Sylvia Staude unterhält sich in der FR mit Larissa Förster, der neuen Direktorin des Frankfurter Museums Weltkulturen. Unter anderem geht es um die derzeit vieldiskutierte Restitutionsfrage. Und auch darum, ob es so etwas wie eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen den Kulturen überhaupt geben kann. Förster sieht hier durchaus Schwierigkeiten: "Das absolute Gleichgewicht wird nie möglich sein, schon aus ökonomischen Gründen. Und aus Gründen des Visa-Regimes zum Beispiel. Ich habe lange in Namibia gearbeitet, ich kann an der namibischen Grenze mit meinem deutschen Pass und ohne ein Visum aufschlagen und kann das Land betreten. Das ist für Namibier weltweit ganz anders, besonders in Deutschland. Es ist eine Utopie, dass wir wirklich unter gleichberechtigten Bedingungen miteinander sprechen, Ausstellungen oder Projekte aushandeln. Gegen die Rahmenbedingungen können wir oft nichts tun, aber die Art und Weise, wie wir Gespräche führen, einander zuhören, wie wir Deutungen und Entscheidungen denjenigen in die Hände legen, deren Vorfahren dieses kulturelle Erbe hergestellt haben, die können wir als Museum schon gestalten."
Das Kunsthaus Göttingen ist vorläufig gerettet, freut sich Alexander Menden in der FAZ. Nachdem zuletzt, auch aufgrund lokalpolitischer Querelen, alle Zeichen auf Insolvenz und Abwicklung standen, scheint der Fortbestand des Hauses vorläufig gesichert. Unter anderem dank der Umstellung des Betriebs auf Ehrenamt und einer inhaltlichen Ausrichtung, die weniger unter Elitismusverdacht steht - bald stellt Bryan Adams in Göttingen eigene Fotografien aus. Jedenfalls, hofft Menden, könnte sich bald "auch in der Düsteren Straße zeigen, dass klug gestaltete Kulturangebote kein Subventionsgrab sind, sondern ein Katalysator innerstädtischer Revitalisierung."
Weitere Artikel: Georg Imdahl porträtiert in der FAZ den spanischen Aktionskünstler Santiago Sierra. Ferial Nadja Karrasch spricht mit dem amerikanischen Künstler Tavares Strachan auf monopol über kritische Kunst in trumpistischen Zeiten.
Besprochen werden Yukinori Yanagis Schau "Icarus" im Mailander Pirelli HangarBicocca (monopol), Annette Fricks Ausstellung "Take A Walk On The Wild Side" im CFA, Basel (monopol) und Ting-Jung Chens Soloschau "Here on the Edge of the Sea We Sit" in der daadgalerie in Berlin (taz).
Pen, brown ink and wash, black ink and wash and crayon on cardboard. 15.8 x 22.2 cm. Maisons de Victor Hugo, Paris / Guernsey. Photo: CCØ Paris Musées / Maison de Victor Hugo. NZZ-Kritikerin Marion Löhndorf versinkt in der Royal Academy of Arts in London in den "meist hingetuschten, dunklen Visionen von imaginären Schlössern, Monstern und Meereslandschaften", die der französische Schriftsteller Victor Hugo zu Papier brachte - nicht als Text, sondern als Zeichnung. Denn nach dem tödlichen Bootsunfall seiner Tochter Léopoldine versank der Dichter in eine schwere Depression, erzählt Löhndorf, zehn Jahre lang schrieb er nicht, sondern zeichnete: "Immer wieder kommt Victor Hugo auf das Wasser zurück, auf kenternde Schiffe, Stürme auf dem Meer. 'The Lighthouse at Casquets' (1866) ähnelt keinem Leuchtturm, sondern einer am Meer gelegenen Wendeltreppe zur Hölle. Hugo selbst nannte sich einen 'homme océan', einen Mann des Meeres." In einem Bild "von 1850, das einen gigantischen Pilz über einer apokalyptischen Landschaft zeigt, verwendete er Tinte, Kohle, Kreide und Gouache. In anderen arbeitete er mit verlaufenden Tintenflecken, er verwendete Schablonen und collagenhafte Elemente - eine Briefmarke etwa - und seine eigenen Fingerabdrücke."
Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Christina Dimitriadis: "J'ai perdu mon Euridice - Ach, ich habe meine Eurydike verloren" in der Schwartzschen Villa in Berlin (tsp) und die Ausstellung "Abstrakt Konkret - Materie Licht und Form" mit Fotografien von Kilian Breier in der Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin (FR).
