Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

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Magazinrundschau vom 23.08.2005 - Espresso

Marco Müller, Leiter des in einer guten Woche beginnenden Filmfestivals in Venedig, verteidigt sich im Interview mit Alessandra Mammi gegen den Vorwurf, die diesjährige Auswahl sei zu konventionell. Filmfestivals sind nicht dazu da, schimpft Müller, um Medienevents wie einen Michael Moore zu präsentieren, sondern um Filme ins Kino zu bringen, die sonst untergehen würden. "Roberto Benignis Film ist nicht in Venedig, weil er das nicht braucht. Aber Ang Lees homoerotischer Western 'Brokeback Mountain' über zwei verliebte Cowboys muss auf dem Festival vertreten sein. Und ohne Venedig würde Laurent Cantet, der derb den Sextourismus der reichen und reifen Damen beschreibt, die in Haiti auf der Jagd nach Gigolos sind, wahrscheinlich nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die er verdient." (Cantets Film heißt "Vers le Sud")

Für die Titelgeschichte befragt Andrea Visconti die in England geborene und in den USA arbeitende Journalistin Tina Brown, was sie denn so großartig an den "American Women" findet, deren prominentesten Vertreterinnen der Fotograf Bryan Adams einen glamourösen Bildband gewidmet hat. "In den Vereinigten Staaten sind die Frauen überzeugt von sich selbst, und es gibt für sie kein Limit bei dem, was sie erreichen können. Die Engländerinnen - die ich genauso gut kenne wie die Amerikanerinnen - verlieren im Laufe ihres Lebens Schritt für Schritt die Sicherheit, die sie als Zwanzigjährige einmal hatten."

Außerdem begrüßt der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun im Meinungsteil den israelischen Rückzug aus dem Gazastreifen als notwendige Form einer Reparationszahlung an die Palästinenser, die den Weg zu dauerhaftem Frieden ebnen könnte.

Magazinrundschau vom 09.08.2005 - Espresso

"Belgrad ist eine sonderbare Stadt", schreibt Andrzej Stasiuk, der dort eine Veranstaltung über den berühmten Kollegen Danilo Kis besuchte. "Die Zusammenkunft, die einen der größten Schriftsteller der serbischen Sprache ehren soll, wird von der serbischen Polizei überwacht. Die Teilnehmer fühlen sich ein wenig wie die Anhänger irgendeiner verbotenen Religion, die sich in den Katakomben treffen. Auf den Plätzen für das Publikum sieht man vor allem Freunde sitzen. An den Wänden sind Fotografien von Gräbern voller Leichen, aber die Vortragenden sprechen über Poesie, Metaphern und Phonetik von Texten, deren Hauptmerkmal eben das Erzählen von der Paranoia und der Perversion der Macht war, die sich aus Toten und Massakern nährt."

Der israelische Verteidigungsminister Shaul Mofaz erläutert Gigi Riva in einem langen Interview, was nach dem Rückbau der israelischen Siedlungen im Gaza-Streifen zu tun ist. "Nach der Auflösung können wir mit 'Phase A' beginnen, die die Zerstörung der terroristischen Infrastruktur und einen ernsthaften Krieg gegen die terroristischen Organisationen vorsieht."

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - Espresso

Je öfter er widerlegt wird, desto höher schnellen die Verkaufszahlen. Umberto Eco untersucht den Erfolg von Dan Browns Reißer "Sakrileg" und äußert eine beunruhigende Vermutung: Die Leser glauben gern, dass Jesus und Maria Magdalena einen Sohn hatten. "Ich denke das ist es, was der Kirche Sorgen bereitet. Der Glaube an den 'Kodex' (und einen anderen Jesus) ist ein Zeichen der Entchristianisierung. Wenn das Volk nicht mehr an Gott glaubt, sagte Chesterton, heißt das nicht, dass sie an nichts mehr glauben, sondern an alles. Sogar an die Massenmedien."

Paul Auster (mehr) hat seinen neuen Roman "Brooklyn Follies" zunächst exklusiv in Dänemark herausbringen lassen. Andrea Visconti hat mit der Hilfe von Soren Hammerstrom immerhin herausgefunden, dass - wer hätte das gedacht - wieder einmal absurde Zufälle im Mittelpunkt stehen und - kein Zufall - Präsident Bush unerhört offen kritisiert wird. Ein Interview zum Buch hier, eine umfangreiche Auster-Fanseite hier. Roberto Calabro berichtet, dass etwa 3.000 Italiener nicht an den Papst, sondern an die Magie der Druiden glauben und sie auch zu praktizieren versuchen. In der Titelgeschichte lässt sich der terrorbesorgte Antonio Carlucci von Roms Bürgermeister Walter Veltroni versichern: "Die Ordnungskräfte tun alles, was nötig ist."

