Magazinrundschau - Archiv

Outlook India

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Magazinrundschau vom 24.05.2004 - Outlook India

Sind die Inder, die Sonia Gandhi gewählt haben, liberaler als ihre Meinungsmacher? In Outlook India zeigt niemand Bedauern über die Entscheidung Gandhis, auf das Amt des Premiers zu verzichten. Das vorherrschende Gefühl ist Erleichterung. Bhavdeep Kang fühlte sich eher als Theaterbesucher denn als politischer Beobachter, als das Drama des Verzichts seinen Lauf nahm. Und jetzt? Jetzt ist Sonia Gandhi eine Märtyrerin und die zweite Regierungskraft neben dem Premierminister, aber weniger angreifbar. Und die Regierung hat an moralischer Autorität gewonnen. Murali Krishnan hat Informationen zusammengetragen, die zeigen, dass es vielleicht doch ganz profane Sicherheitsbedenken gewesen sein könnten - zumindest scheinen die kürzlichen Drohungen gegen Sonia Gandhi substanziell gewesen zu sein.

Was immer der Grund war - jedenfalls hat Sonias Verzicht sie endlich zu einer echten Inderin gemacht, meint Anupreeta Das. Und Swapan Dasgupta fügt raunend hinzu, sie habe die Spaltung des Landes und die Entwürdigung des wichtigsten politischen Amtes verhindert: "Mit Sonia als Premierministerin wäre Indien mit sich selbst nicht mehr im Reinen gewesen. Es wäre ein Indien in permanentem emotionalem Aufruhr gewesen." Jetzt ist sie zum Glück nur die neue "Mother India". Prem Shankar Jha schließlich begreift Sonias Entscheidung als unverhoffte, weil von einer Christin kommende "Erinnerung an die wahren Stärken des Hinduismus" und verspricht sich den Effekt neuen Vertrauens: "In den vergangenen Tagen wurde das Land von einer stillen Revolution erschüttert. Eine verzweifelte und zynische Öffentlichkeit (...) wurde Zeuge eines einzigartig selbstlosen Akts des Verzichts seitens der Politikerin der Stunde und des Aufstiegs des saubersten Mannes, der je die politische Arena betreten hat, zum Premierminister." Genau, da war doch noch einer, doch inmitten der Würdigungen von Frau Gandhis Grandeur geht er fast unter: Dr. Manmohan Singh, der neue Regierungschef. Alam Srinivas porträtiert ihn als Realpolitiker und Diener verschiedener Herren. Doch was wird er jetzt tun, da er selber führen muss? Nur im Netz: die Transkription eines Interviews, das Arundhati Roy aus Anlass des Regierungswechsels der amerikanischen Sendung "Democracy Now!" gegeben hat.

New York im letzten Jahrhundert hatte Hubert Selby, London in dem davor Charles Dickens, und Bombay? Gregory David Roberts! Hari Menon bespricht, nein besingt "Shantaram", den autobiografischen Roman eines literarischen Neulings, der einmal "Australiens meistgesuchter Mann" war. "Shantaram" hat fast tausend Seiten, aber es mussten ja auch vier Bücher in einem untergebracht werden: eine "packende Abenteuergeschichte", das "akkurate Porträt der Expat-Szene im Indien der Siebziger und Achtziger", dazu die Geschichte der Suche eines Mannes nach den Antworten auf die Fragen des Lebens - aber vor allem das beste englischsprachige Werk über eine der komplexesten Metropolen der Welt. "Nur eine Handvoll Schriftsteller", schreibt Menon hingerissen, "haben es geschafft, das Gefühl für den Puls dieser Stadt mit lyrischen Fähigkeiten zu verknüpfen". Dabei kam Roberts erst mit 28 Jahren nach Bombay - ein Junkie und Schwerverbrecher auf der Flucht vor der australischen Polizei. Was er dann erlebte, davon erzählt dieses Buch und zeichnet dabei ein literarisches Bild der mean streets und ihrem Durcheinander von "Gangstern, Drogen, fanatische Kulten, drei großen Weltreligionen, den verschiedensten Perversionen und exzellentem Essen", versichert Menon.

