"Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr": Fünfte Staffel von "Stranger Things" (Netflix) In der Weltkann sich Richard Kämmerlings beim besten Willen nicht vorstellen, dass "ausgerechnet im Zeitalter der Prequels, Sequels, Spin-offs und Remakes" mit dem Ende der finalen Staffel von "StrangerThings" tatsächlich Schluss sein soll mit dem Netflix-Überhit. "Die Recycling-Zyklen für popkulturelle Großphänomene umfassen bekanntlich Jahrzehnte" und diese Serie "ist längst auf diesem Level angekommen. ... Für Paranoia, SupermachtstrebenundgeheimeRegierungslabore wird es auch nach den achtziger Jahren genug Stoff geben. Der Kampf zwischen Gut und Böse hat gerade erst begonnen."
Hat einen guten Riecher für Gesellschaftssatire: "Fallout" geht in die zweite Staffel (Amazon Prime Video) Bis dahin könnten sich Fans von Science-Fiction-Serien mit Horror-Elementen mit der Amazon-Serie "Fallout" nach dem gleichnamigen Computerspiel trösten, die zwar nicht in den Achtzigern, sondern in den Siebzigern spielt - wenngleich des 21. Jahrhunderts. Und sie zeigt auch in der zweiten Staffel wieder, "was mit einer Nation geschieht, die sich in moralisch aufgeladener Selbstgewissheit technokratischer Herrschaft überlässt", schreibt Jannis Holl in der FAZ über diese "kluge Gesellschaftssatire". In dieser Erzählwelt hat es "einen Vietnamkrieg, den Watergate-Skandal oder gar eine Gegenkultur nach dem Zweiten Weltkrieg nie gegeben". Das führt nicht nur zu einer USA, die "gesellschaftlich, ästhetisch und politisch ... in der Selbstherrlichkeit der Eisenhower-Ära der Fünfzigerjahre verharrt", sondern auch zu einem Atomkrieg mit China, "wobei offenbleibt, wer den ersten Atomschlag ausgeführt hat. ... Allein die Erkundung dieser vielfältigen Welt mit ihrer komplexen Geschichte, in der vieles (noch) unbeantwortet bleibt, macht 'Fallout' sehenswert."
Michael Kienzl blickt für den Filmdienst voraus aufs Kinojahr 2026, für das sich wohl ChristopherNolans aufwändige Homer-Adaption "Odyssee" als Publikums-Zugpferd erweisen dürfte. Aber bietet das nicht letzten Endes more of the same? Dagegen "in die Zukunft weist das neue Projekt des für seine hyperkinetischen Actionreißer bekannten MichaelBay. Aktuell arbeitet er an einer Kinoversion der mit Computergrafik animierten, sich oft nur zwischen einer Minute und einer halben Stunde Laufzeit bewegenden Webserie 'Skibidi Toilet'. LebendigeToiletten, aus deren Schüsseln menschliche Köpfe ragen, kämpfen darin gegen Cyborgs, deren Gliedmaßen aus elektronischen Geräten bestehen. Bay war schon immer ein Regisseur, der seine Zielgruppe bei jungen männlichen Zuschauern fand. Man darf also gespannt sein, wie er die Meme-Kultur und kurze Aufmerksamkeitsspanne der Generation Alpha mit der geschlossenen Form eines Kinofilms versöhnen wird. Das Ergebnis dürfte nicht ganz unwesentlich für die Zukunft der großen Leinwand sein."
Archaische Kraft: "Holy Meat" von Alison Kuhn Wenke Bruchmüller spricht in der taz mit der Regisseurin AlisonKuhn über deren Spielfilmdebüt "Holy Meat", das mit offenbar sehr rustikalen Mitteln - "die Schauspielerin HomaFaghiri musste lernen, ein Schwein zu köpfen" - Kirche und Machtstrukturen kritisiert. Im Mittelpunkt steht eine Metzgerin, die ein subversives Theaterstück inszeniert. "Ihre archaische Kraft und Unabhängigkeit waren mir wichtig. Ich wollte eine wütende Frauenfigur zeigen, die trotzdem verschiedene Schattierungen haben darf." Auch "treibt sie als weiblicher Charakter die Handlung voran, was filmisch noch immer selten ist. ... Handlungsmacht wird Frauen von klein auf eher aberzogen statt gefördert. Als Filmschaffende sehe ich es auch als meine Aufgabe, dem etwas entgegenzusetzen - zumal unsere filmischen Narrative noch stark davon geprägt sind, dass es deutlich weniger weibliche Regiepersonen gibt."
