Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3663 Presseschau-Absätze - Seite 25 von 367

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.04.2025 - Kunst

Ed Atkins: Hisser, Videostill, 2015. © Ed Atkins

Für Marie Schmidt (SZ) ist der Brite Ed Atkins, dem die Londoner Tate Britain gerade eine Retrospektive widmet, ein "Francisco de Goya des Uncanny Valley", also jenes Bereichs anthropomorpher Figuren, die dem Menschen ähneln. Vor allem aber, staunt Schmidt, ist der 1982 geborene Videokünstler früh seiner Zeit voraus gewesen, als er noch vor Zeiten generativer KI perfekt scheinende Avatare schuf, um zu zeigen, dass das "Vegetative, Spontane, Unkontrollierbare unserer Körper nie technisch reproduzierbar ist". So etwa in seiner Installation "Old Food" aus dem Jahr 2017: "Die Installation besteht aus zweistöckigen Garderobenständern der Deutschen Oper, dicht behängt mit erdfarbenen Kostümen, die noch nach Körpern riechen - wie verlassene Häute. Dazwischen drei Bildschirme, auf denen computergenerierte Figuren panisch Rotz und Wasser heulen: ein Baby, ein kostümierter Junge, ein alter Mann. Und Atkins behält recht, man spürt augenblicklich: Der Menschgeruch ist echt, aber die Tränen fließen nicht. Beides ist ein bisschen eklig. Zumal man merkwürdigerweise trotzdem mit den virtuellen Gestalten fühlt - selbst wenn es eine hohle, erschlichene, moralisch fragwürdige Empathie ist."

Cyprien Gaillard: Retinal Rivalry, 2024 (film still), 3D motion picture. Foto: Sprüth Magers Berlin

Zehn Jahre war es still um Cyprien Gaillard, der spätestens mit seiner Arbeit Artefacts, für die er 2011 durch den zerstörten Irak reiste und die Reste des antiken Babylons filmte, berühmte wurde. Nun ist der Pariser Performancekünstler zurück, freut sich Gabriel Proedl, der Gaillard für die Zeit gleich ein paar mal in Paris und München getroffen hat. München spielt auch in Gaillards aktueller filmischer Arbeit "Retinal Rivalry", die im Rahmen des Gallery Weekends bei Sprüth Magers in Berlin gezeigt wird, eine Rolle. Erneut arbeitet er sich am von Hitler geplanten Haus der Kunst ab: "Zu sehen sind eine Totale der Theresienwiese während des Oktoberfests, Wanderwege in Sachsen, das Michael-Jackson-Memorial beim Bayerischen Hof in München oder eben das Haus der Kunst. Die Methode ist schon etwas außergewöhnlicher: Die Alltagsszenen filmte Gaillard mit zwei höchstauflösenden Arri-Kinofilmkameras, die eigentlich für Ultrazeitlupen-Aufnahmen konzipiert sind. ... Durch die hohe Frame-Rate und die gewaltige Helligkeit der 3D-Bilder wirkt die Welt kurz, als würde sie durch Facetten-Augen einer Fliege betrachtet."

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In der Welt resümiert Boris Pofalla die Diskussion "Verstörende Kunst" im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, bei der die Soziologen Heinz Bude und Michael Hutter über ihre Bücher zum Skandal der Documenta 15 sprachen, aber klare Worte zum seit dem 7. Oktober verstärkt grassierenden Antisemitismus in der Kunstwelt vermissen ließen, wie Pofalla anmerkt. Hutter vertritt in "Anstößige Bilder. Gesellschaftskampfspiele um den documenta- fifteen-Skandal" die These eines "konservativen Backlash": Die deutschen Medien seien dem Kollektiv Ruangrupa mit Ignoranz begegnet, es herrsche ein "Nicht-Kennen-Wollen der kulturellen Umgangs- und Traditionsformen, die in anderen Gegenden der Welt gängig sind." Bude geht in "Kunst im Streit" hingegen vom "Niedergang einer Orthodoxie, 'dem Ende des durchgehenden globalen Kunstsprechs" aus und widerspricht Hutte vehement: Man könne an indonesische Künstler keine anderen Maßstäbe ansetzen, "schließlich bewegten sich alle im selben System, dem der bildenden Kunst, und Kunst sei 'eine Form des Übersetzens'."

