Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3663 Presseschau-Absätze - Seite 24 von 367

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.05.2025 - Kunst

"Kleine Ausschnitte von Frauen" bewundert FAZ-Kritiker Florian Heimhilcher in einer Ausstellung der österreichischen Künstlerin Maria Hahnenkamp im Wiener Belvedere 21. Hahnenkamp "fragmentiert, zerschneidet oder reibt ihre Fotografien ab, um alternative Wahrnehmungsmodi an die Stelle bloßer Schaulust zu setzen", was für Heimhilcher durchaus funktioniert. Auch wenn die Künstlerin "in Pop-Art-Manier ansehnlich vergoldete und mit Seide ausgekleidete Parfum-Verpackungen ausstellt. Die Duftfläschchen, symbolische Statthalter der begehrten Frauenkörper, finden sich jedoch nicht darin. Spielerisch mahnt Hahnenkamp damit mögliche Ausschlüsse an. An anderer Stelle collagiert und bestichelt sie einen Passepartoutkarton. Daneben überträgt sie dann ein ähnliches Muster mittels In-Situ-Bohrung direkt in die Ausstellungswand. Während der gewöhnliche Karton schnell die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist die wesentlich aufwendigere Wandbohrung eine leicht zu übersehende Randerscheinung."

Weitere Artikel: In der NZZ trauert Philipp Meier um die kamerunisch-schweizerische Kuratorin Koyo Kouoh, die überraschend verstorben ist. Alexander Kosenina ist in der FAZ begeistert von einem neuentdeckten Ölgemälde des Berliner Rokoko-Künstlers Daniel Chodowiecki, das die Göttin Minerva zeigt und für religiöse Toleranz wirbt. In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe dem Kunstareal "Leipziger Baumwollspinnerei", das zu seinem 20. Jubiläum Gemälde von Rosa Loy (Kleindienst) und Neo Rauch (Galerie Eigen+Art) ausstellt. Besprochen wird die Ausstellung "Stille" mit Werken von Ernst Schroeder Galerie Pankow in Berlin (taz) und die Ausstellung "21 x 21. Die Ruhrkunstmuseen auf dem Hügel" in der Essener Villa Hügel (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.05.2025 - Kunst

Im Berliner Kunstverein Ost kann Tagesspiegel-Kritiker Tom Mustroph mit "Privacy Settings" die erste Berliner Ausstellung der polnischen Künstlerin Aneta Grzeszykowska entdecken. Ihr geht es dabei um die Darstellung menschlicher Körper, etwa in Puppenform vom Gewohnten entfremdet und neue Facetten zeigend: "Auf eine Lederpuppe ist etwa eine Maske aus Schweinehaut aufgezogen, die einem menschlichen Gesicht nachempfunden ist. In großformatigen Rahmen werden menschliche Silhouetten mit Leder und Schweinehaut konstruiert." In ihren Darstellungsformen changiert sie "zwischen den Modi von Anwesenheit und Abwesenheit. Das nimmt ihrem und anderen Körpern die Individualität. Gleichzeitig eröffnet sich ein Raum für allgemeingültige Spekulationen über Existenz, Leben und Tod. Nicht ausgeschlossen, dass die Puppen, von einem Atemhauch ins Leben geholt, sich plötzlich bewegen. Vorstellbar ebenfalls, dass die aus Schweinehaut genähten Silhouetten eines Nachts aus dem Rahmen steigen und ein Eigenleben beginnen. Nichts scheint unmöglich bei dieser Ausstellung."

Eigentlich sollte Koyo Kouoh die Biennale im nächsten Jahr kuratieren, jetzt ist die aus Kamerun stammende Direktorin des des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa in Kapstadt mit nur 57 Jahren unerwartet verstorben. "Kunst war für die Kuratorin nichts, was man einfach nur aufbewahrt, ein Gegenstand, sondern mehr etwas Soziales, auch Spirituelles, über sich selbst Hinausweisendes (…) Die Lücke, die Koyo Kouoh in der zeitgenössischen Kunst hinterlässt, ist eine große", erinnert Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Weitere Meldungen und kurze Nachrufe in der FAZ, der FR und der SZ.