Ein anderer Artikel, eine andere Stadt: "Falls Sie es nicht wussten - in Indiens Hauptstadt und einigen anderen Städten ist es verboten zu betteln." Sanghamitra Chakraborty erhebt schwere Anklage gegen ein altes Gesetz, dass es den Autoritäten Delhis erlaubt, Armut zum Delikt zu erheben. Denn neunzig Prozent aller Obdachlosen betteln gar nicht, sondern gehen arbeiten. Und das Gesetz sieht vor, dass jeder, der ungepflegt aussieht und keine feste Adresse vorweisen kann, mit Verhaftung rechnen muss. Und einer bis zu zehnjährigen Unterbringung in einem "Heim" - ein Euphemismus für "Gefängnis", hat Chakraborty herausgefunden.

Magazinrundschau vom 17.05.2004 - Outlook India

"India accepts Sonia", titelt Outlook zum überraschenden Ausgang der Parlamentswahlen. Die gute Koalitionspolitik der Kongresspartei, die Rückbesinnung auf ihre sozialistischen Fundamente - es ist nicht so, dass Bhavdeep Kang keine Gründe einfallen, die eine Rolle gespielt haben dürften. Doch dass es der schwachen Traditionspartei mit der "Ausländerin" Sonia Gandhi an der Spitze gelingen konnte, die mediengewandte BJP um den charismatischen und erfolgreichen bisherigen Premier Vajpayee zu schlagen, ist wohl nur damit zu erklären, dass Indiens Stimmberechtigte weniger gewählt als abgewählt haben. Oder, wie es ein siegreicher Politiker selbstironisch formulierte: "Gott hilft denen, die sich nicht selber helfen."

Vinod Mehta ist kein Anhänger der Kongresspartei, dennoch ballt er die triumphierend Faust: "Man kann die Medien kontrollieren, man kann Wahlkreise mit finanziellen Flächenbombardements überziehen, aber man kann die indischen Menschen nicht kaufen." Der BJP sei ihre Überheblichkeit zum Verhängnis geworden, und niemand, nicht einmal Vajpayee, könne der "byzantischen Komplexität der indischen Gegenwart, in der die Klassen- und Kasten-, die ethnischen und religiösen Loyalitäten alle 200 Kilometer wechseln", das Wasser reichen. Und auch wenn jetzt der "Pseudo-Säkularismus" gesiegt haben sollte - der eigentliche Triumphator, so Mehta, ist die indische Demokratie: "Lang lebe die Macht des Volkes." Richtig, stimmt Arundhati Roy (nur im Netz) zu - es gibt etwas zu feiern: Das Land habe sich gegen Neo-Liberalismus und Neo-Faschismus entschieden. "Die Dunkelheit ist vorüber. Oder doch nicht?" Ist, fragt Roy, die Kongresspartei ideologisch überhaupt von den abgewählten Hindu-Nationalisten zu unterscheiden? "Hoffentlich", so ihr Stoßseufzer, "hoffentlich wenden sich die Dinge zum Besseren. Ein bisschen. Es waren ziemlich höllische sechs Jahre."

Außerdem: Außerirdische. "Sie erforschen uns mit Hilfe von Chips, die sie in unsere Gehirne implantiert haben, oder indem sie uns in Zombies verwandeln. Sie schwängern Frauen, um hybride Kinder zu erzeugen - für die Zukunft. Und es gibt nicht nur eine Sorte Aliens, sondern gute (die spirituellen) und böse (die - etwas vorhersehbar - mit der USA in Kontakt stehen). Vielleicht ist das ja die Neuauflage des Manichäismus in einer globalisierten und unipolaren Welt", mutmaßt Samit Basu, der in einem sehr unterhaltsamen Text von einer bizarren Begegnung mit angeblichen ukrainischen ET-Forschern berichtet. Die wollen nämlich ein Forschungsinstitut in Indien eröffnen. Weil nämlich bald, genauer gesagt 2009, eine Gesandschaft eintreffen wird.

Weiter Artikel: Der indische Kunstmarkt boomt - Madhu Jain berichtet über Szene und Stile, Preise und Käufer. Und Manjula Padmanabhan lobt Nell Freudenbergers Geschichtenband "Lucky Girls".

