Snapshots Blog - von Sascha Josuweit

Brüder zur Freiheit

Von Sascha Josuweit
05.05.2014. Aleatorisch Bildmaterial, Netznews und Gossip verarbeitend erkundet unser Autor die Möglichkeiten eines Parallelfeuilletons


Der ökonomische Schaden, der dem japanischen Staat alljährlich durch seine gesellschaftlichen Aussteiger, sogenannte Hikikomoris, entsteht, die ihre Zimmer nur nachts verlassen, um Einkäufe zu tätigen oder eine Dusche zu nehmen, ist nichts im Vergleich zu den Verheerungen in der Seele des Einzelnen, der diesen Weg ja nicht aus Vergnügen beschreitet. In Japan kümmert sich immerhin das Gesundheitsministerium darum. Dass auch er einer Lost Generation angehörte, war Stefan gar nicht bewusst. Bis er im Fernsehen eine Reportage über Lemmy Kilmister sah. Der Rockstar trug nicht nur zwei große Fibrome auf der linken Wange, sondern auch einen Defibrillator über dem Herzen. Und er sammelte allerhand Scheiß - Spielautomaten, Totenköpfe, Nazikram. Seine Wohnung in Los Angeles war voll davon. Kilmister war ein Freak. Wenn er nicht gerade irgendwo »Ace of Spades« in ein Mikro krächzte, saß er auf seiner Bude und spielte World of Tanks und soff Jack and Coke. Wenn Stefan sich tagelang in seinem Zimmer in der Wohnung seiner Mutter in der Karl-Marx-Allee einschloss, war das zwar nicht dasselbe. Doch er wusste, er war nicht allein. Irgendwo da draußen waren seine Brüder, in Nippon oder L.A.