Besprochen werden: "Grethe Jürgens. Retrospektive" im Sprengel Museum Hannover (Taz) und "Der Engel der Geschichte. Walter Benjamin, Paul Klee und die Berliner Engel 80 Jahre nach Kriegsende" im Bodemuseum (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.05.2025 - Kunst

Installation view of Heinz Macks "The sky over nine columns" at Isola San Giorgio Maggiore, Venedig, Italien. Foto: Bruno Biancardi. Archiv Heinz Mack

Anlässlich einer Ausstellung in der New Yorker Galerie Almine Rech, besucht Niklas Maak für die FAS den Bildhauer und Maler Heinz Mack in seinem Atelier. Mack gründete zusammen mit Otto Piene die ZERO-Gruppe, die eine "Stunde Null" für die Kunst der Nachkriegszeit forderte, "und mit malerischen Experimenten und kinetischen Objekten die Op-Art vorwegnahm: Mit den Mitteln der Kunst wollten sie sich die Möglichkeiten neuer Techniken und Materialien einverleiben und eine Gegenwelt entwerfen." In "einem seiner Gemälde, die in seinem Atelier am Boden stehen, schweben Farbfelder nebeneinander, die in einem Sfumato auslaufen, wie in einem Ökosystem aus kommunizierenden Substanzen beeinflusst jede Farbe die Wahrnehmung der Farbe, die neben ihr steht, das Ultramarin verändert den Anblick des Orange, das Orange die Wirkung eines Lindgrüns. Auf den Ölkreiden liegen CDs von Erroll Garner, Coleman Hawkins und den Supremes, dazu eine Ausgabe der 'Jüdischen Allgemeinen'."

Weiteres: Auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ unterhält sich Rose-Maria Gopp mit dem Künstler Neo Rauch über dessen neue Ausstellung "Stille Reserve" in der Galerie "Eigen+Art" in Leipzig. Besprochen wird die Frank Auerbach-Retrospektive in der Galerie Michael Werner (SZ), und die Ausstellung "Zeichnung, Malerei, Skulptur, Fotografie, Film, Video, Sound - Sammlung Ringier 1995-2025" in der Langen Foundation in Neuss (NZZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.05.2025 - Kunst

Lucas Cranach d. Ä., Venus mit Amor als Honigdieb, 1527, Schwerin, Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
"Bild um Bild eine Köstlichkeit" staunt FR-Kritikerin Judith von Sternburg in der Ausstellung "Honiggelb" im Museum Wiesbaden, in der sie "mit der Biene durch die Jahrhunderte der Kunst und Kultur flanieren" kann. Sie lernt hier zum Beispiel "den ersten Imker kennen, Aristaios, der auf Cornelis Corts Kupferstich als sehnige, weitgehend unbekleidete Renaissanceschönheit mit seinen Körben hantiert (...) Der Bedeutungswandel der Biene frappiert. In der Abteilung 'Vorbild und Warnung' ein Prachtstück der Schau, Lucas Cranach des Älteren 'Venus und Amor als Honigdieb'. Alle Augen werden auf der unverschämt attraktiven Venus liegen, deren komplizierte Körperhaltung ganz lässig wirken. Unten klagt der kleine Amor, der nach einer Wabe gegrapscht hat und nun wohl gestochen worden ist. Das göttliche Kleinkind jammert, hat aber noch den Nerv, Stand- und Spielbein zu präsentieren."
Stichwörter: Bienen, Cranach, Lucas

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.05.2025 - Kunst

"Ivy", 2010, Viviane Sassen. Foto: Collezione Marmotti, Reggio nell'Emilia.

Fasziniert streift Hanno Rauterberg für die Zeit durch die Ausstellung "This Body made of Stardust" in der Collezione Marmotti im italienischen Reggio Emilia. Die Fotografien der niederländischen Künstlerin Viviane Sassen eröffnen ihm einen Raum zwischen Realität und Traum. Es gelingt ihr, findet der Kritiker, "das Entrückte im Gegenwärtigen" auszuspüren, gerade da, wo man nichts sieht: "Wie Schwarze Löcher ziehen uns diese Schatten hinein, lenken die Blicke auf das, was nicht auszumachen, nicht zu erkennen ist. Und just auf diese Weise öffnet sich etwas, ein Raum der Imagination, der nicht flach ist, sondern rasch an Tiefe gewinnt. Es sind konspirative Schatten, die Schatten einer fotografierenden Bildhauerin. Schon sehr lange, im Grunde seitdem der Mensch sich selbst beobachtet, beobachtet er auch dieses seltsam dunkle Ding, das ihm beständig folgt, das er nicht abschütteln kann, das er besitzt, ohne darüber verfügen zu können. Sassen liebt die unheimlichen Schatten, in denen Menschen fast verschwinden."

