Magazinrundschau - Archiv

New York Magazine

129 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 13

Magazinrundschau vom 13.06.2023 - New York Magazine

Die TV-Branche, Streaming und Hollywood stehen komplett in Flammen. Das ist zumindest der Eindruck, den man aus Josef Adalians und Lane Browns epischer, aber in jedem Absatz lesenswerter Reportage über die Krise der Unterhaltungsbranche mitnimmt: Nach der Goldgräberstimmung des Netflix-Booms herrscht in allen Gewerken der Branche und bei den Aktionären Katerstimmung: Die Büchse der Pandora wurde geöffnet, aber ein mittel- bis langfristig funktionales Finanzierungsmodell ist daraus bislang noch nicht gekrochen. Stattdessen läuft der massiv auf Wachstum und Verdrängung setzende Betrieb vor allem auf Basis gigantisch angehäufter Schulden - das Nachsehen haben die Kunden, die den Wald vor lauter Streamingdiensten nicht mehr sehen. Und die Autoren, deren Tantiemen dahinschmelzen wie Butter in der Sommersonne. Beispiel Shawn Ryan, dessen Serie "The Night Agent" Netflix gerade traumhafte Zahlen bescherte, von denen man im klassischen Fernsehen nur träumen konnte. Doch "er wird damit wahrscheinlich weniger Geld machen als mit 'The Shield', seiner Polizeiserie von 2002, auch wenn diese Serie auf dem damals aufblühenden Kabelkanal FX lief und zu keiner Zeit auch nur annäherungsweise Quoten in Super-Bowl-Dimensionen erreichte. 'Das Versprechen lautete einst: Wenn Du der Firma Milliarden bescherst, bekommst Du viele Millionen', sagt er. 'Dieses Versprechen ist dahin.' " Damals bedeuteten "mehr Zuschauer höhere Werbepreise und die größten Hits konnten via Syndikation lizenziert und auf internationalen Märkten verkauft werden." Doch "im Gegensatz dazu laufen bei Streamingserien weniger (oder gar keine) Werbeclips und sie sind typischerweise für immer auf ihre Original-Plattformen beschränkt. Für die Fernsehleute ist die Verbindung zwischen Reichweite und Ertrag gekappt. ... Kombiniert man alle Einnahmequellen fürs lineare Fernsehen, kann ein Studio bei einem Hit für jeden ausgegebenen Dollar drei Dollar Umsatz einholen. Das Problem für Autoren war jedoch, dass die meisten Serien floppten. Es gab also wenig Umsatz im Nachhinein, von dem man sich etwas abschneiden konnte. Streamingdienste boten hier etwas anderes an: Ihr Modell namens 'Cost Plus' bezahlte vielleicht 1,30 Dollar oder 1,50 Doller vorab. Jede Serie ist damit ein Gewinner - nur eben kein sonderlich großer. Um diesen Verlust bei Nachzahlungen auszugleichen, gaben die Streamingdienste leistungsbasierte Anreize: Der Autor Mike Schur beschreibt ein Szenario, bei dem eine Plattform einem Showrunner Boni in Höhe von 100.000 Dollar für die erste Staffel, 250.000 Dollar für die zweite, 500.000 Dollar für die dritte und 1.7 Millionen Dollar für die vierte in Aussicht stellte. 'Heilige Scheiße, denkt man sich da, das ist ja großartig', sagt er. Da war nur ein Haken. Viele für erfolgreich gehaltene Serien verschwanden nach nur ein paar Staffeln. 'Niemand sah kommen, dass sie die Serien einfach abwürgten, bevor sie von diesem Geld etwas auszahlen mussten', sagt er. 'In gewisser Hinsicht haben sie alle reingelegt. Wenn man heutzutage noch 20 Episoden bekommt, ist das ein Wunder.'"

