Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2025 - Film

"The Voide of Hind Rajab"

Mit "The Voice of Hind Rajab" der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania gehen die Filmfestspiele Venedig auf den Nahostkonflikt ein. Es geht um ein fünfjähriges palästinesisches Mädchen, das im Januar 2024 in einem Auto eingeklemmt ist, während israelische Panzer heranrollen und sie mit einem Telefonanruf um Hilfe ruft - das Auto wurde laut vielen Organisationen von der israelischen Armee beschossen (was diese bestreitet), der Fall steht symbolisch für das Leid palästinensischer Kinder. Er ist echt, die Telefonaufzeichnungen im Film sind ein Originaldokument - der Film selbst verlässt die Zentrale des "Roten Halbmonds", wo ihr Anruf einging, nicht. "Es gibt keine unangemessene Emotionalisierung, nichts wird einer dramaturgischen Zuspitzung oder Spannungsdramaturgie untergeordnet", schreibt FR-Kritiker Daniel Kothenschulte. "Was immer in einer solchen Notsituation über Israel und Palästina gesagt worden sein könnte, fand in ihr Drehbuch keinen Eingang. Dies ist kein Propagandafilm oder bloßes 'Topical', wie man Dramen über aktuelle Themen gerne herabstuft. Es ist ein bedeutendes Werk, dem der Goldene Löwe und eine Oscarnominierung sicher sein dürften."

Was die Methode betrifft, stimmt Jan Küveler in der Welt dem zu, er zieht aber andere Schlüsse. Die Kargheit des Films "geht im minimalistischen Büßerkleid des Dokumentarischen, ist in Wahrheit aber die Tarnuniform eines Films, der insgeheim radikal Partei ergreift. (...) Das Leid wird zum absoluten Bezugspunkt. Alles, was dieses Leid erklärt, verschiebt, relativiert, bleibt ausgespart. Dass die Hamas Geiseln hält, Raketen abfeuert und ihre Terrorstrukturen fortdauern - im Film kommt es nicht vor. Er betreibt eine Ikonografie seines unschuldigen Opfers, mit dem man nur mitleiden kann. Seine Botschaft wirkt wie ein lauterer, naiver Appell an die Menschlichkeit. Doch insgeheim zielt er auf den Effekt." Er "ist weder klug montiert noch visuell zwingend. Er tarnt politische Intervention als Kino. Seine moralische Geste tut friedlich und beansprucht zugleich Hoheit über die Tränendrüsen." In der FAZ erklärt Dietmar Dath: "Prozesstransparenz ist die künstlerische Tugend des Films, die seine Härte wider jede Pietät verstehbar macht."

Dieser Tweet zeigt die Standing Ovation für den von Joaquin Phoenix mitproduzierten Film, mit 22 Minuten angeblich die längste in der Geschichte aller großen Filmfestivals.


Auf zum nächsten Nervenzusammenbruch: Valeria Bruni-Tedeschi als "Duse"

Pietro Marcello würdigt mit "Duse" die italienische Theaterschauspielerin Eleonora Duse und critic.de-Korrespondent Pavao Vlaicic ist einfach nur hin und weg: "Wer könnte sie besser porträtieren als die aktuell amtierende europäische Spezialistin für Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, Valeria Bruni-Tedeschi. Von der ersten Sekunde an beherrscht sie die Szenerie, wandelt in Cape-Kleidern, Kostümen und Gewändern durch Rom, Mailand und Venedig, bettelt um Geld für Theaterproduktionen, legt sich mit Schreiberlingen an, verzweifelt an Ibsen. Wer altmodisches Actricen-Handwerk bewundert und wie ich Vivien Leigh in 'Vom Winde verweht' oder 'Endstation Sehnsucht' nachtrauert, wird jeden Moment von Bruni-Tedeschis Performance lieben. Marcello macht sich ihr entrücktes Spiel geschickt zunutze um Fragen nach Verführbarkeit und Korrumpierbarkeit von Kunst und deren sozio-ökonomischen Grundlagen nachzugehen." Tazler Tim Caspar Boehme sah "einen der poetischsten und zugleich politisch wachsten Filme des Wettbewerbs".

Weiteres: Im Filmdienst resümiert Felicitas Kleiner einige Wettbewerbsfilme der letzten Tage. Abseits vom Lido besprochen werden Marcin Wierzchowskis Langzeit-Dokumentarfilm "Das Deutsche Volk" (Freitag, unsere Kritik), Pawlo Ostrikows ukrainischer Science-Fiction-Film "U Are The Universe" (SZ, unsere Kritik), Mia Maariel Meyers Verfilmung von Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" (Zeit Online) und Michael Chaves' Horrorfilm "The Conjuring: Last Rites" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.09.2025 - Film

