Georg Stefan Troller, 2011 (Bild: Bodow, CA BY-SA 4.0) Georg Stefan Troller ist tot. 103 Jahre ist er geworden - und was für ein Leben der Autor, Journalist und Filmemacher geführt hat: Den Nazis ist er als in Wien geborener Jude über Marseille in die USA entkommen, als US-Soldat kehrte er zurück, war an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt und blieb fortan in Paris. Mit seinem Magazin "Pariser Journale" und der Porträtreihe "Personenbeschreibung" schrieb er schließlich bundesrepublikanische TV-Geschichte mit sagenhaften Einschaltquoten. Gefühlt bis zuletzt empfing er in seiner Pariser Wohnung Journalisten aus Deutschland, die sich nach ihm erkundigten und an seinen Lippen hingen. Für seine großen TV-Sendereihen traf er nahezu alle, die im 20. Jahrhundert Rang und Namen hatten, und wurde so zu "einem der beliebtesten Reporter seiner Zeit", wie Uwe Ebbinghaus in der FAZschreibt. "Wo kam die impressionistische Leichtigkeit her, mit der Troller von 1962 an in seinem 'Pariser Journal' Persönlichkeiten, Straßen und Orte der französischen Hauptstadt einfing?" Selbst noch in den Neunzigern war es "eine staunenswerte Erfahrung, zufällig in einen Troller-Film zu geraten und zum ersten Mal diese markante, offenbar völlig selbstgewisse Stimme zu hören. Eine Sprachmelodie, die wie ein Walzer zum Ende eines jeden Satzes immer wieder anhebt und in den nächsten hinübergleitet, als müsse man nicht viel Aufhebens um die Einzelheiten machen."
In seinen Filmen ging es Troller darum "immer wieder neue Formen der Wirklichkeitsauslegung zu entwickeln", schreibt Christian Hißnauer im Filmdienst in einer ursprünglich 2021 erschienenen Rezension einer DVD-Box mit einer Auswahl von Trollers TV-Arbeiten. Diese "sind ungezügelt. Sie zelebrieren die Lust am sprachlichen und visuellen Ausdruck - und an dokumentarischen Grenzgängen." Im TV unserer Gegenwart hätte Troller wohl "keinen Platz mehr. Insofern zeigen seine Filme auch, was Fernsehen einmal war, was Fernsehen sein könnte." Daniel Kothenschulte lobt in der FR die "Kunst der Annäherung" dieses "selbstbewussten Flaneuers". Dessen Beiträge lebten "von einer Kombination aus mobiler Handkamera und Kommentierung. Diese verfasste er in einem scheinbar spontanen Reportagestil im Nachhinein, wobei er das Bild nicht zu erklären, sondern zu erweitern suchte." Dieser "Wortgewalt stand dabei ein visuellerÜberschuss entgegen, das Finderglück von Kameraleuten wie dem großen Carl F. Hutterer. ... Blickt man heute auf Trollers immenses Filmwerk, betritt man die Schatzkammer eines untergegangenen Kulturfernsehens. Experimentierfreudig und doch stets auf Augenhöhe."
Bei diesem "Grandseigneur des Fernsehens wurden aus Heroen Menschen und aus Menschen Heroen", schreibt Paul Jandl in der NZZ über diesen "Jahrhundertmenschen". Nicht nur Stars traf Troller, sondern auch den gesellschaftlich Ausgegrenzten und an den Rand Gestellten hat er "jene Würde gegeben, die das Fernsehen seinen Opfern oft nimmt. Hier war die berühmte Glotze etwas anderes. Keine Schicksalsverwertungsgesellschaft, sondern ein Zeichen dafür, dass Journalismus nicht nur Zeitgenossenschaft ist, sondern auch eine Form der Mitmenschlichkeit. ... Troller-Interviews waren Seelenerkundungen, waren Literatur für sich." Mara Delius erinnert sich in der Welt an ihren Besuch bei Troller, als er seinen 100. Geburtstag feiern konnte: "Der alte Mann hatte nichts Abgeschlossenes oder Starres, obwohl er, wie er selbst mit blitzendem Blick sagte, 'eigentlich ein Fossil' sei." Auch Christoph Amend erinnert sich auf Zeit Online an persönliche Begegnungen.
