Robert Redford am Set von "Der Clou", 1972 (Bild: Ken Dare, UCLA Library Digital Collections, CC BY 4.0) Eine Legende tritt ab: RobertRedford ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Er war "der größte Star von allen, als Stars noch Ikonen waren", schreibt Susan Vahabzadeh in ihrem großen, schwelgerischen Nachruf, für den die SZ die Seite Drei freigeräumt hat. Schon in jungen Jahren wollte Redford seine Persona nicht als Interpretationsfläche verstanden wissen. "Stattdessen wurde der Schauspieler das, was Redford in ihn hineininterpretierte. Ein paar der unvergesslichsten Momente in seinen Filmen sind jene, in denen ganz klar war, dass er meint, waserspielt. Wenn sein Joe Turner in 'Die drei Tage des Condor' die CIA bei einer Verschwörung erwischt hat, und er sagt: Ihr glaubt doch, beim Lügen nicht erwischt werden und die Wahrheit sagen sei dasselbe. Oder wenn 'Der elektrische Reiter' Sonny Steele ein teures Rennpferd klaut und in die Freiheit entlässt, weil 'hart vielleicht, aber einfach' eine gute Devise im Leben ist. ... Tatsächlich sind die Momente der von jeder Aktion unbefleckten Präsenz, die Szenen, in denen Redford einfach nur da ist, zu so einer Art Markenzeichen geworden."
Mit diesem Tod ist eingetreten, was nie hätte passieren sollen, seufzt Katja Nicodemus in der Zeit. "Dieser kalifornische Surferboy mit dem linken Gewissen, dieser erdbeerblonde Bilderbuchamerikaner, mit dem man sofort in jedem Nationalpark zelten und vor jedem Lagerfeuer sitzen würde, dieser Gentleman und Gauner mit den toll sitzenden Hemden, er sollte lang und gut leben! Weil er loslief, hinfiel, wieder aufstand, weitermachte. Er war ein Mann, der immer wieder voller Hoffnung die Widersprüche seines Landes auf die Leinwand brachte." Ewig leben sollte er aber auch, weil er "für etwas Einmaliges stand, für etwas, das nur die Kamera verstand und das Licht, das seine Erscheinung auf die Leinwand warf. Sein bester Kumpel Paul Newman brachte es auf den Punkt. Er sprach von Redfords unkorrumpierbarerMännlichkeit. Man könnte auch von seiner unkorrumpierbaren Schönheit sprechen."
Andreas Busche erinnert (Tagesspiegel) an Redford als Förderer eines kleinen, aufrichtigen Kinos: Redford war ein Gesicht New Hollywoods, als New Hollywood später dann zum Blockbusterkino wurde, drehte Redford auf eigene Faust Filme der kleinen Gesten, schließlich gründete er mit dem SundanceFestival ein Forum für den Independentfilm. Es "wurde zur Initialzündung für eine neue Generation von Filmemachern, nicht unähnlich des New-Hollywood-Booms zwanzig Jahre zuvor. Redford machte Sundance zur BrutkammerHollywoods, jedes Jahr im Januar pilgerte die Branche plötzlich nach Park City, um das nächste große Regietalent unter Vertrag zu nehmen. Die Ausbeute war beträchtlich: Quentin Tarantino, Steven Soderbergh, Robert Rodriguez, Darren Aronofsky, Barry Jenkins, Ryan Coogler, Chloé Zhao und Ava DuVernay starteten hier ihre Karrieren." Weitere Nachrufe schreiben Daniel Kothenschulte (FR), Jana Janika Bach (NZZ), Jan Küveler (Welt) und Jürgen Kaube (FAZ). Zeit und Tagesspiegel bringen Bilderstrecken. Arte hat eine Doku über Redford online.
