Die Manns in Cannes: Paweł Pawlikowskis "Vaterland" Sandra Hüller ist demnächst im Kino nicht nur Ingeborg Bachmann, sondern auch ganz aktuell in PawełPawlikowskis in Cannes im Wettbewerb gezeigtem "Vaterland" ErikaMann, mit HannsZischler als Thomas und AugustDiehl als KlausMann an ihrer Seite. Es geht um eine Reise in Schwarzweiß von Frankfurt nach Weimar, quer durchs kriegszerstörte Deutschland im Jahr 1949. Die Kritiker sind begeistert: Der polnische Regisseur "ist ein Meister und ein Choreograf von Schwarz-Weiß-Bildern", schreibt Katja Nicodemus in der Zeit. "Licht und Schatten modellieren zwei Gesichter, die sich immer wieder zurechtfinden, ihre Umgebung lesen, begreifen müssen. Obwohl doch alles unbegreiflich ist." Und "Sandra Hüller verleiht ihrer dienstfertigen Allesreglerin eine untergründige Fragilität. Und eine enorme Power. Hanns Zischler spielt Thomas Mann nicht, er skizziert ihn. Beiläufig, präzise, elegant. ... 'Vaterland' ist ein Schauspielerfilm in einer Untergangslandschaft, ein knapper, genauer Film, zusammengesetzt aus Miniaturen."
Dem kann Jan Küveler in der Weltnur beipflichten: "Selten hat man deutsche Schauspieler so fantastisch gesehen." Doch "bei aller Eindrücklichkeit lassen die Bilder Raum zum Denken. Pawlikowski hält Gefühl und Analyse in eleganter Balance. Weil das Drehbuch nur andeutet, wo andere auserzählen, ist es möglich, dass drei Zuschauer den Film jeweils ganz anders sehen. Ist Thomas Mann ein Schuft, ein Genie oder beides?" Pawlikowski "geht es auch um die Frage, was Künstler tun müssten, wenn der Faschismus an die Macht kommt", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Sollten sie das Land verlassen? In die innere Emigration gehen? Offen Widerstand leisten? Thomas Mann muss sich beim Empfang in Frankfurt diese Fragen gefallen lassen."
In Cannes lief der Film "L'Abandon" über die Geschichte des Lehrers Samuel Paty, der bekanntlich von einem Islamisten enthauptet wurde. Der Film bewahrt eine große Nüchternheit, erzählt Lison Chambe auf der Website des Senders Franceinfo, er respektiere sozusagen mit mathematischer Genauigkeit den Ablauf der Ereignisse. "Der Ansatz besteht darin, jeder der in diesen Strudel geratenen Personen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ihnen ein Gesicht, eine Geschichte und Handlungen zu geben. Samuel Paty wird zunächst von Antoine Reinartz verkörpert, dessen Gesichtszüge so weit wie möglich denen des Lehrers nachempfunden wurden. Die meisten seiner Dialoge und Gedanken stammen aus E-Mail-Korrespondenzen und Gesprächen, die von seinem Umfeld geschildert wurden. Antoine Reinartz spielt mit viel Geschick einen angeschlagenen, nervösen, aber von seinen Werten überzeugten Mann. Einen Mann, der sich nach und nach zurückzieht, während die Bedrohung wächst, ohne jedoch deren Ausmaß richtig einschätzen zu können."
Mehr von der Croisette: tazler Tim Caspar Boehme führt kursorisch durch die Wettbewerbsfilme der ersten Tage. Josef Lederle resümiert im Filmdienst die Eröffnungsgala. David Steinitz (SZ) und Andreas Busche (Tsp) porträtieren PeterJackson, der in Cannes für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.
Weitere Artikel: Andrey Arnold spricht für die Presse mit Annemarie Jacir über deren Film "Palästina 36" (mehr zu den groben Verzerrungen und Unterschlagungen des Films an dieser Stelle). Besprochen werden JuliaWindischbauers Roadmovie "Callas, Darling" (Standard), KyleBaldas Schafskrimi "Glennkill" (Welt) und Jonas Ulrichs Black-Metal-Drama "Wolves" (NZZ).
