint Felix Stephan in Zeit Online, der Kampfbegriff "postfaktisch" war ohnehin nicht mehr zu gebrauchen: "Seit auch die Anhänger des Totalitarismus das Wort entdeckt haben, ist niemand mehr selbst postfaktisch, sondern immer nur der andere. Und eine Instanz, die entscheiden könnte, wer denn nun wirklich postfaktisch argumentiert, gibt es immer noch nicht. Auf diese Weise hat das Wort auf seinem Weg vom historischen Institut der Harvard University über die Medien und die sozialen Netzwerke in die Reden führender Politiker wie Angela Merkel all seine Bedeutung verloren. Es bedeutet schon jetzt, neun Monate nach seiner Erfindung, nur noch: nicht den Fakten entsprechend. Dafür gab es allerdings schon vorher Wörter: 'falsch' oder 'unwahr' haben sich zum Beispiel lange bewährt."

Die politischen Trennlinien verlaufen nicht "zwischen Faktengläubigkeit und postfaktischer Chuzpe, sondern zwischen Lebensvorstellungen, die man für richtig hält, und solchen, die man bekämpft", schreibt der Schriftsteller Karl-Heinz Ott in der NZZ: "Jede politische Richtung trägt ein Credo vor sich her, und welcher wir uns näher fühlen, hängt von der Frage ab, in welcher Sorte von Gesellschaft man sich lieber bewegt. Die einen wollen tradierte Weltbilder überwinden, die andern an ihnen festhalten, Fakten hin, Fakten her. Würden Politiker lediglich auf Fakten setzen, könnten sie keinen einzigen Wahlkampf gewinnen... Wer Wissen als Allheilmittel gegen alle nur erdenklichen Probleme anpreist und meint, damit sei man sogar gegen Rassismus und andere Übel gefeit, verwechselt Information mit Haltung und Wissen mit Einstellung. Kenntnisse schaden nicht, bewirken aber auch nicht viel."

Im Tagesspiegel analysiert Malte Lehming den Begriff, der ihm im Jahr von Brexit und Trump durchaus aussagekräftig erscheint: "In der postfaktischen Welt wird das für wahr gehalten, worüber viele Menschen reden. Facebook etwa mit seinen weltweit rund 1,7 Milliarden Nutzern jeden Monat versteht sich nicht als Medienunternehmen, sondern als eine Technologiefirma. Ein Algorithmus wertet die Datenmengen aus und sortiert sie nach Trends. Ob wahr oder falsch, spielt keine Rolle, Hauptsache viel 'traffic', ein hohes Leseaufkommen, lange Verweildauer. Das ist das Geschäftsmodell. Ungefähr zwei Drittel aller Amerikaner beziehen ihre Nachrichten inzwischen von sozialen Diensten, Tendenz stark steigend."
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Ideen

In der taz versuchen die Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl und Ethel Matala de Mazza den Begriff 'Populismus' analytisch zu bestimmen. In diesem Zusammenhang erinnern sie auch daran, dass es die amerikanische People's Party war, die den abwertenden Ausdruck 'populists' erstmals positiv für sich besetzte: "Umgekehrt hat etwa in Frankreich Marine Le Pen das Abschätzige des Populismus aufgegriffen, umgewendet und in einen Kampfbegriff für angebliche und rumorende 'Mehrheiten' gegen sogenannte 'Eliten' investiert. Mit solidarischer Interessenvertretung hat der Populismus unserer Tage wenig zu tun. Es geht nicht primär um politische Sachgehalte, sondern um dumpfe Feindschaftserklärungen. Die politische Willensbildung erschöpft sich in der Regung des Unwillens. Mit dem Populismus steht insofern die Trennschärfe zwischen der Bejahung politischer Interessen und der Organisation von Ressentiment auf dem Spiel."

Der Hang zur Vereinfachung ist nicht nur unter jenen vermeintlich Abgehängten verbreitet, die auf Populisten reinfallen, sondern ein allgemein menschlicher Zug, meint der Nachhaltigkeitsforscher Felix Ekardt in Zeit Online: "Evolutionsbiologisch sind solche grundlegenden Emotionen vermutlich entstanden, um die Kooperation der Menschen zu sichern und den Einzelnen nicht mit einer überkomplexen Welt zu belasten. Nur: Wenn wir uns eine ökonomisch, technisch und politisch immer undurchsichtigere Welt bauen, funktioniert diese Steinzeitstrategie nicht mehr. Wir müssen lernen, mehr Unsicherheit und Komplexität auszuhalten, auch wenn uns der Vereinfachungsdrang noch so sehr packt."

