Magazinrundschau - Archiv

Blätter f. dt. u. int. Politik

26 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 3

Magazinrundschau vom 02.06.2009 - Blätter f. dt. u. int. Politik

Die Blätter bringen zum achtzigsten Geburtstag Jürgen Habermas' am 18. Juni eine inhaltsreiche Nummer. Es schreiben zum Beispiel Seyla Benhabib (hier), Oskar Negt (hier) und Albrecht Wellmer. Axel Honneth empört sich bis heute über einen Brief, in dem Max Horkheimer Theordor W. Adorno vor Habermas' angeblich blinder Liebe zum jungen Marx warnt - Folge war, dass Habermas nicht am Frankfurter Institut für Sozialforschung weiterarbeiten konnte. Der Marxismus bleibt aber tatsächlich wichtig für Habermas, meint Honneth: "Von der marxistischen These einer Verselbstständigung ökonomischer Handlungsorientierungen wird er nicht mehr lassen; sie bestimmt, wenn auch unauffällig, so doch in steter Wiederkehr, seine Gesellschaftstheorie bis heute. Deren Produktionsweise ist zwar über die Jahre hinweg die einer ständigen Einarbeitung neuer Theorieansätze, einer ruhelosen Ausdifferenzierung von ursprünglichen Intuitionen und dementsprechend einer stetig wachsenden Komplexität des Gesamtprogramms gewesen. Aber was wäre dieses geradezu systemhafte Theorieganze heute ohne die moralische Antriebskraft, die aus den ersten Jahren einer Aneignung des Marxschen Werkes stammt?"

Magazinrundschau vom 09.09.2008 - Blätter f. dt. u. int. Politik

Kaukasus-Experte Uwe Halbach stellt klar, dass es in Georgien nicht um amerikanische Interessen geht: "Mag die US-Unterstützung für das kleine Georgien sowohl materiell als auch moralisch beträchtlich gewesen sein, der Brennpunkt einer Ost-West-Auseinandersetzung war der Kaukasus bisher nicht. Für die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik gibt es andere Prioritäten und Baustellen, die ihre Kraft voll in Anspruch nehmen.? Ihn sorgen vielmehr Russlands Strafmaßnahmen in sezessionistischen Territorien. "In der von massiver Kriegspropaganda benebelten Öffentlichkeit Russlands denkt kaum noch jemand daran, eine Verbindung zu dem russischen Sezessionsfall Tschetschenien herzustellen. War da nicht was? Kaum noch, der tschetschenische Separatismus wurde effektiv zerbombt und seine Bekämpfung sodann relativ erfolgreich dem Kadyrow-Klan überantwortet."

William Pfaff kommentiert die Kette an Anschuldigungen und Komplikationen, die sich in Folge des absehbaren "ready-made-war" im Kaukasus abzeichnen. Genau wie die Ukraine könne auch Georgien kaum auf eine Inschutznahme durch die NATO oder Nordamerika bei der Lösung ihrer Konflikte hoffen, ohne zum Spielball globaler Meinungskämpfe zu werden. "In beiden Fällen handelt es sich um ethnisch und kulturell gespaltene Nationen, deren ganze Geschichte der Kampf zwischen ihren Bestandteilen oder innerhalb derselben durchzieht."

Im Print: Volker Perthes analysiert den Konflikt um das iranische Atomprogramm. Heribert Prantl rollt die aktuelle Debatte um Überwachung, Abhörgesetze und Datenschutz auf. Die Finanzkrise auf dem Immobilienmarkt nimmt Wirtschaftswissenschaftler James K. Galbraith zum Anlass, eine Kritik am Monetarismus darzulegen und auf die intellektuelle Überlegenheit des Keynesianismus hinzuweisen (englische Originalversion hier).

Magazinrundschau vom 01.04.2008 - Blätter f. dt. u. int. Politik

In einem Artikel über die "Dialektik der Säkularisierung" nimmt Jürgen Habermas ausführlich Stellung zu der von Perlentaucher und signandsight.com lancierten Debatte über "Islam in Europa". (Die Debatte ist in dem Buch gleichen Titels dokumentiert.) Sowohl den "Säkularisten" als auch den "Multikulturalisten" will Habermas nicht recht geben, obwohl er den Säkularisten das Verdienst attestiert, "energisch auf der Unverzichtbarkeit der gleichmäßigen zivilgesellschaftlichen Inklusion aller Bürger zu bestehen... Auch religiöse Bürger und Religionsgemeinschaften dürfen sich nicht nur äußerlich anpassen. Sie müssen sich die säkulare Legitimation des Gemeinwesens unter den Prämissen ihres eigenen Glaubens zu eigen machen." Aber Habermas fordert auch einen Lernprozess der säkularen Seite - einer der Gründe hierfür: "Der demokratische Staat (sollte) die polyphone Komplexität der öffentlichen Stimmenvielfalt nicht vorschnell reduzieren, weil er nicht wissen kann, ob er die Gesellschaft sonst nicht von knappen Ressourcen der Sinn und Identitätsstiftung abschneidet."

