Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.09.2025 - Film

Kommt auch auf Glatteis nicht ins Schlingern: Margaret Qualley in "Honey Don't"

Daniel Kothenschulte spricht für die FR mit Ethan Coen und Tricia Cooke über deren zweite gemeinsame lesbische Krimikomödie "Honey Don't" (hier unser Resümee zu den ersten, vernichtenden Kritiken). Kothenschulte staunt nicht schlecht darüber, wie frech die beiden, die auch im echten Leben eine offen queere Beziehung führen, den Sex zurückholen, der dem US-Mainstreamfilm seit geraumer Zeit abhanden gekommen ist. "Wir sind prüde geworden", sagt Cooke. "Es ist einfach so ein Glatteis geworden. Die Me-Too-Bewegung hat völlig zu Recht dafür gesorgt, dass schlechtes Verhalten bestraft wurde, und die Leute sind sich heute bewusster, wie sie sich ausdrücken, und was Sex betrifft, haben sie einfach Angst." Coen ergänzt: "Es wird auf jeden Fall immer schwieriger einen B-Film zu machen. Wenn Porno unerschöpflich und umsonst im Internet verfügbar ist, ist es schwieriger 'unanständig' zu sein. Dieser unterdrückte Blick auf Sexualität, den man früher hatte, besitzt ja auch eine gewisse Unschuld. Wir leben in dieser Welt einfach nicht mehr."

Auf Artechock kann Rüdiger Suchland dem Film alleine schon aufgrund seines Eigensinns und der überbordend grell-billanten Inszenierung einiges abgewinnen: "Eine Frau übernimmt die Rolle des Detektivs, ein schwuler Mann die der Femme fatale, ein protestantischer Prediger die des institutionalisierten Bösewichts. Coen zeigt damit, dass er nicht nur zitiert, sondern die Konventionen des Genres aufbricht, verdreht, neu zusammensetzt." Dieser Film "ist ein wilder, respektloser, zugleich liebevoller Blick auf die Ränder der Filmkunst, die Liebe zu einem Kino, das Grenzen überschreitet, sich nicht scheut, zu provozieren, und gerade in seiner Unvollkommenheit Charakter gewinnt." Zu erleben ist eine "filmische Energie, die im heutigen Kino selten geworden ist".

Weiteres: Benedikt Guntentaler kommt hier auf Artechock auf die Arbeiten von Milena Gierke und dort auf die von Peter Hutton zu sprechen, die bei den fünften Tagen des experimentellen Films in Frankfurt gezeigt wurden. Rüdiger Suchsland arbeitet sich auf Artechock weiter ab an Wolfram Weimer, der deutschen Filmbranche und der nicht recht in Gang kommenden Reform der Filmförderung. Isabella Caldart wünscht sich in der taz, dass nonbinäre Menschen bei Preisverleihungen wie den am Wochenende anstehenden Emmys besser berücksicht werden.

Besprochen werden Gabriele Mainettis Kampfkunst-Familiendrama "Kung-Fu in Rome" (Perlentaucher), Maggie Kangs und Chris Appelhans' koreanischer Animationsfilm "KPop Demon Hunters", der auf Netflix alle Rekorde bricht (Artechock), Spike Lees auf Apple+ gezeigtes Kurosawa-Remake "Highest 2 Lowest" (critic.de), Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" (TA, unsere Kritik), Michael Dwecks und Gregory Kershaws Dokumentarfilm "Gaucho Gaucho" (taz), Sean Byrnes "Dangerous Animals" (critic.de), Tibor Baumanns "Exit Pangea" (Artechock), Hendrik Löbberts "Memory Wars" (Artechock), Simon Curtis' "Downton Abbey: The Grand Finale" (NZZ), Michael Koflers "Zweitland" (Standard), Olga Kosanovićs Dokumentarfilm "Noch lange keine Lipizzaner" (Standard), die in der ARD-Mediathek gezeigte Serie "Versailles" (critic.de) und Florian Pochlatkos "How to be Normal und der Versuch, sich selbst zu verstehen" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.09.2025 - Film

Auf zum nächsten plumpen Sex-Gag: Margaret Qualley in "Honey Don't"

