
Der
Klimawandel ist die größte Gefahr für die Demokratie,
meint der australische Politologe
John Keane. Natürlich stellen die Destabilisierung des Systems durch politische Demagogie oder die Zerrüttung der Zivilgesellschaft durch soziales Leid wichtige Faktoren für den "Demozid" dar. Aber die größte Bedrohung für demokratische Systeme gehe
von Umweltkatastrophen aus, erklärt er, denn im
Ausnahmezustand lassen sich demokratische Grundprinzipien leicht aushebeln: "Katastrophen können
das Beste in Bürgern zum Vorschein bringen, aber wie Thukydides in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges aus dem Jahr 431 v. Chr. feststellte - als er beschrieb, welche politischen Verwüstungen die Typhusplage, die fast ein Drittel der Bürger des demokratischen Athen tötete, anrichtete - können Umweltkatastrophen die Demokratie zerstören. Das bisher extremste Wetterereignis, das Anfang September 2022 in Pakistan verzeichnet wurde, zeigt, wie schnell das Gewebe aus Vertrauen und Zusammenarbeit der Zivilgesellschaft durch Gier und Korruption, Angst und Krankheit zerrissen werden kann. Bei extremen Umweltschocks blühen auch die Machtmanöver. Der
Ausnahmezustand wird normalisiert: Er ist das, was eine Zeit lang ertragen werden muss und was aus 'Notwendigkeit' in Zukunft zu erwarten ist. Die Gouvernementalität setzt sich folglich bei den Bürgern fest: Langsam aber sicher werden die Menschen im Namen ihrer 'Sicherheit' und 'Geborgenheit' dazu gebracht, sich an die permanente Verwaltung ihres Lebens zu gewöhnen. Die
Zwangssolidarität, die Leszek Kołakowski als eine durch Zwang degradierte Form der Solidarität beschreibt, wird standardisiert. Eine der größten Gefahren des Ausnahmezustands ist die '
Klebrigkeit' der konzentrierten, willkürlichen Macht, wenn ihr nicht widerstanden wird. Als vorübergehende Maßnahmen unter außergewöhnlichen Umständen werden Abriegelungen und das Verbot von Boykotten und öffentlichen Versammlungen leicht zu
dauerhaften Regelungen. Macht, die gewährt wird, ist Macht, die zugestanden wird; und Macht, die aufgegeben wird, ist Macht, die nur schwer wieder zurückgefordert werden kann. Notstandsregelungen gewöhnen die Menschen an Unterordnung. Sie ist die
Mutter der freiwilligen Knechtschaft."