Magazinrundschau - Archiv

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215 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 22

Magazinrundschau vom 22.01.2008 - Nepszabadsag

Archaische Gemeinschaften entstehen, wo Menschen gemeinsame Auffassungen über Lebensform, Religion und Welt teilen und sie sich an der Gestaltung dieser Gemeinschaft aktiv beteiligen können. Ähnliche stammesgesellschaftliche Lebensformen sind auch in manchen staatlichen Großunternehmen zu beobachten, die sich dadurch nicht nur als ineffizient und Belastung für den Staat, sondern auch als besonders resistent gegen Umstrukturierungen erweisen, erklärt der Verhaltensforscher Vilmos Csanyi: "Dahinter verbirgt sich natürlich keine Bosheit, vielmehr ist es die institutionelle Existenz selbst, die die Entstehung einer eigenen 'Kultur' ermöglicht - ganz gleich, ob es sich dabei um die Post, den Justizapparat oder die Polizei handelt. Sobald sie aufgebaut sind, treten gemeinsame Ansichten und Aktionen in Erscheinung, und damit das eigene Interesse, das sie dann gegenüber der Außenwelt verteidigen. Schnell wird die Begründung ihrer Daseinsberechtigung ausgearbeitet, wie auch der Glaube daran, dass man von außen nicht in ihr Leben hineinreden könne. [...] Es empört sie, wenn Außenstehende sich einen Einblick verschaffen oder gar einmischen. Solche Ansichten werden dann auch in den Medien verbreitet. In diesem Moment müsste die Gesellschaft aufhorchen und merken, dass etwas nicht in Ordnung ist: Dass eine ihrer Institutionen das Joch abschütteln will, das die wirklich enge Verbindung von Kontrolle, Leistung und verwendeter Ressourcen bildet. Jetzt könnten Korrekturen noch vorgenommen werden, später wird es immer schwieriger."

Magazinrundschau vom 08.01.2008 - Nepszabadsag

Der Piaristenpater György Bulanyi, ein - auch für die Kirche - unbequemer Oppositioneller des sozialistischen Regimes in Ungarn, findet es schwer, im Alter seinen Optimismus zu bewahren: "Es ist schwer zu akzeptieren, dass die Menschheit nicht in der Lage ist, den Kurs der Geschichte zu ändern. Dass knapp neun Jahrzehnte meines Lebens verstrichen sind, und ich dennoch feststellen muss, dass die Welt Jesus nicht glauben will, was man ja noch hinnehmen könnte - aber sie will sogar Bulanyi nicht glauben?"
Stichwörter: Optimismus

Magazinrundschau vom 11.12.2007 - Nepszabadsag

Warum hinterlassen Autoren heute kein umfangreiches Lebenswerk mehr wie früher Dumas oder Balzac? Darauf antwortet der Schriftsteller Imre Kertesz im Interview mit Sandor Zsigmond Papp: "Damals war das Schreiben unproblematisch. Man musste nicht die gesamte Existenz aufs Spiel setzen. Die Geschichten sprudelten nur so aus ihren Federn. Aus Mozart strömte ebenfalls diese wunderbare Freude: der Überfluss. Ein zeitgenössischer Komponist kann sich freuen, wenn er bis zur zweiten Sinfonie gelangt. Es ist etwas passiert in der Welt, das die Kunst unnatürlich werden lässt. Als wären die Quellen der natürlichen Kräfte verstopft. Vielleicht ist der Vorrat der Sprache verbraucht worden. Wir wurden damit konfrontiert, dass der Mensch zu etwas fähig ist, was man niemals von ihm erwartet hätte. Deshalb ist die atonale Prosa entstanden. Die atonale Musik erschien nach dem ersten Weltkrieg, als die Komponisten damit konfrontiert waren, dass die Sprache, die sie zuvor verwendet hatten, entleert war. Die neue Prosa nenne ich atonale Prosa, weil sie damit rechnen muss, dass der grundsätzliche ethische und moralische Konsens - der Grundton - nicht vorhanden ist. Heute gewinnen die Wörter in jedem Mund eine andere Bedeutung. Das muss auch die Prosa wahrnehmen. Dies führt aber dazu, dass sie ihre natürliche Bestimmung verliert: Dass ich erzähle und das Publikum staunend zuhört. Wenn man das Wesentliche dieser Wende nicht ausdrückt, ist man kein Schriftsteller mehr. Dann versäumt man sein Leben, sein Zeitalter."

