Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

320 Presseschau-Absätze - Seite 20 von 32

Magazinrundschau vom 10.05.2005 - Espresso

Die Wahrheit hat keine Chance, Vorurteile und Machtgedanken sind immer stärker, klagt Umberto Eco in seiner Bustina di Minerva. Da sind etwa die "Protokolle der Weisen von Zion", deren Entstehungs- wie Wirkungsgeschichte (mehr) sich Will Eisner in seiner Graphic Novel "The Plot" widmet. "Der interessante Teil der Erzählung ist nicht der über die Produktion falscher antisemitischen Propaganda, sondern der Teil, der erzählt, was danach passiert ist, als die Times und dann auch alle seriösen Wissenschaftler bewiesen haben, dass hier eine Fälschung vorliegt. Ich würde sagen, dass die 'Protokolle' seitdem noch stärkere Verbreitung gefunden und ernster genommen wurden als zuvor (ein Blick ins Internet genügt)."

Leider nur im Print zu lesen ist die Vorabberichterstattung zum Festival in Cannes, ein Gespräch mit Festivalleiter Gilles Jacob und eines mit Regisseur Sidney Pollack.

Magazinrundschau vom 26.04.2005 - Espresso

"Ein Deutscher. Ein eiserner Theologe." Vatikan-Chefreporter Sandro Magister kann sich beim besten Willen nicht für Papst Benedikt XVI. erwärmen und verdächtigt ihn im Titel, in Anlehnung an die politische Denkschule der amerikanischen Regierungsmannschaft, ein Neocon der katholischen Kirche zu sein. "Im Jahr 1984, in einer Schrift gegen die radikalen Marxisten der Befreiungstheologie, attackierte er das kommunistische Imperium mit beißender Schärfe und beschimpfte es als 'Schande unserer Zeit' und als unwürdige 'Versklavung des Menschen'. Zur gleichen Zeit donnerte der amerikanische Präsident Ronald Reagan gegen das 'Reich des Bösen'."

Alles Wissen baut auf Geschichten auf, meint Umberto Eco in seiner Bustina. Nicht nur Historie oder Literatur, auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden durch Erzählungen vermittelt. Im Kulturteil sorgt sich Monia Capuani um den Zustand der japanischen Jugend. Denn die Nachwuchsprotagonisten der japanischen Literatur sind alle schreckliche, gepiercte, von Videospielen konditionierte Gören.

Magazinrundschau vom 19.04.2005 - Espresso

"Kifaya! - Es reicht!" Der marokkanische Autor Tahar Ben Jelloun wittert Frühlingsluft und sieht die muslimischen Länder im Umbruch. Und zollt den Amerikanern vorsichtigen Respekt. "Paradoxerweise hat sich die arabische Welt wegen des Irak verändert oder besser gesagt, wegen des amerikanischen Gendarmen. Das weltweite Medienspektakel der Festnahme Saddam Husseins in extrem erniedrigender Weise hat einen großen Effekt auf diejenigen arabischen Führer gehabt, deren Legitimation schon vorher brüchig war. Diese Bilder - schrecklich und furchteinflößend -waren ein Alptraum für Männer wie Colonel Ghaddafi oder den syrischen Präsidenten Bachar El Assad. Und auch für einen wie Mubarak, einen amerikanischen Verbündeten, müssen sie so unangenehm gewesen sein, dass er sich veranlasst sah, ein neues Wahlgesetz vorzuschlagen, das es mehreren Kandidaten erlaubt, sich um seine Nachfolge zu bemühen."

In der Titelgeschichte zählt Marco Damilano frohgemut den angeschlagenen Berlusconi an. "Der Premier muss sich irgendwas einfallen lassen."

