Magazinrundschau - Archiv

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198 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 20

Magazinrundschau vom 29.08.2023 - Wired

Eine Epidemie ist im vollen Gange, aber kaum jemand sieht sie - buchstäblich: Die Rede ist von Kurzsichtigkeit, die in den letzten Jahrzehnten in den Industrienationen dramatisch zugenommen hat, und einige Betroffene sogar erblinden lässt. Liegt's am hohen Smartphone-Gebrauch oder schlicht an der Genetik? Nein, das sind populäre Mythen - es liegt vor allem am Dopamin-Mangel, der alle Gesellschaften trifft, deren Leben sich immer mehr in geschlossenen Räumen abspielt, erfahren wir in Amit Katwalas Reportage. Insbesondere in Asien, wo ein rigides Erziehungssystem die Kinder jahrelang von früh bis spät büffeln lässt, grassiert die Kurzsichtigkeit unter Minderjährigen. Eine zentrale Rolle bei dieser Beobachtung und für die Gegenmaßnahmen nimmt dabei der Forscher und Arzt Pei-Chang Wu ein: Er "überzeugte den Direktor der Schule seines Sohnes Maßnahmen zu ergreifen und die Kinder pro Tag sechsmal nach draußen zu scheuchen, was zu sechseinhalb Stunden mehr Aufenthalt im Freien pro Woche führte. Als Wu zu Beginn des Programms im Februar 2009 Messungen vornahm, lag die Häufigkeit von Kurzsichtigkeit unter den Sieben- bis Elfjährigen an der Schule seines Sohnes und an jener Schule, die er zur Kontrolle hinzugenommen hatte, bei 48 Prozent. Ein Jahr später wurden an der Kontrollschule doppelt so viele neue Fälle von Kurzsichtigkeit registriert wie an der Schule seines Sohnes. ... Die Ergebnisse des in Taiwan infolge installierten Tian-Tian-120-Programms waren sofort zu sehen und beeindruckend. Nach Jahren eines Aufwärtstrends erlebte die Häufigkeit von Kurzsichtigkeit an taiwanesischen Grundschulen 2011 eine Spitze von 50 Prozent. Danach senkte sie sich. Binnen weniger Jahre lag sie bei 46,1 Prozent. ... Dem Internationalen Myopie-Institut zufolge werden 2050 zehn Prozent der Bevölkerung extrem kurzsichtig sein. Wiederum 70 Prozent von diesen werden pathologische Kurzsichtigkeit haben, die zu Blindheit führen kann. Wir sprechen hier von bis zu 680 Millionen Menschen, die vom Verlust der Sehkraft oder Blindheit betroffen sind, mit katastrophalen Folgen für Volkswirtschaften und Gesundheitssysteme."

Magazinrundschau vom 22.08.2023 - Wired

Mit der kometenhaften Entwicklung der Fähigkeiten von Künstlicher Intelligenz in den letzten Monaten ist auch der gute alte Turing-Test Geschichte, schreibt Ben Ash Blum (was der Turing-Test ist, erklärt Wikipedia in aller Kürze sehr gut). Wäre es daher nicht langsam Zeit, Künstlicher Intelligenz Subjektstatus zuzugestehen? Von dämonisierender "Entmenschlichung" der Maschinen-Intelligenz hält Blum jedenfalls nichts - und Alan Turing wäre wohl auf seiner Seite, meint er. Denn "KIs zu entmenschlichen, amputiert uns von unseren mächtigsten kognitiven Werkzeugen, um über KIs nachzudenken und sicher mit ihnen zu interagieren. ... Schmähbegriffe wie 'stochastische Papageien' bestätigen zwar unser Selbstbild, wie einzigartig und überlegen wir sind. Aber sie zerstören auch unsere Fähigkeit, zu staunen und ersparen es uns, schwerwiegende Fragen nach der Subjektivität in Maschinen und in uns selbst zu stellen. Alles in allem sind ja auch wir stochastische Papageien, die auf komplexe Weise all das remixen, was wir von unseren Eltern, unseren Freunden und Lehrern gelernt haben. Auch wir sind verschwommene JPEGs aus dem Netz, die auf nebulöse Weise Wikipedia-Fakten in unsere Abschlussarbeiten und Magazinartikel erbrechen. Wenn Turing in einem Fenster mit ChatGPT plaudern würde und in einem anderen mit mir an einem durchschnittlichen Morgen vor dem ersten Kaffee, wäre ich dann gar so selbstsicher, wen von uns beiden er eher als vernunftbegabt einschätzen würde?"

