Magazinrundschau - Archiv

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306 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 31

Magazinrundschau vom 25.04.2023 - Eurozine

Nach außen hin gibt sich Serbien unter Präsident Aleksandar Vučić neutral und auf dem Weg zur EU, doch im Land selbst zeigt er sich unverhohlen als Bannerträger Wladimir Putins, der mit Russland verbunden ist im Kampf gegen die Nato und den Liberalismus des Westens, schreibt Tomislav Marković in einem deprimierenden Bericht über das Abdriften des Landes. In seinen Chauvinismus übertroffen werde Vucic aber noch von den Medien, der Orthoxoden Kirche und einer kryptofaschistischen Opposition, die seit Jahren den Dritten Weltkrieg herbeisehnt: "Innenpolitisch hat er alles getan, um den Staat in seine Gewalt zu bringen, die schwachen Institutionen, die ohnehin keinen großen Widerstand leisten konnten, zu zerstören, das ganze Land in ein privates Lehnsgut seiner Partei zu verwandeln und eine Ein-Mann-Autokratie einzuführen. Daher sein Vertrauen in den Kreml. Vučić sieht den Putinismus als sein eigenes Ideal an, ist aber nicht in der Lage, es vollständig durchzusetzen. Wenn er könnte, würde Vučić morgen die europäische Integration aufgeben und Serbien noch näher an Russland heranführen, ja sogar ein Bündnis mit Russland und Weißrussland eingehen, wie es Slobodan Milošević während des Krieges 1999 versuchte. Die Mehrheit der Opposition würde sich ihm dabei nicht widersetzen, ebenso wenig wie der größere Teil der Gesellschaft, der Serbien nicht als Teil der europäischen Familie ansieht. Zu seinem Leidwesen ist dies nicht möglich, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Der Großteil der Auslandsinvestitionen kommt direkt aus der Europäischen Union, dem größten Wirtschaftspartner Serbiens mit über 60 Prozent des Handels. Serbien hat über die Beitrittsprogramme mehr als 3,7 Milliarden Euro von der EU erhalten, um die Rechtsstaatlichkeit zu stärken, die öffentliche Verwaltung zu reformieren, die Umwelt zu schützen und so weiter. Die nicht rückzahlbaren Finanzhilfen fließen nur, solange Serbien offiziell auf dem Weg nach Europa bleibt."

Magazinrundschau vom 04.04.2023 - Eurozine

Nikolaj Gogol, geboren in der Ukraine, galt den Russen immer als russischer Schriftsteller. Aus der Provinz zwar, mit komischen Anzügen und Manieren, aber doch russisch. Seine Minderwertigkeitsgefühle und seine homoerotischen Neigungen, die er selbst verachtete, verführten ihn in der Zeit, als er seinen Roman "Taras Bulba" schrieb, zu einem extremen russischen Nationalismus, erzählt Zinovy Zinik, der bei allem Verständnis für Gogols Lage dessen politische Verirrungen klar benennt: "Der historische Hintergrund seines Romans sind die antipolnischen Massaker und Pogrome, die durch den Aufstand von Bogdan Chmelnizki in der Mitte des 17. Jahrhunderts auslöste. Chmelnizki, ein polnischer Hetman ukrainischer Herkunft, hatte im Kampf gegen seine polnischen Herrscher die Saporoger Kosaken zu seinen Verbündeten gemacht und schließlich dem russischen Zaren die Treue erklärt. Von diesem Moment an begann die Russifizierung der Ostukraine. ... In der heutigen Propaganda werden Gogols Leitmotive des Patriotismus und der Selbstaufopferung recycelt, wobei die NATO und Krypto-Nazis an die Stelle der Polen und Juden treten. In 'Taras Bulba' hat Gogol den kriegerischen Nationalismus jener Russen verewigt, die eine fiktive Version von Europa geschaffen haben, in der ihrer Meinung nach kein Platz für sie ist. Diese russischen Patrioten hassen alles, von dem sie glauben, dass es nicht zu ihnen gehört, oder das nicht zu ihnen gehört. Instinktiv wollen sie die Kontrolle über solche Orte übernehmen: entweder durch gewaltsame Übernahme oder durch ihre völlige Zerstörung. Mit seinem Hass auf Fremde wollte Gogol seinen russischen Gastgebern instinktiv zeigen, dass er nicht nur ihre idealistischen Überzeugungen, sondern auch ihre niederen Vorurteile teilt."

