Überzeitliches Mädchenwesen: "In die Sonne schauen" im Cannes-Wettbewerb Deutsche Filme im Cannes-Wettbewerb müsste man unter Artenschutz stellen, so selten sind sie anzutreffen. Mit "In die Sonne schauen" ist es in diesem Jahr wieder einmal so weit. Die Regisseurin MaschaSchilinski erzählt darin von vier Frauenleben, die sich in einem Zeitraum von hundert Jahren auf einem Hof unweit der Elbe abspielen. Der Film ist eine "Sensation", schwärmt Katja Nicodemus in der Zeit: "Die Bilder erfassen die Wahrnehmung wie Sonnenlicht, das durch geschlossene Lider fällt. ... In manchen Momenten wirkt es so, als erzähle Mascha Schilinski mit ihrer assoziativen Montage nicht nur von einem Ort, sondern von einer einzigen, aus mehreren Frauen, Mädchen und Erinnerungen bestehenden Person, von einer einzigen aus mehreren Zeitlichkeiten zusammenfließenden Gegenwart. DiesesüberzeitlicheMädchenwesen besteht aus kindlichen und pubertierenden Körpern, es erlebt die Neugierde auf die Körper der anderen, aber auch Härte, Gewalt, die Traumata der verletzten, missbrauchten Körper. Allgegenwärtig ist die Natur. Raschelnde Blätter, bleierner Himmel kurz vor dem Regen, der Sturm bei der Ernte, die angenehme Kühle des Wassers in der Hitze. Der ewige Kindersommer am Elbstrand."
Die Regisseurin "verwebt die Erzählebenen, springt immer wieder vor und zurück in der Zeit", lobt auch Maria Wiesner in der FAZ, und "dringt dabei so tief in die Köpfe ihrer Figuren, dass man manchmal in ihren Träumen landet. Gerade hier überlappen sich die Bilder, bilden Brücken, weil man erst später feststellt, dass etwas, das man für die Erinnerung einer Figur hielt, in Wahrheit ein Vorgriff auf etwas ist, das einer anderen geschehen wird." Überhaupt gelingt dem Film am Ende auch die "Befreiung zur Empathie".
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte findet die "betörende Eigenheit" dieses Films zwar nicht ohne Reiz, kommt aber dennoch nicht rundum überzeugt aus dem Screening: "Wie in einem Haunted-House-Horrorfilm spielt das Haus die Hauptrolle, und die Kamera gleitet in stetem Fluss durch seine Räume. Das Besondere an Schilinskis Bildern, die gar nicht den Versuch machen, sich zu einer übergeordneten Erzählung zu addieren, ist das Zufällig-Anekdotische. In jeder Familie gibt es diese Namen längst Verstorbener, die zum Beispiel nur noch durch einen tragischen Tod in Erinnerung sind. Die Konsequenz, in der Schilinski dem Nachhall solcher Erinnerungen auf spätere Generationen nachspürt, ist imponierend. Wenn sich bei aller Detailfülle dennoch ein Gefühl der Redundanz einstellt, dann liegt das an dem Wenigen, aber Entscheidenden, das fehlt: Es bleiben literarische Bilder." Valerie Dirk (Standard), Tim Caspar Boehme (taz) und Andreas Scheiner (NZZ) resümieren die Eröffnungsgala. In der Zeitliefert Katja Nicodemus ihre ersten Eindrücke vom Festival.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Schnitt weg von der Croisette: DominikGraf, selbst Sohn des Schauspielers Robert Graf, hat ein Buch über Schauspiel geschrieben. David Steinitz hat sich für die SZ mit dem Münchner Regisseur zum Gespräch getroffen. Der formuliert in Buch wie Gespräch, warum er sich für die deutschen Eigenheiten des Schauspiels gerne mal etwas amerikanischen Einfluss wünschen würde. "Amerikanische und französische Schauspieler sind oder waren meistens in ihren Rollen präsent, sie waren 'da'. Die deutschen Schauspieler ergriffen oft die Chance, in ihren Rollen deutlichst zu spielen. Ganz früher schon, aber eben dann gerade auch wieder im Autorenfilm. Nichts dagegen zu sagen, die Spielfreude ist ja was Schönes und beglückt das Publikum." Aber das ergibt "oft Facework wie in einem Zeichentrickfilm. Und das müsste eigentlich alles weg." Und "deutsche Schauspieler lassen sich das Lügen anmerken. Sie zögern oft vor dem gelogenen Satz. Oder sie betreiben mimischen Aufwand. Dabei ist das, was eine gute Lüge braucht, ja so wenig Aufwand wie möglich."