Magazinrundschau vom 27.06.2023 - Wired

Im Juli kommt Christopher Nolans Film "Oppenheimer" in die Kinos: Der neue Film des Blockbuster-Autorenfilmers - natürlich gedreht im großen Imax-Format - verspricht eine düstere Reise in die zerrissene innere Welt des Atombomben-Erfinders Robert Oppenheimer, der seinerzeit nicht ganz genau vorhersagen konnte, ob eine Atombombe womöglich die gesamte Atmosphäre des Planeten in Flammen setzen oder ob ihre Wirkung beschränkt bleiben würde. Dieser Film kommt genau zur richtigen Zeit, findet Maria Streshinsky - nicht nur, weil Russlands Angriff auf die Ukraine die längst eingemottet geglaubte Angst vor einem atomaren Krieg wieder aktuell gemacht hat, sondern auch weil der Siegeszug Künstlicher Intelligenz  düsterste Fantasien befügelt. Der Regisseur gibt sich im Gespräch mit Streshinsky allerdings gelassen: "Wenn wie die Ansicht stützen, dass KI allmächtig ist, dann stützen wir die Ansicht, dass sie Leute ihrer Verantwortung für ihr Handeln entheben kann - militärisch, sozioökonomisch, wie auch immer. Die größte Gefahr, die von KI ausgeht, ist die, dass wir ihr diese gottähnlichen Eigenschaften andichten und uns selber damit ziehen lassen. Ich weiß nicht, was die mythologische Grundlage dafür ist, aber in der ganzen Menschheitsgeschichte zeigt sich diese Neigung, falsche Idole zu schaffen, etwas nach unserem eigenen Bild zu schaffen und dann zu behaupten, wir haben gottähnliche Macht, weil wir das getan haben."

Magazinrundschau vom 04.04.2023 - Wired

Computer sind digital. Denkt zumindest der Laie. Die Frühgeschichte der Computerei griff allerdings auf Analogtechnik zurück. Und diese könnte ein Comeback erfahren, wie Charles Platt zunächst sehr ungläubig feststellen muss. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein nostalgisches Revival unter verschrobenen Hobbyraum-Nerds mit Lötkolben, sondern um ernstzunehmende Forschungsprojekte: Start-Ups im Silicon Valley, aber auch IT-Platzhirsche wie IBM erforschen gerade die Möglichkeiten analoger, zeitgenössischer Computerei und machen auf diesem Gebiet erhebliche Fortschritte. Aber warum zum Teufel interessieren sich all diese Player wieder für eine an sich doch obsolete Technologie? "Weil sie so wenig Energie verbraucht", verrät der Computerhistoriker Lyle Bickley Platt. Er "erklärte mir, dass der Prozess, wenn, sagen wir, mit roher Kraft vorgehende, auf natürlichen Sprachen basierende K.I.-Systeme Millionen von Wörtern aus dem Internet destillieren, extrem energieintensiv ist. Das menschliche Gehirn läuft mit einer kleinen Menge Elektrizität, sagt er. Etwa 20 Watt (soviel wie eine Glühbirne). 'Aber wenn wir dasselbe mit digitalen Computern versuchen, reden wir von Megawatt.' Für eine Anwendung dieser Art, ist Digital 'einfach nicht funktionabel. Es ist einfach nicht klug, das so zu machen.'" Mike Henry vom Start-Up Mythic führt das weiter aus und spricht von dem "gehirn-artigen neuralen Netzwerk, das GPT-3 speist. 'Das hat 175 Milliarden Synapsen', erzählt Henry und vergleicht dabei die Prozesselemente mit den Verbindungen zwischen Neuronen im Gehirn. 'Jedes Mal, wenn Du das Modell laufen lässt, um eine bestimmte Sache zu machen, musst Du 175 Milliarden Werte laden. Richtig große Datencenter-Systeme können da fast nicht mehr mithalten.' ... Was die Geschäftstauglichkeit betrifft, wird der entscheidende Faktor die Rentabilität sein. Mit Künstlicher Intelligenz wird sich in Zukunft sehr viel Geld verdienen - und mit smarten Medizinmolekulen, agilen Robotern und mit einem Dutzend weiterer Anwendungen, die die schwammige Komplexität der physischen Welt modellieren. Wenn Energieverbrauch und Wärme-Abstrahlung wirklich teure Probleme werden und es günstiger wird, eine gewisse digitale Last auf miniaturisierte Analog-Ko-Prozessoren zu verlagern, dann wird es auch niemanden mehr jucken, dass analoge Computerei früher einmal von deinem mathe-besessenen Opa auf einer großen Stahlbox mit Vakuumröhren betrieben wurde."