Karen Krüger ist in der FAS einigermaßen ratlos angesichts der in den letzten Jahren wiederholt zu beobachtenden Versuchen der italienischen Neuen Rechten, Pasolini vielleicht nicht bei sich einzugemeinden, aber ihn, wie sie sagen, "aus dem Gefängnis der Linken zu befreien. ... Man schafft Verbindungen zwischen Politik und Kultur, aber es wirkt so grob und oberflächlich, dass dem kaum eine ernste Strategie zugrunde liegen kann. Italiens Rechte hat eigentlich genügend intellektuelle Gewährsleute wie Marinetti oder D'Annunzio, auf die sie sich berufen kann. Doch worum geht es dann? Soll einer Ikone der Linken, die einen Gegenentwurf verkörpert, die Strahlkraft genommen werden, indem man sie dem Verdacht aussetzt und so gewissermaßen mit brauner Soße bekleckert? Oder soll Empörung provoziert werden, die Aufmerksamkeit verspricht und linke Kritiker wie engstirnige Gralshüter aussehen lässt?"
Außerdem: Andreas Busche erzählt im Tagesspiegel von seiner Begegnung mit JafarPanahi. Mit Interesse verfolgt Valerie Dirk im Standard, wie aktuelle Filme wie etwa "15 Liebesbeweise" (unsere Kritik) und der in Cannes ausgezeichnete "Die jüngste Tochter" (unsere Kritik) lesbischeLiebesgeschichten erzählen. Besprochen werden KateWinslets auf Netflix gezeigtes Regiedebüt "Goodbye June" (ZeitOnline).
Stephan Klemm unterhält sich in der FR mit dem Filmemacher LarsJessen über dessen Habeck-Porträt "Jetzt. Wohin" (mehr zum Film hier). Ute Cohen spricht für die WamS mit dem Regisseur FrançoisOzon über dessen Camus-Verfilmung "Der Fremde" (unsere Kritik). Im Standardwirft Valerie Dirk Schlaglichter auf die Geschichte des Kinos von der Glanzzeit des Stummfilmkinos vor hundert Jahren bis zum Hollywood in der zweiten Amtszeit Trumps. Besprochen wird CraigBrewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Kate Hudson und HughJackman (SZ).
Jafar Panahi: Ein einfacher Unfall Offiziell darf JafarPanahi im Iran zwar wieder Filme drehen, erzählt er Mariam Schaghaghi im online vorveröffentlichten FAS-Gespräch. An seiner klandestinenDrehmethode aus den Berufsverbotstagen ändere sich dadurch aber nichts, da er keinen Wert darauf legt, sich seine Filme von der politischen Führung genehmigen oder zensieren zu lassen. Für seinen neuen Film "Ein einfacher Unfall", der am 8. Januar in die Kinos kommt, musste er dennoch nicht lange nach Schauspielern suchen, den viele Schauspieler wollten "aus Überzeugung" mitwirken, erzählt er: "Alle, die ich ansprach, sagten sofort zu, nur einer musste aus persönlichen Gründen absagen. Alle anderen interessierte nicht mal die Gage. Sie wollten an einem Werk teilhaben, das Relevanz hat. ... Wir drehten zuerst dort, wo wir unsichtbar waren - in Häusern, Parkhäusern, in der Wüste. Sobald wir auf der Straße unterwegs waren, fielen wir auf. Man verlangte das gesamte Rohmaterial von uns, aber wir hatten vorgesorgt. Einige Crewmitglieder wurden festgenommen, weil man davon ausging, dass ihr Ausstieg den Film zunichtemachen würde. Aber wir hatten schon das meiste im Kasten."