Außerdem: Jan Küveler porträtiert in der WeltStevenSoderbergh, dessen (auf critic.debesprochener) Thriller "Black Bag" diese Woche im Kino startet, Edo Reents schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Regisseur RobertBenton.
Besprochen werden SabineHerpichs Kinoporträt über die Indie-Musikerin BarbaraMorgenstern (Perlentaucher), JiaZhang-Kes "Caught by the Tides" (critic.de, FD), ZachLipovskys und AdamB. Steins Horrorfilm "Final Destination: Bloodlines" (Perlentaucher) sowie GuyMaddins, EvanJohnsons und GalenJohnsons "Rumours", in dem Staatschefs es mit Untoten zu tun bekommen (taz). Außerdem blickt der Filmdienst auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.
Ist klein und fein, Tiefgang hat er auch: Amélie Bonnins Debütfilm "Partir un jour" eröffnet das Filmfestival in Cannes Die Filmfestspiele in Cannes haben begonnen - und sowas hat man noch nicht gesehen: dass ein Debütfilm das Festival eröffnet. AmélieBonnins "Partir un jour" handelt von einer Chefköchin, die gerade in Paris ein Restaurant eröffnen will - als ihr ein positiver Schwangerschaftstest und die Nachricht des Herzinfarkts ihres Vaters ins Haus schneit. Erzählt wird das Ganze jedoch als Musical, mit der in Frankreich populären Sängerin JulietteArmanet in der Hauptrolle. "Diese Geschichte einer Lebenskrise erzählt die Regisseurin mit einem ausgezeichneten Gespür für die kleinen und großen Irrungen und Wirrungen des Lebens", freut sich David Steinitz in der SZ. "Solche kleinen, feinenFilme würde man als von Superhelden erschöpfter Kinogänger eigentlich gerne wieder öfter sehen."
Auch Maria Wiesner in der FAZist angetan: "Die Konflikte der Familie - was passiert, wenn das Kind aus der Arbeiterklasse sich seiner Herkunft schämt und sie fürs Nachobenkommen verleugnet - geben dem Musikdrama Tiefgang, ebenso der Handlungsstrang, der sich mit Céciles Schwangerschaft beschäftigt." Hanns-Georg Rodek in der Weltwinkt angesichts dieser "unspektakulären Geschichte" hingegen ab: Das ist "einer jener Eröffnungsfilme, die bald vergessen sein werden, aber er ist wenigstens ehrlich und sympathisch".
Außerdem: Tim Caspar Boehme berichtet in der taz von der Pressekonferenz des künstlerischen Leiters ThierryFrémaux. Andreas Kilb hat sich derweil für die FAZ schon mal den Trailer zu MaschaSchilinskis "In die Sonne schauen" angesehen, der als deutscher Wettbewerbsfilm in Cannes absoluten Seltenheitswert besitzt: Ihm zeigten sich "Bilder, die mal altmeisterlich, mal spontan wirken und deshalb viel Raum für Spekulationen lassen". Zu sehen ist in dem Film übrigens auch Laeni Geiseler, die auch schon auf der letzten Berlinale im einzigen deutschen Wettbewerbsfilms auftrat.
Themenwechsel, aber wir bleiben in Frankreich: Das Urteil gegen GérardDepardieu - der Schauspieler wurde wegen sexueller Übergriffe zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt - dürfte für Frankreich eine Zeitenwende markieren, sind sich die Feuilletons einig. "Depardieu war ein Nationalheld", schreibt Annika Joeres auf Zeit Online. "Das ganze Land lag ihm einst zu Füßen. Selbst als ihn erste Frauen öffentlich beschuldigten, sie betatscht, belästigt und mit vulgären Sprüchen überzogen zu haben, nahmen ihn mehr als 50 Künstlerinnen und Schauspieler in Schutz." Man habe bislang stets nur "die schillerndeVorderseitederFilmbranche" wahrhaben wollen, kommentiert Martina Meister in der Welt. "Man versteckte sich hinter höfischen Traditionen und einer libertärenKultur, um inakzeptables Verhalten kleinzureden." Auch "in Cannes, wo man sich mit der #MeToo-Bewegung lange schwertat, dürfte das nicht ohne Nachhall bleiben", meint Daniel Steinvorth in der NZZ.
Weiteres: Bert Rebhandl arbeitet sich für den Filmdienst durch die Arbeiten der Kamerafrau CarolineChampetier, die eben mit dem MarburgerKamerapreisausgezeichnet wurde. Clara Engelien resümiert im Filmdienst das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg, das vom 6. bis 11. Mai stattgefunden hat. Die Agenturen melden, dass der Regisseur RobertBenton ("Kramer gegen Kramer") gestorben ist. Besprochen werden JiaZhang-kes "Caught by the Tides" (taz, Tagesspiegel) und die auf Amazon gezeigte Comedy-Serie "Drunter und drüber" (taz).