Magazinrundschau vom 16.05.2023 - New York Magazine

Der linksliberale Traum von der Schule als Katalysatoren progressiver Sozialrevolutionen hat sich in den USA vorerst ausgeträumt, hält Jonathan Chait fest: Stattdessen geht es in die andere Richtung. Schulen und Universitäten werden von den Republikanern, allen voran dem Gouverneur Floridas, Ron deSantis, zugleich als Ziel und Waffe ideologischer Kulturkämpfe instrumentalisiert. Es geht gegen alles, was als links, weltoffen und vermeintlich woke gilt. "In Florida hat HB 1467 - ein Gesetz, das von allen Büchern in Schulen fordert, 'den Bedürfnissen der Schüler zu entsprechen', Schulbüchereien dazu veranlasst, manisch Bücher aus ihren Regalen zu entfernen, aus Angst, sie könnten gegen das neue Reglement verstoßen." Auch harmlose Kinderbücher sind vor diesen Zensurbestrebungen nicht sicher: "Mit Hinblick auf DeSantis Gesetz HB1557, das Kritiker auch das 'Don't Say Gay'-Gesetz nennen, hat der Lake County-Distrikt das Buch 'And Tango Makes Three' entfernen lassen, das die Geschichte zweier männlicher Pinguine erzählt, die im Central Park Zoo ein gemeinsames Nest gebaut und ein Pinguin-Baby aufgezogen haben, das ihnen ein Tierpfleger anvertraut hat. Das Buch enthält keinerlei sexuelle Inhalte, nicht einmal zwischen sich einvernehmlich liebenden Pinguinen." Die Gefahr, die von solchen Bücherverboten und Doktrinen ausgeht, ist kaum zu unterschätzen - doch die Demokraten könnten genau diesen Fehler begehen, warnt der Kolumnist: "Die Versuche, sich das Bildungswesen zu eigen zu machen, haben in diesem frühen Stadium ja nur gezeigt, was die Regierung eines einzelnen Bundesstaates bewirken kann. Sollten die Republikaner aber das Weiße Haus und die Mehrheit im Kongress übernehmen, hätten sie weitaus mehr Autorität. Forschungsgelder aus staatlicher Kasse und Subventionen von Studiengebühren geben der Regierung wichtigen Einfluss auf die Institutionen höherer Bildung, sowohl öffentlicher als auch privater Ausrichtung. Es sieht nicht so aus, als hätten die Demokraten schon begriffen, welchen gewaltigen Ambitionen sie gegenüberstehen. Als DeSantis damit begann, eine weitere Verschärfung seiner Restriktionen um das Thema Geschlecht im Unterricht durchzusetzen - ein Gesetzesentwurf, der unter anderem vorsieht, 'bestimmte Materialen' aus dem Lehrplan zu entfernen, bevor sie überhaupt geprüft werden, sollte sich nur der geringste Widerspruch von Elternseite ergeben - haben seine Gegner das als reine Nachgiebigkeit aufgefasst. Demokraten 'sehen es als Versuch von DeSantis, die konservative Basis auf seine Seite zu ziehen und damit letzten Endes die Vorwahlen als Präsidentschaftskandidat zu gewinnen', berichtete Politico. Diese Annahme verkennt, dass es kein simpler Kampagnenslogan ist, politische Kontrolle über Schulen erlangen zu wollen. Es ist ein Plan, Macht in noch mehr Macht zu verwandeln."