Eine Ausstellung, die nur die Bilder zeigt, die Vater Matisse von seiner Tochter Marguerite gemalt hat - das klingt für FAZ-Kritiker Peter Kropmanns erstmal öde, ist in der Ausstellung "Matisse et Marguerite - Regards d'un père" im Pariser Musée d'Art Moderne aber als Wanderung durch Matisses gesamte Schaffensbreite spannend gelungen, versichert er. Rund vierzig Jahre sind umfasst und zeigen, "wie unermüdlich und dabei erstaunlich wandlungsreich der Vater seine Tochter dargestellt hat. So sehen wir sie mit niedergeschlagenen Augen beim Lesen oder fürchten wir uns fast vor ihrem eindringlichen Gegenüber: Unter etwas schweren Lidern schaut sie bisweilen provozierend aus mandelförmigen dunklen 'yeux revolver', wie sie ein erfolgreiches Chanson besingt - der Blick, der töten kann. (…) Im Januar 1945 zeigt der Künstler, wie sein Augenstern nun auf ihn wirkt: müde, dabei, erlebtes Grauen zu verarbeiten und sich zu erholen. Ihr mit einem Hauch Kohle gezeichnetes Porträt ist verschwommen und erinnert an das Turiner Grabtuch. Damals war es erst wenige Monate her, dass sie sich Partisanen des Widerstands angeschlossen hatte und dann von der Gestapo gefoltert sowie in einen Eisenbahntransport verladen wurde."
Weitere Artikel: Bernhard Schulz denkt für Monopol darüber nach, was ein wiederentdecktes Wandgemälde von Gerhard Richter für dessen Werk bedeutet. Timo Feldhaus unterhält sich für die Berliner Zeitung mit Juergen Teller über dessen Auschwitz-Fotografien (unsere Besprechung).
Besprochen werden: Die beiden Berliner Yoko Ono-Ausstellungen "Music of the Mind" im Gropius-Bau und "Dream Together" in der Neuen Nationalgalerie (FR), "Elegante Blüten. Darstellung von Flora und Fauna in der Kunst Japans" im Berliner Humboldtforum (Zeit Online) und "Supernovas!" mit Kunstwerken des bahamischen Künstlers Tavares Strachan in der Kunsthalle Mannheim (Taz).
In der großen Yoko-Ono-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau ist FAZ-Kritiker Hernán D. Caro beeindruckt, "mit welcher Konsequenz und Intelligenz sich die Künstlerin seit dem Beginn ihrer Laufbahn dem Auftrag hingegeben hat, der Vorstellungskraft neue Räume zu öffnen", und das seit Mitte der Fünfziger, erst in Japan, dann in New York. "So mietete Ono Anfang der Sechziger ein billiges Loft in Downtown Manhattan, in dem sie zusammen mit dem experimentellen Musiker La Monte Young Konzerte und künstlerische Happenings veranstaltete, an denen unter anderem John Cage, Marcel Duchamp und Peggy Guggenheim teilnahmen. Dort präsentierte Ono auch einige ihrer frühesten Kunstwerke, wie etwa 'Painting to Be Stepped On' (1960), ein Stück Leinwand auf dem Boden, das erst durch die Fußabdrücke des Publikums zu einem Gemälde wird."
Nicht weniger beeindruckt zeigt sich Sophie Jung in der taz von der Ausstellung "Kids Take Over" des belgischen Künstlers Francis Alÿs im Kölner Museum Ludwig. Alÿs filmt seit rund 25 Jahren Kinderspiele auf der ganzen Welt, 30 seiner Videos sind jetzt in Köln zu sehen: "'In den Abfallprodukten erkennen Kinder das Gesicht, das die Dingwelt gerade ihnen, ihnen allein zukehrt', schreibt Walter Benjamin. Kinder würden sich damit ihre 'Dingwelt bilden, eine kleine in der großen, selbst'. Das vorgefundene Ding und das Kind verschmelzen in den Videos von Francis Alÿs zu etwas Eigenem: Ein Junge quetscht sich in einem alten Autoreifen und rast eine Abraumhalde im kongolesischen Lubumbashi hinunter. Die Kamera rast mit, mal aus Sicht des Jungen, mal aus der des Reifens, dreht sich, bleibt wieder stehen. Schnitt, Zoom raus auf die ausgelaugte Landschaft einer Kobaltmine. Es sind bedrückende und tolle Bilder."
