Für Bert Rebhandl in der FAZ ist Robert Guédiguian "der wichtigste Chronist" Marseilles und sein Ziel, filmerisch eine bessere Zukunft für die Stadt zu entwerfen, erreicht er auch mit seinem Film "Das Fest geht weiter!", so Rebhandl. Es geht darum, wie die Community der Stadt nach dem Einsturz zweier Häuser weitermacht: "Kino als Langzeiterzählung mit einer Wahlfamilie, die Marseille in eine Realutopie verwandelt - das ist in etwa, was Guédiguian aus der Ära Mitterrand in die Ära Melenchon überführt hat. Die organisierte Rechte kommt gar nicht vor, sieht man von gelegentlichen pflichtschuldigen Distanzierungen von den 'Faschos' ab. Was auch nicht vorkommt und damit dem Film einen anachronistischen Charme verleiht, sind die digitalen Plattformen. Guédiguian steht für eine Medienevolution, die von den ersten Epen bis zu einem Kino reicht, das wie eine Kraft der Vergangenheit wirkt. Kommt von daher eine wehmütige Grundstimmung, die den Film durchzieht?"
Weiteres: Das Babylon-Kino in Berlin zeigt den avantgardistischen Film "Im Frühling" von Mikhail Kaufman aus dem Jahr 1929, Katja Petrowskaja blickt in der FAS in eine Zeit, die nicht nur filmisch im Umbruch ist. Kai Spanke schwelgt in der FAZ in Überlegungen zu und Erinnerungen an Martin Scorseses "Goodfellas." Philipp Bovermann denkt in der SZ über Filmbejubelung und -kritik auf Tiktok und Youtube nach. Florence Kasumba wird von Elmar Krekeler in der Welt als eine der wenigen deutschen Schauspielerinnen porträtiert, die auch in Hollywood Erfolg haben.
Besprochen werden: Ein weiterer Teil der Dreamworks-Reihe "Drachenzähmen leicht gemacht" (Welt), der neue Dortmund-Tatort "Feuer" (FR, SZ, Tagesspiegel, Spiegel), das John Wick-Spinoff "Ballerina" von Len Wiseman (SZ), die zweite Staffel "Nine Perfect Strangers" mit Nicole Kidmann für Amazon Prime (SZ) und die Julian Rosefeldt-Werkschau "Nothing is Original" im C/O Berlin (SZ).
Auf der FAZ-Medienseite beschwert sich Achim Rohnke, Geschäftsführer des Verbands Technischer Betriebe für Film & Fernsehen, bitter darüber, dass so viele deutsche Fernsehfilme im Ausland gedreht werden. Der Grund: in vielen Ländern gibt es für die Filmindustrie "großzügige" staatliche Förderungen. Nur nicht in Deutschland. Dafür können ARD und ZDF zwar auch nichts, "dennoch stehen sie in der (Mit-)Verantwortung. Diese hat Rainer Esser, Leiter der Zeit-Verlagsgruppe, kürzlich in einem Interview aus Verlagssicht so benannt: 'Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der durch die Gebühren gut finanziert ist, hat auch eine Bringschuld denjenigen gegenüber, die auch in dem Boot der Qualitätsmedien sitzen, dass die überleben.' Darin sollten auch die technisch-kreativen Film- und Fernsehdienstleister am Produktionsstandort Deutschland eingeschlossen werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen an einem starken Marktumfeld Interesse haben, in dem auch die privatwirtschaftlichen Partner und Dienstleister auskömmlich existieren können. Deshalb muss die 'Projektflucht' des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ins benachbarte Ausland aufhören, der Braindrain und der Abbau von technischen Ressourcen schleunigst gestoppt werden!"
Besprochen werden Emilie Blichfeldts Debütfilm "The Ugly Stepsister" (Standard, Filmdienst, Zeit) und Martin Provosts Film über den Maler Pierre Bonnard (FR, Filmdienst).
Szene aus "The Ugly Stepsister" Cinderella mal anders: Der Body-Horror-Film "The Ugly Stepsister" der norwegischen Regisseurin Emilie Blichfeldt fragt, wie sich eigentlich Aschenputtels hässliche Stiefschwester bei dem Ganzen so gefühlt hätte. Wenn sich Elvira, gedrängt von der Mutter und der Männerwelt, einer Schönheitsoperation nach der anderen unterzieht, geht es ziemlich drastisch zu, wie Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher festhält: "Man ist mit 'The Ugly Stepsister' sehr schnell vom Körperhorrormärchenvergangenheitsbild bei den strukturell narzisstischen Zurichtungsmedien der Gegenwart. Zurichtung für den Blick des anderen, des Mannes zumeist, oder auch mal der Mutter, die hier aber nur die Verlängerung des männlichen Blicks ist. Erst im lustvoll Angeschautwerden des Bildes, das man von sich (auf dem Prinzenball wie auf Instagram) abgibt, kann so etwas wie ein Wert entstehen..." Leider macht es sich der Film ein wenig zu einfach: "Dieses sich-lustig-Machen über eklig-doofe Menschen hat keinen ermächtigenden Effekt, sondern bewirkt paradoxerweise, dass die Zurichtung wie eine Selbstverletzung ohne Sinn wirkt."