Gedreht in Potsdam, gezeigt in Cannes: der neue Film von Wes Anderson Heute beginnt das Filmfestival in Cannes. "In den vergangenen Jahren hat sich noch einmal mehr etabliert, dass hier die Oscar-Saison beginnt", schreibt David Steinitz in der SZ. Und die Berlinale hat angesichts eines "mal wieder absurd star-gespickten Cannes-Programm" nicht nur wegen des trüben Februars am tristen Potsdamer Platz gegenüber der Croisette das Nachsehen. Ob Kulturstaatsminister Weimer Berlin retten kann? "Kleiner Tipp: Subventionen allein werden es nicht richten. Cannes bekommt weniger Geld vom französischen Staat als die Berlinale vom deutschen. ... Ein Beispiel. Der gefeierte US-Regisseur Wes Anderson hat seinen neuen Film 'Der phönizische Meisterstreich' in Deutschland gedreht" und das "mit über zehn Millionen Euro an deutschen Fördergeldern. Trotzdem geht er zur Premiere jetzt nach Frankreich, wo die Komödie im Wettbewerb läuft."
"Dieser Jahrgang lässt ganz Erstaunliches erwarten", freut sich Daniel Kothenschulte in der FR - und kommt auch nochmal auf Trumps Geistesblitz, für Filme von außerhalb der USA Zollabgaben von 100 Prozent einzurichten, zu sprechen. Eine Quatschidee, zumal "Hollywood gerade vom Cannes-Festival, diesem größten Werbegeschenk des französischen Staates an das Kino, regelmäßig profitiert." Das zeigt sich nicht nur, aber auch in RichardLinklaters schon wieder neuem Film (gerade eben lief im Berlinale-Wettbewerb noch "Blue Moon") "Nouvelle Vague": Diese auf Französisch und in Schwarzweiß gedrehte "kulturelleZeitmaschine" handelt von "einer Geschichte, die man an der Croisette wahrscheinlich schon den Grundschulkindern lehrt, die Geburtsstunde des jungen Autorenfilms. Es geht um die Dreharbeiten von Jean-Luc Godards Klassiker 'Außer Atem', Zoey Deutch spielt die Rolle der Jean Seberg. Enger verbunden könnte sich die amerikanische und französische Filmkultur kaum zeigen."
Tim Caspar Boehme sortiert in der taz erste zu erwartende Highlights vor und stellt überdies fest: Cannes, oft für seine wenigen Filme von Frauen gescholten, scheint sich diesbezüglich zumindest ein wenig zu bessern. "Unter den 22 Filmen, die diesmal um die Goldene Palme konkurrieren, kommen immerhin sieben von Regisseurinnen."
Überaus erfreulich findet es Tilman Schumacher in seinem umfassenden Rückblick für critic.de auf die Retrospektive der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, dass beim Fokus auf Beiträge von DDR-Filmen, die in den Fünfzigern bis Achtzigern dort im Programm liefen, gerade kein erwartbares "Best-Of" der großen Namen zusammengestellt wurde, sondern auf "filmgeschichtlichen Nebenpfaden" echte Entdeckungen ermöglicht wurden. "Man merkte jederzeit, dass nicht nur das Typische, sondern auch das Unangepasste und Verschroben-Eigenbrötlerische zu Tage gefördert werden sollte. Mal standen einzelne Filmemacher wie der an Andrej Tarkowskis symbolschwangerer Melancholie geschulte KonradHerrmann im Vordergrund, mal gruppierten sich die jeweiligen Kurzfilmprogramme um gemeinsame Topoi wie zum Beispiel die Auseinandersetzung mit bildender Kunst früherer Epochen, dem Privatleben hinter den Fassaden der bereits langsam aber sicher erodierenden DDR in den 1980er-Jahre oder aber einem ungeschönt-unheroisch in Szene gesetzten Lebensalltag von Werktätigen, die auf Schutthalden oder in Schwerindustriebetrieben härtesteArbeiten verrichten."
Außerdem: Womöglich hat ja der mit BurtLancaster besetzte Klassiker "Der Gefangene von Alcatraz" von 1962 Donald Trump auf die hirnrissige Idee gebracht, Alcatraz wieder eröffnen zu wollen, überlegt Matthias Heine in der Welt. Besprochen werden LouYes "An Unfinished Film" (taz), AlbertSerrasStierkampf-Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" (FAZ, unsere Kritik), StevenSoderberghs Spionagethriller "Black Bag" (NZZ, Presse) und die Prime-Serie "Drunter und Drüber" (Welt).