Außerdem: Chris Schinke blickt für den Filmdienst auf die US-Filmbranche im ersten Jahr von Trumps zweiter Amtszeit zurück. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ zum 70. Geburtstag von Mel Gibson. Besprochen werden FrancoisOzonsCamus-Verfilmung "Der Fremde" (Welt, Tsp, unsere Kritik) sowie JohannesLehnens und NoraLudwigs experimenteller Kurzfilm "Bild und Ton gehen auseinander" (Perlentaucher).
Unsentimale Sensualität: "Der Fremde" FrançoisOzons Adaption von AlbertCamus' existenzialistischem Klassiker "Der Fremde" startet in den Kinos. Die Neigung des Regisseurs, seine Filme an große Namen der Filmgeschichte anzulehnen, tritt auch wieder zutage, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "In Bildern karg wie der Neorealismus erinnert der Schwarzweißfilm zugleich an die Anfänge des Existenzialismus im französischen Kino. ... Er belässt der Vorlage in einem reduzierten Stil ihre Rätselhaftigkeit und arbeitet zugleich die Aktualität des anti-arabischen Rassismus heraus. ... In den Liebesszenen schillert eine unsentimentale Sensualität, etwas, das sich den romantischen Spielfilmkonventionen entgegenstellt. Offen, aber frei von Anzüglichkeit, besitzen diese Liebesszenen eine Erotik, die sich an den Oberflächen der Schönheit bricht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Tazlerin Jenni Zylka kommt bei diesem Film selbst noch unter der Sonne Algiers schier das Frösteln: "Er ist ganz Algierduft und Geräusche, ganz Nichtstun und Rauchen, ganz flimmernde Hitze, flatternde Gardine, zerknüllte Laken und (schwarz-weiße) Sonne. ... Wenn man bei Visconti mitschwitzte, so erschauert man bei Ozon. Die Kälte trotz Sonne greifbar zu machen, ist eine der großen Stärken des Films."
"Unübersehbar ist die immer wieder aufscheinende handwerkliche Finesse Ozons", konstatiert auch Michael Kienzl im Perlentaucher, der darin aber nur den Versuch des Regisseurs sieht, sein Publikum für sich einzunehmen und von der Buchstabentreue des Films abzulenken. "Penibel folgt 'Der Fremde' sämtlichen Stationen aus dem Roman. ... Manche Szenen wirken wie lediglich pflichtschuldig abgehakt. ... Mehr gesehen hätte man gern von der so fragilen wie hartnäckigen RebeccaMarder, die als Marie der offensichtlichen Hoffnungslosigkeit mit berührend hilfloser Gutgläubigkeit begegnet. Aber solche Momente bleiben vereinzelte Lichtblicke in einer zu devoten Adaption, deren Buchstäblichkeit ihr zukünftig eine Karriere im Schulunterricht - wo Camus' Roman mitunter Pflichtlektüre ist - ebnen könnte."
Weitere Artikel: Michael Ranze schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf BrigitteBardot (weitere Nachrufe hier). Die Welt hat Elmar Krekelers Porträt des Schauspielers Hans Sigl online nachgereicht.
Besprochen werden AndersThomasJensens schwarze Komödie "Therapie für Wikinger" mit MadsMikkelsen (taz) und CraigBrewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit HughJackman und KateHudson (Standard).
BrigitteBardot ist tot. Die Filmkritiker hängen nochmal buchstäblich an ihren Lippen, "diesen einmaligen Lippen", wie Katja Nicodemus in der Zeit schreibt. Bardots erster großer Erfolg in Roger Vadims "Und immer lockt das Weib" machte 1956 ja auch tatsächlich Epoche: "Nie zuvor hatte man eine Frau auf der Leinwand so tanzen sehen. Brigitte Bardot tanzt wild, enthemmt und ganz für sich. Sie tanzt vor dem Spiegel und an den Blicken der Männer vorbei. Trotzdem wurde der Auftritt zum Sinnbild erotischer Verheißung und Verfügbarkeit."