Was zur Hölle ist eigentlich mit Ethan Coen los, fragen sich die Filmkritiker. In den Achtzigern und Neunzigern galten er und sein Bruder Joel als unter Genieverdacht stehende Wunderkinder des US-Indiekinos, aber seit die beiden seit ein paar Jahren zeitweise getrennte Wege gehen, scheint zumindest bei Ethan gehörig die Luft raus. Mit "Honey Don't" legt er nun nach "Drive-Away Dolls" (unsere Kritik) den zweiten Film einer Trilogie mit lesbischen Exploitationfilmen vor, die er während der Corona-Langeweile mit seiner Frau Tricia Cooke geschrieben hat. Aber anders als bei klassischen Exploitationfilmen bleibt der deftige Spaß bloß Behauptung, stöhnt Philipp Bovermann in der SZ: "Im richtigen B-Genrefilm kann der stereotype Aufbau des Films dazu dienen, Energie freizugeben, (...) wodurch am Wegesrand hundert kleine, hübsche Ideen aufleuchten können." Coen und Cooke hingegen "behandeln die Erzählung nicht einmal mehr als Vehikel, sondern nur als Attrappe, als Witz - bis zum Ende, das in 'Drive-Away Dolls' lustlos und hier nun geradezu ärgerlich schludrig wirkt. Geschichten zu verfilmen, die nichts erzählen, erzählen noch lange nicht vom Nichts."

Auch Inga Barthels vom Tagesspiegel macht ein langes Gesicht: "Als Hommage an Film Noirs funktioniert 'Honey Don't' höchstens ästhetisch. ... Keiner der Witze will richtig zünden, der Humor schwankt zwischen plumpen Sex-Gags und heftiger Gewalt à la Quentin Tarantino. Irgendwie geht es auch um Amerika - Honey überklebt in einer Szene einen MAGA-Aufkleber mit einem 'I have a vagina and I vote'-Sticker - doch auch das bleibt im Vagen. So ist 'Honey Don't' vor allem eine Verschwendung des Talents von Schauspielerinnen und Schauspielern wie Margaret Qualley, Chris Evans und Aubrey Plaza."

Weiteres: Patrick Heidmann spricht für die FR mit Mascha Schilinski über deren in der NZZ besprochenen Film "In die Sonne schauen" (unsere Kritik). Johannes Dudziak spricht fürs ZeitMagazin mit Spike Lee. Auf den Geldsegen der deutlich erhöhten Filmförderung muss die hiesige Filmbranche noch bis nächstes Jahr warten, meldet Helmut Hartung in der FAZ. Besprochen werden Gabriele Mainettis italienischer Martial-Arts-Film "Kung Fu in Rome" (taz, FAZ) und die Amazon-Serie "Das Gift der Seele" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.09.2025 - Film

Die Agenturen melden, dass ein 1.700 Filmschaffende umfassendes Bündnis - darunter Susan Sarandon, Emma Stone, Tilda Swinton, Javier Bardem, Julie Christie, Aki Kaurismäki, Beatrice Dalle, Ken Loach, Mike Leigh, Xavier Dolan und Mark Rufallo - dazu aufruft, israelische Filminstitutionen zu boykottieren. Mehr Hintergründe dazu liefert der Guardian. Der Aufruf der "Filmworkers for Palestine" ist hier veröffentlicht.

Bert Rebhandl empfiehlt im Standard die Retrospektive Thomas Arslan in Wien. Michael Hanfeld (FAZ), Harry Nutt (FR) und Markus Ehrenberg (Tsp) schreiben zum Tod des Schauspielers Horst Krause. Besprochen wird Truong Minh Quýs in Vietnam verbotenes, schwules Liebesdrama "Viet und Nam" (Jungle World).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.09.2025 - Film

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Jim Jarmuschs "Father Mother Sister Brother" hatte bei den Filmfestspielen Venedig niemand für die Goldenen Löwen auf dem Zettel - im Gegenteil, bei der Kritik fiel der Film weitgehend durch. Die Jury um Alexander Payne sah das anders und hob den Film aufs Siegerpodest. Kaouther Ben Hanias  Gazafilm "The Voice of Hind Rajab" erhielt den Großen Preis der Jury, Kathryn Bigelow ging als Kritikerfavoritin leer aus - hier alle Preise im Überblick. Mit Jarmuschs Film wurde ein "albern-ehrgeizloses Triptychon" ausgezeichnet, ärgert sich Jan Küveler in der Welt, aus einem durchaus vorweisbaren Pool an Favoriten hat man ausgerechnet "schlimmstes Boomerkino" preisgekrönt, stöhnt Tobias Sedlmaier von dieser Entscheidung "irritiert" in der NZZ.

