Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.01.2026 - Film

Stephan Klemm unterhält sich in der FR mit dem Filmemacher Lars Jessen über dessen Habeck-Porträt "Jetzt. Wohin" (mehr zum Film hier). Ute Cohen spricht für die WamS mit dem Regisseur François Ozon über dessen Camus-Verfilmung "Der Fremde" (unsere Kritik). Im Standard wirft Valerie Dirk Schlaglichter auf die Geschichte des Kinos von der Glanzzeit des Stummfilmkinos vor hundert Jahren bis zum Hollywood in der zweiten Amtszeit Trumps. Besprochen wird Craig  Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Kate Hudson und Hugh Jackman (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.01.2026 - Film

Jafar Panahi: Ein einfacher Unfall

Offiziell darf Jafar Panahi im Iran zwar wieder Filme drehen, erzählt er Mariam Schaghaghi im online vorveröffentlichten FAS-Gespräch. An seiner klandestinen Drehmethode aus den Berufsverbotstagen ändere sich dadurch aber nichts, da er keinen Wert darauf legt, sich seine Filme von der politischen Führung genehmigen oder zensieren zu lassen. Für seinen neuen Film "Ein einfacher Unfall", der am 8. Januar in die Kinos kommt, musste er dennoch nicht lange nach Schauspielern suchen, den viele Schauspieler wollten "aus Überzeugung" mitwirken, erzählt er: "Alle, die ich ansprach, sagten sofort zu, nur einer musste aus persönlichen Gründen absagen. Alle anderen interessierte nicht mal die Gage. Sie wollten an einem Werk teilhaben, das Relevanz hat. ... Wir drehten zuerst dort, wo wir unsichtbar waren - in Häusern, Parkhäusern, in der Wüste. Sobald wir auf der Straße unterwegs waren, fielen wir auf. Man verlangte das gesamte Rohmaterial von uns, aber wir hatten vorgesorgt. Einige Crewmitglieder wurden festgenommen, weil man davon ausging, dass ihr Ausstieg den Film zunichtemachen würde. Aber wir hatten schon das meiste im Kasten."

Außerdem: Chris Schinke blickt für den Filmdienst auf die US-Filmbranche im ersten Jahr von Trumps zweiter Amtszeit zurück. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ zum 70. Geburtstag von Mel Gibson. Besprochen werden Francois Ozons Camus-Verfilmung "Der Fremde" (Welt, Tsp, unsere Kritik) sowie Johannes Lehnens und Nora Ludwigs experimenteller Kurzfilm "Bild und Ton gehen auseinander" (Perlentaucher).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.12.2025 - Film

Unsentimale Sensualität: "Der Fremde"

François Ozons Adaption von Albert Camus' existenzialistischem Klassiker "Der Fremde" startet in den Kinos. Die Neigung des Regisseurs, seine Filme an große Namen der Filmgeschichte anzulehnen, tritt auch wieder zutage, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "In Bildern karg wie der Neorealismus erinnert der Schwarzweißfilm zugleich an die Anfänge des Existenzialismus im französischen Kino. ... Er belässt der Vorlage in einem reduzierten Stil ihre Rätselhaftigkeit und arbeitet zugleich die Aktualität des anti-arabischen Rassismus heraus. ... In den Liebesszenen schillert eine unsentimentale Sensualität, etwas, das sich den romantischen Spielfilmkonventionen entgegenstellt. Offen, aber frei von Anzüglichkeit, besitzen diese Liebesszenen eine Erotik, die sich an den Oberflächen der Schönheit bricht."

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Tazlerin Jenni Zylka kommt bei diesem Film selbst noch unter der Sonne Algiers schier das Frösteln: "Er ist ganz Algierduft und Geräusche, ganz Nichtstun und Rauchen, ganz flimmernde Hitze, flatternde Gardine, zerknüllte Laken und (schwarz-weiße) Sonne. ... Wenn man bei Visconti mitschwitzte, so erschauert man bei Ozon. Die Kälte trotz Sonne greifbar zu machen, ist eine der großen Stärken des Films." 