Magazinrundschau vom 28.03.2023 - Eurozine

Am 2. April wählen die BulgarInnen zum fünften Mal innerhalb von drei Jahren ein neues Parlament. Pro-westliche und pro-russische Parteien stehen sich ungefähr gleich stark und gleich kompromisslos gegenüber, schreibt Rumena Filipova, Frustration und Resignation nehmen in der zermürbten Bevölkerung zu: "Bulgariens demokratisches Dilemma spielt sich also in einer komplizierten Matrix ab, in der das Aufkommen der pro-demokratischen zivilgesellschaftlichen Aktivitäten im Jahr 2020 und die Kompromisslosigkeit gegenüber den politischen Kräften des Status quo auch reichlich Raum für antidemokratische Tendenzen lassen. Mit anderen Worten: Der in die Länge gezogene Prozess des erzwungenen Wandels hat ein Umfeld der Instabilität und mangelnden Verantwortung gefördert. Die Unbeständigkeit der politischen Landschaft bietet ausländischen Akteuren - insbesondere Russland - die Möglichkeit, Einfluss auf die bulgarische Politik, die Wirtschaft und die Medien auszuüben. Lokale Stellvertreter und korrupte Netzwerke fungieren als Kanäle für autoritäre Einflussnahme. Die jüngsten Sanktionen, die die USA und das Vereinigte Königreich gegen bulgarische Politiker und Geschäftsleute verhängt haben, die in Korruptionsgeschäfte mit Russland verwickelt sind, insbesondere im Energiebereich, zeigen, wie groß die Herausforderung ist. Die Verstrickung Bulgariens in korrupte russische Aktivitäten stellt nicht nur eine Bedrohung für die Stabilität und Transparenz im eigenen Land dar, sondern macht das Land auch zu einer strategischen Schwachstelle in der EU und der NATO, die ein Risiko für die Finanzsysteme der internationalen Partner darstellt."
Stichwörter: Bulgarien, Nato

Magazinrundschau vom 21.03.2023 - Eurozine

Seitdem Nordmazedonien die Ukraine im Krieg gegen Russland unterstützt, steht das Land zunehmend im Fokus hybrider Kriegsattacken, informiert Jovan Gjorgovski in einem aus der New Eastern Europe übernommenen Artikel. Russische Propagandisten nutzen den historischen Konflikt des Landes mit Bulgarien, um die Gesellschaft politisch zu entzweien. Das gefährdet auch den EU-Beitritt Nordmazedoniens: "Nordmazedonien ist noch kein Mitglied der Europäischen Union, und hier hat sich der bösartige Einfluss am schädlichsten ausgewirkt. Es begann mit einem Veto Bulgariens im Rat der EU, das die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen blockierte. Der Streit mit Bulgarien ist tiefgreifend und reicht bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zurück, aber das Veto erwies sich als perfekte Gelegenheit für Moskau, Desinformation und Fake News einzusetzen, um Zweifel an der EU und der NATO zu säen. Ein Beispiel betrifft Feiertage und Nationalhelden. Die russische Botschaft in Skopje beging einen Feiertag und nannte ihn in den sozialen Medien 'mazedonisch', während die Botschaft in Sofia dasselbe tat, ihn aber 'bulgarisch' nannte. Ein billiger Trick, der leicht zu durchschauen ist, aber nicht für den Durchschnittsbürger, der Informationen vor allem in den sozialen Medien konsumiert und alles glauben will, was seine bestehenden Vorurteile bestätigt. In einer kürzlich vom Internationalen Republikanischen Institut in Nordmazedonien durchgeführten Umfrage ist die Unterstützung für die EU-Mitgliedschaft im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent gesunken. Serbien wird jetzt als der vielversprechendste Partner gehandelt und die EU steht an zweiter Stelle, eine drastische Veränderung gegenüber der Situation vor zwei Jahren, als Brüssel als wichtigster Partner angesehen wurde."