Magazinrundschau vom 10.05.2004 - Outlook India

Lange Zeit als unbedeutendes Dritte-Welt-Land abgetan, hat Indien nunmehr einen festen Platz auf der geopolitischen Weltkarte inne - als neue asiatische Großmacht und Nebenbuhler Chinas. Gezeichnet wird diese Karte natürlich nicht irgendwo, sondern in den politischen Think Tanks der USA. Welche Analysen dort angestellt und welche Empfehlungen an die politische Klasse ausgesprochen werden, hat Seema Sirohi in einer Studie namens "The India-China Relationship: What the United States Needs to Know" gelesen. Ganz grundsätzlich gilt: "Das Wechselspiel zwischen den zwei bevölkerungsreichsten Nationen der Welt und ihrer einzigen Supermacht ist der Traum jedes Strategen. (...) Amerikanische Denker, die in der Vergangenheit mit der Großen Chinesischen Verachtung für Indien infiziert waren, polieren ihre Brillengläser und betrachten Asien mit neuen Augen." Einer der hochkarätigen Autoren sagt voraus: "Die zukünftige Beziehung zwischen den drei Ländern könnte durchaus einem romantischen Dreieck ähneln, in dem jeweils einer versucht, aus den Spannungen zwischen den beiden anderen Nutzen zu ziehen."

Bollywood-Filme werden traditionell von punjabischer Kultur dominiert. Bis jetzt. Denn in letzter Zeit, schreibt Ishita Moitra, findet man überall Zeichen, die nach Gujarat weisen: In den Besetzungen der Filme, in den Geschichten, die sie erzählen, in den Soundtracks. Kein Wunder, meint Moitra - Gujaratis sind wohlhabend, organisieren sich in großen Familien und machen mitreißende Musik.

Mumbai hat die meisten Prostituierten, Delhi die teuersten. Murali Krishnan berichtet in einer langen Reportage von den "High-End-Prostituierten" der Hauptstadt - oft selbstständigen Frauen mit guter Ausbildung und teurem Geschmack - und ihren Kunden: Politikern, Geschäftsmännern. "Es mag die älteste Profession sein, doch hier hat sie einen neuen Fünf-Sterne-Glanz."

Weitere Artikel: Die Spekulationen um den charismatischen Premierminister Vajpayee gehen weiter: Tritt er ab, wenn die Mehrheit der von ihm angeführten Wahlkoalition bei den in dieser Woche zu Ende gehenden Wahlen nur eine wacklige Regierung zulässt? Saba Naqvi Bhaumik sondiert die Signale. Und Dom Moraes verreißt Siddharth Dhanvant Shangvis andernorts hochgelobten Roman "The Last Song of Dusk".

Magazinrundschau vom 03.05.2004 - Outlook India

Eine eigenartige Anerkennung: Lee Siegel, Indien-Kenner und Professor an der Universität von Hawaii, war ganz entzückt über eine "wunderbare Anthologie indischer literarischer Texte über erotische Liebe" ("Love and Lust: An Anthology Of Erotic Literature From Ancient and Medieval India", herausgegeben von Pavan K. Varma und Sandhya Mulchandani), doch dann fand er darin ein Gedicht, das ihm bekannt vorkam. Er selber hatte es übersetzt, doch seinen Namen konnte er nirgends finden. Und das war erst der Anfang eines ganzen Rattenschwanzes editorischer Fauxpas und Dummheiten. "Deshalb kann ich", schreibt also Siegal, "auch wenn ich als Liebhaber erotischer Sanskrit-Literatur die Auswahl der sexy-verführerischen Texte ehrlich bewundere, nicht davon Abstand nehmen, ein paar Einwände vorzubringen." Und noch einmal Literatur: Anita Roy hat Rupa Bajwas Roman "The Sari Shop" gelesen und lobt die Autorin in allerhöchsten Tönen.

Zum Sport, aber nicht zum Kricket. Sugata Srinivasaraju wundert sich darüber, dass die Weitspringerin Anju Bobby George, Indiens einzige Medaillenhoffnung bei den Olympischen Spielen in Athen, ohne offizielle Unterstützung auskommen muss. Und das in einem Land, dem sein Image in der Welt immer wichtiger wird.

Schließlich das Thema Wahlen, bei denen die zweite Halbzeit ansteht. Und siehe da, mit einem Mal sieht es für die Kongresspartei gar nicht mehr so furchtbar schlecht aus. Über den neuen Optimismus im Oppositionslager von Sonia Gandhi berichtet Bhavdeep Kang. Sanjay Suri weiß, dass Wahl-Logistiker weltweit und ganz speziell im Vereinigten Königreich mit Anerkennung und gezücktem Notizbuch nach Indien blicken. Und Sanjeev Srivastava ist nach New York gefahren, um herauszufinden, was die Amerikaner über Indien denken: "Die Idee war, die indischen Wahlen aus globaler Perspektive in Augenschein zu nehmen. Was denkt die mächtigste Demokratie der Welt über die größte?" Sein Befund: "Amerika hat seine Blindheit in Bezug auf Indien abgelegt." Dass der Blick manchmal sehr tunnelartig ist - naja.
Stichwörter: Olympische Spiele, Optimismus