"Unübersehbar ist die immer wieder aufscheinende handwerkliche Finesse Ozons", konstatiert auch Michael Kienzl im Perlentaucher, der darin aber nur den Versuch des Regisseurs sieht, sein Publikum für sich einzunehmen und von der Buchstabentreue des Films abzulenken. "Penibel folgt 'Der Fremde' sämtlichen Stationen aus dem Roman. ... Manche Szenen wirken wie lediglich pflichtschuldig abgehakt. ... Mehr gesehen hätte man gern von der so fragilen wie hartnäckigen Rebecca Marder, die als Marie der offensichtlichen Hoffnungslosigkeit mit berührend hilfloser Gutgläubigkeit begegnet. Aber solche Momente bleiben vereinzelte Lichtblicke in einer zu devoten Adaption, deren Buchstäblichkeit ihr zukünftig eine Karriere im Schulunterricht - wo Camus' Roman mitunter Pflichtlektüre ist - ebnen könnte."

Weitere Artikel: Michael Ranze schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Brigitte Bardot (weitere Nachrufe hier). Die Welt hat Elmar Krekelers Porträt des Schauspielers Hans Sigl online nachgereicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.12.2025 - Film

Besprochen werden Anders Thomas Jensens schwarze Komödie "Therapie für Wikinger" mit Mads Mikkelsen (taz) und Craig Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Hugh Jackman und Kate Hudson (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.12.2025 - Film

Brigitte Bardot ist tot. Die Filmkritiker hängen nochmal buchstäblich an ihren Lippen, "diesen einmaligen Lippen", wie Katja Nicodemus in der Zeit schreibt. Bardots erster großer Erfolg in Roger Vadims "Und immer lockt das Weib" machte 1956 ja auch tatsächlich Epoche: "Nie zuvor hatte man eine Frau auf der Leinwand so tanzen sehen. Brigitte Bardot tanzt wild, enthemmt und ganz für sich. Sie tanzt vor dem Spiegel und an den Blicken der Männer vorbei. Trotzdem wurde der Auftritt zum Sinnbild erotischer Verheißung und Verfügbarkeit."



Fortan stand Bardot zumindest im Kino - privat war sie äußerst konservativ und später eine ausgesprochene Antifeministin - "für eine selbstbestimmte Weiblichkeit", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Doch "war die sexuelle Autonomie, die sich ihre Filmfiguren so selbstverständlich erstritten hatten, ein bestens verkäufliches Produkt im Markt sexualisierter Bilder." Heutzutage "muten die zarte Erotik", aber auch "die Geschichte - Frau flirtet mit unterschiedlichen Männern - etwas altbacken an", schreibt David Steinitz zu Vadims Film, doch war Bardots Figur im "Kino, in dem damals devote Frauenfiguren ohne eigenen Willen an der Tagesordnung waren, etwas völlig Neues." Ja, "andere Schauspielerinnen galten als geheimnisvoller, vielschichtiger, kunstvoller, klüger", schreibt Cosima Lutz in der Welt. "Deren Kurven wurden drapiert, geschnürt, ins rechte Licht gerückt; die athletische Bardot ließ sich vom Wind zerzausen und tanzte ungestüm."

Alles richtig, aber "fast schon ein Allgemeinplatz", findet Georg Seeßlen im taz-Essay über "BB". In Vergessenheit gerate dabei rasch, "was sich zwischen der scheinbar so einfachen und direkten Leinwand- und Presse-Persona, dem um etliches komplizierteren Menschen Bardot und der hochkomplexen Verarbeitung der erotischen Provokation in der liberal-kapitalistischen Welt der fünfziger und sechziger Jahre abspielte". Schon Simone de Beauvoir dachte damals darüber nach und sah in Bardot eine "neue Eva" heraufdämmern. Doch "nicht diese neue Eva war das, was am Ende bleiben sollte, sondern die Erinnerung an das wunderbare Durcheinander, die heillose aber lustvolle Verwirrung, die sie ... anzurichten imstande war. Die Unruhe, die blieb, auch als aus der realen Brigitte Bardot statt einer neuen Eva eine alte Dame mit schlechter Laune und hochreaktionären Ansichten geworden war."