Alles sieht gut aus: Ozon verfilmt Camus

Beim Filmfestival Venedig hatte François Ozons neuer Film "L'Etranger" Premiere. Zwar schätzt Pavao Vlajcic (critic.de) den französischen Regisseur als "einen der letzten versierten Handwerker des Kinos. Er kann Qualitätsdrama, Komödie, Thriller, Gesellschaftspanorama. In seinen Filmen sitzt alles, ist alles durchdacht, gut geschrieben, sieht gut aus." Dennoch macht sich Enttäuschung breit: Diese Adaption von Albert Camus' gleichnamigem Romanklassiker "hätte wahrscheinlich einen weniger wohltemperierten Regisseur gebraucht. Ozon hält sich sklavisch an die Vorlage, bebildert diese zwar angemessen, aber es gelingt ihm zu keinem Zeitpunkt, einen eigenen oder filmisch zwingenden Zugang zu dem Stoff zu entwickeln. Einige eher kosmetische Zugeständnisse an postkoloniale Diskurse wirken gleichzeitig zögerlich, aufgesetzt und unnötig." Für die taz bespricht Tim Caspar Boehme den Film.

Auch wurde in Venedig Michal Kosakowskis Essayfilm "Holofiction" präsentiert. Der Berliner Filmemacher hat dafür ausgehend von einem Bilderkatalog von zwanzig Klassikern des Holocaustfilms entsprechende Szenen aus über 3.000 Filmen dieses "Genres" zu einem ikonografischen Bildarchiv montiert. "Die Abfolge all dieser Motive ergab interessanterweise eine filmische Erzählung", sagt Kosakowski gegenüber Christiane Peitz im Tagesspiegel-Gespräch. "Ich wollte das Systematische des Massenmords zeigen, das sich eben auch in der Fiktion vermittelt. Die Wiederholung macht kenntlich, wie der Holocaust funktionieren konnte. Wenn wir dutzende Male sehen, wie Nazis in Wohnungen einbrechen, wird geradezu physisch spürbar, wie sie die heute grundgesetzlich garantierte Unverletzlichkeit der Wohnung mit Füßen treten und wie man sich daran gewöhnt. Menschen werden registriert, Papiere werden gestempelt, Listen angelegt: Erst wird erfasst und gemessen, dann zerstört, gestohlen und gemordet. In der Häufung der Vorgänge begreift man deren Perfidie vielleicht mehr als in einem Film über ein einzelnes Schicksal." 

Eine Welt, aus der alle Farben gewichen sind: "Das deutsche Volk"

Schnitt weg vom Lido zum deutschen Kinogeschehen: In seinem im Lauf mehrerer Jahre entstandenen Dokumentarfilm "Das deutsche Volk" lässt Marcin Wierzchowski die Angehörigen und Überlebenden des rechtsextremen Anschlags von Hanau zu Wort kommen. Nachzuvollziehen ist hier "die Kontinuität rassistischer Anschläge, aber auch die des behördlichen Versagens, der politischen Ignoranz, des Mangels an Empathie und angemessener Behandlung, mit der sich die Hinterbliebenen konfrontiert sehen", schreibt Stefanie Diekmann im Perlentaucher. "Dazu das beeindruckende Beharrungsvermögen von führenden Vertretern der Polizei, Stadtverwaltung, Politik, für die das behördliche Versagen im Umfeld des Anschlags  keine Konsequenzen hatte." Beim Sehen des Films drängt sich Welt-Kritiker Jakob Hayner "der Verdacht auf, dass manche Menschen im Staatsgebiet weit weniger geschützt werden als es bei anderen vielleicht der Fall wäre. Und dass das im Nachhinein eher verschleiert statt aufgearbeitet wird. (...) Von der 'Bringschuld des Staates gegenüber den Angehörigen', die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach dem Anschlag beschwor, ist in dem Film wenig zu sehen, dafür viel Kleinmut und Wegducken unter den Offiziellen." Weitere Besprechungen in taz und SZ.

Weitere Artikel: Jakob Thaller spricht für den Standard mit John Carpenter, dem ab heute eine Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum in Wien gewidmet ist. Dietrich Leder arbeitet sich für den Filmdienst durch die vielen Stunden an von Arte ausgestrahlten Dokumentationen über Filmschaffende, findet dieser aber viel zu durchformalisiert: "Tatsächlich lotet keines der Porträts in die Tiefe", was fehlt, sind "tiefergehenden Analysen der jeweiligen filmischen Praxis". Besprochen werden Pawlo Ostrikows "U Are the Universe" (Perlentaucher), Mia Maariel Meyers Adaption von Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" (NZZ, online nachgereicht von der FAZ) und Sherry Hormanns deutscher Netflix-Erotikthriller "Fall for Me" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.09.2025 - Film

Verstrahlte Amanda Seyfried in überforderndem Wimmelbild: "The Testament of Ann Lee"