Sorgt in Cannes nicht gerade für Begeisterungsstürme: Pierre Salvadoris "La Vénus électrique"
Einmal mehr zaubert Cannes einen großen Namen nach dem nächsten aus dem Hut - umso erstaunter ist Zeit-Kritikerin Katja Nicodemus dann, dass der gestern Abend (wenngleich außer Konkurrenz) gezeigte Eröffnungsfilm eine derartige Pleite ist: PierreSalvadoris "La Vénus électrique" ist ein "wirklich plumpes Liebesdrama", rund um Jahrmarkt, Schausteller, Illusionen und die Liebe. "Fantastische Schauspieler und Schauspielerinnen (Gilles Lellouche, Anaïs Demoustier) spielen sich zu faden Drehbuchsätzen die Seele aus dem Leib, rumpumpelige Walzer versuchen, die doppelt und dreifach erzählte Geschichte zusammenzuhalten. Das Beste, was man über La Vénus électrique sagen kann, ist, dass ein Festival ja irgendwie anfangen muss, um loszugehen." David Steinitz in der SZ ist gnädiger: Zu sehen war "eine Liebesgeschichte im verrauchten Künstler- und Gauklermilieu der Jahre zwischen den Weltkriegen, kein Mainstreamkitsch, aber auch nicht allzu filmfestivalverkünstelt". Ingesamt "ein Melodram im besten Sinne, komisch, tragisch, rührend, und ein mehr als würdiger Cannes-Opener".
Mehr von der Croisette: Tim Caspar Boehme berichtet in der taz von der Auftaktpressekonferenz mit Festivalleiter ThierryFrémaux. Pamela Jahn spricht in der NZZ mit Volker Schlöndorff, der seinen Film, die gleichnamige Verfilmung von JennyErpenbecks Roman "Heimsuchung", in einer Nebenreihe des Festivals zeigt.
Abseits der Croisette: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit LászlóNemes über dessen neuen Film "Andor Hirsch", in dem der ungarische Autor die Geschichte seiner Familie erzählt. Kristina Jaspers denkt im Filmdienst über Silke Buhrs ganz bewusst ahistorisch gehaltenes Szenenbild von HagaiLevisArte-Serie "Etty" nach, die von der 1943 in Auschwitz ermordeten Niederländerin EttyHillesum erzählt. Critic.dedokumentiert Annette Brauerhochs in der Reinl-Retrospektive des Berliner Zeughauskinos gehaltenen Vortrag zu HaraldReinls Kriegsfilmen der Fünfziger. Andreas Lebert und Stephan Lebert sprechen in der Zeit mit dem deutschen Filmproduzenten NicoHofmann. David Steinitz plaudert für die SZ mit PedroPascal und SigourneyWeaver, die im neuen "Star Wars"-Film "The Mandalorin and Grogu" zu sehen sind.
Besprochen werden DavidDietls "Ein Münchner im Himmel" (critic.de) und Annemarie Jacirs "Palästina 36" (Standard, mehr dazu bereits hier).
Heute beginnen die Filmfestspiele in Cannes - und die Kritiker sind kurz vor Abflug an die Croisette schon mächtig aufgeregt: "Kaum zu glauben, dass Festivalchef Thierry Frémaux in den vergangenen Wochen von seinem 2026er-Jahrgang als 'Übergangsphase' sprach", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Ein Blick auf die Liste der in den großen Reihen vertretenen Regisseurinnen und Regisseure wirkt jedenfalls, als mache das Cannes-Filmfestival seinem Ruf, die Crème de la Crème des internationalen Autorenkinos zu versammeln - den state of the art der Kinokunst -, erneut alle Ehre. ... Den Begriff der 'Übergangsphase' bezieht Frémaux ausdrücklich auf die amerikanische Filmindustrie, die sich nach Covid, Streiks, Großfeuern, Trump, Studio-Fusionen und zunehmend risikoaversen Großproduktionen erst wieder konsolidieren muss." Tatsächlich stammen rund drei Viertel der Wettbewerbsfilme aus Europa, bemerkt Tim Caspar Boehme in der taz.
Angesichts dessen findet es David Steinitz in der SZ sehr imponierend, dass Frémaux sich weiterhin weigert, Netflix-Filme ins Programm aufzunehmen, solange der Streamer das Kino derart gering schätzt. Denn 2026 läuft auch "kein einziger neuer Film, der von einem der großen Studios stammt, von Disney, Warner, Paramount oder Universal. Steht Cannes also ein ähnlicher Niedergang wie der Berlinale bevor, wo der Glamour schon seit Jahren flöten gegangen ist und stattdessen absurdeNahostkonflikt-Diskussionen den Diskurs mehr bestimmen als die Filme, die gezeigt werden? Die schnelle Antwort: Nö. ... Zum Glück für das Festival gibt es in den USA auch jenseits des Studiosystems eine sehr lebendige Indie-Filmszene, die auch Stars anzieht, die normalerweise zweistellige Millionengagen kassieren."