Außerdem: Fabian Tietke (taz) und Esther Buss (FD) empfehlen eine Berliner Reihe mit Filmen der ungarischen Regisseurin JuditElek, die 1956 als erste Frau ein Filmstudium in Budapest aufnahm. Besprochen werden LuisOrtegas "Kill the Jockey" ("ein überragendes Meisterwerk", jubelt Bert Rebhandl in der FAZ, einen "eigenwilligen Galopp" erlebtetazler Dennis Vetter), EdgarReitz' "Leibniz: Chronik eines verschollenen Bildes" (SZ), DennisGansels Kriegsfilm "Der Tiger" (SZ), der auf Sky gezeigte Film "The Retirement Plan" mit NicolasCage (FAZ), FrancisLawrencesStephen-King-Adaption "Todesmarsch" (Standard) und die neue Staffel der Apple-Serie "The Morning Show" (taz).
So müsste man leben: "Gaucho Gaucho" Georg Seeßlen (Jungle World) gerät nach MichaelDwecks und GregoryKershaws Dokumentarfilm "Gaucho Gaucho" ins schwelgerische Träumen von einem Leben als Rinderhirt in der argentinischen Prärie. Es ist "ein Film, der einen radikalen Gegenentwurf zum kleinbürgerlichen Leben in einer westlichen Großstadt zeigt. Keine Idylle, weiß der Himmel, keine Utopie, keine Rührseligkeit. Nur eine Konzentration auf das Einfache und das Naheliegende. ... Das alles in Schwarzweiß und in Kameraeinstellungen, die wie Fotografien oder sogar wie Zeichnungen komponiert sind. Und in einem Format, das die Autoren und Regisseure bescheiden als 'Beautiscope' bezeichnen - Breitwand im Dienst der Schönheit. ... Panoramatisches, Expressives und Idyllisches, dazwischen nun eben die zweifellos harte Arbeit auf den Pferden und mit den Kühen. Dass wir uns am Rand einer Existenzform befinden, erfahren wir indirekt, dadurch, wie schrecklich der Verlust einer Kuh ist."
Außerdem: Bei der Emmy-Verleihung hat sich der für seine Serie "The Studio" mit einem Preisregen gesegnete Komiker Seth Rogen mal wieder als der Mensch mit dem ansteckendsten Lachen der Welt erwiesen, freut sich Daniel Gerhardt auf ZeitOnline. Bert Rebhandl resümiert in der FAZ das FilmfestivalToronto. In der FRgratuliert Daniel Kothenschulte der FilmhistorikerinHeideSchlüpmann zur Auszeichnung mit der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt. Reinhard Kleber bringt für den Filmdienst in Erfahrung, ob sich Kino-Abokarten tatsächlich lohnen.
Besprochen werden ChristianPetzolds "Miroirs No. 3" (Tsp) und PaoloCognettis Dokumentarfilm "Fiore mio" über einen Sommer auf dem Monte Rosa (SZ).
Mittlerweile über 4.000 Filmschaffende ("Filmworkers for Palestine") haben einen in Hollywood kursierenden Aufruf unterschrieben, jegliche Zusammenarbeit mit israelischen Filminstitutionen abzulehnen, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Nach dem 7. Oktober waren es in der Branche gerade einmal 700, die sich solidarisch mit Israel zeigten. Dies markiert unmissverständlich einen maßgeblichenRichtungswechsel in Hollywood, wo man jahrzehntelang fest an der Seite Israels stand, hält Busche fest. Dabei waren schon "in den vergangenen zwei Jahren vor allem israelische Filme auf internationalen Festivals weitgehendunsichtbar." Und "wer sich heute in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie für Israel ausspricht, riskiert inzwischen die beruflicheÄchtung. Das haben die Branchenmagazine zuletzt immer wieder - meist unter Verweis auf anonyme Quellen - berichtet." Unter anderem Dlfkultur meldet unterdessen, dass der Hollywood-Major Paramount den Aufruf deutlich kritisiert hat. Alle Links und Namen des Aufrufs der "Filmworkers for Palestine" hier.