Gnädiger ist tazler Tim Caspar Boehme: Dieser Film "hat etwas von einer Summa, in der Jarmusch einige seiner Lieblingsmittel zusammenfasst." Ein Preis also eher fürs Lebenswerk, wie 2024 für Almodóvar. "Eine falsche Entscheidung ist dies zwar nicht, doch bleibt ein Bedauern, dass andere Mitbewerber für ihre Ideen zum Teil gar nicht oder kaum gewürdigt wurden." Darunter etwa Ildikó Enyedis "Silent Friend", ein Umweltschutzfilm, der viele Kritiker verzaubert hat, darunter auch Andreas Busche (Tsp). Jarmusch hat diesen Preis - seinen ersten Hauptpreis auf einem A-Festival - "vielleicht nicht für den richtigen Film bekommen, aber letztlich ist es trotzdem besser, einen auszuzeichnen, der sich um das Kino verdient gemacht hat, als ihn auf ewig leer ausgehen zu lassen", findet Susan Vahabzadeh in der SZ.

Auch Dietmar Dath (FAZ) zählte zu den Kritikern, die von Jarmuschs Film weniger als wenig halten, bemerkenswert findet er die Entscheidung der Jury dann aber doch: Längst treibt es "die ambitionierte Regie, sich an gigantischen Weltproblemen zu messen", doch die Jury hat entschieden, "dass eine Regie, die von diesen Versuchungen einfach die Finger lässt, dafür Anerkennung verdient. Jarmusch ist der Gegenwart per Rolle rückwärts ausgewichen. Man kann das regressiv nennen, auch reaktionär, niedlich oder langweilig. Jarmuschs Fans werden sagen: Wie sonst soll man die kleinen, warmen, alten Kinosäle retten, die Zuflucht vor allerlei lautem Aktualitätsdreck versprechen, wenn nicht damit, dass man Filme stärkt, die dort seit Gott weiß wann gelaufen sind und nirgendwo anders wirklich hinpassen? Das klingt menschenfreundlich und lieb. Aber je genauer man es anschaut, desto pessimistischer sieht's aus."

Und im Allgemeinen? Den Wettbewerb zeichnete "eine Dominanz des amerikanischen Kinos" aus, "wie sie noch vor zehn Jahren unvorstellbar gewesen wäre", schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. Hier wurden "die unterschiedlichen Erzählstile und Perspektiven sozusagen wegglobalisiert. Und es wirkt auch seltsam unzeitgemäß, wenn sich ein europäisches Festival gerade jetzt einer US-Kino-Hegemonie unterwirft. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein könnte Europa gerade gut gebrauchen." Katja Nicodemus von der Zeit spricht hingegen von einer "Vitalität des US-amerikanischen Kinos" und lobt "seine Fähigkeit, das eigene Land, seine Kultur und Politik, seine Mythen und Abgründe immer wieder aufs Neue zu beleuchten, zu ergründen und auf noble Art auch darunter zu leiden." Weitere Resümees in FR und Filmdienst.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.09.2025 - Film

Venedig-Favorit: "A House of Dynamite" von Kathryn Bigelow

Die Filmfestspiele in Venedig gehen zu Ende. Das Programm las sich vorab "wie ein Who's who zeitgenössischen Filmschaffens, eine Sneak Preview der kommenden Oscars", schreibt Jan Küveler in der Welt. "Und doch enttäuschen sie mehrheitlich. Das liegt weniger an mangelnder Raffinesse der Regie, des Tons, des Schnitts. Das Problem ist die emotionale Dynamik." Aber "wenn wir uns festlegen müssten: Goldener Löwe für Bigelow, Großer Preis der Jury für Park Chan-wooks Sozialsatire 'No Other Choice', in der sich ein arbeitsloser Papier-Ingenieur gezwungen sieht, die Konkurrenz zu ermorden. Offenbar möchte Park, der südkoreanische Gigant, an Bong Joon-hos 'Parasite'-Erfolg anküpfen. Das geht auf, auch wenn knallharte Thriller eher sein Genre bleiben als groteske Komödien. Unter den ehrenvollen Erwähnungen: 'Jay Kelly', eine Schnulze mit George Clooney, die reflektiert, was wichtig ist im Leben." Rüdiger Suchsland schließt sich auf Artechock der Forderung für den Goldenen Löwen für Bigelow (hier besprochen in der NZZ) an, rechnet aber auch Mona Festvold für "The Testament of Ann Lee" (hier besprochen im Filmdienst, mehr zu beiden Filmen hier) gute Chancen aus. 

