Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

3652 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 366

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2025 - Film

Mariam Schaghaghi unterhält sich für die FAZ mit Jafar Panahi, der in Cannes gerade mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde (unser Resümee). Sein Film "Ein einfacher Unfall" basiert unter anderem auf den Erfahrungen, die er im berüchtigen Evin-Gefängnis gemacht hat, erzählt er und erinnert sich an Verhörsituationen: "Bei mir lautete die Frage: 'Warum machen Sie solche Filme?' Ich sagte, dass ich soziale Themen aufgreife wie Verbote oder Einschränkungen, besonders gegen Frauen. Sie entgegneten: 'Es gibt so viele Themen, warum interessieren Sie nur Einschränkungen?' Ich sagte: 'Es gibt Hunderte Filme. Ist es so schlimm, wenn einer sich diesen Themen widmet?' Daraufhin kam der Vorwurf: 'Sie verkaufen Ihr Land, Sie verderben den Ruf Irans, Sie verraten Ihr Heimatland. Sie sind ein Verräter.' Es hieß auch: 'Wenn dir internationale Preise verliehen werden, dann nur, um deren Feindschaft gegenüber Iran zu demonstrieren.' Das wiederholten sie so oft, dass ich meine Frau beim nächsten Besuch bat, alle meine Preise aus dem Filmmuseum, dem ich sie überlassen hatte, entfernen zu lassen. ... Der Museumsleiter bat sie: 'Lass nicht zu, dass Jafar sich diesem Druck beugt.'"

Marcel Ophuls


Wir meldeten es gestern morgen schon. Der Dokumentarfilmer Marcel Ophuls ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Ophuls (Marcel) ist der Sohn von Ophüls (Max). Sein Leben lang sah er sich im Schatten seines Vaters, der unsterbliche Meisterwerke der Kinokunst geschaffen hatte (Lola Montez!). Aber Marcel Ophuls' erste Versuche mit der Fiktion schlugen eher fehl, während er mit "Le Chagrin et la Pitié" - "Das Haus nebenan" - einen äußerst innovativen Dokumentarfilm über ein düsteres Kapitel der französischen Geschichte, die Kollaboration, vorlegte. Der Film wurde von Giscard d'Estaing verboten. Ophuls' Originalität ist es, sich am Kreuzungspunkt der Genres aufgestellt zu haben, schreibt Jacques Mandelbaum in seinem Nachruf für Le Monde: "Er bringt in den Dokumentarfilm Tugenden aus der Fiktion ein: die Ermittlung (seine Filme ähneln Krimis, er selbst verglich sich mit Inspektor Columbo), die Präsenz des Autors im Bild (Autofiktion), die Distanzierung (Ausschnitte aus Spielfilmen, Archivmaterial, gespielte Szenen), die Romanhaftigkeit (mit dem epischen Atem, den die außergewöhnliche Länge seiner Filme ihnen verleiht). So trägt Ophuls, ein leidenschaftlich engagierter Mann und widersprüchlicher Filmemacher, zur Erfindung des Filmessays bei und zieht dabei den Zorn all jener auf sich, die der Meinung sind, dass ein Dokumentarfilm einer vermeintlichen historischen Neutralität verpflichtet sei."

Diese Haltung spricht auch aus dem (von Ralph Eue in der NZZ zitierten) Glückwunsch-Fax, das Ophuls der Duisburger Filmwoche 2006 zum 30-jährigen Bestehen hatte zukommen lassen: "Seit vierzig Jahren habe ich versucht, die feigen Neutralisten anzugreifen, die sich auf ihre angebliche Toleranz berufen, um ihre eigene Feigheit und geistige Faulheit zu verbergen. Seit vierzig Jahren versuche ich Naturalismus im Dokumentarfilm als Mangel an künstlerischer Fantasie und Vitalität zu entlarven. Seit vierzig Jahren habe ich versucht, gegen den Begriff 'Objektivität', dieses stumpfsinnige Alibi für Mangel an Stellungnahme, zu kämpfen. Jetzt, wenn ich die Interviews von jungen Dokumentarfilmern lese, habe ich den etwas wehmütigen Eindruck, dass ich zumindest auf diesem Gebiet etwas erreicht habe."

In "Das Haus nebenan" erzählte Ophuls die "Geschichte der Stadt Clermont-Ferrand während des Vichy-Regimes, die viele französische Mythen über die Nation unter deutscher Besatzung ins Wanken brachte", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Damit hatte Ophuls, ein charmanter, aber auch 'militanter Jude', wie er selbst von sich sagte, sein Lebensthema und sein Format: sehr lange, bohrende, aber auch spielerische geschichtspolitische Dokumentarfilme wie "The Memory of Justice" (1976) über die Nürnberger Prozesse oder "Hotel Terminus" (1989) über Klaus Barbie." Mit diesem FIlm gelang dem Regisseur "in Gesprächen mit Jugendfreunden, Nachbarn, Opfern und Tätern eine komplexe Reflexion über Verdrängung, Schuld und die Unmenschlichkeit des NS-Regimes", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. In seinem Blog erinnert sich der Filmemacher Christoph Hochhäusler an Begegnungen mit Ophuls. Arte hat zwar nicht Ophuls' "Haus nebenan" online stehen, aber einen Dokumentarfilm über den Schock, den dieser Film seinerzeit in Frankreich auslöste.

In diesem Gespräch mit Ausschnitten aus "Le Chagrin et la Pitié" - "Das Haus nebenan" - wird ein charakteristisch dekuvrierendes Interview gezeigt. Der Kritiker Kenneth Turon befragt Ophuls zu seiner Interviewtechnik.