Magazinrundschau vom 14.03.2023 - Eurozine

Eurozine übersetzt Marta Havryshkos Report über die sexuelle Gewalt, die russische Soldaten in der Ukraine ausüben. Auch ukrainische Frauengruppen diskutieren, ob die Anklage der Täter oder Schutz der Opfer im Vordergrund stehen sollte, weswegen nicht alle Fälle zur Anzeige gebracht werden. Doch Vergewaltigungen finden nicht vereinzelt statt, sondern flächendeckend: "Sexuelle Gewalt ist ein Werkzeug des Terrors geworden, nicht nur gegen einzelne Gruppen, sondern gegen die gesamte Bevölkerung in den besetzten Gebieten der Ukraine. Opfer sind nicht nur Frauen und Männer, sondern auch Kinder und Alte... Sexuelle Verbrechen werden mit außerordentlicher und demonstrativer Gewalt begangen. Das zeigt nicht nur das Alter der Opfer, sondern auch die Dynamik der Taten. In vielen Fällen sind die Vergewaltigungen nicht ein kurzer Akt, sondern erstrecken sich über Stunden, Tage oder Wochen und nehmen die Form von sexueller Folter an, die dem Aggressor Befriedigung verschaffen soll. Typisch ist diese Form der sexuellen Gewalt an Orten der Gefangenschaft."

Magazinrundschau vom 28.02.2023 - Eurozine

Der Klimawandel ist die größte Gefahr für die Demokratie, meint der australische Politologe John Keane. Natürlich stellen die Destabilisierung des Systems durch politische Demagogie oder die Zerrüttung der Zivilgesellschaft durch soziales Leid wichtige Faktoren für den "Demozid" dar. Aber die größte Bedrohung für demokratische Systeme gehe von Umweltkatastrophen aus, erklärt er, denn im Ausnahmezustand lassen sich demokratische Grundprinzipien leicht aushebeln: "Katastrophen können das Beste in Bürgern zum Vorschein bringen, aber wie Thukydides in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges aus dem Jahr 431 v. Chr. feststellte - als er beschrieb, welche politischen Verwüstungen die Typhusplage, die fast ein Drittel der Bürger des demokratischen Athen tötete, anrichtete - können Umweltkatastrophen die Demokratie zerstören. Das bisher extremste Wetterereignis, das Anfang September 2022 in Pakistan verzeichnet wurde, zeigt, wie schnell das Gewebe aus Vertrauen und Zusammenarbeit der Zivilgesellschaft durch Gier und Korruption, Angst und Krankheit zerrissen werden kann. Bei extremen Umweltschocks blühen auch die Machtmanöver. Der Ausnahmezustand wird normalisiert: Er ist das, was eine Zeit lang ertragen werden muss und was aus 'Notwendigkeit' in Zukunft zu erwarten ist. Die Gouvernementalität setzt sich folglich bei den Bürgern fest: Langsam aber sicher werden die Menschen im Namen ihrer 'Sicherheit' und 'Geborgenheit' dazu gebracht, sich an die permanente Verwaltung ihres Lebens zu gewöhnen. Die Zwangssolidarität, die Leszek Kołakowski als eine durch Zwang degradierte Form der Solidarität beschreibt, wird standardisiert. Eine der größten Gefahren des Ausnahmezustands ist die 'Klebrigkeit' der konzentrierten, willkürlichen Macht, wenn ihr nicht widerstanden wird. Als vorübergehende Maßnahmen unter außergewöhnlichen Umständen werden Abriegelungen und das Verbot von Boykotten und öffentlichen Versammlungen leicht zu dauerhaften Regelungen. Macht, die gewährt wird, ist Macht, die zugestanden wird; und Macht, die aufgegeben wird, ist Macht, die nur schwer wieder zurückgefordert werden kann. Notstandsregelungen gewöhnen die Menschen an Unterordnung. Sie ist die Mutter der freiwilligen Knechtschaft."