Magazinrundschau vom 12.04.2005 - Espresso

Wer direkt aus Rom mehr über die Schlacht im Konklave erfahren will, dem sei die Titelgeschichte des Espresso-Sonderbeauftragten für Vatikanfragen Sandro Magister empfohlen. Und es kommt, ungewöhnlich in diesen Tagen, aber vielleicht nicht ungewöhnlich für den Espresso, ein Kritiker des Papstes und der katholischen Religion im Allgemeinen zu Wort. Dem Philosophen Umberto Galimberti ist der Aufruhr der vergangenen Tage im Interview mit Enrico Arosio ein wenig unheimlich: "Ich habe immer gewusst, dass Italien im Wesentlichen der Vatikan ist, dass die grundlegende Struktur, die Psychologie des Italieners eine religiöse ist. Deshalb sind wir nicht wirklich Demokraten, uns gefallen die Faschismen, die Figuren die sie repräsentieren. Unsere anthropologische Matrix ist durch und durch religiös. Aber es ist eine kindliche, projizierende, mythische Religiosität. Man braucht den großen Mann, die große Persönlichkeit um sich rühren zu lassen. Ich sehe einige Ähnlichkeiten zwischen dem massenhaften Erscheinen auf einem Konzert mit Vasco Rossi und den Versammlungen auf dem Petersplatz mit den Papa-Boys."

Weitere Artikel: Zu Umberto Ecos Jugendzeiten musste man sich entscheiden, ob man für Emilio Salgari (mehr) oder sein franzöisches Pendant Jules Verne (hier eine umfangreiche Seite mit Originaltexten in mehreren Sprachen) war. Eco war patriotischer Salgari-Fan, wechselte dann aber die Fronten und beschreibt in einem unendlichen Satz, von dem hier nur die Hälfte zitiert wird, was ihn an den Verneschen Abenteuer heute vor allem fasziniert: die Illustrationen. "Es sind Bilder, die immer vor einem dunklen Hintergrund ins Licht treten, liniert mit dünnen schwarzen Strichen, die von weißlichen Schnitten unterbrochen werden, eine Welt bar jeder chromatischen Zonen, eine Vision aus Schraffuren, Strichelungen, blendenden Reflexionen, eine Welt, gesehen von einem Tier mit seiner ganz eigenen Netzhaut, vielleicht sehen so die Ochsen und die Hunde, oder die Eidechsen, eine nächtliche Welt, betrachtet durch eine Jalousie mit feinsten Lamellen, ein immer dunkles und quasi untergetauchtes Territorium - selbst unter klarem Himmel - aus Körnern und Radierungen, die Licht nur da zulassen, wo das Instrument des Kupferstechers die Oberfläche abgetragen hat."

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - Espresso

Andrzej Stasiuk (mehr) schickt einen Frühlingsgruß aus Mitteleuropa, bis an den Rand gefüllt mit der unendlichen Melancholie der gemäßigten Zone. "Es ist der zentraleuropäische Spleen der vier Jahreszeiten, wo die Kälte rastlos in Wärme übergeht, der Regen in die Trockenheit und das Klare in das Neblige, und dann wieder zurück, und so weiter bis zum Tod ohne Hoffnung auf einen Wechsel. Es ist die Tristesse der slawischen Welt, wo alles beginnt, um gleich wieder zu enden oder sich in das pure Gegenteil zu verwandeln, und nichts ist endgültig, niemals. Die slawische Hysterie, die ungarische Depression, die rumänische Depression ist unsere Spezialität, es sind unsere Erkennungsmerkmale, und wir müssten sie patentieren lassen. Wir sollten sie in die ausgeglichenen und verschlafenen Länder exportieren wie man Kokain, Heroin und Amphetamine exportiert."

Sachlicher erklärt Sandro Magister, was sich hinter den Kulissen des Vatikans abspielte, als der Papst noch im Sterben lag. Besonders zwei Protagonisten wittern Frühlingsluft, sagt Magister: Der Präfekt der Glaubenskongregation Kardinal Joseph Ratzinger und Camillo Ruini, das Oberhaupt der italienischen Kirche.

