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Essay

Die Schule der Kritik

Von Eva Quistorp
14.01.2015. Warum hat es ausgerechnet in der linken und linksliberalen Szene und bei den Grünen so viel Feigheit und Ignoranz gegenüber dem Islam und dem Islamismus gegeben? Ein Wutausbruch
Ich bin immer noch bewegt von den republikanischen Demos in Paris und anderen Städten und sogar vielen Dörfern in Frankreich. Am 11. Januar 2015, einem historischen Tag in Europa, habe ich einige Tränen vor dem Fernseher verloren - vor Rührung und weil ich die Hoffnung von Millionen teile, die riefen oder schrieben "Je suis Charlie, je suis juif, je suis flic, je suis Ahmed, je suis Citoyen". Sogar viele kleine Kinder darunter, die enorm klug und artikuliert waren mit ihren Bleistiften und der Marseillaise rund um die République.

Es war die weltweite und millionenfache Welle der Hoffnung auf ein Ende des Terrors, ein Ende des Hasses, auf ein friedliches weltweites Zusammenleben, auf ein Europa der Presse- und Satirefreiheit als Grundlage der Demokratien. Doch die wenigen Überlebenden des Massakers gegen die Charlie Hebdo-Journalisten - eine ganze Zeitungsredaktion ist ermordet worden! - erinnerten bei kurzen Interviews daran, dass es nicht um Pressefreiheit allgemein geht, sondern um die Verteidigung der Laizität, um das Recht auf Islamkritik und Religionskritik.

Das hören nicht alle Experten der Integrationsforschung, nicht alle Politiker gern. Das wurde auch von Moderatoren schnell weggeklickt und sofort beantwortet mit "bloß kein Amalgam, keine Vermischung von Kritik an islamistischem Terror und Kritik am Islam". Diese Sprüche dienen wie die seit Jahren in Deutschland kursierende Sprechformel "Das hat nichts mit dem Islam zu tun" als Beruhigungsmittel für die muslimischen Wähler und Vereine, aber auch für die Mehrheit der Bevölkerung.

Aber auch der Islam darf nicht mit "Respekt" eingemauert werden: Wieso sollen in Europa und in Deutschland für den Islam andere Standards gelten als für die katholische oder protestantische Kirche? Der Islam in seiner heutigen vorherrschenden Verfassung, seine Vereinsvertreter, sein Religionsunterricht, seine Jugendsozialarbeit, seine Geschlechter- und Bildungspolitik haben ebenso demokratische Kritik verdient wie die christlichen Kirchen. Diese Kritik darf ebenso sein wie die Kritik von Pussy Riot an der russisch-orthodoxen Kirche, wie die von Titanic am Papst, wie die der Feministinnen an einer patriarchalen Theologie und Bibelinterpretation. Dieses Recht wurde seit 1848 und seit der Französischen Revolution erkämpft, nicht zuletzt von Vordenkerinnen in Frankreich.

Seitdem dürfen wir sagen, dass das Christentum etwas mit Dummheit, Unbildung, Vorurteilen, Antisemitismus, mit Missionierung und und Kolonisierung, mit Hexenverfolgungen,mit Inquisition zu tun hatte. So wie die "Deutschen Christen" etwas mit dem Christentum zu tun hatten, die Bekennende Kirche und die christlichen Märtyrer gegen den Naziterror aber auch.

Warum hat es ausgerechnet in der linken und linksliberalen Szene und bei den Grünen so viele Feigheit und Ignoranz gegenüber dem Islam und dem Islamismus gegeben, obwohl Journalisten, Experten, Professoren, Schriftsteller oder grüne Politikerinnen doch durch die Schule der Kritik am Christentum und der katholischen Kirche aber auch an der Rolle von Frauen und Sexualität in der protestantischen Kirche gegangen sind?

Die jüngere Generation musste bei diesen Themen ja nicht mehr kämpfen und argumentieren lernen, da sie in den Theorien der multikulturellen Identitätsdebatten, in den Siegen der Frauen und Schwulenbewegung schon aufgewachsen ist und nun gelernt hat, das Fremde zu hofieren, statt es genauso zu hinterfragen wie es die 68er mit der eigenen Kultur und Geschichte getan haben.

Wer hat denn in der Politik, der Kulturszene, der Integrationsforschung und den Medien in den letzten Jahren gefordert, dass die Fatwa gegen Salman Rushdie und die Taslima Nasrin aufgehoben wird? Wer hat denn an den islamistischen Mord an Theo van Gogh erinnert und ihn als Satiriker gewürdigt? Wer hat die Mohammedkarikaturen von Westergaard und von Charlie Hebdo alles nicht nachgedruckt in den letzten Jahren? Was hat die Formel von der Schuld der Mehrheitsgesellschaft und des Westens dazu beigetragen, dass eine Opfermentalität unter Muslimen in Europa entstanden ist und sich sofort nach dem grauenhaften Massaker an der Charlie Hebdo-Redaktion in den Medien und muslimischen Vereinssprechern wieder äußerte?