Magazinrundschau vom 04.12.2007 - Nepszabadsag

Den immer häufigeren Gedankenspielen in der ungarischen Öffentlichkeit, dass die Gründung einer glaubwürdigen Partei an der Zeit wäre, steht die Kunsthistorikerin Eszter Babarczy skeptisch gegenüber: "Die Idee ist zwar nicht schlecht, hat aber Tücken. Denn, gesetzt den Fall, dass diese neue Partei alle Hürden nehmen und bei den nächsten Wahlen erfolgreich ins Parlament einziehen würde - wer garantiert dafür, dass sie nicht bei den darauffolgenden Wahlen desillusioniert von der politischen Palette verschwinden? Daher würde ich lieber vorschlagen, etwas geduldiger zu sein. Wir müssten erst erkennen, wo die Parteien zu faulen beginnen, und wie wir als Mitglieder der Zivilgesellschaft die anständigen Akteure der Politik darin unterstützen können, dieses Übel und seine Ursache zu tilgen. Wir müssen sie aufsuchen, in jeder einzelnen Partei, und müssen mit ihnen reden."

Der Verhaltensforscher Vilmos Csanyi hält bei der Einführung von Reformen die Kommunikation für besonders wichtig: "Ältere Demokratien verfügen über Stiftungen oder staatliche Institutionen, deren Aufgabe es ist, unabhängig von der Tagespolitik sinnvolle, kohärente Konzepte zu erarbeiten - über die Bildung, das Gesundheitswesen, und so weiter. Diese Konzepte werden in breiter Öffentlichkeit diskutiert und verglichen, und wenn die Regierung irgendwelche Reformen durchführen will, so kann sie auf diese bereits erarbeiteten, eigenständigen Modelle zurückgreifen. Ungarn zählt nicht zu den alten Demokratien, daher sind die Reformen nicht einmal dann durchdacht, wenn über sie abgestimmt wird. Die Kommunikation beschränkt sich auf die Versprechen der Regierung, dass durch die Reformen alles besser und schöner wird, sowie auf die Schwarzmalerei der Opposition."

Magazinrundschau vom 27.11.2007 - Nepszabadsag

In der heutigen ungarischen Öffentlichkeit gibt es angesichts der allgemeinen Krise eine Zauberformel, eine sprachliche Wendung, mit der man jeden Gesetzverstoß, jede Willkür und Korruption resigniert zu erklären versucht: "Man erlaubt sich hier ja alles." Der Kritiker und Dichter Akos Szilagyi (mehr hier) sucht nach einer Erklärung für diese Formel und stellt fest, dass die Haltung, die sich dahinter verbirgt, mitverantwortlich ist für die Krise: "Einerseits bedeutet sie, dass sich der Sprecher nicht mit seinem Land identifiziert. Er ist hier eigentlich fehl am Platz. Feixend schiebt er sein Land vor sich weg, als wäre er nicht gerade durch diese resignierte Haltung ein Abbild dieses Landes. Die Formel bedeutet aber auch, dass die Gesellschaft - aus historischen und strukturellen Gründen - der Expansion der mit den wirtschaftlichen Mächten verwobenen politischen Macht auch im Rahmen der parlamentarischen Demokratie nicht Einhalt gebieten kann... So gesehen steht die Formel 'Man erlaubt sich hier ja alles' für die Ohnmacht der Zivilgesellschaft im derzeitigen politischen Machtkampf, der, egal welche Seite gewinnen wird, für die Zivilgesellschaft die totale Niederlage bedeutet."

