Harte Schale, fürsorglicher Kern: "Heated Rivalry" Diese Serie ist "großer subversiver Pop", schreibt Rabea Weihers, die auf Zeit Online darüber nachdenkt, warum die demnächst auch in Deutschland startende HBO-Serie "HeatedRivalry" über die romantische und sexuelle Annäherung zweier homosexueller Eishockeyspieler insbesondere von Frauen zu so einem Erfolg gemacht wurde. "Kampfmaschinen" sind diese Männer nur auf dem Eis, aber "privat entwickeln sie sich im Laufe der Serie zu Idealtypen, wie liberale, progressive Heterofrauen sie sich wohl vorstellen: umsichtig, fürsorglich, aufrichtig, beisich." Damit "führt die Serie ein neues Narrativ von Männlichkeit in die Popkultur ein. ... Sie zeigt Männer in so leidenschaftlicher Tiefenschärfe, wie" Frauen "sie selbst gern erleben würden."
Tobias Sedlmaier steht der Serie in der NZZ skeptisch gegenüber. Nicht nur stört ihn, wie "erstaunlich klinisch und mechanisch" hier "makellos-muskulöse Männerkörper" inszeniert sind. Auch wundert ihn, dass kaum problematisiert wird, dass die Serie mit queeren Inhalten vor allem auf ein heterosexuell-weibliches Publikum schielt, was in der schwulen Szene durchaus für Stirnrunzeln sorgt. "Die omnipräsente Euphorie über 'Heated Rivalry' überdeckt die Kritik an Stereotypen, die leise auch aus der queeren Community zu hören ist: Echte Homophobie ist nur angedeutet, das Versteckspiel der beiden hingegen romantisiert. Die Vielfalt homosexueller Lebensweisen wird stellvertretend in ein abgenutztesRomance-Schema gepresst. Womöglich liegt es an der Sympathie für die gute Sache, dass "Heated Rivalry" oft mit Samthandschuhen angefasst wird."
Die Spielszenen überzeugen: "Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren" Tazler Wilfried Hippen kannWilfriedHaukes auf Grundlage von AstridLindgrensTagebüchern aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs entstandener Doku-Fiction "Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren" zwar einiges abgewinnen: Die Spielszenen sowie das Archivmaterial überzeugen. "Allerdings problematisch" wird der Film oft dann, wenn sich die Erben der schwedischen Kinderbuchautorin "in arg gestellten Gesprächsszenen" ins Bild drängen. "Da wird auch deutlich, dass dies ein von der Familie autorisierter Film ist (Urenkel Johan Palmberg wird im Abspann als executive producer genannt). So wirken diese Sequenzen zu oft wie Homestorys, in denen all die schön restaurierten Wohnungen und Häuser der Lindgren-Familie vorgestellt werden. Spätestens bei den werbespotartigen Aufnahmen vom Vergnügungspark 'Astrid Lindgrens Värld' kann man schon von Product-Placement sprechen." Zuvor hatte der Filmdienst mit dem Regisseur gesprochen (unser Resümee).
