
Sind die Inder, die
Sonia Gandhi gewählt haben, liberaler als ihre Meinungsmacher? In
Outlook India zeigt niemand Bedauern über die Entscheidung Gandhis, auf das Amt des Premiers zu
verzichten. Das vorherrschende Gefühl ist Erleichterung. Bhavdeep Kang
fühlte sich eher als Theaterbesucher denn als politischer Beobachter, als das Drama des Verzichts seinen Lauf nahm. Und jetzt? Jetzt ist
Sonia Gandhi eine Märtyrerin und die zweite Regierungskraft neben dem Premierminister, aber weniger angreifbar. Und die Regierung hat an
moralischer Autorität gewonnen. Murali Krishnan hat Informationen
zusammengetragen, die zeigen, dass es vielleicht doch ganz profane
Sicherheitsbedenken gewesen sein könnten - zumindest scheinen die kürzlichen Drohungen gegen Sonia Gandhi substanziell gewesen zu sein.
Was immer der Grund war - jedenfalls hat Sonias Verzicht sie endlich zu einer
echten Inderin gemacht,
meint Anupreeta Das. Und Swapan Dasgupta
fügt raunend hinzu, sie habe die
Spaltung des Landes und die Entwürdigung des wichtigsten politischen Amtes verhindert: "Mit Sonia als Premierministerin wäre Indien mit sich selbst
nicht mehr im Reinen gewesen. Es wäre ein Indien in permanentem emotionalem Aufruhr gewesen." Jetzt ist sie zum Glück nur die neue "Mother India". Prem Shankar Jha schließlich
begreift Sonias Entscheidung als unverhoffte, weil von einer
Christin kommende "Erinnerung an die
wahren Stärken des Hinduismus" und verspricht sich den Effekt neuen Vertrauens: "In den vergangenen Tagen wurde das Land von einer stillen Revolution erschüttert. Eine verzweifelte und zynische Öffentlichkeit (...) wurde Zeuge eines
einzigartig selbstlosen Akts des Verzichts seitens der Politikerin der Stunde und des Aufstiegs des saubersten Mannes, der je die politische Arena betreten hat, zum Premierminister." Genau, da war doch noch einer, doch inmitten der Würdigungen von Frau Gandhis Grandeur geht er fast unter:
Dr. Manmohan Singh, der neue Regierungschef. Alam Srinivas
porträtiert ihn als Realpolitiker und
Diener verschiedener Herren. Doch was wird er jetzt tun, da er selber führen muss? Nur im Netz: die Transkription eines
Interviews, das
Arundhati Roy aus Anlass des
Regierungswechsels der amerikanischen Sendung "Democracy Now!" gegeben hat.
New York im letzten Jahrhundert hatte
Hubert Selby, London in dem davor
Charles Dickens, und Bombay?
Gregory David Roberts! Hari Menon bespricht, nein
besingt "Shantaram", den autobiografischen Roman eines literarischen Neulings, der einmal "Australiens meistgesuchter Mann" war. "Shantaram" hat fast tausend Seiten, aber es mussten ja auch vier Bücher in einem untergebracht werden: eine "packende
Abenteuergeschichte", das "akkurate Porträt der
Expat-Szene im Indien der Siebziger und Achtziger", dazu die Geschichte der Suche eines Mannes nach den Antworten auf die
Fragen des Lebens - aber vor allem das beste englischsprachige Werk über eine der komplexesten Metropolen der Welt. "Nur eine Handvoll Schriftsteller", schreibt Menon hingerissen, "haben es geschafft, das Gefühl für den
Puls dieser Stadt mit lyrischen Fähigkeiten zu verknüpfen". Dabei kam Roberts erst mit 28 Jahren nach Bombay - ein Junkie und
Schwerverbrecher auf der Flucht vor der australischen Polizei. Was er dann erlebte, davon erzählt dieses Buch und zeichnet dabei ein literarisches Bild der
mean streets und ihrem Durcheinander von "Gangstern, Drogen, fanatische Kulten, drei großen Weltreligionen, den verschiedensten
Perversionen und
exzellentem Essen", versichert Menon.
Ein anderer Artikel, eine andere Stadt: "Falls Sie es nicht wussten - in Indiens Hauptstadt und einigen anderen Städten ist es
verboten zu betteln." Sanghamitra Chakraborty erhebt
schwere Anklage gegen ein altes Gesetz, dass es den Autoritäten Delhis erlaubt, Armut zum Delikt zu erheben. Denn neunzig Prozent aller Obdachlosen betteln gar nicht, sondern gehen arbeiten. Und das Gesetz sieht vor, dass jeder, der
ungepflegt aussieht und keine feste Adresse vorweisen kann, mit
Verhaftung rechnen muss. Und einer bis zu zehnjährigen Unterbringung in einem "Heim" - ein Euphemismus für "Gefängnis", hat Chakraborty herausgefunden.