Weitere Artikel: Private Kunstmuseen boomen, vermutlich auch aufgrund der anwachsenden Vermögenskonzentration bei Superreichen, schreibt Florian Heimhilcher in der FAZ. Das Publikum darf sich freuen, staatliche Museen ziehen indes den Kürzeren, etwa beim Erwerb von Werken lebender Künstler, die, sobald sie in Privatmuseen hängen, höhere Verkaufspreise erzielen: "So berichtet der französische Soziologe Alain Quemin darüber, dass staatliche Käufer zunehmend aus dem Markt für begehrte zeitgenössische Künstler gedrängt werden." Kathleen Reinhardt, aus Thüringen stammende Direktorin des Berliner Georg-Kolbe-Museums, wird auf der Biennale in Venedig kommendes Jahr den deutschen Pavillon kuratieren, meldet Jörg Häntzschel in der SZ erfreut: "In ihrer Arbeit hat sie sich auch immer wieder mit der Geschichte der ehemaligen sozialistischen Länder beschäftigt und sie mit Postkolonialismus und Black Studies in Beziehung gesetzt." In der FAZ betrachtet Stefan Trinks das Gemälde, das Trump im Weißen Haus aufhängen ließ, und das ihn als Märtyrer mit "perforiertem Ohr" zeigt.

Besprochen werden die Viviane Sassen-Ausstellungen: "This Body Made of Stardust" in der Collezione Maramotti sowie die Ausstellung "Being Twenty" in Chiostri Di San Pietro und im Palazzo da Mosto, beide in Reggio Emilia (taz) und die und die Ausstellung "Anselm Kiefer - Sag mir wo die Blumen sind" im Van-Gogh-Museum und im Stedelijk-Museum in Amsterdam (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2025 - Kunst

Frank Auerbach: "Self Portrait". 2024, Acryl auf Holz. Foto: Galerie Michael Werner

1939 wurde der jüdische, in Berlin geborene Maler Frank Auerbach von seinen Eltern aus Schutz vor der Verfolgung durch die Nazis nach London geschickt, dort wurde er als einer der Vertreter der "School of London" bekannt. Nach seinem Tod im November des vergangenen Jahres zeigt die Berliner Galerie Michael Werner zum ersten Mal überhaupt Bilder von Auerbach in Berlin. Doch taz-Kritiker Martin Conrads erfährt von Kuratorin, Auerbach-Biografin und Modell Catherine Lampert, dass dem Maler die Ausstellung zwar gefallen hätte, nach Berlin gereist wäre er hingegen nicht: "Während der stundenlangen Modellsitzungen habe Auerbach den irischen Dichter William Butler Yeats zitiert, während er mit den Pinseln jonglierte und eine Farbschicht nach der anderen auftrug, um sie dann wieder abzukratzen, bis das Bild für ihn fertig war, aber Dinnereinladungen etwa habe er eher ausgeschlagen. Seine haptischen Porträts, die er selbst mit Goyas Spätwerk verglichen hat und die andere schon an präkolumbianische Terrakottaobjekte erinnerten, wollte er für sich selbst sprechen lassen, sein Werk nicht mit seiner Biografie in Verbindung bringen lassen; einen impliziten Einfluss des Holocaust auf sein Werk habe er abgestritten."

Antonio Pisano, gen. Pisanello.  Allegorie der Luxuria (Recto), um 1425-1430 | ALBERTINA, Wien © Foto: ALBERTINA, Wien 

SZ-Kritiker Peter Richter hätte nicht gedacht, dass er in einer Ausstellung mit dem Titel "Meisterzeichnungen der Renaissance auf farbigem Grund" so prächtig unterhalten wird. Aber die Wiener Albertina hat nicht nur Werke von Dürer, da Vinci und anderen Meistern der Renaissance zusammengetragen, die Schau zeigt Richter auch, dass die Zeichnung der Malerei in puncto Farbpracht in nichts nachstehen muss: "Von Pisanello gibt es da zum Beispiel eine 'Allegorie der Luxuria', die mit ihrer lasziven Pose und ihrer Afro-Frisur auch ein Pop-Album aus den Siebzigern hätte zieren können, und Baldung Griens Hexenbilder haben, mit weiß auf nachtdunklem Grund, lange vor der Erfindung der Fotografie schon die Anmutung von Fotonegativen. Es geht, zweitens, nämlich um die beträchtlichen Aha- und 3D-Effekte, die das Zeichnen mit verschiedenen Stiften auf farbigem Papier mit sich bringt."