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist schon gespannt, wie die Jury wohl ValeskaGrisebachs in Bulgarien gedrehten deutschen Wettbewerbsbeitrag "Das geträumte Abenteuer" finden wird, und denkt darüber nach, was nationale Zugehörigkeit im Zeitalter globalisierter und von Exilbewegungen geprägter Filmproduktion noch bedeutet. "Der Pole PawelPawlikowski ist mit dem deutschsprachigen Film 'Fatherland' vertreten - HannsZischler spielt den Schriftsteller Thomas Mann, SandraHüller seine Tochter Erika, und AugustDiehl ist als Klaus Mann zu sehen. Russische und iranische Filmemacher sind im Wettbewerb mit Werken vertreten, die sie im Ausland drehten: AndrejZwiaguintsev drehte das Russland des Jahres 1922 für sein Politik- und Wirtschaftsdrama 'Minotaur' in Lettland, Frankreich und Deutschland. Und AsgharFarhadi, der erst spät, während der Kopftuchproteste auf Distanz zum iranischen Regime ging, zeigt mit Histoires parallèles ein französisches Drama um eine Schriftstellerin."
Weiteres: Kathrin Häger resümiert im Filmdienst den deutschen Wettbewerb bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen. Johannes Wolters spricht für den Filmdienst mit dem Animationsfilmer NathanGreno. Rahel Bueb berichtet in der taz von einem Berliner Gedenkabend zu Ehren von BélaTarr. Besprochen wird Florian Heinzen-Ziobs Dokumentarfilm "Das Gewicht der Welt" über Forscher, die an der Entwicklung des Klimas verzweifeln (FAZ).
Szene aus "Palästina 36" Annemarie Jacirs historisches Drama "Palästina 36" erzählt vom Arabischen Aufstand von 1936 bis 1939, interessiert sich dafür aber nur insofern, da "er ein paar Talking Points illustriert, die in gegenwärtigen Debatten über den Nahostkonflikt immer wieder bemüht werden", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Die jüdischen Neuankömmlinge sind die 'Fremden', als hätte nie zuvor ein Jude in der Region gelebt", während die antisemitischen Pogrome in den Zwanzigerjahren unerwähnt bleiben, wie auch "dass der Auslöser des Arabischen Aufstands 1936 nicht etwa die Ermordung eines arabischen Bauern (wie im Film), sondern der gewaltsame Tod von zwei Juden gewesen war". Bodenlos wird der Film, wenn er einen "(halb-fiktiven) Muslimrat" zeigt, der zwar ans Arabische Hohe Komitee angelehnt ist, welches gegen die jüdische Einwanderung wetterte, hier aber als "Marionette der Zionist Commission for Palestine" dargestellt wird. "Eine gewagte antisemitischeVerschwörungstheorie, die kaum weiter von der Realität entfernt sein könnte."
Matthias Dell fragt für ZeitOnline bei Erin Högerle und Jörg Himstedt nach, die den derzeit sehr gefeierten hessischen "Tatort" redaktionell betreuen, wie es ihnen gelungen ist, mit ihrem neuen Duo Azadi/Kulina Publikum und Kritik gleichermaßen zu begeistern. Die früher ebenfalls migrantisch geprägten hessischen Filme verfingen indessen weit weniger. "Vielleicht war die Zeit noch nicht reif", sagt Himstedt. "Diversity im deutschen Fernsehen hat für mich gefühlt viel mit Abhaklisten zu tun. Mittlerweile gibt es den ketzerischen Begriff des 'Woke-Washings': der eine PoC hinten rechts an der Schreibmaschine etc. Wir wollten das anders machen, also ein migrantisches Ermittlerpaar und nicht einen Bio-Deutschen dazu, damit alle Beteiligten zufrieden sind. Außerdem reden wir da von Leuten, die hier geboren sind. Das mögen manche nicht gerne hören, aber wir reden hier von Bürger:innendiesesLandes."