Magazinrundschau vom 07.03.2023 - Wired

Der Umstieg vom Verbrennermotor zum elektronischen Antrieb kommt mit seinen eigenen ökologischen Kosten, schreibt Vince Beiser. Überall werden Metalle gesucht, um die Akkus zu produzieren: "Benötigt werden atemberaubende Mengen natürlicher Ressourcen. Um ausreichend elektrische Fahrzeuge zu produzieren, um ihre fossile Stoffe verbrennenden Gegenstücke zu ersetzen, braucht es Milliarden Tonnen von Kobalt, Lithium, Kupfer und andere Metalle. Um diesen explodierenden Bedarf abzudecken, durchforsten Bergbaufirmen, Autohersteller und Regierungen den Planeten nach potenziellen Minen oder bauen bereits bestehende aus - von den Wüsten in Chile bis zu den Regenwäldern Indonesiens. Die möglicherweise reichhaltigste Quelle von allen - der Ozeanboden - bleibt indessen unerschlossen. Der Geologische Dienst der USA schätzt, dass in einer einzigen Region des Pazifiks 21 Milliarden Tonnen polymetallischer Knoten liegen und damit mehr Metalle (wie Nickel und Kobalt) als in allen anderen Vorräten auf dem Festland." Der Abbau ist derzeit noch untersagt, doch The Metals Company ist drauf und dran, das internationale Gesetz zu beugen, wenn nicht zu brechen - und will 2024 mit dem Abbau beginnen: "Dieser Ausblick führte zu einem Aufschrei des Entsetzens. Umweltschutzorganisationen, Wissenschaftler und sogar einige Unternehmen, die im Markt für Batterie-Metalle auftreten, fürchten die potenziell verheerenden Folgen, die ein Abbau am Meeresboden nach sich ziehen könnte. Die Ozeane beherbergen einen großen Teil der Biodiversität der Welt, steuern einen ansehnlichen Brocken zur Ernährung der Menschheit bei und sind zugleich einer der größten Kohlendioxidspeicher der Welt. Keiner kann absehen, wie sich ein solch beispielloser Eingriff auf die vielen Lebensformen auswirken würde, die in der Tiefsee leben, aber auch auf das Leben im Meer weiter oben oder auf den Ozean selbst. Das Europäische Parlament und Länder wie Deutschland, Chile, Spanien und viele Inselnationen im Pazifik haben sich Dutzenden Organisationen angeschlossen, um sich zumindest für einen zeitweises Moratorium über den Tiefsee-Bergbau auszusprechen. Firmen wie BMW, Microsoft, Google, Volovo und Volkswagen haben sich dazu verpflichtet, keine Tiefsee-Metalle zu kaufen, solange deren Umwelteinfluss nicht besser durchdrungen werden."