Außerdem: Das Team von critic.de - darunter auch einige Perlentaucher-Filmkritiker - resümiert in Notizen die Entdeckungen, die sich beim auf den italienischenGenrefilm der Sechziger bis Achtziger spezialisierten Festival TerzaVisionein Frankfurt machen ließen. Robert Pfaller denkt im Standard über das aktuelle Slapstick-Revival in Filmen wie "Die nackte Kanone" und "Das Kanu des Manitu" nach. Dierk Saathoff schreibt in der JungleWorld zu 40 Jahren "GoldenGirls". Andreas Kilb gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Carmen Maura zum 80. Geburtstag. Besprochen werden FrancisLawrencesStephen-King-Verfilmung "Todesmarsch" (Welt) und Kai WesselsArte-Film "An einem Tag im September" über die Begegnung zwischen KonradAdenauer und CharlesdeGaulle (taz).
Der Unterschied zwischen Philosophie und Kunst: Edgar Selge in "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes" Kommenden Donnerstag startet EdgarReitz' "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes". Er "wollte nicht über Leibniz erzählen, sondern aus ihm heraus", sagt der 92-jährige deutsche Autorenfilmer im taz-Gespräch gegenüber Chris Schinke und spricht im Weiteren über die Herausforderungen beim Dreh: Historische Motive in der Wirklichkeit waren ihm zu "museal, steril", er suchte nach Authentizität. Aber "im Studio ist alles so, wie man es sich ausgedacht hat. Alles ist Wille. Und das genügt mir nicht. Ich brauche Widerstände, Zufälle. ... Das Licht muss glaubwürdig sein", denn "in der Zeit von Leibniz gab es nur Tageslicht. ... Intimität entsteht auch durch die Wahl des Objektivs. Ich wählte ein 40-mm-Objektiv, denn das entspricht ziemlich genau den Abbildungsproportionen des menschlichen Auges. Ein weiteres Mittel war die Wahl der Farben. Unsere Wände sind in einem grün-blauen Farbton gehalten, der mehrfach übermalt wurde, bis er eine eigene Haptik hatte. Die Farbigkeit musste aus der Zeit von Leibniz stammen oder zumindest so wirken."
Für die FAS hat Bert Rebhandl mit dem Regisseur gesprochen, dem es mit diesem Film ein Anliegen war, auch auf den Unterschied zwischen Kunst und Philosophie hinzuweisen. "Es gibt eine Wahrheit, die gibt es nur in der Wissenschaft, und dann gibt es eine andere, nämlich eine künstlerische Wahrheit. Ob eine Person in ihrer ganzen inneren Wahrhaftigkeit und Tiefe in einem Gemälde dargestellt werden kann, ist eine enorm wichtige Frage. Wir werden heute ja überflutet von Bildern. Alle behaupten mehr oder weniger, wahr zu sein. Umso größer werden unsere Zweifel. Für mich als Filmemacher gilt es, diese letzte Bastion zu verteidigen: die Wahrheit in der Kunst jenseits aller Manipulierbarkeit."
Weiteres: Mariam Schaghaghi spricht in der FAS mit Kaouther Ben Hania, der Regisseurin des beim Filmfestival Venedig heftig diskutierten Gazakrieg-Films "The Voice of Hind Rajab". Besprochen werden EthanCoens "Honey Don't" (FAZ, Welt, mehr dazu bereits hier und dort), Isabella Brunäckers in Österreich startender Debütfilm "Sugarland" (Standard), LuisOrtegas argentinischer Film "Kill the Jockey" (FAS), der dritte "Downtown Abbey"-Film (SZ), eine Netflix-Doku über den Schauspieler CharlieSheen (NZZ) und die auf Disney+ gezeigte, deutsche Variante der französischen Erfolgsserie "Call My Agent" (FAS).
Nur noch "ermüdend" findet es SZ-Kritiker Gerhard Matzig, nachdem er aus der Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" kommt, wie Hollywood sich Architekten vorstellt: "Man fragt sich mittlerweile, ob in Hollywood keine Architektinnen leben, die den Drehbuchautoren der Architektenfilme mal mit ein bisschen Lebenswirklichkeit aushelfen könnten. ... Die Filmstudios in aller Welt präsentieren immer wieder die gleichen Klischees aus dem verstaubten Fundus." Auch der Kritikerliebling "Der Brutalist" (unsere Kritik) aus dem letzten Jahr hat im übrigen gepatzt: "Die 'Bauhaus'-Architektur darin hat leider wenig bis nichts mit dem Bauhaus zu tun. Die Skizzen könnten fast von einer KI stammen. Aber nicht alles, liebes Chat-GPT, was weiß und orthogonal ist, ist Bauhaus."