Magazinrundschau vom 04.04.2023 - New York Magazine

Apropos Glühbirne. Wie sich Tom Scocca nach ihr zurücksehnt: nach ihrem warmen gloriosen Licht. Klar, sie ist eine Umweltsau, was absolut kritikwürdig ist. Aber LED-Licht lässt Scocca langsam an seinem Verstand zweifeln: "Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis ich erste Irritationen bemerkte oder glaubte, sie bemerkt zu haben: ein verblasster Lichtschein auf der Seite eines Bilderbuchs, ein Flackern im Augenwinkel, diese plötzlichen unerklärlichen Ausfälle oder halben Ausfälle. Eine schieferblaue Socke, die von einer anthrazitfarbenen Socke nicht zu unterscheiden war, bis ich mit ihr ans Fenster trat. Eine gewisse Unwirklichkeit schlich sich ein." Scocca hat sich über dieses Phänomen u.a. mit Amy Nelson unterhalten, der Leiterin der Abteilung Lichtdesign des Metropolitan Museums und verantwortlich für die Erneuerung der Beleuchtung des Museums mit LED-Lampen. "Eines der Ziele, so Nelson, ist es, das Museum mit weißem Standardlicht zu füllen - 3.000 Grad Kelvin, etwas schärfer und kühler als die 2.700 Grad einer weichweißen Glühbirne. Das war die Theorie. Jetzt blickten wir auf die Realität einer der ersten LED-Installationen des Met aus der Mitte der 2010er Jahre. 'Die Galerien sahen wunderschön aus, als sie eröffnet wurden', sagte Nelson. Aber die Lampen waren kaputt gegangen. Sie sollten eine Lebensdauer von mindestens sieben Jahren haben, aber schon vorher hatte ihre Farbe begonnen, sichtbar zu zerfallen." Das liegt daran, lernt Scocca, dass eine LED-Glühbirne "weniger eine Glühbirne ist als vielmehr ein Glühbirnenemulator. Es handelt sich um einen Computer. Während man sich bei einem altmodischen Glühfaden im Allgemeinen darauf verlassen kann, dass er entweder intakt oder kaputt ist, unterliegen die Treiber und Dioden in den neuen Glühbirnen den gleichen Störungen und Kompatibilitätsfehlern wie andere elektronische Geräte, vor allem, wenn Dimmer ins Spiel kommen. Sie können abstürzen oder hängen bleiben, durch elektromagnetische Interferenzen hörbar brummen oder durch ein falsches Stromsignal durchdrehen. Mit anderen Worten: LEDs können kaputt gehen, auch wenn sie zu funktionieren scheinen. 'Sie fallen nicht einfach aus oder brennen durch wie eine Halogenquelle', sagt Nelson. Oft kommt es zu einem Lichtverlust oder einer Farbverschiebung. Wenn auf der Verpackung einer LED-Lampe steht, dass sie eine bestimmte Anzahl von Jahren halten soll, sagt das nichts darüber aus, wann das Licht ausgehen wird. Es ist eine Schätzung über den Verlauf der Degradation. Das Enddatum ist der Zeitpunkt, an dem die Glühbirne schätzungsweise nur noch 70 Prozent so hell leuchtet wie zu Beginn. Es liegt an Ihnen, zu entscheiden, wann die Dinge anfangen, unheimlich zu werden."
Stichwörter: Led, Licht, Glühbirne, Met

Magazinrundschau vom 14.03.2023 - New York Magazine

Die Kinos schaffen sich selbst ab, schreibt Lane Brown erbost. Der Grund: schlechte Projektionen in mieser Bildqualität - weil die Leinwand nicht ausreichend beleuchtet wird, das Bild gestaucht ist oder das Bild über die Markierung der Leinwand hinaus strahlt. Wer will dafür noch Geld ausgeben, wenn man den Film im Kino nur noch erahnen kann? Wie so oft ist das Problem hausgemacht und geht auf die im Galopp vollzogene Digitalisierung um 2010 zurück: "Die Studios waren von diesem Wechsel begeistert, weil sie damit Geld sparen konnten - statt schwere Filmrollen in die Post geben zu müssen, konnten sie ihre Filme nun über das Internet vertreiben. Die Kinobesitzer waren begeistert, weil digitale Projektoren so programmiert werden konnten, dass sie alleine liefen, ohne dass es einen Vorführer braucht, der die Maschine startet und die Rollen wechselt. Doch diese Vorführer waren handwerklich enorm geschickte Techniker und Problemlöser. Heute aber, da Multiplexe automatisiert vorführen, fallen technische Probleme den Hausmanagern in den Schoß, die, im Zeitalter der Austerität, wohl dieselben überarbeiteten Mitarbeiter sind, die auch die Tickets abreißen und Popcorn verkaufen. Wenn ein ernstes Problem vorliegt oder mehr getan werden muss, als einmal die Optik zu wischen oder das System neuzustarten, kann es schon ein paar Wochen dauern, bis ein Techniker vorbeikommt - oder sogar noch länger, wenn sich einfach niemand beschwert. Das Problem, mit dem sich die heutigen Kinobesucher wohl am ehesten herumschlagen müssen, ist ein trübes Bild. Ein Grund dafür liegt darin, dass viele jener Projektoren, die zu Zeiten des ersten 'Avatar'-Films angeschafft wurden, heute noch immer im Betrieb sind und ihr Alter zeigen. 2020 kündigte Sony an, sich aus dem Projektorengeschäft zurückzuziehen, und beendete vor kurzem die Unterstützung für jene Modelle, die bei den wichtigsten Ketten im Betrieb sind. Dies ist insofern besonders problematisch, da diese Maschinen eine bekannte Schwäche haben, wie ein Analyst dem Digital Cinema Report verriet: 'Das ultraviolette Licht aus der Lampe des Projektots zerstört allmählich das bildwerfende Gerät. Das projizierte Bild verliert an Farben. Um dies zu beheben, müsste man das bildwerfende Gerät ein- oder zweimal im Jahr ersetzen.' Doch diese Lösung ist teuer, weshalb sich nur wenige Kinos dazu entschließen."
Stichwörter: Kino, Digitalisierung