Daniel Kothenschulte (FR), Jan Küveler (Welt), Marius Nobach (FD) und Jenni Zylka (taz) resümieren die Verleihung des DeutschenFilmpreises. Besprochen werden AlexParkinsons Survivalthriller "Last Breath" (SZ, unsere Kritik), PiaMarais' "Transamazonia" mit "Systemsprengerin" Helena Zengel (Tsp) und die vom ZDF online gestellte Serie "Queenstown Murders" (taz).
Offensive Zweideutigkeit als Statement der Freiheit: "Balconettes" von Noémie Merlant NoémieMerlants nach einem Drehbuch der Regisseurin CélineSciamma inszenierte Horrorkomödie "Balconettes" bricht fortlaufend mit zahlreichen Sehgewohnheiten, freut sich Arabella Wintermayr auf Zeit Online: "Dass in 'Balconettes' fast jede männliche Figur aggressiv, manipulativ oder schlicht gefährlich ist, könnte man kritisieren - es ist aber keine erzählerische Schwäche, sondern eine bewusst gesetzte These. 'Balconettes' ist kein Aufruf zur Ausgewogenheit, er ist vielmehr ein visuelles Manifest gegen den male gaze und die Ikonografie des weiblichen Leidens." Und Bert Rebhandl schreibt in der FAS: "Der Balkon ist ein Ort, an dem man sich erholt, aber auch preisgibt", insbesondere in Ländern, die im Sommer heißer sind als Deutschland. "Da es auch im Französischen eine umgangssprachliche, zotige Formulierung gibt, die den Busen als 'balcon' bezeichnet, bekommt der Titel von Noémie Merlants Film eine Zweideutigkeit, die in dem triumphierenden Finale offensiv aufgelöst wird. Es ist Elise, die dann ihr Hemd so offen trägt, dass sie das Darunter nicht zu verbergen versucht. Es ist die Regisseurin, die selbst diese Figur spielt und die damit eine lange Tradition der Entblößung für den männlichen Blick auf ein Statement der Freiheit ummünzt, das nicht zu Belästigung oder gar Schlimmerem einlädt."
Am Dienstag beginnen die Filmfestspiele in Cannes. Mara Delius spricht für die WamS mit der Festivalpräsidentin IrisKnobloch. Immer wieder stand das Festival in den letzten Jahren in der Kritik, zu wenig Filme von Frauen ins Programm zu holen. Parität ist dem Festival wichtig, entgegnet Knobloch dem, allerdings in anderer Gewichtung: "Wir haben Parität in allen Gremien. ... Das Auswahlkomitee ist paritätisch besetzt sowie unsere Jurys und Jurypräsidentschaften. In diesem Jahr sogar mehr als das: Alle vier Jurypräsidenten sind Präsidentinnen. Bei der Filmauswahl hingegen bin ich gegen Quoten, weil sie die Unabhängigkeit der Auswahl beeinträchtigen würden. Das einzige Kriterium bei der Auswahl eines Films muss seine Qualität sein. In diesem Jahr haben wir 2900 Filme erhalten, davon wurden 28 Prozent von Frauen eingereicht. Ein Drittel der Filme unserer Auswahl stammt von Filmemacherinnen. Parität ist eine Verantwortung der gesamten Branche. Die neue Generation von Frauen ist mutiger und traut sich mehr zu. Deshalb bin ich sicher, dass der Anteil von Filmemacherinnen in Cannes weiter steigen wird."
Der georgische Literaturwissenschaftler Zaal Andronikashvili denkt in einem Essay für "Bilder und Zeiten" der FAZ über MichailLockshins eben in Deutschland angelaufene Bulgakow-Verfilmung "Der Meister und Margarita" (unser Resümee) nach, dem im Gegensatz zur literarischen Vorlage ein entscheidendes Element fehlt: "Der georgische Philosoph Merab Mamardaschwili beschrieb seine Lektüre nach der Erstveröffentlichung des Buchs in der Tauwetterzeit als ein literarischesAufatmen - die Erfahrung, dass es plötzlich wieder möglich war, freizudenken. Gerade diese heitere Würde und die Hoffnung, die den Roman bis heute tragen, fehlen dem Film fast vollständig." Die Verfilmung "wird selbst zum Symptom jener resignativenGrundstimmung, die die russische Kultur der Putin-Jahre prägt: einer Kultur, die selbst im Raum der Fiktion keinen Ausweg mehr entwerfen kann. Und damit auch keinen Widerstand."