Weiteres: Dass nur Ostdeutsche Ostdeutsche spielen dürften, hielte der Schriftsteller und Drehbuchautor Torsten Schulz zwar für "totalen Quatsch" und eine "identitätspolitische Unart", dafür fordert der Mitbegründer der Initiative "Quote-Ost" analog zum Anteil an der Bevölkerung zwanzig Prozent Ostdeutsche in der Film- und Medienbranche, wie er im Welt-Gespräch mit Michael Pilz unterstreicht - und zwar auch, damit gängige Stereotype in Film und TV abgebaut werden. Philipp Meier empfiehlt in der NZZ das Zürcher Filmfestival Ginmaku, das sich in diesem Jahr besonders den japanischen Ureinwohnern, den Ainu, widmet. Marian Wilhelm gibt im Standard Tipps zum Kurzfilmfestival in Wien.

Besprochen werden Wes Andersons "Der phönizische Meisterstreich" ("Immerhin ein Ami, der Europa liebt", stellt Gunda Bartels im Tagesspiegel fest), die Apple-Doku "Deaf President Now!" (FAZ) und Silvio Soldinis "Die Vorkosterinnen" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.05.2025 - Film

Mutiges Kino: Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" gewinnt die Goldene Palme in Cannes

Die Goldene Palme von Cannes geht in diesem Jahr an Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" (unser Resümee). Der Film handelt von einem einst inhaftierten Automechaniker namens Vahid, der seinen früheren Gefängnisfolterer wiederzuerkennen meint und diesen aus Rache ermorden will - auch wenn bald Zweifel an ihm nagen. "In die Sonne schauen" (unsere Resümees hier und dort), der deutsche Wettbewerbsbeitrag von Mascha Schilinski erhält gemeinsam mit Óliver Laxes "Sirāt" (unser Resümee) den Preis der Jury. Hier alle Auszeichnungen im Überblick.

Eine politische Auszeichnung für Panahi? Wahrscheinlich ja, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz, aber "wer mutiges Kino will, muss Mut auch belohnen". Panahi unterliegt in Iran seit 15 Jahren einem Berufsverbot und saß von 2022 bis 2023 in Haft. Dennoch dreht er unermüdlich weiter. "Panahi äußert dabei seine Kritik im Film so offen, dass man sich um ihn sorgen zu müssen meint. Zumal er bei der Preisverleihung ankündigte, in den Iran zurückzukehren, obwohl ihm dort Repressionen drohen. Und auch wenn er in der Vergangenheit vielschichtigere Filme gedreht haben mag, erhält er die Goldene Palme zum richtigen Zeitpunkt, würdigt sie sein bisheriges Engagement und Wirken ungeachtet aller Widrigkeiten doch indirekt gleich mit." In der NZZ fragt sich Patrick Straumann allerdings schon, "ob die klandestin gedrehte Parabel über Rache und Vergebung, die in der iranischen Gegenwart verankert ist und unübersehbar die Grenzen der Ausdrucksfreiheit testet, auch ohne den brennenden Kontext honoriert worden wäre".

Eine rein politische Auszeichnung wäre auch für SZ-Kritiker David Steinitz "natürlich in Ordnung", sowas "kommt auf Festivals regelmäßig vor. Aber in diesem Fall ist nicht nur der Mann hinter der Kamera preiswürdig, sondern ohne Zweifel auch sein beeindruckender Film." Zu sehen "ist eine rabenschwarze Tragikomödie aus dem Innersten eines Landes, in dem unter diesen Umständen zu leben man niemandem wünscht." Auch ansonsten war es "mal wieder ein sehr starker Cannes-Jahrgang. Einige der wichtigsten Filme des Jahres feierten hier ihre Premiere und werden noch viel von sich hören lassen". Steinitz listet Joachim Triers "Sentimental Value" sowie die bereits genannten Filme von Schilinski und Laxe auf. Auch Welt-Kritiker Jan Küveler hält fest: Dieser Jahrgang war ein "guter".

Mit Panahi wurde ein altgedienter Auteur des Weltkinos ausgezeichnet - also alles beim Alten an der Croisette? Nicht ganz, fällt Zeit-Kritikerin Katja Nicodemus auf: "Während der vergangenen Festivalausgaben hatte die künstlerische Leitung den Wettbewerb meist wie die Vitrine eines Juwelengeschäfts bespielt: Ausgelegt wurden die dicksten Klunker und bekanntesten Namen. In diesem Jahr kam Bewegung in die Auswahl, mit Neuentdeckungen, jüngeren Filmemacherinnen und teils extremen Tonlagen. ... Diese zehn Kinotage in Cannes hatten einfach eine enorme Power." Dem stimmt auch Daniel Kothenschulte in der FR zu: "Selten hat man einen Festivalwettbewerb auf so hohem Niveau gesehen."

Viel wurde in Cannes über Trumps irrsinnige Zollpläne für außerhalb der USA gedrehte Filme diskutiert, berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel. "Damit einher ging die Frage, welche Konsequenzen die amerikanische Realpolitik für das Kino haben könnte." Zwar nimmt auch Cannes gerne amerikanische Filme ins Programm, zumal "die Star-Auftritte auf dem roten Teppich dem Arthouse-Kino als glamouröses 'Werbeumfeld' diesen. Dieser Cannes-Jahrgang beweist aber, dass das Weltkino vor dem Hintergrund einer überfälligen Emanzipation von Amerika über genug eigene Ressourcen verfügt. Unsere krisenhafte Gegenwart hält auch ohne Hollywood reichlich Geschichten parat."

Mehr aus Cannes: Viele Filme befassten sich mit dem Wandel im Verhältnis zwischen den Geschlechtern, für die große Weltpolitik hingegen interessierten sich aber deutlich weniger Filme, notiert Josef Lederle in seinem Cannes-Fazit für den Filmdienst. Weitere Resümees schreiben Valerie Dirk (Standard), Maria Wiesner (FAZ) und Patrick Straumann (NZZ).

