Magazinrundschau - Archiv

The Nation

164 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 17

Magazinrundschau vom 23.12.2008 - The Nation

Das Zeitalter des Buchs ist zu Ende, glaubt der Lektor (u.a. von Art Spiegelman) und Blogger Tom Engelhardt, während er um sich herum die entlassenen Kollegen betrachtet und den dramatischen Rückgang der Buchverkäufe in Amerika. Bücher schienen von der großen Krise nie wirklich bedroht, "bis man sich die vielen schillernden Unterhaltungsmöglichkeiten vor Augen führte, die in der Zwischenzeit die amerikanischen Haushalte erreicht hatten, zu Preisen, die mehr als günstig waren, verglichen mit dem Buch. Jetzt können Amerikaner endlos im Internet lesen, Videospiele spielen, Musik herunterladen, Filmen ansehen und sogar ihre eigenen Romane schreiben ohne rauszugehen; ganz abgesehen davon sind die 27,95 Dollar teuren gebundenen Bücher und die 15,95 Dollar teuren Taschenbücher auf den Regalen der Malls nicht mehr die günstigen Objekte von einst."
(Nachtrag: Auch Andre Bernard, früher Verleger von Hartcourt, fürchtet in der Washington Post "dass etwas schrecklich Trauriges passiert, eine grundsätzliche Verschiebung in der kulturellen Landschaft verändert auf eine unbestimmte Art, wie und was wir lesen; dass ein verschrobenes, knirschendes, finanziell unerträgliches Geschäft, dass die begehrenswertesten und perfektesten Objekte produziert - Bücher - untergeht und dass wir das ganze Ausmaß dieses Verlustes noch begreifen müssen.")

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - The Nation

Die iranisch-amerikanische Anthropologin Pardis Mahdavi beschreibt in ihrem Buch "Passionate Uprisings: Iran's Sexual Revolution" eine erstaunlich unbekümmert ausgelebte Sexualität unter den Frauen der Teheraner Mittel- und Oberklasse. Aber ist das ein Zeichen für eine anstehende politische Revolution? Laura Secor bezweifelt es. Die Frauen in Mahdavis Studie "leben in einer Theokratie mit einem vormodernen, bindenden religiösen Code und sie erleben zugleich, was wir im Westen als 1960er-mäßige sexuelle Revolution, 1970er-mäßige zweite Welle des Feminismus und zeitgenössische postfeministische Umarmung weiblicher Sexualität mit all ihrer Komplexität bezeichnen würden. Mahdavi beschreibt einige ihrer verheirateten Testpersonen, wie sie jeden Tag buchstäblich Stunden mit ihrem Makeup und ihren Kleidern verbringen und den Rest des Tages auf der Suche nach einem Liebhaber durch die Stadt kurven. In einer Gesellschaft, die den Frauen sagt, sie sollten keusch sein, häusliche Sklavinnen für ihre Ehemänner, die wiederum die Freiheit haben, bis zu vier Ehefrauen und 99 'vorübergehende' Frauen zu haben, könnte man dies als weibliche Machtdemonstration ansehen. Aber es liegt ebenso etwas unleugbar Steriles in all dem."

Für den Aufmacher ist Sean Penn zusammen mit Christopher Hitchens und dem Historiker Douglas Brinkley nach Venezuela und Kuba gereist und hat dort Hugo Chavez und Raul Castro interviewt. Beim Treffen mit Chavez waren Hitchens und Brinkley dabei (wir warten auf ihre Berichte in Vanity Fair bzw. CBS), zu Raul Castro durfte nur er allein gehen. Penn ist ungeheuer angetan von Chavez und mehr noch von Castro: "'Was ist mit Guantanamo?', frage ich. 'Ich erzähle Ihnen die Wahrheit', sagt Castro. 'Die Basis ist unsere Geisel. Als Präsident sage ich, die USA müssen gehen. Als Militär sage ich, lasst sie bleiben.' Habe ich hier eine große Story, frage ich mich innerlich? Oder ist das ganz unbedeutend?" (Die Langversion dieses Artikels findet sich bei der Huffington Post.)