Weiteres: Beim DeutschenFilmpreis war TimFehlbaums "September 5" (unsere Kritik) mit insgesamt neun Lolas - darunter bester Film, beste Regie und bestes Drehbuch - der große Abräumer des Abends (hier alle Auszeichnungen). Jan Küveler spricht für die SZ mit der Schauspielerin VerenaAltenberger, die aktuell in BurhanQurbanisShakespeare-Interpretation "Kein Tier. So Wild" (unser Resümee) zu sehen ist. Jan Küveler porträtiert für die WamSStevenSoderbergh, dessen aktuellen Thriller "Black Bag" offenbar niemand besprechen will (aber alle reißen sich um Interviewtermine mit dem Regisseur). Philipp Bovermann schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Regisseur James Foley. Im Zeitfragen-Feature von Dlf Kulturerinnert Siegfried Ressel an die Entstehung von ClaudeLanzmanns Dokumentarfilm "Shoah".
Besprochen werden DagJohanHaugeruds "Oslo Stories: Träume", bei dem laut Welt-Kritikerin Marie Luise Goldmann "die Erotik im Stricken eines Pullovers, im Philosophieren über Anziehungskraft oder Einkaufen für einen Kranken" entsteht (unsere Kritik) und die Sky-Doku "Das Nazi-Kartell" über die Verstrickungen zwischen dem Naziverbrecher KlausBarbie und einem lateinamerikanischen Drogenboss (FAZ, die erste Folge steht auf Youtube).
Trumps irrsinnige Ankündigung, 100 Prozent Zoll auf im Ausland gedrehte Filme erheben zu wollen, "spricht von der Ahnungslosigkeit des Mannes, der sie in die Welt gesetzt hat", seufzt Hanns-Georg Rodek in der Welt. Zwar stimmt der Befund, dass in den USA immer weniger gedreht wird, aber "wenn all die Arbeiten, die Hollywood aus Kostengründen ins billigere Ausland auslagert, ins Inland zurückkommen, werden sie dort ja nicht billiger - es sei denn, das amerikanische Lohnniveau würde sinken. ... Die einzig mögliche Lösung würde darin bestehen, das Produkt - also den Film - zu verteuern. Das wiederum wäre fatal, denn es haben sich Alternativen zu Hollywood entwickelt. ... Die Einnahmen amerikanischer Filme stammen heute schon zu zwischen 50 und 70 Prozent aus dem Ausland. Die Konkurrenz würde sich die Hände reiben, wenn US-Filme wesentlich teurer würden."
In der Kritik am neuen Kulturstaatsminister WolframWeimer überwiegen "Erbsenzählerei, moralisierende Reflexe und eine destruktive Energie, von der man sich wenigstens 10 Prozent im Umgang mit Weimers Vorgängerin Claudia Roth gewünscht hätte", findet Rüdiger Suchsland auf Artechock. Ihm fehlen konkrete Vorschläge für die Zukunft - und macht daher selber zumindest filmpolitische: "Eine der ersten Amtshandlungen ... sollte es sein, die vom Bund vergebenen (Bundes-)Filmpreise erstens wieder zu dotieren, und zwar möglichst noch besser als im letzten Mal mit Geldern aus seiner Amtsschatulle. Zweitens wäre es wünschenswert, die Vergabe und die Ausrichtung des Filmpreises der 'Deutschen Filmakademie' wegzunehmen. Der Preis müsste wieder durch eine kompetente Jury nach reinästhetischenKriterien vergeben werden." Mehr zu Weimer in 9punkt.
Weitere Artikel: Ingrid Weidner gibt auf Artechock einen Überblick zum 40. Dok.fest in München, während ihre Kollegin Dunja Bialas die Geschichte des Festivals im Wandel der Zeit in den Blick nimmt. In seiner "Cinema Moralia"-Kolumne für Artechockkonkretisiert Rüdiger Suchsland sein Unbehagen damit, dass die Leitung des Dok.fests ohne Ausschreibung festgelegt wurde und die strellvertrende Leitung die Ehefrau des alten Leiters ist. Joachim Hentschel spricht für die SZ mit StevenSoderbergh über dessen Thriller "Black Bag", die Zeit hat unterdessen Dirk Peitz' Gespräch mit dem Regisseur online nachgereicht. Die Welt hat Jan Küvelers Gespräch mit Jan-OleGerster, dessen (auf Artechockbesprochener) Thriller "Islands" aktuell im Kino läuft, online nachgereicht. Esther Buss war für den Filmdienst bei den InternationalenKurzfilmtagen in Oberhausen. Artechock resümiert zahlreiche Festvials: Eckhard Haschen war bei der Dokumentarfilmwoche in Hamburg, Katrin Hillgruber bei CrossingEurope in Linz und Paula Ruppert und Dunja Bialas bei GoEast in Wiesbaden. Marius Nobach empfiehlt im Filmdienst die HommageVittorio deSica des Berliner Kino Arsenals und schreibt hier einen Nachruf auf den Dokumentarfilmer HansAndreasGuttner, der als einer der ersten Filme über Gastarbeiter in Deutschland drehte. Philipp Bovermann porträtiert für die SZ die Castingdirektorin AnDortheBraker.