Magazinrundschau vom 14.02.2023 - Eurozine

Wenn Ukrainer Russisch sprechen, bedeutet es nicht, dass sie sich auch ethnisch als Russen identifizieren, stellt Volodymyr Kulyk in einem etwas komplizierten, aber am Ende doch instruktiven Artikel klar. Und schon gar nicht seit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Den sprachlichen Mix erklärt Kulyk so: "In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg breitete sich die sprachliche Russifizierung in den nicht-russischen Republiken immer weiter aus, insbesondere in den Großstädten, wo Migranten aus anderen Republiken einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ausmachten und Russisch die vorherrschende Sprache sowohl in angesehenen Berufen als auch in der Popkultur war. Während der kontinuierliche Zustrom von Menschen vom Lande die Zahl der Ukrainer in den meisten Städten ansteigen ließ, gingen viele Migranten vom Lande im Laufe der Zeit dazu über, Russisch als Hauptsprache in ihrem Alltag zu verwenden. Der Wechsel der Sprache führte jedoch in der Regel nicht zu einem Wechsel der Staatsangehörigkeit: Diese wurde als durch die Staatsangehörigkeit der Eltern bestimmt angesehen. Gleichzeitig führte die zunehmende Zahl ethnisch gemischter Ehen dazu, dass die gemischten Nachkommen eine einzige Nationalität wählten, die oft nicht ihrer eigenen Identität entsprach, wodurch die Grenzen zwischen den verschiedenen Gruppen weiter verwischt wurden. Die Ukraine war eine der Republiken, in denen die Grenzen am stärksten verwischt wurden. Sie erlebte eine massenhafte Zuwanderung aus Russland, wobei sich die Mehrheit der Neuankömmlinge in Städten niederließ, in denen der Anteil der ethnischen Russen 30 Prozent erreichte. Dementsprechend waren die meisten Fabriken, Büros, Bildungs- und Kultureinrichtungen in den Städten auf Russisch angewiesen, was wiederum Muttersprachler des Ukrainischen und anderer Sprachen dazu veranlasste, diese Sprache als Hauptsprache zu verwenden. Während die meisten ethnischen Ukrainer ihre Selbstbezeichnung nach Nationalität beibehielten, wurde die Kluft zwischen ethnischer und sprachlicher Zugehörigkeit immer größer. Die tägliche Abhängigkeit vom Russischen war sogar noch weiter verbreitet als die Identifikation mit der russischen Sprache als Muttersprache."

Magazinrundschau vom 06.12.2022 - Eurozine

Russlands Propagandaerfolge stoßen langsam an ihre Grenzen, schreiben Wolodymyr Kadygrob und Anton Tarasyuk, selbst innerhalb Russlands. Was Russland jetzt brauche, sei ein Realitätscheck. "Die Realität auf dem Schlachtfeld ist in gewissem Sinne realer als die Realität anderswo, sie ist manipulationsresistenter, wenn es darum geht, mit dem Medienspektakel zu verschmelzen. Das bedeutet, dass alle externen Vorschläge, die Putin helfen sollen, sein Gesicht zu wahren, bestenfalls kurzsichtig sind. Wenn es Russland nicht gelingt, aus seiner Echokammer herauszukommen, sondern es stattdessen dabei unterstützt wird, noch tiefer in diese hineinzugehen, werden wir wahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt eine ähnliche, unprovozierte Aggression erleben. Erst nach der Konfrontation mit den Realitäten - zunächst militärischer, dann politischer und sozialer Art - könnte ein umgestaltetes Russland (vielleicht eine post-russische Formation oder sogar Formationen) den langen Prozess der Wiedereingliederung in die zivilisierte Gemeinschaft beginnen. Für die russische Gesellschaft würde der Realitätscheck bedeuten, dass sie aufhört, die Opfer zu beschuldigen, was sowohl im politischen Diskurs der Putin-Befürworter ('Die Europäer sind schuldig, weil sie uns erobern wollen') als auch der russischen Liberalen ('Die Europäer sind schuldig, weil sie uns nicht helfen wollen') verwurzelt ist. Erst wenn die Russen die Verantwortung für die Geschehnisse in ihrem Land übernehmen, können sie beginnen, den Raum für Maßnahmen und Veränderungen zu öffnen. Für all diese Prozesse gibt es jedoch eine Voraussetzung. Die Ukraine muss den Krieg gewinnen."