Mit Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee" über die Gründerin der Shaker-Freikirche fahren die Filmfestspiele Venedig auf der Zielgeraden nochmal Kino der ganz großen Gesten auf, schreibt Pavao Vlajcic auf critic.de: "70mm-Filmmaterial, Musical-Einlagen, eine verstrahlte Amanda Seyfried, Chris Abbott als untervögelten Hausmann, an klassischer Malerei orientierte Kameraarbeit, Auspeitschungen, Totgeburten, Lustversagen. Das ergibt einen oft maximal prätentiösen Film, der einige garantiert hirnverbrannte Diskurse verantworten wird. Aber auch ein Stück lebendiges, pulsierendes, formvollendetes Kino, das Intellekt und Emotion gleichermaßen anspricht. Ich dachte nach dem Screening kurz, ich hätte den Siegerfilm gesehen. Applaus im Auditorium danach eher unentschlossen und mein Kollege meinte, um ihn herum hätten sich mehrere über das 'Gesinge' mokiert. Wahrscheinlich bekommen wir als Gesellschaft dann doch die Filme, die wir verdienen."

Tazler Tim Caspar Boehme war nicht ganz so begeistert: "Oft arrangiert Fastvold ihre Szenen als Wimmelbilder, in denen sich so viele Körper fließend durch den Raum bewegen, dass es schwerfällt, den Überblick zu behalten." Vielleicht birgt "dieser Kostümfilm" ja "einen eigenwilligen Zugang zum Aufschwung evangelikaler Bewegungen in den USA", denn "fanatisch sind Ann Lee und ihre Anhänger, die Sexualität als Sünde ablehnen und daher ein freiwilliges Zölibat propagieren, allemal. Fastvold hingegen hält die Dinge durchgehend ambivalent, fällt kein Urteil über die Begeisterten, sondern bewundert gar, wie es scheint, ihre Hingabe. Ob der Film einst in einem Zug mit 'Jesus Christ Superstar' genannt werden wird?"

Digitalisierte militärische Gegenwart: Rebecca Ferguson in "House of Dynamite"

Auch der neue Film der Action- und Thriller-Meisterin Kathryn Bigelow läuft in Venedig: Ihr Politthriller "House of Dynamite" handelt in drei Episoden von den je letzten 30 Minuten vor dem Einschlag einer von unbekanntem Absender abgefeuerten Atombombe auf dem Gebiet der USA. "Noch mangelt es an großen Kriegsfilmen aus der digitalisierten militärischen Gegenwart", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Bigelow selbst leistete mit ihrem 2008 ebenfalls in Venedig uraufgeführten, späteren Oscargewinner 'The Hurt Locker' einen wichtigen Beitrag. Wie alle Filme der ehemaligen Bildenden Künstlerin ist auch 'The House of Dynamite' weniger Träger einer konkreten politischen Haltung als ein audiovisuelles Schaustück. Es ist bewundernswert, wie sie hier die klassisch-moderne Filmsprache des Montagefilms auf eine weitere Stufe der Verdichtung führt. Dass sie aber in einer Zeit, in der konventionelle Hochrüstung kaum noch infrage gestellt wird, an die Gefahren der Atomarsenale erinnert, ist hochpolitisch." In der Welt schreibt Hanns-Georg Rodek über den Film.

Weitere Artikel: Denis Sasse denkt im Filmdienst über Filme nach, in denen Kochen und Essen eine zentrale Rolle spielen. Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod des Schauspielers Graham Greene.

Besprochen werden Mia Maariel Meyers Adaption von Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" (FAZ, SZ), Chris Columbus' auf Netflix gezeigter Knobelkrimi "The Thursday Murder Club" mit Helen Mirren, Pierce Brosnan und Ben Kingsley (NZZ), die ZDF-Reportage "Vergewaltigt: Leben mit dem Trauma" (FAZ) und Sherry Hormanns auf Netflix gezeigter, deutscher Erotikkrimi "Fall for Me" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.09.2025 - Film

Tom Waits in schwach angetäuschter Lebendigkeit: "Father, Mother, Sister, Brother" von Jim Jarmusch

"Trivial, öde, müde" dürfen Filme zwar schon gerne sein, findet Dietmar Dath (FAZ), aber wenn, dann bitte nicht so wie in "Father, Mother, Sister, Brother", der "aktuellen Unerheblichkeit" von Jim Jarmusch, präsentiert beim Filmfestival Venedig. In drei Episoden erzählt der Regisseur von Familien, die sich wenig zu sagen haben. Doch "wer Kräfte wie Charlotte Rampling, Cate Blanchett oder Adam Driver vor die Kamera holt, muss ihnen schon was zu tun geben", schreibt Dath. "Verbunden sind diese drei Teile mit schimmelig bunten Schmierklecksen und lauwarm nostalgischen Klängen aus verstorbenen Woody-Allen-Handübungen." Aber auch "dazu, den Fokus auf dem Unwichtigen und dem Langweiligen durchzuhalten, fehlt Jarmusch der Mut, weshalb er sich im Finale auf Wichtiges wirft, etwa auf die Zerbrechlichkeit des Lebens. Stimmt, was lebt, muss sterben, manchmal jählings."