Fortan stand Bardot zumindest im Kino - privat war sie äußerst konservativ und später eine ausgesprochene Antifeministin - "für eine selbstbestimmte Weiblichkeit", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Doch "war die sexuelle Autonomie, die sich ihre Filmfiguren so selbstverständlich erstritten hatten, ein bestens verkäufliches Produkt im Markt sexualisierter Bilder." Heutzutage "muten die zarte Erotik", aber auch "die Geschichte - Frau flirtet mit unterschiedlichen Männern - etwasaltbacken an", schreibt David Steinitz zu Vadims Film, doch war Bardots Figur im "Kino, in dem damals devote Frauenfiguren ohne eigenen Willen an der Tagesordnung waren, etwas völlig Neues." Ja, "andere Schauspielerinnen galten als geheimnisvoller, vielschichtiger, kunstvoller, klüger", schreibt Cosima Lutz in der Welt. "Deren Kurven wurden drapiert, geschnürt, insrechteLichtgerückt; die athletische Bardot ließ sich vom Wind zerzausen und tanzte ungestüm."
Alles richtig, aber "fast schon ein Allgemeinplatz", findet Georg Seeßlen im taz-Essay über "BB". In Vergessenheit gerate dabei rasch, "was sich zwischen der scheinbar so einfachen und direkten Leinwand- und Presse-Persona, dem um etliches komplizierteren Menschen Bardot und der hochkomplexen Verarbeitung der erotischen Provokation in der liberal-kapitalistischen Welt der fünfziger und sechziger Jahre abspielte". Schon Simone de Beauvoir dachte damals darüber nach und sah in Bardot eine "neue Eva" heraufdämmern. Doch "nicht diese neue Eva war das, was am Ende bleiben sollte, sondern die Erinnerung an das wunderbare Durcheinander, die heilloseaber lustvolleVerwirrung, die sie ... anzurichten imstande war. Die Unruhe, die blieb, auch als aus der realen Brigitte Bardot statt einer neuen Eva eine alte Dame mit schlechter Laune und hochreaktionären Ansichten geworden war."
Jenni Zylka zeichnet in der taz nach, wie Bardot sich spätestens ab Godards "Le mépris" dem männlichen Blick, dem sie einst angedient wurde, immer mehr entzog, bis sie sich 1973 schließlich konsequent von der Leinwand verabschiedete: "In der legendären ersten Szene liegt sie zwar noch nackt neben dem (angezogenen) MichelPiccoli, und fragt ihn, ob und wie sehr er ihre verschiedenen Körperteile mag, lässt ihren Körper dabei gleichsam durch seine Augen entstehen. Doch im Laufe des Films, in dem der Regisseur Paul (Piccoli) seine Kunstidee zugunsten von Kommerz verkauft, wendet sich Bardots Charakter Camille von ihm ab. Sie beginnt, ihn zu verachten; verwandelt sich mit schwarzer Perücke oder Sonnenbrille auch bildlich in eine andere Frau, die den Konsens deutlich verweigert." Ja, pflichtet Andreas Kilb in der FAZ bei: "Dieses Objekt seiner Begierde will sie nicht sein." Der Film steht derzeit übrigens in der Arte-Mediathek.
In französischen Medien ruft man ihr (hier, dort oder hier) besonders auch als Person der politischen Öffentlichkeit nach. Spätestens seit den frühen Neunzigern hatte sie sich immer wieder lautstark für den FrontNational engagiert hat, mit dessen Führungspersonal sie freundschaftlich verbunden war. Mit ihren teils derb formulierten, rechtspopulistischen Äußerungen beschäftige sie auch die französischen Gerichte meist zu ihren Ungunsten. Die deutschen Filmkritiker erwähnen das aus Chronistenpflicht eher nebenbei. Willi Winkler befasst sich in der SZ nochmal damit, wie Bardots Liaison mit Playboy GunterSachs die hiesigen Klatschspalten-Reporter in Lohn und Brot hielt. ZeitOnlinebringt eine Bilderstrecke. Weitere Nachrufe in NZZ und Standard. Außerdem hat Arte einen Videoessay über Bardot online.