Magazinrundschau vom 29.11.2022 - Eurozine

Im Moment wird gern die Haltbarkeit uralter sowjetischer Panzer bestaunt, mit denen in der Ukraine gekämpft wird. Tolle Sache, diese solide Wertarbeit. Aber als einer der größten Waffenexporteure der Welt hat die Tschechoslowakei während des Kalten Krieges auch Konfliktgebiete wie Irak, Niger oder Südsudan mit Kriegsgerät überschwemmt, erinnert Rosamund Johnston und denkt sich, dass die als superkapitalistisch verfemte "eingebaute Obsoleszenz" auch ihr Gutes hat: In den siebziger Jahren verkaufte die Tschechoslowakei einen Batzen Semtex an Libyen. Nachdem der Sprengstoff dort über ein jahrzehnt lang schlummerte, tauchte er auf einmal in Bomben in Nordirland und Großbritannien auf. Zum Entsetzen der kommunistischen Regierung in Prag war er offenbar auch verantwortlich für den Absturz einer Transatlantik-Maschine über Lockerbie, bei dem alle 259 Passagiere an Bord und elf Bewohner des schottischen Ortes getötet wurden. Als eine ihrer letzten Amtshandlungen erklärte sich die kommunistische Regierung der Tschechoslowakei  zu einem Abkommen bereit, das die Markierung von Plastiksprengstoff vorsah, mit der man seine Herkunft nachverfolgen kann. Nach der Samtenen Revolution 1989 erklärte die Herstellerfirma Explosia, dass es die Haltbarkeit des Sprengstoffs von zehn auf fünf Jahre reduzieren würde. Semtex sollte nicht länger in Konflikten oder für Zwecke genutzt werden können, für die es nicht vorgesehen war."

Magazinrundschau vom 01.11.2022 - Eurozine

In einem klugen Gespräch mit ihrer polnischen Kollegin Agnieszka Holland spricht die ukrainische Filmregisseurin Iryna Tsilyk über die Rolle der Kunst in Zeiten des Krieges. Welche Kraft hat sie? Welche Moral? Was funktioniert überhaupt? "Es ist schade, dass Serhij Zhadan im Moment nichts schreiben kann. Einige Dichter können es, und sie erschaffen fantastische Dinge, wenn sie versuchen, den Moment zu erfassen oder über all das nachzudenken, was uns gerade verändert. Das geschieht gerade extrem schnell, es ist wichtig, diese Metamorphosen zu dokumentieren. Romanautoren und Regisseure von Spielfilmen brauchen jedoch Distanz, wenn sie sich einem Thema wie dem Krieg nähern. Man kann nicht objektiv sein, wenn man die Situation in Nahaufnahme sieht. Man muss sie aus einem weiteren Winkel betrachten, was unmöglich ist, wenn man mittendring steckt... Ich habe auch Angst, dass manche Mittel des Kinos eine moralische Linie überschreiten könnten. Ich habe viele Anfragen von ausländischen Produktionsfirmen bekommen, die mir Ideen und Skripte zu bestimmten Ereignissen des Krieges anboten, zu Bucha oder der Schlacht um Asowstal. Für mich ist es zu früh und zu gefährlich, diesen Weg zu gehen. Es ist ein Minenfeld. Menschen werden noch immer gefangen gehalten, gefoltert und vergewaltigt. Die Zeit ist noch nicht gekommen, Spielfilme zu drehen, wenn die Grausamkeiten noch stattfinden. Trotzdem frage ich mich selbst als Künstlerin oft: Soll ich mir nicht doch meine Kamera schnappen und die Realität dokumentieren?"