Tazler Tim Caspar Boehme bespricht in Venedig fernerhin Kaouther ben Hanias "The Voice of Hind Rajab" (mehr dazu bereits hier). Hanns-Georg Rodek berichtet in der Welt von einem KI-Wettbewerb in Venedig. Maria Wiesner (FAZ) sah außerdem Ildikó Enyedis im Alten Botanischen Garten in Marburg gedrehten Ökofilm "Silent Friend" mit Léa Seydoux: "In einem Wettbewerb voller harter politischer Realitäten deutet dieser Beitrag eine Utopie an." Auch Pavao Vlajcic staunt auf critic.de über diesen Film: "Ich habe mir nie vorstellen können, dass ich mir einmal so viele Sorgen um eine Geranie machen würde." Und zum Abschluss des Festivals hier noch einmal der Kritikerspiegel von critic.de.

Abseits vom Lido: Patrick Holzapfel erinnert im Filmdienst mit einem Essay an den großen Peter Sellers, der vor hundert Jahren geboren wurde. Eva-Maria Magel berichtet in der FAZ von einer Frankfurter Stadtführung auf Fassbinders Spuren.

Besprochen werden Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" (Jungle World, unsere Kritik), Margarethe von Trottas Retrospektive im Berliner n.b.k. (Freitag), die auf Sky gezeigte "The Office"-Ableger "The Paper" (FAZ, Welt, NZZ), Spike Lees auf Apple+ gezeigtes, im modernen New York angesiedeltes Kurosawa-Remake "Highest 2 Lowest" (Standard, Zeit Online) und Kai Wessels auf Arte gezeigter, von Fred Breinersdorfer geschriebener TV-Film "An einem Tag im September" über eine Begegnung zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2025 - Film

"The Voide of Hind Rajab"

Mit "The Voice of Hind Rajab" der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania gehen die Filmfestspiele Venedig auf den Nahostkonflikt ein. Es geht um ein fünfjähriges palästinesisches Mädchen, das im Januar 2024 in einem Auto eingeklemmt ist, während israelische Panzer heranrollen und sie mit einem Telefonanruf um Hilfe ruft - das Auto wurde laut vielen Organisationen von der israelischen Armee beschossen (was diese bestreitet), der Fall steht symbolisch für das Leid palästinensischer Kinder. Er ist echt, die Telefonaufzeichnungen im Film sind ein Originaldokument - der Film selbst verlässt die Zentrale des "Roten Halbmonds", wo ihr Anruf einging, nicht. "Es gibt keine unangemessene Emotionalisierung, nichts wird einer dramaturgischen Zuspitzung oder Spannungsdramaturgie untergeordnet", schreibt FR-Kritiker Daniel Kothenschulte. "Was immer in einer solchen Notsituation über Israel und Palästina gesagt worden sein könnte, fand in ihr Drehbuch keinen Eingang. Dies ist kein Propagandafilm oder bloßes 'Topical', wie man Dramen über aktuelle Themen gerne herabstuft. Es ist ein bedeutendes Werk, dem der Goldene Löwe und eine Oscarnominierung sicher sein dürften."

Was die Methode betrifft, stimmt Jan Küveler in der Welt dem zu, er zieht aber andere Schlüsse. Die Kargheit des Films "geht im minimalistischen Büßerkleid des Dokumentarischen, ist in Wahrheit aber die Tarnuniform eines Films, der insgeheim radikal Partei ergreift. (...) Das Leid wird zum absoluten Bezugspunkt. Alles, was dieses Leid erklärt, verschiebt, relativiert, bleibt ausgespart. Dass die Hamas Geiseln hält, Raketen abfeuert und ihre Terrorstrukturen fortdauern - im Film kommt es nicht vor. Er betreibt eine Ikonografie seines unschuldigen Opfers, mit dem man nur mitleiden kann. Seine Botschaft wirkt wie ein lauterer, naiver Appell an die Menschlichkeit. Doch insgeheim zielt er auf den Effekt." Er "ist weder klug montiert noch visuell zwingend. Er tarnt politische Intervention als Kino. Seine moralische Geste tut friedlich und beansprucht zugleich Hoheit über die Tränendrüsen." In der FAZ erklärt Dietmar Dath: "Prozesstransparenz ist die künstlerische Tugend des Films, die seine Härte wider jede Pietät verstehbar macht."

Dieser Tweet zeigt die Standing Ovation für den von Joaquin Phoenix mitproduzierten Film, mit 22 Minuten angeblich die längste in der Geschichte aller großen Filmfestivals.