In der Zeit ist Maxim Biller fuchsteufelswild angesichts von Jürgen Tellers "eleganten und völlig empathielosen Lager-und-Tod-Fotos", versammelt im Band "Auschwitz-Birkenau" (unsere Kritik): "Ich habe es inzwischen mindestens zehnmal, zwanzigmal durchgeschaut und dabei immer wieder gedacht: Was soll das? Wem hilft dieses fette, geschmackvoll gestaltete Coffee-Table-Book über das Signature-KZ der Nazis, zu verstehen, was damals die Opfer und die Täter gefühlt hatten? Warum soll ich mir auf vielen Seiten die wunderschönen, feuerrot leuchtenden Hagebutten-Büsche von Birkenau ansehen?"

Weiteres: In der Zeit stellt Berit Dießelkämper fest, dass Picassos Kriegsbild "Guernica" auch heute, wo wir täglich mit schrecklichen Bildern konfrontiert werden, noch eine stark abschreckende Wirkung entfaltet. Besprochen wird die Annegret-Soltau-Retrospektive "Unzensiert" im  Städel Frankfurt (FAZ) und eine Ausstellung von Sun Yitian in der Berliner Galerie Esther Schipper (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.05.2025 - Kunst

Ambrogio Lorenzetti: Madonna del Latte. Image: Arcidiocesi di Siena - Colle di Val d'Elsa - Montalcino, Museo Diocesano, Siena © Foto Studio Lensini Siena

Boris Pofalla schließt sich in der Welt der allseitigen Begeisterung an, die die Ausstellung "Siena: The Rise of Painting" in der Londoner National Gallery in der internationalen Presse hervorruft. So geschickt wurde einem Museumspublikum selten die kunsthistorische Bedeutung der religiösen Kunst, die im 14. Jahrhundert in er italienischen Stadt eine Blütephase erlebte, nahe gebracht. Zu den Höhepunkten der Schau zählen neben Werken italienischer Meister auch "die gotischen Elfenbeinschnitzereien, die um 1300 aus Frankreich und dem Rheinland nach Italien kamen und dort wiederum die Kunst beeinflussten. Man glaubt kaum, wie genial Gestik, Mimik und Körpersprache von Menschen in diesem spröden Medium eingefangen wurden - die Elfenbeinschnitzerei scheint der Malerei um 1300 an Naturnähe voraus zu sein."

Wie, fragt sich Oliver Koerner von Gustorf auf monopol, reagiert Monica Bonvicini, eine der zentralen Protagonistinnen der queeren Kunst der 1990er, auf die politischen Herausforderungen unserer Zeit? Eine Soloschau in der Berliner Galerie Capitain Petzel dient ihm als Anschauungsgegenstand: "Oben in der Galerie eine Reihe von durchscheinenden, klassischen Kleiderhaken aus transparentem, buntem Glas, gelb, schwarz, türkis, an denen farblich abgestimmte Slips hängen. Das hat etwas unglaublich Intimes, aber auch etwas Leichtes, Nouvelle-Vague-mäßiges, den Geschmack von Godard-Filmen aus den Sechzigern oder Catherine Deneuve in Jacques Demys 'Die Regenschirme von Cherbourg'. Bonvicinis poetische Genauigkeit, mit der sie das Erbe der Moderne seziert, zu dem auch der Faschismus gehört, hat etwas Erleichterndes."

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In der Jungle World bespricht Jens Kastner die eben erschienene Übersetzung einer Vorlesungsreihe Gilles Deleuze' über Malerei - und zitiert den wie stets eigensinnig denkenden Philosophen folgendermaßen: "Ich habe irgendwie das Gefühl, dass der abstrakte Maler genau wie ein Delphin ist. Es sind Delphine, Maler-Delphine. Deswegen sind sie abstrakt. Ihr wahres Vorgehen besteht darin, einen Code für alle möglichen Stoffe und einen genuin analogen Inhalt zu erfinden. Sie pfropfen dem pikturalen Stoff einen durch und durch pikturalen Code auf. Damit erreichen sie etwas Geniales. Mit anderen Worten, das sind keine abstrakten Maler, es sind wahrhaft Meeressäugetiere. Wie mir scheint, ist es dasselbe Problem wie mit den Delphinen. Aber egal. Hauptsache, wir kommen ein wenig voran."