Weitere Artikel: In der Welt nutzt Cornelius Tittel die Yoko-Ono-Doppelausstellung im Martin-Gropius-Bau und in der Neuen Nationalgalerie, um bitterböse mit Direktor Klaus Biesenbach abzurechnen: Onos Kunst hält Tittel mitunter für "Partizipationskitsch" - und wie jemand wie Biesenbach es trotz nur "durchwachsener Leistungen" zum Direktor der Neuen Nationalgalerie gebracht hat, ist Tittel ein Rätsel: "Einen Mangel an Substanz durch eine Erweiterung der Machtbasis auszugleichen, ist auch eine Strategie." Charlie-Hebdo-Zeichner Luz hat Otto Müllers Bild "Zwei Halbakte" aus dem Jahr 1919, das später in der Münchner NS-Ausstellung "Entartetete Kunst" hing, als Graphic Novel verarbeitet, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Benno Stieber staunt in der taz, wie gut die Avatare funktionieren, die ihn in Landesausstellung "Uffruhr" in Bad Schussenried durch die Bauernkriege führen.

Besprochen werden die Ausstellung "Mama - Von Maria bis Merkel" im Kunstpalast Düsseldorf (taz) und die Ausstellung "Christa Hauer. Künstlerin. Galeristin. Aktivistin in der Landesgalerie Niederösterreich in Krems (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.04.2025 - Kunst

Olaf Otto Becker, Point 660, 2, 08/2008 67°09'04″N, 50°01'58″W, Höhe 360m, 2008, aus der Serie Above Zero. © Olaf Otto Becker


Dass es mit unserer Zivilisation bald vorbei sein könnte, sieht FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier in der Kunsthalle München, wo die seit 2018 auf Weltreise befindliche Wanderausstellung "Civilisation. Wie wir heute leben" Fotografien vom Klimawandel zeigt: "240 Bilder von 110 Fotografen, wenig bekannten, aber auch sehr bekannten. Der Großteil kann auch als Appell an den Betrachter gelesen werden: Prüfe dich, inwieweit du Mitverursacher und Nutznießer bist. Denn der Mensch vergeht im Anthropozän, und dazu braucht er Rohstoffe für die Handyproduktion. Edward Burtynsky dokumentiert etwa den Preis, den der Lithium-Abbau in der chilenischen Atacama-Wüste fordert. Die Becken schimmern in aparten Grün-, Gelb- und Silbertönen, geben auf den ersten Blick ihren toxischen Charakter nicht preis, sondern wirken wie ein überdimensionaler Malkasten inmitten einer steinigen Ebene."

Weiteres: Die taz porträtiert den samischen Künstler Anders Sunna, der in Schweden Debatten um Identität und Rechte von Minderheiten angestoßen hat. Die FAZ gratuliert dem südafrikanischen Künstler William Kentridge zum 70. Geburtstag. Ebenfalls in der FAZ schüttelt Ursula Scheer den Kopf ob der Bestrebungen Donald Trumps, einen Skulpturenpark mit 250 "amerikanischen Helden" bauen zu lassen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.04.2025 - Kunst

Artur Riedel: Frau mit Wasserball, 1932. Sammlung Suter, Basel.

Im Chemnitzer Museum Gunzenhauser gibt es derzeit mit "European Realities" eine Ausstellung von "Weltrang" zu sehen, verspricht Andreas Platthaus (FAZ), der gleich 190 Künstler des Realismus' aus 22 Ländern kennenlernt, die auf je ganz eigene Weise auf die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zwanziger- und Dreißigerjahre reagierten. Wer kennt etwa den im Spanischen Bürgerkrieg exekutierten Maler Torsten Jovinge oder den in einem stalinistischen Schauprozess in Tiflis erschossenen Maler Romans Suta? Zu sehen ist hier aber auch, wie in den Dreißigerjahren der künstlerische Realismus dann in jene "idealisierende Darstellungsform" kippte, "die Nationalsozialisten wie Kommunisten gleichermaßen begeistern sollte, exemplarisch vorgeführt an Gerhard Keils 'Turnerinnen' von 1939. Wenn mit Ernst Nepos Porträt einer vierköpfigen Musterfamilie das 1929 gemalte Werk eines später federführenden österreichischen NS-Kunstfunktionärs neben den malgestisch ähnlichen 'Drei Kindern' (1926) des als 'entartet' gebrandmarkten und trotzdem von Rudolf Heß geschätzten Georg Schrimpf hängt, ist das eine jener Konstellationen, die der Chemnitzer Ausstellung besonderen Reiz verleihen."

Vor fünfzehn Jahren wurde der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi verhaftet, der heute bestens von eigenen Werken leben kann. Anlass für das FAS-Feuilleton, auf sieben Seiten über Original und Fälschung nachzudenken: Jonathan Guggenberger lässt sich von Liz Haas und Luzius Bernhard vom Kunst-Team UBERMORGEN und der Silicon-Valley-Aussteigerin und Netzkünstlerin Gretchen Andrew erklären, wie subversiv heute noch die absichtliche Verwischung von Original und Fake sein kann: "Online ist es supereinfach, mit Kopien oder Fälschungen zu täuschen", sagt Andrew. "Interessanter ist es aber, Kunst zu machen, die Systeme untergräbt, Technologie herausfordert. In meiner Arbeit richtet sich der Witz auf das System selbst, nicht auf einzelne Personen. Frühe Netzkunst tendierte dazu, das Publikum in die Irre zu führen, aber das Irritieren von Systemen - wie das der Kunstwelt oder die, die definieren, was ein Original ist - ist viel mächtiger."