Auf zum nächsten Nervenzusammenbruch: Valeria Bruni-Tedeschi als "Duse"

Pietro Marcello würdigt mit "Duse" die italienische Theaterschauspielerin Eleonora Duse und critic.de-Korrespondent Pavao Vlaicic ist einfach nur hin und weg: "Wer könnte sie besser porträtieren als die aktuell amtierende europäische Spezialistin für Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, Valeria Bruni-Tedeschi. Von der ersten Sekunde an beherrscht sie die Szenerie, wandelt in Cape-Kleidern, Kostümen und Gewändern durch Rom, Mailand und Venedig, bettelt um Geld für Theaterproduktionen, legt sich mit Schreiberlingen an, verzweifelt an Ibsen. Wer altmodisches Actricen-Handwerk bewundert und wie ich Vivien Leigh in 'Vom Winde verweht' oder 'Endstation Sehnsucht' nachtrauert, wird jeden Moment von Bruni-Tedeschis Performance lieben. Marcello macht sich ihr entrücktes Spiel geschickt zunutze um Fragen nach Verführbarkeit und Korrumpierbarkeit von Kunst und deren sozio-ökonomischen Grundlagen nachzugehen." Tazler Tim Caspar Boehme sah "einen der poetischsten und zugleich politisch wachsten Filme des Wettbewerbs".

Weiteres: Im Filmdienst resümiert Felicitas Kleiner einige Wettbewerbsfilme der letzten Tage. Abseits vom Lido besprochen werden Marcin Wierzchowskis Langzeit-Dokumentarfilm "Das Deutsche Volk" (Freitag, unsere Kritik), Pawlo Ostrikows ukrainischer Science-Fiction-Film "U Are The Universe" (SZ, unsere Kritik), Mia Maariel Meyers Verfilmung von Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" (Zeit Online) und Michael Chaves' Horrorfilm "The Conjuring: Last Rites" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.09.2025 - Film

Alles sieht gut aus: Ozon verfilmt Camus

Beim Filmfestival Venedig hatte François Ozons neuer Film "L'Etranger" Premiere. Zwar schätzt Pavao Vlajcic (critic.de) den französischen Regisseur als "einen der letzten versierten Handwerker des Kinos. Er kann Qualitätsdrama, Komödie, Thriller, Gesellschaftspanorama. In seinen Filmen sitzt alles, ist alles durchdacht, gut geschrieben, sieht gut aus." Dennoch macht sich Enttäuschung breit: Diese Adaption von Albert Camus' gleichnamigem Romanklassiker "hätte wahrscheinlich einen weniger wohltemperierten Regisseur gebraucht. Ozon hält sich sklavisch an die Vorlage, bebildert diese zwar angemessen, aber es gelingt ihm zu keinem Zeitpunkt, einen eigenen oder filmisch zwingenden Zugang zu dem Stoff zu entwickeln. Einige eher kosmetische Zugeständnisse an postkoloniale Diskurse wirken gleichzeitig zögerlich, aufgesetzt und unnötig." Für die taz bespricht Tim Caspar Boehme den Film.

Auch wurde in Venedig Michal Kosakowskis Essayfilm "Holofiction" präsentiert. Der Berliner Filmemacher hat dafür ausgehend von einem Bilderkatalog von zwanzig Klassikern des Holocaustfilms entsprechende Szenen aus über 3.000 Filmen dieses "Genres" zu einem ikonografischen Bildarchiv montiert. "Die Abfolge all dieser Motive ergab interessanterweise eine filmische Erzählung", sagt Kosakowski gegenüber Christiane Peitz im Tagesspiegel-Gespräch. "Ich wollte das Systematische des Massenmords zeigen, das sich eben auch in der Fiktion vermittelt. Die Wiederholung macht kenntlich, wie der Holocaust funktionieren konnte. Wenn wir dutzende Male sehen, wie Nazis in Wohnungen einbrechen, wird geradezu physisch spürbar, wie sie die heute grundgesetzlich garantierte Unverletzlichkeit der Wohnung mit Füßen treten und wie man sich daran gewöhnt. Menschen werden registriert, Papiere werden gestempelt, Listen angelegt: Erst wird erfasst und gemessen, dann zerstört, gestohlen und gemordet. In der Häufung der Vorgänge begreift man deren Perfidie vielleicht mehr als in einem Film über ein einzelnes Schicksal." 