Wie schön für Bayerns Kunstminister Blume, dass der staatlichen Gemäldesammlungen in München nicht nur Verschleppung bei der Aufklärung von Raubkunstfällen vorgeworfen wird, sondern jetzt auch noch sexuelle Belästigung in ihren Räumen und mangelnde Sicherheitsstandards. Das lenkt von der Frage ab, ob der jetzt versetzte Generaldirektor allein Schuld an dem Schlamassel ist, meint in der taz Klaus Hillenbrand: "Der neue Skandal in den Museumsräumen gab Kunstminister Blume die Möglichkeit, sich vom Chef der Staatsgemäldesammlungen zu trennen, ohne dass die Finger auf ihn selbst gerichtet wurden. Bei der Debatte um verschleppte Ansprüche auf Nazi-Raubkunst steckt der Minister schließlich selbst mit im Sumpf. Blume hat dafür gesorgt, dass Kunstwerke wie die berühmte 'Madame Soler' von Pablo Picasso einer Überprüfung durch eine unabhängige Kommission entzogen wurden, obwohl Hinweise dafür vorliegen, dass es sich um das Eigentum von verfolgten Juden im NS-Staat handelte. Gleiches gilt für eine Reihe von Werken, darunter zwei Gemälden von Paul Klee, bei denen Nachfahren des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim für ihre Rückübertragung streiten."
Besprochen werden noch "Caesar & Kleopatra" im Historischen Museum der Pfalz in Speyer (eine Ausstellung, die "nicht von blinder Liebe und Überwältigung spricht, sondern von politischen und ökonomischen Interessen, von zwei Kulturen, die sich schon längst einander angenähert hatten, als ihre Exponenten Caesar und Kleopatra zusammenkamen", so ein sehr angetaner Tilman Spreckelsen in der FAZ) und eine Ausstellung der Fotografien Francesca Woodmans in der Wiener Albertina (FAZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Das Auschwitz-Buch des Modefotografen Juergen Teller ist schon vielfach gefeiert worden - vor allem wegen der Sachlichkeit und Zurückhaltung, die der Fotograf hier walten ließ. In 820 Aufnahmen hält er fest, was in Auschwitz heute zu sehen ist. Peter Truschner erscheint das Buch in seinem Perlentaucher-Fotolot banal. Worin besteht diese Banalität? "Um die adäquate, mit der nötigen respektvollen Distanz einhergehende Sachlichkeit zu gewährleisten, die Orte wie Auschwitz offenkundig zu verlangen scheinen, muss Teller das, was ihn als Fotografen berühmt gemacht hat, regelrecht beiseite schieben - aber wofür? Dass man in den Medien erleichtert das moralische Urteil fällen kann, er habe sich in Auschwitz uneitel = anständig aufgeführt? Kann das kartografische 'Zeigen' dieses Ortes dem, was dort vor sich ging, (künstlerisch) wirklich etwas geben? Und mit einer solchen Gabe (die auch aus einer ganz eigenen Fantasie bestehen kann) etwas beleuchten (und sei es ein Detail), wie das etwa Imre Kertesz mit seinem 'Roman eines Schicksallosen' gelungen ist? Oder Mieczyslaw Weinberg mit seiner Oper 'Die Passagierin'?"
FR-Kritiker Stephan Klemmkommt im Kölner Wallraf-Richartz-Museum kaum aus dem Staunen heraus: Dort ist die Ausstellung "Schweizer Schätze. Meisterwerke des Impressionismus" zu sehen mit Werken aus der Sammlung des Ehepaars Jenny und Sidney Brown. Die beiden haben sich beim Sammeln vor allem auf die Impressionisten konzentriert, ohne zu wissen, dass diese tatsächlich mal in die Kunstgeschichte eingehen würden. Klemm betrachtet in neun Sälen: "Landschaftsszenen, von denen die 'Trocknende Wäsche am Ufer der Seine' von Gustave Caillebotte (etwa 1892) eine besondere Wirkung entfacht. Die weiße Wäsche scheint im Wind zu wehen, verschwommen endet der Uferweg in der Ferne, blau strahlt der Fluss, auf dem zwei Hausboote liegen. Auch Renoir ist hier vertreten, mehrfach sogar, wobei sein 'Die Ufer der Seine bei Rueil' aus dem Jahre 1879 wild durch die Szenerie führt. (…) Redons Werk 'Fischerboote. Erinnerung an Venedig' (1908) überlässt es dem Betrachter, den leuchtenden Hintergrund zu deuten. Ist im Abendlicht die Silhouette der Lagunenstadt zu sehen? Oder deutet sich hier ein Gewitter an, das näher zieht, während im Vordergrund ruhig ein Bragozzo durchs Bild segelt?"
