Mord und Ratschlag

Herzlos für Europa

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
13.10.2017. John Le Carré zaubert aus seiner Schublade noch einen George-Smiley-Roman. "Das Vermachtnis der Spione" ist ein Prequel zum "Spion, der aus der Kälte kam", eine wunderbare Reminiszenz an jene Zeit des Kalten Krieges, als der Kampf um den Anstand in Geheimdiensten noch nicht verloren war.
In der Financial Times stand kürzlich eine sensationelle Recherche des Reporters Tom Burgis über Londons boomende Spionageindustrie, die einen fassungslos macht. Auf drei eng bedruckten Zeitungsseiten schilderte Burgis, wie sich in London eine Branche etabliert hat, in der Geld und Macht auf schmutzigste Weise zusammenfinden. Private Firmen wie Arcanum oder Diligence operieren als private Nachrichtendienste, sie rekrutieren ihre Mitarbeiter aus staatlichen Nachrichtendiensten und deren ausufernden Subunternehmen, in den Vorständen sitzen frühere Geheimdienstchefs, aus Israel und Frankreich.

Diese privaten Firmen arbeiten durchaus auch mal für Banken, um Gelder aus Steueroasen aufzutreiben. Häufiger jedoch stellen sie sich in den Dienst sinistrer Oligarchen, die geraubte Milliarden verstecken oder Rivalen aus dem Weg räumen wollen. Besonders heftig und dreckig gestaltet sich der Machtkampf unter kasachischen Oligarchen. Dabei bedienen sich diese völlig unkontrolliert agierenden Privatfirmen nicht nur geheimdienstlicher Mittel, sondern auch schwarzer Propaganda, wie Burgis berichtet. Das ominöse Dossier über Donald Trumps angebliche Erpressbarkeit wurde zum Beispiel in einer solchen Klitsche fabriziert. Wobei Klitsche das falsche Wort ist. Die Branche ist zwar zutiefst verkommen, aber höchst lukrativ. Die Firmen residieren im noblen Mayfair, haben beste Kontakte zur britischen Regierung und ihre Bosse fliegen in Privatjets um die Welt. Ein Hohn für jede Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

John Le Carré hat schon sehr packend über private Sicherheitsfirmen geschrieben, etwa in "Empfindliche Wahrheit", sein neuer Roman jedoch blickt nicht in die heutigen Abgründe. Das mag man bedauern, aber auch sein Blick zurück ist nicht ohne Brisanz. Denn für das "Vermächtnis der Spione" aktiviert er noch einmal, und zwar mit Bravour, seinen alten George Smiley, den großen Geheimdienstmann, Chef der Abteilung Covert für verdeckten Operationen, der durch die Verfilmung mit Alec Guiness, Inkarnation des englischen Anstands, bekannt wurde. Im zynischen Spiel der Geheimdienste kämpften Smiley und seine Leute von jeher auf verlorenem Posten. Nach dem Fall des Eisenern Vorhangs musste sich Le Carré an anderen Sujets beweisen, er tat dies durchaus erfolgreich. Dass er jetzt noch einmal Smiley-Stoff aus der Schublade holt, kann man auch als großzügige Geste verstehen. Wäre doch zu schade, ihn wegkommen zu lassen! Vor allem bringt er noch einmal seine große Ikone in Stellung gegen eine deformierte Geheimdienst-Technokratie, der jede Orientierung abhanden gekommen ist.