Außerdem melden die Agenturen, dass der Filmemacher Marcel Ophüls im Alter von 97 Jahren gestorben ist.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.05.2025 - Film

"History of Sound" zeigt die Flüchtigkeit des gemeinsamen Glücks

In Cannes werden heute Abend die Goldenen Palmen vergeben. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sah davor noch eine ganze Reihe von Hochkarätern, "jeder für sich ein Meisterwerk". Dazu zählt nicht nur der neue Body-Horror-Film "Alpha" von Julia Ducournau, die bereits 2021 mit "Titane" eine Goldene Palme gewann, Joachim Triers "Sentimental Value" und "Jeunes Méres", der neue Film der Dardenne-Brüder, sondern insbesondere auch Oliver Hermanus' südafrikanischer Film "History of Sound". Der für Kothenschulte "feinste und schönste Film des Wettbewerbs" erzählt von zwei Forschungsreisenden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Regungen des American Folk dokumentieren. "Dem Bewahren dieser erst Jahrzehnte später, durch Künstler wie die Everly Brothers, Joan Baez oder Bob Dylan, popularisierten Musiktradition steht indes die Flüchtigkeit des gemeinsamen Glücks entgegen. Wer sich für amerikanischen Folk interessiert, kann Auswahl und Interpretation der Lieder nur bewundern, erkennt aber auch Motive der Sammlerbiografien von John und Alan Lomax wieder. Nach einer Kurzgeschichte von Ben Shattuck entstand daraus aber etwas völlig Eigenes."

"The Secret Agent" verwirrt auf ansteckende Weise

"Den großen Favoriten im Wettbewerb gibt es bisher nicht", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz (und richtig: eine kleine Zahl von Wettbewerbsfilmen wurde vor Redaktionsschluss der Zeitungen noch gezeigt). Aber dafür immerhin einige "erfolgreich mutige Filme". Auf der Zielgeraden kam noch Kleber Mendonça Filhos brasilianischer "The Secret Agent" dazu, ein "fiebrig verwirrender Thriller", der in den Siebzigern während der Militärdiktatur spielt. "Die ständige Bedrohung durch den Tod, um den sich zugleich kaum jemand zu scheren scheint, vermischt Mendonça mit Bildern, die von tropischer Schwüle durchfeuchtet scheinen, einem trügerisch leichten Bossa-Nova-Soundtrack und einer Art des Erzählens, die das Publikum über viele Einzelheiten lange im Dunkeln lässt. Das verwirrt, doch auf ansteckende Weise." Für Rüdiger Suchsland von Artechock wäre dies der Palmenfavorit. Auch Jan Küveler von der Welt sieht diese "in schwelgerischer Panavision gedrehte Aufarbeitung der Militärdiktatur" weit vorne.

Mehr von der Croisette: "Cannes mahnt - und summt in Moll", resümiert Maria Wiesner in der FAZ das Festival und beobachtet bei den amerikanischen Filmen eine "starke künstlerische Front, vor allem unter den unabhängigen Filmemachern". David Steinitz ist in der SZ Feuer und Flamme für Richard Linklaters Godard-Hommage "Nouvelle Vague", dem er auch einige Oscarchancen ausrechnet. Für Artechock sammelt Dunja Bialas Strandgut aus den Nebenreihen auf. Josef Lederle resümiert im Filmdienst die letzten Wettbewerbstage - und macht auf Joséphine Japys nur am Rande des Festivals gezeigtes Regiedebüt "The Wonderers" aufmerksam. Im critic-Podcast versammeln sich Till Kadritzke, Hannah Pilarczyk, Dunja Bialas, Andreas Busche und Valerie Dirk vor dem Mikrofon und lassen das Festival Revue passieren. Und zum Abschluss lohnt nochmal der Blick in den Kritikerspiegel von critic.de.

Weit weg von der Croisette: Aida Baghernejad lobt im Tagesspiegel die Kulturarbeit des Berliner Projekts Sinema Transtopia. Valerie Dirk spricht für den Standard mit dem Regieduo Mwita Mataro und Helmut Karner, die mit "Austroschwarz" einen Film über Schwarzsein in Österreich gedreht haben. Elmar Krekeler porträtiert für die WamS Iris Berben. Maria Wiesner gratuliert in der FAZ Doris Dörrie zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Christopher McQuarries neuer "Mission Impossible"-Blockbuster mit Tom Cruise (Artechock, unsere Kritik), Dag Johan Haugeruds "Oslo Stories: Sehnsucht" (Artechock, critic.de) und Dean Fleischer Camps Live-Action-Remake von "Lilo & Stitch" (Artechock).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.05.2025 - Film

Der Wettbewerb in Cannes neigt sich dem Ende zu. Rüdiger Suchsland bringt auf Artechock eine kleine Vorab-Bilanz kurz vor der Zielgeraden. Im Wettbewerb zeigt sich ihm, "dass das Gegenwartskino in einer massiven Krise steckt. Ihm fehlen in seiner Gesamtheit - einzelne Ausnahmen lassen wir jetzt einfach mal weg - Einfallsreichtum und Kunstwille, Intellektualität und Mut. Das Kino der Gegenwart ist normiert, weil es sich normieren lässt, weil es Normierung insgeheim für nötig hält, weil es die Identifikation mit dem Aggressor vollzieht. Weil es in seinem Denken, in seinen Erwartungen, in seinem Geschmack, in seinen Blicken auf die Welt selbst normiert ist. Weil es im Kern selbst erzkonservativ ist und die Welt erhalten will, wie sie ist: Demokratisch, liberal, in Wohlstandsverhältnissen, Ibiza-Kurztrips und Toskana-Urlauben, Airbnb-Wohnungen, die auf Apple Computern gebucht werden. ... Erst wenn das Kino seinen Konservatismus abwirft, und ihm Veränderung und Revolte nicht mehr nur eine Stil-Geste oder ein Instagram-Post sind, wird die Revolution, und sei es nur eine ästhetische, stattfinden."

Moderatere Signale von der Croisette: In der Welt befasst sich Jan Küveler mit Kirill Serebrennikovs "Das Verschwinden des Josef Mengele" (unser Resümee). tazler Tim Caspar Boehme findet Scarlett Johanssons Regiedebüt "Eleanor The Great" trotz "wackeligem Drehbuch" durchaus berührend. Valerie Dirk identifiziert im Standard, "sieben Themen, die das diesjährige Festival von Cannes bestimmten".