Weitere Artikel: Jana Weiss spricht für den Tagesspiegel mit dem Schauspieler TomKeune, der in "Nürnberg" (hier besprochen in der Jungle World, dort unsere Kritik) einen Nazi spielt. Besprochen werden KarimAïnouz' "Rosebush Pruning" (Standard, unsere Kritik), CharlotteDevillers' und ArnaudDufeys' Familiendrama "Wir glauben euch" (taz) und eine Neuadaption von IsabelAllendes "Das Geisterhaus" in Form einer Amazon-Serie (NZZ).
Lächelnde, weiche Lippen: Valerio Zurlinis Blick auf Alain Delons Blick Das frisch wiedereröffnete Berliner Kino Arsenal widmet seine erste Retrospektive dem italienischen Regisseur ValerioZurlini. Der hat "nie einen Film zweimal gedreht" und ja sowieso insgesam nur acht, aber "jeder einzelne ist die Entdeckung wert", schreibt Lukas Foerster auf critic.de: "Den wechselnden Moden der kommerziellen Produktion steht sein Werk fern; zur mit sich selbst identischen Autorenfilmer-Marke ist er allerdings auch nie geworden." Am ehesten ist er ein Regisseur der Blicke, schreibt Foerster: "Lieben heißt" bei ihm oft, "einen Menschen anzublicken. Besonders oft blickt AlainDelonSoniaPetrovna an. ... Es ist ein Blick, der Veränderung negiert, Zeit stillstellt und den Blickenden in einer ewigen Gegenwart einschließt. Fast immer ist es ein männlicher Blick, aber fetischisiert wird nicht das weibliche Blickobjekt, sondern das männliche Blicksubjekt. So makellos schön Sonia Petrovna ist: 'La prima notte di quiete' ist in erster Linie ein Film über die Sehnsucht in Alain Delons Augen, über das offene Lächeln, das seine weichen Lippen umspielt."
Weiteres: Die Schauspielerin Q'oriankaKilcher verklagt JamesCameron, dem sie vorwirft, ihre Gesichtszüge als 16-jährige Pocahontas aus Terrence Malicks "The New World" ohne Absprache für seine "Avatar"-Filme verwendet zu haben, meldet Andreas Busche im Tagesspiegel: "Der Vorwurf ist auch deshalb brisant, weil Cameron sich mit seinen 'Avatar'-Filmen als Verteidiger der Rechte indigener Menschen einen Namen gemacht hatte." Susanne Gietl spricht für den Filmdienst mit der Schauspielerin TrineDyrholm.
Besprochen werden die Ausstellung "Inventing Queer Cinema" in der Deutschen Kinemathek in Berlin (FD, Tsp), MahnazMohammadis iranischer Film "Roya" (FAZ, hier und dort unsere Resümees von Gesprächen mit der Regisseurin), ValeryCarnoys Boxer-Jugenddrama "Wild Foxes" (critic.de), CharliePolingers "The Plague" (critic.de) und David Dietls "Ein Müncher im Himmel" ("Die Geschichte zieht sich zäh von Gag zu Gag", gähnt Manuel Brug in der WamS).
Sehr beeindruckt ist Rüdiger Suchsland auf Artechock von LanaDahars Essayfilm "Do You Love Me?", der komplett aus Archiv- und Found-Footage-Material bis zu privaten Super8-Aufnahmen zusammengesetzt ist. Es geht um die Erinnerung an Libanon und Beirut in früheren Zeiten. Es ist "ein Versuch, den Gedächtnisverlust auszugleichen, und eine Art kollektiven Erinnerung zu rekonstruieren, zugleich einen Gegenentwurf zu den dominierenden, von Ideologie und religiöser Identitätspolitik durchtränkten, revanchistischen, oft rassistischen Geschichten zu bieten, die die Welt in allzu einfache Gegensätze, in Gut und Böse, richtig und falsch unterteilen." Darin zeigt sich "auch ein spielerischer Blick, der die Macht der Bilder belegt und Geschichten uminterpretiert, ihnen neue Bedeutungen verleiht - eine Rekonstruktion, die nicht nur historisch, sondern vor allem emotional ist. ... Das Ergebnis ist ein Hohelied auf die Kraft der audiovisuellen Erinnerung. Die Kraft des Kinos."
