Magazinrundschau - Archiv

Le Monde diplomatique

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Magazinrundschau vom 19.04.2005 - Le Monde diplomatique

Ein Schwerpunkt dieser Ausgabe ist der 8. Mai 1945, der von den einzelnen Nationen sehr unterschiedlich wahrgenommen wurde. Für die Algerier bleibt er nicht als Tag der Befreiung, sondern als Beginn der algerischen Unabhängigkeitsbewegung in Erinnerung, schreibt Mohammed Harbi. Mit den Massakern von Setif und de Guelma hatte Frankreich den letzten Rest an Kredit verspielt. "In Setif beginnt die Gewalt, als die Polizisten in die Demonstration eingreifen, um die Fahne der PPA - die heutige Fahne Algeriens - sowie Transparente zu beschlagnahmen. Die Unruhen griffen schnell auf das flache Land über, wo die Stämme rebellierten und in Reaktion auf Verhaftungen und das Vorgehen der Milizen Racheaktionen gegen Kolonisten unternahmen."

Die Diskussion um den Algerienkrieg gewinnt auch durch ein eben erlassenes Gesetz an Gewicht, das eine positive Darstellung der Kolonialära vorschreibt. Damit macht sich Frankreich zum späten Opfer der eigenen imperialen Politik, wie Claude Liauzu kommentiert. Für die Sowjetunion war der 8. Mai der Beginn einer langen Isolation, meint Annie Lacroix-Riz, die den Verlauf des Kriegs aus Moskauer Perspektive schildert und für Verständnis, etwa im Fall des Hitler-Stalin-Pakts, wirbt. Sie betont, "dass gerade die Sturheit, mit der Frankreich und England (mit Unterstützung der Vereinigten Staaten) an ihrer Appeasement-Politik festhielten, den sowjetischen Plan einer 'kollektiven Sicherheit' aller von Deutschland bedrohten Länder durchkreuzte."

In den weiteren Artikeln geht es um die politische Entwicklung in Togo nach dem Tod von Diktator Etienne Gnassingbe Eyadema, die erste gemeinsame Tagung afrikanischer und asiatischer Länder in der indonesischen Stadt Bandung vor 50 Jahren oder die immateriellen Werte der Waren.

Magazinrundschau vom 15.03.2005 - Le Monde diplomatique

Der britische Journalist Stephen Grey schildert am Beispiel von vier Menschen - einem ägyptischen Asylbewerber in Schweden, einem Australier, einem in Syrien geborenen Kanadier und einem Deutschen arabischer Herkunft, wie die CIA "systematisch" ausländische Staatsbürger, die als Terroristen verdächtigt werden, entführt und in Länder bringen lässt, wo gefoltert wird. Grey zitiert einen ehemaligen hochrangigen CIA-Mitarbeiter, Michael Scheuer: "Scheuer versichert, jede 'Auslieferungs'-Operation sei von Juristen gebilligt worden: 'Innerhalb der Central Intelligence Agency gibt es eine große juristisch Abteilung, die mit der rechtlichen Interpretation der nachrichtendienstlichen Arbeit befasst ist. Und auch beim National Security Council des Präsidenten gibt es ein Team von Juristen. Und bei all diesen Entscheidungen sind diese Juristen auf die ein oder andere Weise beteiligt. Sie haben unser Vorgehen abgesegnet. Die Vorstellung, hier handle es sich um eine Schurkerei, die sich irgendjemand mal so ausgedacht hat, ist schlichtweg absurd.' Scheuer erinnert sich, dass er solche Operationen früher - als Chef der Bin-Laden-Einheit - nur organisieren konnte, wenn sie vom Direktor der CIA oder von dessen Stellvertreter autorisiert waren: 'Die das abzeichnen, sind die Nummer eins und die Nummer zwei des Geheimdienstes.'"

Weitere Artikel: Christian Caujolle, Gründer und Direktor der Fotoagentur und Galerie VU in Paris, denkt darüber nach, was es für Pressefotografen bedeutet, wenn unmittelbar nach Katastrophen hunderte von Amateuraufnahmen die Geschehnisse dokumentieren. Marc Pellas beschreibt die halbherzigen Demokratisierungsversuche in Bahrain: Dort hat der Emir seinem Volk demokratische Rechte und ein Parlament versprochen, mit Hilfe der neuen Verfassung ließ er sich jedoch erst einmal zum König krönen. Vicken Cheterian beschreibt den deprimierenden Zustand der zentralasiatischen Republiken Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgisien und Kasachstan. Und es gibt ein großes Dossier zum Thema Wasser.