FAZ-Kritikerin Greta Zieger zeigt dieser Film hingegen gekonnt, wie durch verinnerlichte Schönheitsideale nicht nur die Männer, sondern auch Frauen füreinander zum Problem werden: "Blichfeldt steigert das Mitgefühl für Elvira durch gezielten Body-Horror: Während Flo Fagerli in der Rolle der kleinen Schwester Alma das Entsetzen des Zuschauers spiegelt, sieht die Mutter ruhig dabei zu, wie ihrer älteren Tochter mehrfach die Nase gebrochen wird, um sie danach zu richten. Um die körperliche Erfahrung spürbar zu machen, zwingt die Regisseurin das Publikum in Elviras Perspektive." In der FRgefällt Daniel Kothenschulte unter anderem die Optik, die das "osteuropäische Märchenkino der siebziger Jahre" aufgreift: "In wunderbar ausgestatteten Szenen schwelgt sie in seiner handgemachten Pracht und seinem volkstümlichen Surrealismus - nur die Geschlechterrollen nimmt sie unter die Lupe. Der Prinz streift mit Freunden wie im tschechoslowakischen 'Aschenputtel'-Klassiker jagend durch die Wälder, entzaubert sich aber durch sexistische Sprüche."
Weitere Artikel: In der FRunterhält sich Patrick Heidmann mit den SchauspielerInnen Mia Threapleton und Riz Ahmed über ihre Arbeit an Wes Andersons "Der phönizische Meisterstreich" (unsere Kritik). Besprochen werden Martin Provosts Film "Die Bonnards - Malen und lieben" über den Maler Pierre Bonnard (FR, SZ) und Appolain Siewes Dokumentarfilm "Code der Angst" (taz).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Mit seinem Essay "Objektverlust. Film in der narzisstischen Gesellschaft" trauert der Filmhistoriker Lars Henrik Gass mit den Filmtheorien Siegfried Kracauers und der Kritischen Theorie im Gepäck um die Welt, die dem Gegenwartskino abhanden gekommen ist, insbesondere auch den Filmen jener Regisseure, die - von Wes Anderson über Quentin Tarantino bis Athina Rachel Tsangari - noch am ehesten mit Diskurswert aufgeladen werden. Perlentaucher Lukas Foerster sieht einiges anders, stimmt in einigem zu, hadert mit der Polemik des Textes, findet ihn in den "stärksten Passagen" dann aber doch alles in allem ziemlich lesenswert. "Es geht in Gass' Buch um die Filme, über die man spricht. Und die kumulativ festschreiben, wie über Filme gesprochen wird." Dabei schließt Gass mitunter an MannyFarbers bereits in den Sechzigern erschienen Kritik am Autorenfilm als Weiße-Elefanten-Kunst an: "Gemeinsam ist beiden Texten eine Aufmerksamkeit dafür, dass und wie sich der Möglichkeitsraum des Kinos verengt, wenn es sich zu sehr in akademischer Selbstbezüglichkeit verfängt. Eine Selbstbezüglichkeit, deren Spezifik man paradoxerweise nur auf die Schliche kommt, wenn man an ihr partizipiert und seinerseits Filme auf andere Filme bezieht." Für die Welt bespricht Magnus Klaue den Essay.
Weiteres: Thomas Klein resümiert im Filmdienst ein Re:publica-Panel zu dystopischen Serien. Besprochen werden Daniel Abmas Dokumentarfilm "Im Prinzip Familie" (taz) und ManuelStettners Dokumentarfilm "QRT: Zeichnen Zombie Teqno - Ein Nekrolog" über den den 1996 nach einer Heroin-Überdosis verstorbenen Kulturtheoretiker KonradinLeiner (FD).