Magazinrundschau vom 28.02.2023 - Wired

Wikipedia in allen Ehren, aber die ältere crowdgesourcte Wissensdatenbank im Netz ist eindeutig die Internet Moviedatabase - kurz IMDb -, das für Filmfans unverzichtbare Online-Filmlexikon, dessen schier unfassbare Informationshöhe und -dichte seit den frühen Neunzigern auf der Arbeit von Abermillionen von Beiträgern aufbaut. Dies ist vor allem das Verdienst von "Supercontributors", die im hohen sechs- bis siebenstelligen Bereich Wissen (von simplen Credits bis zu ausformulierten Biografien) zur Verfügung gestellt haben. Einige von ihnen stellt Stephen Lurie in seiner Reportage vor - darunter etwa den Filmnerd, der in den Sechzigern Tonnen von Hollywood-Pressemappen gesammelt und diese im hohen Alter für die IMDb ausgewertet hat. Die jüngste Generation wählt aber längst andere Mittel, um auf einen der begehrten "Top-Contributor"-Plätze zu gelangen: Eine Userin namens Ines Pape macht ihn mit ihren 22 Millionen Updates ziemlich stutzig: "Supercontributors mögen in die Hall of Fame vorstoßen, indem sie Prosa schreiben, aber um an die Spitze zu gelangen, muss man programmieren können. Zwar sind mir Ines Papes Methoden nicht bekannt, aber der Topcontributor des letzten Jahres hat mir erzählt, wie er das geschafft hat." Und zwar "schrieb Simon Lyngar Programme, um von den Schnittstellen von Spotify und norwegischen Rundfunkanstalten Daten zu ziehen, und zwar insbesondere Podcast-Daten, um sie zur IMDb beizusteuern. Heute, erzählt er, 'kann ich mein Programm am Morgen starten, es macht alles auf eigene Faust. Wenn ich von der Universität nach Hause komme, habe ich 100.000 weitere Aktualisierungen unter meinem Namen beigesteuert.' Einige der Contributors, die in den Foren der Website solche Automatisierungen diskutieren, sehen das gar nicht. Für sie handelt es sich dabei um eine Schummelmethode, um nach vorne zu kommen. ... IMDb selbst schürft als Firma derzeit noch keine Informationen auf diese Idee, aber man kann sich kaum vorstellen, dass eine Amazon-Tochter solche Werkzeuge liegen lässt, wenn sie ihren Wert unter Beweis gestellt haben."