Magazinrundschau vom 25.11.2008 - The Nation

Die Dezemberausgabe ist vor allem Büchern gewidmet. Marcela Valdes schreibt 15 spannende Seiten über Roberto Bolanos nachgelassenen Roman "2666" (den übrigens auch Jonathan Lethem kürzlich in der NYT feierte). Ein Teil des Romans handelt von einem Journalisten, der die Morde an jungen Frauen in der mexikanischen Stadt Juarez recherchiert. Die Morde gab es wirklich, und den Journalisten auch. Sein Name ist Sergio Gonzalez Rodriguez. Er hat Bolano mit vielen Informationen für "2666" beliefert. Valdes, die Gonzalez Rodriguez getroffen hat, erzählt, in welcher Form sie Eingang in den Roman gefunden haben. Und sie erzählt, wie seine Recherchen die Verstrickung von Politikern und Drogenmafia in die Morde vermuten ließ. Kurze Zeit später wurde er entführt: "Er hatte spät nachts ein Taxi im schicken Condesa Viertel angehalten, um nach Hause zu fahren. Das Taxi fuhr eine Weile und hielt dann an. Zwei bewaffnete Männer sprangen hinein. Sie befahlen Gonzalez Rodriguez, seine Augenn zu schließen und sich zwischen sie auf den Rücksitz zu setzen. Das Taxi fuhr weiter - der Fahrer war ein Komplize. Obwohl Gonzalez Rodriguez sich nicht wehrte, beschimpften ihn die Männer, verprügelten ihn mit Fäusten und ihren Pistolen und rammten ihm einen Eispickel ins Bein."

"Für die New Yorker Kritiker waren Schriftsteller Menschen; für Wood sind Menschen, und auch Schriftsteller, Ideen." William Deresiewicz setzt sich auf neun Seiten mit dem Star der amerikanischen Literaturkritik James Wood und dessen neuem Buch "How Fiction Works" auseinander. Bei allen Vorzügen Woods, die ausführlich gewürdigt werden - an die New Yorker Kritiker Edmund Wilson, Lionel Trilling (mehr hier und hier), Alfred Kazin, Irving Howe und Elizabeth Hardwick reicht er für Deresiewicz nicht heran. "Diese Kritiker interessierten sich für Literatur, weil sie sich für Politik, Kultur, das moralische und das gesellschaftliche Leben interessiert haben und dafür, wie diese sich gegenseitig entblößen. Ins Zentrum ihrer Untersuchungen stellten sie die Literatur, weil sie ihre Fähigkeit erkannten, das Leben nicht nur zu repräsentieren, sondern, wie Matthew Arnold sagte, zu kritisieren - Fragen zu stellen, wo wir stehen und in welcher Beziehung unser Standpunkt zu dem Punkt steht, an dem wir stehen sollten. Sie waren keine Ästheten, sie waren, in weitestem Sinne, Intellektuelle."

Scott Sherman interessiert sich nicht die Bohne für Naipauls Sexualität und seine Beziehung zu Frauen (das Thema wird auf Seite zehn seiner zwölfseitigen Besprechung von Patrick Frenchs Naipaul-Biografie angesprochen). Auch hätte er gern mehr über Naipauls Bücher gelesen, aber alles in allem ist diese Biografie für ihn doch eine "eindrucksvolle Leistung". Am Schluss zitiert er Naipaul, der lange vor der Kundera-Affäre, 1994, erklärt hatte: "Das Leben eines Autors ist legitimer Gegenstand von Untersuchungen; und an der Wahrheit sollte nicht gespart werden."

Magazinrundschau vom 16.09.2008 - The Nation

D.D. Guttenplan bespricht zwei Neuerscheinungen zum Thema Comic - David Hajdus Geschichte der konservativen Comic-Abwehr "The Ten-Cent Plague" und Douglas Wolks Untersuchung "Reading Comics". Beide Bücher haben für Guttenplan ihre Stärken und Schwächen, das eigentlich interessante, findet er, ist aber die Allgegenwart der Comics in der Gegenwart: "Neu ist das Ausmaß, indem der Kosmos des Comic heute unsere Welt ist. Früher waren da nur Superman und Lois Lane (oder Batman und Robin) in ihrem DC-Multiversum oder Reed Richards und Sue Storm in ihrem Marvel-Universum. Heute sind Comics überall. Von 'Persepolis' auf der Leinwand zum Fernsehit 'Heroes' ... bis zur 'Superheroes'-Ausstellung im Metropolitan-Museum oder der respektvollen Besprechung einer vierbändigen Sammlung der späten Werke von Jack Kirby in der New York Times - den das Rekord-Einspiel von 'The Dark Knight' nicht zu vergessen. Comics sind damit kein Randphänomen mehr, sondern vielleicht die dominierende kulturelle Form. Millionen Menschen, die nie ein Buch von Raul Hilberg aufschlagen würden, lesen 'Maus' - und manche, deren historische Neugier und moralische Fantasie von Spiegelmans Theater der Grausamkeit angeregt wurde, werden es nach der Lektüre eben doch tun."