Themenwechsel: Rüdiger Suchsland wünscht sich auf Artechock fürs neue Jahr mehrwaghalsige, Aufsehenerregende, spektakukläre Filme - und zwar insbesondere im Independentbereich, der seine Rolle als aufregender Innovator des Kinos in den letzten Jahren arg hat schleifen lassen. "Kino ist kein gedämpfter Spaß, sondern Ekstase, HighundLow. Der wohltemperierte Akademismus und dasmanufactum-haftevielerheutigerFilme, ihre Furcht, irgendwo anzuecken, interessiert stattdessen nur die Minderheiten des universitären Spektrums und das, was vom Bildungsbürgertum noch übrig ist. Wirkungsvolle Filme überschreiten aber Klassengrenzen."
Weiteres: Willi Winkler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den New Yorker Regisseur AmosPoe. Die Zeit hat Timo Posselts Gespräch mit JudiDenchonline nachgereicht. Die FAZkürt die besten Serienmomente des Jahres. Besprochen wird AndersThomasJensens "Therapie für Wikinger" mit MadsMikkelsen (NZZ).
Hanns-Georg Rodek ärgert sich in der Welt über die Betonköpfe beim Bundesamt für Migration, die den Asylantrag des iranischen Regisseurs JafarNajafi abgelehnt haben: Während er sich wegen eines Filmfestivals in Deutschland aufhielt, wurde in seiner Heimat seine Wohnung durchsucht und Filmmaterial beschlagnahmt. "In sozialen Netzwerken erhielt Najafi daraufhin Drohungen, er ist offenbar ins Visier der Revolutionsgarden geraten", doch was Najafi in den Augen des Bundesamtes fehlte, "waren handfeste Beweise für seine Gefährdung, wie ein Haftbefehl oder eine Verurteilung. Doch die gibt es selten. Die Unterdrücker vom Regime gehen subtiler vor, wenn die fragliche Person eine gewisse internationale Bekanntheit besitzt, mit Drohungen im Netz, Passentzug, Durchsuchungen, Vorladungen, Verleumdung. ... Von den Großen des iranischen Kinos lebt und arbeitet kaum mehr einer in der Heimat."
Dazu passend läuft ab dem 8. Januar JafarPanahis aktueller, erneut unter klandestinen Bedingungen gedrehter Film "Ein einfacher Unfall" in den deutschen Kinos an. Der Film handelt von einem ehemaligen Insassen eines iranischen Foltergefängnisses, der wieder in Freiheit seinen früheren Peiniger zu erkennen glaubt. "Politische Gefangene entwickeln während der Haft starke innere Bilder", sagt der Regisseur im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser. "Oft sind ihnen die Augen verbunden, sie sehen ihre Verhörer nicht. Die Vorstellungskraft arbeitet ununterbrochen: Wie sieht dieser Mensch aus? Würde ich ihn draußen erkennen? Kenne ich ihn vielleicht? Diese Fragen begleiten fast alle politischen Gefangenen. Als ich 2022/23 im Gefängnis war, wurden meine Ohren extrem empfindlich. Ich konnte Menschen allein an ihrer Stimme erkennen."
Georg Seeßlen denkt in einem epischen und schön mäandernden Jungle-World-Essay über Schönheit im Film (aber auch: über schöne Filme) nach. Die findet man zwar nicht nur, aber eben auch dort, wo das geschmackssichere juste milieu sonst eher nicht hinsieht, etwa im Heimatfilm, wo die Alpen noch vor ihrer touristischen Erschließung zu sehen sind. "Filme sind in gewisser Weise Container von Partialschönheiten, erfüllt mit der bereits anerkannten Schönheit von Landschaft, Menschen, Architektur, Objekten, Farben und Formen, für die man sogar Hässliches und Dummes drumherum in Kauf nimmt; jedenfalls wenn man kein cineastischer Puritaner ist. ... Die Schönheit im Film ist Verwandlung einer primären Schönheit in eine sekundäre, und wie mit dem Schönheitsvorrat der Künste geschieht das auch mit der Schönheit menschlicher Erscheinungen, Körper, Gesten, Physiognomien und Selbstinszenierungen. DavidBowie zum Beispiel war im Film so schön, weil er es verstand, seine Bühnen-Persona cineastisch zu transformieren, ohne sie vollständig vergessen zu lassen."