Besprochen werden eine Margarethe von Trotta gewidmete Ausstellung in Berlin (FD), HendrikLöbberts Dokumentarfilm "Memory Wars" über die US-Psychologin ElizabethLoftus, die zum False-Memory-Syndrom im Zuge fehlgeleiteter Traumatherapie forscht (Welt), AndrewRenzisNetflix-Doku über den Schauspieler CharlieSheen (Standard) und die Sky-Serie "Task" (FAZ).
Kommt auch auf Glatteis nicht ins Schlingern: Margaret Qualley in "Honey Don't" Daniel Kothenschulte spricht für die FR mit EthanCoen und TriciaCooke über deren zweite gemeinsame lesbische Krimikomödie "Honey Don't" (hier unser Resümee zu den ersten, vernichtenden Kritiken). Kothenschulte staunt nicht schlecht darüber, wie frech die beiden, die auch im echten Leben eine offen queere Beziehung führen, den Sex zurückholen, der dem US-Mainstreamfilm seit geraumer Zeit abhanden gekommen ist. "Wir sind prüde geworden", sagt Cooke. "Es ist einfach so ein Glatteis geworden. Die Me-Too-Bewegung hat völlig zu Recht dafür gesorgt, dass schlechtes Verhalten bestraft wurde, und die Leute sind sich heute bewusster, wie sie sich ausdrücken, und was Sex betrifft, haben sie einfach Angst." Coen ergänzt: "Es wird auf jeden Fall immer schwieriger einen B-Film zu machen. Wenn Porno unerschöpflich und umsonst im Internet verfügbar ist, ist es schwieriger 'unanständig' zu sein. Dieser unterdrückte Blick auf Sexualität, den man früher hatte, besitzt ja auch eine gewisse Unschuld. Wir leben in dieser Welt einfach nicht mehr."
Auf Artechockkann Rüdiger Suchland dem Film alleine schon aufgrund seines Eigensinns und der überbordend grell-billanten Inszenierung einiges abgewinnen: "Eine Frau übernimmt die Rolle des Detektivs, ein schwuler Mann die der Femme fatale, ein protestantischer Prediger die des institutionalisierten Bösewichts. Coen zeigt damit, dass er nicht nur zitiert, sondern die Konventionen des Genres aufbricht, verdreht, neu zusammensetzt." Dieser Film "ist ein wilder, respektloser, zugleich liebevoller Blick auf die Ränder der Filmkunst, die Liebe zu einem Kino, das Grenzen überschreitet, sich nicht scheut, zu provozieren, und gerade in seiner Unvollkommenheit Charakter gewinnt." Zu erleben ist eine "filmischeEnergie, die im heutigen Kino selten geworden ist".
Weiteres: Benedikt Guntentaler kommt hier auf Artechock auf die Arbeiten von MilenaGierke und dort auf die von PeterHutton zu sprechen, die bei den fünften Tagen des experimentellen Filmsin Frankfurt gezeigt wurden. Rüdiger Suchsland arbeitet sich auf Artechock weiter ab an Wolfram Weimer, der deutschen Filmbranche und der nicht recht in Gang kommenden Reform der Filmförderung. Isabella Caldart wünscht sich in der taz, dass nonbinäreMenschen bei Preisverleihungen wie den am Wochenende anstehenden Emmys besser berücksicht werden.