Dass die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten auf ein Versagen der amerikanischen Intellektuellen zurückzuführen sei, ist ein verbreiteter Befund. In der FAZ fragt der Germanist Bernd Hüppauf allerdings: Welche Intellektuellen hätten ihn denn bitteschön verhindern sollen? "Für urbane Intellektuelle bieten Kultur und Gesellschaft der Vereinigten Staaten keinen Nährboden. Öffentliche Debatten, in denen europäische Gesellschaften die Frage nach der 'geistigen Situation der Zeit' (Karl Jaspers 1931) zu klären suchten, hat es in den Vereinigten Staaten nicht gegeben. Es fehlt an der Dichte der Kommunikation. Selbst in New York, der europäischsten Stadt der Vereinigten Staaten, findet sich die Subkultur nicht, in der Intellektuelle und ihre Streitgespräche gedeihen."

Weiteres: In der NZZ berichtet Claudia Mäder von einem Auftritt Alain Badious in Zürich, bei dem der französische Philosoph das binäre Modell Kapitalismus/Kommunismus ausmottete. Und Martin Reichert schreibt in der taz einen Nachruf auf Hildegard Hamm-Brücher.
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Urheberrecht

(via Zeit Online) Die Entscheidung des Landgerichts Hamburg zur Einschränkung der Linkfreiheit (unser Resümee) könnte weitreichende Folgen haben, fürchtet Friedhelm Greis in Golem.de: "Dies wäre der Fall, wenn nun tatsächlich Medien oder andere Firmen abgemahnt würden, weil sie auf Seiten mit urheberrechtlich geschütztem Material verlinken. Auf Basis des nun erfolgten Beschlusses könnten sich Rechteinhaber darauf berufen, dass die Firmen ihre Prüfpflichten verletzt hätten. Nach Ansicht der Kanzlei ist kein Grund ersichtlich, 'warum diese Rechtsprechung nicht auch auf mit Gewinnerzielungsabsicht genutzte Social Media-Accounts anwendbar sein sollte'. Dies gelte insbesondere für Accounts und Fanpages von Unternehmen und Organisationen. Selbst Auswirkungen auf den Bereich der politischen Meinungsbildung seien nicht auszuschließen."
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Stichwörter: Linkfreiheit, Urheberrecht

Internet

Im Zusammenhang mit dem viel diskutierten Artikel aus dem Schweizer Magazin über Micro-Targeting im US-Wahlkampf (unser Resümee) denkt Johannes Boie in der SZ über Autonomie und Fremdbestimmung in Zeiten von Big Data nach: "Die Adressaten selbst der perfidesten Onlinewerbung und Fake News sind immer noch autonome Bürgerinnen und Bürger, die erst mit ihren eigenen Beschäftigungen und Daten die Botschaften anlocken. Und die natürlich auch selbst ihre Wahlentscheidung treffen...  Gerade die multioptionalen Bedingungen der pluralistischen Gesellschaft könnten auch die Grenzen der politischen Manipulation sein. Einfacher gesagt: Wir kaufen ja auch sonst nicht alles, was uns Anzeigen anbieten."
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Europa

Hohe Wellen haben Brexit-freundliche Äußerungen des britischen Historikers Niall Ferguson geschlagen, der sich vor der Abstimmung noch für einen Verbleib Großbritanniens in der EU ausgesprochen hatte. Weniger überraschend als sein Sinneswandel ist jedoch, dass er überhaupt zunächst eine Pro-EU-Haltung eingenommen hatte, meint Hansjörg Müller in der Basler Zeitung: "In seinem Buch 'Der Westen und der Rest der Welt' (2011) hatte Ferguson argumentiert, Europas Aufstieg sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass der Kontinent aus Hunderten miteinander konkurrierender Staaten bestanden habe. Im Lichte seiner Werke wirkt Fergusons EU-kritische Haltung konsequent. Freilich fragt man sich, warum er es einmal anders sah. Fergusons Begründung wirkt schockierend ehrlich: Sein Fehler sei es gewesen, den damaligen Premier David Cameron und dessen Schatzkanzler George Osborne im Abstimmungskampf unterstützen zu wollen. Wohl nur selten hat ein Intellektueller so offen zugegeben, eine Position allein aus Beziehungs­korruption eingenommen zu haben."
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Stichwörter: Brexit, Niall Ferguson