Besprochen werden DagJohanHaugeruds Berlinale-Gewinner "Oslo Stories: Träume" (Tsp, mehr dazu hier), BurhanQurbanis "Kein Tier. So Wild" (ZeitOnline, Artechock, mehr dazu hier), LouYes "An Unfinished Film" (Artechock), RúnarRúnarssons "Wenn das Licht zerbricht" (Artechock), SarahWinkenstettes "Grüße vom Mars" (Artechock) und ThomasWoschitz' vorerst nur in Österreich startender Film "The Million Dollar Bet" (Presse, Standard).
Reife Gespräche über heikle Themen: "Oslo Stories: Träume" Mit dem diesjährigen Berlinale-Gewinner "Träume" kommt ein weiterer Film aus DagJohanHaugeruds "Oslo Stories"-Trilogie in die Kinos (unser Resümee zum ersten Kinostart vor wenigen Wochen). "Manchmal ein bisschen zu vernünftig" wird darin durchgespielt, dass sich eine Siebzehnjährige in ihre Lehrerin verliebt, erzählt Alice Fischer im Perlentaucher - zumal dann, wenn die Aufzeichnungen der Schülerin dazu mit Mutter und Großmutter gelesen und besprochen werden. Die Figuren "sind allesamt sehr reflektiert, reif, tolerant, ein bisschen bewandert in Psychologie, offen - einerseits würde man sich wirklich wünschen, jeder wäre so (die Welt wäre eine bessere). Andererseits wird man das Gefühl nicht los, dass uns der Regisseur eine Lektion in Sachen 'achtsamer Umgang mit herausfordernden Situationen' erteilen will. So interessant und richtig und weitsichtig die Gespräche zwischen den weiblichen Figuren sind, so vermisst man doch hin und wieder ein kleines bisschen Spontanität, eine wilde Emotion, ein Herausfahren aus der Haut, etwasUnerwartetes, Irrationales."
Es "ist ein Film über die Liebe und über die Literatur", erklärt Ekkehard Knörer auf critic.de. Kein Wunder: Haugerud hat vor seiner Zeit als Filmemacher Romane geschrieben. Vom Erlebnis zum Schreiben zum Weiterreichen des Textes an Mutter und Großmutter: "So kommt es zum Lesen als Deuten. Hat die Lehrerin womöglich die Tochter, Enkelin, Schülerin Johanne missbraucht? Ist der siebzehnjährigen Erzählerin ihrer eigenen Geschichte die Souveränität, die sie in ihrem Text demonstriert, wirklich zuzutrauen?" Für Mutter und Großmutter ist es "ein Schock: Die Tochter, die Enkelin, ist jetzt, als wäre es plötzlich, klug, fast erwachsen. Sie können sich in ihr wiedererkennen, aber es wird ihnen auch, bis zur Eifersucht fast, mehr als deutlich: Die Jüngere hat noch so viel von dem vor sich, was die beiden schon mehr oder weniger hinter sich haben." Weitere Besprechungen in FR und online nachgereicht von der FAS. Kenda Hmeidan als Rashida, eine weibliche Variante von Richard III. Nachdem er Döblins "Berlin Alexanderplatz" in die Gegenwart versetzt hat (unsere Kritik), verlegt Burhan Qurbani mit "Kein Tier. So wild" nun Shakespeares "Richard III" in einen BerlinerClankrieg. Dem Theatersetting bleibt er dabei aber ästhetisch verbunden: "Real oder authentisch ist es nie", warnt Jenni Zylka im Freitag. "Die Schauspieler präsentieren in konstruierten Settings (Gerichtssaal, Restaurant, Schrottplatz, Kapelle, Wüstenzelt) eine artifizielle Sprache, die die Shakespeare'sche Herkunft umarmt und dennoch die Modernität des Geschehens einbezieht. ... Vor allem Kenda Hmeidan und Mona Zarreh Hoshyari Khah meistern die Sprachstrudel fantastisch - Hmeidans unheilvolle Spannung ist jederzeit fühlbar, gleich Geschossen schleudert sie die Sätze heraus. ... Schon der Klang der Worte, verstärkt durch den des hypnotischen, teilweise auf Stimme, teilweise auf Elektronik setzenden Soundtracks, vermag es, einen in den Bann zu ziehen."