Jenni Zylka zeichnet in der taz nach, wie Bardot sich spätestens ab Godards "Le mépris" dem männlichen Blick, dem sie einst angedient wurde, immer mehr entzog, bis sie sich 1973 schließlich konsequent von der Leinwand verabschiedete: "In der legendären ersten Szene liegt sie zwar noch nackt neben dem (angezogenen) Michel Piccoli, und fragt ihn, ob und wie sehr er ihre verschiedenen Körperteile mag, lässt ihren Körper dabei gleichsam durch seine Augen entstehen. Doch im Laufe des Films, in dem der Regisseur Paul (Piccoli) seine Kunstidee zugunsten von Kommerz verkauft, wendet sich Bardots Charakter Camille von ihm ab. Sie beginnt, ihn zu verachten; verwandelt sich mit schwarzer Perücke oder Sonnenbrille auch bildlich in eine andere Frau, die den Konsens deutlich verweigert." Ja, pflichtet Andreas Kilb in der FAZ bei: "Dieses Objekt seiner Begierde will sie nicht sein." Der Film steht derzeit übrigens in der Arte-Mediathek.
 
In französischen Medien ruft man ihr (hier, dort oder hier) besonders auch als Person der politischen Öffentlichkeit nach. Spätestens seit den frühen Neunzigern hatte sie sich immer wieder lautstark für den Front National engagiert hat, mit dessen Führungspersonal sie freundschaftlich verbunden war. Mit ihren teils derb formulierten, rechtspopulistischen Äußerungen beschäftige sie auch die französischen Gerichte meist zu ihren Ungunsten. Die deutschen Filmkritiker erwähnen das aus Chronistenpflicht eher nebenbei. Willi Winkler befasst sich in der SZ nochmal damit, wie Bardots Liaison mit Playboy Gunter Sachs die hiesigen Klatschspalten-Reporter in Lohn und Brot hielt. ZeitOnline bringt eine Bilderstrecke. Weitere Nachrufe in NZZ und Standard. Außerdem hat Arte einen Videoessay über Bardot online.

Themenwechsel: Rüdiger Suchsland wünscht sich auf Artechock fürs neue Jahr mehr waghalsige, Aufsehen erregende, spektakukläre Filme - und zwar insbesondere im Independentbereich, der seine Rolle als aufregender Innovator des Kinos in den letzten Jahren arg hat schleifen lassen. "Kino ist kein gedämpfter Spaß, sondern Ekstase, High und Low. Der wohltemperierte Akademismus und das manufactum-hafte vieler heutiger Filme, ihre Furcht, irgendwo anzuecken, interessiert stattdessen nur die Minderheiten des universitären Spektrums und das, was vom Bildungsbürgertum noch übrig ist. Wirkungsvolle Filme überschreiten aber Klassengrenzen."

Weiteres: Willi Winkler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den New Yorker Regisseur Amos Poe. Die Zeit hat Timo Posselts Gespräch mit Judi Dench online nachgereicht. Die FAZ kürt die besten Serienmomente des Jahres. Besprochen wird Anders Thomas Jensens "Therapie für Wikinger" mit Mads Mikkelsen (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.12.2025 - Film

Hanns-Georg Rodek ärgert sich in der Welt über die Betonköpfe beim Bundesamt für Migration, die den Asylantrag des iranischen Regisseurs Jafar Najafi abgelehnt haben: Während er sich wegen eines Filmfestivals in Deutschland aufhielt, wurde in seiner Heimat seine Wohnung durchsucht und Filmmaterial beschlagnahmt. "In sozialen Netzwerken erhielt Najafi daraufhin Drohungen, er ist offenbar ins Visier der Revolutionsgarden geraten", doch was Najafi in den Augen des Bundesamtes fehlte, "waren handfeste Beweise für seine Gefährdung, wie ein Haftbefehl oder eine Verurteilung. Doch die gibt es selten. Die Unterdrücker vom Regime gehen subtiler vor, wenn die fragliche Person eine gewisse internationale Bekanntheit besitzt, mit Drohungen im Netz, Passentzug, Durchsuchungen, Vorladungen, Verleumdung. ... Von den Großen des iranischen Kinos lebt und arbeitet kaum mehr einer in der Heimat."