Selbst Lamya Kaddor, die fröhlich ohne Kopftuch demonstriert, dass Koran und Islam als solcher nicht das Kopftuch verlangen, sagt, sie habe vor allem Angst, dass sie sich nun wieder distanzieren müsse und es einen Generalverdacht gegen Muslime gebe. Insgesamt scheinen Moscheevereine, Journalisten und Politiker in Deutschland mehr Angst vor Pegida-Demos in Dresden zu haben als vor Schläfern wie in Hamburg und dem Hass, der auch von Rappern als Lebenshaltung für junge Männer global verbreitet wird.

Es gibt mehr Kritikerinnen des Islam, die in die Tradition der Aufklärung und der Frauenrechtsbewegung gehören, als in Deutschland oder Europa bekannt sind. Sie werden kaum auf Podien eingeladen. Das hängt mit einem Mangel an Wissen um Islamkritik bei Medien und in der Politik zusammen, aber auch mit platter Wahltaktik. Im Jahr der Reformationsfeiern sollte Deutschland nicht hinter der Demo für die Republik zurückstehen und Reformatoren und Islamkritikerinnen aus dem Islam auf Podien und in Unis und Medien einladen. Abu Zaid durfte ich einmal im Exil begegnen, als er noch lebte: Die von vielen so gelobte al-Azhar-Universität hatte ihn zwangsweise von seiner Frau geschieden und zum Ketzer erklärt, obwohl er in der Moderne die historisch-kritische Koran-Forschung entwickelt hat, die die Grundlage für einen fairen Dialog zwischen den Religionen sein muss und ohne die der Respekt gegenüber den Religionen wie die Kritik an ihnen in Demokratien nicht bestehen können.

Es ist ja schon beschämend genug, dass die Grünen nicht einmal Necla Kelek oder Seyran Ates zu einer Debatte zur Islamkritik und zum Machismo in der muslimsichen Migrantencommunity eingeladen haben. Sie sind es, die schon länger über die psychologischen und soziologischen Grundlagen des muslimischen Fanatismus und die islamistisch begründete Männergewalt arbeiten.

Warum gab es von all unseren Intellektuellen - von Klaus Staeck über Cem Özdemir bis zur Integrationsbeauftragten der Regierung - keine Kampagne für Professor Mouhanad Khorchide, der von der Ditib, dem Erdogan-nahen Verein, und anderen Muslimverbänden bedrängt wird, weil er ihrem konservativen bis rechten Islam nicht entspricht? Wo war die Kampagne für Dieter Nuhr, der als islamophob beschimpft wurde und Todesdrohungen erhalten hat? Ich weiß, was Todesdrohungen sind, da ich sie selbst in meinem Engagement für die bosnischen Muslime im Europaparlament erhielt und ziemlich allein damit war. Auch Charlie Hebdo war in den letzten Jahren allein und wurde sogar von Dany Cohn-Bendit und anderen Grünen als angeblich zu islamkritisch kritisiert, denn man will ja so tolerant erscheinen und Konflikte mit Fanatikern im netten Dialog lösen

Wer bestimmt denn, was im islamischen Religionsunterricht gelehrt wird? Wird da der demokratische Wettbewerb mit dem evangelischen und katholischen und jüdischen Religionsunterricht und dem der Humanisten gefördert oder wird abgegrenzt gegen den dekadenten Westen und gegen Frauen mit offenem Haar? Ich kann hier nicht eingehen auf die Geschichte und das Ölgeld und die Geostrategien und Terrorkriegführung, an der Saudi Arabien und Katar und teils auch die Türkei, Pakistan und Iran in den letzten Jahren beteiligt waren. Recherchen hierüber sind wichtiger als Recherchen über Pegida-Webseiten, denn diese Staaten sind gefährlicher und haben Hunderttausende zur Flucht aus Irak und Syrien getrieben. Vom Terrorismus der Boko Haram und islamistischer Gewalt in Afrika abgesehen.

Wer meint, der Islamismus hätte nichts mit dem Islam in Saudi Arabien oder Pakistan zu tun, irrt gewaltig. Wer meint, der Islamismus habe nichts mit dem zu tun, was im Internet als Islam-Propaganda vertreten wird, irrt: Daher stimme ich Heiner Geißlers Vorschlägen für mehr Sicherheit im Netz und Alice Schwarzers Vorschlag für ein Burka-Verbot zu. Nicht weil ich schwarz grüne Interessen hätte, sondern weil ich mir das logische Denken als Theologin und Feministin nicht verbieten lassen will von einem faulen Toleranzgerede.

Sowohl Pegida als auch der Islamismus nehmen mit ihrer Internetpropaganda Einfluss auf die analoge Welt. Also muss sich wohl dringend auch etwas im Internet ändern, wenn wir die Demokratien und das Zusammenleben von zivilisierten Religionen schützen wollen. Charlie Hebdo war gegen den Irakkrieg, wie gegen den Fundamentalismus und Dummheit in allen Religionen. Daran sollten wir uns messen, auch wenn einige Karikaturen nicht unserem Geschmack und unseren Gefühlen entsprechen. Doch ohne solche Künstlerinnen und Journalisten und ohne eine geistreiche, gebildete, scharfe Religionskritik werden wir im Krieg, der gegen uns von IS und AL Qaida geführt wird, weder im Internet noch in der analogen Welt bestehen können.

Eva Quistorp

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