Tazler Tim Caspar Boehme mag sich diesem Totalverriss zwar nicht unumwunden anschließen, aber es ist schon "ein bisschen altersmüde, das alles". Pavao Vlajcic spricht in seinen Festivalnotizen auf critic.de von "einer intimen, humanistischen Versuchsanordnung über Familienbeziehungen in drei wunderbar austarierten Vignetten".

SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh kann die schlechten Kritiken ihrer Kollegen zu Olivier Assayas Putin-Film "The Wizard in the Kremlin" vom Filmfestival in Venedig (unser Resümee) nicht stehen lassen. Der Regisseur "findet großartige Bilder und Räume, um sehr knapp ein paar Wahrheiten zusammenzufassen über den geschmacklosen Reichtum der Oligarchen und den unsanften Übergang in die Kleptokratie". Er hat "auf jedweden Kitsch verzichtet, zugunsten genauer Beschreibung und langer Dialoge. Das ist anstrengend - aber man kann dieses Stück russischer Geschichte jetzt wirklich nicht einfach in ein hübsches Bild fassen." Bei diesem Film ist "pure Fantasie am Werk", kontert Tobias Sedlmaier in der NZZ, "leider bleibt der Erkenntnisgewinn (...) überschaubar".

Weiteres: Patrick Holzapfel empfiehlt in der NZZ die japanischen Klassiker von Kozaburo Yoshimura, die das Filmpodium Zürich zeigt (den Programmtext zur Filmreihe hat unser Filmkritiker Lukas Foerster verfasst). Helmut Hartung berichtet in der FAZ von den Auseinandersetzungen zwischen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und den Streamingdiensten und Fernsehsendern, die zur Finanzierung der neuen Filmförderung zu Investitionen verpflichtet werden sollen. Eine BBC-Produktion über die Schlacht von Hastings sorgt bei manchen Zuschauern für erheblichen Unmut, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ. Kino-Flatrates haben sich in Österreich als Hit erwiesen, erfahren wir von Hannah Segers im Standard. Besprochen wird Mia Maariel Meyers Verfilmung von Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" (Welt, Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.09.2025 - Film

Die Perücke sitzt: Jude Law als Putin in "The Wizard of the Kremlin" 

Der französische Autorenfilmer Olivier Assayas hat Giuliano da Empolis Roman "Der Magier im Kreml" mit Jude Law als Putin und Paul Dano als dessen Berater Vadim Baranow verfilmt. Die Weltpremiere bei den Filmfestspielen Venedig verlassen die Kritiker allerdings mit langem Gesicht. Die Putin-Perücke sitzt zwar perfekt, "vermag aber nicht von Laws chargierender Putin-Darstellung abzulenken: grimmiges Gesicht, mahlender Kiefer, breitbeiniges Sitzen, entschlossenes Aus-dem-Fenster-schauen", schreibt Katja Nicodemus auf Zeit Online. "Wenn dem Film der erzählerische Saft ausgeht, wird Archivmaterial eingeblendet: die Olympischen Winterspiele in Sotschi, die Maidan-Revolution, Explosionen in Moskauer Vororten." Assayas "will die Entstehung des russischen Machtapparates, seiner Weltsicht, seiner Mechanismen erzählen, versammelt aber nur Bekanntes, Eckdaten und Stereotypen, mit fast grotesker Überdeutlichkeit."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht sich vor der großen Leinwand ins Pantoffelkino strafversetzt: "Der Film wirkt wie aus halbstündigen Folgen zusammengeklebt." Auch Welt-Kritiker Jan Küveler ist ratlos: "Je länger der Film dauert, desto unklarer ist, was Assayas eigentlich erzählen will."

Opulenz wie im Herrn der Ringe: Guillermo del Toros "Frankenstein"

Auch der mexikanische Oscarpreisträger Guillermo del Toro hat in Venedig einen neuen Film präsentiert, seine "Frankenstein"-Adaption - ein seit vielen Jahrzehnten gehegtes Herzensprojekt. "Del Toro ist der große Monstermacher des Gegenwartskinos, dem die auf den ersten Blick finsteren Gestalten immer schon als Zerrbilder des Menschen dienten - und im Zweifel, ihrem grotesken Äußeren zum Trotz, als seine geheimen Destillate: reiner, kindlicher, seelenvoller", schreibt Jan Küveler in der Welt. Und der Regisseur greift für dieses Horrordrama in die Vollen: "Biblische Gravität und barocke Bildfülle, kosmische Dimensionen, Engel, Dämonen, Gott und die ersten Menschen." Sowie "natürlich die zentrale Frage, ob vielleicht nicht der vermeintliche Teufel das größere Herz hat als ein unbarmherziger Gott". Kurz: "Dieser 'Frankenstein' hat die Größe, Pracht und Erhabenheit von Peter Jacksons 'Der Herr der Ringe'."