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Außerdem: Der Kunsthistoriker Peter Geimer erinnert an die Fälschungen des Niederländers Han van Meegeren, der seit den 1930ern sieben falsche Vermeers, darunter eines an Hermann Göring, verkaufte. Anhand des "Handbuchs für Kunstfälscher" des Malers und Kunstfälschers Eric Hebborn erklärt Geimer, wie die perfekte Fälschung selbst Kunsthistoriker täuscht. Niklas Maak fragt sich im Aufmacher, was der Kunstmarkt eigentlich angesichts rapide wachsender Fälschungen tut. Mark Siemons überlegt mit Theorien von Hans-Ulrich Gumbrecht, Markus Gabriel und Peter Sloterdijk, wie aus Fälschungen Kunst wird. Tobias Rüther erinnert daran, wie Wolfgang Herrndorf als Maler, der vor allem alte Meister imitierte, scheiterte. Laura Helena Wurth besucht das Berliner Rathgen-Forschungslabor, das älteste Museumslabor der Welt, das Bilder auf ihre Echtheit prüft. Der Medienwissenschaftler Roland Meyer beschreibt die Enteignung der Künstler durch KI, die gleichzeitig dazu dient, Geschichte umzuschreiben (mehr in 9p).

Weitere Artikel: Nie gab es eine Ausstellung mit Bildern des jüdischen Malers Frank Auerbach, der als Kind vor dem Holocaust von Berlin nach London fliehen konnte, in seiner Geburtsstadt zu sehen. Die Galerie Michael Werner widmet Auerbach nun eine erste Ausstellung in Berlin, an der der im vergangenen Jahr im Alter von 93 Jahren gestorbene Maler noch mitwirkte, wie Max Dax im Welt-Gespräch mit dessen Biografin Catherine Lampert erfährt: "Nachdem er Reisen nach Deutschland jahrzehntelang vermieden hatte, war Frank von der Idee regelrecht begeistert, mit 93 Jahren ein erstes Mal in seiner Heimatstadt auszustellen." Für den Tagesspiegel wirft Christiane Meixner einen Blick auf das kommender Berliner Gallery Weekend.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2025 - Kunst

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Der britische Turner-Preisträger Antony Gormley ist vor allem für seine monumentalen Skulpturen bekannt, aber auch sein Frühwerk, das der Londoner White Cube derzeit in der Ausstellung "Witness is at" zeigt, ist beunruhigend aktuell, meint Eddy Frankel im Guardian, die hier zwischen Erbsen, Bananen und Granaten aus Blei auch die frühen körperförmigen Statuen betrachtet: "Eine liegt mit dem Gesicht nach unten und gespreizten Beinen auf dem kalten Beton, eine andere zieht die Knie an die Brust und vergräbt den Kopf in den Armen. Bei der größten, einer schreitenden Figur in der Mitte des Raums, wurde der Kopf gegen ein riesiges, 5 m langes Gebäude ausgetauscht. Jedes Werk ist aus Blei, und die Schweißnähte wirken wie riesige Narben auf ihren Körpern. (...) Es sind Werke, die von tiefer Angst und Paranoia geprägt sind. Das Blei, das das Fleisch dieser Körper ersetzt hat, ist das Material des Krieges. Sie sind jetzt menschliche Munition, Kugeln, die darauf warten, abgefeuert zu werden, Schilde, die bereit sind, geopfert zu werden. Sie kauern in Angst oder liegen auf dem Bauch und warten auf ihre unvermeidliche Vernichtung."