Abseits von Cannes: Daniel Moersener denkt in einem ZeitOnline-Essay über Werner Herzogs häufig zum Besten gegebenes Diktum nach, dass, wer Filme drehen möchte, als Türsteher arbeiten sollte. Der Ratschlag ist für ihn nicht ohne Reiz - und dieser Lebensweg allemal der abgeschottenen Professionalisierung durch Filmhochschulen vorzuziehen: "Das heißt nicht, dass man durch die Hölle gehen und sich aufreiben muss, um irgendwann einmal gutes Kino zu fabrizieren, wenn man es so nennen will. Aber die Erfahrung ist der springende Punkt. Kino verspricht nichts anderes, als die Erfahrungsarmut unserer kargen Leben zu sprengen und uns zu retten. Vollendete Fertigkeiten sind bei dieser Unternehmung gar nicht so wichtig."

Weiteres: Esther Buss führt im Filmdienst durch die Arbeiten der griechischen Autorenfilmerin Athina Rachael Tsangari, deren aktueller Film "Harvest" (unsere Kritik) gerade im Kino zu sehen ist und deren Filme "Experimentieranordnungen für menschliche Reifungs- und Lernprozesse gleichen". Besprochen werden Volker Heises ARD-Doku "Masterplan" über das Potsdamer Treffen rechter und rechtsextremer Kräfte sowie dessen Enthüllung durch Correctiv (FD) sowie Mehdi Idirs und Grand Corps Malades Biopic "Monsieur Aznavour" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.05.2025 - Film

"Ein einfacher Unfall" von Jafar Panahi


In Cannes haben zahlreiche namhafte Regisseure ihre neuen Werke vorgelegt - und mit Kristen Stewart und Scarlett Johansson auch zwei namhafte Schauspielerinnen ihre Regiedebüts. In Jafar Panahis erneut unter klandestinen Bedingungen gedrehtem Film "Ein einfacher Unfall" stößt ein iranischer Gefängnispeiniger außerhalb der Gefängnismauer auf ein früheres Opfer - oder ist es eher umgekehrt? Der iranische Auteur erzählt den Film mitunter wie einen "Thriller", erzählt Tim Caspar Boehme in der taz. Zuweilen geht es aber auch "so unerwartet zu wie in einer Situationskomödie, durchaus auch mit komischen Elementen. Doch Panahis Anliegen ist ernst. Die Frage, was man als Zivilist mit einem Schergen des Regimes tut, wenn man ihn in die Finger bekommt, geht er sehr direkt an. Und das so, dass man von dieser Direktheit ziemlich angefasst ist." Mehr zu Panahis Comeback in der Festivalwelt bereits gestern im Efeu.


August Diehl als Josef Mengele

Sehr beeindruckt ist FR-Kritiker Daniel Kothenschulte von Kirill Serebrennikovs zum großen Teil in schwarzweißem Cinemascope gedrehten "Das Verschwinden des Josef Mengele" mit August Diehl nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez. "Ein idyllisches Eheleben streift zunächst die Stilmittel von 'The Zone Of Interest', bevor auf 16mm-Film die Ermordung und medizinische Präparierung zweier Häftlinge im Stil eines zeitgenössischen Lehrfilms dargestellt wird. Es wäre leicht, der Regie hier einen Exploitation-Vorwurf zu machen, doch jede vorsichtigere Darstellungsform wäre wohl bereits beschönigend. Tatsächlich sind es gerade die subtilen Verfremdungstechniken, die die beiden bühnenerfahrenen Künstler vor und hinter der Kamera hier aufbieten, die den Film über jeden Vorwurf des Über-Naturalismus erheben. August Diehl steigert noch einmal seine beeindruckenden Möglichkeiten, indem er das Überleben des Nationalsozialismus in der Sprache selbst zum Thema macht. Das Beklemmende an diesem Film ist weniger die Darstellung des Vergangenen, sondern die Angst, die er vor der Gegenwart weckt." Dieser Film wirkt zuweilen "wie ein Schlag in die Magengrube", hält Maria Wiesner in der FAZ fest.

Ein Ringen um die eigene Geschichte: "The Chronology of Water" von Kristen Stewart

Und die oben genannten Regiedebüts? "Intensiv, bewegend und kompromisslos" ist Kristen Stewarts "The Chronology of Water" geraten, ihre Verfilmung eines Romans von Lydia Yuknavitch, an der die Schauspielerin mehrere Jahre gearbeitet hat, schreibt Valerie Dirk im Standard. Der Roman handelt von "Erfahrungen mit Missbrauch, Leistungssport, Sucht und Sexualität. ... Es ist ein Ringen um die eigene Geschichte. Wenn man schon solche Erinnerungen hat, dann sollen sie wenigstens eine 'fucking good story' werden, heißt es gleich zu Beginn des Films." Dieser "öffnet sich wie ein flirrender Bewusstseinsstrom, der beständig auf der Suche zu sein scheint: nach anderen Bildern, einer anderen Art, über sexuelles Trauma und weibliche Lust zu sprechen, über den Leistungssport und das komplizierte Leben im Körper einer Frau. Stewarts Debüt verströmt die wütende und verletzliche Energie von Punk-Poetinnen der 90er, einer Fiona Apple etwa oder einer Kim Gordon." Scarlett Johannsons Film über eine betagte Frau, die sich die Holocaust-Erinnerungen einer verstorbenen Freundin zueigen macht, fällt bei Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek ("sympathieheischend, tränendrückend") und Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ("viel melancholisches Klaviergeklimper") hingegen durch.

Mehr aus Cannes: Mascha Schilinski, Lynne Ramsay und Christian Petzold lassen ihre Filme allesamt in verhext anmutenden Häusern spielen, ist Katja Nicodemus von der Zeit aufgefallen. Auf Artechock resümiert Rüdiger Suchsland die letzten Festivaltage mit zahlreichen Notizen und Beobachtungen. "Ist Kevin Spacey nun wieder salonfähig", fragt sich Andreas Scheiner (NZZ) nachdem der seit einem MeToo-Skandal verfemte Schauspieler am Rande des Filmfestival in Cannes (und bei einer Veranstaltung, die nicht zum Festival gehört) für sein Lebenswerk geehrt wurde.