Magazinrundschau vom 19.07.2005 - Espresso

Relativismus, Fundamentalismus, Integralismus: Umberto Eco versucht begriffliche Klarheit in die gegenwärtigen Debatten um Evolution, Gott und die Welt zu bringen und erklärt, warum die Probleme derzeit nicht von den Katholiken ausgehen. "Es kann keinen katholischen Fundamentalismus geben - und darum ging es bei den Auseinandersetzungen in der Reformation - weil bei den Katholiken die Interpretation der Schrift der Kirche überlassen wird. Schon bei den Kirchenvätern gab es Diskussionen zwischen den Anhängern einer schriftgetreuen Übertragung und einer offeneren Hermeneutik, wie jener von Augustin, der ohne Probleme anerkannte, dass die Bibel oft in Metaphern und Allegorien spricht. Er kam deshalb auch bestens damit zurecht, dass die sieben Tage der Schöpfung auch siebentausend Jahre gewesen sein könnten. Und die Kirche hat diese Position akzeptiert."

Magazinrundschau vom 12.07.2005 - Espresso

Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk versteht nicht, warum alle Angst vor dem polnischen Klempner haben. Nur durch die Konfrontation des Überkommenen mit dem Neuen könne Europa Leben eingehaucht werden. Ein wenig wundert er sich dann aber schon über die symbolische Erhöhung eines Berufsstands, der eigentlich nur im Kommunismus mächtig war. "Er nahm eine Anzahlung, man machte einen Termin aus, aber zum verabredeten Zeitpunkt erschien er nicht. Er kam, wann es ihm passte. Zum Beispiel nach einer Woche. Verdreckt, sich nach einer Dusche verzehrend, empfingen ihn die Bewohner trotzdem wie einen Heiland. Sie boten ihm Kaffe an, Essen und Alkohol und huldigten ihm. Der Klempner aß, trank, hörte sich die Schmeicheleien an und machte sich dann in würdevoller Langsamkeit an die Arbeit. Er schraubte irgendwo herum, montierte etwas anderes ab, verursachte eine verheerende Überschwemmung in der Küche oder im Bad, um dann plötzlich die Lust zu verlieren, er gab vor, ihm fehle ein Teil, dann verließ er den Ort des Geschehens und versprach, am nächsten Morgen wiederzukommen, um schließlich nach einer Woche nur dank einer weiteren Anzahlung wieder aufzutauchen."

Im Kulturteil kündigt Andrea Visconti "Colorado Kid" (mehr) an, den ersten Roman von Stephen King, der ohne Horror auskommen soll und sich am Groschenroman der Fünfziger orientiert. Lorenzo Soria verweist auf die derzeit recht aktive Schauspielerin Natalie Portman. Und Moses Naim hofft im internationalen Teil, dass sein Nachfolger an der Spitze der Weltbank, Paul Wolfowitz, aus der Institution keine amerikanische Filiale machen wird, sondern die Weltbank den Unilateralisten in einen Internationalisten verwandelt.

Magazinrundschau vom 28.06.2005 - Espresso

Der marokkanische Schriftsteller Tahar ben Jelloun kritisiert den palästinensischen Ministerpräsidenten Mahmoud Abbas, der Anfang Juni wieder Palästinenser öffentlich hat hinrichten lassen, die mit Israel kollaboriert hatten. Die Abschaffung der Todesstrafe ist ein Zeichen der Zivilisation, meint Jelloun. "Die progressiven Araber haben immer geglaubt, dass Palästina mit gutem Beispiel voran gehen und vor allem anders sein muss als die anderen Staaten der Region, die zum größten Teil von Politikern angeführt werden, die die Demokratie verabscheuen und mit feudalen Methoden regieren."

Repression oder Toleranz? Im Titel registriert der Espresso eine zunehmende Feindseligkeit gegenüber Ausländern. Die "Extracomunitari" fallen der Öffentlichkeit momentan vor allem dadurch auf, dass sie öfter im Gefängnis sitzen.

Magazinrundschau vom 21.06.2005 - Espresso

Film und Fernsehen beschäftigen den Espresso in dieser Woche. Umberto Eco schaut in die Röhre und sieht lauter sympathische Ordnungshüter. Auf der Leinwand oder dem Bildschirm sind die Polizisten heutzutage liebenswert, menschlich und bisweilen sogar schwul. Bis Mitte der Achtiger war das ganz anders, berichtet Eco, und macht für den Wandel die Politik verantwortlich. "Das Klima ist heute anders, weil sich nach den tragischen Jahren des Terrorismus die linken Parteien dem Staat zugewandt haben und deshalb die Ordnungskräfte nicht mehr anfeinden. Heute - eine wunderbare Ironie der Geschichte - ist es die Rechte, welche die Richter und deren Exekutive als Verbrecher beschimpfen. So verstanden konterkariert das Fernsehen, also Mediaset (die berlusconieigene Sendergruppe), die Attacken Berluconis gegen die Verwaltung. Bald wird es soweit sein, dass das Fernsehpublikum die Polizisten und Kriminalbeamten als linke Truppe sieht, die kurioserweise unter der Führung einer Regierung agieren."