Magazinrundschau vom 26.04.2004 - Outlook India

Es gibt Bollywood - und es gibt New Bollywood: neue Regisseure, ästhetische Innovationen und, wie Saumya Roy zu berichten weiß, ein erweiterter musikalischer Horizont, der popmusikalische Abweichungen von der klassischen Formel des Hindi-Filmsongs zulässt - "Einflüsse einer musikalischen Intelligenz, die der Welt offen gegenüber steht". Roy hat das junge Produzententrio Shankar-Ehsaan-Loy (mehr) besucht, die mit ihren eklektischen Soundtracks zunehmend erfolgreich sind, und ist beeindruckt. Es rockt! (hier was zum Hören aus dem Film "Kal Ho Naa Ho", für den die drei die Musik schrieben).

Dreimal Literatur: Samit Basu erzählt in einem sehr kundigen Text die Geschichte der graphic novel und beleuchtet ihre Ankunft auf dem indischen Buchmarkt. Siddharta Deb bespricht mit Wärme und Begeisterung Tabish Khairs "The Bus Stopped", "ein Roman, der tief in die Natur und die Umstände menschlicher Mobilität in unserer modernen, gnadenlosen Welt hineinblickt". Und Urvashi Butalia hat ein Buch gelesen, dass genau zur richtigen Zeit kommt: "Purdah. An Anthology", ein Band über das religiös verordnete Kopftuch, der Texte aus zwei Jahrhunderten versammelt.

Außerdem sind natürlich die Parlamentswahlen in vollem Gange. Alles scheint prima zu laufen für die regierende BJP und ihren poster boy, den amtierenden PM Atal Behari Vajpayee. Doch der schien zuletzt in gedrückter Stimmung zu sein und gab seltsame Statements ab, weshalb sich alle fragen: Was ist los mit ihm? Ein Grund, vermutet Bhavdeep Kang, ist sicher der Zwischenfall vor ein paar Tagen, als bei einer BJP-Veranstaltung, auf der Saris an Bedürftige verteilt wurden, 22 Frauen zu Tode getrampelt wurden. "Doch hinter dem Missmut", mutmaßt Kang weiter, "könnte auch Methode stecken". Ob der stark auf sein Image bedachte - und womöglich regierungsmüde - Vajpayee schon mal vorsichtshalber zu seiner Partei auf Distanz geht, für den Fall, dass der Sieg nicht so triumphal ausfällt wie erhofft? Zu seiner Kontrahentin: Pushpranjan hat Sonia Gandhis italienischen Heimatort besucht und brauchte eine Weile, um jemanden zu finden, der sie kannte. Und Anita Pratap fragt sich in einem gewohnt scharfzüngigen Text, wen Indiens Muslime wohl wählen werden, kritisiert en route die "prinzipienlose, opportunistische" Minderheitenpolitik der großen Parteien und schließt: Bestimmt nicht BJP.

Magazinrundschau vom 19.04.2004 - Outlook India

Die letzte Ausgabe vor den Wahlen ist entsprechend monothematisch: Outlook liefert die letzten Prognosen (das Wahlbündnis mit der Regierungspartei BJP an der Spitze liegt unangefochten vorn, die Frage ist nur: mit welcher Mehrheit?), begleitet die interessantesten Kandidaten auf Wahlkampftour, betrachtet die Besonderheiten einzelner Bundesstaaten und anderes mehr - hier die Übersicht.

Der Wahlausgang scheint also klar; der traditionsreichen Kongress-Partei gelingt es weiterhin nicht, an ihre frühere Bedeutung anzuknüpfen. Sonia Gandhi, die Witwe des ermordeten Ex-Premiers Rajiv Gandhi, bleibt als Parteiführerin umstritten und weckt als Kandidatin wenig Vertrauen, ihre Kinder Rahul und Priyanka sind zu spät ins Politikkarussell eingestiegen, um bei den anstehenden Wahlen noch etwas bewirken zu können - warum also, fragt sich Saba Naqvi Bhaumik, ist die BJP trotzdem so wenig gelassen, sobald es um die Familie der Gandhi-Nehrus geht? Was sollen die permanenten Anfeindungen gegen die in Italien geborene Sonia und ihre Kinder? "Keinem zufälligen Besucher in Indien könnte man übelnehmen, wenn er Sonia für die Machthaberin und die BJP für die Oppositionspartei hält", schreibt Bhaumik und vermutet, dass die Hindu-Nationalisten weniger Angst vor der Mutter als vor ihren dynamischen Kindern haben, den zukünftigen politischen Kontrahenten. Der populistische Schuss unter die Gürtellinie könnte auch nach hinten losgehen!