Magazinrundschau vom 29.03.2005 - Espresso

Warum verkündet Silvio Berlusconi seine Entscheidungen nicht im Parlament, sondern im Fernsehen? Weil ihn in seinem selbstgeschaffenen Medienparlament kein Widerspruch und erst recht keine Debatte erwartet, poltert Umberto Eco in einer schön polemischen Bustina di Minerva. "Dieses Vorgehensweise ist ein typisches Beispiel des Teleshoppings: Wer eine Haarlotion verkauft, kann um halb neun zwei Fotos eines Kunden zeigen, der vorher völlig kahl war und danach wieder einen dichten Haarwuchs aufweist, um dann um halb elf zu behaupten, sein Produkt sei natürlich seriös, es verspreche ja nicht, verschwundene Haare wieder sprießen zu lassen, sondern es sei wunderbar darin, die noch verbliebenen Haare vor dem Ausfallen zu bewahren. Inzwischen haben die Zuschauer gewechselt, oder wenn es die gleichen gebleiben sind, haben sie schon vergessen, was vor zwei Stunden gesagt wurde, und sie behalten nur den Eindruck, dass der Verkäufer mit bodenständigen Argumenten und nicht mit falschen Hoffnungen wirbt."

Der Kulturteil beschäftigt sich mit dem italienischen Buchmarkt. In Italien wird auch beim Literatureinkauf immer mehr gespart, weshalb Taschenbücher der Renner des Jahres 2004 waren, erfährt Tatiana Battini aus der Statistik. Außerdem ist die Belletristik auf dem Vormarsch. Bester Italiener ist Giorgio Faletti mit "Niente di vero tranne gli occhi", Dan Brown sahnt wie überall ab mit seinem "Il codice Da Vinci", bei den Sachbüchern führt die berühmt-berüchtigte Oriana Fallaci mit "La forza della ragione". Monica Capuani feiert hingegen Chico Buarque und seinen Roman "Budapest".

Im Titel erfährt Gigi Riva von einer etwas paranoiden Alessandra Mussolini, wie diese sich an ihren ehemaligen Parteifreunden der Alleanza Nazionale rächen will. Mussolini wittert eine Verschwörung, seit ein Gericht ihre ultrarechte Partei Soziale Alternative wegen angeblicher Unterschriftenfälschung kurzzeitig von den Regionalwahlen in Latium ausgeschlossen hatte.

Magazinrundschau vom 15.03.2005 - Espresso

Umberto Eco wundert sich, dass die katholische Kirche in der Frage, wann das menschliche Leben beginnt, nicht auf ihren Kirchenlehrer Thomas von Aquin hört, der überzeugt war, dass Embryonen das menschliche Proprium, den rationalen Geist, noch nicht von Anfang an besitzen. "Die aktuellen neofundamentalistischen katholischen Positionen sind nicht nur im Urprung protestantisch (was das kleinere Übel darstellen würde), sondern tragen auch einen Zug von materialistischen und pantheistischen Überzeugungen in sich, sowie Formen des orientalischen Panpsychismus, nach dem einige Gurus mit einem Tuch vor dem Mund umherreisen, um keine Mikroorganismen umzubringen, indem man sie einatmet."

Weitere Artikel: Leonardi Clausi findet die britischen Rapper Goldie Looking Chain aus zweierlei Gründen bemerkenswert: Zum einen parodieren sie das Genre bis aufs Blut, zum anderen haben sie eine Diskussion über die wachsende Ungleichheit der Klassen in England in Gang gesetzt. Der Espresso übernimmt Debra L. Wallaces Interview mit Uma Thurman, in dem die Schauspielerin über figurfreundliche Regisseure und ihren neuen Film "Be Cool" spricht. Aus gegebenem Anlass rühmen Primo Di Nicola und Gianni Perrelli in der Titelgeschichte die Arbeit der fünfundvierzig italienischen Geheimdienstmitarbeiter im Irak. Überschrift: "007 Mission Bagdad".

Magazinrundschau vom 01.03.2005 - Espresso

Kein ernstzunehmender mittelalterlicher Intellektueller hat sich die Welt als Scheibe gedacht, konstatiert Umberto Eco in seiner Bustina di Minerva, selbst wenn das auf den Abbildungen so aussieht. "Diese Karten hatten eher symbolische als geografische Funktion (mit Jerusalem im Zentrum) und stellen damit nicht die Welt dar, sondern die bekannte Welt. In unseren heutigen Atlanten wird dasselbe gemacht: , die darstellen wollen, wie weit Rom von Jerusalem oder Athen entfernt ist, und die Europa auf einem flachen Blatt Papier abbilden. Wenn einer unserer Atlanten in dreitausend Jahren in die Hände eines Außerirdischen fällt, könnte er genauso glauben, dass wir uns die Erde als platte Scheibe dachten."