Weitere Artikel: Wo bleibt hierzulande eine große Überblicksausstellung zum "Novecento", jener der Neuen Sachlichkeit nahe stehenden Künstlergruppe, die sich 1923 in Italien gegründet hatte, fragt sich Bernhard Schulz im Tagesspiegel. Immerhin der Mailänder Palazzo Reale richtet einem ihrer Vertreter, dem Maler Felice Casorati, nun eine Schau aus, dessen Bildnisse in ihrer "monumentalen Darstellung weit über das neusachliche Ideal des Berufsmenschen hinausgehen", so Schulz. Ingeborg Ruthe macht sich in der FR Gedanken, wer für das Kanzlerinnen-Porträt von Angela Merkel in Frage käme: "Rosemarie Trockel, Conny Maier, Corrine Wasmuth? (…) Es fallen Künstlernamen aus der ostdeutschen Hemisphäre: Neo Rauch? Oder Rosa Loy, Angela Hampel, Cornelia Schleime, Doris Ziegler? Es gebe viele gute Malerinnen, so Merkel im Radio."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2025 - Kunst

Bild: Cathrin Hoffmann, Our Bodies Know, 2025, Öl auf Leinen, 190 x 180 cm

Mit Céline Ducrot und Cathrin Hoffmann gibt es in der Ausstellung "Hardest Kind of Soft" in der Kunsthalle Gießen gleich zwei aufstrebende Malerinnen zu entdecken, die sich der Digitalisierung widmen, freut sich Florian Heimhilcher in der FAZ. Ihm gefällt vor allem die Kontrastierung von Ducrots überwiegend grauen, hyperrealistischen Bildern isolierter Frauen im Handylicht mit Hoffmanns surrealistisch-amorphen Figuren: "Die deutschiranische Künstlerin platziert in ihren fließenden Formen stellenweise Lippen, eine Nase oder ein Auge, die darüber informieren, dass es sich hier einmal um Menschen gehandelt haben könnte. So denkt Cathrin Hoffmann, wie Céline Ducrot, die Implikationen des digitalen Zeitalters, des 'Posthumanismus', konsequent zu Ende. In ihrer Bildsprache sind das zumeist rötlich kolorierte Wesen, die in einem Widerspiel von Horror und surrealer Groteske um die Aufmerksamkeit der Betrachter buhlen. Vergeblich versuchen sie zu gefallen, indem sie gestisch all ihre eigenartigen Körperformen präsentieren. … Dass ihre Figuren trotz aller Irrealität weiblich sind, enthält die traurige Prognose, dass selbst im digitalen Posthumanismus Frauen den männlich geprägten Blickregimen unterworfen bleiben."

Wappnet euch, ruft uns Marc Hoch in der SZ zu, denn die Fotografien der Amerikanerin Francesca Woodman, die 1981 im Alter von nur 22 Jahren Suizid beging, drohen die Betrachter in ihrer physischen Sogkraft zu verschlingen. Achtzig ihrer Arbeiten stellt die Wiener Albertina nun aus und Hoch versucht, sich nicht von der "rohen Explizitheit" der vielen nackten Selbstporträts ablenken zu lassen, ging es Woodman doch um viel mehr als um "Selbstdarstellung": "Sie durchschaute den voyeuristischen Blick von Männern und machte in ihren Fotos die Betrachtung des weiblichen Körpers als ein Fetisch-Objekt zum Thema - etwa, wenn sie sich wie ein zum Verzehr bestimmtes Lebensmittel in ein Küchenregal legte. Wenn sie ihren Körper mit Wäscheklammern traktierte, um auf diese Weise den erotischen Blick zu entlarven, oder wenn sie sich selbst in eine Museumsvitrine presste, aufgenommen in einer wieder abschüssigen Perspektive. Da thematisierte sie wie in der 'House'-Serie das Gefangensein der Frau in einer jahrtausendealten Blick-und-Rollentradition."

Weitere Artikel: Die Zeit erscheint heute mit einer "Zeit-Kunst-Sonderausgabe" und die sieht so aus: Flankiert von acht ganzseitigen Werbeanzeigen wird zum Thema "Das bin auch ich" jeweils ein ebenfalls ganzseitiges - bisher nicht gezeigtes - Bild von Elizabeth Peyton, Rineke Dijkstra, Yayoi Kusama, Tyler Mitchell und Günter Uecker gedruckt, letzterer wird zudem von Florian Illies und Giovanni di Lorenzo in seinem Düsseldorfer Atelier besucht, wo der 95-jährige über seine Kindheit im Krieg, seine Jugend in der DDR, Spiritualität und den Urgrund seiner Kunst aus Nägeln spricht. Für die taz spricht Hilka Dirks mit Mitgliedern des Berliner Aktionsraums Spoiler über das Berliner Sellerie Weekend, das als Plattform für die Off-Kunstszene dienen soll. In der FAZ schreibt Nikolaus Bernau den Nachruf auf die Berliner Galeristin Kristin Feireiss, die mit der Berliner Galerie Aedes das zeitgenössische Bauen prägte.