Weiteres: Der Tages-Anzeigerübernimmt aus La Republicca ein Gespräch mit GwynethPaltrow über ihr Kino-Comeback in JoshSafdies "Marty Supreme" an der Seite von TimothéeChalamet. Besprochen wird Thilo Mischkes ZDF-Dokuserie "German Guilt", in dem der Journalist gemeinsam mit Ronja von Rönne und KatjaRiemann die eigenen Familiengeschichten aus dem Nationalsozialismus zu rekonstruieren versucht (NZZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Reinhard Kleber spricht für den Filmdienst ausführlich mit WilfriedHauke über dessen dokumentarische und fiktionale Elemente kombinierenden Porträtfilm "AstridLindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren". Für den eng mit Lindgrens Erben entstandenen Film ließ er sich von den zur Zeit des Zweiten Weltkriegs entstandenen Tagebuch-Aufzeichnungen der schwedischen Kinderbuchautorin leiten. "Überrascht hat mich Lindgrens analytische Begabung, wenn sie die Kriegsereignisse verfolgt und erkennt, was da mental falsch läuft. ... Warum es in Norwegen eine starke Nazi-Fraktion gibt" oder "wie sich die Finnen so tapfer gegen die Russen wehrten, während die Dänen bis zum Abwinken mit den Nazis kollaborierten. ... Diese Analysen stammen von einer Mutter mit zwei Kindern, die als Sekretärin ausgebildet ist. Sie ist keine Historikerin, keine Kulturwissenschaftlerin, sondern eine Frau, die vom Bauernhof kommt, die viele Bücher liest und ein Talent fürs Erzählen hat. ... Der entscheidende Punkt, darüber einen Film zu machen, war jedoch ein anderer. Hier versucht jemand, einen literarischen Stil zu finden" und "das gelingt Lindgren in wachsendem Maße. Hier schreibt sich jemand frei." NZZ-USA-Korrespondent Marc Neumann staunt, dass die "SouthPark"-Macher Trey Parker und Matt Stone mit ihren respektlos anarchischen Grotesken gerade nicht nur die Trump-Administration derbe der Lächerlichkeit preisgeben, sondern damit auch Zuschauerrekorde einfahren und zumindest bislang keinen Repressionen ausgesetzt sind. Dabei läuft die Animationsserie sogar auf Paramount. Und "Paramount hat angeblich unter Druck von Trump unter anderem Steven Colberts 'Late Night Show' abgesetzt. Mit Trey Parker und Matt Stone ... unterzeichnete Paramount erst in diesem Frühsommer einen Fünfjahresvertrag über 1,25 Milliarden Dollar. ... Der Erfolg von 'South Park' ist der Grund, warum Trump es unterlässt, sich dagegen zu wehren. Er würde den Sendungsmachern bloß noch mehr Aufmerksamkeit bescheren. Einzig zu Beginn von Saison 27 gab das Weiße Haus ein laues Statement ab, die Show sei seit zwanzig Jahren irrelevant und buhle verzweifelt um Aufmerksamkeit. Seither kam nichts mehr."
Weiteres: Die Agenturen melden, dass beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken BenVoits Berlin-Film "Gropiusstadt Supernova" den Hauptpreis gewonnen hat (hier Ausschnitte aus dem Film sowie ein Gespräch mit den Machern). Sophia Zessnik sorgt sich in ihrer taz-Kolumne um den Fortbestand der Kinos in den Großstädten. Geschichtslehrern, die ihren Schülern die DDR vermitteln wollen, rät Michael Pilz in der Welt dazu, für ihren Unterricht auf FrankBeyers Film "Spur der Steine" zurückzugreifen, der seinerzeit rasch im Giftschrank der SED verschwand. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb dem Drehbuchautor und Regisseur ChristopherHampton zum 80. Geburtstag. Besprochen wird die HBO-Serie "The Pitt" (NZZ).
Beklemmende Ambivalenzen: "White Snails" von Elsa Kremser und Levin Peter Das deutsch-österreichische Regieduo ElsaKremser und LevinPeter war bislang vor allem für dokumentarische Arbeiten bekannt. Diese sind "Kunstwerke einer marginalenSensibilität, eines dezidierten Gegenblicks zu panoptischer Überwachung und Panoramen der Macht", schreibt Bert Rebhandl im Standard. Ihr neuer Film "White Snails" ist zwar fiktiv, aber dokumentarisch grundiert und erzählt von einem Model und einem Bestattungsarbeiter in Belarus. Was auf den ersten Blick nicht sonderlich politisch wirkt, offenbart sich bei genauerem Hinsehen dann aber doch als genau das: Es "ist eine Geschichte, die alles Offizielle, Institutionelle meidet, und die nach einem Bereich sucht, der eben nicht einfach das Private ist, sondern etwas Größeres: etwas Persönliches, das auch latent subversiv ist." Es geht "um einen entscheidenden, auch politischen Aspekt des heutigen Belarus - um die Frage, ob man in diesem Land (noch) lebenkann. Masha ist dabei die gefährdetere der beiden, bei ihr haben Ideen von Weggehen eine beklemmende Ambivalenz."