Weitere Artikel: Dunja Bialas spricht für Artechock mit den neuen Leiterinnen des Münchner DOK.Festes. Nora Moschuering hat für Artechock ins Programm des Festivals geschaut. Benedikt Guntentaler resümiert für Artechock die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Joachim Heinz spricht für den Filmdienst mit der Schauspielerin DagmarManzel, die aktuell in WelfReinharts "Der verlorene Mann" im Kino zu sehen ist. Im Standardporträtiert Marian Wilhelm IsabelleHuppert. In der FAZ gratuliert Petra Ahne dem Naturfilmer DavidAttenborough zum hundertsten Geburtstag. Besprochen werden James Vanderbilts "Nürnberg" mit RussellCrowe als HermannGöring (Perlentaucher, Standard, Artechock), CharlotteDevillers' und ArnaudDufeys' "Wir glauben euch" (Artechock) sowie ValéryCarnoys französisches Boxerdrama "Wild Foxes" (SZ).
"Nürnberg" von James Vanderbilt In JamesVanderbilts "Nürnberg" mit RussellCrowe und einer gewaltigen Bauchprothese, die gemeinsam HermannGöring spielen, "hat das Klischee früh ... gewonnen", ärgert sich Daniel Kothenschulte in der FR. Der Film basiert auf Jack El-Hais Sachbuch "Der Nazi und der Psychiater" und handelt von den Gesprächen, die Douglas M. Kelley mit Göring geführt hat. Zu sehen ist im Film vor allem "Kulissenkino", bei dem "nicht viel zum 'Schweigen der Lämmer'" fehle. "Aber ist nicht auch das Weitertragen wohlig-gruseligerKlischees ein Dienst an den Tätern? In einer Reihe sich dramatisch steigernder Wortduelle kommen sich die beiden Protagonisten näher, indem sie versuchen, einander aufs Glatteis zu führen. Psychologie und verbale Manipulation gehen hier in oberflächlicher Verkürzung eine Verwandtschaft ein." Andreas Busche ist im Tagesspiegel entsetzt über diesen "Film, der die Nazis auf einer ganz menschlichen Ebene zu verstehen versucht. Ein infamesStückErinnerungskultur."
Arabella Wintermayr sieht es in der taz völlig anders: "Auf erzählerischer Ebene schafft James Vanderbilt etwas Gewichtiges, woran die meisten Mainstream-Produktionen über die Schrecken des Nationalsozialismus scheitern. Während dort die NS-Verbrecher oft zu stilisierten, comicartig überzeichneten Supergegnern werden, die beinahe einem Marvel-Streifen entsprungen sein könnten, wagt sich 'Nürnberg' tatsächlich näher an einen Gedanken heran, wie ihn HannahArendt im Kontext des Eichmann-Prozesses formuliert hat: dass das Böse oft erschreckend banal in Erscheinung tritt und eben keinen Monstern, sondern gewöhnlichen Menschen entspringt."
Weitere Artikel: Ipke Cornils stellt in der Jungle World die Kinoarbeit von SamuelIsrael vor, der als Programmleiter der Kinemathek Karlsruhe seit dem 7. Oktober2023 regelmäßig israelischeFilme zeigt. Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit Stefanie Schulte Strathaus über die Wiedereröffnung des Kino Arsenals im Berliner Wedding. Die erste Retrospektive dort ist dem italienischen Regisseur ValerioZurlini gewidmet, über dessen Filme Sara Piazza in der tazschreibt. Jan Küveler durchleuchtet in der Welt den neuen Trailer zu ChristopherNolans "Odyssee". Im Zeit-Gespräch spricht ChristianPetzold über seine Leidenschaft fürs Achterbahnfahren. Tobias Sedlmaier (NZZ) sucht aus der Filmgeschichte in der Schweiz gedrehte Filme heraus.
Besprochen werden ZinniniElkingtons dänisches Krankenhausdrama "Nachbeben" (FR), WelfReinharts Demenz-Liebesdrama "Der verlorene Mann" (Welt, FD), die Apple-Serie "Only Margo" (Jungle World), die DVD-Ausgabe von UbertoPasolinis Odyssee-Interpretation "Rückkehr nach Ithaka" (taz), MarkusSchleinzers "Rose" mit SandraHüller (NZZ, unsere Kritik), die auf Disney+ gezeigte Serie "Die Zeuginnen", die ein Spin-Off von "The Handmaid's Tale" darstellt (FAZ) und die auf Netflix gezeigte Actionthriller-Serie "Man on Fire" (FAZ). Außerdem blicken Tagesspiegel und Filmdienst auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.