Eine Welt, aus der alle Farben gewichen sind: "Das deutsche Volk"

Schnitt weg vom Lido zum deutschen Kinogeschehen: In seinem im Lauf mehrerer Jahre entstandenen Dokumentarfilm "Das deutsche Volk" lässt Marcin Wierzchowski die Angehörigen und Überlebenden des rechtsextremen Anschlags von Hanau zu Wort kommen. Nachzuvollziehen ist hier "die Kontinuität rassistischer Anschläge, aber auch die des behördlichen Versagens, der politischen Ignoranz, des Mangels an Empathie und angemessener Behandlung, mit der sich die Hinterbliebenen konfrontiert sehen", schreibt Stefanie Diekmann im Perlentaucher. "Dazu das beeindruckende Beharrungsvermögen von führenden Vertretern der Polizei, Stadtverwaltung, Politik, für die das behördliche Versagen im Umfeld des Anschlags  keine Konsequenzen hatte." Beim Sehen des Films drängt sich Welt-Kritiker Jakob Hayner "der Verdacht auf, dass manche Menschen im Staatsgebiet weit weniger geschützt werden als es bei anderen vielleicht der Fall wäre. Und dass das im Nachhinein eher verschleiert statt aufgearbeitet wird. (...) Von der 'Bringschuld des Staates gegenüber den Angehörigen', die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach dem Anschlag beschwor, ist in dem Film wenig zu sehen, dafür viel Kleinmut und Wegducken unter den Offiziellen." Weitere Besprechungen in taz und SZ.

Weitere Artikel: Jakob Thaller spricht für den Standard mit John Carpenter, dem ab heute eine Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum in Wien gewidmet ist. Dietrich Leder arbeitet sich für den Filmdienst durch die vielen Stunden an von Arte ausgestrahlten Dokumentationen über Filmschaffende, findet dieser aber viel zu durchformalisiert: "Tatsächlich lotet keines der Porträts in die Tiefe", was fehlt, sind "tiefergehenden Analysen der jeweiligen filmischen Praxis". Besprochen werden Pawlo Ostrikows "U Are the Universe" (Perlentaucher), Mia Maariel Meyers Adaption von Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" (NZZ, online nachgereicht von der FAZ) und Sherry Hormanns deutscher Netflix-Erotikthriller "Fall for Me" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.09.2025 - Film

Verstrahlte Amanda Seyfried in überforderndem Wimmelbild: "The Testament of Ann Lee"

Mit Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee" über die Gründerin der Shaker-Freikirche fahren die Filmfestspiele Venedig auf der Zielgeraden nochmal Kino der ganz großen Gesten auf, schreibt Pavao Vlajcic auf critic.de: "70mm-Filmmaterial, Musical-Einlagen, eine verstrahlte Amanda Seyfried, Chris Abbott als untervögelten Hausmann, an klassischer Malerei orientierte Kameraarbeit, Auspeitschungen, Totgeburten, Lustversagen. Das ergibt einen oft maximal prätentiösen Film, der einige garantiert hirnverbrannte Diskurse verantworten wird. Aber auch ein Stück lebendiges, pulsierendes, formvollendetes Kino, das Intellekt und Emotion gleichermaßen anspricht. Ich dachte nach dem Screening kurz, ich hätte den Siegerfilm gesehen. Applaus im Auditorium danach eher unentschlossen und mein Kollege meinte, um ihn herum hätten sich mehrere über das 'Gesinge' mokiert. Wahrscheinlich bekommen wir als Gesellschaft dann doch die Filme, die wir verdienen."

Tazler Tim Caspar Boehme war nicht ganz so begeistert: "Oft arrangiert Fastvold ihre Szenen als Wimmelbilder, in denen sich so viele Körper fließend durch den Raum bewegen, dass es schwerfällt, den Überblick zu behalten." Vielleicht birgt "dieser Kostümfilm" ja "einen eigenwilligen Zugang zum Aufschwung evangelikaler Bewegungen in den USA", denn "fanatisch sind Ann Lee und ihre Anhänger, die Sexualität als Sünde ablehnen und daher ein freiwilliges Zölibat propagieren, allemal. Fastvold hingegen hält die Dinge durchgehend ambivalent, fällt kein Urteil über die Begeisterten, sondern bewundert gar, wie es scheint, ihre Hingabe. Ob der Film einst in einem Zug mit 'Jesus Christ Superstar' genannt werden wird?"

Digitalisierte militärische Gegenwart: Rebecca Ferguson in "House of Dynamite"

Auch der neue Film der Action- und Thriller-Meisterin Kathryn Bigelow läuft in Venedig: Ihr Politthriller "House of Dynamite" handelt in drei Episoden von den je letzten 30 Minuten vor dem Einschlag einer von unbekanntem Absender abgefeuerten Atombombe auf dem Gebiet der USA. "Noch mangelt es an großen Kriegsfilmen aus der digitalisierten militärischen Gegenwart", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Bigelow selbst leistete mit ihrem 2008 ebenfalls in Venedig uraufgeführten, späteren Oscargewinner 'The Hurt Locker' einen wichtigen Beitrag. Wie alle Filme der ehemaligen Bildenden Künstlerin ist auch 'The House of Dynamite' weniger Träger einer konkreten politischen Haltung als ein audiovisuelles Schaustück. Es ist bewundernswert, wie sie hier die klassisch-moderne Filmsprache des Montagefilms auf eine weitere Stufe der Verdichtung führt. Dass sie aber in einer Zeit, in der konventionelle Hochrüstung kaum noch infrage gestellt wird, an die Gefahren der Atomarsenale erinnert, ist hochpolitisch." In der Welt schreibt Hanns-Georg Rodek über den Film.