Einer von Qurbanis Clous besteht darin, dass sein Richard eine (von Kenda Hmeidan gespielte) Rashida ist. Dies fügt dem Film eine Facette hinzu, schreibt Florian Kaindl in der SZ, nämlich "wie eine weibliche Protagonistin sich in einer von Männern dominierten Gesellschaft behauptet. Spoiler: indem sie selbst wie einer wird. ... Burhani inszeniert das in stylischenBildern" und erzielt so "einen eigenen Drive". Doch "die Geschichte der blutigen Emanzipation ist auch eine Geschichte der Flucht vor Krieg und Zerstörung. Am Anfang ist Rashida als junges Mädchen zu sehen, das im Schutt mit einer selbstgebastelten Krone spielt. Ihre ursprüngliche Herkunft klingt an, als sie Mishal zu verstehen gibt, dass sie nicht mehr in ihr einstiges Heimatdorf zurückkehren können, weil es vollkommenzerbombt ist."
Weitere Artikel: In der Zeit erzählt Ulrich Ladurner die Erfolgsgeschichte des CinemaTroisiin Rom, dessen Räumlichkeiten vor knapp über zehn Jahren von Jugendlichen auf der Suche nach eigenen Räumen besetzt wurde und das nun als rund um die Uhr geöffnetes Zentrum mit avanciertem Programm und weiteren Angeboten ein lebendiger Kulturort ist. Dirk Peitz spricht in der Zeit mit StevenSoderbergh über dessen Spionagethriller "Black Bag". Als einen zentralen Einfluss dafür bezeichnet er übrigens den britischen Klassiker "The Ipcress File" mit MichaelCaine, aktuell in der Arte-Mediathek zu sehen.
Besprochen werden AlexParkinsons "Last Breath" (Perlentaucher), MiguelGomes' auf Mubi gezeigter "Grand Tour" (FD, mehr dazu hier), RúnarRúnarssons "Wenn das Licht zerbricht" (FR), Jan-OleGersters Psychothriller "Islands" (SZ) und die lettische, von Arteonline gestellte Serie "Sowjet Jeans" (FAZ). Außerdem blicken der Tagesspiegel und der Filmdienst auf die wichtigsten Filmstarts der Woche.
Sehr beeindruckend findet Andreas Kilb (FAZ) den Kurzfilm "Der Schlüssel zur Freiheit", den WimWenders für das Auswärtige Amt zu achtzig Jahre Kriegsende in jener Schule in Reims gedreht hat, wo am 7. Mai aus deutscher Sicht formal der Zweite Weltkrieg endete (der Akt in Berlin-Karlshorst am 8. Mai war lediglich eine Wiederholung auf Drängen Stalins). In den vier Minuten Spielzeit "passiert etwas, was bei offiziellen Gedenkfeierlichkeiten selten geschieht: Die Geschichte holt uns ein. Der Ort, an dem sie stattfand, ist immer noch da, und der Blick, den Wenders mit der Kamera darauf wirft, bringt sie zum Sprechen. 'Von meiner Kindheit an habe ich achtzig Jahre in dem Frieden gelebt, den die Nacht in dieser Schule uns allen gebracht hat', sagt Wenders am Ende seines Films. 'Heute herrscht im vierten Jahr wieder Krieg in Europa. Es ist auch ein Krieg gegen Europa. ... Es liegt jetzt an uns, die Schlüssel zur Freiheit selbst in die Hand zu nehmen.' Das dürfte die kürzeste unter den vielen Ansprachen sein, die in diesem Jahr zum 8. Mai gehalten werden. Aber es ist womöglich eine der wichtigsten, denn sie schließt die Türen zur Vergangenheit nicht feierlich zu, sondern reißt sie weit auf."
Außerdem: Sehr beglückt kommt Bert Rebhandl (FAZ) von den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen nach Hause: "Jeder der gezeigten Filme enthält eine Spur durch die Geopolitik."