Ein Guckkasten, der Geheimnisse preisgibt: Igor Zelićs Kurzfilm "Opera" Bei den InternationalenKurzfilmtagenOberhausen wurde IgorZelićs "Opera" mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Hauptpreis des Wettbewerbs. FAZ-Kritiker Bert Rebhandl fand den Film sehr faszinierend: "Er präsentiert eine nächtliche Szene, in der man sich erst einmal zurechtfinden muss. Denn sie gibt sich nur in dem Maß zu erkennen, in dem Lichtquellen einen Teil des Bildes erhellen. Bäume, Häuser, ein Kiesweg - alles bleibt geheimnisvoll, zumal der Ton nur Umgebungsgeräusche enthält. Diese 'Geschichte', die im Erzählkino in der Regel mit menschlichen Figuren und mit Natur und Gesellschaft zu tun hat, weitet sich bei Zelić auf eine der Künste insgesamt. Unwillkürlich beginnt man seinen Film anzuschauen wie ein Gemälde. Die klassische Malerei hat die raffiniertesten Sachen mit einem 'Licht' gemacht, das immer Auftrag auf eine Leinwand war. Auf diese Kunst bezieht sich 'Opera', überträgt sie aber auf Lichtsetzung als eine wesentliche Aufgabe beim Filmemachen. Bei Zelić bewegt sich die Kamera nicht, sodass der Effekt eines Guckkastens entsteht, der allmählich Geheimnisse preisgibt." In der FRresümiert Daniel Kothenschulte das Festival. Im Interview mit der tazsprichtLanaDaher über ihren komplett aus Archivmaterial zusammengestellten Porträtfilm "Do You Love Me" zum Libanon und Beirut. Zu ihrer Heimat hat Daher durchaus ein angespanntes Verhältnis: "Ich hatte die Vorstellung, dass wir uns alle lieben. Dass es der Krieg anderer auf unserem Land ist, der den Kampf verursacht. Aber innerlich haben wir so gegensätzliche Ansichten zu allem. Mir ist klar geworden, wie gewalttätig meine Heimat ist und dass viele libanesische Konfessionen einander hassen. Wir streiten immer darum, wie sehr wir das Land lieben, aber es ist nicht so, dass jede Gruppe den Libanon um des Libanon willen liebt, sondern eher für sich selbst."
Weitere Artikel: Lilly Schröder stellt in der taz das queere Berliner Kollektiv "Cinema of Disobedience" vor, das dem Festival- und Kinobetrieb unter anderem vorwirft, Queerness als "Token" zu benutzen. Marian Wilhelm stimmt im Standard auf das Frühlings-Zwischenspiel des auf Blut und Beuschel spezialisierten Slash-Filmfestivals in Wien ein. Besprochen wird James Vanderbilts "Nürnberg" mit Russell Crowe als Hermann Göring (SZ, FAZ).
"Die Abwehrschlacht des Menschen hat begonnen", schreibt Jürgen Kaube in der FAZ. Nicht um Kampfroboter wie einst bei "Terminator" geht es, sondern um KI in Hollywood: Per KI generierte Schauspieler und Drehbücher sind künftig von Oscarnominierungen ausgeschlossen. Die Academy reagiert damit unter anderem darauf, dass mit TillyNorwood derzeit tatsächlich eine KI-Schauspielerinlanciert wird und dass für den Film "As Deep As the Grave" der letztes Jahr verstorbene ValKilmerperKIwiederbelebt wurde. Die Academy entdeckt also ihre Liebe zum Menschen, doch was soll das "heißen? Bildbearbeitung ist im Film seit jeher üblich, es werden Unebenheiten wegretuschiert, Farben ergänzt, Szenen nachträglich neu ausgeleuchtet. Heute ist es für Regisseure ein Leichtes, Hochhäuser einstürzen zu lassen, Zigtausende von Orks aufzubieten oder eine faltenlose Nicole Kidman. ... Der Charme der KI liegt für die Produzenten in Einsparungen. Im Film müssten durchschnittlich die Stellen schrumpfen und die Gagen sinken. Die Aufschreie aus den Elendsquartieren von Beverly Hills und die humanistische Wende der 'Academy of Motion Pictures Arts and Sciences' entspringen vermutlich dieser Furcht." Peter Zellinger liefert im Standard Hintergründe zur Entscheidung der Academy.