Dass Kuratorin Susanne Pfeffer die Exponate der Schau "Typologien - Photography in 20th Century Germany" in der Fondazione Prada in Mailand nach Ähnlichkeiten angeordnet hat, regt FAZ-Kritikerin Karen Krüger zu einem neuen Blick auf die Fotografien von beispielsweise Isa Genzken oder Andreas Gursky an. Die Gegenüberstellungen machten Raum für Assoziationen: "UrsulaSchulz-Dornberg porträtierte Bushaltestellen in Armenien, oft an abgelegenen Orten. Die abgehalfterten Unterstände sehen aus, als seien sie von der Natur inspiriert. Blattförmige und pilzhütige Betonplatten wölben sich über den Wartenden und wirken wie Überreste eines utopischen Sozialismus, der in den Bildern von Frauen mit Kindern am Leben erhalten wird. Erst durch die Herausstellung des Typus Haltestelle und deren Variationen werden die Phantasie der Architekten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich, und dieses Prinzip gilt grundsätzlich für die Typologien: Es schärft den Blick."
Weiteres: Anne Kiesiel interviewt die Keramikkünstlerin Anna Bochkova für Monopol. Besprochen werden die beiden Berliner Yoko-Ono-Ausstellungen "Dream Together" in der Neuen Nationalgalerie und "Music of the Mind" im Gropius-Bau (SpOn).
Max Beckmann: "Tanz in Baden-Baden". 1923. Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne München Es hätte nicht viel Recherche bedurft, damit die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen bemerkt hätten, dass Max Beckmanns "Tanz in Baden-Baden" von 1923, eines der berühmtesten Werke aus der Sammlung der Pinakothek der Moderne, nicht zu jenen Werken gehört, bei denen es keinen Hinweis auf einen "NS-bedingten Entzug" gibt, notiert Tobias Timm kopfschüttelnd in der Zeit: Das Bild gehörte ursprünglich dem jüdischen Hopfenhändler Heinrich Fromm. Der Zeit liegt eine Urkunde vor, die zeigt, dass ein Nazi-Kunsthistoriker "bei einer Schätzung von Fromms Werken noch im Juli 1938 auch mehrere Gemälde von Max Beckmann aufgelistet" hatte, "darunter jenes, das der Nazi-Gutachter verkürzt als 'Tanzende' bezeichnete". Fromm, 1938 ins KZ Dachau verschleppt, konnte 1939 mit seiner Frau nach London fliehen. "Warum suchen die Staatsgemäldesammlungen nicht öffentlich nach Fromms Erben? Das Museum hat das Gemälde noch nicht mal in der Lost-Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste eingestellt, wo man in Verdachtsfällen nach Informationen und möglichen Erben sucht."
Derweil stellte sich am Vorabend des gestrigen Internationalen Tags der Provenienzforschung in Berlin das Jewish Digital Cultural Recovery Project (JDCRP) seine digitale Plattform vor, die "archivierte Informationen über jüdisches Kulturgut, das während der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust konfisziert oder geplündert wurden" öffentlich zur Verfügung stellt, schreibt Marcus Woeller in der Welt. Auch KI soll hier künftig die Provenienzforschung erleichtern: "Ein Sprachmodell vergleichbar mit ChatGPT und eine Texterkennungssoftware soll die Dokumente lesen und in durchsuchbare Datensätze übersetzen können."
Weitere Artikel: Wer es weder in die große Helen-Frankenthaler-Retrospektive im Palazzo Strozzi in Florenz (unser Resümee) geschafft hat, noch ins Guggenheim-Museum nach Bilbao schaffen wird, wo die Ausstellung derzeit hinzieht, dem empfiehlt Judith von Sternburg in der FR einen Abstecher ins Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden, das die größte Frankenthaler-Privatkollektion der Welt beherbergt. Für die tazbesuchtJens Gyarmaty das "Cybrothel" in Friedrichshain, einst ein Kunstprojekt, heute das erste Puppenbordell Berlins.
Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken der wenig bekannten Worpsweder-Malerin und Rilke-Freundin Olga Bontjes van Beek im Kunstverein Fischerhude (Zeit), die Ausstellung "FrauenBilder. Julia Krahn im Dialog" im Landesmuseum Hannover (taz), die Ausstellung "John Giorno: a labour of LOVE" bei der Triennale Milano (taz), die Ausstellung "Activist Choreographies of Care" im Berliner nGbK, die sich Queerness in Ghana widmet (taz), die Medienkunst-Schau "The Story That Never Ends. Die Sammlung des ZKM" im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe (Tsp, mehr hier) und die Wolfgang Tillmans-Ausstellung "Weltraum" im Albertinum in Dresden (NZZ).
Jennifer Braun hat sich die Schau für monopol ebenfalls angeschaut. Unter anderem glaubt man am ZKM an das Potential von Medienkunst, Medienkompetenz zu vermitteln, lernt sie. "Ein optimistischer Ansatz, aber sicher kein naiver. Der Themenschwerpunkt 'Kritik und Utopie' beleuchtet unter anderem, wie Künstlerinnen und Künstler schon seit Jahrzehnten vorausahnend thematisierten, was heute als Cyberfaschismus Form annimmt. Lynn Hershman Leesons interaktives Gewehr 'America's Finest' (1993-94) bietet den Nervenkitzel, Menschen anzuvisieren - egal ob Soldat oder Kind - und gefahrlos abzudrücken. Ob man dies nochmal machen will, sobald der eigene Hinterkopf ins Visier gerät, ist einem selbst überlassen."
Weitere Artikel: Ingo Arend unterhält sich auf Monopol mit der Kuratorin Defne Ayas über Kunst und Protest in der Türkei und Deutschland. Weiterhin sammeltmonopol sechs Stimmen aus der zeitgenössischen Kunst zu Leigh Bowerys Werk und dessen Erbe. Im Standardschreibt Olga Kronsteiger über den Stand der Dinge im bayrischen NS-Raubkunst-Skandal (siehe auch hier) und geht dabei insbesondere auf den Umgang mit den Erben Alfred Flechtheims, eines jüdischen Kunsthändlers, ein. Endlich komplett freigelegt ist nun ein Frühwerk Gerhard Richters im Dresdener Hygiene-Museum, berichtet unter anderem der Standard. Ebenfalls im Standardbespricht Ronald Pohl einen von Matthias Naumann herausgegebenen Sammelband zu Antisemitismus im Kunstbetrieb ("Verkehrte Welt: Die besonders lauthals ihren Abscheu gegen Israel artikulieren, beklagen am bittersten, sie kämen wenigstens in Deutschland zu wenig oder gar nicht zu Wort").
Besprochen werden außerdem eine große Sammlungspräsentation des Berliner Brücke-Museums (FR) mit zahlreichen Meisterwerken des Expressionismus und die Ausstellung "21 x 21 Die Ruhr Kunst Museen auf dem Hügel" in der Essener Villa Hügel (monopol).
Besprochen werden die Ausstellung "Prachtstücke. Paul Kleinschmidt. Malerei 1922-1939" im Ernst Barlach Haus in Hamburg (FAZ) und eine Ausstellung mit dem Spätwerk Egon Schieles im Leopold-Museum in Wien (NZZ).
Thomas Theodor Heine, Der Angler, 1892, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München "Solastalgie" - das ist "die Trauer darüber, wie sich Landschaften durch ihre Nutzung, durch Klimawandel und Biodiversitätskrise verändern", lernt FAZ-Kritikerin Petra Ahne in einer Ausstellung im Lenbachhaus in München. Ein bisschen wehmütig wird man hier schon angesichts blühender Obstbäume und "tief verschneitem" Englischen Garten, meint Ahne: "Die Ausstellung macht aber ebenso klar, dass sich das Bedürfnis, der Natur nah zu sein, in ihr Erholung zu finden und ihre Erscheinungsformen zu studieren, vor hundert, zweihundert Jahren ebenso äußerte wie auf dem versehrten Planeten von heute. Auf Richard Riemerschmids 'In freier Natur' (1895) schaut man auf eine Frau, die auf Wiesen schaut, und meint das Durchatmen zu spüren, das ihren Blick ins weite Grün begleitet. Für Menschen wie sie, die Trägerin eines modernen, korsettfreien Reformkleids, entwarf Riemerschmid zehn Jahre später Hellerau, die erste Gartenstadt in Deutschland, die eine Alternative sein wollte zu steinerner Urbanität."