Magazinrundschau vom 13.11.2007 - Nepszabadsag

Das Bild, das Ungarns Journalisten von ihrem Land zeichnen, ist düsterer, als die Wirklichkeit, findet der Soziologe Elemer Hankiss: "Es ist zwar in der heutigen Situation richtig, Übel aufzudecken und die Verantwortlichen anzuprangern, sich gegen Lügen zu wehren und Korruption aufzudecken, usw. Täte die Presse dies streng objektiv und diszipliniert investigativ, mit seriösen Analysen und ohne Effekthascherei, hätte sie schon viel getan. Sie tut es hierzulande aber nicht, sondern bleibt auf halbem Wege stehen: sie skizziert das Ungemach, um es dann ihrem Publikum zu überlassen. Sie will oder kann nur das Problem sehen, tut sich aber schwer, nach Lösungen zu suchen - schließlich sei das ja die Aufgabe der Politiker. Diese Rollenverteilung aber ist sogar in jenen Ländern falsch, in denen die Politik ihre Aufgaben wahrnimmt und sie bewältigen kann - auch hier geht das Nachdenken über die Lösung von Problemen und über die Zukunft sowohl die Presse als auch alle verständigen Staatsbürger, Gemeinschaften und Organisationen an. (...) Angesichts der Trägheit der Politik müssten wenigstens Presse und Gesellschaft sich über das Gejammer hinwegsetzen und - klinge es noch so pathetisch - die Zukunft gestalten. Dazu gibt es trotz der unermesslichen Schwierigkeiten unzählige Möglichkeiten: Und die könnte man mit neuen Gedanken, ernsthafter Arbeit und ein wenig Zivilcourage auch wahrnehmen."
Stichwörter: Zivilcourage

Magazinrundschau vom 30.10.2007 - Nepszabadsag

Der Dichter und Kritiker Akos Szilagyi stellt fest, dass asymmetrische Kriege für unsere Zeit immer typischer werden und auch den politischen Alltag zunehmend charakterisieren: "Der asymmetrische Krieg ist der Krieg der hoffnungslos Schwachen gegen die unheimlich Starken. Der Angriff geht von den Schwachen aus und schwächt den Gegner (ob Staat, Supermacht oder Militärbündnis), indem er ihn zu Sicherheitsmaßnahmen zwingt, die die Freiheitsrechte einschränken. Asymmetrisch ist solch ein Krieg, weil der Angreifer nicht auf reguläre Weise bekämpft werden kann. Andererseits ist die Verletzung der Regeln seitens der regulären, legitimen Macht ein Regelverstoß und eine Sünde, für die sich verantworten muss - im Gegensatz zu ihrem Feind, der sich regelwidrig verhält." Wenn sich nun der asymmetrische Krieg auch noch "auf die Straße verlagert, wenn, von kriegerischen politischen Parteien initiiert und von fanatischen Intellektuellen gutgeheißen, nacheinander paramilitärische Truppen entstehen - dann wird der Krieg nicht mehr gegen ein Regierungsprogramm, sondern gegen die Demokratie und gegen die Republik geführt."

Der tschechische Schriftsteller Ivan Klima, der in der kommunistischen Ära nur im Ausland publizieren konnte, antwortet im Interview mit Gyula Varsanyi auf die Frage, inwiefern sich die Rolle des Schriftstellers verändert hat: "Unter dem kommunistischen Regime erwarteten die Leser von den Autoren, dass sie sich frei verhalten und in ihren Werken die Literatur nicht mit Propaganda und ideologischen Klischees verwechseln. Heute bestehen solche Forderungen gegenüber der Literatur nicht, das bedeutet aber noch lange nicht, dass sich der Schriftsteller immer als freie Persönlichkeit verhält. Bedienen kann man nämlich auch Modeerscheinungen, Markterfordernisse oder Unterhaltung. Zwar hat der Verlust dieser zusätzlichen Rollen und die Entwicklung anderer Medien viele Leser von der Literatur entfernt, die neue Situation hat es den Autoren aber auch ermöglicht, in ihren Werken nicht mehr als politische Kämpfer zu erscheinen."
Stichwörter: Klima, Ivan, Freiheitsrechte