Die Archive sind reichgefüllt: Zur Literarischen Welt hatte Troller bis zuletzt Kolumnen über seine zahlreiche Begegnungen mit Künstlern und Prominenten beigesteuert - hier seine letzte Lieferung über einen Besuch im Globe Theatre in London. Das ZDF hat ein fast dreistündiges Gespräch mit Troller im Angebot. Auch SWR und Dlf Kultur haben große Gespräche mit Troller in ihren Archiven. Die ARD-Mediathek hat hier, dort und hier Porträts. Auf Youtube gibt es zahlreiche seiner Reportagen, Porträts und Gespräche - wir empfehlen diese sorgfältig zusammengestellte und aus Anlass von Trollers Tod nochmals aktualisierte Playlist. Bücher von und über Troller finden Sie in unserem Online-Buchladen Eichendorff21.
Weiteres: Thomas Abeltshauser resümiert für die taz das Filmfestival in SanSebastián. Dass AppleTV die Serie "The Savant", in der JessicaChastain im Netz nach rechtenAmokläufern fahndet, fürs Erste doch noch nicht online gestellt hat, dürfte wohl an dem Anschlag auf CharlieKirk liegen, vermutet Florian Schmid in der taz. Tobias Sedlmaier berichtet in der NZZ von einer Veranstaltung mit RussellCrowe beim Zurich FilmFestival. Markus Ströhlein erzählt in der JungleWorld von seiner Reise nach Birmingham, wo die Erfolgsserie "PeakyBinders" angesiedelt ist. Marie-Luise Goldmann spricht für die Welt mit dem Team der ARD-Serie "Naked", in der es um die Folgen von Sexsucht geht. Besprochen werden GabrielMascaros auf der Berlinale preisgekrönter Film "Das tiefste Blau" (Zeit Online) und PaulThomasAndersons "One Battle After Another" (vom TA für die SZ online nachgereicht, unsere Kritik).
Hartmut Bitomsky, 2024 (Bild: Kaethe17, CC BY-SA 4.0)Die Filmkritiker trauern um Hartmut Bitomsky. Er war im ersten, legendären Jahrgang der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Gemeinsam mit seinem Kommilitonen Harun Farocki zählte er zu den wichtigsten Filmessayisten der alten BRD, zugleich drehte er Einspieler für die "Sesamstraße" etwa über Arbeitsabläufe in Fabriken. Später lehrte er selbst an der dffb, die er schließlich auch für ein paar Jahre leiten sollte.
Oder kurz: Er war "einer der einflussreichsten Denker und Regisseure des deutschen Films", wie Andreas Busche im Tagesspiegelschreibt. Sein Interesse galt "dem, was hinter den Dingen liegt. ... Mit seinen 'Deutschlandbildern' prägte er ab 1983 eine spezielle Form der Medienarchäologie, die aus dem brachliegenden Bilderfundus der frühen Bundesrepublik bis zurück in die NS-Zeit schöpfte. Die Trilogie aus 'Deutschlandbilder', 'Reichsautobahn' (1986) und 'Der VW-Komplex' (1989), bestehend aus historischen Filmaufnahmen, verfasst eine kritische Kulturgeschichte der Bundesrepublik. Und auch hier demonstrierte er, wie unerlässlich ein ästhetisches Verständnis des Kinos ist. Mit 'Deutschlandbilder', einer Analyse von NS-Propagandafilmen, entlarvte er die Nazi-Ideologie über die Bilderproduktion. In 'Reichsautobahn' (1986) und 'Der VW-Komplex' (1989) wiederum untersuchte er die problematischen Implikationen deutscher Mobilität bis in die Gegenwart."
Gemeinsam mit Farocki bildete Bitomsky nach 1968 den "Filmflügel" derKritischenTheorie, "wenngleich schon auf neuen und eigenen Wegen", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "In der Zeitschrift Filmkritik" erwies sich Bitomsky "zugleich als Liebhaber des populären Kinos wie als genauer Analytiker von dessen Produktionsverhältnissen. Hollywood gefiel ihm immer dann am besten, wenn es sich in das 'HinterlanddesNihilismus' begab", eine "Formulierung aus seinem Bilderessay 'Das Kino und der Tod'." Auch Dietrich Leder kommt in seinem großen Nachruf im Filmdienst auf Bitomskys Texte zu sprechen, "immer noch verblüfft, wie sich die Genauigkeit des Blicks auf Filmbilder in sprachlich präzisen Sätzen ausdrückt, wie strukturelle Analysen, etwa zu den Figuren der Ford-Filme, die lakonischen Nacherzählungen der jeweiligen Geschichte ergänzen, wie knappe Sätze komplexeStimmungslagen treffend erfassen." Auf critic.defindet sich zudem Tilman Schumachers Essay über Bitomsky aus dem Jahr 2020. Bei der ARD kennt man Bitomsky, der viele Jahre für sie Filme gedreht hat, offenbar nicht mehr - weder in der Audio-, noch in der Mediathek findet sich Material.
Weitere Artikel: Caroline Smith schaut sich für die taz in der Welt des deutschenSynchronwesens um. In der FAZgratuliert Jürgen Kaube dem Schauspieler RichyMüller zum 70. Geburtstag. David Steinitz plauscht in der SZ mit dem früheren Wrestler und Schauspieler Dwayne "TheRock" Johnson, der mit "The Smashing Machine" vom Actionblockbuster ins Sportdrama wechselt.
Besprochen werden GabrielMascaros auf der Berlinale preisgekrönter Film "Das tiefste Blau" (Standard), MartinaPriessners Dokumentarfilm "Die Möllner Briefe" (taz, unsere Kritik), Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (WamS, unsere Kritik), ChristianPetzolds "Miroirs No. 3" (FAS, unser Resümee), Macon Blairs Remake des Trashfilm-Klassikers "The Toxic Avenger" (Zeit Online), die neue Staffel der Serie "Slow Horses" mit GaryOldman (taz) und die ARD-Miniserie "Naked" (WamS).
Der große Filmessayist HartmutBitomsky ist tot. Weder die Agenturen, noch die Zeitungen haben davon bislang Notiz genommen. Für Dlf Kultur hat Matthias Dell einen kurzen Radio-Nachruf verfasst.
Außerdem: Derya Türkmen spricht für die taz mit NubarHamamci und RizanAbdulaziz, die in Berlin das Kurdische Filmfestival organisieren. Jakob Thaller hat für eine Standard-Reportage die neuen Archiv-Räumlichkeiten des ÖsterreichischenFilmmuseums in Wien besucht. China zensiert westliche Filme mittlerweile mit KI-Einsatz, meldet Valerie Dirk im Standard: Beim Horrorfilm "Together" wurde zum Beispiel der Kopf eines Mannes bei einer gleichgeschlechtlichen Hochzeit durch den einer Frau ersetzt. Urs Bühler plaudert für die NZZ mit BenedictCumberbatch, der beim Zurich Film Festival geehrt wird. Peer Teuwsen spricht in der NZZ mit AnkeEngelke. Wiebke Hüster liest für die FAZ ein Piece, das der kürzlich verstorbeneRobertRedford 1976 für die National Geographic über seine Reise auf dem Outlaw Trail geschrieben hat.
Besprochen werden GabrielMascaros auf der Berlinale ausgezeichneter Film "Das tiefste Blau" (Tsp, SZ), Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (Welt, mehr dazu bereits hier und dort) und die neue Staffel von "Slow Horses" mit GaryOldman (FAZ).
"ClaudiaCardinale war die Göttin der Zukunft", schreibt Georg Seeßlen in seinem Nachruf auf die Schauspielerin auf Zeit Online. Fellini, Visconti, Leone, Herzog - alles, was im Kino des 20. Jahrhunderts Rang und Namen hatte, riss sich um sie. Frühzeitig spielte sie die "sizilianische Frau, die zu klug ist, um ständig Opfer zu bleiben, aber auch zu sizilianisch, um sich entwurzeln zu lassen", in den Filmen Viscontis wurde das weiter definiert: "Beide Mal war Alain Delon Cardinales Partner, beide Mal war er die hyperbewegliche Peripherie und sie die ruhigere Mitte, und beide Mal war er es, der an der Modernisierung scheitert, und sie war es, die zu ihrer eigentlichen Kraft wird. Und beide, Claudia Cardinale und Alain Delon, spielten souverän mit ihrer Schönheit." Aber "bei Federico Fellini - in 'Achteinhalb' - ist sie ganz einfach Claudia. Der Traum. Immer wieder geht es um die Begegnung einer fast übersinnlichen Erscheinung mit einer überaus rauen sozialen und sexuellen Wirklichkeit. Um die Selbstbehauptung einer Frau gegen die Projektionen ihrer Umwelt." Sie "kultivierte ... eine bodenständige und zugleich übergroße Idee von Weiblichkeit, die ihre männlichen Mitspieler häufig überstrahlte", hält Daniel Kothenschulte in der FR fest.
Andreas Kilb erinnert in der FAZ an Cardinales legendären Tanz mit BurtLancaster in Viscontis "Der Leopard", eine der ganz großen Szenen in Cardinales Karriere: "Sie spielt die Tochter eines Emporkömmlings und Kriegsgewinnlers, und Lancaster ist der Vater ihres Bräutigams, ein Fürst mit Stammbaum bis ins Hochmittelalter, aber als Angelica und Don Fabrizio vor dem versammelten Adel Siziliens in einen Walzer gleiten, ist das alles vergessen, denn jeder der beiden tritt in den Traum des anderen ein: ihren Traum von Glanz und Reichtum, seinen Traum, wieder jung zu sein. Visconti hat die Szene so inszeniert, dass sich der Tanz der beiden in den Augen aller anderen spiegelt, so dass er zugleich intime Berührung und gesellschaftliches Ereignis ist, aber in den Nahaufnahmen von Giuseppe Rotunnos Kamera sieht man nur noch die Intimität, die Versöhnung von Schönheit und Macht, Hollywood und Cinecittà, Claudia und Burt forever." Weitere Nachrufe in Welt, Tagesspiegel, Filmdienst, SZ und taz.
Sichtbar machen, was unsichtbar geblieben ist: "Die Möllner Briefe" von Martina Priessner MartinaPriessners Dokumentarfilm "Die Möllner Briefe" erzählt von einem Skandal sondergleichen: Nach dem rassistischen Brandanschlag in Mölln im Jahr 1992 verwahrte die Stadtverwaltung die dort eingegangenen Solidaritätsbekundungen und Beileidsbriefe, statt sie an die Hinterbliebenen der Opfer und Überlebenden weiterzuleiten. Es ist ein Film, "der daran arbeitet, sichtbar zu machen, was die längste Zeit unsichtbar geblieben ist", schreibt Stefanie Diekmann im Perlentaucher. "Die Briefe, Karten, Zeichnungen, die sich die Stadtverwaltung Mölln in einem Akt der Rechtsverletzung angeeignet hat ... und der Zustand einer verstörten, zutiefsttraumatisiertenFamilie, mit der man sich im Rathaus nicht weiter abgegeben hat." Allerdings hat sie mit der Form durchaus Probleme: Denn "auf die Ungeheuerlichkeit, die diesen Vorgängen innewohnt, vertraut die Regisseurin Priessner nur bedingt. "Es gibt zu viel Musik", auch "zu viele Aufnahmen von Tränen ... und zu wenig Auseinandersetzung mit einer Dramaturgie, die darin besteht, Statements und Begegnungen aneinander zu reihen, um die Geschichte von Mölln als eine der guten, der schlechten und der dummdeutschen Menschen zu erzählen, nicht aber, bei allem Fokus auf Stadtarchiv und -verwaltung, als eine der systematischenDiskriminierung."
Artechock-Kritiker Axel Timo Purr sah "kein elegantes Erinnerungsstück, keine runde Gedenkveranstaltung im filmischen Gewand", sondern einen "stillen, beklemmendenStörfilm". Wolfgang Hamdorf hat für den Filmdienst mit der Regisseurin über ihren Film gesprochen. Lustvolle Charge auf links: Leonardo DiCaprio in "One Battle After Another" Was für "eine groß abgezogene Show": Kamil Moll ist im Perlentaucherabsolut begeistert von PaulThomasAndersons wüstem Guerilla-Bomben-Erektions-Film "One Battle After Another" (hier unser erstes Resümee zum Film): "Seit 'Boogie Nights' erzählt Paul Thomas Anderson immer wieder davon, wie sich gesellschaftliche Verheißungenund (gegen-)kulturelleUtopien in unterschiedlichen Formen von Abhängigkeiten und Zwängen auflösen." So folgt "einer eher kleinen, intimen Produktion, der sich in Myriaden von Erinnerungsdetails verlierenden, schwärmerischen Adoleszenzromanze 'Licorice Pizza'" nun "eine enigmatischeBig-Budget-Produktion, wie es sie das Hollywood-Kino der Gegenwart sonst schon längst nicht mehr ermöglicht." Und mittendrin LeonardoDiCaprio, dem es ein sichtliches Vergnügen ist, "die lächerliche Tragik des Älterwerdens mit komödiantischer Methode und Mut zur lustvollenCharge auf links zu drehen." Mit ihm glückt "Anderson ein vielköpfiges Meisterwerk, das unterschiedliche Genres bündelt und miteinander verzwirbelt: eine eigensinnig verblödelte Gesellschaftskomödie (die man gleichwohl nicht zu beflissen auf vermeintlich aktuelle Bezüge hin auflösen sollte), einen abstrakten Thriller, ein gefühlsseliges Familiendrama". Weitere Kritiken liefern Artechock, Filmdienst, FR, Standard, FAZ und Zeit.
Weiteres: Dass Apple die für morgen angekündigte Serie "The Savant", in der JessicaChastain potenzielle Amokläufer im Internet aufspürt, nun zumindest bis auf weiteres doch nicht online stellt, könnte auch damit zu tun haben, "dass die Serie ... besser in die US-amerikanischeGegenwart passt, als es dem ausführenden Unternehmen lieb war", vermutet Matthias Kalle auf Zeit Online. Rüdiger Suchsland berichtet auf Artechock vom Filmfestival in SanSebastian, wo neue Filme von AliceWinocour, ClaireDenis und ArnaudDesplechin laufen. Janick Nolting resümiert für Artechock das Gegenkino-Festivalin Leipzig. Sein Artechock-Kollege Eckhard Haschen hat derweil das 32. InternationaleFilmfestOldenburgbesucht. Tobias Sedlmaier gibt in der NZZ Tipps zum Zurich Film Festival.
Besprochen werden EmanuelPârvus "Drei Kilometer bis zum Ende der Welt" (taz, Artechock), DavidMackenzies "The Negotiator" (Artechock, critic.de), GabrielMascaroa "Das tiefste Blau" (FR), ChingShenChuangs beim Taiwan Film Festival in Berlin laufender Film "The Uniform" (critic.de) und MarieLuiseLehners "Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst", der in Deutschland erst nächste Woche startet (Standard).
Fackelt viel Studiogeld ab: "One Battle After Another" Dauererektionen, Bomben, linke Befreiungskämpfe, explosive Turbulenzen in den USA: Ein ziemlich ekstatisches Feuerwerk brennen Regisseur PaulThomasAnderson und LeonardoDiCaprio mit ihrem Bombenleger-Thriller "One Battle After Another" ab. Eine ziemlich lose Vorlage für den Film ist ThomasPynchons"Vineland", erfahren wir. "Anderson fährt einen auf Vistavision gedrehten Rausch von einem Film auf, bei dem alles irgendwie auseinander hervorgeht", schreibt Patrick Holzapfel in der NZZ. "Alle stolpern, fürchten sich, wären lieber anderswo. ... Dieses Kino lebt, es ist unberechenbar. Sämtliche Figuren sind atemlos, hilflos, sie reiben sich zwischen Zufällen und Lebensprinzipien auf." Diese "überladene Gleichzeitigkeit ist letztlich ein Symptom der derzeitigen Lage in den USA. Der Wahnsinn hat System, die politische Farce und der Kampf ums Überleben gehen Hand in Hand."
Ekkehard Knörer verließ den Kinosaal eher genervt. Von welchen Befreiungskämpfen in der jüngeren Vergangenheit faselt Anderson da eigentlich, in welcher Zeit soll das also spielen, fragt er sich auf critic.de. Anderson bekomme "trotz diverser Signale in Richtung Politikkommentar über ein allgemeines gefährliches Irresein der Verhältnisse hinaus wenig Spezifisches an der Gegenwart zu fassen bekommt." Und überhaupt: "Für diese Form des Hopplahopp ist Anderson seinem ganzen Regisseurswesen nach nicht trashfreudig, nicht frei und nicht crazy genug." Weitere Besprechungen in Tagesspiegel und taz.
Am Abend kam die Meldung, zu spät für die meisten Redaktionen: Die große ClaudiaCardinale ist im Alter von 87 Jahren gestorben. In einem ersten Nachruf staunt Patrick Straumann (NZZ) über das sichere Händchen, mit dem sich die Cardinale ihre Filmografie kuratiert hat, "die ihr eine einzigartige Position in der Filmgeschichte garantieren" sollte. "In Viscontis 'Gattopardo' bewegte sie sich im Palast des Fürsten Salina, als ob sie ihn einnehmen wollte", in ihrer "Eingangssequenz von 'Once Upon a Time in the West' ließ Sergio Leone die Kamera von einem Kran in die Höhe hieven, um ihre Figur im Gewühl der Westernstadt nicht zu verlieren. Bei Fellini (in 'Otto e mezzo') erschien sie als eigentlicheLichtgestalt, als Traumfigur, die dem im Albtraum gefangenen Regisseur momentweise zu mentaler Ruhe verhalf." Zeit Onlinebringt eine Bildstrecke.
Weiteres: Die FRspricht mit MartinaTrepczyk über deren Film "Tigereyes", eine Doku über Tigerhaie. Tobias Sedlmaier berichtet in der NZZ von Debatten um die SchweizerFilmförderung. Besprochen wird GabrielMascaros "Das tiefste Blau" (FAZ).
In einer Reportage für Zeit Onlineberichtet Christian Meier vom international ausgerichteten Film- und Serienboom in Spanien. Dort schickt man sich an, das "HollywoodEuropas" zu werden - eine Losung, die nicht aus der Branche, sondern aus dem Mund des Ministerpräsidenten Pedro Sánchez stammt. "Die internationale Filmindustrie ... erhält hier hohe Steuernachlässe (rund 30 Prozent), die Studiokapazitäten steigen genauso wie der im Land ausgebildete Talentpool, die Arbeitskosten sind vergleichsweise niedrig, dazu kommen die staatliche Unterstützung und nicht zuletzt die vielen Sonnenstunden, die auch bei Außendrehs wichtig sind. Allein zwischen 2020 und 2023 sei die Zahl der in Spanien bei Film und Fernsehen Beschäftigten um 93 Prozent auf 62.000 Mitarbeiter gestiegen, verkündete das Ministerium für digitale Transformation im Sommer des vergangenen Jahres. Was gleichzeitig die größere Zahl der Produktionen belegt. In Deutschland hingegen ist von einer solchen Aufbruchstimmung nicht viel zu spüren. Eine Steuererleichterung für Produktionen, die bereits von der Ampelkoalition geplant war, wird erst einmal nicht umgesetzt."
Weitere Artikel: Kais Harrabi schaut sich für die FAZ auf der PlattformLetterboxd um, wo sich die internationalen Cinephilen tummeln (mehr und etwas vertiefter zu diesem Phänomen siehe diese Diskussion in unserer Magazinrundschau). Maria Wiesner erinnnert in der FAZ (online nachgereicht) an den Monty-Python-Klassiker "Die Ritter der Kokosnuss". Mina Marschall schreibt ebenfalls in der FAZ über ChristopherNolans modernen Klassiker "The Prestige" von 2006. Clara Wutti und Isadora Wallnöfer sprechen im Standard mit der zwar in Österreich geborenen, lebenden und arbeitenden, rein formal aber serbischen Regisseurin OlgaKosanović, die darum kämpft, endlich die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten.
Besprochen werden eine BluRay-Ausgabe von CarlosSauras aufwändig restauriertem Debüt "Die Straßenjungen" von 1959 (FD), EmmaBenestans "Animale" (critic.de), die Netflix-Serie "Black Rabbit" mit Jude Law (NZZ) und das Buch "Jetzt schon?" der Schauspielerin NaomiWatts über ihre Menopause (NZZ).
Besprochen werden PaulThomas Andersons "One Battle After Another", der laut SZ-Kritiker David Steinitz "sehr, sehr lose" auf ThomasPynchons Roman "Vineland" basiert (SZ), die ARD-Miniserie "Oktoberfest 1905" (FAZ) und die Netflix-Serie "Der Milliardärsbunker" über den DrittenWeltkrieg und dessen Folgen, die trotz dieses spektakulären Szenarios laut tazlerin Alice von Lenthe "hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt".
Hanns-Georg Rodek ist in der Welt - wie zuvor schon Rüdiger Suchsland auf Artechock - einigermaßen irritiert davon, mit welchen Windungen sich Institutionen des hiesigen Filmbetriebs davor zieren, den Aufruf "Fünf-Punkte-Plan gegen den Antisemitismus" mitzutragen. Die DeutscheFilmakadamie etwa verweist auf die Pluralität der Ansichten ihrer Mitglieder, die eindeutige Statements eines Dachverbands leider Gottes nun einmal verböten. "Denkt man diese Argumentation genauer durch, hält die Akademie anscheinend Antisemitismus für eine legitime Haltung, der man anhängen könne oder auch nicht; Hauptsache, dieVielfaltbleibtgewahrt." Ein anderer, ungenannt bleibender Verband will sich laut Rodek nicht an einem "Freibrief für die Regierung Netanjahu" beteiligen, doch "ist in den fünf Punkten ausdrücklich weder von der Regierung Netanjahu, noch von dem Hamas-Überfall noch von der israelischen Eroberung von Gaza die Rede". Bizarr findet Rodek auch den Hinweis dieses Verbands auf den semitischen Charakter arabischer Volksgruppen, weshalb sich ein Appell gegen Antisemitismus auch an Jüdinnen und Juden zu richten habe. "Was wohl nichts Anderes heißt, als dass die Juden erst einmal bei sich nachsehen sollen, ob sie nicht selbst antisemitisch sind."
Nein, DonaldTrump ist kein smarter Dealmaker, kein verkanntes Genie, dessen Eskalationen einem genauen Plan folgen. Donald Trump ist einfach dumm - und um ihn herum hält ihn ein Hofstaat von Yay-Sayern am Leben, lautet Claudius Seidls Befund in der SZ. Und solche Dummen findet man vor allem in der Kinogeschichte zuhauf: CharlieChaplin, ChicoMarx, InspektorClouseau und viele weitere - "Amerika hat die Schwachköpfe und Idioten immer verehrt. ... Geliebt wurden diese Helden in der Geschichte der Dummheit, weil man ihre Ignoranz als Widerstand gegen die Sachzwänge verstehen durfte, ihre Dämlichkeit als Verweigerung des Gehorsams, ihre Beschränktheit als Treue zu sich selbst. Das Ergebnis war meistens eine Lust am Zerstören und Kaputtmachen... Und genau so handelt Trump, dessen Trotteligkeit ja meistens unterhaltsam ist. Er zerstört keine Mauern, keine Autos, Autoritäten schon. Vor allem zerstört er Regeln, Rechte, Institutionen. Er zertrampelt alles, was nicht in seine kindergartenkindhafte Vorstellung vom Herrscher und dessen Möglichkeiten passt." Aber ganz ehrlich: Das haben Chaplin, Chico und Clouseau nun wirklich nicht verdient.
Weiteres: Jörg Taszman spricht im Filmdienst mit dem Schauspieler EnnoTrebs, der aktuell in ChristianPetzolds "Miroirs No. 3" zu sehen ist (mehr zum Film in unserem Resümee). Renato Schatz erinnert in der NZZ an die Sitcom "How I Met Your Mother", die vor 20 Jahren auf Sendung ging und eine ganze Generation junger Zuschauer begeisterte. Dietmar Dath erzählt in der FAZ von seiner familiär schwer zerrütteten Jugend in den frühen Achtzigern, als mit "Tron" plötzlich das digitale Effektekino Einzug ins Kino und in Kindergehirne hielt. Besprochen werden DennisGansels Kriegsfilm "Der Tiger" (FAZ) und EmmaBenestans "Animale" (Standard).
Wolfgang Hamdorf schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmhistoriker MichaelHanisch, der noch zu DDR-Zeiten einige sehr geschätzte Bücher veröffentlichte. Beim Branchentreff Seriesly diskutierten in Berlin Macher über die ZukunftderTV-Serie, berichtet Marie-Luise Goldmann in der Welt.
Besprochen werden DamianHarris' "Brave the Dark" (Perlentaucher), ChristianPetzolds "Miroirs No. 3" (FAZ, SZ, mehr dazu bereits hier), FlorianPochlatkos "How to Be Normal" (Standard), Freddy Macdonalds "Sew Torn" (NZZ), die Netflix-Serie "Black Rabbit" (FAZ) und RachelLeeGoldenbergs auf Disney+ gezeigter Film "Swiped" (SZ).