Das letzte Wort zu den Wahlen fällt einem Ausländer zu, dem Südasien-Korrespondenten der Financial Times Edward Luce. Er macht sich Gedanken darüber, wie man über das indische Wahlspektakel berichten kann, ohne auf Klischees zurückzugreifen oder in der Masse an Perspektiven den Überblick zu verlieren. Sein Vorschlag: Mut zur Vogelperspektive.

Magazinrundschau vom 13.04.2004 - Outlook India

Mark Tully geht hart mit Pavan Varma ins Gericht, der in seinem Buch "Being Indian" mit den besten Absichten nach einem neuen nationalen Selbstverständnis sucht, aber nach Ansicht des Rezensenten an den falschen Stellen. Wer nämlich Spiritualität entwerte und dafür Materialismus und Diesseitigkeit als indische Stärken proklamiere, wer die Existenz einer indischen Tradition der Moral abstreite, der ersetze alte Stereotypen durch neue, gefährlichere, findet Tully. Schuld sei die traditionalistische - und ergo unindische, meint Tully - Herangehensweise des Autors: "Indien hat immer die Grenzen der Vernunft verstanden. Mit seinen groben Vereinfachungen legt Vama nahe, dass Indischsein darin besteht, vieles von dem über Bord zu werfen, was für mich - indisch ist."

Weitere Artikel: Sugata Srinivasaraju und Savitri Choudhury haben nach brandheißen Meinungsumfragen in drei Bundesstaaten schlechte Nachrichten für die Kongresspartei. Arvind Krishna Mehrotra verweist auf eine postume Sammlung von Gedichten Agha Shahid Alis, der 2001 für den National Book Award nominiert war. Und Vaishna Roy ist ganz beschwipst, dass in Indien jetzt auch Wein angebaut wird.

Magazinrundschau vom 05.04.2004 - Outlook India

Manu Joseph war ja eigentlich zu Besuch in Pakistan, um über das indisch-pakistanische Gipfeltreffen im Kricket zu berichten, doch nach Spielende und Sonnenuntergang machte er sich auf die Suche nach den Hot Spots des nächtlichen Vergnügens - "in einem Land, wo nur Minderheiten wie Christen und Diplomaten Alkohol konsumieren dürfen" und tanzen unakzeptabel ist. Joseph wundert sich, dass die Pakistanis trotzdem aufbleiben: "An öffentlichen Orten können die Leute nichts machen außer essen, bis in die frühen Morgenstunden, und komischerweise ist es genau das, was sie tun." Und dann gibt es ja noch die privaten Partys (Models, Tanz, Alkhohol!) und die Rotlichtviertel von Lahore. Eigentlich nicht groß anders als in Indien, meint Joseph, obwohl - Karatschi und Bombay zu vergleichen, gehe wirklich zu weit: "Bombay ist einzigartig - eine freie, lebendige, reiche und alptraumhafte Metropole. Karatschi ist eine Kleinstadt mit einer Menge Menschen."

Außerdem: Kanisha Singh erklärt die Gemeinsamkeiten des indischen und der US-amerikanischen Wahlkampfs und die geistige Verwandschaft von John Kerry und Sonia Gandhi. Prem Shankar Jha verzweifelt daran, dass die Leute glauben, was die PR-Experten der BJP ihnen erzählen - von wegen "Feelgood-Faktor"! Und Juhi Saklani lobt Manjula Padmanabhans Kurzgeschichtenband "Kleptomania".