Magazinrundschau vom 23.10.2007 - Nepszabadsag

Im Vorfeld des 23. Oktober, dem Jahrestag der Revolution von 1956 in Ungarn, wird allerorten beklagt, der Nationalfeiertag könne nicht gebührend begangen werden, die jüngeren Generationen könnten mit diesem Ereignis nichts anfangen. Der Journalist Adam Petri Lukacs sieht den Grund für diese Unfähigkeit in der fehlenden Erinnerungskultur: "Bis heute fand keine gesellschaftliche Diskussion darüber statt, welche Bedeutung die Tage der Revolution für die einzelnen Familien hatten. Andererseits erwarten wir, dass unsere Kinder all das verstehen, was sie derzeit zu sehen bekommen: neofaschistische Demonstranten oder entleerte Nationalfeierlichkeiten; sie müssten doch erst einmal dazu bewegt werden, sich für die Geschichte ihrer Eltern und Großeltern zu interessieren und sie kennenzulernen. Um das zu erreichen, müssen Schulen und Familien miteinander kooperieren - dann könnten die Schüler über das, was sie zu Hause erfahren haben, in der Schule und mit ihren Lehrern diskutieren. Es könnte so ein viel differenzierteres Bild über 1956 in den Köpfen der Jugendlichen entstehen."
Stichwörter: Erinnerungskultur, 1956

Magazinrundschau vom 16.10.2007 - Nepszabadsag

Die sich rapide entwickelnden neuen Medien haben auch die Kontrollmöglichkeiten der Nationalstaaten über eben diesen Medien dramatisch verändert. Während dieser Umstand in den westlichen Ländern von vielen als die Verheißung eines ausgeprägteren demokratischen Bewusstseins aufgefasst wird, scheint Ungarn in dieser Hinsicht dem Rest der Welt hinterher zu hinken, meint der Medienwissenschaftler Peter György: "Die gesellschaftliche, rechtliche und wirtschaftliche Öffentlichkeit in Ungarn scheint sich für die alternativen neuen Medien nicht zu interessieren. Der online-Journalismus unterscheidet sich bei uns vom traditionellen Journalismus lediglich durch die Flut unanständiger Wörter und - innerhalb der Blogospäre - die Ressentiments, die schlechte Laune, den Neid und hemmungslose Unwissenheit. Dabei sind die neuen Medien nichts anderes als das Vorzimmer zur Aneignung der zeitgenössischen Kultur, die uns befähigen vermag, jene autonomen kulturellen Räume zurückzuerobern, die uns die radikale Kritik eröffnet.

Magazinrundschau vom 18.09.2007 - Nepszabadsag

"Liebe Machos, die internationale Isolierung droht!", schreibt Balint Magyar, Staatssekretär für Entwicklung und Mitinitiator der Einführung einer Frauenquote bei den ungarischen Parlamentswahlen und parodiert die Gegner der Frauenquote: "Die internationale feministische Verschwörung hat mit Hilfe der knechtischen UN einen erbarmungslosen Angriff gegen die Männer unseres Landes gestartet. Ihrer ausdauernden Intrige zufolge hat sie sich unmanierlich in die Verfassungsordnung eingemischt und fordert unsere Regierung auf, die Frauenquote einzuführen. Unsere Politiker bewahren die tausendjährigen patriarchalischen Traditionen unerschütterlich, beschützen das Parlament und unseren hart erkämpften, EU-weit vorletzten Platz in der Gleichberechtigung. Aber mehrere westeuropäische Länder sind inzwischen der antidemokratischen, antiliberalen, verfassungswidrigen und kommunistischen Frauenquote zum Opfer gefallen. Spanien, Frankreich, Portugal - um nur einige besonders patriarchalische Länder zu erwähnen - sind schon im heroischen Kampf gegen die Gleichberechtigung gefallen, aber auch Pakistan, Tunesien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind auf dem schicksalsschweren Weg wesentlich weiter, als wir."