Magazinrundschau vom 21.02.2023 - Wired

Vor 50 Jahren erschien Thomas Pynchons irrwitziger Fiebertraum-Roman "Die Enden der Parabel". Die hochgradig paranoide, legendär enzyklopädisch zerfranste Geschichte rund um die V2 der Nazis ist heute vielleicht noch aktueller als damals, findet John Semley - und dies gerade weil die Realität heute noch viel absurder wirkt als Pynchon es sich damals um 1970 unter schwerem Hasch-Einfluss ausgemalt hatte. Die Idee, die der Roman durchspielt, dass Konzerne den Nationalstaat verdrängen - was der Kritiker Edward Mendelson als 'Pynchons neuen Internationalismus' bezeichnete -, erwies sich als die zutreffendste Vorhersage des Autors. Im Jahr 1973, als der Kalte Krieg noch schwer auf der Welt lastete, mag die Vorstellung, dass Nationen und Ideologien zur Nebensache werden, noch wie ein Stoff aus Science-Fiction-Groschenromanen ausgesehen haben. Noch bevor Don DeLillo und George Romero Supermärkte und Einkaufszentren als Tempel spiritueller Sehnsüchte zeigten, Jahrzehnte bevor Fukuyama 'das Ende der Geschichte' ausrief, sah Pynchon, dass die neue Weltordnung eine Einverleibung sein würde: ein technologisches Arrangement des globalen Kapitals, das Nationalitäten und moralische Bedenken hinter sich lassen würde. 50 Jahre später wirkt diese Ballung allumfassend. Die Imperien Einzelner konkurrieren mit dem Bruttoinlandsprodukt vieler Länder. Private Industrielle haben die Fantasie von Pynchons geistesgestörtem Captain Blicero umgesetzt, der seine(n) Raketenabschussrampe/Sexkeller als seinen 'kleinen Staat' bezeichnet. Und die tatsächlichen Männer, die all dieses Kapital befehligen (einige der wohlhabendsten Männer der Welt), zeigen sich nun, genau wie ihre Vorgänger in den alten Imperien, besessen von diesem pynchonoidestem Totem der megalomanen Techno-Eitelkeit: der Rakete. Die aufgeblasenen Fantasien von der Eroberung des Weltraums und des Raketenmystizismus wurden von Multimilliardären wie Jeff Bezos, Richard Branson und Elon Musk aufgegriffen. Sie haben sich ihre eigenen Raketen-Kartelle aufgebaut und kleiden ihre Pläne erdgebundener Ausbeutung in wahnhafte Träume von der Eroberung der Sterne. Lass die Vollpfosten nur weiter in den Himmel stieren, verblendet vom - wie es Walter Dornberger, der Kopf des V2-Programms der Nazis einst nannte - 'uralten Traum' der Sternfahrt oder von der Science-Fiction-Fantasie lebhaft wuselnder Mars-Kolonien, dann werden sie vielleicht nicht merken, was du hier unten auf dem langweiligen alten Planeten Erde so alles treibst. Es ist lebendig gewordene pynchonoide Geschichte."

Magazinrundschau vom 07.02.2023 - Wired

Als der Messengerdienst Telegram vor einigen Jahren öffentlichkeitswirksam an den Start ging, war es dem russischen Gründer Pavel Durov noch wichtig, einen digitalen Kommunikationsweg anzubieten, der insbesondere den russischen Behörden nicht zugänglich war. Die gängige Ansicht, dass dieser Dienst per se abhörsicher sei, war zwar immer schon eher ein pr-trächtiger Mythos als realer Fakt. Aber zumindest mit bestimmten Einstellungen sollte der Schutz der Privatsphäre sehr, sehr hoch sein. Dennoch berichten zahlreiche russische Aktivisten von mehr und mehr Hinweisen darauf, dass Putins Ermittler wohl mitlesen. Ob die Geheimpolizei tatsächlich tief in den Gräten der Software sitzt oder ob sie sich einfach nur Spionagesoftware auf die Telefone der Aktivisten gepackt hat, lässt Irene Suosalo in ihrer Reportage zwar offen. Aber lesenswert ist sie alleine schon deshalb für das, was sie über den Wandel des Verhältnisses von Telegram zur russischen Obrigkeit und der Verfilzung damit zu berichten hat: Noch 2018 gab es seitens der Behörden rigorose Blockier-Versuche, weil Telegram die Herausgabe privater Daten verweigerte. 2020 aber platzte einen Milliardendeal, der den Service in wirtschaftliche Bedrängnis brachte. Nur wenige Wochen später "schlugen zwei Abgeordnete der Pro-Kremlin-Partei im russischen Parlament vor, das Telegram-Verbot aufzuheben, weil der Dienst ein wichtiges Kommunikationstool für die Regierung in Zeiten der Krise sein könnte. Durov postete auf Telegram seine Unterstützung für diesen Antrag, weil die Präsenz seiner Firma in Russland die technologische Innovation des Landes, aber auch die 'nationale Sicherheit' stärken könne. Auch behauptete er, dass sein Team die 'Methoden, um extremistische Propaganda aufzuspüren und zu entfernen' seit 2018 verbessert habe. ... Namentlich nicht genannte Quellen aus der Regierung erzählten der russischen Nachrichtenagenture Interfax, dass Telegram zugestimmt hatte, mit den Sicherheitsbehörden in bestimmten Fällen zu kooperieren. ... Einer Quelle aus der Regierung zufolge, die mit dem Deal vertraut ist, war auch die russische Staatsbank VTB, die mit dem Kremlin eng verbandelt ist, an den Verhandlungen beteiligt. Im Januar 2021 kam ein Bericht heraus, demzufolge Telegram VTB angeheuert hat, um den Wert der Firma zu schätzen: etwa 124 Milliarden Dollar im Jahr 2022. Telegram kündigte auch an, dass sie fünfjährige Anleihen anbieten würden. VTB wäre dabei behilflich, sie an Investoren zu verkaufen. Im März 2021 hatte Telegram von diesen Unterstützern mehr als eine Milliarde eingeholt. ... 'Telegram ist heute das zentrale Rückgrat für die russische Desinformationsmaschinerie', sagt Jānis Sārts, Leiter des NATO Strategic Communications Centre of Excellence. 'Und es ist auch ihr Werkzeug, um all die Straßenblockaden zu umfahren, die westliche Plattformen errichtet haben.'"