Fernab der Croisette: Knut Henkel spricht in der Jungle World online nachgereicht mit dem kubanischen Regisseur Fernando Pérez Valdés, der sich für freie Meinungsäußerung in Kuba und den unabhängigen Film einsetzt. Besprochen werden Athina Rachel Tsangaris "Harvest" (Perlentaucher, Standard), Christopher McQuarries "Mission Impossible: Final Reckoning" mit Tom Cruise (Perlentaucher) und "Sehnsucht", der dritte Teil aus Dag Johan Haugeruds "Oslo Stories"-Trilogie (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.05.2025 - Film

Szene aus Jafar Panahis "Ein einfaches Urteil"

Beim Filmfestival in Cannes hat Jafar Panahi seinen neuen Film "Ein einfacher Unfall" vorgestellt, der (erneut unter klandestinen Bedingungen gedrehte) Film handelt von einem iranischen Gefängnisaufseher, der dem Mann wiederbegegnet, den er im Gefängnis gequält hat. Katja Nicodemus konnte für die Zeit mit dem selbst lange vom Teheraner Regime weggesperrten Regisseur sprechen. Dieser zeigt sich sehr zuversichtlich, dass es mit den islamistischen Machthabern eher bald als spät zu Ende geht: Sie haben Angst, "nicht nur vor dem Kino, vor Büchern, Musik. Sie stecken Musiker und Wissenschaftler ins Gefängnis, Journalisten und Soziologen, weil sie spüren, dass ihre Macht ein Ende hat. Der Schrecken, den sie verspüren, ist der Schrecken des nahenden Zusammenbruchs, der Schrecken der eigenen Schwäche. Eine leere Hülse, das ist es, was von der Islamischen Republik geblieben ist. Diese Republik existiert nicht mehr, sie hat für die Mehrheit der Bevölkerung jede Legitimation verloren. Und weil das Regime das sehr genau weiß, verwandelt es seine Angst in Repression. Allein die Tatsache, dass sich das Regime so obsessiv an der Frage aufhängt, wie Frauen ihre Haare zu tragen haben, ist das Zeichen seines nahenden Zusammenbruchs."

Auf der ans Festival angedockten Kinomesse in Cannes präsentierte das Museum Auschwitz-Birkenau erste Eindrücke seines unter anderem von der polnischen Autorenfilmerin Agnieszka Holland betreuten Projekts "Picture from Auschwitz", berichtet David Steinitz in der SZ. Dabei stellt das Museum einen hochauflösenden 3D-Scan der Räumlichkeiten des früheren Konzentrationslagers zur Verfügung, der als digitale Filmkulisse verwendet werden kann - das reale Gelände ist für große Filmcrews seit Jahrzehnten nicht mehr zugänglich, nur kleine Doku-Teams haben Zugang. Diese Lösung "mag durchaus einfacher sein", schreibt Steinitz, sieht aber die Diskussionen bereits heraufdämmern. "Denn die Möglichkeit oder eben Unmöglichkeit, die industrielle Vernichtung von Millionen Juden bebildern zu können, sorgt seit jeher für Streit." Auch "wenn die Filmemacher deutlich skrupulöser mit dem 'Stoff' umgehen: Die am Fließband Ermordeten sind nun mal kein Material für Geschichten, an deren Ende man zufrieden denken kann, das Wesentliche gesehen zu haben. Wofür es keine Versöhnung geben kann, wofür es kein Verständnis geben darf, entzieht sich dem engen Korsett der filmischen Erzählkonventionen."

Ansonsten ist beim Festival eher durchhängen angesagt. Entgegen landläufigen Auffassungen laufen in Cannes nämlich keineswegs "ausnahmslos Meisterwerke", wie Tim Caspar Boehme in der taz versichert. Die neuen Filme von Julia Ducournau (Cannes-Gewinnerin 2021) und Tarik Saleh konnten ihn jedenfalls nicht überzeugen. Ja, "Cannes wartet immer noch auf sein diesjähriges Meisterwerk", seufzt auch Rüdiger Suchsland auf Artechock. Denzel Washington wurde nach der Cannes-Premiere des neuen Spike-Lee-Films "Highest 2 Lowest" für alle und insbesondere für ihn überraschend mit einer Ehrenpalme honoriert, berichtet Valerie Dirk im Standard. Am Rande von Cannes - und auf einer Veranstaltung, die mit dem Festival nicht affiniert ist - wird der seit MeToo verfemte Kevin Spacey für sein Lebenswerk geehrt, berichtet Jan Küveler in der Welt. Fernerhin ist in Cannes eine Palme umgefallen (und, okay, hat eine Person dabei verletzt), berichtet Andreas Scheiner in der NZZ.

Weiteres: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit der Regisseurin Athina Rachel Tsangari über ihren Film "Harvest" nachdem gleichnamigen Roman von Jim Crace. Im Filmdienst blickt Susanne Gietl zurück auf 50 Jahre Industrial Light & Magic, der Special-Effects-Schmiede von George Lucas. Hanns-Georg Rodek ärgert sich in der Welt über das Ende der Filmbewertungsstelle Wiesbaden: Ja wollen denn wirklich alle nur noch selbst bestimmen, in welche Filme sie gehen, zählt das objektive Urteil von Fachleuten denn überhaupt nichts mehr?