In der FAS greift Niklas Maak eine Kunstdebatte auf, die von dem Kritiker Dean Kissick in der amerikanischen Zeitschrift Harper's lanciert wurde und - wir hatten damals in der Magazinrundschau auf den Artikel hingewiesen. Kissick beklagt darin eine Banalisierung der Kunst durch Repolitisierung - eine Tendenz, die für ihn mit der Documenta 2017 eingesetzt hat. Maak wittert in Kissicks Kritik eine reaktionäre Agenda: Der Text klinge "ein bisschen sehr nach Trump". "Kissick bündelt sämtliche Reizthemen, mit denen sich die Kunstwelt - die man sich nicht als homogene 'Welt', sondern eher als Ansammlung vieler sich mit Misstrauen beäugender Archipele vorstellen darf - zurzeit herumschlägt: An den Antisemitismus- und Cancel-Debatten rund um die Documenta zerbrachen Freundschaften, ebenso an der Diskussion um Wokeness und Identitätspolitik. Die Reaktionen auf Kissick fielen entsprechend heftig aus." Maak sieht Kissicks Kritik als symptomatisch "liberales Milieu, das die Auswüchse von Wokeness und Identitätsdiskursen maßgeblich für die Wiederwahl Trumps verantwortlich macht". Wir hatten allerdings in der Magazinrundschau angemerkt, dass Kissick auf die die Debatte um die jüngste Documenta gar nicht einging.
Weiteres: In der tazberichtet Harff-Peter Schönherr vom Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus, das drei zuvor unbekannte Gemälde Felka Plateks, der Frau des Namensstifters, erhalten hat, die aus der Zeit stammen, als sich Nussbaum und Platek in Belgien vor den Nazis versteckt hielten. Die nigerianisch-norwegische Künsterlin Frida Orupabo erhielt für ihre Fotografien den Spectrum-Fotografiepreis 2025, berichtet Maxi Broecking in der taz, Orupabos Werke sind im Sprengel-Museum in Hannover zu sehen.
Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ schwärmt der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký von einer Frauenbüste, die in seiner slowakischen Heimatstadt Levoča entdeckt wurde: Die Kunsthistorikerin Marta Herucová fand diese im Archiv des Zipser Museum lagernde Büste der "Cecilia Gonzaga" wieder und stellte fest, dass es sich wohl um einen echten Donatello handelt. Auch wenn es im Moment sonst kaum Gutes aus der slowakischen Kulturszene zu berichten gibt, diese Cecilia ist ein echtes Highligt: "'Sprich, Cecilia, sprich!', würde ich bei der Beobachtung der Marmorbüste am liebsten sagen, die, wie die meisten Donatello-Skulpturen, durch eine seltsame Magie das Phantom des Lebens einzufangen scheint. Sie könnte in seinem beeindruckenden Werk eine der erstaunlichsten sein: so durchsichtig, so lichtdurchlässig! Die Oberfläche scheint zu flimmern, wenn man sich bewegt: als wäre da ein Film in hartnäckigem Marmor konzipiert. Die flachen 'Schiacciato'-Reliefs - das atemraubendste seiner Experimente - sind so leicht, so präzise, so natürlich, so lebendig! Und wie schön diese junge Frau war! Der Kopf ist in seiner Zerbrechlichkeit geisterhaft wie ein Gespenst, und doch stellt das Bildnis eine durchaus lebhafte Persönlichkeit dar. Donatello verstand wie kein anderer seiner Generation, wie man Trauer und Mut im Abbild einer menschlichen Figur verkörpert." Hier kann man ein 3D-Modell von Cecilia bewundern.
Weiteres: Der SchriftstellerMichail Schischkin erinnert in der NZZ an den russischen Bildhauer Ernst Neiswestny, der am 9. April hundert Jahre alt geworden wäre. In der FAZ berichtet Rose-Maria Gropp von einer Online-Auktion des Wiener Dorotheum, bei der 221 Zeichnungen Andy Warhols zu Rekordpreisen versteigert wurden. Besprochen werden die Ausstellung "Connecting Threads" mit Fotografien von Christiane Eisler in der Leipziger Baumwollspinnerei (FAZ), die Ausstellung "Von der Seite in den Raum - Grenzenlosigkeit im zeitgenössischen Comic" im Klingspor-Museum Offenbach (FAZ) und die Ausstellung "Andrea Fraser: Art Must Hang" in der Nationalgalerie Zachęta (FAS).