Magazinrundschau - Archiv

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215 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 22

Magazinrundschau vom 18.06.2013 - Nepszabadsag

Der Philosoph János Kis erklärt im Interview mit Dóra Ónody-Molnár, warum alles gleich zu bleiben scheint, auch wenn es sich verändert: "Die revolutionären Veränderungen finden in einem Zustand der Euphorie statt. Was früher unmöglich erschien, wird nun möglich. Die Herrschaft der Unterdrücker zerbricht, der Wind der Freiheit weht auf den öffentlichen Plätzen. Mit der Zeit wird klar, dass sich das Gewebe der Gesellschaft langsamer ändert als die Rechtsinstitutionen. Die alten Beziehungen greifen wieder. Sie passen sich den neuen Gegebenheiten an. Die Veränderungen verursachen hohe Kosten, die neue Welt bringt nicht nur Vorteile, die Freiheit ist größer, für die Existenzsicherung muss mehr gekämpft werden. Diese Zeit der Ausnüchterung ist verständlich und wir sind nicht allein damit in Ost-Mittel-Europa."

Magazinrundschau vom 04.06.2013 - Nepszabadsag

Der in der serbischen Vojvodina lebende Autor László Végel blickt hoffnungsvoll auf neue, pro-europäische Entwicklungen in der von Nationalisten bestimmten serbischen Politik: "Die serbischen Nationalisten kämpften zwei Jahrzehnte gegen die Europäische Union, nun führen sie ihren 'Freiheitskampf' für die EU-Mitgliedschaft. Danach verkörpern nicht mehr die Liberalen und die pro-europäischen Demokraten die größte Gefahr, sondern die Rechtsextremen. ... Nach Ansicht der Regierungskoalition (mehr hier) bedarf es einer neuen nationalen Einheit. Die Abweichler verletzen die serbischen nationalen Interessen - so die neuen Stimmen. Die harte nationalistische Rhetorik bleibt, doch sie wird mit neuen Inhalten gefüllt. Manche sagen, der serbische Nationalismus sei am Ende. Das ist sicherlich eine Übertreibung, hier geht es eher darum, dass er befriedet wurde, die Rhetorik wechselte, er sucht seinen Platz in der Nähe der politischen Mitte, was sicherlich eine neue Qualität darstellt."

Zoltán Trencsényi skizziert die neue Welt, die auf der Römischen Promenade entsteht, einem Uferabschnitt der Donau, der von den Budapestern zur Erholung genutzt und von der Stadtverwaltung gerade neu gestaltet wird: "In der jüngsten Vergangenheit entstanden immer eleganter Restaurants, Sportstätte, Hotels. Sie griffen die alte Romantik noch in ihren Namen auf, doch die früheren Besucher und die Alteingesessenen spüren, dass sie nicht wirklich die neue Zielgruppe darstellen. (...) Eine seltsame Mischung aus Plattensee, der Fußgängerzone in der berühmten Váci Straße, aus Erholungsort und Villenviertel, ein wenig Vergangenheit, sehr viel Gegenwart. Teures belgisches und günstiges heimisches Zapfbier. Aufwändiges Gourmet-Essen und Bohnengulasch. Und natürlich Bratfisch, Lángosch und Eis überall. Unweit die wunderschöne Natur, Kiesstrände, alte Bäume, und ein Fluss, der in den vergangenen Jahren immer sauberer wurde. Bald wird sich entscheiden, wem dieses Römische Reich gehören wird."

Magazinrundschau vom 28.05.2013 - Nepszabadsag

Der Soziologe Csaba Gombár kritisiert den unverantwortlichen Umgang mit Minderheiten in der Gesellschaft: "Was wissen wir über uns selbst als Gesellschaft oder über Ungarn? Soviel vielleicht doch, dass in dieser Gesellschaft immer wieder von unglaublich reichen Menschen gesprochen wird und von unzähligen Armen. Aber auch, dass selbst Regierungsvertreter innerhalb eines Satzes den Unterschied zwischen Juden und Ungarn oder zwischen Zigeunern und Ungarn herstellen können, statt einfach von ungarischen Staatsbürgern zu sprechen. So lernt man, den Nation kreierenden Staat mit der imaginierten, den Staat kreierenden Nation zu verwechseln."
Stichwörter: Zigeuner