Die meisten denken hier wahrscheinlich an Bowies "Mann, der vom Himmel fiel", wer in den Achtzigern Kind war, erinnert sich eher an Bowie als sardonisch-verführerischer Koboldkönig im Fantasyklassiker "Labyrinth":
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Kamil Moll spricht für den Filmdienst mit HafsiaHerzi über deren (im Perlentaucher von Robert Wagner besprochene) Verfilmung von FatimaDaas' "Die jüngste Tochter" (mehr zum Film bereits hier). Marian Wilhelm plaudert für den Standard mit MadsMikkelsen, der aktuell in dänischen Komödie "Therapie für Wikinger" im Kino zu sehen ist (Besprechungen des Films bringen Welt und FAZ). Judith von Sternburg schreibt in der FR einen Nachruf auf den TV-Schauspieler Uwe Kockisch. Rainer Moritz (NZZ) erinnert an HildegardKnef, die morgen vor hundert Jahren geboren wurde. Dlf Kulturspendiert aus diesem Anlass eine "Lange Nacht" über die Knef von Sylvia Roth. Bereits heute hundert Jahre alt würde MichelPiccoli, an den Ralph Eue in der NZZerinnert. Arno Widmann rekonstruiert in der FR die Umstände, als "Der Kommissar" 1969 in die Flimmerstuben der Bundesrepublik trat (hier alle Folgen des Fernsehklassikers in einer Youtube-Playlist vom ZDF).
Besprochen werden TomGormicans Trashfilm-Remake "Anaconda" mit JackBlack und PaulRudd (Perlentaucher, Standard, Welt), Philipp Stölzls "Der Medicus II" (Welt), die Mehrteiler "Ku'damm 77", der für heute in der ZDF-Mediathek erwartet wird (Tsp) und CraigBrewers "Song Sung Blue" (NZZ).
"Die jüngste Tochter" von Hafsia Herzi HafsiaHerzi erzählt in "Die jüngste Tochter" nach dem gleichnamigen Roman von FatimaDaas vom lesbischenBegehren einer jungen Frau, die in den Banlieues aufwächst. Der Film ist gelungen, schreibt Ekkehard Knörer auf critic.de: Die Regisseurin neigt zwar "zum Unterspielen der dramatischen Verwicklungen. In einzelnen Szenen kann schon mal was eskalieren, aber einer knotenschürzenden Aktlogik unterwirft sich das am Ende grundsätzlich nicht. ... Im Kern ist es ein Kino der engen Kadrage, die Körper, Mienen, Stimmungen und Atmosphären verdichtet. Und in dieser Verdichtungen Freiräume sucht und, mehr noch, lässt: Das ist eindrucksvoll, wenn sie, wie in ihrem Debüt, sich als ständig präsente Darstellerin selbst auf die Suche nach der Wahrheit jeder einzelnen Szene begibt. Noch beeindruckender aber ist es, wie sie ihre nicht-virtuosenLaiendarstellerinnen dabei führt - und nicht führt, ihnen vielmehr die Sicherheit gibt, sich selbst in die Suche nach dem Variieren des eigenen Selbst in der dargestellten und angeeigneten Figur hineinzuvertrauen." Für die tazbespricht Arabella Wintermayr den Film. Nachgereicht aus der taz von gestern und da von uns etwas voreilig unter Kunst subsumiert: Tazler Tilman Baumgärtel hat im Museum Nikolaikirche in Berlin eine sehr reizvolle Film-Ausstellung ausfindig gemacht. In einer "spektakulären Gerüstkonstruktion" im Kirchenschiff laufen hier Dokumentarfilme über Berlin aus den Jahren 1982 bis 2024, darunter "tolle Archivschätze". Im Grunde handelt es sich um "eine Dauer-Retrospektive, bei der das Material nicht in der Zeit montiert ist, sondern im Raum. Und wenn man sich mit Funkkopfhörern auf dem Kopf von einem Bildschirm zum nächsten bewegt, entstehen so verblüffende Zusammenhänge und Assoziationen." Zu erleben ist "eine historische 'Symphonie der Großstadt' von zum Teil lange vergessenen Ereignissen, die hier zwischen den LED-Bildschirmen Gestalt annimmt." Schade, dass sowas im Fernsehen nicht mehr gezeigt wird, findet Baumgärtel.