Besprochen werden GabrieleMainettis Kampfkunst-Familiendrama "Kung-Fu in Rome" (Perlentaucher), MaggieKangs und ChrisAppelhans' koreanischer Animationsfilm "KPop Demon Hunters", der auf Netflix alle Rekorde bricht (Artechock), SpikeLees auf Apple+ gezeigtes Kurosawa-Remake "Highest 2 Lowest" (critic.de), MaschaSchilinskis "In die Sonne schauen" (TA, unsere Kritik), MichaelDwecks und GregoryKershaws Dokumentarfilm "Gaucho Gaucho" (taz), SeanByrnes "Dangerous Animals" (critic.de), TiborBaumanns "Exit Pangea" (Artechock), HendrikLöbberts "Memory Wars" (Artechock), SimonCurtis' "Downton Abbey: The Grand Finale" (NZZ), MichaelKoflers "Zweitland" (Standard), OlgaKosanovićs Dokumentarfilm "Noch lange keine Lipizzaner" (Standard), die in der ARD-Mediathek gezeigte Serie "Versailles" (critic.de) und FlorianPochlatkos "How to be Normal und der Versuch, sich selbst zu verstehen" (SZ).
Auf zum nächsten plumpen Sex-Gag: Margaret Qualley in "Honey Don't" Was zur Hölle ist eigentlich mit EthanCoen los, fragen sich die Filmkritiker. In den Achtzigern und Neunzigern galten er und sein Bruder Joel als unter Genieverdacht stehende Wunderkinder des US-Indiekinos, aber seit die beiden seit ein paar Jahren zeitweise getrennte Wege gehen, scheint zumindest bei Ethan gehörig die Luft raus. Mit "Honey Don't" legt er nun nach "Drive-Away Dolls" (unsere Kritik) den zweiten Film einer Trilogie mit lesbischenExploitationfilmen vor, die er während der Corona-Langeweile mit seiner Frau TriciaCooke geschrieben hat. Aber anders als bei klassischen Exploitationfilmen bleibt der deftige Spaß bloß Behauptung, stöhnt Philipp Bovermann in der SZ: "Im richtigen B-Genrefilm kann der stereotype Aufbau des Films dazu dienen, Energie freizugeben, (...) wodurch am Wegesrand hundert kleine, hübsche Ideen aufleuchten können." Coen und Cooke hingegen "behandeln die Erzählung nicht einmal mehr als Vehikel, sondern nur als Attrappe, als Witz - bis zum Ende, das in 'Drive-Away Dolls' lustlos und hier nun geradezu ärgerlichschludrig wirkt. Geschichten zu verfilmen, die nichts erzählen, erzählen noch lange nicht vom Nichts."
Auch Inga Barthels vom Tagesspiegel macht ein langes Gesicht: "Als Hommage an Film Noirs funktioniert 'Honey Don't' höchstens ästhetisch. ... Keiner der Witze will richtig zünden, der Humor schwankt zwischen plumpenSex-Gags und heftiger Gewalt à la Quentin Tarantino. Irgendwie geht es auch um Amerika - Honey überklebt in einer Szene einen MAGA-Aufkleber mit einem 'I have a vagina and I vote'-Sticker - doch auch das bleibt im Vagen. So ist 'Honey Don't' vor allem eine Verschwendung des Talents von Schauspielerinnen und Schauspielern wie Margaret Qualley, Chris Evans und Aubrey Plaza."
Weiteres: Patrick Heidmann spricht für die FR mit MaschaSchilinski über deren in der NZZbesprochenen Film "In die Sonne schauen" (unsere Kritik). Johannes Dudziak spricht fürs ZeitMagazin mit SpikeLee. Auf den Geldsegen der deutlich erhöhten Filmförderung muss die hiesige Filmbranche noch bis nächstes Jahr warten, meldet Helmut Hartung in der FAZ. Besprochen werden Gabriele Mainettis italienischer Martial-Arts-Film "Kung Fu in Rome" (taz, FAZ)und die Amazon-Serie "Das Gift der Seele" (taz).