Filmdienst-Kritikerin Felicitas Kleiner sah "überbordendes Gothic-Horror-Spektakelkino, dessen ins Fantastische ragender Historismus ein bisschen an Francis Ford Coppolas 'Dracula'-Interpretation erinnert". Für Standard-Kritiker Marian Wilhelm ist dieser Film bislang der "beeindruckendste" Beitrag in einem bislang von zwar großen Namen dekorierten, doch insgesamt eher enttäuschenden Wettbewerb. Andere sind nicht ganz so überzeugt: "Man leidet kaum mit diesem allzu künstlich verunstalteten Geschöpf", bemängelt Tim Caspar Boehme in der taz. Der Film "wirkt wie eine missratene Disney-Produktion", gähnt Susan Vahabzadeh in der SZ und weiß auch nach dem Abspann nicht, "warum die Welt dringend noch eine Frankenstein-Adaption braucht". Und Christiane Peitz vom Tagesspiegel hat "selten derart ruckelnde computergenerierte Wölfe gesehen", auch habe der Regisseur es versäumt, "dem Mythos (...) neue Facetten" hinzuzufügen.

Weiteres: Marian Wilhelm spricht für den Standard mit dem Regisseur François Ozon über dessen neuen Film "Wenn der Herbst naht". Dietmar Dath erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an Jang Joon-hwans koreanischen Genrefilm "Save the Green Planet" von 2003, von dem der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos ein mit Emma Stone besetztes Remake eben bei den Filmfestspielen von Venedig präsentiert hat (unser Resümee). Angesichts aktueller Rentendebatten zieht Marc Reichwein für die Welt nochmal Loriots Rentner-Komödie "Pappa Ante Portas" aus dem DVD-Regal hervor. Besprochen wird Jesse Armstrongs auf Sky gezeigte TechMilliardäre-Satire "Mountainhead" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2025 - Film

Unlautere Protagonisten: "After the Hunt" von Luca Guadagnino

Bei den Filmfestspielen in Venedig hat Luca Guadagninos neuer Film "After The Hunt" Premiere gefeiert. In der Rolle einer Philosophieprofessorin, die in akademische MeToo-Turbulenzen gerät, strahlt Julia Roberts eine "irisierende Präsenz und Energie" aus, schreibt Katja Nicodemus auf Zeit Online sehr beeindruckt: Die Schauspielerin befindet sich hier auf "einer faszinierenden Höllenfahrt in die Abgründe einer immer unergründlicher wirkenden Heldin". In dem Film "geht es um Ideen des französischen Philosophen Michel Foucault, um das Konzept der öffentlichen Bestrafung, der Lynchjustiz durch Ächtung und Ausgrenzung. ... Man kann 'After the Hunt' als Post-MeToo-Film sehen. Die Frage, was genau in der fraglichen Nacht geschehen ist (oder nicht), scheint von Anfang an kaum eine Rolle zu spielen. Sie wird überlagert von verletzten Gefühlen, von eingeforderter und verweigerter Solidarität, von Parolen des Geschlechterkampfes und der Identitätspolitik. ... Und doch ist es kein Film über die Pervertierung der Wokeness im akademischen Milieu. Vielmehr sät Guadagnino Zweifel an der Lauterkeit all seiner Protagonisten." Für tazler Tim Caspar Boehme war dieser Reigen an Wendungen und Brechungen "am Ende eine Spur zu verschachtelt". Auf critic.de liefert Pavao Vlajcic Notizen vom Lido.

Jenni Zylka freut sich im Freitag darüber, dass Werner Herzog nun doch noch seinen Weg auf Social Media gefunden hat: "In einem Meer von auf Affekt ausgerichteten, temporeichen und beauty-optimierten Beiträgen wirkt der Auftritt eines bedächtigen, wenn auch filmisch radikalen Senioren vor einem sanft glühenden Grill, der seine Verbundenheit mit der Welt kundtut, fast wie ein Meditationsangebot."

Weiteres: Marie-Luise Goldmann (Welt) und Joachim Hentschel (SZ) sprechen mit Darren Aronofsky über dessen neuen, in der NZZ besprochenen Film "Caught Stealing" (hier unsere Kritik). Nadine A. Brügger spricht in der NZZ mit der Filmemacherin Petra Volpe, deren Film "Heldin" für die Schweiz ins Oscarrennen geht. Joachim Göres blickt für die taz in die Provinz, wo immer mehr Kinos ehrenamtlich geführt werden.