Magazinrundschau vom 07.05.2013 - Nepszabadsag

Der Antisemitismus vergiftet alles in Ungarn, sagt der Politiker und Autor Béla Markó im Gespräch und vergleicht die Reaktion der Rumänen auf den Nobelpreis für Herta Müller mit der der Ungarn auf den Nobelpreis für Imre Kertész: Müller "emigrierte während des Kommunismus, sie erhielt den Nobelpreis als deutsche Schriftstellerin. Die Reaktion der Rumänen war nach einer kurzen Verwirrung klar: Man machte sie zu einer der ihren. Imre Kertész ist ein ungarischer Schriftsteller, er schreibt auf Ungarisch, er hat eine ungarische Identität, auch wenn er heute sehr stark in seine deutsche Umgebung eingebettet ist. Einer solchen Einvernehmlichkeit wie bei Müller hätte es in seinem Fall gar nicht bedurft. Man hätte sich einfach als Ungar freuen können. Man hätte Ungarn damit in Europa beliebter, bekannter machen können. Genau der Gegenteil ist passiert, man hat angefangen, gegen Juden zu hetzen und all die Schweinereien begannen."
Stichwörter: Kertesz, Imre, Müller, Herta

Magazinrundschau vom 09.04.2013 - Nepszabadsag

Die nun zum achten Mal anstehende, jedoch finanziell gefährdete Veranstaltung "Tag der Glocken" ist Gegenstand eines ausführlichen Artikels von Zoltán Trencsényi. Für die künstlerische Nutzung von Friedhöfen, sei es in Form von Ausstellungen oder Konzerte werden oft Arlington in Washington, Pere-Lachaise in Paris oder La Recoleta in Buenos Aires genannt. In dieser Reihe konnte sich bisher auch der Budapester Zentralfriedhof an der Fiumer Straße einordnen. Seit mehr als zehn Jahren konnte eine Vielzahl von Ausstellungen, Vorträge und Konzerte im Friedhohsgarten abhalten werden. Das erste Konzert gab der ungarische Orgelspieler, Komponist und Schriftsteller Xavér Varnus zum 255. Todestag von Johann Sebastian Bach. "Ich gehe oft zum Friedhof und bei einem Spaziergang im Jahre 2000 fiel mir ein, dass dieser Ort geeignet wäre, um an Bach zu erinnern. Einerseits wegen der Nähe der dort liegenden Künstlern, andererseits wegen der fantastischen Akustik und des Fassungsvermögens. Damals galt diese Idee zweillos als Tabubruch. Während die Leitung des Friedhofes meine Idee unterstützte, fragten mich selbst meine liberalsten Freunde, ob ich mir das gut überlegt hätte", erzählt Varnus. "Für einige Politiker war schon die Idee Blasphemie und doch kamen 6000 Menschen um zuzuhören. Bei der zweiten Vorstellung, fünf Jahre später gab es keinerlei Widerstände mehr, was mittlerweile selbstverständlich ist."

Magazinrundschau vom 18.12.2012 - Nepszabadsag

Die ungarische Historikerin Mária M. Kovács hat kürzlich ein Buch über den Ursprung der immer stärkeren antisemitischen Ressentiments der heutigen Rechtsextremen im Land veröffentlicht ("Törvénytől sújtva", Verlag Napvilág Kiadó, Budapest). Eine besondere Aktualität gewinnt das Buch durch die kürzlich erhobene Forderung eines Jobbik-Abgeordneten, die ungarischen Juden registrieren zu lassen (mehr hier). Anna Székely fragte die Historikerin, ob man wirklich davon ausgehen könne, dass der Antisemitismus nie wieder ungarische Regierungspolitik beeinflusst. Kovács scheint es zu beweifeln: "Die Geschichte des Numerus-Clausus zeigt uns, dass es eine 'gemäßigte', 'sanfte' staatliche Diskriminierung, die man wie einen Wasserhahn nach Belieben auf- und zudrehen kann, nicht gibt. Jede Kategorisierung nach der Herkunft von Personen ist gefährlich. Diese neuerliche Aktion der Jobbik-Partei geschah nicht im luftleeren Raum. Durch die Rehabilitierung der Horthy-Ära wird auch jene, für die Zeit des Numerus-Clausus so typische und unreflektierte Rede rehabilitiert, in der, ob begründet oder nicht, bestimmte politische Ansichten und Präferenzen stets mit gewissen Herkunftsgruppen verknüpft wurden."
Stichwörter: Diskriminierung