Die Agenturen melden, dass ein 1.700 Filmschaffende umfassendes Bündnis - darunter SusanSarandon, Emma Stone, Tilda Swinton, Javier Bardem, Julie Christie, Aki Kaurismäki, Beatrice Dalle, Ken Loach, Mike Leigh, Xavier Dolan und MarkRufallo - dazu aufruft, israelischeFilminstitutionenzuboykottieren. Mehr Hintergründe dazu liefert der Guardian. Der Aufruf der "Filmworkers for Palestine" ist hier veröffentlicht.
Bert Rebhandl empfiehlt im Standard die Retrospektive ThomasArslanin Wien. Michael Hanfeld (FAZ), Harry Nutt (FR) und Markus Ehrenberg (Tsp) schreiben zum Tod des Schauspielers Horst Krause. Besprochen wird Truong Minh Quýs in Vietnam verbotenes, schwules Liebesdrama "Viet und Nam" (Jungle World).
"Father Mother Sister Brother" von Jim Jarmusch Jim Jarmuschs "Father Mother Sister Brother" hatte bei den Filmfestspielen Venedig niemand für die Goldenen Löwen auf dem Zettel - im Gegenteil, bei der Kritik fiel der Film weitgehend durch. Die Jury um Alexander Payne sah das anders und hob den Film aufs Siegerpodest. Kaouther Ben Hanias Gazafilm "The Voice of Hind Rajab" erhielt den Großen Preis der Jury, Kathryn Bigelow ging als Kritikerfavoritin leer aus - hier alle Preise im Überblick. Mit Jarmuschs Film wurde ein "albern-ehrgeizlosesTriptychon" ausgezeichnet, ärgert sich Jan Küveler in der Welt, aus einem durchaus vorweisbaren Pool an Favoriten hat man ausgerechnet "schlimmstesBoomerkino" preisgekrönt, stöhnt Tobias Sedlmaier von dieser Entscheidung "irritiert" in der NZZ.
Gnädiger isttazler Tim Caspar Boehme: Dieser Film "hat etwas von einer Summa, in der Jarmusch einige seiner Lieblingsmittel zusammenfasst." Ein Preis also eher fürs Lebenswerk, wie 2024 für Almodóvar. "Eine falsche Entscheidung ist dies zwar nicht, doch bleibt ein Bedauern, dass andere Mitbewerber für ihre Ideen zum Teil gar nicht oder kaum gewürdigt wurden." Darunter etwa IldikóEnyedis "Silent Friend", ein Umweltschutzfilm, der viele Kritiker verzaubert hat, darunter auch Andreas Busche (Tsp). Jarmusch hat diesen Preis - seinen ersten Hauptpreis auf einem A-Festival - "vielleicht nicht für den richtigen Film bekommen, aber letztlich ist es trotzdem besser, einen auszuzeichnen, der sich um das Kino verdient gemacht hat, als ihn auf ewig leer ausgehen zu lassen", findet Susan Vahabzadeh in der SZ.
Auch Dietmar Dath (FAZ) zählte zu den Kritikern, die von Jarmuschs Film weniger als wenig halten, bemerkenswert findet er die Entscheidung der Jury dann aber doch: Längst treibt es "die ambitionierte Regie, sich an gigantischenWeltproblemen zu messen", doch die Jury hat entschieden, "dass eine Regie, die von diesen Versuchungen einfach die Finger lässt, dafür Anerkennung verdient. Jarmusch ist der Gegenwart per Rolle rückwärts ausgewichen. Man kann das regressiv nennen, auch reaktionär, niedlich oder langweilig. Jarmuschs Fans werden sagen: Wie sonst soll man die kleinen, warmen, alten Kinosäle retten, die Zuflucht vor allerlei lautem Aktualitätsdreck versprechen, wenn nicht damit, dass man Filme stärkt, die dort seit Gott weiß wann gelaufen sind und nirgendwo anders wirklich hinpassen? Das klingt menschenfreundlich und lieb. Aber je genauer man es anschaut, desto pessimistischer sieht's aus."