Magazinrundschau vom 30.09.2008 - The Nation

Der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hoffte vor wenigen Tagen, dass der amerikanische Bailout-Plan - 700 Milliarden Dollar Steuergelder um faule Kredite zu kaufen, die viele Banken zu ruinieren drohen - nicht durchgeht. Diese Hoffnung hat sich gestern erfüllt: Das Abgeordnetenhaus hat den Plan abgelehnt. 133 Republikaner und 95 Demokraten stimmten dagegen. Stiglitz' Hauptargument war: Man kann den Leuten, die diesen Plan ausgeheckt haben, nicht trauen. "Paulson und andere in der Wall Street behaupten, dass der Bailout notwendig ist und wir in riesigen Schwierigkeiten stecken. Vor kurzer Zeit haben sie uns noch erzählt, dass wir über dem Berg sind. Die Regierung hat sogar letzten Februar ein Anreizpaket abgelehnt - das auch die Erhöhung von Arbeitslosengeld und Hilfe für Bundesstaaten und lokale Verwaltungen vorsah - und sie sagen immer noch, wir brauchen keine Anreize. Ehrlich gesagt, die Regierung hat ein Glaubwürdigkeits- und Vertrauensproblem, das so groß ist wie das der Wall Street."
Stichwörter: Stiglitz, Joseph

Magazinrundschau vom 02.09.2008 - The Nation

Nichts ist in Ordnung in New Orleans - ganz unabhängig von "Gustav". Lizzy Ratner berichtet über die Versuche der Reichen und Weißen, vor allem der reichen Weißen, unter sich zu bleiben: "Kaum zwei Monate nach Beginn des Wiederaufbaus hat der Stadtteilrat von St. Bernard ein für ein Jahr gültiges Verbot für die 'Wiedererrichtung und Entwicklung' von Mehrfamilienhäusern erlassen - und so die Rekonstruktion erschwinglicher Häuser-Komplexe untersagt. Mit einem Gesetz, das, wie Kritiker meinen, legalisierter Segregation gefährlich nahe kam, übertraf sich der Rat 2006 noch einmal selbst... Der 'Blutverwandtschaftserlass' verbot Hausbesitzern die Vermietung ihres Wohneigentums an jeden, der nicht mit ihnen blutsverwandt ist; das wäre überall hoch problematisch, ist es aber ganz besonders in St. Bernard, wo 93 Prozent des Hausbesitzes vor Katrina in weißer Hand war." Ganz aktuell auf der Website übrigens ein Brief von Michael Moore an Gott, den aktuellen Hurrikan betreffend.

Weitere Artikel: William Deresiewicz bespricht Salman Rushdies neuesten Roman "The Enchantress of Florence", Alexander Provan hat das Buch des Statistikers John Zogby "The Way We'll Be" über den Wandel amerikanischer Werte gelesen.

Magazinrundschau vom 19.08.2008 - The Nation

Der in Moskau tätige Journalist Mark Ames bricht eine Lanze für die Südosseten. Es handle sich hier um zwei wie russische Puppen ineinandergeschachtelte David-Goliath-Konflikte: Goergien ist der David Russlands, und Südossetien ist der David Georgiens: "Und die Osseten haben sich traditionell auf ihren mächtigen Nachbar in Norden Russland gestützt, um Schutz vor Georgien zu suchen. Die Georgier wiederum versuchten, der russischen Hegemonie zu begegnen, indem sie sich eng an die Vereinigten Staaten banden, wo sie bei alten Kaltern Kriegen und Neocons aus der Bush-Ära auf offene Ohren stießen."