Julian Rosefeldt muss ein Zauberer sein, anders kann sich Andreas Kilb (FAZ) die Entstehung der Filmkunstwerke, die stets Mythen und ihre Auflösung verhandeln, nicht erklären. Etwa in der Installation "Meine Heimat ist ein düsteres, wolkenverhangenes Land", die für eine Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin entstand und nun in der Schau "Nothing is Original" im C/O Berlin zu sehen ist: "Auf vier Monitoren laufen deutsche Landschaften, mit und ohne Caspar-David-Friedrich-Effekt: ein Wanderer mit Nebelmaschine im Elbsandsteingebirge, ein zweiter, der mit einem Besen dort die Felsen fegt, zwei Jäger mit dem erlegten Wild, ein paar Jogger bei Turnübungen, ein streunender Wolf. Das Letzte, was man sieht, ist ein Camper, der auf seinem Fernsehgerät die gleichen Szenen im Schnelldurchlauf betrachtet. Die Heimat ist, wie der Mythos und die Kunst, bei Julian Rosefeldt nicht nur wolkenverhangen, sie schaut auch zurück. Wir sind mit im Bild."
Weiteres: Irina Scherbakowa findet es in der taz "verständlich", dass es bei einer Berliner Kinovorführung von SergeiEisensteins "Alexander Newski" Proteste aus der ukrainischen Diaspora gab. Besprochen werden SilvioSoldinis "Die Vorkosterinnen" ("in Bezug zur historischen Wirklichkeit ... unhaltbar", meint Fabian Tietke in der taz zu diesem Film über Hitlers angebliche Vorkosterinnen), ClaireBurgers "Tandem" (Presse) und DanielMinahans "On Swift Horses" über homosexuelle Liebespaare in den Fünfzigern (SZ).
Katharina Rustler porträtiert für den Standard den Kurator JasperSharp, der die Originalgemälde besorgte, die die Sets von Wes Andersons aktuellem Film "Der phönizische Machtstreich" (unsere Kritik) zieren. Lena Karger plaudert für die Welt mit AaronAltaras, der in "Rave On" einen Techno-DJ in einer eskalierendenClubnacht spielt. Der Regisseur ChristophHochhäuslergibt in seinem Blog Einblick in jüngste Filmentdeckungen. Besprochen werden JonathanEntwistles "Karate Kid: Legends" mit Jackie Chan (Zeit Online) und AljoschaPauses persönlicher Dokumentarfilm "Fritz Litzmann, mein Vater und ich" (FAZ).
Philipp Stadelmaier denkt in einem Filmdienst-Essay über die Rückkehr der Monumentalästhetik im Kino nach, die sich allerdings nicht mehr - wie einst im Hollywood-Epos und seinen italienischen Epigonen - auf Antikendarstellungen beschränkt, sondern sich für historische Sujets generalzuständig erklärt. "War der alte Monumentalfilm ein Genre unter anderen und jeder neue Monumentalfilm einer unter vielen - vor allem in Italien -, folgt der neue der Logik des einzigartigen, atypischenPrototyps. Wollte der alte die Antike rekonstruieren, versucht der neue, die Wichtigkeit und 'Größe' desKinos in einer Gegenwart zu behaupten, in der das Kino, überholt von neuen Medien und Technologien, selbst oftmals wie eine antike Kunstform wirkt." DamienChazelles"Babylon", ChristopherNolans"Oppenheimer", MartinScorseses"Killers of the Flower Moon" und BradyCorbets"Der Brutalist": Sie alle "verbinden das Monumentale mit der Idee des künstlerischen Autorenfilms und einer persönlichen Vision", aber scheinen auch "alle früher oder später unter ihrem eigenen Gewicht und Anspruch zu kollabieren".
Weiteres: Marie-Luise Goldmann plaudert für die WamS mit dem Schauspieler LangstonUibel, ihr Kollege Martin Scholz derweil mit der Schauspielerin AnadeArmas. Die NZZgratuliertClintEastwood mit einer Bilderstrecke zum 95. Geburtstag. Besprochen werden WesAndersons "Der phönizische Meisterstreich" (NZZ, Welt, unsere Kritik), "Karate Kid: Legends" mit JackieChan (Standard) und SandeepKumars "Happy" (Standard).
Lust am aufgeräumten Bild: "Der phönizische Meisterstreich" von Wes Anderson In den Filmen des US-Auteurs WesAnderson findet man sich schnell zurecht, schreibt Alice Fischer im Perlentaucher: Nicht nur, weil sie eine notorische Neigung zum aufgeräumten, obsessiv durchgestaltet und sortierten Bild haben - sondern auch, weil ihr Fundus an Farben, Vintage Ästhetik und Motiven seit Jahren bestens etabliert ist. Hinzu kommen jede Menge Stars, die selbst noch in Nebenrollen idiosynkratische bis neurotische Figuren verkörpern. Auch in seinem neuen Film "Der phönizische Meisterstreich gilt: "Jedes Arrangement sitzt, jedes Bild sieht aus wie gemalt." Und "jede Wes-Anderson-Figur ist so gemacht, dass man sagen muss: Habe ich so noch nie gesehen." Nur mit der Handlung hapert es: "Der Plot ist, man kann es nicht schönreden, einfach ein bisschen langweilig." Für die FAZbespricht Maria Wiesner den Film. Standard und Zeit Online haben mit dem Regisseur gesprochen.