Magazinrundschau vom 07.03.2023 - New York Magazine

Eben war noch Body-Positivity das große Ding, jetzt tanzt Lizzo auf einmal allein in Übergröße: Hollwood und Instagram sind im Schlankheitswahn, seit die neue Wunderdroge Ozempic als Diätpille die Runde macht. Eigentlich soll das Medikament bei Diabetes den Appetit zügeln, aber inzwischen sind alle Dämme gebrochen. Mit besten Kontakten in die Mode- und Filmwelt und Lust an deftigem Klatsch erzählt Matthias Schreier zum Beispiel von einer New Yorker Schauspielerin, die er Allison nennt: "Es stellt sich heraus, dass sie etwa zehn Pfund abgenommen hat und darüber glücklich ist. 'Jemand hat mir einmal gesagt, ich hätte eine Größe-Null-Persönlichkeit, er dachte, ich sei dünner als ich tatsächlich war', erzählt sie mir. 'Wir reden nicht darüber, aber jeder weiß es. Dünn ist Macht.' ... Für viele Ozempic-Schlucker gibt es Nebenwirkungen. Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung sind die häufigsten. 'Ich habe gehört, dass alle Schwulen bei der CAA es nehmen und sich das Hirn ausscheißen', sagt Allison. 'Aber nein, das war nicht meine Erfahrung. Es ist ein bisschen so, wie eine kleine Dosis Amphetamin, ohne das Crack-Gefühl.' Sie hat sich daran gewöhnt. 'Am Anfang gab es definitiv Momente, in denen ich Nebenwirkungen wie Müdigkeit spürte', sagt sie. 'Aber das war nur vorübergehend, und je höher meine Dosis wurde, desto mehr habe ich die Vorteile gespürt.' Sie sei einfach nicht mehr so hungrig und dadurch weniger ängstlich. In stressigen Zeiten, in denen sie ihre Ernährung nicht so gut kontrollieren könne oder täglich ins Fitnessstudio gehen, nehme Ozempic ihr die Aufgabe fast ganz ab. Vor Ozempic hat sie sich bei Dreharbeiten in ihrem Hotel verkrochen und Saft geschluckt, um in ihre Kostüme zu passen. Jetzt, sagt sie, kann sie eineinhalb Mahlzeiten am Tag essen und ist abends etwas hungrig, aber das ist nicht schlimm: 'Man kann einen Tee mit Magnesium trinken und vielleicht eine Xanax nehmen und einschlafen." Ein Nachteil könnte sein, dass man sofort zunimmt, wenn man die Einnahme stoppt, aber bei Kosten von 1000 Dollar im Monat, geschäftlich für den dänischen Konzern Novo Nordisk ein Volltreffer: "Da inswischen 70 Prozent der AmerikanerInnen übergewichtig oder klinisch fettleibig, die möglichen gewinnen sind riesig. Die Firma jubelte letztes Jahr gegenüber Investoren, sie hoffe 'Marktführer bei Fettleibigleit zu bleiben und die Vekäufe zu verdoppen', was einen Umsatz von 3,5 Milliarden brächte."