"Hollywood belohnt wieder ernsthaftes, politisches Kino", jubelt Tobias Sedlmaier in der NZZ angesichts der sechzehn, respektive dreizehn Oscarnominierungen für RyanCooglers "Blood & Sinners" (unser Resümee) und PaulThomasAndersons "One Battle After Another" (unsere Kritik). Denn: Beide Filme "sind vielschichtige Spiegel des Zeitgeschehens". Doch Vorsicht, sagt der Perlentaucher: Man hat auch schon zweistellig nominierte Filme gesehen, die am Ende leer ausgegangen sind. Mladen Gladic von der Weltsieht in den beiden Filmen nur die prominentesten Beispiele eines sich formierenden Gegenwartskinos, das "als Allegorie dessen, was alles falsch läuft in den USA ... verstanden werden" kann. Zu einem ähnlichen Schluss kommt die darüber hocherfreute FAZ-Kritikerin Sandra Kegel, die im übrigen auch MaschaSchilinskis "In die Sonne schauen" (unsere Kritik), der es nun doch nicht in die Nominierungen geschafft hat, keine Träne nachweint: "Die Kunstanstrengung steht in den drei Filmstunden herum wie ein Grabstein, der nicht verwittert."
Weiteres: Tobias Sedlmaier porträtiert in der NZZ die Schweizer Schauspielerin LunaWedler, die aktuell in Ildikó Enyedis "Silent Friend" (unser Resümee) zu sehen ist. Agententhriller aus Hollywood zeichnen ein völlig falsches Bild beruflichen Alltag eines Spions, erklärt Clara Nack in der taz.
Besprochen werden ChloéZhaos "Hamnet" (dieser Film "gibt dem wabernd überwältigend Menschlichen eine ästhetische Form", schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ, mehr zum Film hier), Simon Verhoevens Verfilmung von JoachimMeyerhoffs autobiografischem Roman "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (WamS, FAS), TimurBekmambetows Science-Fiction-Film "Mery" mit Chris Pratt (Standard) und NicoleSchergs vorerst nur in Österreich startender Dokumentarfilm "Wise Women" (Standard).
16 Nominierungen für "Blood & Sinners" - Rekord! Die Oscarnominierungensind bekannt gegeben. RyanCooglers antirassistischer Splatter-Horror-Western "Blood & Sinners" (unser Resümee) bricht mit 16 Nominierungen alle Rekorde, dicht auf den Fersen ist ihm PaulThomasAndersons "One Battle After Another" (unsere Kritik) mit 13 Nominierungen. "Dass die beiden Favoriten ausgerechnet von WarnerBros. produziert wurden, ist eine pikante Pointe", stellt Andreas Busche im Tagesspiegel fest. "Um das Traditionsstudio ist in den vergangenen Monaten ein unerbittlicher Bieterstreit zwischen Netflix und Paramount entbrannt. In puncto Dominanz von Box-Office, Streamingmarkt und jetzt auch Oscars könnte sich der Warner-Deal für die Netflix-Bilanz als wegweisend herausstellen. Denn in einem Kinojahr, das stärker denn je von Franchises dominiert war, ist die Anerkennung von singulären Filmen wie 'Blood & Sinners' und 'One Battle After Another' ohne eine angehängte Verwertungskette zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer."