Magazinrundschau vom 15.02.2005 - Le Monde diplomatique

Der Schriftsteller Aharon Appelfeld beschreibt in einem eindrücklichen Text, warum sich damalige Kinder ganz anders an den Holocaust erinnern als Erwachsene. Und warum sie ganz anders darüber schreiben: "Als die Menschen, die den Krieg als Erwachsene erlebt haben, ihre Geschichte erzählten, legten sie großen Wert auf die äußeren Fakten: Daten, Orte, Namen. Ihre Empfindungen und Gefühle fassten sie in allgemeine, eher unpersönliche Begriffe. Für diejenigen, die als Kinder überlebt hatten, war der Krieg ihr ganzes - bisheriges -Leben. Sie konnten über den Holocaust nicht in historischen, theologischen oder moralischen Begriffen reden; sie konnten nur von Angst und Hunger berichten, von Farben, von Kellern und von Menschen, die sie gut oder schlecht behandelt hatten. Die Kraft ihrer Zeugnisse liegt gerade in diesem begrenzten Horizont ... heutzutage, angesichts der wachsenden Tendenz, den Holocaust zu leugnen, hört man häufig: Haltet die Holocaust-Zeugnisse frei von euren subjektiven Fantasien ... Die schriftlichen und mündlichen Zeugnisse der einstigen Kinder sind eher literarischer Natur. Ihre Erinnerungen sind oft äußerst partikular, und wenn sie sich in Erinnerung rufen, was ihnen während des Krieges widerfahren ist, mobilisieren sie ihre Fantasie. Anhand von Empfindungen und Gefühlen gelingt es ihnen, ihre Vergangenheit wachzurufen. Solche Erinnerungen sollte man nicht als Tatsachenzeugnisse, sondern als Rekonstruktionen ansehen."

Außerdem gibt es einen wunderbaren Text von John Steinbeck, der 1947 Robert Capa in die UdSSR begleitete. Der chinesische Historiker und Publizist Wang Hui beschreibt in einem Essay das Asienbild deutscher Philosophen, und Vicken Cheterian berichtet über die Lage der Medien im Kaukasus.

Magazinrundschau vom 18.01.2005 - Le Monde diplomatique

Der israelische Schriftsteller Amos Elon stellt Antony Davids Biografie des "Kulturpapstes" Salman Schocken vor. Schocken war "ein rundlicher Mann von kleiner Statur, mit einem massigen Nacken und einem auffallend mächtigen Kahlkopf. Sein 1931 gegründetes dreisprachiges Verlagshaus - anfangs mit Sitz in Berlin, Jerusalem und Tel Aviv, bald auch mit Sitz in New York - war auf moderne hebräische Literatur und Judaika spezialisiert, aber sein kostbarstes Gut waren die Rechte am Gesamtwerk von Franz Kafka. Der Beitrag, den Schocken zum säkularen jüdischen Nationalismus und zur kulturellen Identität Israels geleistet hat, lässt sich kaum ermessen." Über diesen Mann, "der maßgeblich an der Erfindung des säkularen jüdischen Nationalismus mitgewirkt hat, liegt jetzt die vorzügliche Biografie von Antony David vor. David schreibt mit Verve und psychologischem Gespür, kritisch und sardonisch, aber auch mit einem klugen Blick für die oftmals extremen Widersprüche in der Persönlichkeit vom Salman Schocken. Dieser war, bemerkt er zum Beispiel, 'ein kosmopolitischer Jude in einer Zeit, da die Geschichte die Juden gezwungen hatte, eine Nationalflagge zu hissen und sich dem neuen jüdischen Staat anzuschließen'. Er war der Inbegriff des deutsch-jüdischen Liberalismus, 'ein Symbol der deutschen Juden (und) ihrer erstaunlichen Vitalität'."

Weitere Artikel: Jean-Christophe Servant beschreibt die Enttäuschung der Kenianer über die ursprünglich so enthusiastisch gefeierte neue Regierung Mwai Kibakis. Außerdem gibt es ein umfangreiches Dossier zu Energiefragen.

Magazinrundschau vom 16.11.2004 - Le Monde diplomatique

Anne Mathieu erinnert an eines der größten Verdienste Jean-Paul Sartres, seine frühen scharfen Stellungnahmen gegen den Algerienkrieg und die Folter in Algerien, aber auch an einen seiner Irrtümer, die Kanonisierung der Gegengewalt. Sie zitiert Sartre über die Gewalt der Kolonisierten: "Kann man von dieser Knechtschaft genesen? Ja. Die Gewalt kann, wie die Lanze des Achill, die Wunden vernarben lassen, die sie geschlagen hat. (...) Dies ist der Endpunkt der Dialektik... Eines nicht mehr fernen Tages, dessen bin ich sicher, werden wir uns denen anschließen, die heute diese Geschichte machen."

Die Soziologin Selma Belaala schreibt über die marokkanischen Takfiristen, die in die Anschläge von Madrid, Taba und Casablanca verwickelt waren. Sie gehören "zu einer neuen Generation von Fundamentalisten, die aus den städtischen Slums und heruntergekommenen Siedlungen" stammt. "Die Takfiristen holen die Jugendlichen der Elendsquartiere aus ihrer Isolation und rekrutieren sie für einen gewaltsamen Feldzug gegen das restliche Land - und mitunter sogar gegen ihre eigenen Familien. So ließ in Sekouila ein zum 'Emir' einer Miliz aufgestiegener Exkrimineller seinen Onkel hinrichten, weil dieser das 'Gesetz' des Alkoholverbots missachtet hatte. In den von Fundamentalisten beherrschten Karyan-Siedlungen gab es hunderte von Gewaltakten, Überfällen und Hinrichtungen, doch die Polizei lässt sich in diesen rechtsfreien Zonen schon lange nicht mehr blicken."