Besprochen werden die Gruppenausstellung "Freeing the Voices" im Kunsthaus Graz (Standard), die von der Pincault Collection in Venedig initiierten Ausstellungen "Tatiana Trouvé. The Strange Life of Things" im Palazzo Grassi" und "Thomas Schütte. Genealogies" in der Punta della Dogana (Tsp), die Ausstellung "Aufbruch 1800. Kunst und Gesellschaft der Berliner Klassik" im Schloss Neuhardenberg (FAZ) und die Ausstellung "Para-Moderne. Lebensreformen ab 1900" in der Bundeskunsthalle Bonn (taz, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.04.2025 - Kunst

Tavares Strachan, There Is Light Somewhere. Jah Rastafari with Rice Field
(Stacked with Pineapple, Shield and Football), 2023,
Foto: Marc Blower. Courtesy the artist and the Hayward Gallery

Hans-Joachim Müller streift für die Welt durch eine Ausstellung, die die Kunsthalle Mannheim Tavares Strachan widmet. Gelegentlich arbeitet sich der an den postkolonialen Diskurs andockende bahamaische Künstler für Müllers Geschmack zu penetrant an der abgelehnten weißen Tradition ab. Besser gefallen ihm Strachans Arbeiten da, wo sie ästhetischen Eigensinn beweisen: "Im stärksten Raum der Ausstellung verteilt er eine Gruppe bronzener Black-People-Büsten, deren starre, archaisch strenge Gesichter allesamt von opulent fantasievollen Schwarzhaar-Frisuren gerahmt werden. Dass hinter jedem Figurensockel ein Bildquadrat an der Wand hängt, mit schwarzem Kraushaar monochrom bedeckt, ist eine feine ironische Anspielung auf den Absolutheitsanspruch der abstrakten Malerei. Den ausdrücklichen Hinweis auf die 'kosmische Spiritualität' der orgiastischen Frisuren darf man sich getrost ersparen. Wenn eines den Bauplan dieses Werks bestimmt, dann ist es das gänzlich unspirituelle Vertrauen in die Zeichenfähigkeit der Kunst."

Ebenfalls in der Welt macht sich Gesine Borcherdt Gedanken darüber, wie es passieren konnte, dass der Verein der Freunde der Nationalgalerie in Berlin 2024 eine Arbeit Jumana Mannas gekauft hat; einer Künstlerin, die nach dem 7. Oktober in den sozialen Medien ihrer Freude über die Hamas-Morde in Israel freien Lauf gelassen hatte. Stellung beziehen möchte auf Nachfrage niemand: "Auf die Frage, ob Jumana Mannas Äußerungen vor dem Kauf diskutiert wurden, hieß es von verantwortlicher Seite des Museums, die Kaufentscheidung sei vor dem 7. Oktober getroffen worden - ganz so, als hätte man sie dann nicht mehr hinterfragen können. Weiter hieß es, dass man bei den vielen Erwerbungen nicht alle Inhalte prüfen könne. Zudem wolle man als Museum nicht spalten, sondern zusammenführen und allen Stimmen Raum geben. Man wundert sich: Ein Museum hat keine Zeit, sich mit Künstlern und ihren Kontexten zu beschäftigen, zu denen heute zwangsläufig Einträge in sozialen Medien gehören? Und wie klappt Zusammenführung durch Gewaltverherrlichung? Auch auf die Frage, ob Mannas Posts dem Museum bekannt waren, hieß die Antwort nein - ohne nachzufragen, wie die Inhalte der Posts lauteten."

Weitere Artikel: Alexander Menden porträtiert in der SZ den britischen Maler William Turner, der dieses Jahr seinen 250. Geburtstag feiern würde. Robert Maruna wiederum porträtiert im Standard die Malerin und Bildhauerin Anna Schachinger. Lisa-Marie Berndt besucht für monopol die Art Dubai.

Besprochen werden "It's Just a Matter of Time. Sammlung Deutsche Bank im Dialog" im PalaisPopulaire, Berlin (taz), die Schau "Mit Trümmern Träume Bauen" über die Rolle der Kunstämter beim Wiederaufbau Berlin nach 1945 in der Kommunalen Galerie Berlin (Tagesspiegel), die Xanti Schawinsky gewidmete Schau "Play, Life, Illusion" in der Kunsthalle Bielefeld (taz) und Tata Ronkholz' Fotoausstellung "Gestaltete Welt" in der Kölner Photographischen Sammlung (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2025 - Kunst

Ausstellungssansicht Tea and Dry Biscuits. Eine Jubiläumsausstellung. Georg Kolbe Museum, 2025, Foto: Enric Duch 