Fast schon zu respektvoll befragt Cesare Balbo den Regisseur Ermanno Olmi über sein aktuelles, noch im Dreh befindliches Werk "Cento chiodi" und die Träume vom perfekten Film."Ideal wäre es, zur Kreativität der Commedia dell'arte zurückzukommen, zum Stil des Canovaccio, wo man sich augenblicklich auf die durch die Kulisse gegebenen Umstände und die Situation einstellte, auch in Bezug auf die Stimmung der Schauspieler und des Publikums."
Stichwörter: Eco, Umberto, Kreativität

Magazinrundschau vom 14.06.2005 - Espresso

Der Espresso wirft für die Abstimmung um das Gesetz zur künstlichen Befruchtung noch einmal das Gewicht des ganzen progressiven Italiens in die Waagschale und lässt hundert Prominente schreiben, warum sie für eine Liberalisierung der restriktiven Bestimmungen votieren. Der hierzulande eher unbekannte Cisko Bellotti, Sänger der Modena City Ramblers, fasst das Credo aller recht griffig zusammen. "Ich werde mehr als einmal mit Ja stimmen. Es ist falsch, dass die Kirche sich so stark einmischt und für Enthaltung plädiert. Dazu aufzufordern, nicht teilzunehmen, ist ein Zeichen der Unzivilisiertheit."

Im Kulturteil krönt Alberto Dentice einige kreolisch beeinflusste Bands zu den neuen Trendsettern auf dem italienischen Musikmarkt. Paul Krugman warnt vor einer amerikanischen Immobilienblase, die bald platzen und zu einer Rezession führen könnte.

Magazinrundschau vom 07.06.2005 - Espresso

Die Autorin und Globalisierungskritikerin Naomi Klein sieht die Folter von Gefangenen im Krieg gegen den Terror als Mittel der Behörden, um beim Austausch von Gewalttätigkeiten die Oberhand zu gewinnen. Terror gegen Terror. Gewonnen habe, wer schließlich mehr Angst unter seinen Gegnern verbreitet. "Die Folter als Instrument der Informationsbeschaffung hat keine Ergebnisse gebracht. Aber wenn es darum geht, die gesellschaftliche Kontrolle zu erlangen, dann gibt es nichts besseres als die Folter."

Umberto Eco erinnert sich in seiner Bustina recht persönlich an den französischen Philosophen Paul Ricoeur. Wenn etwa die palästinensische Autonomiebehörde zwei Tage nach Ricoeurs Tod die antisemitischen Texte der Weisen von Zion von ihrer Website entfernt, verbucht Eco das als späten Erfolg des unermüdlichen Ethikers. Im Kulturteil freut sich Monica Maggi über die große Klimt-Ausstellung im Pariser Musee Maillol, natürlich vor allem wegen der mehr als 120 Akt- und Erotikzeichnungen.

Magazinrundschau vom 17.05.2005 - Espresso

Die Avantgarde-Kunst von morgen wird im Internet stattfinden, verkündet Angelo Capasso, der ganz begeistert von Online-Kunstportalen wie rhizome.org erzählt. Besonders gefällt ihm dort Carlo Zannis Spiel "Average Shoveler", in dem man einen kleinen Pixelhelden helfen muss, den Alltag in New Yorks East Village zu meistern. Die Gefahren bestehen aus Live-Medienschnipseln, die wie Schneeflocken herunterrieseln. "Um zu überleben, muss man laut Zanni die Nachrichten, die im Kopf ankommen, wegschaufeln, wie man Schnee wegschaufelt, um schließlich zu sich selbst zu kommen. Wie in der Wirklichkeit auch ist dieses Vorhaben völlig unmöglich: man kann nicht gewinnen. Anders gesagt, wie kann man dem täglichen Bombardement an Nachrichten entgegnen, dem wir unterworfen sind?"

Die kapriziösen Franzosen haben ja keine Ahnung, wie gut sie es in Europa haben, meint der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun, der in seinem Kommentar wie derzeit viele andere Intellektuelle auch um das "Ja" zur Verfassung bangt. In einem für den Espresso verwunderlichen Schulterschluss mit der kapitalistischen Welt kündigt Carlotta Magnanini die neueste Brause aus Atlanta an, Coke Zero. Und Cesare Balbo informiert über eine Star-Wars-Ausstellung bei der Mailänder Triennale.
Stichwörter: Ben Jelloun, Tahar, Star Wars