Besprochen werden Mehdi Idirs und Grand Corps Malades Biopic über Charles Aznavour (critic.de, Presse) sowie Jennifer Mallmanns Dokumentarfilm "Moria Six" über den Brand im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos im Jahr 2020 (critic.de, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.05.2025 - Film

Nachgebildete Ikonen: Brille und Nase sitzen perfekt in Richard Linklaters "Nouvelle Vague"

Mit "Nouvelle Vague" erzählt Richard Linklater von der Entstehung von Jean-Luc Godards "Außer Atem", der filmischen Keimzelle der tatsächlichen "Nouvelle Vague". Im Wettbewerb von Cannes feierte der Film nun Weltpremiere und ist "ein cinephiles Glaubensbekenntnis" geworden, freut sich FR-Kritiker Daniel Kothenschulte. "Der kaum bekannte Nachwuchsschauspieler Guillaume Marbeck bringt gerade genug jugendliche Arroganz in die Rolle, um die Sympathie nicht zu verlieren. Leichthändig werden Godards Lehrstunden bei Roberto Rossellini oder Jean-Pierre Melville eingebaut und keine noch so kleine historische Randfigur vergessen. Dann hält die rasante Handlung zwei Sekunden inne für einen Namen und einen Blick in die Kamera. Zoey Deutch ist als skeptischer Hollywoodstar von der echten Jean Seberg nicht zu unterscheiden, und Aubry Dullin ist so rotzfrech wie der junge Belmondo, dass man eine Serie von Remakes seiner Rollen mit ihm neu verfilmen möchte. Statt historischer Ehrfurcht hinterlässt Linklaters Film eine Wolke kreativer Energie."

Jan Küveler staunt in der Welt über den enormen Recherche- und Designaufwand, der in diesen "Wunderwerk" geflossen ist: "Man fühlt sich, als hätte man das Negativ eines Mythos gefunden - und sähe in Echtzeit in der Dunkelkammer bei der Belichtung zu." Dieser Film "ist ein irrwitzig präzises, uneingeschränkt nostalgisches und doch radikal gegenwärtiges Kunststück - ein Film über einen Film, ein Film über das Filmemachen, ein Film über die Idee des Filmemachens. Man sieht dem modernen Kino dabei zu, wie es sich selbst erschafft. Die Ironie ist dabei so extrem, dass sich Godard scheckig gelacht hätte: Im krassen Gegensatz zu Linklaters minutiöser Fleißarbeit ist die Nouvelle Vague als ästhetische Bewegung gerade für ihre Umarmung der Improvisation bekannt, ihr Bekenntnis zur Lebendigkeit und Spontaneität, ihren Verzicht auf alles Gestellte."

Eine Hagiografie ist der Film nicht geworden, entwarnt Dunja Bialas auf Artechock. "Godard ist bei Linklater ein arroganter Snob, der mit Zitaten um sich wirft und seine Umgebung immer wieder vor den Kopf stößt, aber eine Vision vom Kino hat." Aber "warum hat Linklater diesen, zugegeben sehr unterhaltsamen Film gemacht? Vielleicht ist es übertrieben, dies als parasitäres Filmschaffen zu bezeichnen, vielleicht sollte man es lieber etwas abgemildert Secondhand Movie, Upcycling nennen. ... Wenn die origniären Stoffe ausgehen, wenn die Kulturwelt und die Welt generell von einer wehmütigen Nostalgie-Welle erfasst wird - weißt du noch damals, als alles begann, wie verrückt alles war? -, bleiben wenigstens die Backstage-Momente."

In mystischen Sphären: "Sirât" von Óliver Laxe

Josef Lederle resümiert hier und dort im Filmdienst die Festivalfilme der letzten Tage und kommt dabei auch auf Óliver Laxes in Marokko angesiedeltes Roadmovie "Sirât" zu sprechen. Die Geschichte eines Vaters, der gemeinsam mit seinem Sohn seine verlorene Tochter sucht, und dabei in die Wirren von weitab in der Natur gelegenen Raves und militärischen Ausnahmezuständen gerät, gehört zu den kontroversen Beiträgen dieses Festivaljahrgangs. "Mit großer Kunstfertigkeit verbindet Laxe mächtige CinemaScope-Bilder von Sanddünen und schroffen Gebirgsformationen mit der basslastigen Techno-Musik und der Zeitlosigkeit des Raves, was als untergründiger Rhythmus den ganzen Film durchzieht. Die in die Jahre gekommenen Raver sind ähnlich wie ihre Camper und Unimogs ausgemergelte, von Sonne, Drogen und einem Vagabundenleben gezeichnete Gestalten. Nur im Stampfen und Rollen des ohrenbetäubenden Sounds scheinen sie in mystische Sphären zu driften. ... Paradies und Verdammnis" bilden die "Eckpfeiler einer Tour ins Ungewisse ... mit grandiosen Bildern und hypnotischen Montagen."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Mehr aus Cannes: Mit ihrem in Cannes gezeigten Regiedebüt "The Chronology of Water" (nach Lidia Yuknavitchs Roman "In Wasser geschrieben") etabliert sich Kristen Stewart im Nu als Autorenfilmerin, stellt Maria Wiesner in der FAZ fest. Jan Küveler spricht für die Welt mit Wes Anderson, der mit seinem nächste Woche auch bei uns regulär im Kino startenden (und in der Presse besprochenen) "The Phoenician Scheme" im Wettbewerb vertreten ist. Tazler Tim Caspar Boehme schreibt kursorisch über die Wettbewerb-Highlights der letzten Tage. Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland lässt sich von Robert de Niro ganz in den Bann ziehen. Für den critic-Podcast von der Croisette versammeln sich Till Kadritzke, Hannah Pilarczyk, Dunja Bialas und Valerie Dirk vor dem Mikrofon. Außerdem bietet critic.de mit seinem Kritikerspiegel wieder einen schnellen Überblick über Tendenzen und Programm.