Lisa-Marie Berndt unterhält sich auf monopol mit der Fotografin Bex Wade darüber, was künstlerische Arbeiten gegen wachsende Transfeindlichkeit ausrichten können.

Besprochen werden die Schau "Park McArthur. Contact M" im Wiener Mumok (Standard), die Elisabeth Schraders Werk gewidmete Schau "Vager Raum" im Berliner Ladenlokal am Rosa-Luxenburg-Platz (Tagesspiegel, taz), eine Biedermeier-Ausstellung im Wiener Leopold-Museum (Standard), "L'Expérience de la nature. Les arts à Prague à la cour de Rodolphe II" im Louvre (NZZ) sowie die von Tom McCarthy kuratierte Medienkunst-Ausstellung "Holding Patterns" im Dortmunder Hartware MedienKunstVerein (taz). Außerdem wird in der FR die Ausstellung "Unter Pflanzen" im Bad Homburger Sinclair-Haus rezensiert, und zwar passenderweise von Sylvia Staude.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2025 - Kunst

FAZ-Kritikerin Alexandra Wach versteht nur zu gut, warum das Werk des niederländischen Künstlers Bas Jan Ader Kultstatus hat. Und, dass das nicht nur an seinem tragischen Verschwinden während einer Segelfahrt über den Atlantik vor fünfzig Jahren liegt, sondern auch an seiner Kunst, zeigt ihr eine beeindruckende Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Auffallend ist für die Kritikerin hier die Faszination des Künstlers für das Motiv des Falls - im philosophischen wie praktischen Sinn: "Auch in der fotografischen Arbeit 'Untitled (Tea Party)' von 1972, in der Ader durch ein Waldstück zu einem Silbergedeck kroch, um von einer Fallbox gefangen genommen zu werden, rückt das Fallen in den Vordergrund, nicht zuletzt mit der Anspielung auf die Tee-Party des exzentrischen Hutmachers aus 'Alice im Wunderland'. Ader hat den Fall nicht erfunden, rezipierte Wittgensteins 'Tractatus logicophilosophicus' und Camus' Roman 'Der Fall'. Aber keiner hat das Motiv des Kontrollverlusts so hartnäckig aufgegriffen wie er, wenn er sich etwa dabei filmte, wie er auf dem Fahrrad absichtlich in eine Amsterdamer Gracht 'ausrutschte' oder nach langer Hängepartie von einem Baumast in einen Fluss fiel."

Weiteres: In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe dem Georg-Kolbe-Museum, dem ersten Nachkriegs-Museum im Berliner Westen, zum anstehenden 75. Jubliäum. Besprochen wird die Ausstellung "Gerhard Richter · 81 Zeichnungen · 1 Strip-Bild · 1 Edition" in der Pinakothek der Moderne in München (tsp), "A History Of Influence" mit Werken von Mario García Torres im Fridericianum in Kassel (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2025 - Kunst

Im neuen Wiener Foto Arsenal lässt sich FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier mit der Ausstellung "Magnum.
 A World of Photography" das Unbekannte in den bekannten Fotos der Agentur Magnum zeigen: "Beginnend mit den Kriegsfotografien Robert Capas vom D-Day, Dennis Stocks 'James Dean am Times Square' (1955) oder Inge Moraths 'Ein Lama auf dem Times Square' (1957), wird der allzu vertraute Eindruck dieser Fotoklassiker unterlaufen, indem die Schau sozusagen die Rückseiten der Bilder in den Blick nimmt. Denn die aus dem Pariser Archiv der Agentur geliehenen Bilder erzählen eine eigene Geschichte, zeigen, was sonst verborgen bleibt: Anweisungen für die Mitarbeiter in der Dunkelkammer, an welchen Stellen die Bilder nachbearbeitet werden sollen, welchen Nutzungsbedingungen sie unterliegen. (…) Man folgt der Genese längst ikonischer Fotografien aus der Perspektive der Entwickler - Manipulation war auch damals schon fixer Bestandteil des Gewerbes."