Dazu passend läuft ab dem 8. Januar Jafar Panahis aktueller, erneut unter klandestinen Bedingungen gedrehter Film "Ein einfacher Unfall" in den deutschen Kinos an. Der Film handelt von einem ehemaligen Insassen eines iranischen Foltergefängnisses, der wieder in Freiheit seinen früheren Peiniger zu erkennen glaubt. "Politische Gefangene entwickeln während der Haft starke innere Bilder", sagt der Regisseur im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser. "Oft sind ihnen die Augen verbunden, sie sehen ihre Verhörer nicht. Die Vorstellungskraft arbeitet ununterbrochen: Wie sieht dieser Mensch aus? Würde ich ihn draußen erkennen? Kenne ich ihn vielleicht? Diese Fragen begleiten fast alle politischen Gefangenen. Als ich 2022/23 im Gefängnis war, wurden meine Ohren extrem empfindlich. Ich konnte Menschen allein an ihrer Stimme erkennen." 

Georg Seeßlen denkt in einem epischen und schön mäandernden Jungle-World-Essay über Schönheit im Film (aber auch: über schöne Filme) nach. Die findet man zwar nicht nur, aber eben auch dort, wo das geschmackssichere juste milieu sonst eher nicht hinsieht, etwa im Heimatfilm, wo die Alpen noch vor ihrer touristischen Erschließung zu sehen sind. "Filme sind in gewisser Weise Container von Partialschönheiten, erfüllt mit der bereits anerkannten Schönheit von Landschaft, Menschen, Architektur, Objekten, Farben und Formen, für die man sogar Hässliches und Dummes drumherum in Kauf nimmt; jedenfalls wenn man kein cineastischer Puritaner ist. ... Die Schönheit im Film ist Verwandlung einer primären Schönheit in eine sekundäre, und wie mit dem Schönheitsvorrat der Künste geschieht das auch mit der Schönheit menschlicher Erscheinungen, Körper, Gesten, Physiognomien und Selbstinszenierungen. David Bowie zum Beispiel war im Film so schön, weil er es verstand, seine Bühnen-Persona cineastisch zu transformieren, ohne sie vollständig vergessen zu lassen."

Die meisten denken hier wahrscheinlich an Bowies "Mann, der vom Himmel fiel", wer in den Achtzigern Kind war, erinnert sich eher an Bowie als sardonisch-verführerischer Koboldkönig im Fantasyklassiker "Labyrinth": 



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Weitere Artikel: Kamil Moll spricht für den Filmdienst mit Hafsia Herzi über deren (im Perlentaucher von Robert Wagner besprochene) Verfilmung von Fatima Daas' "Die jüngste Tochter" (mehr zum Film bereits hier). Marian Wilhelm plaudert für den Standard mit Mads Mikkelsen, der aktuell in dänischen Komödie "Therapie für Wikinger" im Kino zu sehen ist (Besprechungen des Films bringen Welt und FAZ). Judith von Sternburg schreibt in der FR einen Nachruf auf den TV-Schauspieler Uwe Kockisch. Rainer Moritz (NZZ) erinnert an Hildegard Knef, die morgen vor hundert Jahren geboren wurde. Dlf Kultur spendiert aus diesem Anlass eine "Lange Nacht" über die Knef von Sylvia Roth. Bereits heute hundert Jahre alt würde Michel Piccoli, an den Ralph Eue in der NZZ erinnert. Arno Widmann rekonstruiert in der FR die Umstände, als "Der Kommissar" 1969 in die Flimmerstuben der Bundesrepublik trat (hier alle Folgen des Fernsehklassikers in einer Youtube-Playlist vom ZDF).

Besprochen werden Tom Gormicans Trashfilm-Remake "Anaconda" mit Jack Black und Paul Rudd (Perlentaucher, Standard, Welt), Philipp Stölzls "Der Medicus II" (Welt), die Mehrteiler "Ku'damm 77", der für heute in der ZDF-Mediathek erwartet wird (Tsp) und Craig Brewers "Song Sung Blue" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.12.2025 - Film