Magazinrundschau vom 07.02.2023 - New York Magazine

Hollywood und die Streaming-Dienste haben bemerkt, wie viel Geld sich mit Dokumentationen machen lässt und dem Genre einen ungeahnten Boom beschert. Doch für Reeves Wiedeman ist das kein Grund zur Freude. Denn die damit verbundene Gewinnerwartungen bedeuten für die Branche vor allem: True Crime, Celebrities-Biografien und strikte Vorgaben für Schnitt und Struktur. Aus dem Genre, das bisher sein Selbstverständnis aus Engagement und Aufklärung bezog, ist ein kommerzielles Produkt für ein Multimillionen-Publikum geworden, das ziemlich nah ans Reality-TV gerückt sei: "Dies hat der Welt des Dokumentarfilms eine Identitätskrise beschert. Was ist überhaupt noch ein Dokumentarfilm? Es gibt mehr Geld als je zuvor, aber es ist mit Erwartungen verknpüft, die es nicht gab, als die Branche in Bezug auf Ethik und Geschmack dem öffentlichen Rundfunk näher stand als Hollywood. Die Menschen, die sich bereit erklären, ihre Geschichten zu erzählen, verlangen jetzt Kontrolle oder Geld, so dass die Dokumentarfilmer jetzt zwischen der Verbindlichkeit gegenüber ihren Protagonisten, den Anforderungen des Algorithmus und ihrem Wunsch, gute Arbeit zu leisten, navigieren müssen. Für das Publikum ist es fast unmöglich geworden, künstlerische oder journalistische Werke von glorifiziertem Reality-TV oder Public-Relations-Übungen zu unterscheiden: Ein HBO-Max-Abonnent kann durch die Registerkarte Dokumentarfilme scrollen und zwei Filme über Lizzo finden, die sie selbst produziert hat, 41 Filme und Serien, die als True Crime firmieren, einen Oscar-nominierten Film über den russischen Dissidenten Alexej Nawalny und 'Wahl Street', 'einen Einblick in das Leben des Weltstars Mark Wahlberg, der mit den Anforderungen seiner privaten und beruflichen Welt jongliert und sich abmüht, sein expandierendes Geschäftsimperium auszubauen'." Gegen diesen Trend haben sich, wie Wiedeman berichtet, einige Filmemacher zur Documentary Accountability Working Group zusammengeschlossen, die Richtlinien fürs ethische Filmemachen erarbeitet.

Magazinrundschau vom 31.01.2023 - New York Magazine

Opposition, und dann noch in einem ziemlich hoffnungslosen Fall wie China, ist nicht nur mutig und kräftezehrend, es beschädigt die Menschen oft auch, muss Christopher Beam in seiner Reportage über den im amerikanischen Exil lebenden chinesischen Regimekritiker Wang Juntao feststellen. "Wie bei jedem guten Aktivisten war Juntaos Superkraft immer seine Fähigkeit zu sehen, was andere nicht sehen - sich die Welt anders vorzustellen, als sie ist. Aber diese Fähigkeit hat auch eine Kehrseite. An einem Punkt gab Juntao zu, dass er sich selbst einreden kann, was er für wahr hält. 'Manchmal verwechseln Leute wie ich den subjektiven Eindruck mit der objektiven Realität', sagte er. 'Wenn wir glauben, dass etwas wahr ist, beruht das in Wirklichkeit auf unserer Hoffnung und nicht auf der Realität.'" Das kann manchmal zu Verfolgungswahn führen, aber ohne diese Hoffnung geht es eben auch nicht: "Als er noch in China lebte, steckte ihn das kommunistische Regime zweimal ins Gefängnis, und seit Jahrzehnten hat er nur begrenzten Kontakt zu seiner Familie, um sie vor offiziellen Schikanen zu bewahren. 'Die chinesische Regierung nimmt deine Verwandten in Beschlag', sagt er. 'Wenn du sie liebst, musst du so tun, als würdest du sie nicht lieben.' In Flushing waren einige seiner Mitstreiter bereits über 70 und 80 Jahre alt, und jedes Mal, wenn sie sich versammelten, schien ein weiterer Platz leer zu bleiben. In der Zwischenzeit erinnern die Nachrichten aus China ständig an die zunehmend autoritäre Herrschaft der Kommunisten, von Internierungslagern in der Provinz Xinjiang bis hin zur Massenüberwachung mit Hilfe von Gesichtserkennungstechnologie. Fast drei Jahrzehnte lang hat Juntao im Exil den Traum von einer demokratischen Revolution in China aufrechterhalten, aber er ist der Verwirklichung dieses Traums nicht näher gekommen." Dann wurde sein engster Freund und Kollege im Minyun, Jim Li, ermordet und ein Bekannter der Spionage beschuldigt. Doch Wang Juntao blieb optimistisch. Und dann wurde "unglaublicherweise seine Vorhersage wahr. Nachdem im November zehn Bewohner eines Wohnhauses in Ürümqi bei einem Brand ums Leben gekommen waren, flammte das chinesische Internet mit Anschuldigungen auf, Xis strenge 'Null COVID'-Politik habe es ihnen schwer gemacht, dem Feuer zu entkommen. Demonstranten füllten die Straßen im ganzen Land, von der Industriestadt Zhengzhou bis zur Tsinghua-Eliteuniversität in Peking. Einige forderten den Rücktritt von Xi. Es war eine furchtlose Rhetorik, wie es sie seit Tiananmen nicht mehr gegeben hat, und schockierend für jeden, der beobachtet hat, wie China Wachstum über politische Freiheit stellt und abweichende Meinungen unterdrückt. Die Kundgebungen widerlegten alles, was die Zyniker zu wissen glaubten. ... Juntaos Plattitüden über die Aufrechterhaltung der demokratischen Flamme in den dunkelsten Stunden fühlten sich plötzlich wahr an. Und obwohl politische Analysten darauf hinwiesen, dass der zivile Ungehorsam nur von begrenzter Tragweite war, hatte eine neue Generation die Lektion gelernt, die Juntao sein Leben lang zu vermitteln versucht hatte: dass Veränderungen immer möglich sind."