Magazinrundschau vom 27.11.2012 - Nepszabadsag

Mit dem jüngsten Pädophilie-Skandal hat sich die BBC, diese "Titanic der weltweiten Presseöffentlichkeit", in ihre seit Jahrzehnten größte Glaubwürdigkeitskrise manövriert, findet der Journalist Róbert Friss. Nicht weniger erschreckend sei jedoch, dass sich dadurch manche Politiker veranlasst fühlen, die Presse an die Kandare zu nehmen - ein verschärftes Mediengesetz in Großbritannien, mit Behördenvorschriften und Geldstrafen, zeichnet sich bereits ab: "Und was unter dem Beifall der empörten Öffentlichkeit im freien Großbritannien möglich ist, wird man andernorts als Argumentationsgrundlage verwenden und - natürlich 'den lokalen Gegebenheiten angepasst' - anwenden können, ja sogar müssen. Es besteht kein Zweifel, dass dieser Skandal die Politik dazu bewegen wird, ein Exempel zu statuieren und die Presse gefügig zu machen."
Stichwörter: Pädophilie, Titanic

Magazinrundschau vom 30.10.2012 - Nepszabadsag

Neulich wurde der Schriftsteller Imre Kertész vom regierungsnahen Fernsehen als "Schriftsteller ungarischer Herkunft" bezeichnet. Mit der (inzwischen "richtiggestellten") Formulierung sollte offenbar der Ambivalenz des jetzigen Regierungskurses in Sachen Kertész Rechnung getragen werden. Diese sonnt sich zwar im Nobelpreiserfolg von Kertesz, betrachtet sie ihn aber als Feind Ungarns, weil er Ungarn und seinen Antisemitismus immer wieder kritisiert hat. Schon mit der Schreibweise "Imre Kertész" (statt ungarisch "Kertész Imre") wird er oft als "Nicht-Ungar" abgestempelt. Dagegen argumentieren andere, man könne einem ungarischen Schriftsteller die Zugehörigkeit zur Nation auch dann nicht absprechen, wenn er sich selbst nicht zum Ungarntum bekennt. Dies ist jedoch auch ganz und gar kertészfeindlich, findet der Publizist Sándor Révész: "Die Negation dieser Zugehörigkeit ist alles andere als ein bedauerlicher verbaler Ausrutscher. Dieses 'Nicht-Bekennen' ist vielmehr eine vielfach bekräftigte, zentrale Aussage im zuletzt erschienenen Tagebuch von Kertész [aus den Jahren 2001-2003]. Hier nur einige Zitate, von vielen: 'ich verfüge über keine ungarische Identität...', 'man hat in mir die Solidarität gegenüber Ungarn ausgerottet...', außer der Sprache bin ich mit Ungarn in keiner Weise verbunden...', 'ich gehöre nicht zur ungarischen Literatur, kann ihr nicht angehören...'. Was Kertész hier von sich weist, ist nicht die Zugehörigkeit zum Ungarntum oder zur ungarischen Literatur, sondern die Zugehörigkeit überhaupt. Radikaler Pessimismus, radikaler Individualismus, eine Abscheu gegenüber jede Form von kollektiver Identität - das ist Kertész. [...] Man müsste einfach nur akzeptieren, dass er ist, wie er ist und nur zu sich selbst gehört."