Weitere Artikel: Denis Sasse denkt im Filmdienst über Filme nach, in denen Kochen und Essen eine zentrale Rolle spielen. Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod des Schauspielers Graham Greene.

Besprochen werden Mia Maariel Meyers Adaption von Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" (FAZ, SZ), Chris Columbus' auf Netflix gezeigter Knobelkrimi "The Thursday Murder Club" mit Helen Mirren, Pierce Brosnan und Ben Kingsley (NZZ), die ZDF-Reportage "Vergewaltigt: Leben mit dem Trauma" (FAZ) und Sherry Hormanns auf Netflix gezeigter, deutscher Erotikkrimi "Fall for Me" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.09.2025 - Film

Tom Waits in schwach angetäuschter Lebendigkeit: "Father, Mother, Sister, Brother" von Jim Jarmusch

"Trivial, öde, müde" dürfen Filme zwar schon gerne sein, findet Dietmar Dath (FAZ), aber wenn, dann bitte nicht so wie in "Father, Mother, Sister, Brother", der "aktuellen Unerheblichkeit" von Jim Jarmusch, präsentiert beim Filmfestival Venedig. In drei Episoden erzählt der Regisseur von Familien, die sich wenig zu sagen haben. Doch "wer Kräfte wie Charlotte Rampling, Cate Blanchett oder Adam Driver vor die Kamera holt, muss ihnen schon was zu tun geben", schreibt Dath. "Verbunden sind diese drei Teile mit schimmelig bunten Schmierklecksen und lauwarm nostalgischen Klängen aus verstorbenen Woody-Allen-Handübungen." Aber auch "dazu, den Fokus auf dem Unwichtigen und dem Langweiligen durchzuhalten, fehlt Jarmusch der Mut, weshalb er sich im Finale auf Wichtiges wirft, etwa auf die Zerbrechlichkeit des Lebens. Stimmt, was lebt, muss sterben, manchmal jählings."

Tazler Tim Caspar Boehme mag sich diesem Totalverriss zwar nicht unumwunden anschließen, aber es ist schon "ein bisschen altersmüde, das alles". Pavao Vlajcic spricht in seinen Festivalnotizen auf critic.de von "einer intimen, humanistischen Versuchsanordnung über Familienbeziehungen in drei wunderbar austarierten Vignetten".

SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh kann die schlechten Kritiken ihrer Kollegen zu Olivier Assayas Putin-Film "The Wizard in the Kremlin" vom Filmfestival in Venedig (unser Resümee) nicht stehen lassen. Der Regisseur "findet großartige Bilder und Räume, um sehr knapp ein paar Wahrheiten zusammenzufassen über den geschmacklosen Reichtum der Oligarchen und den unsanften Übergang in die Kleptokratie". Er hat "auf jedweden Kitsch verzichtet, zugunsten genauer Beschreibung und langer Dialoge. Das ist anstrengend - aber man kann dieses Stück russischer Geschichte jetzt wirklich nicht einfach in ein hübsches Bild fassen." Bei diesem Film ist "pure Fantasie am Werk", kontert Tobias Sedlmaier in der NZZ, "leider bleibt der Erkenntnisgewinn (...) überschaubar".

Weiteres: Patrick Holzapfel empfiehlt in der NZZ die japanischen Klassiker von Kozaburo Yoshimura, die das Filmpodium Zürich zeigt (den Programmtext zur Filmreihe hat unser Filmkritiker Lukas Foerster verfasst). Helmut Hartung berichtet in der FAZ von den Auseinandersetzungen zwischen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und den Streamingdiensten und Fernsehsendern, die zur Finanzierung der neuen Filmförderung zu Investitionen verpflichtet werden sollen. Eine BBC-Produktion über die Schlacht von Hastings sorgt bei manchen Zuschauern für erheblichen Unmut, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ. Kino-Flatrates haben sich in Österreich als Hit erwiesen, erfahren wir von Hannah Segers im Standard. Besprochen wird Mia Maariel Meyers Verfilmung von Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" (Welt, Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.09.2025 - Film