Auch in Italien diskutiert man über die Verarmung der Mittelschicht und den immer schneller wachsenden Reichtum der Oligarchen. Monica Capuani stellt Ferzan Ozpeteks Film "Cuore sacro" vor, der provokativ die gesellschaftliche Spaltung thematisiert. In einem anderen Interview beteuert er hingegen, den sozialen Hintergrund nur der Story wegen ausgesucht zu haben. Alessandro Gilioli informiert sich bei Marco Cavina über das Duell, die Institution, auf der die europäische Zivilgesellschaft begründet sei.

Im Titel wird Silvio Berlusconi wieder einmal die Liste seiner Vergehen vorgehalten.

Magazinrundschau vom 22.02.2005 - Espresso

Leider nur eine Stippvisite stattet Riccardo Talenti dem letzten Juden in Afghanistan ab, der nach dem Tod seines Freundes nun alleine die Synagoge in Kabul bewacht.

Im Kulturteil der Online Ausgabe liest man nur von Filmen. Monica Capuani erzählt die Entstehungsgeschichte des Streifens "Ingannevole e il cuore piu di ogni cosa" ("Das Herz ist vor allem betrügerisch"), den die Schauspielerin Asia Argento nach der Lektüre von J.T. Leorys gleichnamiger Kurzgeschichtensammlung angeregt hat. Roberto Calabro kündigt die Verfilmung von Melissa Panarellos "erotisch-melancholischem" Überraschungserfolg 2003 an, "Cento colpi di spazzola prima di andare a dormire" ("100 Bürstenhiebe vor dem Schlafengehen").

Nur im Print liest man die Pläne von Fiat, eine Reportage über das Las Vegas des Orients im Grenzgebiet zwischen Birma und China oder ein Artikel über die Rolle des Zufalls.

Magazinrundschau vom 15.02.2005 - Espresso

Der indische Nobelpreisträger Amartya Sen, der vom Espresso als "Wirtschaftsphilosoph" vorgestellt wird, fordert im Interview mit Gigi Riva ein Verbot des internationalen Waffenhandels und erklärt, wie Europa mit der neuen Armut und den Einwanderern umzugehen sollte: "Ich glaube ganz einfach, dass man hier Leute braucht, die diejenigen Arbeiten übernehmen, die Italiener nicht mehr machen wollen. Italien kann wählen, ob es viele oder wenige Einwohner haben will; um das Bruttoinlandsprodukt auf dem gleichen Stand zu halten, braucht es fast ebenso viele wie heute. Das hängt ganz von der Politik ab."

"Welchen Sinn hat es, Karneval zu feiern in einer Welt, in der an dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr Karneval stattfindet?" Umberto Eco rechnet mit dem bunten Treiben ab, das mittlerweile zum sinnentleerten Spektakel verkommen sei. "Wenn man sich im Karneval wirklich gegen die Mächtigen auflehnen würde, wenn man dann die Machtverhältnisse umstürzen und jeder zu seiner eigenen Revanche kommen würde. Aber nein, jeder geht einfach auf die Straßen, die vom feuchten Konfetti schon ganz rutschig sind, und kauft Süßigkeiten an Ständen, die man unter dem Jahr auch in Supermärkten finden kann, und das garantiert hygienischer."

Weiteres: Alessandro Gilioli berichtet von den ungleichen Nachbarn Thailand und Burma (das die Generäle jetzt in Myanmar umgetauft haben): Das Seebeben hat die politischen wie wirtschaftlichen Gräben zwischen der Touristenhochburg und dem "mittelalterlichen" Dschungelstaat noch vertieft. Riccardo Talenti freut sich über die Einweihung der neuen Autostraße, die das afghanische Herat mit Dogharun im Iran verbindet, eine Route, die schon Marco Polo beschrieben hat. Und Cesare Balbo kündigt die Berlinale an, in der sich mit Stefano Mordinis "Provincia meccanica" nur ein italienischer Beitrag findet.