Besprochen werden Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" (FAZ, unsere Kritik), François Ozons "Wenn der Herbst naht" (Jungle World, Welt), Jay Roachs Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" (Standard), die Sky-Serie "The Rehearsal" (FAZ) und die auf Disney+ gezeigte SF-Serie "Alien: Earth" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.08.2025 - Film

Resilienter Verlierer (li.) mit Katze (re.): "Caught Stealing"

Mit der im New York der späten Neunziger angesiedelten Krimikomödie "Caught Stealing" (unsere Kritik und hier die vom Standard) nimmt sich Darren Aronofsky von seinen Extremsituations-Stoffen mal eine Auszeit. Im Zeit-Online-Gespräch mit Daniel Moersener schwärmt der Regisseur nicht nur von den Nischen und Freiheiten, die sich in New York vor dem 11. September noch boten, sondern auch von einem Kino der resilienten Verlierer, das zu verschwinden droht: "Es ist ja leider so, dass diese Figuren immer seltener werden im Kino. Alles voller Halbgötter. Wenn sich dein Protagonist im Film prügeln soll, dann wird verlangt, dass er plötzlich eine geheime Superkraft entdeckt, dazu ein Kung-Fu-Experte ist und obendrein eine Waffe aus dem Hut zaubert, herrje. Dabei kann Kino so wunderbar sein, wenn man mit echten Menschen auf der Leinwand durch echte Schlamassel gehen darf. (...) Für dieses Kino müssen wir kämpfen." 

Weiß sich zu wehren: Emma Stone in "Bugonia"




Am Lido nimmt das Filmfestival Venedig derweil Fahrt auf. Gezeigt wurde etwa "Bugonia", eine neue Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Yorgos Lanthimos und der Schauspielerin Emma Stone. Durchaus amüsiert beobachtet FAZ-Kritiker Dietmar Dath, dass diese mit Gewaltexzessen durchsetzte "Monstrosität" von einem Film - ein Remake einer koreanischen Groteske aus den frühen Nullern - einige seiner Kollegen "wie betäubt vor Abscheu" aus dem Saal entließ. Aber: Stone spielt hier "fesselnder und mitreißender als je zuvor." Als Managerin "spricht sie fließend die manipulativen Businessdialekte 'Verständnis', 'Vielfalt' und 'Verhandlungsbereitschaft'. (...) Dieser Zungenschlag, aber auch das aufgekratzte Konterhecheln des Verrückten, ein gemeinsames Abendessen und andere Benimmforschungs-Versuchselemente sind grausiger als die großzügig in den Film gematschten Gewaltausbrüche - zumal die Entführte körperbauhalber, und weil sie sich so graziös wehrt, Instinkte beim Publikum auslöst. (...) Man will sie erst beschützen und ist dann entsetzt, als man erkennt, wie wenig sie das nötig hat." Am Ende des Films bleibt es übrigens Marlene Dietrich überlassen, "in einem unterlegten Song, pessimistisch in die Zukunft der Menschheit zu blicken", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Und in der Tat: Es ist wieder an der Zeit, 'Sag mir, wo die Blumen sind' zu singen".

Sprach hier nicht eben jemand Bayerisch? Geisterelefanten finden sich ein.

Werner Herzog ist mit über achtzig immer noch "einer der jüngsten Filmemacher der Welt", von ihm "können sich die ganzen Jungen mehr als eine Scheibe abschneiden", findet Rüdiger Suchsland auf Artechock. In Venedig bekam der Filmemacher den Goldenen Ehrenlöwen fürs Lebenswerk. Außerdem lief sein neuer Film "Ghost Elephants" über einen Elefantenjäger in Afrika, der seit Jahren so hartnäckig wie glücklos eine mythenumrankte Elefantenspezies ausfindig zu machen versucht. Der Film ist jedoch "ein Herzog nah an der Selbstparodie", schreibt Jan Küveler in der Welt: "voller Verehrung für heilige Narren, Naturwunder und salbungsvoller Beobachtungen, als Voice-over eingesprochen in Herzogs kosmischem Bariton. Er hätte sich in Angola vielleicht einfach nur auf eine Lichtung stellen müssen und losreden. Die Elefanten wären dann schon von alleine gekommen, angelockt von diesem unnachahmlichen Sirenengesang."

Mehr vom Lido: Noah Baumbachs neuer Film "Jay Kelly" hat tazler Tim Caspar Boehme mit seiner Geschichte über einen von George Clooney gespielten Schauspieler, der Lebensentscheidungen überdenkt, nur bedingt überzeugt: Der Film ist eine "Nummernrevue mit dekorativer Kulisse" aber "je weiter die Handlung sich entwickelt, desto schleppender gerät der Film." Bert Rebhandl schreibt im Standard über Kim Novak, die in Venedig mit einem Löwen geehrt wird. Und critic.de liefert wieder einen Kritikerspiegel.