Tobias Sedlmaier geht in der NZZ dem Phänomen des an kein Genre gebundenen Weihnachtsfilms auf den Grund. Kitsch gibt es darin zwar am laufenden Meter, "aber noch mehr: Weihnachtsfilme rücken unsere Weltsicht wieder gerade, justieren die moralische Kompassnadel. Sie sind eine Zuflucht vor den Zumutungen der Welt, eine Gewissheit, dass es universell verständliche Werte gibt und Halt, selbst für die Verlorenen und Verkorksten. ... Klassiker wie FrankCapras'It's a Wonderful Life' oder 'Drei Haselnüsse für Aschenbrödel' entwerfen moralischeUtopien, in denen Güte und Bescheidenheit letztlich triumphieren." Capras Film war im übrigen erst ein Flop, bevor er zum ewigenWeihnachtsklassiker avancierte, wie Matthias Heine in der Weltergänzt.
Weiteres: Die FAZkürt die besten Filme des Jahres. Besprochen werden LucilleHadžihalilovićs Kunstmärchen-Film "Herz aus Eis", der FR-Kritiker Daniel Kothenschulte in goldenen Erinnerungen an tschechische Märchenfilme schwelgen lässt, Eva Victors "Sorry, Baby" (critic.de, unsere Kritik), EdgarReitz' nun auch in Österreich startender "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes" (Standard), Philipp Stölzls "Der Medicus 2" (Standard) und die Netflix-Miniserie "Man vs Baby" mit RowanAtkinson (NZZ).
In einem längeren Essay für 54books ist Wieland Schwanebeck ziemlich erstaunt darüber, dass JamesCamerons "Avatar"-Filme (hier unsere Kritik zum aktuell dritten Teil) zwar zuverlässig alle Rekorde brechen, aber abseits dieser Kino-Eventhaftigkeit alle paar Jahre weder in die Popkultur und auch nicht so recht in die Alltagswelt diffundieren, sondern allerhöchstens in die DVD-Grabbelkisten vom Flohmarkt: "Es scheint mir durchaus plausibel, dass die Filmreihe, die zu Weihnachten zuverlässig die ganze Familie ins Kino gelockt hat, irgendwann von ihrer Eventhaftigkeit eingeholt wird und ganz aus unserem Leben verschwindet. ... Bedenkt man, dass Avatar auch Rekorde beim DVD-Verkauf gebrochen hat, scheint das zwar absurd - andererseits ist mir aus dem Studium der Literatur des 19. Jahrhunderts nicht zuletzt hängengeblieben, wie schwer sich heute noch Exemplare der bestverkauften Titel der damaligen Zeit (geschweige denn Neuauflagen) auftreiben lassen."
Außerdem: Für die Weltporträtiert Marie-Luise Goldmann die Regisseurin ClaraZoëMy-LinhvonArnim, die die umstrittene ARD-Serie "Mozart/Mozart" inszeniert hat. Niklas Lotz wirft für den Filmdienst einen Blick auf Leben und Werk von KateWinslet, die mit "Goodbye June" ihr Regiedebüt vorlegt. Katja Nicodemus plauscht für die Zeit mit dem Schauspieler MadsMikkelsen, der sein Glück gar nicht fassen kann, dass er wirklich Mads Mikkelsen ist: "Manchmal darf ich sechs Monate lang mit einem Schwert und einem Bogen auf einem Pferd sitzen und werde dafür bezahlt." Und die Agenturen melden, dass der trump-nahe Multimilliardär LarryEllison für das von Warner wegen Unsicherheit des Betrags abgelehnte Übernahmeangebot von Paramount nun persönlich mit seinem Vermögen bürgen will.
Besprochen werden AmazingAmezianes Comicbiografie über MartinScorsese (FD), HafsiaHerzis "Die jüngste Tochter" (Tsp), ein Filmbuch zu den Dreharbeiten von EdgarReitz' Film "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes" (FD) und die ARD-Serie "Schwarzes Gold" (taz).
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