Besprochen werden: Jürgen Tellers Fotografien "Auschwitz Birkenau" im Kunsthaus Göttingen (taz) und die Ausstellung "81 Zeichnungen - 1 Strip-Bild - 1 Edition" mit Gerhard Richters Zeichnungen in der Graphischen Sammlung München (Monopol).
Stichwörter: Foto Arsenal Wien

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.05.2025 - Kunst

Gestern startete das Gallery Weekend in Berlin. Viel russische Kunst ist zu sehen, zum Beispiel von Nadja Tolokonnikowa oder der "Bruderschaft der neuen Holzköpfe", einer Performergruppe aus Sankt Petersburg oder eine Ausstellung von Aktivisten und Künstlern rund um das in Russland verbotene Nachrichtenportal Meduza im Kunstraum Kreuzberg, erzählt Peter Richter in der SZ. Aber es geht natürlich auch ums Verkaufen: "Der kapitalismuskritische Vibe der vielen Demonstrationen, die an diesem Tag die Wege der Kunstbetriebsmenschen kreuzen, steht natürlich immer in einem gewissen Kontrast zu deren kommerziellen Nöten und Wünschen, die mit einer hochkarätigen Schaufensterausstellung (von Karin Sander bis Christian Jankowski) im Kaufhaus des Westens, KaDeWe, diesmal sogar einen symbolischen Ausdruck bekommen haben. Und während die einen mit grimmigen 'Ihr da oben'-Parolen auf Fahrraddemos Richtung Villenviertel radeln, knallen in der Kunstsammlung der Deutschen Bank absolut buchstäblich die Korken, denn Julian Charrière zeigt dort, als Kollateral-Event, eine Show, die vom Champagnerhaus Ruinart gesponsert wird - mit deren Produkt allerdings auch elementar zu tun hat: Es geht darin um die Korallen in dem Meer, das einst die Gegend der Champagne bedeckte, dem teuren terroir sozusagen erst seine Würze verlieh."

Die "Bruderschaft der neuen Holzköpfe" suchen Lücken im System. Foto: Alexander Lyashko/@societeberlin / Galerie BQ


Eine wunderbare Entdeckung - neben dem Werk der Künstlerin Elisabeth Schrader, Mutter von Maria, in der Stedi-Stiftung - sind für FAS-Kritiker Niklas Maak die schon oben erwähnten "Holzköpfe" aus St. Petersburg, die zwischen 1996 und 2002 rund hundert Performances veranstalteten, denen die Galerie BQ eine Ausstellung widmet: "Der zerfallende Ostblock hinterließ ein Vakuum, in dem, wie die Berliner Schau zeigt, eine besonders wilde, gut gelaunte russische Freiheit möglich wurde: Die Performer der 'Bruderschaft der Neuen Holzköpfe' posierten in Erdgruben, die im Bürgersteig aufgerissen wurden und die an einen rechteckigen Gordon Matta Clark erinnern, schossen einen Pfeil mit der Aufschrift 'Exit' durch die Kuppel einer reaktionären Kirche, machten sich in Nacktvideos über Männerbilder lustig, zerhackten Mobiliar, zündeten es an und brieten auf der Straße über dem Feuer Spiegeleier für alle."

Nadja Tolokonnikowa, Foto: Pussy Riot
Nadja Tolokonnikowa hat die Zelle nachgebaut, in der sie im russischen Arbeitslager in Mordowinien saß. Sie wäre gern zu ihrer Ausstellung bei Nagel Draxler nach Berlin gereist, hat sich aber nicht getraut, weil Russland sie auf eine internationale Fahndungsliste gesetzt hat, und sie nicht weiß, wer sie ausliefern würde, erzählt sie im Interview mit der FAS. Sie versuche ständig, neue Medien auszuprobieren, sagt sie, aber sie performe auch noch. Zuletzt habe sie eine Protestperformance mit Studentinnen der University of Houston organisiert: "Gegen diese Zensur-Atmosphäre in den USA gerade... Wir wollten einfach zeigen, dass es in diesem repressiven Klima an den Universitäten schon reicht, wenn man als eine Gruppe von Frauen mit einem kryptischen Banner - eine Hommage an das 'Ideale Banner' des sowjetischen Künstlerduos Komar und Melamid - still zusammensteht, um als unerwünschter Protest wahrgenommen zu werden."

Mehr zum Gallery Weekend in der Welt, wo Gesine Borcherdt einen Rundgang vorschlägt, und im Tagesspiegel, wo Birgit Rieger über eine Christoph-Schlingensief-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie schreibt.