Weitere Artikel: Kamil Moll (FD) und Rüdiger Suchsland (Artechock) sprechen mit Mascha Schilinski über deren Film "In die Sonne schauen" (hier unsere Kritik, mehr auf Artechock). Karsten Essen schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmplakatgestalter Joe Caroff. Besprochen werden François Ozons "Wenn der Herbst naht" (Artechock, SZ), Jay Roachs Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" (Artechock), die Netflix-Erfolgsserie "Hostage" (Freitag, Tsp), der auf Netflix gezeigte Cosy-Krimi "The Thursday Murder Club" mit Helen Mirren, Pierce Brosnan und Ben Kingsley (Welt), eine ARD-Doku-Serie über Daniel Küblböck (NZZ), der Netflix-Überflieger-Hit "KPop Demon Hunters" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.08.2025 - Film

Vergeblicher Exorzismus: "In die Sonne schauen" von Mascha Schilinski

Heute kommt Mascha Schilinskis bereits in Cannes gefeierter Film "In die Sonne schauen" in die Kinos: Nun muss sich der deutsche Oscar-Beitrag auch beim Publikum bewähren. Der Film verbindet assoziativ bis geisterhaft die Schicksale von Frauen, die in verschiedenen Zeiten über ein Jahrhundert hinweg auf einem Bauernhof in der Altmark leben. Es spielen sich "Szenen weiblichen Aufwachsens und Aufwachens" an diesem "dunklen Ort" ab, "an dem es schwerfällt, die Sonne zu finden, und der einen doch verführt mit seiner Düsternis", beobachtet SZ-Kritikerin Kathleen Hildebrand. "Vier Geschichten, vielmehr Schichten", stellt Ekkehard Knörer auf critic.de fest. "In sich ist ein Moment, eine Szene nach der anderen ansatzlos unerklärt impressionistisch, untereinander sind sie in ausgezirkelten Spinnenfäden verwebt." Zu sehen sind "Szenen als Wunsch- oder Alpträume vom Kitzel des Todes untergemischt. Träume, die der Film mitträumt, weil er sich programmatisch den subjektiven Wahrnehmungen seiner Protagonistinnen verschreibt. (...) Es ist eine präzise Komposition der Durchlässigkeiten."

Dieser Film "taucht tief ein ins Gewebe einer Welt, an der man sich stößt", schreibt Thomas Groh im Perlentaucher, "in der Gewalt - mal ernst, mal neurotisch unterfüttert spielerisch - als Potenzial in jedem Winkel lauert. Verinnerlicht wird. Ausagiert wird, oft erst Generationen später. Ein Film, in dem die Realität zu flirren beginnt, ebenso, als würde man in die Sonne schauen. Ein Film, der tief schöpft aus den Sedimenten kindlicher Todeshypnotisiertheit." In der Welt hält Richard Kämmerlings fest: "Mit der Gegenwartsebene kippt Schilinskis magischer Hyperrealismus endgültig in eine hochvirtuose Form von Schwarzer Romantik. (...) Die Spukvisionen und die sirenenhaften Lockrufe aus dem Totenreich dementieren, dass die unselige Vergangenheit jemals überwunden werden kann." Daniel Kothenschulte von der FR findet den Film als Kinoerfahrung durchaus beeindruckend, trotzdem beschleicht ihn bald ein "Gefühl der Redundanz". (...) Das liegt an dem wenigen, aber Entscheidenden, das fehlt: Es bleiben literarische Bilder, in der Inszenierung fehlt ihnen leider oft genau das Spielerische, von dem sie erzählen, sie wirken dann gesetzt und sichtbar inszeniert."

Altersschnee in Seelenlandschaft: "La Grazia" von Paolo Sorrentino

Schnitt nach Italien: Neben einer Ehrung von Werner Herzog fürs Lebenswerk hat das Filmfestival Venedig mit der Weltpremiere von Paolo Sorrentinos "La Grazia" seinen Auftakt gefeiert. Toni Servillo spielt darin "einen bedächtigen, beherrschten, scheinbar leidenschaftslosen, gelegentlich übervorsichtigen Politiker mit Altersschnee auf der Seelenlandschaft" in politischen Turbulenzen, schreibt Dietmar Dath in der FAZ. Erneut präsentiert Sorrentino eine "Feier der Schauspielkunst". Der Italiener "ist ein Filmemacher großer Momente", findet Susan Vahabzadeh in der SZ. "Seine Filme, vor allem 'La Grande Bellezza', sind voller Szenen, die so schön sind und überraschend und bizarr sind, dass man als Zuschauer nachgerade überwältigt wird. Dabei kommt nicht zwangsläufig viel heraus, aber diesmal hat er seine innere Mitte gefunden. 'La Grazia' ist lustig und traurig und schön, vor allem aber weise." Standard-Kritiker Marian Wilhelm sah "ein mildes Alterswerk vor und eine witzige Verbeugung vor den demokratischen Ritualen".