Magazinrundschau vom 08.07.2008 - The Nation

Entgegen aller Zusagen und Versprechungen werden die Rechte an sechs der wichtigsten Ölfelder des Irak zu fünfundsiebzig Prozent an internationale Multis gehen. Die Logik des Ganzen ist, wie Naomi Klein erläutert, bezwingend: "Das Argument geht so: Die irakische Ölindustrie benötigt ausländische Expertise, weil in den Jahren der harten Sanktionen die Technologie völlig veraltete; durch die Invasion und fortdauernde Gewaltakte hat sich der Zustand weiter verschlechtert. Und der Irak muss dringend mehr Öl produzieren. Warum? Wiederum wegen des Kriegs. Das Land ist zerstört und die Milliarden, die für nie ausgeschriebene Verträge an westliche Firmen gingen, haben das Land nicht auf die Beine gebracht. Die neuen, wiederum nicht ausgeschriebenen Kontrakte werden mehr Geld bringen. Da der Irak aber so ein unzuverlässiger Ort geworden ist, müssen die Öl-Multis dazu überredet werden, weitere Investitionen zu riskieren. So schafft die Invasion des Irak auf wunderbare Weise das Argument für die folgende Plünderung des Landes."
Stichwörter: Geld, Irak, Klein, Naomi, Plünderung

Magazinrundschau vom 22.07.2008 - The Nation

Die geradezu unheimliche Medienkrise beschäftigt viele amerikanische Magazine in dieser Woche, die gerade wieder einen nie gesehen Verfall der Aktien brachte. Der Journalismus-Dozent Eric Alterman betrachtet das Treiben der Mogule - und ist verzweifelt, auch weil er selbst keinen Rat weiß: "Der Verlust der Tagespresse ist eine ernstzunehmende Bedrohung unserer Demokratie. Er ist viel zu wichtig, als dass man die Presse einer Handvoll skrupelloser Mogule und ihren 'chief innovation officers' überlassen dürfte."

Der Titel der Nation setzt sich mit einem Veteranen der ganz neuen Medien auseinander, der Organisation MoveOn.org, die vor zehn Jahren entstand. "Was als ein hastig ins Netz gestellter Ein-Satz-Appell begann, entwickelte sich zur Vorhut einer neuen Linken - mit einer Mitgliedschaft von über drei Millionen", schreibt Christopher Hayes.
Stichwörter: Veteranen, Medienkrise, Moguln

Magazinrundschau vom 17.06.2008 - The Nation

Der Schwerpunkt des Heftes widmet sich der rasant wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich in den USA. John Cavanagh und Chuck Collins stellen fest: "In den vergangenen dreißig Jahren haben markthörige Politiker und ihre Unterstützer in den Unternehmen die gewaltigste Umverteilung des Reichtums in der jüngeren Weltgeschichte bewerkstelligt: eine Umverteilung von unten nach oben, von der arbeitenden Bevölkerung zu einer winzigen globalen Elite."

Die Globalisierungskritikerin Naomi Klein erklärt, warum man sich von Barack Obama in Sachen Gerechtigkeit nicht zu viel erwarten sollte: "Es waren gerade drei Tage nach Hillary Clintons Rückzug vergangen, da verkündete Barack Obama auf CNBC: 'Hören Sie. Ich bin für Wachstum. Ich bin für den freien Markt. Ich liebe den Markt.' Um zu demonstrieren, dass das mehr als nur Frühlingsgefühle waren, ernannte er den 37 Jahre alten Jason Furman zum Chef seines Wirtschaftsteams. Furman ist einer der prominentesten Wal-Mart-Verteidiger, der die Firma als 'fortgesetzte Erfolgsgeschichte' feiert."

Abgedruckt wird auch ein Auszug aus Barbara Ehrenreichs (mehr) neuestem Buch "Dies Land ist ihr Land", in dem sie klagt: "Wenn es irgendwo wirklich schön ist, dann kannst du dir den Aufenthalt dort nicht leisten. Ok, hier und da mag es noch ein paar nette Aussichten geben, ohne dass teure Landhäuser mittenhinein platzierten worden sind. Aber das wird nicht lange so bleiben." Und hier ein paar anschauliche Grafiken zum Thema.