"Das Vermächtnis der Spione" spielt in einer nicht genau erkennbaren Zeit, Jahre nach dem Mauerfall. George Smileys einstiger Vertrauensmann Peter Guillam lebt, inzwischen über siebzig, zurückgezogen auf seinem Bauernhof in der Bretagne, bis er vom MI6 aus heiterem Himmel ins Hauptquartier nach London beordert wird, Le Carré nennt es den Circus. Die Rechtsabteilung sieht in der Causa "Windfall" einen gewissen Klärungsbedarf: Akten sind verschwunden, dafür tauchen geheime Unterkünfte auf. Die Angelegenheit ist delikat, denn die Kinder von Alec Leamas und Liz Gold erheben Klage gegen den Circus. Alec Leamas war jener Agent, der 1962 an der Berliner Mauer erschossen wurde, zusammen mit seiner Geliebten, der englischen Kommunistin Liz Gold. Leamas war in der DDR, um Londons Doppelagenten bei der Stasi vor dem Auffliegen zu bewahren, ein Unternehmen, das von der aufrichtigen Liz Gold fatalerweise durchkreuzt wurde: "Unschuld ist wie ein stummer Leprakranker, der seine Glocke verloren hat und durch die Welt wandert, nichts Böses im Sinn", schrieb schon Graham Greene.

Ist also der Circus schuld am Tod der beiden? Was war Operation Windfall? Und wer war die Quelle Tulip, die direkt aus den höchsten Etagen der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße berichtete? In einer wahnsinnig cleveren Konstruktion schafft es Le Carré, die zeitlichen Ebenen über alle Jahrzehnte hinweg zu verbinden. Das geht nicht ganz ohne Tricks und einige Verjüngsmaßnahmen, aber am Ende hat man sich mit dem Gedanken angefreundet, dass die alte Garde noch am Leben ist und voll im Saft steht. "Das Vermächtnis der Spione" ist sozusagen das Prequel zum "Spion, der aus der Kälte kam", seine Fortsetzung und seine Neuschreibung in einem. Man muss diesen Klassiker der Spionageliteratur natürlich kennen, aber nicht, um den neuen Roman zu verstehen.

Unerschrocken hält Peter Guillam als Siebzigjähriger dem Verhör durch die smarten Karriere-Anwälte des Circus stand, doch für sich und beim Lesen geheimer Akten rekonstruiert er nach und nach die Geschehnisse jener Jahre. Und prompt ist er dreißig und alles wieder da: In Berlin arbeitet er mit Alec Leamas zusammen, trifft Agenten am Kurfürstendamm, in Köpenick und an den Schwarzmeer-Stränden Bulgariens. Der Lenkungsausschuss Joint konkurriert mit Covert, die Abteilungsleiter Percy Alleline, Toby Esterhase und Bill Haydon intrigieren gegeneinander und kommen nicht darauf, dass sie einen Verräter unter sich haben. Bei der Stasi gehen der Ex-Nazi Hans-Dieter Mund und der jüdische Remigrant Josef Fiedler gegeneinander in Stellung. Mit erkennbarer Lust lässt Le Carré noch einmal sowjetische Panzerkonvois durch die Straßen der DDR rollen, während sich in England die Snobs mit ihrem schnabligen Lächeln gegenseitig abschrecken. Ein sehr komischer Moment ist auch, wenn allen aufgeht, dass etwas an einer Operation nicht stimmen kann, bei der die Zusammenarbeit mit den Franzosen absolut reibungslos geklappt hat.

Und was ist es nun, das Vermächtnis der Spione? Was ist das Vermächtnis des großen, so souverän aus der Zeit gefallenen John Le Carré? Am Ende wird er George Smiley sprechen lassen. Wofür er gekämpft hat. Für England? "Aber wessen England? Welches England? Ganz allein England, Bürger von Nirgendwo? Wenn ich je eine Mission gehabt habe - falls mir je eine bewusst gewesen ist, über unser Geschäft mit dem Feind hinaus. Dann bestand sie in Europa. Wenn ich herzlos war, dann für Europa. Wenn ich ein unerreichbares Ziel hatte, dann das, Europa aus dem Dunkel in ein neues Zeitalter der Vernunft zu führen. Das Ziel habe ich heute noch." Nehmt das, Theresa und Boris!

John Le Carré: Das Vermächtnis der Spione. Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein Verlag, Berlin 2017, 320 Seiten, 24 Euro. (Bestellen)