"Tea and Dry Biscuits" soll es zur Trauerfeier Georg Kolbes nach dessen Tod im Jahr 1947 gegeben haben, entsprechend benannt ist die Ausstellung zum 75. Gründungsjubiläum des Berliner Georg Kolbe Museums, weiß Martin Conrads (taz). Die Schau fokussiert auf Kolbes Rolle während des Nationalsozialismus: Kolbe war zwar kein NSDAP-Mitglied, seine Arbeiten ließen sich aber "leicht von der Propaganda des Nationalsozialismus vereinnahmen", entnimmt Conrads der Museumswebsite: "Dass sich der figürliche Ausdruck seiner Arbeiten ab 1933 veränderte und fortan eher NS-Idealen entsprach, zeigt etwa der ausgestellte Gips-Entwurf zum Denkmal 'Opfer der Arbeit' von 1938/39." Kolbes Skulpturen werden in Bezug gesetzt mit Arbeiten teils noch lebender Künstler, die sich mit seinem Werk auseinandersetzten, etwa der Ost-Berliner Fotograf Christian Borchert: Der "hatte 1987 den Auftrag erhalten, Arbeiten des Bildhauers im öffentlichen Raum zu dokumentieren, in West-Berlin und der Bundesrepublik. Die Fotos zeigen indirekte Blicke auf Kolbes Skulpturen - und den Westen. Sie demontieren Heroisches, denunzieren Kolbe aber nicht - ein Blick, der dem kuratorischen Gestus der Ausstellung entspricht."

Kurdisches Flüchtlingslager, Işıkveren, Türkei, 1991 © Michael Kerstgens 2025

Viel Verfall und Zerstörung sieht Sylvia Staude im Fotografie Forum Frankfurt, das dem Dokumentarfotografen Michael Kerstgens derzeit die Ausstellung "Out of Control" widmet. Kerstgens fotografierte Thüringen nach der Wende, den Bergarbeiterstreik in den Achtzigern in Großbritannien - und reiste auch in die zusammenbrechende Sowjetunion und "beobachtete dort 'The Final Winter', den letzten Winter 1990/91 der UdSSR. Soldatenmütter, die ihre Söhne verloren haben, protestieren in Moskau. Die Bilder strahlen eine Art stiller, farbloser Verzweiflung ab. Und dann fährt der Fotograf noch weiter, zu einem kurdischen Flüchtlingslager in der Türkei, wo in trostloser Landschaft, unter kahlen Bäumen kleine Zelte aufgeschlagen sind. Kinder sind trotzdem interessiert an ihm."

Weitere Artikel: Im Standard denkt der Kunsthistoriker Thomas D. Trummer nach der Lektüre von Philipp Hübls Essay "Kunst als moralisches Statussymbol" über den Zusammenhang von Kunstverständnis und politischen Einstellungen nach. In der FAZ freut sich Frauke Steffens, dass die New Yorker Frick Collection nach fünfjähriger Renovierung wiedereröffnet. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "From Rembrandt to Vermeer, Masterpieces from the Leiden Collection" im H'Art-Museum in Amsterdam (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2025 - Kunst

Bild: Aus Pascal Sgros Serie "Cherry Airlines" (2024) Pascal Sgro

Ästhetisch überzeugen die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erzeugten Fotografien, die im Rahmen des Photo Brussels Festival im dortigen Hangar gezeigt werden, den in der FAS rezensierenden Kunsthistoriker Peter Geimer zwar nicht. Als "Momentaufnahme des noch tastenden Umgangs" der bildenden Kunst mit KI findet er die Ausstellung aber durchaus spannend: "Im Recycling der historisch überlieferten Bilder entstehen solche, die es auch gegeben haben könnte - eine 'alternative Vergangenheit', so die Ausstellungsmacher, nicht unwahrscheinlich, aber fiktiv. Welcher veränderte Umgang mit dem Bestand existierender Bildarchive zeichnet sich etwa ab, wenn Alexey Yurenev mithilfe der KI Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg in surrealistisch anmutende Collagen umwandelt?" Dass der Katalog KI ein Instrument nennt, "das die Lücken der Archive überbrückt", sieht Geimer skeptisch.

Andreas Gursky, "Eisläufer" (2021) © Andreas Gursky / ARS, 2025 Courtesy: Sprüth Magers

Zum Nachdenken über die "Möglichkeit der Zeit- und Ortsverschiebung in der Kunst" lässt sich auch Dirk Peitz (Zeit Online) anregen, und zwar dank Andreas Gursky, der in der New Yorker Galerie Sprüth Magers seine monumentalen Fotografien Reproduktion von Gemälden großer Meister gegenüberstellt. Etwa seine Arbeit "Eisläufer" von 2021, die er mit "Winterlandschaft mit Eisläufern" (1565) von Pieter Bruegel dem Älteren konfrontiert. Beide Bilder scheinen "einander zu erkennen …, eben über weite zeitliche und geografische Distanz hinweg; und Gurskys Methode ließ sich schon immer als Malerei mit den Mitteln der Fotografie und der Bildnachbearbeitung verstehen. Außerdem ist es eh viel interessanter, sich entlang dieser Beispiele von Bilderpaaren Gedanken darüber zu machen, wie das individuelle und das kollektive Bildergedächtnis beschaffen ist; was da alles eingesickert ist an Motiven, die sich auch doppeln."