Magazinrundschau vom 06.12.2022 - New York Magazine

Es gibt nichts Neues unter der Sonne, aber es gibt immer wieder neue Sonnen, lautete die Devise der Science-Fiction-Autorin Octavia Butler, die für ihre Weltraum-Utopien ebenso verehrt wurde wir für ihren Afrofuturismus. Alex Jung widmet der Schriftstellerin ein episches Porträt, das berührend auf Butlers Anfänge blickt, als sie arm, schwarz und unglaublich schüchtern war. Fünf Jahre lang schrieb sie Tag für Tag, ohne etwas zu verkaufen, kein Verlag interessierte sich für ihren ersten Roman "Psychogenese": "Sie versuchte, einen straffen Zeitplan einzuhalten. Jeden Morgen um 2 Uhr stand sie auf, um zu schreiben. Das war die beste Zeit, bevor sich der Tag mit anderen Menschen füllte und ihre Gedanken frei schweifen konnten. Der Sonnenaufgang brachte das Leben, das sie nicht gewollt hatte: die Arbeit in Fabriken, Büros und Lagerhäusern. Sie lebte von der Arbeit für eine Zeitarbeitsfirma, die sie 'den Sklavenmarkt' nannte. Ihre Mutter wünschte sich, dass sie eine Vollzeitstelle als Sekretärin bekäme, aber Butler bevorzugte körperliche Arbeit, weil sie nicht lächeln und so tun musste, als würde es ihr gefallen. Ihr Körper schmerzte; sie musste zum Zahnarzt. Sie nahm NoDoz, um wach zu bleiben. Sie rechnete ständig: wie teuer war Papier, wie weit konnte sie den zweiwöchentlichen Gehaltsscheck von 99,07 Dollar strecken. 'Armut ist eine ständige, bequeme und leider auch gültige Entschuldigung für Untätigkeit', schrieb sie in einem Tagebucheintrag. Die Welt der 'Psychogenese' hatte mit Psionik zu tun - Telepathie, Telekinese, Gedankenkontrolle -, die in der Science-Fiction, die sie las, sehr beliebt war. Die Möglichkeit, dass man die Umstände seines Lebens mit seinen Gedanken kontrollieren kann, übte auf Butler starken Reiz aus. Sie glaubte daran auch in der realen Welt. Besonders Napoleon Hills 'Think and Grow Rich' hatte es ihr angetan, ein Motivationsbuch, das die optimistische Autosuggestion des französischen Psychologen Émile Coué lehrte. Eine von Hills Übungen bestand darin, sich an einen ruhigen Ort zu begeben und eine Geldsumme aufzuschreiben, die man verdienen wollte und wie man sie bekommen würde. Man musste dies mit 'Überzeugung' tun. Während mehrerer Monate im Jahr 1970 befolgte Butler diese Anweisung morgens und abends. 'Ziel: 100.000 Dollar Gespartes in bar zu besitzen', schrieb sie."