Magazinrundschau vom 06.12.2022 - Wired

Twitter geht zum Teufel: Täglich neue Musk-Kapriolen, Massenabwanderungen der Werbepartner und Nutzer, Massentlassungen hinter den Kulissen und in Folge bereits eine spürbar steigende Zahl von Fehleranfälligkeiten, Störungen und nervenden Hass-Acounts - und der Aktienkurs? Im Sinkflug. Dass da manche die Plattform schon endgültig am Ende sehen, findet Eve Fairbanks zunächst einmal sehr plausibel - stieß sie vor kurzem doch noch in dasselbe Horn. Aber bei genauerem Hinsehen ist Twitter es wert, gerettet zu werden, findet sie. Nicht nur, weil die Plattform einen zentralen Stellenwert im Ökosystem der Medien hat - und sei es nur als Peilsender für Befindlichkeiten sowie als Rekrutierungsort für neue Stimmen und Positionen. Sondern auch, weil Twitter in manchen Regionen dieser Welt das Forum politischer Meinungsbildung schlechthin darstellt. Beispiel Simbabwe, wo die freie Meinungsäußerung von der Regierung im Alltag für gewöhnlich rigoros unterdrückt wird: "Twitter ist 'unser politischer Treffpunkt' geworden, erzählt der simbabwische Journalist Tinashe Mushakavanhu. Die Anonymität der App gestattet 'einen sehr freien, sehr kritischen Austausch über das Land'. Mitternacht ist die Stunde, zu der man das simbabwische Twitter aufsuchen sollte, sagt Mushakavanhu. Dann wird das Handynetz günstiger; auch deshalb ist Twitter unersetzlich. Bild- und videolastige Apps verbrauchen einfach zu viel Datenvolumen, was sich die meisten Simbabwer schlicht nicht leisten können. ... In Simbabwe sehen sich die Politiker dazu gezwungen, auf Twitter-Aufruhr zu reagieren. Twitter ist auch der Ort, an dem Leute, die das Land verlassen mussten, in gewisser Weise nach Hause zurückkehren können. Während sie im Ausland auf Asyl warten, können Tausende politische Flüchtlinger 'legal nicht arbeiten', erzählt Mushakavanhu. 'Das sind Leute, die nicht nach Hause fahren können, um ihre Eltern zu beerdigen.' Also 'werden sie auf Twitter ziemlich rege. Twitter ist das einzige, was sie haben. Es ist der Ort für Fantasien und wo sie ihre Verzweiflung artikulieren. Es ist ein Heimatort.' ... Mushakavanhus Eindruck ist, dass die ihm bekannten Simbabwer auf Twitter sich geradezu anstrengen, nicht darüber zu reden, was geschehen würde, wenn die App untergehen sollte. Musks Streiche sind für sie ganz und gar nicht lustig. 'Wir haben nicht den Luxus, einfach weiterzuziehen', reflektiert er. Twitter 'ist kostenlos und einfach praktisch. Neuen Plattformen dürfte es schwerfallen, erneut diesen entwickelten Gemeinschaftssinn aufzubauen, den wir dort genießen."
Stichwörter: Twitter, Musk, Elon, Simbabwe, Asyl, Luxus