Die Perücke sitzt: Jude Law als Putin in "The Wizard of the Kremlin" 

Der französische Autorenfilmer Olivier Assayas hat Giuliano da Empolis Roman "Der Magier im Kreml" mit Jude Law als Putin und Paul Dano als dessen Berater Vadim Baranow verfilmt. Die Weltpremiere bei den Filmfestspielen Venedig verlassen die Kritiker allerdings mit langem Gesicht. Die Putin-Perücke sitzt zwar perfekt, "vermag aber nicht von Laws chargierender Putin-Darstellung abzulenken: grimmiges Gesicht, mahlender Kiefer, breitbeiniges Sitzen, entschlossenes Aus-dem-Fenster-schauen", schreibt Katja Nicodemus auf Zeit Online. "Wenn dem Film der erzählerische Saft ausgeht, wird Archivmaterial eingeblendet: die Olympischen Winterspiele in Sotschi, die Maidan-Revolution, Explosionen in Moskauer Vororten." Assayas "will die Entstehung des russischen Machtapparates, seiner Weltsicht, seiner Mechanismen erzählen, versammelt aber nur Bekanntes, Eckdaten und Stereotypen, mit fast grotesker Überdeutlichkeit."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht sich vor der großen Leinwand ins Pantoffelkino strafversetzt: "Der Film wirkt wie aus halbstündigen Folgen zusammengeklebt." Auch Welt-Kritiker Jan Küveler ist ratlos: "Je länger der Film dauert, desto unklarer ist, was Assayas eigentlich erzählen will."

Opulenz wie im Herrn der Ringe: Guillermo del Toros "Frankenstein"

Auch der mexikanische Oscarpreisträger Guillermo del Toro hat in Venedig einen neuen Film präsentiert, seine "Frankenstein"-Adaption - ein seit vielen Jahrzehnten gehegtes Herzensprojekt. "Del Toro ist der große Monstermacher des Gegenwartskinos, dem die auf den ersten Blick finsteren Gestalten immer schon als Zerrbilder des Menschen dienten - und im Zweifel, ihrem grotesken Äußeren zum Trotz, als seine geheimen Destillate: reiner, kindlicher, seelenvoller", schreibt Jan Küveler in der Welt. Und der Regisseur greift für dieses Horrordrama in die Vollen: "Biblische Gravität und barocke Bildfülle, kosmische Dimensionen, Engel, Dämonen, Gott und die ersten Menschen." Sowie "natürlich die zentrale Frage, ob vielleicht nicht der vermeintliche Teufel das größere Herz hat als ein unbarmherziger Gott". Kurz: "Dieser 'Frankenstein' hat die Größe, Pracht und Erhabenheit von Peter Jacksons 'Der Herr der Ringe'."

Filmdienst-Kritikerin Felicitas Kleiner sah "überbordendes Gothic-Horror-Spektakelkino, dessen ins Fantastische ragender Historismus ein bisschen an Francis Ford Coppolas 'Dracula'-Interpretation erinnert". Für Standard-Kritiker Marian Wilhelm ist dieser Film bislang der "beeindruckendste" Beitrag in einem bislang von zwar großen Namen dekorierten, doch insgesamt eher enttäuschenden Wettbewerb. Andere sind nicht ganz so überzeugt: "Man leidet kaum mit diesem allzu künstlich verunstalteten Geschöpf", bemängelt Tim Caspar Boehme in der taz. Der Film "wirkt wie eine missratene Disney-Produktion", gähnt Susan Vahabzadeh in der SZ und weiß auch nach dem Abspann nicht, "warum die Welt dringend noch eine Frankenstein-Adaption braucht". Und Christiane Peitz vom Tagesspiegel hat "selten derart ruckelnde computergenerierte Wölfe gesehen", auch habe der Regisseur es versäumt, "dem Mythos (...) neue Facetten" hinzuzufügen.

Weiteres: Marian Wilhelm spricht für den Standard mit dem Regisseur François Ozon über dessen neuen Film "Wenn der Herbst naht". Dietmar Dath erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an Jang Joon-hwans koreanischen Genrefilm "Save the Green Planet" von 2003, von dem der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos ein mit Emma Stone besetztes Remake eben bei den Filmfestspielen von Venedig präsentiert hat (unser Resümee). Angesichts aktueller Rentendebatten zieht Marc Reichwein für die Welt nochmal Loriots Rentner-Komödie "Pappa Ante Portas" aus dem DVD-Regal hervor. Besprochen wird Jesse Armstrongs auf Sky gezeigte TechMilliardäre-Satire "Mountainhead" (Standard).