Nach dem "Wahrheitsgehalt filmischer Bilder" fragten auch die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen in ihrem Themenprogramm "Based On True Events", berichtet Sven von Reden in der taz. "130 lang Jahre entstanden Filmbilder durch die Reflexion von Licht, das durch eine Linse auf analoges Filmmaterial oder einen digitalen Sensor traf. Mit den neuen Möglichkeiten der Videogeneration mithilfe von KI ist diese Verbindung gekappt, stattdessen können Bilder nun anhand von Textprompts nach statistischen Wahrscheinlichkeiten errechnet werden. Oder wie es die Medienwissenschaftlerin Ariana Dongus im Katalog des Festivals formuliert: 'Das KI-Bild hat keine Herkunft im klassischen Sinne. Keinen Moment, keine Aufnahme, keine Entscheidung eines Menschen an einem bestimmten Ort.' Mithilfe von Rückblicken auf die Filmgeschichte (...) wurde in Oberhausen aber klar gemacht, dass das Kino natürlich nie einfach nur eine Abbildung der Realität war, und zugleich wurde die Virtualität der KI-Bilder mit Blick auf die materiellen Bedingungen ihrer Entstehung relativiert - etwa auf die energiefressenden Datacenter, die überall auf der Welt aus dem Boden schießen." Mehr dazu im Magazinteil des Festivals.
Weitere Artikel: Mia Trautmann berichtet auf critic.de vom EuropeanMediaArtsFestivalin Osnabrück. Für den Filmdienstspricht Joachim Heinz mit dem Schauspieler HaraldKrassnitzer, der in "Der verlorene Mann" einen Demenzkranken spielt.
Besprochen werden JamesVanderbilts "Nuremberg" mit RussellCrowe als HermannGöring (Welt, mehr dazu bereits hier), Lutz Pehnerts und Ferdinand Hübners Dokumentarfilm "Scherbenland" über die Geschichte von Berlin-Kreuzberg von den Siebzigern bis heute (taz), BaltasarKormákurs auf Netflix gezeigter Abenteuerthriller "Apex" mit CharlizeTheron (FAZ) und ein ZDF-Porträt über die Dragqueen Olivia Jones (FAZ).
"Margot's Got Money Trouble" mit Michelle Pfeiffer und Elle Fanning Mit ihrem Versprechen an die Performer, das Interesse ihrer Fans ohne zwischengeschalteten Industriebetrieb zu beliefern und zu monetarisieren, hat die Porno-Plattform "Onlyfans" die Branche in den letzten zehn Jahren ziemlich aufgewirbelt - auch weil dadurch immer mehr Amateure auf eigene Faust damit loslegen, sich vor der Kamera zu entkleiden. Bis sich dieses Sujet in der Mainstream-Serienproduktion niederschlägt, war daher nur eine Frage der Zeit - nun liegen erste Versuche vor. "Sexarbeit im Onlinezeitalter ist komplex", stellt dazu Denise Bucher in der NZZ am Sonntag fest. "In Serien davon zu erzählen, auch. Es ist eine Gratwanderung zwischen Normalisierung und Aufklärung einerseits, und Voyeurismus und Machtfragen andererseits." Der dritten Staffel von "Euphoria" etwa wirft Bucher vor, ihre Schauspielerin SydneySweeney "exzessiv" zur freien Beschau preiszugeben. In der Serie 'Margo's Got Money Troubles' mit MichellePfeiffer und ElleFanning wiederum "ist die Arbeit für Onlyfans vor allem ein Treiber von schillernd kreativer Energie." Doch "man fragt sich zwangsläufig, ob diese sehr witzige und vergnügliche Serie die Online-Sexarbeit einfach nur als legitime Einkommensmöglichkeit für eine Alleinerziehende darstellt, also ein Tabu entkräftet, oder ob das schon Verharmlosung ist. Denn so vergnüglich, wie in der Serie dargestellt, ist es nicht mit dem Geldverdienen auf Onlyfans."
Weiteres: In der NZZ am Sonntag spricht Denise Bucher mit SandraHüller über ihre Rolle in "Rose" (unsere Kritik). Besprochen werden Ulrich Köhlers "Gavagai" (taz, unsere Kritik), JamesVanderbilts "Nuremberg" mit RussellCrowe als Hermann Göring (NZZ am Sonntag, mehr dazu bereits hier) und die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Widow's Bay" (Welt).
Außerdem: In "Kurzschluss", dem Kurzfilm-Magazin von Arte, spricht unser Filmkritiker Lukas Foerster über das von ihm kuratierte Omnibus-Programm bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen.
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