Magazinrundschau vom 28.06.2022 - New York Magazine

In einer Reportage über "Teenager Gerechtigkeit" erzählt Elizabeth Weil anhand mehrerer Beispiele, wie eine gute Sache - sexuellen Missbrauch ernst zu nehmen - im hysterischen Klima einer Highschool völlig außer Kontrolle gerät: Schüler werden gecancelt, Schandlisten veröffentlicht, ohne Sachverhalte nachzuprüfen, Demos abgehalten und die Schulleitung angegriffen: "In der öffentlichen Vorstellung entwickelten sich die Verbrechen der Jungs schnell und steil. Aus 'Du bist ein Mistkerl' wurde 'Du bist ein Angreifer', was sich bald in 'Du bist ein Vergewaltiger' verwandelte. In Wahrheit, so [die Schülerin] Jenni, war es den meisten Menschen egal, was die Angeprangerten getan hatten. 'Jemand sagt: Oh mein Gott, ich habe gehört, dass er ein schlechter Mensch ist - sprich nicht mit ihm. Und dann haben die Leute Angst, auf der falschen Seite zu stehen. Also tun sie es einfach. Sie denken nicht darüber nach. Sie sagen einfach: Oh, ich kenne ihn nicht, also werde ich wohl nicht mit ihm reden.'" Der Gruppendruck ist enorm, und vergeben wird nicht. Eine dumme Handlung (betrunken auf einer Party ein Nacktfoto seiner Freundin zu zeigen) oder dumme Bemerkung (über die 'Affenohren' eines schwarzen Jungen zu spotten) reicht aus, jemand für den Rest der Highschool zu ächten, wie ein Mädchen erzählt. "Trotz aller öffentlichen und privaten Entschuldigungen, die sie abgegeben hatte, trotz all der Monate der Therapie und des Lesens war sie immer noch 'dieses rassistische Kind' und würde es wahrscheinlich auch bleiben, bis sie in zwei Jahren ihren Abschluss machte. 'Es gibt keinen Raum für Wachstum', sagte sie und aß die Quesadilla, die sie zum Mittagessen mitgebracht hatte. 'Wenn man etwas falsch macht, ist man ein schlechter Mensch.' Es gab keine Gemeinschaft, die, während sie einen zur Rechenschaft zog, Raum zum lernen gab; keine Annahme, dass man sich ändern kann - und wird. Wer könnte eine solche Adoleszenz überleben?"

In einem zweiten Artikel erklärt uns Brock Colyar, als non-binäre Person nicht mit dem falschen geschlechtsspezifischen Pronom angesprochen werden zu wollen. Leute sollen aber auch nicht fragen und überhaupt nerve es, dass jetzt alle so politisch korrekt sind, dass Non-Binäre plötzlich Teil einer Massenbewegung geworden sei.

Magazinrundschau vom 17.05.2022 - New York Magazine

Kerry Howley porträtiert die Abtreibungsgegnerin Marjorie Dannenfelser, die seit Jahrzehnten mit ihrer Organisation SBA wahre Terror-Kampagnen gegen Politikerinnen und Politiker anzettelt, wenn die sich nicht entschieden genug auf ihre Seite stellen. Dannenfelser ist eine konvertierte Katholikin, sie glaubt an den Teufel und an das Böse, doch ihr politisches Handwerk hat sie bei dem Demokraten Alan Mollohan gelernt: "1989 leitete er den Pro-Life-Caucus im Repräsentantenhaus. 'Er war gut zu mir', sagt Dannenfelser, 'wie ein Vater. Er kümmerte sich.' Er ließ zu, dass sie langweilige Aufgaben vernachlässigte, um sich ganz auf das zu konzentrieren, was ihr am Herzen lag. Von Mollohan lernte Dannenfelser eine ihrer wichtigsten politischen Lektionen: Beim Ausüben politischer Macht darf man nicht zögern. 'Wenn man auf einen Bären schießt', erklärte er ihr, 'muss man ihn töten'. Zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2010, war Dannenfelser Kopf der Susan-B.-Anthony-Liste, eine Gruppe, die ausschließlich daran arbeitet, Abtreibungsgegner im Wahlkampf zu unterstützen. In dem Jahr votierte Mollohan, mittlerweile seit 14 Legislaturperioden Abgeordneter mit makellosem Abstimmungsverhalten, auf eine Art, mit der Dannenfelser nicht einverstanden war. Mollohan glaubte, dass Obamacare staatlich finanzierte Abtreibungen wirksam ausschloss, sie dagegen hielt das entsprechende Dekret von Barack Obama nicht für verlässlich. Nachdem Mollohan für das Gesetz gestimmt hatte, wies Dannenfelser ihr Spendenkomitee an, 78.000 Dollar gegen Mollohan einzusetzen, und ließ im Radio Werbespots senden, in denen es hieß: 'Alan Mollohan hat uns verraten und dafür gestimmt, staatliches Geld für Abtreibungen aufzuwenden', obwohl dies höchstens unklar war. Der Abgeordnete verlor seine Wiederwahl."