Besprochen werden AysunBademsoys Dokumentarfilm "Spielerinnen" (Perlentaucher), "Karate Kid: Legends" mit JackieChan (NZZ), HarrietMarias und PeterMeinings Episodenfilm "Drei Geschichten von Morgen" (Tsp), AljoschaPauses "Fritz Litzmann, mein Vater und ich" (ZeitOnline), PaoloAgüeros Biopic "Saint-Exupéry - Die Geschichte vor dem kleinen Prinzen" (Standard), DanielMinahans "On Swift Horses" (Tsp), die dritte Staffel der "Sex and the City"-Nachfolgeserie "And Just Like That" (Welt), sowie die Netflix-Serien "Sirenen" (taz) und "Dept. Q" (ZeitOnline). Außerdem blicken Tagesspiegel und Filmdienst auf die aktuellen Kinostarts.
Für die Zeitporträtiert Katja Nicodemus die Filmemacherin MaschaSchilinski, die mit ihrem deutschen Wettbewerbsbeitrag "In die Sonne schauen" gerade in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. "In ihrer Dankesrede hatte sie junge Filmemacher und vor allem Filmemacherinnen ermutigt, für ihre Visionen zu kämpfen, ihren Weg trotz aller Widerstände zu gehen. Welche Widerstände schlugen ihr entgegen? 'Wir haben diesen Film immer wieder verteidigen müssen, weil er keiner klassischen Dramaturgie folgt', sagt sie. 'Ich musste mir ziemlich oft Sätze anhören wie: So kann man doch keinen Film machen. Oder: Das wird doch nichts, lass es lieber gleich bleiben.' Acht Jahre sind seit Schilinskis erstem Film 'Die Tochter' mit Helena Zengel vergangen. Ihre Entschlossenheit, ihr Ding durchzuziehen, hat sie zum wichtigsten Filmfestival der Welt gebracht."
Poster "The Sorrow and the Pity". Regie: Marcel OphülsDie Feuilletons verneigen sich weiterhin vor dem großen Dokumentaristen MarcelOphuls (unser Resümee zu den ersten Nachrufen). Gerade jetzt sollte man seine Dokumentarfilme über Schuld und Verantwortung, Verstrickung und Ethik wieder sehen, schreibt Georg Seeßlen auf Zeit Online. "Wenn man in seinen Filmen den Tätern begegnet, die nichts gelernt haben und nichts bereuen, muss man gelegentlich an böse Komödien denken, an die menschlichen Enttarnungen der Diktatoren und ihrer Vasallen von Charlie Chaplin oder Ernst Lubitsch. Aber genau diese menschliche Nähe, diese angedeutete Tendenz zur Nachsicht, dieses durch und durch Konkrete in seinen Filmen, machen das Grauen umso schrecklicher. ... Anders als etwa Claude Lanzmann, der mit langen Sequenzen arbeitete und auf diese Weise eine unerbittliche Teilhabe erzeugte, schnitt Ophüls oft scharf und konfrontativ." Es "war sein Ziel, Menschen und Ereignisse als Ganzes zu erfassen, hinter die Masken, hinter die Funktionen, hinter die Mechaniken zu sehen. In seinen Filmen wird die Geschichte befragt - und es antworten Menschen. Das ist oft erschreckend, manchmal komisch und hier und da erschreckend komisch."
Katja Nicodemus erinnert sich in der Zeit an eine turbulente Begegnung in Paris: "Ophuls drehte Dokumentarfilme, wie er Auto fuhr: furchtlos, unorthodox. ... Als wir spazieren gingen, spielte Marcel Ophuls Filmszenen nach, legte mit Tippelschrittchen und Regenschirm Chaplin-Auftritte hin, lief wie Buster Keaton gegen Laternen." Im Filmdienstschreibt Dietrich Leder zu Ophuls' Tod.
Weiteres: Susanne Lenz und Claus Löser sprechen in der Berliner Zeitung mit ArminMueller-Stahl. Besprochen werden WesAndersons "Der phönizische Meisterstreich" (FR), die Arte-Serie "Sowjet Jeans" (Perlentaucher), MehdiIdirs und GrandCorpsMalades Biopic "Monsieur Aznavour" (Standard), DavidMinahans "On Swift Horses" (taz), NabilAyouchs Musikfilm "Alle lieben Touda" (FR), der sechste Teil der Horror-Reihe "Final Destination" (Zeit, unsere Kritik) und die vom ZDF online gestellte SF-Serie "Twisted Metal" (FAZ).