Und im Allgemeinen? Den Wettbewerb zeichnete "eine Dominanz des amerikanischen Kinos" aus, "wie sie noch vor zehn Jahren unvorstellbar gewesen wäre", schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. Hier wurden "die unterschiedlichen Erzählstile und Perspektiven sozusagen wegglobalisiert. Und es wirkt auch seltsam unzeitgemäß, wenn sich ein europäisches Festival gerade jetzt einer US-Kino-Hegemonie unterwirft. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein könnte Europa gerade gut gebrauchen." Katja Nicodemus von der Zeitspricht hingegen von einer "Vitalität des US-amerikanischen Kinos" und lobt "seine Fähigkeit, das eigene Land, seine Kultur und Politik, seine Mythen und Abgründe immer wieder aufs Neue zu beleuchten, zu ergründen und auf noble Art auch darunter zu leiden." Weitere Resümees in FR und Filmdienst.
Venedig-Favorit: "A House of Dynamite" von Kathryn Bigelow Die Filmfestspiele in Venedig gehen zu Ende. Das Programm las sich vorab "wie ein Who's who zeitgenössischen Filmschaffens, eine Sneak Preview der kommenden Oscars", schreibt Jan Küveler in der Welt. "Und doch enttäuschen sie mehrheitlich. Das liegt weniger an mangelnder Raffinesse der Regie, des Tons, des Schnitts. Das Problem ist die emotionale Dynamik." Aber "wenn wir uns festlegen müssten: Goldener Löwe für Bigelow, Großer Preis der Jury für ParkChan-wooks Sozialsatire 'No Other Choice', in der sich ein arbeitsloser Papier-Ingenieur gezwungen sieht, die Konkurrenz zu ermorden. Offenbar möchte Park, der südkoreanische Gigant, an Bong Joon-hos 'Parasite'-Erfolg anküpfen. Das geht auf, auch wenn knallharte Thriller eher sein Genre bleiben als groteske Komödien. Unter den ehrenvollen Erwähnungen: 'Jay Kelly', eine Schnulze mit GeorgeClooney, die reflektiert, was wichtig ist im Leben." Rüdiger Suchsland schließt sich auf Artechock der Forderung für den Goldenen Löwen für Bigelow (hier besprochen in der NZZ) an, rechnet aber auch MonaFestvold für "The Testament of Ann Lee" (hier besprochen im Filmdienst, mehr zu beiden Filmen hier) gute Chancen aus.
Tazler Tim Caspar Boehme bespricht in Venedig fernerhin Kaouther ben Hanias "The Voice of Hind Rajab" (mehr dazu bereits hier). Hanns-Georg Rodek berichtet in der Welt von einem KI-Wettbewerb in Venedig. Maria Wiesner (FAZ) sah außerdem IldikóEnyedis im Alten Botanischen Garten in Marburg gedrehten Ökofilm "Silent Friend" mit LéaSeydoux: "In einem Wettbewerb voller harter politischer Realitäten deutet dieser Beitrag eine Utopie an." Auch Pavao Vlajcic staunt auf critic.de über diesen Film: "Ich habe mir nie vorstellen können, dass ich mir einmal so viele Sorgen um eine Geranie machen würde." Und zum Abschluss des Festivals hier noch einmal der Kritikerspiegel von critic.de.
Abseits vom Lido: Patrick Holzapfel erinnert im Filmdienst mit einem Essay an den großen PeterSellers, der vor hundert Jahren geboren wurde. Eva-Maria Magel berichtet in der FAZ von einer Frankfurter Stadtführung auf FassbindersSpuren.
Besprochen werden MaschaSchilinskis "In die Sonne schauen" (JungleWorld, unsere Kritik), MargarethevonTrottasRetrospektive im Berliner n.b.k. (Freitag), die auf Sky gezeigte "The Office"-Ableger "The Paper" (FAZ, Welt, NZZ), SpikeLees auf Apple+ gezeigtes, im modernen New York angesiedeltes Kurosawa-Remake "Highest 2 Lowest" (Standard, ZeitOnline) und KaiWesselsauf Arte gezeigter, von FredBreinersdorfer geschriebener TV-Film "An einem Tag im September" über eine Begegnung zwischen KonradAdenauer und CharlesdeGaulle (FAZ).
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