Weitere Artikel: Rick Fantasia, Professor der Soziologie am Smith College in Northampton, Massachusetts, beschreibt, wie die amerikanischen Eliteuniversitäten es den Kindern der Reichen weitgehend ersparen, "sich mit Menschen aus einem anderen Milieu abzugeben, sich von ihnen beeinflussen zu lassen oder gar gegen sie konkurrieren zu müssen". Außerdem gibt es mehrere Artikel über das Söldnerwesen - im Irak, in Afrika und in Kolumbien.

Magazinrundschau vom 11.10.2004 - Le Monde diplomatique

Am 2. November wählen die Amerikaner ihren Präsidenten. Nur die Amerikaner? Wir wollen mitwählen, fordert Tahar Ben Jelloun. "Die Frage, ob der derzeitige Präsident Amerikas wiedergewählt wird oder nicht, entscheidet auch über die Zukunft hunderttausender Familien - im Irak, in Palästina, Israel, ja im gesamten Nahen und Mittleren Osten, im Maghreb, in Afrika, Lateinamerika und anderen Gegenden der Welt. Keine andere Präsidentschaftswahl ist für so viele Länder, in denen sie nicht stattfindet, derart folgenschwer, besonders und besonders einschneidend in ökonomischer Hinsicht. Insofern gehen diese Wahlen nicht nur die amerikanische Bevölkerung etwas an."

Angeblich ist Chinas Teekultur so alt wie das Land selbst ist, nämlich fünftausend Jahre. Das stimmt zwar nicht, meint Nicolas Zufferey, Sinologe an der Universität Genf, doch werden die Chinesen dies niemals zugeben. Denn hier geht es um Fragen der nationalen Identität! "Derartige Töne hört man sonst nur in patriotischen Reden über weitaus wichtigere Fragen wie etwa die Unabhängigkeit Tibets oder den Status von Taiwan. Verwunderlich ist diese Empfindlichkeit auch insofern, als niemand den Chinesen ihre Rolle bei der 'Entdeckung' des Tees als Getränk oder ihren Beitrag zur Teekultur (cha wenhua) streitig macht. Denn welches andere Volk hätte den Tee zu einem seiner 'sieben Schätze' erkoren - zusammen mit der Zither (quin), dem Schachspiel, der Kalligrafie, der Malerei, der Dichtung und ? dem Alkohol?"

Außerdem gibt es einen Essay von Edward Said über den Stil des Spätwerks am Beispiel der späten Kompositionen Beethovens, dem späten Roman von Tomaso di Lampedusa und den späten Gedichten des Griechen Konstantinos Kavafis. sowie Texte über den Kaukasus von Jean Radvanyi und die Ukraine von Vicken Cheterian.

Magazinrundschau vom 16.08.2004 - Le Monde diplomatique

Eine sehr schöne Ausgabe von Le Monde diplomatique können wir anzeigen! Von Edward Said ist ein Loblied auf die Eloquenz zu lesen, "'Eloquenz' in dem Sinne, den es früher hatte - im Sinne einer außergewöhnlichen sprachlichen Fülle (in geschriebener und mehr noch in gesprochener Form), im Sinne einer Wortgewandtheit, die sich zwar einer angeborenen Fähigkeit verdankt, doch entwickelt und geschult werden muss, damit die besondere Eloquenz der entsprechenden Person zum Vorschein kommen kann. Denn eine funkelnde Sprache ist ebenso auffällig wie ein gutes Gedächtnis." Eloquenz, so Said weiter, ist heute fast nur noch im Arabischen möglich. Dazu erzählt er eine Geschichte: "Ein Onkel von mir war Bankdirektor und hatte die begnadete Fähigkeit, eine Viertelstunde lang völlig geistesabwesend höfliche, aber nichts sagende Floskeln von sich zu geben, was auf Englisch völlig unvorstellbar gewesen wäre. Im Arabischen aber lernt man diese Technik schon früh im Leben und wendet sie vor allem in Situationen an, in denen man mehr sagen muss, als die Substanz des Gesprächs hergibt. Ich fand das immer wunderbar unterhaltsam, zumal ich selbst dazu nie imstande war."

Wer hat 1944 Paris befreit? Spanier! Jawohl, die 9. Panzerkompanie von General Leclerc, die nur aus Spaniern bestand, zog ganz allein nach Paris ein und übernahm die Stadt von den Deutschen. Zum Dank haben die Franzosen sie einfach vergessen, erzählt uns Denis Fernandez Recatala.

Außerdem: Luis Sepulveda ist auf den Spuren von Butch Cassidy und Sundance Kid (mehr) durch Patagonien gereist und schickt eine Reportage. Niels Kadritzke schreibt über Ärchäologie und Beutekunst. Jose Saramago macht sich Gedanken um die Zukunft unserer Demokratie. Bernard Cassen erzählt, was den Engländer in die Dordogne zieht. Und Elisabeth Lequeret schreibt über den fehlenden Realismus in Bollywoodfilmen.