"Die jüngste Tochter" von Hafsia Herzi

Hafsia Herzi erzählt in "Die jüngste Tochter" nach dem gleichnamigen Roman von Fatima Daas vom lesbischen Begehren einer jungen Frau, die in den Banlieues aufwächst. Der Film ist gelungen, schreibt Ekkehard Knörer auf critic.de: Die Regisseurin neigt zwar "zum Unterspielen der dramatischen Verwicklungen. In einzelnen Szenen kann schon mal was eskalieren, aber einer knotenschürzenden Aktlogik unterwirft sich das am Ende grundsätzlich nicht. ... Im Kern ist es ein Kino der engen Kadrage, die Körper, Mienen, Stimmungen und Atmosphären verdichtet. Und in dieser Verdichtungen Freiräume sucht und, mehr noch, lässt: Das ist eindrucksvoll, wenn sie, wie in ihrem Debüt, sich als ständig präsente Darstellerin selbst auf die Suche nach der Wahrheit jeder einzelnen Szene begibt. Noch beeindruckender aber ist es, wie sie ihre nicht-virtuosen Laiendarstellerinnen dabei führt - und nicht führt, ihnen vielmehr die Sicherheit gibt, sich selbst in die Suche nach dem Variieren des eigenen Selbst in der dargestellten und angeeigneten Figur hineinzuvertrauen." Für die taz bespricht Arabella Wintermayr den Film.

Nachgereicht aus der taz von gestern und da von uns etwas voreilig unter Kunst subsumiert: Tazler Tilman Baumgärtel hat im Museum Nikolaikirche in Berlin eine sehr reizvolle Film-Ausstellung ausfindig gemacht. In einer "spektakulären Gerüstkonstruktion" im Kirchenschiff laufen hier Dokumentarfilme über Berlin aus den Jahren 1982 bis 2024, darunter "tolle Archivschätze". Im Grunde handelt es sich um "eine Dauer-Retrospektive, bei der das Material nicht in der Zeit montiert ist, sondern im Raum. Und wenn man sich mit Funkkopfhörern auf dem Kopf von einem Bildschirm zum nächsten bewegt, entstehen so verblüffende Zusammenhänge und Assoziationen." Zu erleben ist "eine historische 'Symphonie der Großstadt' von zum Teil lange vergessenen Ereignissen, die hier zwischen den LED-Bildschirmen Gestalt annimmt." Schade, dass sowas im Fernsehen nicht mehr gezeigt wird, findet Baumgärtel.

Tobias Sedlmaier geht in der NZZ dem Phänomen des an kein Genre gebundenen Weihnachtsfilms auf den Grund. Kitsch gibt es darin zwar am laufenden Meter, "aber noch mehr: Weihnachtsfilme rücken unsere Weltsicht wieder gerade, justieren die moralische Kompassnadel. Sie sind eine Zuflucht vor den Zumutungen der Welt, eine Gewissheit, dass es universell verständliche Werte gibt und Halt, selbst für die Verlorenen und Verkorksten. ... Klassiker wie Frank Capras 'It's a Wonderful Life' oder 'Drei Haselnüsse für Aschenbrödel' entwerfen moralische Utopien, in denen Güte und Bescheidenheit letztlich triumphieren." Capras Film war im übrigen erst ein Flop, bevor er zum ewigen Weihnachtsklassiker avancierte, wie Matthias Heine in der Welt ergänzt.

Weiteres: Die FAZ kürt die besten Filme des Jahres. Besprochen werden Lucille Hadžihalilovićs Kunstmärchen-Film "Herz aus Eis", der FR-Kritiker Daniel Kothenschulte in goldenen Erinnerungen an tschechische Märchenfilme schwelgen lässt, Eva Victors "Sorry, Baby" (critic.de, unsere Kritik), Edgar Reitz' nun auch in Österreich startender "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes" (Standard), Philipp Stölzls "Der Medicus 2" (Standard) und die Netflix-Miniserie "Man vs Baby" mit Rowan Atkinson (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.12.2025 - Film

In einem längeren Essay für 54books ist Wieland Schwanebeck ziemlich erstaunt darüber, dass James Camerons "Avatar"-Filme (hier unsere Kritik zum aktuell dritten Teil) zwar zuverlässig alle Rekorde brechen, aber abseits dieser Kino-Eventhaftigkeit alle paar Jahre weder in die Popkultur und auch nicht so recht in die Alltagswelt diffundieren, sondern allerhöchstens in die DVD-Grabbelkisten vom Flohmarkt: "Es scheint mir durchaus plausibel, dass die Filmreihe, die zu Weihnachten zuverlässig die ganze Familie ins Kino gelockt hat, irgendwann von ihrer Eventhaftigkeit eingeholt wird und ganz aus unserem Leben verschwindet. ... Bedenkt man, dass Avatar auch Rekorde beim DVD-Verkauf gebrochen hat, scheint das zwar absurd - andererseits ist mir aus dem Studium der Literatur des 19. Jahrhunderts nicht zuletzt hängengeblieben, wie schwer sich heute noch Exemplare der bestverkauften Titel der damaligen Zeit (geschweige denn Neuauflagen) auftreiben lassen."