Magazinrundschau vom 29.03.2004 - Outlook India

Auch wenn man von Kricket keine Ahnung hat, wird man von Manu Josephs Texten mit sprachlicher Finesse belohnt und hat am Ende das Gefühl, das Spiel auf irgendeine Weise doch verstanden zu haben. In dieser Woche gibt es wieder mal eine Titelgeschichte über den Nationalsport der Inder, denn eine auf fünf eintägige Spiele angelegte Serie gegen den Erzkontrahenten Pakistan - "Krieg ohne Schießerei. Diplomatie ohne die künstlichen Rituale" - ist soeben mit einem knappen Sieg zu Ende gegangen. Doch es ist nicht alles Gold: "Es wird eine Zeit kommen, in der seltsam aussehende Menschen auf die eben zu Ende gegangenen Tage zurückblicken und sich fragen werden, wie es sich wohl angefühlt haben muss, diese zwei Wochen leibhaftig erlebt zu haben. Inmitten all der berühmten Schnappschüsse aus schwarz-weißen Zeiten war diese Spielserie einer der seltenen Klassiker in Farbe. (...) Doch sollte die Geschichte je in aller Vollständigkeit berichtet werden, dann werden die Menschen eines zukünftigen Zeitalters auch von dem Schatten geheimer Absprachen lesen, der über den Spielen schwebte."

Außerdem: Ein Exklusivinterview mit dem neuen amerikanischen Botschafter in Indien, unter anderem über die Beziehungen der USA zu Indien und Pakistan und über Outsourcing amerikanischer Jobs nach Indien. H. Y. Sharada Prasada nimmt ein neues, nicht allzu gelungenes Buch zum Anlass, die Sängerin Gangubai Hangal, eine der besten Interpretinnen klassischer indischer Musik, zu würdigen: "Die grand little lady der Musik hätte ein besseres Buch verdient, aber so selten, wie Bücher über unsere Musiker nun mal sind, ist es dennoch begrüßenswert." (Hier kann man sie singen hören.) Charubala Annuncio hat schlechte Nachrichten für alle, die zur Entschlackung nach Indien fahren: Ayurveda-Kuren sind manchmal sehr ungesund.

Magazinrundschau vom 22.03.2004 - Outlook India

Warum ist es um den Säkularismus in der indischen Gesellschaft so schlecht bestellt, fragt Gurcharan Das. Er gibt den Säkularisten vergangener Jahrzehnte die Schuld: "Es stimmt, dass unsere einflussreichsten Säkularisten Marxisten waren, die religiöses Leben geringschätzten ... und damit natürlich bei der Mehrheit der Inder, die tief religiös ist und sich von gottlosen, verwestlichten, braunhäutigen Sahibs ungern Vorschriften machen lässt, auf keine Gegenliebe stießen ... darüber hinaus vergaßen unsere Säkularisten, dass wahrhaftig religiöse Menschen normalerweise zutiefst säkularistisch eingestellt sind. Was scheiterte, war also nicht die noble Praxis des Säkularismus, sondern ihre Durchführung in Indien." Passend dazu bespricht Dilip Simeon einen Sammelband mit politischen Essays zum Thema "Will Secular India Survive".

Gut die Hälfte des Heftes beschäftigt sich mit den bevorstehenden Wahlen. Saba Naqvi Bhaumik beklagt den Niedergang der Wahlkampfkultur: Früher "war die Bevölkerung der weltgrößten Demokratie der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Prozesses. Kontakt zu den Massen, glühende Reden über Armut, Korruption und soziale Erneuerung waren der Stoff, aus dem indische Wahlen gemacht waren. (...) Trotz all seiner Mängel enthielt das System ein Versprechen von sozialer Umwälzung." Heute sei der Wahlkampf "eine absurde Performance" und werde "von Tag zu Tag dümmer". Bhavdeep Kang nimmt die Wahlstrategien von BJP und Kongress unter die geschlechtsspezifische Lupe: Beide große Parteien umgarnen die unabhängige indische Frau.

Weitere Artikel: Sanjay Suri beschäftigt sich in einem ausführlichen Artikel mit den Geschäftspraktiken junger britischer Colleges, die vor kurzem noch den Status von Fachhochschulen hatten und sich neue Exklusivität erkaufen: mit dem Geld ausländischer - vor allem indischer - Studenten, deren Gebühren das Siebenfache von dem betragen, was ein Engländer zahlt. Die Inder legen das Geld gerne auf den Tisch, denn sie wollen nach Suris Recherchen im Land bleiben und nehmen quasi die teure Hintertür zum ständigen Aufenthalt. Geöffnet wird sie ihnen von den Eltern daheim in Indien, die Profiteure sind die Colleges - und ihre britische Studenten. Buddhadev Dasgupta, selbst ein renommierter Sitarspieler, schreibt den Nachruf auf Vilayat Khan, einen großen Meister des Instruments.