Magazinrundschau vom 11.09.2012 - Nepszabadsag

Als "politische Asketen" hat der ungarische Soziologe Lajos Leopold vor über 100 Jahren jene Menschen bezeichnet, die sich - aus Feigheit, Bequemlichkeit oder moralischen Gründen - von der "dreckigen" Politik fernhalten. Der Dichter und Literaturwissenschaftler Ákos Szilágyi hält das - ausgerechnet in der heutigen Zeit zunehmender Politikverdrossenheit - für den falschen Weg. Denn gerade wenn die Politik am tiefsten sinkt, meint er, ist die Zivilgesellschaft, sind Gewerkschaften und andere Bürgerinitiativen gefordert. Doch gerade sie scheinen heute zu schweigen: "Entweder haben sie sich im Prozess der Wende nicht herausbilden können oder sie sind gerade im Begriff, vor der Politik zu fliehen. Anstatt durchzuhalten, weichen sie zurück. Die politische Askese ist also nicht so sehr eine vornehme Distanz zur dreckigen Politik, als vielmehr eine Flucht vor dem gemeinsamen Auftrag: Ein sich Drücken vor dem Kampf um die ungarische Demokratie. Dabei können wir die gemeinsame Sache nicht aufgeben, ohne dabei uns selbst, unsere Selbstachtung und unser bisheriges Leben aufzugeben. Augustinus liegt richtig, wenn er behauptet, dass jede Flucht ein Werk des Teufels ist. Wer im Kampf ermüdet und seinen Mut verliert, gibt dieser Versuchung nach: Er lässt den Teufel herein. In unserem Fall ist dieser Teufel der Teufel der Macht: Die Tyrannei."

In einem Nebenzweig der obigen Debatte hatte der Historiker Gábor Gyáni die Meinung geäußert, dass die "Aufnahme" des Holocausts in den Kreis der Traumata der ungarischen Nation, in dem jetzt das so genannte Trianon-Syndrom das vorherrschende Trauma ist und alles andere überlagert, noch lange auf sich warten lassen wird (mehr dazu hier). Ignác Romsics ist in dieser Frage optimistischer: "Ich halte die zeitgemäße Erneuerung des auf tragische Weise unterbrochenen und anschließend entgleisten liberalen und integrativen Modells der Nationbildung ganz und gar nicht für hoffnungslos. Deren detaillierte Konzipierung und Durchführung ist die Aufgabe der ungarischen geistigen Elite. Wenn die intellektuellen Meinungsmacher in der Lage wären, einen wohl durchdachten und historisch nuancierten Sprachgebrauch auszuarbeiten, der die Traumata bewusst beim Namen nennt und diese miteinander in einen interpretatorischen Zusammenhang stellt und der ... nicht die Elemente betonen würde, die uns voneinander trennen, sondern jene, die uns miteinander verbinden - dies wäre ein Beispiel, das mit der Zeit den überwiegenden Teil der Gesellschaft überzeugen könnte. In der so durchdachten und gestalteten nationalen Erinnerung könnte jede historische Unbill, Niederlage und Schuld den Platz erhalten, der ihr gebührt. Sowohl Trianon als auch der Holocaust."

Magazinrundschau vom 21.08.2012 - Nepszabadsag

Die Krise Europas ist in aller Munde, der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán spricht gar vom Untergang des Abendlandes. Der ehemalige österreichische Vizekanzler Erhard Busek sieht das im Interview mit Edit Inotai nicht so damatisch: "Ich bezweifle, dass sich die Nationalgefühle wirklich verstärkt haben. Was sich vielmehr verstärkt hat, ist der Egoismus. Dazu gibt es ein passendes Wiener Sprichwort: 'Alle denken an sich, nur ich denke an mich'. Dieser Satz ist charakteristisch für die heutige Zeit. Meiner Ansicht nach interessieren sich die Menschen nicht für Nationalgefühle oder für primitive Religiosität, sondern für Werte, die die Gesellschaften zusammenhalten. Und Europa ist solch ein Wert. [...] Was unser Kontinent jetzt braucht, ist eine klarere Sprache, nicht nur bei den Politikern untereinander, sonder auch zwischen Ländern und Gesellschaften. Dies wäre die Aufgabe der europäischen Eliten, die jedoch jetzt ebenfalls kränkeln. Vor und nach den Systemwechseln war diese Debatte lebhafter, doch jetzt scheint der 'Untergang des Abendlandes' auch die europäische Intelligenz befallen zu haben."