Besprochen werden DagJohanHaugeruds Berlinale-Gewinner "Oslo Stories: Träume" (tazlerin Barbara Schweizerhof erlebt vergnügt, aber ohne Schadenfreude mit, "wie Sprechen, Handeln und Empfinden immer drei verschiedene Dinge sind"), NoémieMerlants "Balconettes" (Standard-Kritikerin Valerie Dirk sah "einen erotischen, furiosen und kunterbunten Genremix, der optisch nicht zufällig an Filme von Pedro Almodóvar erinnert"), BurhanQurbanis "Richard III"-Variante "Kein Tier. So Wild" (Maximilian Steinborn von critic.dekann sich der "Sogkraft dieses Films" nicht entziehen), die Netflix-Serie "Eternauta" nach dem gleichnamigen Comicklassiker von HéctorGermánOesterheld aus den Fünfzigern (Tsp, Presse), TerezaKotyks in Deutschland vorerst noch nicht startender Film "Nebelkind" (Standard) und das Buch "Eine Familie in Brüssel" der belgischen Filmemacherin ChantalAkerman (FAZ).
Trumps Ankündigung, im Ausland produzierte Filme mit bis zu 100 Prozent Zollaufschlag zu belegen, sorgt nicht nur in Hollywood, sondern auch im Feuilleton für graue Haare und viel Ratlosigkeit. "Der Effekt seiner zollkriegerischen Blendgranate wird genauso verheerend sein wie der aller anderen politischen Projektile aus dem Oval Office", glaubt Andreas Kilb in der FAZ. Denn die Filmbranche ist komplett international aufgestellt, aber "anders als bei Autos, hat Amerika noch immer die Nase vorn. Wahr ist allerdings auch, dass Filmedrehen in den Vereinigten Staaten wegen hoher Studio- und Personalkosten teuer geworden ist, weshalb immer mehr Produktionen ins benachbarte Ausland oder nach Osteuropa ausweichen. Doch die Filme, die so entstehen, sind deshalb keinen Deut weniger amerikanisch; das Geld, das ihre Hersteller im Ausland ausgeben, fließt in Form von Rechteverkäufen und Kasseneinnahmen zu ihnen zurück. Indem Trump diesen Kreislauf unterbricht, zerstört er die Industrie, die er zu fördern vorgibt."
"Ärgern dürfte die amerikanischen Filmemacher zusätzlich, dass Steuerflucht allein natürlich nicht der einzige Grund ist, warum im Ausland gedreht wird", hält David Steinitz in der SZ fest. Denn "Hollywood geht auch dorthin, wo es die spektakulärstenDrehorte gibt. Man kann 'James Bond' und 'Mission: Impossible' nicht nur daheim drehen. Außerdem stimmt es nicht, dass die US-Branche schon halb auf dem Totenbett liegt, wie Trump es darstellt. Ganz so fantastisch wie 2019, im letzten großen Kinojahr vor der Pandemie, läuft es zwar nicht. Aber die meisten Covid-Nachwirkungen sind ausgestanden, auch die Folgen des Streiks der Schauspiel- und Drehbuchgewerkschaft, der Hollywood 2023 lahmlegte. Die Einnahmen an den US-Kinokassen sind im Vergleich zu 2024 schon wieder um knapp 16 Prozent gestiegen."
Weitere Artikel: Fabian Tietke (taz) und Leo Geisler (Filmdienst) resümieren die Internationalen Kurzfilmtagein Oberhausen, die in diesem Jahr erstmals unter der Leitung von Madeleine Bernstorff und Susanna Pollheim stattfanden. In vier von Lydia Kayß und André Malberg (der gelegentlich auch für den Perlentaucherschreibt) kuratierten Programmen wurden dort auch die nur noch in Einzelstücken auf Analogkopie vorliegenden Filme von Dietrich und Katharina Schubert in Erinnerung gerufen, berichtet Hannes Wesselkämper auf critic.de. Patrick Heidmann spricht für die FR mit dem norwegischen Regisseur DagHaugerud über dessen "Oslo Stories"-Trilogie, die gerade Teil für Teil im Kino ausgewertet wird. Besprochen wird Waadal-Kateabs in Deutschland noch nicht gezeigter Dokumentarfilm "We Dare to Dream" über syrische Flüchtlinge bei den Olympischen Spielen 2020 (NZZ).
Philipp Stadelmaier berichtet im Filmdienst den Kongress Zukunft Deutscher Film in Frankfurt. Valerie Dirk spricht für den Standard mit August Diehl, der aktuell in MichaelLockshins russischem Arthouse-Blockbusterfilm "Der Meister und Margarita" den Woland spielt (hier und dort unsere Resümees). Florian Bayer resümiert in der taz das Linzer FilmfestivalCrossingEurope. Besprochen werden der Netflix-Dreiteiler "Vom Rockstar zum Killer: Der Fall BertrandCantat" (Presse), PaulFeigs Krimikomödie "Nur noch ein kleiner Gefallen" (SZ), der ARD-Vierteiler "Die Augenzeugen" (FAZ) und der neue "Marvel"-Blockbuster "Thunderbolts" (FAZ).