Magazinrundschau vom 22.11.2022 - Wired

Träumen Künstliche Intelligenzen von elektrischen Schafen? Das könnte man in Anlehnung an einen Science-Fiction-Klassiker von Philip K. Dick fragen, liest man, was Kevin Kelly über den Fortschritt schreibt, den Künstliche Intelligenzen im Bereich Bildgeneration in den letzten Monaten gemacht haben (für viele Beispiele und anregende Texte zu den Implikationen, die damit einhergehen, empfiehlt sich ein Blick ins Archiv von René Walters "Good Internet"-Newsletter). Tools wie etwa Dall-E, Stable Diffusion, Midjourney und Artbreeder gestatten es, auf Grundlage einer Analyse von mehreren Milliarden von Bildern, die das Internet heute problemlos zur Verfügung stellt, teils herrlich skurrile, teils umwerfende Bilder zu produzieren - ganz einfach, indem man den entsprechenden Wunsch in einen Textschlitz schreibt: Je präziser die Angaben, desto atemberaubender das Ergebnis - je diffuser und knapper, umso surrealer. Schon schlagen Künstler Alarm, weil ihre Arbeiten ausgeschlachtet würden, um typische Stile zu simulieren. Kelly hingegen schlägt vor, K.I.-Bilder zu einer eigenen Kunstform zu erklären: "Es ist nicht ungewöhnlich, für ein herausstechendes Bild 50 Arbeitsschritte zu veranschlagen. Hinter dieser neuen Art von Zauberkunst steckt die Kunstfertigkeit der Texteingabe. Jeder Künstler oder Designer entwickelt beim Raffinement seiner Texteingabe eine ganz spezielle Art, um die K.I. dazu zu verführen, ihr Bestes hervorzubringen. Nennen wir diese neuen Künstler K.I.-Flüsterer oder Texteingabekünstler oder einfach Souffleure. Die Souffleure arbeiten fast wie Regisseure, indem sie die Arbeit ihrer fremdartigen Kollaborateure in Richtung einer vereinheitlichen Vision leiten. Der vielschichtige Prozess, den es braucht, um einer K.I. ein erstklassiges Bild zu entlocken, entwickelt sich gerade rasch zu einer künstlerischen Fertigkeit. Überdurchschnittliche Texteingaben umfassen nicht nur das Subjekt, sondern beschreiben auch die Ausleuchtung, die Perspektive, die evozierte Stimmung, die Farbpalette, den Grad an Abstraktion und vielleicht noch ein Referenzbild zur Imitation." Aber "nicht jeder Souffleur verspürt auch den Drang, seine Geheimnisse preiszugeben." Mario Klingemann etwa "ist berühmt dafür, seine Eingaben nicht zu teilen. 'Ich glaube, alle Bilder existieren bereits', sagt er. 'Man erstellt sie nicht, man findet sie. Wenn clevere Texteingaben dich zu einem bestimmten Ort führen, dann verstehe ich nicht, warum ich die ganze Welt dorthin einladen sollte.'"

Ein paar Beispiele gefällig? Der Spieledesigner Jason Allen hat kürzlich auf einer Messe den Preis als bester Nachwuchskünstler gewonnen - mit einem ziemlich Aufsehen erregenden Bild, das er mit Midjourney erstellt hat. Ein Garant für wochenlange Albträume ist diese tolle Galerie mit Hippies, deren okkulte Drogenexperimente irgendwann ganz schreckliche Auswüchse angenommen haben. Und die VFX-Jungs von Corridow Crew überlegen gerade, wie sie K.I. nutzen können - dazu ein vergnügliches Video: