Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2026 - Film

Sein Freund, der Braum: Enzo Brumm in "Silent Friend"

Die Kritiker feiern "Silent Friend", den neuen, in Marburg entstandenen Film der ungarischen Autorenfilmerin Ildikó Enyedi, in dem ein zweihundert Jahre alter Gingkobaum die Hauptrolle spielt und der Abspann alle Pflanzen in Nebenrollen auflistet. "Da sitzt man - und sieht und staunt", schwärmt ein völlig verzauberter Elmar Krekeler in der Welt. "Man sieht den Baum als Spross, der durchs Dunkel dem Licht entgegen wächst und sich entfaltet. Man sieht ihn als fabelhaften Fremdling, als gewaltige Gestalt im Alten botanischen Garten von Marburg stehen, durch die Jahrzehnte, durch die Jahreszeiten." Dieser Film "ist eine inzwischen im Kino ganz seltene und deswegen so kostbare Meditation über die Grenzen unserer Wahrnehmung und der menschlichen Kommunikation. Und lebt von der zum Teil sehr lauten Stille der Gesichter von Tony Leung und Luna Wedler und Enzo Brumm und Sylvester Groth. ... Unmerklich manchmal gehen die Ebenen ineinander über. Die Blicke kreuzen sich über die Zeiten. Der Baum steht still und schweigt. Ildiko Enyedi lässt ihm seine Fremdheit. Nichts wird vermenschelt." 

"Die drei assoziativ verknüpften Episoden bekommen von Ildikó Enyedi eine eigene Textur, eine eigene Ästhetik", beobachtet Katja Nicodemus in der Zeit: "Fotografisch ausgeleuchtete, schwarz-weiße 35-mm-Bilder weiten die feministische Erzählung der Jahrhundertwende. Farbsatte, flirrende 16-mm-Aufnahmen begleiten den jungen Selbstsucher der Siebzigerjahre. In der Gegenwart herrscht die opake Perfektion des Digitalen. Der Film umfängt die auf sich selbst zurückgeworfenen Figuren mit einem sanft fortschreitenden Rhythmus, einem meditativen Groove: Als windbewegte Schatten streicheln Blätter über den Rücken des im Morgenlicht dösenden Herrn Wong." Gespielt wird dieser von Tony Leung, den Fans des Hongkong-Kinos aus den großen Meisterwerken von Wong Kar-Wei bestens bekannt. In der FR hat Daniel Kothenschulte mit ihm gesprochen. Jörg Taszman (FD) und Maria Wiesner (FAZ) haben mit der Regisseurin gesprochen.

Sydney Sweeney (li. Im Spiegel) ist "the housemaid" von Amanda Seyfried

Paul Feig kennt man als Komödienregisseur, mit "The Housemaid", seiner Verfilmung von Freida McFaddens via BookTok zum Bestseller gewordenen Erotikthriller "Wenn sie wüsste", begibt er sich nur auf den ersten Blick auf ungewohntes Terrain: Doch erneut "gräbt er sich süffisant in wohlbekannte Genremuster, um sie maliziös und pointenbewusst auf links zu drehen", schreibt Kamil Moll im Perlentaucher. "Ganz gegenwärtig und wenig nostalgisch wirkt der Film allein schon aufgrund seiner großartigen Hauptdarstellerin Sydney Sweeney, einer Ausnahmeerscheinung im momentanen Hollywoodbetrieb", die gängige Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie souverän umschifft oder gleich subvertiert.

"Lässt sich das noch als 'Camp' lesen, oder ist man hier bereits im Reich des Trashs angekommen", fragt sich Arabella Wintermayr in der taz und staunt: Erst überreicht dieser Film in zahlreichen "plumpen Szenen" einen ganzen Blumenstrauß an "misogynen Stereotypen", legt dann aber einen Twist "hin zu einer Lesart, die sich nun im Fahrwasser einer - zumindest für ein massentaugliches Unterhaltungskino - radikalen #MeToo-Perspektive bewegt". FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist derweil sehr abgestoßen von dem Film: "Hier kommt Erotik nur mit großen moralischen Warnschildern daher, verkauft aber zugleich den Film."

Weiteres: Marius Nobach resümiert im Filmdienst die Golden Globes. Besprochen werden Morad Mostafas Migrationsdrama "Aisha Can't Fly Away" (taz) und Nia DaCostas Horrorfilm "28 Years Later: The Bone Temple" (NZZ, Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2026 - Film

Karl Gedlicka empfiehlt im Standard die Visconti-Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums. Besprochen werden Johanna Moders Mutter-Kind-Drama "Mother's Baby", das laut tazler Jens Balkenborg "geschickt auf der Kante zwischen Familiendrama und Horrorfilm wandelt",  Nia DaCostas Horrorfilm "28 Years Later: The Bone Temple" (critic.de, FAZ), Marcus H. Rosenmüllers Culture-Clash-Komödie "Extrawurst" mit Hape Kerkeling (Standard), das "Game of Thrones"-Spinoff "A Knight of the Seven Kingdoms" (NZZ), die zweite Staffel der Apple-Serie "Hijack", in der Idris Elba durch eine Berliner U-Bahnlinie hetzt (Tsp), die Netflix-Krimiserie "Seven Dials" nach einem Agatha-Christie-Roman (Welt) und die Disney-Serie "The Lowdon" mit Ethan Hawke als Ermittler in Tulsa (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.01.2026 - Film

Abgesehen von Mark Ruffalo, der bei Interviews immer wieder auf die von ICE-Häschern erschossene Renee Good hinwies, blieb die A-Klasse der Hollywood-Schauspielriege bei den Golden Globes auffällig schmallippig, wenn es um politische Statements geht, kritisiert Jacqueline Krause-Blouin auf Zeit Online: "Die Verleihung wirkte selbst für Hollywood-Verhältnisse seltsam zahm, ängstlich und zensiert - als hätte man die Stars im Vorhinein darum gebeten, bitte schön auf leichtem Terrain zu bleiben. ... Wo sind eigentlich Meryl Streep und Robert De Niro, wenn man sie braucht?" Weitere Resümees schreiben Valerie Dirk (Standard) und Christian Jungen (NZZ).

Weitere Artikel: Ralph Eue schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Dokumentarfilmer Christian Rischert. Lucas Barwenczik schreibt im Filmdienst zum Tod von Béla Tarr (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden Craig Brewers "Song Sung Blue" (taz, unser Resümee) und Ildikó Enyedis "Silent Friend" (SZ, mehr dazu bereits hier).
Stichwörter: Golden Globes, Hollywood

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.01.2026 - Film

Der Baum, ein anderes Wesen mit einer eigenen Welt: "Silent Friend"

In Ildikó Enyedis neuem Film "Silent Friend" ist ein Ginkgobaum im Marburger Botanischen Garten der Protagonist. Botanische Überlegungen standen allerdings eher an zweiter Stelle, verrät die ungarische Autorenfilmerin im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser: "Im Kern geht es darum zu akzeptieren, dass Kommunikation immer unvollständig ist. Zwischen den Menschen im Film - etwa zwischen der Gärtnerfigur von Sylvester Groth und dem von Tony Leung gespielten Neurowissenschaftler - ebenso wie zwischen Pflanzen und Menschen. Wir können nur Vermutungen darüber anstellen, was in einer Pflanze wirklich geschieht. Aber allein die Anerkennung, dass es da ein anderes Wesen mit einer eigenen Welt, eigenen komplexen Verbindungen und einer eigenen Realität gibt, ist der entscheidende Schritt. Dasselbe gilt für menschliche Beziehungen: Man kann einen anderen Menschen nie vollständig verstehen. Aber das ist kein Problem, solange man die Realität des Anderen anerkennt und respektiert. Daraus entsteht Intimität."

Bei den Golden Globes hat erwartungsgemäß Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (unsere Kritik) abgeräumt, meldet Tobias Sedlmaier in der NZZ. Anders als Andersons teils sehr brachiale "Revoluzzer-Komödie" blieb die Verleihung selbst dezent, schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ: Es war "eine feine, lustige, unterhaltsame Show, die man altmodisch nennen könnte: Die Kleider waren schön, die Witze gut und es gab kaum Anspielungen auf die aktuelle US-Politik."

Besprochen werden Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" (Standard, unsere Kritik), Charlotte Sielings Syrien-Thriller "Kein Weg zurück" (Standard) und Christian Marclays aktuell in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehende 24-Stunden-Installation "The Clock", die anhand von filmhistorischen Aufnahmen von Uhren durch einen ganzen Tag führt und von tazler Max Eulitz bemerkenswert missverstanden wird.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.01.2026 - Film

Ulrich M. Schmid hat sich für die NZZ durch viele Stunden russisches Propagandakino gearbeitet: Zum Standard des heroischen Kriegsfilms gesellt sich seit einigen Jahren auch die rührselige Schmonzette, in der der Weg ins Herz der Angebeteten stets über den Einsatz für die russische Sache führt. Aber "mittlerweile ist das russische Propagandakino in sein pathologisches Endstadium eingetreten", die Filme werden immer greller und geschmackloser: "Der Zeuge" schiebt die einschlägigen Massaker Russlands im Ukrainekrieg der Ukraine selbst in die Schuhe, in "Toleranz" hingegen marodieren vergewaltigende Migranten durch ein russisches Dorf. "Ein kleiner Trost liegt darin, dass alle diese Propagandafilme beim russischen Publikum mit Pauken und Trompeten durchgefallen sind. Besonders krass zeigte sich dies bei der Premiere von 'Toleranz'. Dieser staatlich geförderte Film startete in 41 Kinos, am ersten Wochenende sahen in Russland ganze 192 Zuschauer den Film. Nach nur drei Wochen wurde er aus dem Programm genommen."

Weiteres: Mit dem auf Social Media wild grassierenden Gerücht, dass am 7. Januar noch eine geheime Bonusfolge von "Stranger Things" nachgereicht werde (was sich am Stichtag natürlich komplett zerschlagen hat), haben Wettbüros gutes Geld verdient, kommentiert Klaudia Lagozinski in der taz. Besprochen werden Paul Feigs Erotikthriller "The Housemaid" mit Sydney Sweeney ("grober Trash", findet Bert Rebhandl in der FAS, ein "reizvolles Selbstbewusstsein" attestiert Marie-Luise Goldmann in der WamS), Ric Roman Waughs Katastrophenfilm "Greenland 2" mit Gerald Butler (Standard) und die als Prequel zum Silvesterklassiker "Dinner for One" angelegte Amazon-Serie "Miss Sophie" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.01.2026 - Film

"Ein einfacher Unfall" von Jafar Panahi

Susan Vahabzahdeh erzählt in der SZ von ihrer Begegnung mit Jafar Panahi, dessen neuer, in Cannes ausgezeichneter Film "Ein einfacher Unfall" diese Woche in Deutschland anläuft (unser Resümee). Der Film erzählt von einer Konfrontation eines in einem iranischen Gefängnis Gefolterten mit dessen Folterer. "Einmal sagt einer aus der Gruppe in seinem Film: Wir sind nicht wie die. Sie wollen besser sein, gerechter als ihre Unterdrücker." Diese "Frage muss gestellt werden", sagt Panahi: "Sollen wir diese Gewalt fortsetzen, oder ist der Moment gekommen, damit aufzuhören und aufzubauen statt zu vernichten?" In Iran, "beteuert er, finden Gespräche, wie seine Filmfiguren sie führen - die Diskussionen über Recht und Unrecht und auf welchen Werten ein neues Iran aufbauen soll - tatsächlich statt: 'Wir reden hier nicht mehr von Reformen, die Umstände sind unerträglich geworden. Auch bei der 'Frau, Leben, Freiheit'-Bewegung sieht man: Reformen sind nicht mehr auf dem Tisch. Anders als früher wollen die Leute eine richtig große Veränderung sehen. Ohne dieses Regime."

Überlebensgroß und intim zugleich: Hugh Jackman und Kate Hudson in "Song Sung Blue"

In Craig Brewers "Song Sung Blue" spielt Hugh Jackman Mike Sardina, einen jener zahlreichen Lokalmatadore, die mit Coverversionen großer Stars und einem Extra-Maß an Leidenschaft für die (nicht immer ganz großen) Bühnen unermüdlich durchs amerikanische Hinterland und dessen Konzert-Venues tingeln. Kamil Moll hat in der Welt sehr viel Freude an dieser "längst verschwundenen Spielweise des amerikanischen Kinos: der populistischen Tragikomödie mit Working-Class-Grundierung, die sich souverän von einer leichtherzigen Romanze zum unpathetisch erzählten Melodram wandelt." Am besten gefallen ihm die Hauptdarsteller Jackman und Kate Hudson, sie entlocken einander "Performances, die überlebensgroß und intim zugleich sind." Der Film hat auch eine politische Komponente, findet Axel Timo Purr auf Artechock: "Nettigkeit erscheint als bewusste Entscheidung, als Widerstand gegen Verhärtung und Vereinzelung. In einer Zeit, in der Zynismus oft als analytische Schärfe missverstanden wird, entfaltet diese Haltung eine unerwartete Radikalität."

"Teheran" mit dritter Staffel auf AppleTV

Die Realität hat die Fiktion überholt, schreibt Matthias Hannemann in der FAZ anlässlich der dritten Staffel der Apple-Serie "Teheran". Die israelische Serie handelt von einer in den Iran eingeschleusten Undercover-Agentin. Allerdings erzählt die bereits im Sommer 2023 abgedrehte aktuelle Staffel nun von einer Welt, in der es den 7. Oktober nicht gegeben hat. Ähnlich wie vor zehn Jahren die Serie "Fauda" vermittelte die Serie bislang "das Gefühl, mitten in der durch Nachrichtenbilder nur unzureichend erfahrbaren Welt des Vorderen Orients zu sein. Dieses Gefühl geht der Fortsetzung ab. Man meint zu spüren, dass westliche Autoren sie geschrieben haben. Die Routine-Falle schnappt zu. Und dann eben das Geschehen seit Abschluss der Dreharbeiten im Sommer 2023. ... Spätestens mit dem US-Luftangriff vom Juni 2025 passen Realität und Serie nicht mehr zusammen", da wird "die vierte Staffel gehörig updaten müssen".

Weiteres: Jakob Thaller gleicht im Standard ab, was von den Zukunftsversprechungen in Fritz Langs zumindest laut literarischer Vorlage im Jahr 2026 angesiedeltem Stummfilmklassiker "Metropolis" geblieben ist. Besprochen werden Michiel ter Horns "Fabula" (Perlentaucher), Hikaris japanische Tragikomödie "Rental Family" mit Brendan Fraser (Standard, Artechock), Derek Cianfrances "Roofman" mit Channing Tatum (NZZ), die brasilianische Netflix-Serie "The Endless Night", die laut NZZ-Kritiker Tobias Sedlmaier von einem Fall mit bemerkenswerten Parallelen zu dem Brand von Crans-Montana handelt, und Ric Roman Waughs Actionthriller "Greenland 2" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2026 - Film

Am Ende ein Schluchzen: Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" (Bild: Les Films Pelleas)

Heute startet Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" in den Kinos. Der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete und erneut mit Guerilla-Methoden umgesetzte Film des iranischen Autorenfilmers erzählt von einem ehemaligen Insassen eines Foltergefängnisses, der allein anhand von Geräuschen seinen ehemaligen Peiniger zu erkennen glaubt und ihm fortan nachstellt. Es ist "Panahis bis dato frontalste Attacke wider das islamische Regime", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. Wie zuvor Mohammad Rasoulof verabschiedet sich nun auch Panahi "endgültig von indirekten, metaphorischen Formen der politischen Kritik". Um Thriller-Suspense geht es dem Filmemacher aber nicht: "Die Staatsgewalt ist im Film weitgehend abwesend. ... In Zeiten, in denen das islamische Regime mehr denn je von Straßenprotesten unter Druck gesetzt wird", wirkt das schon fast "wie ein Film über den Iran nach der Islamischen Republik." Auch Thomas Assheuer ist in der Zeit überzeugt: "Panahis Figuren ... verkörpern den Geist der künftigen Republik. ... Es ist der Vorschein der Utopie, es ist Freiheit."

"Der Vorteil eines Kinos ohne Unterhaltungszwang liegt in seiner Unberechenbarkeit", hält Andreas Kilb in der FAZ fest. "Die Konstellation des Films ist tragisch, aber die Regie schlägt aus ihr komische Funken. ... Auch der Intellekt der Figuren ist bei Panahi nicht ausgeschaltet wie im Genrekino." Und "der Schluss, der die Identität des Gefangenen enthüllt, folgt dem Prinzip der Zweideutigkeit: Er ist es, und er ist es nicht, derselbe Mann und doch nicht derselbe. 'Ein einfacher Unfall' endet nicht mit einer einfachen Lösung; nicht mit einem Knall, sondern mit einem Schluchzen." Für Dlf Kultur sprach Patrick Wellinski mit Panahi.

Weiteres: Der Schriftsteller Clemens Meyer (ZeitOnline) und Julia Hubernagel (taz) schreiben zum Tod von Béla Tarr (weitere Nachrufe hier). Im großen Zeit-Gespräch mit Katja Nicodemus und Giovanni di Lorenzo schwelgt Senta Berger in Erinnerungen.

Besprochen werden Hikaris japanische Tragikomödie "Rental Family" mit Hollywood-Star Brendan Fraser (FR, taz, NZZ), Craig Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Hugh Jackman und Kate Hudson (FR, FAZ), die DVD-Compilation "Cartoon Roots: Back to the Inkwell" mit frühen Cartoons von Max und Dave Fleischer (taz), die ZDF-Serie "Take the Money and Run" (taz) und ein von Manfred Hattendorf, Stefanie Groß und Jan Berning herausgegebener Band mit Texten zur SWR-Reihe "Debüt im Dritten" (FD). Außerdem stellt der Tagesspiegel die wichtigsten Kinostarts der Woche vor.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.01.2026 - Film

Béla Tarr, 2012 (Bild: Soppakanuuna, CC BY-SA 3.0)

Die Filmkritiker trauern um Béla Tarr, den im Alter von nur 70 Jahren verstorbenen ungarischen Großmeister der mehrstündigen Autoren-Schwarz-Weiß-Kryptik im Gegenwartskino. Zu den künstlerischen Weggefährten dieses "in der Kinogeschichte quasi solitär dastehenden Monolithen" (so Tobias Sedlmaier in der NZZ) zählt der Schriftsteller László Krasznahorkai, der eben erst mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Seit den Achtzigern arbeiteten beide immer wieder zusammen, etwa bei der Adaption dessen Romans "Satanstango", mit der Béla Tarr sich 1994 endgültig als Auteur etablierte. Mit "Das Turiner Pferd", der 2011 auf der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde (hier unsere Kritik), verabschiedete Tarr sich vom Kino. Die ARD-Audiothek hält ein Radiofeatur von 2011 über Tarr bereit.

Tarrs und Krasznahorkais gemeinsame Arbeiten "beruhen auf einer maximalen Erstreckung der Vorstellungskraft", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. Krasznahorkai "ist ja im Grunde ein Sprachartist, jedoch mit einem Hang zum Allegorischen. ... Tarr wiederum ging von der latenten Phantastik der Bücher aus und versetzte sie vor seiner Kamera in einen Schwebezustand zwischen äußerster Konkretion und symbolischer Aufladung. Die Menschen sind in dieser Vision von den Tieren und der Erde kaum zu trennen, und wie 'Satanstango' mit einer Viehherde begann, so endete Tarrs filmisches Werk 2011 mit dem Leidensweg eines Pferds und der Implikation, dass der Wahnsinn Nietzsches wohl nicht nur für ihn die folgerichtigste aller Reaktionen auf die Welt wäre."



Tarr legte im Weltkino des Autorenfilms den Grundstein einer "neuen, radikal minimalistischen Filmsprache", die zuletzt mit dem Begriff des "Slow Cinema" greifbar gemacht zu werden versuchte, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Wie bei Tarkowskis Werken berührte die Begegnung mit Tarrs Filmen Erfahrungen des Religiösen im Profanen. Ihre streng strukturierten Formen erinnerten an Liturgien und verlangten von ihrem Publikum eine Offenheit für das Meditative."

Tarrs Anfänge lagen derweil im sozialen Realismus, erinnert Kathleen Hildebrand in der SZ: "Für einen Dokumentarfilm, den er mit 16 über streikende Arbeiter drehte, bestraften ihn die Behörden seines sozialistischen Heimatlands mit Studienverbot. 'Am Anfang meiner Karriere hatte ich große, politische Wut', hat Belá Tarr einmal gesagt. Aber danach änderte sich sein Stil, er wurde philosophischer, die Verzweiflung seiner Figuren weniger konkret. 'Ich habe angefangen zu verstehen, dass die Probleme der Menschen nicht sozial begründet sind, sie reichen tiefer.' Kosmisch nannte er das Leid, das er in seinen Filmen zeigt, die von Landarbeitern erzählen, Vagabunden, Trinkern und vermeintlichen Erlösern." Weitere Nachrufe im Tagesspiegel und in der Welt.



Weitere Artikel: Eine alte Folge der auf Amazon gezeigten Action-Politthriller-Serie "Jack Ryan" erweist sich angesichts der aktuellen Ereignisse in Venezuela als geradezu prophetisch, berichtet Bjarne Bock in der FR. Hannes Hintermeier und Matthias Alexander gratulieren in der FAZ den Schauspielern August Zirner und Uwe Ochsenknecht zum jeweils 70. Geburtstag.

Besprochen werden Sarah Miro Fischers "Schwesterherz" ("ein erstaunlich unbequemer, ungemütlicher Film", schreibt tazlerin Barbara Schweizerhof) Craig Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Hugh Jackman und Kate Hudson (Tsp), Angela Summereders vorerst nur in Österreich startender Essayfilm "B wie Bartleby" (Standard) und Hikaris "Rental Family" mit Brendan Fraser (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.01.2026 - Film

"Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr": Fünfte Staffel von "Stranger Things" (Netflix)

In der Welt kann sich Richard Kämmerlings beim besten Willen nicht vorstellen, dass "ausgerechnet im Zeitalter der Prequels, Sequels, Spin-offs und Remakes" mit dem Ende der finalen Staffel von "Stranger Things" tatsächlich Schluss sein soll mit dem Netflix-Überhit. "Die Recycling-Zyklen für popkulturelle Großphänomene umfassen bekanntlich Jahrzehnte" und diese Serie "ist längst auf diesem Level angekommen. ...  Für Paranoia, Supermachtstreben und geheime Regierungslabore wird es auch nach den achtziger Jahren genug Stoff geben. Der Kampf zwischen Gut und Böse hat gerade erst begonnen."

Hat einen guten Riecher für Gesellschaftssatire: "Fallout" geht in die zweite Staffel (Amazon Prime Video)

Bis dahin könnten sich Fans von Science-Fiction-Serien mit Horror-Elementen mit der Amazon-Serie "Fallout" nach dem gleichnamigen Computerspiel trösten, die zwar nicht in den Achtzigern, sondern in den Siebzigern spielt - wenngleich des 21. Jahrhunderts. Und sie zeigt auch in der zweiten Staffel wieder, "was mit einer Nation geschieht, die sich in moralisch aufgeladener Selbstgewissheit technokratischer Herrschaft überlässt", schreibt Jannis Holl in der FAZ über diese "kluge Gesellschaftssatire". In dieser Erzählwelt hat es "einen Vietnamkrieg, den Watergate-Skandal oder gar eine Gegenkultur nach dem Zweiten Weltkrieg nie gegeben". Das führt nicht nur zu einer USA, die "gesellschaftlich, ästhetisch und politisch ... in der Selbstherrlichkeit der Eisenhower-Ära der Fünfzigerjahre verharrt", sondern auch zu einem Atomkrieg mit China, "wobei offenbleibt, wer den ersten Atomschlag ausgeführt hat. ... Allein die Erkundung dieser vielfältigen Welt mit ihrer komplexen Geschichte, in der vieles (noch) unbeantwortet bleibt, macht 'Fallout' sehenswert."

Michael Kienzl blickt für den Filmdienst voraus aufs Kinojahr 2026, für das sich wohl Christopher Nolans aufwändige Homer-Adaption "Odyssee" als Publikums-Zugpferd erweisen dürfte. Aber bietet das nicht letzten Endes more of the same? Dagegen "in die Zukunft weist das neue Projekt des für seine hyperkinetischen Actionreißer bekannten Michael Bay. Aktuell arbeitet er an einer Kinoversion der mit Computergrafik animierten, sich oft nur zwischen einer Minute und einer halben Stunde Laufzeit bewegenden Webserie 'Skibidi Toilet'. Lebendige Toiletten, aus deren Schüsseln menschliche Köpfe ragen, kämpfen darin gegen Cyborgs, deren Gliedmaßen aus elektronischen Geräten bestehen. Bay war schon immer ein Regisseur, der seine Zielgruppe bei jungen männlichen Zuschauern fand. Man darf also gespannt sein, wie er die Meme-Kultur und kurze Aufmerksamkeitsspanne der Generation Alpha mit der geschlossenen Form eines Kinofilms versöhnen wird. Das Ergebnis dürfte nicht ganz unwesentlich für die Zukunft der großen Leinwand sein."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.01.2026 - Film

Archaische Kraft: "Holy Meat" von Alison Kuhn

Wenke Bruchmüller spricht in der taz mit der Regisseurin Alison Kuhn über deren Spielfilmdebüt "Holy Meat", das mit offenbar sehr rustikalen Mitteln - "die Schauspielerin Homa Faghiri musste lernen, ein Schwein zu köpfen" - Kirche und Machtstrukturen kritisiert. Im Mittelpunkt steht eine Metzgerin, die ein subversives Theaterstück inszeniert. "Ihre archaische Kraft und Unabhängigkeit waren mir wichtig. Ich wollte eine wütende Frauenfigur zeigen, die trotzdem verschiedene Schattierungen haben darf." Auch "treibt sie als weiblicher Charakter die Handlung voran, was filmisch noch immer selten ist. ... Handlungsmacht wird Frauen von klein auf eher aberzogen statt gefördert. Als Filmschaffende sehe ich es auch als meine Aufgabe, dem etwas entgegenzusetzen - zumal unsere filmischen Narrative noch stark davon geprägt sind, dass es deutlich weniger weibliche Regiepersonen gibt."

Karen Krüger ist in der FAS einigermaßen ratlos angesichts der in den letzten Jahren wiederholt zu beobachtenden Versuchen der italienischen Neuen Rechten, Pasolini vielleicht nicht bei sich einzugemeinden, aber ihn, wie sie sagen, "aus dem Gefängnis der Linken zu befreien. ... Man schafft Verbindungen zwischen Politik und Kultur, aber es wirkt so grob und oberflächlich, dass dem kaum eine ernste Strategie zugrunde liegen kann. Italiens Rechte hat eigentlich genügend intellektuelle Gewährsleute wie Marinetti oder D'Annunzio, auf die sie sich berufen kann. Doch worum geht es dann? Soll einer Ikone der Linken, die einen Gegenentwurf verkörpert, die Strahlkraft genommen werden, indem man sie dem Verdacht aussetzt und so gewissermaßen mit brauner Soße bekleckert? Oder soll Empörung provoziert werden, die Aufmerksamkeit verspricht und linke Kritiker wie engstirnige Gralshüter aussehen lässt?"

Außerdem: Andreas Busche erzählt im Tagesspiegel von seiner Begegnung mit Jafar Panahi. Mit Interesse verfolgt Valerie Dirk im Standard, wie aktuelle Filme wie etwa "15 Liebesbeweise" (unsere Kritik) und der in Cannes ausgezeichnete "Die jüngste Tochter" (unsere Kritik) lesbische Liebesgeschichten erzählen. Besprochen werden Kate Winslets auf Netflix gezeigtes Regiedebüt "Goodbye June" (ZeitOnline).