Abseits der Croisette: Katja Nicodemus plaudert für die Zeit mit dem früheren Berlinale-Leiter Dieter Kosslick über den zweiten von ihm verantworteten Jahrgang von "Green Visions", einem Potsdamer Festival für Natur- und Umweltfilme. Besprochen werden Nader Saeivars vorerst nur in Österreich startendes, iranisches Drama "The Witness" (Standard) und Niki Steins und Stefan Austs ARD-Dokudrama "Stammheim - Zeit des Terrors" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.05.2025 - Film

Einfach mal zu Atem kommen - mit "Nouvelle Vague" von Richard Linklater

So ein Filmfestival in Cannes ist strapaziös, ächzt Valerie Dirk im Standard. Nicht nur, weil um die Pressetickets ein einziges Hauen und Stechen stattfindet, sondern auch weil die Filme einem gerade sehr viel abverlangen: Ari Aster, Spezialist für haarsträubenden Irrsinn jedweder Art, blickt mit "Eddington" auf ein Kaff in New Mexiko, das während der Coronapandemie völlig durchdreht. Lynne Ramsay ummantelt derweil in "Die My Love" das Filmpaar Jennifer Lawrence und Robert Pattinson fortlaufend mit "ohrenbetäubender Musik" und lässt eine Wochenbettdepression so richtig eskalieren. "Lawrence, die Ähnliches schon in Darren Aronofskys 'Mother' gespielt hat, wirft sich furchtlos hinein in die Rolle der psychisch labilen Mutter. Das könnte an Gena Rowlands in 'A Woman Under the Influence' erinnern, wenn Ramsays Film nicht derart empathielos seinen unliebsamen Figuren begegnen würde." Von Dirk dankbar angenommen wird hingegen die "Atempause", die Richard Linklaters "Nouvelle Vague" bietet, ein Spielfilm über die Dreharbeiten zu Jean-Luc Godards "Außer Atem" - ausgerechnet.

Wie man zu anderen eine Verbindung aufbaut: "Renoir" von Chie Hajakawa

Aus Ramsays "Die My Love" kam tazler Tim Caspar Boehme ebenfalls nach allen Regeln der Kunst erschöpft aus dem Saal gewankt. Mit Chie Hajakawas "Renoir" - "ein so zauberhafter wie verstörender Film" - kann er aber von einer Entdeckung aus dem japanischen Kino berichten. Der Film handelt "von einer Teenagerin, die sich von ihren Eltern buchstäblich verlassen sieht." Die Regisseurin "erzählt von Einsamkeit zwischen nüchternem und magischem Realismus. Ihre Hauptfigur Fuki beginnt sich immer mehr für Telepathie zu interessieren, probiert alles Mögliche aus, von Kartentricks bis Hypnose. Dabei kreist 'Renoir' um die Frage, wie man zu den Gedanken und damit überhaupt zu anderen eine Verbindung aufbauen kann. Die freundlich-warmen Bilder sind trügerisch, denn Chie Hayakawa flicht in ihr Gesellschaftsporträt im Kleinen nicht nur Themen wie Sterben, sondern auch Kindesmissbrauch mit ein."

Mehr aus Cannes: Für Zeit Online spricht Anke Leweke mit Fatih Akin über dessen in Cannes gezeigten (und in der FAZ von Maria Wiesner besprochenen) "Amrum" (unser Resümee). "Besser geht's ja wohl kaum" jauchzt David Steinitz in der SZ und kann sein Glück gar nicht fassen, dass er mit Robert de Niro in Cannes an einem Tisch zum Interview sitzt, und dann erzählt der Schauspiel-Titan auch noch davon, aktuell Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel" über den Regisseur G.W. Pabst zu lesen (auch wenn de Niro Kehlmann "Leckmann" nennt). Im critic.de-Podcast sprechen Till Kadritzke, Hannah Pilarczyk und Andreas Busche über die Wettbewerbsfilme der letzten Tage. Artechock berichtet ebenfalls multimedial von der Croisette.

Außerdem: Marc Zitzmann führt in der FAZ durch die Filmografie Gérard Depardieus und die bis zuletzt trotz allerlei Eskapaden und Übergriffen allzu blinde Verehrung, die Frankreich dem Schauspieler angedeihen ließ. Besprochen wird außerdem Reto Caduffs Kino-Dokumentarfilm "Einfach machen" über Frauen im Punk von 1977 bis heute" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.05.2025 - Film

Liebesdienst an Land und Leuten: Fatih Akins "Amrun"

Warum läuft Fatih Akins Heimatfilm "Amrum" in Cannes eigentlich nicht im Wettbewerb, sondern in der (immerhin ja sehr angesehenen) Nebenreihe "Un Certain Regard", ärgert sich Daniel Kothenschule in der FR. Mit diesem "unterschätzten Meisterwerk" hat der Regisseur "nach Kindheitserinnerungen seines Mentors Hark Bohm eine moderne Antwort auf Rossellinis 'Deutschland im Jahre Null' geschaffen." Dieser "Liebesdienst an Hark Bohms letztem Drehbuch rückt auch das unterschätzte Werk dieses populären Außenseiters des Neuen Deutschen Films wieder in den Fokus: Niemand nahm im deutschen Kino Jugendliche seinerzeit so ernst. ... 'Amrum' hat dank Akins unprätentiösem, unbestechlichem Blick, seiner Verweigerung gegenüber äußerlicher Emotionalisierung und einer kitschfreien, aber überwältigenden Landschaftsfotografie genau diese Qualitäten."

Diese Geschichte über "Amrum in den letzten Kriegswochen" ist eine "durch und durch deutsche Geschichte", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt, "ein Gemeinschaftswerk von zwei Fischköppen, die die Nordsee kennen und lieben, aber nicht Hans-Albers-mäßig sentimental, sondern durchaus mit kritischem Blick." Das "ist kein Film, wie Cannes ihn sucht, etwa wie Mascha Schilinskis stilistisch kühner 'In die Sonne schauen' oder Oliver Laxes zutiefst schockierende Wüsten-Odyssee 'Sirāt'". Aber "es ist ein minimalistisches Werk der Zuneigung, der von Hark Bohm an seinen Kindheitsort und der von Fatih Akin an seinen künstlerischen Vater. Man sieht sehr gerne zu, und von Zeit zu Zeit ist man gerührt."