© Woodman Family Foundation / Bildrecht, Wien 2025

Peter Truschner bespricht in seinem Perlentaucher-Fotolot die große Francesca-Woodman-Ausstellung in der Wiener Albertina und porträtiert sie als eine Pionierin künstlerisch-fotografischer Selbstreflexion: "Auf die Frage einer Freundin, warum sie sich selbst so häufig und noch dazu nackt zum Gegenstand ihrer Fotografie macht, hat Woodman lakonisch geantwortet: 'Es ist eine Frage der Bequemlichkeit. Ich bin immer verfügbar.' Das ist natürlich mehr kokett als wahr. Wenn man von der Materie nicht völlig unbeleckt ist..., bräuchte man nicht zu wissen, was ein wiederum anderer Freund über Woodman gesagt hat: dass sie wahrscheinlich die Werke aller maßgeblichen Künstler und Künstlerinnen des 15. und 16. Jahrhunderts kannte."

Weiteres: Marcus Woeller unterhält sich für die Welt mit dem Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy über ihre Ausstellungen zum zwanzigsten Geburtstag der Leipziger Baumwollspinnerei. Katharina Rustler spricht für den Standard mit der Wissenschaftlerin Kate Crawford, die beim neuen Kunstfestival Vienna Digital Cultures als Rednerin auftritt, über die Gefahren eines unüberlegten Umgangs mit KI.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2025 - Kunst

Caravaggio: "Das Martyrium der Heiligen Ursula", 1610. Archivio Patrimonio Artistico Intesa Sanpaolo. Foto: Claudio Giusti

Ausgerichtet wird die Jubiläums-Ausstellung "Caravaggio 2025" zwar vom Palazzo Barberini in Rom, begrüßt wird sie vom Vatikan dennoch: Offenbar hat die Kirche dem Maler verziehen, weiß Eva Clausen, die in der NZZ erinnert, dass es die Katholische Kirche war, die die Todesstrafe gegen den Maler verhängte, als er 1606 einen Mord beging. Sieben Jahre zuvor war er erst von Kardinal Francesco Maria Del Monte für die Kirche entdeckt worden: "Caravaggio wagte es, die biblischen Ereignisse nicht als Andachtsbild huldvoll distanziert zu malen, sondern sie als dramatische Momente eines im Hier und Jetzt lebenden Evangelisten zu inszenieren. Die Gegenwart, das Rom der Schankstuben und Straßenhändler, bildete eine neue, nie gesehene Kulisse für die Episoden der Heiligen Schrift. Die Kirche war verblüfft, doch musste sie zugeben, dass gerade diese naturalistische, menschennahe und so wenig andächtige Darstellung die Gläubigen zutiefst ansprach."

Anlässlich der Initiative "Constellations", in deren Rahmen auch internationale Galerien in Warschau präsentiert werden, verschafft sich Philipp Hindahl für Monopol einen Überblick über die polnische Kunstszene, die sich langsam wieder von der Regierung unter der PiS-Partei erholt: zum Beispiel das Muzeum Sztuki Nowoczesnej, der "wichtigste kulturelle Ort des Landes". "Die Sammlungspräsentation umfasst 150 Werke, viele davon behandeln Themen, die unter der PiS-Regierung wenig Raum bekamen: Feminismus, LGBTQ-Rechte, aber auch die Shoah und der Krieg in der Ukraine. Man hört unterschiedliche Meinungen: Das Museum sei zu vorsichtig. Oder: Endlich weht ein frischer Wind. ... Im progressiven Lager hat sich vorsichtiger Optimismus ausgebreitet. Gleichzeitig ist da eine Nervosität, dass die aktuelle Regierung nicht von Dauer sein könnte, dass die Hoffnung, die rechtsgerichtete, kulturfeindliche PiS-Regierung hinter sich zu lassen, nur ein vorübergehendes Stadium ist." In der NZZ meint Felix Ackermann, dass die neue Regierung so viel in der Kultur gar nicht verändert.

Weitere Artikel: In der FAZ resümiert heute auch Gerald Wagner die Diskussion "Verstörende Kunst" im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, bei der die Soziologen Heinz Bude und Michael Hutter über ihre Bücher zum Skandal der Documenta 15 sprachen (unser Resümee). In der SZ berichtet Nils Klawitter von Protesten der Tiroler Seilbahnbranche gegen die Kunstinstallation "Schnee von morgen", für die der Fotokünstler Lois Hechenblaikner im Tiroler Skigebiet Ellmau 230 Skier aus einem Speicherteich ragen lässt, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Besprochen wird die Susan-Sontag-Ausstellung "Sehen und gesehen werden" in der Bundeskunsthalle Bonn ("Sontag war eine Meisterin der Sichtbarmachung. ... Die Pose war Teil des Inhalts", lernt FR-Kritiker Michael Hesse).