Symptom eines Stillstands: Paula Beer in "Miroirs No.3" Die Filmkritiker verabschieden sich in ChristianPetzolds lichtdurchfluteten Spätsommer-Film "Miroirs No. 3" von den letzten warmen Tagen dieses Jahres. Nach einem Unfall auf dem Land kommt eine junge Frau (Paula Beer) bei einer etwas älteren Frau (Barbara Auer) und ihrem Mann (Matthias Brandt) samt Sohn (Enno Trebs) unter. Zu erleben ist "ein Film des Hier und Jetzt, angesiedelt in der weiten spätsommerlichen Landschaft der Uckermark, luftig genug, dass man nach den Leitmotiven Wasser und Feuer in Petzolds 'Undine' und 'Roter Himmel' tatsächlich vom Abschluss einer Elemente-Trilogie sprechen könnte", schreibt Sabine Horst in der Zeit. Petzolds großartiger "Roter Himmel" steht derzeit übrigens in der Arte-Mediathek.
Es ist "ein selbstbewusst kleinformatiger Film", schreibt Lukas Foerster auf critic.de, "geformt aus natürlichem Licht, sanften, leicht gewellten Landschaften, ebenfalls nur leicht gewellten Emotionen und ein paar wenigen, handverlesenen Musikstücken, die, wie meist bei Petzold, keinen untermalenden Charakter haben, sondern sich mitsamt ihren Klangfarben in den textuellen Vordergrund schieben." Erneut "vernäht Petzold Profanes und Erhabenes und führt zugleich in einen deutschen Osten, der nicht weiß wohin mit seinem romantischenÜberschuss", hält Daniel Kothenschulte in der FR fest. Tazler Tobias Obermeier bemerkt "eine leise Fröhlichkeit". Perlentaucherin Alice Fischer ist fasziniert vom "eigentümlichen Sog dieses Erzählens", bleibt am Ende aber auch "ein bisschen ratlos" zurück. "Alles teilt sich potenziell mit, nichts drängt sich auf", schreibt Amelie Hochhäusler auf Artechock, die sich daselbst auch gemeinsam mit Dunja Bialas mit Petzold unterhalten hat.
Kameradschaft im Osten: "Der Tiger" von Dennis Gansel Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche fällt aus allen Wolken: DennisGansel will mit "Der Tiger" einen Antikriegsfilm über Wehrmachtsoldaten an der Ostfront gedreht haben. "Das ist - selbst wenn Gansel auf das Raunen der Geschichte verzichten würde - eine Verdrängungsleistung, die das deutsche Kino seit dem Führerkammerspiel 'Der Untergang' nicht mehr aufgebracht hat." Auch Lennart Sämann fragt sich in der taz: "Braucht es wirklich nochmal zwei Stunden Film, die illustrieren, wie sich Befehlsträger der Wehrmacht eine Opfer-Haltung schaffen?" Weitere Besprechungen in der Welt und auf Artechock.
Rüdiger Suchsland ärgert sich auf Artechock darüber, wie sehr sich hiesige Filminstitutionen, unter anderem die Deutsche Filmakademie, zieren, sich einem Aufruf "gegen Hass und jeden Antisemitismus" anzuschließen. "Mehrere mir bekannte Filmemacher hatten die Akademie um Beteiligung gebeten. Sie erhielten eine Absage. In einer mir vorliegenden Absage ... verweist die Akademie auf ihre 'mehr als 2.400 Mitglieder' und deren 'sehr unterschiedliche Perspektiven, Haltungen und politische Standpunkte unter einem gemeinsamen Dach.' ... Eine erstaunlíche Wortmeldung: 'unterschiedliche Perspektiven, Haltungen und politische Standpunkte' in der Frage des Antisemitismus?"
Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland (Artechock), Hanns-Georg Rodek (Filmdienst) und Jenni Zylka (taz) schreiben zum Tod von Robert Redford (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden EdgarReitz' "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes" (critic.de, ArtechockTsp, Zeit, FAZ), LuisOrtegas "Kill the Jockey" (Artechock), ChanaGazits und JeffBiebers Dokumentarfilm "Hannah Arendt - Denken ist gefährlich" (Artechock, FR), die DVD-Ausgabe von LangYis "Escape from the 21st Century" ("Es ist wirklich erstaunlich, dass die chinesischeZensur diese hoffnungslose Düsternis durchgehen lässt", schreibt Ekkehard Knörer in der taz), der dritte "Downton Abbey"-Film (Standard), die Netflix-Serie "Long Story Short" (ZeitOnline) und die abschließende Staffel des "Sex and the City"-Ablegers "And Just Like That" (FAZ).