Außerdem: Für die Welt porträtiert Marie-Luise Goldmann die Regisseurin Clara Zoë My-Linh von Arnim, die die umstrittene ARD-Serie "Mozart/Mozart" inszeniert hat. Niklas Lotz wirft für den Filmdienst einen Blick auf Leben und Werk von Kate Winslet, die mit "Goodbye June" ihr Regiedebüt vorlegt. Katja Nicodemus plauscht für die Zeit mit dem Schauspieler Mads Mikkelsen, der sein Glück gar nicht fassen kann, dass er wirklich Mads Mikkelsen ist: "Manchmal darf ich sechs Monate lang mit einem Schwert und einem Bogen auf einem Pferd sitzen und werde dafür bezahlt." Und die Agenturen melden, dass der trump-nahe Multimilliardär Larry Ellison für das von Warner wegen Unsicherheit des Betrags abgelehnte Übernahmeangebot von Paramount nun persönlich mit seinem Vermögen bürgen will.

Besprochen werden Amazing Amezianes Comicbiografie über Martin Scorsese (FD), Hafsia Herzis "Die jüngste Tochter" (Tsp), ein Filmbuch zu den Dreharbeiten von Edgar Reitz' Film "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes" (FD) und die ARD-Serie "Schwarzes Gold" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.12.2025 - Film

Einer von zweien: Sergei Loznitsas "Zwei Staasanwälte"

In seiner gleichnamigen Verfilmung von Georgi Demidows Roman "Zwei Staatsanwälte" blendet der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa zurück in die Zeit des stalinistischen Terrors und zeigt einen "Teufelskreis aus Terror, Absurdität und menschlichen Abgründen", eine "kafkaeske Reise ins Nirgendwo", schreibt Kira Taszman in der taz. Im Mittelpunkt steht ein junger Staatsanwalt, dem sich die Ausmaße von Stalins institutionalisiertem Terrorapparat immer weiter offenbaren. "Doch was kann ein Idealist in einem von Willkür und Terror geprägten System erreichen? Hier überlebt man nur mit Gehorsam, Gewissenlosigkeit und Bauernschläue - und das auch nur auf absehbare Zeit. Paragrafen gelten nicht oder werden uminterpretiert. Parallelen zum heutigen Russland drängen sich auf." Ein aktuelles Interview mit dem Regisseur haben wir hier zitiert.

Auch der emeritierte Mozartforscher Ulrich Konrad ist entsetzt über die ARD-Serie "Mozart/Mozart", die das Leben des Geschwisterpaars Mozart zwar mit blumiger Fantasie weit jenseits der historischen Verbürgtheit ausschmückt (Mozart zeugt mit Marie-Antoinette den französischen Thronfolger), dafür aber auch kaum Mozart-Musik erklingen lässt. Stattdessen laufen "bunt gemixte Versatzstücke eines Allerwelts-Electro-Pops, dessen Ton- und Klangratatouille mit bestürzender Beliebigkeit daherkommt. Man spürt die Absicht, nämlich die suggestiv wirkende Kraft von Mozarts Musik mit zeitgenössischen Mitteln erzeugen zu wollen, und ist verstimmt, weil eben diese dafür viel zu schwach sind. ... Wer segnet solche Aufträge an Produktionsunternehmen ab, wer entscheidet über den Grenzverlauf zwischen legitimer Unterhaltung und angemessener Erfüllung des Bildungsauftrags? Warum bleiben Fachleute aus Kultur, Musik und Wissenschaft bei derartigen Vorhaben unbeteiligt? Da gute und schlechte Filme meist gleich viel kosten: Warum macht man nicht lieber gute? 'Mozart/Mozart' wirft Fragen auf, deren Brisanz ernst zunehmen wäre."