Magazinrundschau vom 05.02.2008 - Blätter f. dt. u. int. Politik

Daniel Leisegang wirft einen Blick auf das Google-Imperium, das unwidersprochen und absolut unkontrolliert mit seiner Daten-Sammelwut Kasse machen kann. Nicht nur durch seine Suchmaschine, sondern auch Schnüffeldienste wie den WebAccelerator, Google Desktop und Gmail verfüge der Konzern über mehr Wissen "als irgendeine Institutionen zuvor in der Menschheitsgeschichte". Und wie bereitwillig Google die Daten weitergibt! "Nicht nur in China, sondern auch in vielen anderen Staaten kooperieren die Suchanbieter längst mit den Strafverfolgungsbehörden. So erhalten Geheimdienste in den Vereinigten Staaten ungehinderten Zugriff auf die wachsenden Datenberge der Internet- und Telekommunikationsfirmen."

Der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka beklagt die "schändliche Untätigkeit" der Weltgemeinschaft in Bezug auf den Völkermord in Darfur. Aber auch die afrikanische Selbstbehauptung, die negritude, hat sich für ihn als Chimäre erwiesen: "Die Afrikanische Union überlässt die Menschen in Darfur praktisch ihrem Schicksal, liefert sie der Willkür der mordenden, vergewaltigenden, brandschatzenden Prediger einer rassistischen Doktrin aus."

Magazinrundschau vom 03.04.2007 - Blätter f. dt. u. int. Politik

Robert Kagan räumt mit dem Mythos auf, die USA seien jemals in ihrer Geschichte isolationistisch gewesen: "Die größten Imperialisten der amerikanischen Geschichte waren die angloamerikanischen Siedler Mitte des 18. Jahrhunderts." Begründet hat diesen Irrtum Benjamin Franklin, der erst die Briten gegen die Franzosen zum Siebenjährigen Krieg aufstachelte, um dann ganz das Unschuldslamm zu geben. "Die Überzeugung der Amerikaner, dass sie und nur sie wissen, was wahr ist, habe ich schon erwähnt. Ihre Einstellung zu dem, was wir heute als Multilateralismus versus Unilateralismus diskutieren, basiert auf dieser Überzeugung. Gewiss, wenn George Washington vor entangling alliances, außenpolitischen Verstrickungen, warnte, hatte er zunächst einmal ganz konkrete, zeitbedingte Gründe. Er wollte zu den Franzosen auf Abstand gehen und sich den Briten annähern. Vor allem darum geht es in seiner Farewell Address. Aber im Hintergrund der Abneigung gegen entangling alliances - insbesondere gegen ein Zusammengehen mit gleich starken, wenn nicht sogar überlegenen Mächten - stand doch die Sorge davor, sich Leuten auszuliefern, die die Wahrheit nicht kannten oder nicht verstanden. Aus diesem Grunde haben die Amerikaner es immer gescheut - bis zum heutigen Tage, denke ich -, die Macht mit anderen Nationen zu teilen. Das gilt selbst gegenüber anderen Demokratien. Ihre Geschichte ist suspekt. Sie haben sich nicht von Anfang an, ihre ganze Geschichte hindurch, an die von uns erkannten Grundprinzipien gehalten."

Außerdem zeichnen Behrooz Abdolvand und Nima Feyzi Shandi ein unheilvolles Szenario von einem Krieg gegen den Iran. Albrecht von Lucke fürchtet, dass die SPD die Profillosigkeit zu ihrem Programm gemacht hat.

Magazinrundschau vom 29.08.2006 - Blätter f. dt. u. int. Politik

Die Blätter übersetzen ein Gespräch zwischen Daniel Postel und Ramin Jahanbegloo, dem liberalen iranischen Philosophen, den das Teheraner Regime am 27. April ins berüchtigte Evin-Gefängnis steckte. Das Gespräch (hier das Original aus der Zeitschrift Logos) wurde zu Beginn des Jahres per E-Mail geführt. Jahanbegloo spricht ausführlich über Jürgen Habermas, Hannah Arendt und Richard Rorty und erläutert seinen Begriff des "weichen Universalismus", den er kriegerischen Interventionen entgegensetzt: "Im weichen Universalismus sehe ich die einzige Hoffnung für die Förderung der Demokratie in nicht-demokratischen Kulturen. Der Erfolg hängt von dem Bemühen ab, bewusst kulturübergreifend zu lernen und zu verstehen. Wenn ein kulturübergreifender Lernprozess uns dazu befähigen kann, demokratische Werte zu verinnerlichen, bleibt die Möglichkeit erhalten, in unterschiedlichen Wertsystemen sozusagen ein- und auszugehen. In dieser Situation kommt es vor allem auf die individuelle Verantwortlichkeit an, der gegenüber partikuläre Werte zurücktreten... Es wäre, glaube ich, äußerst gefährlich, in einen Dialog der Kulturen einzutreten, ohne auf einen Kanon gemeinsamer Werte zurückgreifen zu können."

Die Blätter veröffentlichen auch den Aufruf von hunderten internationalen Intellektuellen, die die Freilassung des Philosophen fordern. Eine kanadische Website informiert über den Kampf um Jahanbegloos Freilassung.