Weitere Artikel: In der Welt macht sich ein ganzes Team Gedanken darüber, warum der Schauspieler Pedro Pascal aktuell so gut ankommt. Martin Scholz plaudert für die Welt mit Pierce Brosnan. Besprochen werden Darren Aronofskys Gaunerkomödie "Caught Stealing" (Perlentaucher, Tspcritic.de), François Ozons "Wenn der Herbst naht" (FAZ, taz, critic.de), Jay Roachs Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" mit Benedict Cumberbatch (FR), Chris Columbus' "Thursday Murder Club" mit Pierce Brosnan, Helen Mirren und Ben Kingsley (Tsp) sowie die Netflix-Serie "Hostage" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.08.2025 - Film

(Gal Gadot 2017 bei der Comic Con, Bild: Gage Skidmore, CC BY-SA 3.0)
Heute beginnen die Filmfestspiele in Venedig - und einen Skandal gibt es schonmal: Nachdem eine Truppe namens Venice4Palestine mit einem unter anderem von Ken Loach und Marco Bellocchio gezeichneten Aufruf gegen den Besuch israelischer Künstler agitiert hatte, hat die israelische Hollywood-Schauspielerin Gal Gadot ihren Besuch nun tatsächlich abgesagt. "Nun muss wieder das Internet unter sich ausmachen, wer von der Absage etwas hat", schreibt Bert Rebhandl im Standard. "Antisemiten? Die Kinder in Gaza?"

Daniel Kothenschulte berichtet dazu in der FR: "Festivaldirektor Alberto Barbera erklärte zu der Kampagne, vielleicht etwas verspätet, im italienischen Nachrichtensender TG3: 'Konflikte löst man sicher nicht, indem man Künstlern die Teilnahme an einem Festival verweigert. Deshalb gibt es keine Zensur und keinen Rückzug von Einladungen.' Der als eher linksliberal geltende Barbera wird allgemein für sein Geschick bewundert, hinter den Kulissen die Autonomie des Filmfestivals gegen den Rechtsruck zu verteidigen, den die Meloni-Regierung der Kulturlandschaft aufzudrücken versucht. Hätte er die Gäste von ihrer Absage abhalten können? Hätte das Festival gar einen geschützten Raum für eine öffentliche Debatte schaffen können? Es ist verständlich, dass Barbera wünscht, dass kein Schatten auf die Filmkunst fällt, die es hier zuallererst zu feiern gilt."

Tim Caspar Boehme staunt in der taz derweil darüber, welche Hollywood-Hochkaräter sich in diesem Jahr wieder an die Mostra begeben und ist gespannt auf deren neuen Filme. Auch Andreas Busche vom Tagesspiegel ist beeindruckt: "Die Stars geben sich in einer geradezu absurden Taktung die Klinke in die Hand." Doch wo viel Glitzerlicht, da auch viel Schatten: Während es früher völlig selbstverständlich war, dass sich die anwesenden Stars unters Festivalvolk mischten und für Gespräche zugänglich waren, ist dies heute immer weniger der Fall, schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. "Es reist zwar ein immer größeres Staraufgebot an, aber viele Stars posieren nur auf dem roten Teppich" und "sitzen so schnell wie möglich wieder im Wassertaxi. ... Festivals sollten aber, im Sinne der Steuerzahler, die sie größtenteils finanzieren (die großen brauchen alle öffentliche Gelder), vielleicht doch mehr sein als nur Marketing-Maßnahmen für Filmproduzenten und Kulisse für Instagram-Fotos."

Den Roten Teppich der International Film Week in Moskau hat Woody Allen zwar nicht besucht, aber via Schalte war er für ein Gespräch mit dem putintreuen Regisseur Fjodor Bondartschuk dann doch präsent. Das sorgt nun für Ärger. Das ukrainische Außenministerium hat den Auftritt verdammt. Gegenüber dem Guardian verteidigt Allen seinen Auftritt: Putin liege völlig falsch, was die Ukraine betrifft, aber Allen hat auch nicht den Eindruck, dass der Abbruch künstlerischer Gespräche irgendwie nützlich sei. "Die Frage, was das Gespräch über Kunst in Zeiten des Krieges sein kann und wozu es unter Umständen dient, beschäftigt uns seit dreieinhalb Jahren, und die Antworten darauf enthalten, wenn man halbwegs ehrlich ist, viele Grautöne", kommentiert Paul Ingendaay in der FAZ und hat für den Regisseur durchaus Verständnis: "Allen beschönigt nicht Putins Verbrechen, wie die Ukraine es ihm vorwirft. Er dreht, soweit wir wissen, demnächst auch nicht mit Gérard Depardieu, früher gemeldet im russischen Saransk, Demokratie-Str. 1. Woody Allen bespielt als unabhängiger Filmregisseur nur seinen Markt."

Besprochen werden Darren Aronofskys Actionthriller "Caught Stealing" (taz), Jay Roachs Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" mit Benedict Cumberbatch und Olivia Colman (FAZ, SZ) und Charly Hübners im ZDF gezeigte, gleichnamige Verfilmung von Thees Uhlmanns Roman "Sophia, der Tod und ich" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.08.2025 - Film

Josef Nagel schreibt im Filmdienst zum Tod des Kameramanns Eduardo Serra. Andrian Kreye schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Schauspieler Jerry Adler. Besprochen wird François Ozons "Wenn der Herbst naht" (Tsp).

Und Sensation: Werner Herzog ist jetzt auf Instagram.
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