Weiteres: Tim Caspar Boehme resümiert in der taz einen Berliner Abend zu Ehren der Filmpioniere Max und Emil Skladanowsky. Und genug Lesestoff für die Zeit "zwischen den Jahren": Das critic.de-Team erzählt von den schönsten Kinomomenten des Jahres.

Besprochen werden Philipp Stölzls "Der Medicus II" (SZ) und die Amazon-Serie "Miss Sophie", die die Vorgeschichte des Silvesterklassikers "Dinner for One" erzählt (Welt, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.12.2025 - Film

Während der iranische Filmemacher Jafar Najafi in Frankfurt seinen neuen Film präsentierte, wurde in Teheran seine Wohnung durchsucht, berichtet Andreas Fanizadeh in der taz. "Dabei wurde auch von ihm gedrehtes Material beschlagnahmt, das die brutale Polizeigewalt während der Frau-Leben-Freiheit-Proteste im Iran dokumentiert. Der Regisseur berichtet, dass er ebenfalls online unmittelbar bedroht wird, bei einer Rückkehr in den Iran sei für ihn mit Gefängnis und Folter zu rechnen. Dennoch wurde sein Antrag auf Asyl vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) im Mai abgelehnt, eine Entscheidung ist nun beim Verwaltungsgericht Darmstadt anhängig. Das Filmbüro Hessen sammelt in einen offenen Brief Unterschriften." Der Filmemacher "hatte nie vor, seine Heimat zu verlassen. Trotzdem könnte er nun in Deutschland endlich seinen Film über die Frau-Leben-Freiheit-Proteste in Iran fertigstellen. Die Entscheidung des Bamf, man versteht sie nicht."

Fanizadeh empfiehlt außerdem Najafis Dokumentarfilm "Asho", den der Regisseur auf Youtube gestellt hat: 



KI im Film nimmt Fahrt auf: Hinter den Kulissen sichern sich Netflix und Amazon hunderte, teils tausende "Patente mit KI-Bezug", schreibt Philipp Bovermann in der SZ und bemerkt, dass diese "sämtliche Phasen der Filmproduktion" abdecken, zugleich sorgt Disney damit für Aufsehen, in einem milliardenschweren Deal mit OpenAI das eigene Archiv für private KI-Experimente zugänglich gemacht zu haben. Der immer wahrscheinlicher werdende Netflix/Warner-Deal erscheine in diesem Zusammenhang in einem neuen Licht, denn Netflix ist zugleich auch Games-Hersteller: "Künftig sollen dazu auch Titel kommen, die über die Fernseher spielbar sind - damit die Leute, so der Plan, auf demselben Gerät zwischen Streaming und Gaming wechseln können. ... Schon seit Jahren träumen Manager in Hollywood von 'dreidimensionalen' Franchise-Welten, in denen ein Medium nahtlos ins nächste übergeht und jedes vom anderen kreative Impulse erhält, die möglichst die Fans kostenlos liefern. KI könnte der Schlüssel dafür sein, die Brücke zu schließen: zwischen Games und Film, linearen und von Nutzern erstellten Inhalten."

Weiteres: Dass die Oscars ab 2029 auf Youtube übertragen werden und Warner Bros nun wohl tatsächlich in Netflix aufgehen wird, lässt Valerie Dirk vom Standard an der Zukunft des Kinos zweifeln. Martina Meister spricht für die Welt mit der Schauspielerin Oona Chaplin über die Dreharbeiten zu James Camerons drittem "Avatar"-Film (unsere Kritik). Luca Glenzer erinnert in der taz an Hildegard Knef, die am 28. Dezember vor hundert Jahren geboren wurde. Das Wiener Gartenbaukino hat einen historischen Kinoabend von 1960 im Detail nachgestellt, berichtet Katrin Nussmayer in der Presse. Und das Filmdienst-Team (darunter zahlreiche Autoren, die auch für den Perlentaucher Filmkritiken schreiben) kürt die besten Filme des Jahres.

Besprochen werden Lucile Hadžihalilovićs Kunstmärchen-Film "Herz aus Eis" mit Marion Cotillard (taz) und Eva Victors "Sorry, Baby" (Standard, unsere Kritik).