Weitere Artikel: Im Aufmacher des SZ-Feuilletons denkt Peter Richter über das Hofporträt von Tizian über Trump bis hin zum Passbild nach. In der FR begibt sich Stephan Klemm auf die Spuren des Hasen in der Kunstgeschichte. Besprochen wird die Ausstellung "Doppelkäseplatte. 100 Jahre Sammlung" zum 20-jährigen Jubiläum des Kunstmuseums Stuttgart (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2025 - Kunst

Johann Adam Meisenbach, Tanzende am Lago Maggiore bei Ascona (um Rudolf von Laban), 1914 © Kunsthaus Zürich, Bibliothek, Nachlass Suzanne Perrottet, 1990, Foto: © Erben Johann Adam Meisenbach

Dem Anspruch, die ganze Bandbreite der Lebensreform-Bewegung abzubilden, kann auch die Ausstellung "Para-Moderne" in der Bonner Bundeskunsthalle nicht gerecht werden, räumt Alexander Menden in der SZ ein. Ein großes Verdienst der Schau aber ist, dass sie neben Werken von Klimt, Kirchner oder Kupka und Verweisen auf berühmte Anhänger wie Hermann Hesse auch die Kehrseite der Bewegung auf dem Monte Verità in den Blick nimmt: "So wird das an wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichtete Streben nach Gesundheit in einer Zeit vor der Entdeckung von Antibiotika konterkariert durch eine homöopathische Esoterik, deren Erbe bis heute in der Ablehnung von Schulmedizin und Impfskepsis spürbar ist. ... Esoterik ist es denn auch, die, gepaart mit völkischen Tendenzen, schließlich in noch tiefere Abgründe führt. Gerade der intensive Körperkult, der im 'Lichtgebet' betitelten, blond gelockten Akt des Malers Fidus seinen emblematischen Ausdruck fand, sollte sich als Einfallstor für rassenideologische und eugenische Ideen erweisen."

In einem weiteren Artikel in der SZ zeichnet Peter Richter nicht nur nach, wie jener Fidus genannte Jugenstilkünstler Hugo Höppener, dessen Bilder unter anderem eine an Hakenkreuzen reiche Esoterik verbreiteten, in kalifornischen Kommunen gefeiert wurde. Richter erinnert auch daran, wie schwer sich die Deutschen mit dem ambivalenten Erbe der Lebensreformbewegung tun. So wollte der Kulturhistoriker Janos Frecot seinen umfangreichen Nachlass dazu deutschen Staats- oder Universitätsbibliotheken vermachen, aber: "keine hat sich rangetraut ... Keine einzige. Die schiere Angst vor den politischen Kontaminationen des Materials ist spektakulär. Als wäre das von deutschen Institutionen oder deutschen Gehirnen irgendwie prinzipiell nicht verarbeitbar, dass auf demselben Sachgebiet halt einerseits der Bio-Supermarkt wurzelt, anderseits aber auch rechtsdrehendes Blut-und-Bodenturnen. Am Ende hat stattdessen die Universitätsbibliothek von Stanford zugeschlagen."

Weitere Artikel: Nicholas Potter, der Journalist, der von Aktivisten bedroht wird, weil er sich auf die Seite Israels stellt (mehr im heutigen 9Punkt), porträtiert in der taz die streng jüdisch orthodoxe Jerusalemer Galeristin Noa Lea Cohn, deren Art Shelter Gallery bislang der einzige Raum für bildende Kunst für die ultraorthodoxe Community Haredim ist - und die Pate für die derzeit auf Arte verfügbare Serie "Shtisel" stand. In der FAZ huldigt Paul Ingendaay der Schönheit von Rogier van der Weydens "Kreuzabnahme" im Prado in Madrid.

Besprochen werden die Ayoung Kim-Ausstellung "Many Worlds Over" im Hamburger Bahnhof (taz), die Ausstellung "Mit Trümmern Träume bauen", die sich dem Wiederaufbau in Deutschland nach 1945 widmet, in der Kommunalen Galerie Berlin (taz) und die Ausstellung "Unsichtbare Arbeit" im Polnischen Institut in Berlin (Tsp).