Ermittlerin zwischen den Fronten: Léa Drucker in "Dossier 137"

Im Wettbewerb lief derweil Dominik Molls neuer, während der Gelbwestenproteste im Jahr 2018 angesiedelter Polizeithriller "Dossier 137". Standard-Kritikerin Valerie Dirk sah "einen packend inszenierten Thriller, der durch die ... Fragen danach, wann Polizeigewalt sanktioniert wird, politische Brisanz gewinnt." Im Mittelpunkt steht eine von Léa Drucker gespielte Ermittlerin, die unter erheblickem Druck Vorwürfen von Polizeigewalt nachgeht. "Moll inszeniert das mit demonstrativer Nüchternheit, zugleich aber mit einem stetigen Sog der Dringlichkeit", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. Der Regisseur ist damit "ganz in der Gegenwart mit der von verschiedensten Seiten bedrängten Demokratie."

Außerdem von Cannes: Auf Artechock schließt sich Dunja Bialas den bisherigen Lobeshymnen auf Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" aus vollem Herzen an. Andreas Scheiner berichtet in der NZZ von einer Veranstaltung mit Tom Cruise und seinem Regisseur Christopher McQuarrie am Rande des Filmfestivals.

Abseits von Cannes: Dunja Bialas spricht für Artechock mit Susannah Pollheim und Madeleine Bernstorff, den neuen Leiterinnen der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Im Artechock-Gespräch mit Thomas Willmann erklärt Guy Maddin, warum seine (im Standard und auf Artechock besprochene) Horror-Politsatire "Rumours" so gar nicht aussieht wie seine früheren Experimentalfilme. Kamil Moll spricht für Filmstarts mit Steven Soderbergh über das Thrillerkino. Auf Artechock erzählt Pia Marais, wie ihr Film "Transamazonia" entstand. In Österreich drohen erhebliche Kürzungen in der Filmförderung, berichten Stefan Weiss und Doris Priesching im Standard. Christian Meier besucht für die WamS die in der spanischsprachigen Welt bereits sehr erfolgreiche Produktionsfirma Secuoya, die nun auch in Deutschland tätig werden will. In der "Langen Nacht" im Dlf Kultur beschäftigt sich der Filmkritiker Josef Schnelle ausführlich mit den Filmträumereien von Federico Fellini.

Besprochen werden Jia Zhangkes "Caught by the Tides" (Jungle World, Artechock, unsere Kritik), Guy Delisles Comic "Für den Bruchteil einer Sekunde" über Eadweard Muybridge, der mit der Entwicklung der Phasenfotografie eine zentrale Vorarbeit zur Entstehung von Film und Kino geleistet hat (FD), Niki Steins und Stefan Austs von der ARD online gestelltes Dokudrama "Stammheim - Zeit des Terrors" (taz), Zach Lipovskys und Adam B. Steins Horrorfilm "Final Destination 6: Bloodlines" (Artechock, unsere Kritik) und Christopher McQuarries neuer "Mission Impossible"-Film (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.05.2025 - Film

Der Terror einer absurden Bürokratie: "Zwei Staatsanwälte" von Sergei Loznitsa in Cannes

Mit seinem im Cannes-Wettbewerb gezeigten "Zwei Staatsanwälte" kehrt Sergei Loznitsa nach vielen Jahren im dokumentarischen Bereich zum Spielfilm zurück. Es geht um einen jungen Staatsanwalt während des stalinistischen Terrors, berichtet Tim Caspar Boehme in der taz. "Loznitsa führt die Willkür der Terrorherrschaft als absurden Bürokratieapparat vor." Zwar ist das Ende "bald absehbar, doch die unerbittliche Ausweglosigkeit des paranoiden Verfolgungssystems des Stalinismus, die Loznitsa vorführt, ist zugleich eindringliches Plädoyer für den Erhalt von Demokratie und funktionierender Justiz."

Josef Lederle geht im Filmdienst vor Mascha Schilinskis deutschem Wettbewerbsfilm "In die Sonne schauen" (unser Resümee) auf die Knie: Eine "hypnotische Faszination" geht von diesem Film aus, der "die filmische Kunst erweitert". Im Welt-Gespräch mit Hanns-Georg Rodek kann die Regisseurin ihr Glück, an der Croissette gelandet zu sein, noch gar nicht richtig fassen. Vorbilder für ihre assoziative Erzählweise hatte sie keine, sagt Schilinski. "Immer wenn wir versucht haben, einen Plot zu konstruieren, hatten wir den Eindruck, als würde sich der Stoff selbst dagegen wehren. Wir haben dann begonnen, alle Bilder, die in uns aufgestiegen sind, aufzuschreiben und - ähnlich wie bei einer Montagearbeit - miteinander zu verknüpfen. So haben sich über die drei Jahre Drehbucharbeit die Figuren herausgebildet, die Struktur hat sich gefunden, und eine kollektive Körpererinnerung ist entstanden."

Außerdem lief in Cannes das nächste Woche regulär in den Kinos startende Tom-Cruise-Vehikel "Mission Impossible: The Final Reckoning", mit dem der Schauspieler das Franchise nach fast 30 Jahren wahrscheinlich doch so langsam zu Grabe trägt: FAZ, Standard, Presse und SZ berichten.

Weitere Artikel: Michael Ranze empfiehlt im Filmdienst die Wander-Retrospektive zu 100 Jahre Columbia, die nun in Hamburg Station macht. Eva Eusterhus plaudert für die Welt mit der Schauspielerin Jella Haase. Von Kira Kramer erfahren wir in der FAZ, dass es die Filmbewertungsstelle Wiesbaden ("Prädikat besonders wertvoll") noch gibt - wenn auch nicht mehr lange: Zum Ende des Jahres stellt sie ihren Dienst ein.

Besprochen werden Jia Zhang-kes "Caught By the Tides" (Perlentaucher), Steven Soderberghs "Black Bag" (Standard), Lisa Brühlmanns vorerst nur in der Schweiz startender Film "When We Were Sisters" (NZZ) und die Sky-Doku "Das Nazi-Kartell" (FAZ).