Die deutsche Oscarhoffnung, MaschaSchilinskis "In die Sonne schauen" (unsere Kritik), hat es derweil nicht bis in die finalen Nominierungen für den besten internationalen Film geschafft. Das braucht sich die Regisseurin "aber nicht allzu sehr zu Herzen zu nehmen", tröstet David Steinitz in der SZ, "denn so hart wie diesmal war die Konkurrenz in dieser Kategorie selten. In die Endauswahl geschafft haben es der brasilianische Thriller 'The Secret Agent' mit 'Narcos'-Star Wagner Moura, die iranische Tragikomödie 'Ein einfacher Unfall' (die durch Frankreich eingereicht wurde, weil der Regisseur JafarPanahi in seiner Heimat politisch verfolgt wird), das gefeierte spanisch-französische Drama 'Sirāt', das Gaza-Drama 'Die Stimme von Hind Rajab' und die norwegische Familientragikomödie 'Sentimental Value'." Außer "Hind Rajab" hatten alle Filme in Cannes Weltpremiere: Sie "unterstreichen mal wieder mehr als deutlich den Ruf der Croisette als bedeutendstes Filmfestival der Welt."
Weitere Artikel: In seiner "Cinema Moralia"-Glosse auf Artechockärgert sich Rüdiger Suchsland unter anderem über eine "geschwätzige" Pressemitteilung der EuropäischenFilmakadamie, die für die ganze Welt Empathie aufbringt, nur nicht für die Opfer und Hinterbliebenen des 7. Oktobers. Patrich Heidmann spricht für epdFilm mit ChloéZhao über deren "Hamnet"-Film. Gerhard Midding versenkt sich für epdFilm in die düsteren Soundtrackwelten von HildurGuðnadóttir. Dunja Bialas verzweifelt auf Artechock, dass das vor einem Jahr geschlossene Münchner Traditionskino am SendlingerTor unter dem Titel "Das neue Dings" als Eventlocation wiedereröffnet wird, in der nur äußerst ausnahmsweise auch mal ein Film gezeigt wird. Jörg Taszman resümiert im Filmdienst die Verleihung des EuropäischenFilmpreises. Rumeysa Ceylan blickt für die taz auf den Social-Media-Hype insbesondere unter Frauen um die HBO-Serie "Heated Rivalry", in der es um schwuleEishockeyspieler geht. In der FAZ legt uns Wiebke Hüster das filmische Begleitprogramm der Hamburger Ausstellung "Die Botschaft der Wildtiere" ans Herz.
Besprochen werden Kaouther Ben Hanias "Die Stimme von Hind Rajab" (critic.de, Artechock, epdFilm, mehr dazu bereits hier), LeelaVargheses und EmmaHough Hobbs' Animationsfilm "Lesbian Space Princess" (FAZ, unsere Kritik), TimurBekmambetovs "Mercy" (Artechock), VincianeMillereaus "Die progressiven Nostalgiker" (Artechock), TimDünschedes "Die Drei ??? - Toteninsel" (Artechock) und die Amazon-Serie "Steal" (FAZ).
Szene aus Kaouther Ben Hanias "Die Stimme von Hind Rajab" KaoutherBenHanias "Die Stimme von Hind Rajab" wurde schon bei der Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig sowohl gefeiert, aber auch kontrovers diskutiert (unsere Resümees). Der Film erzählt anhand von Tonaufzeichnungen aus Perspektive einer Notruf-Einsatzzentrale von den letzten Lebensminuten des palästinensischen Mädchens Hind Rajab, das bei einem israelischen Angriff auf Gaza-Stadt getötet wurde und per Telefon um Hilfe rief. Dass dieser Fall schrecklich ist, steht für Menschen mit Empathievermögen unabhängig von politischer Positionierung völlig außer Frage, schreibt Chris Schinke in der taz. Aber er stellt sich auf Fragen zum Gestus und ob es richtig ist, das Massaker vom 7. Oktoberals Kontext auszublenden. Es "ist ein Film, der vehement emotionalisieren, der wachrütteln, der erschüttern soll. Ein erzählerisch grobschlächtiger, beinaheschonerpresserischerGestus." Zwar "darf ein Film radikal einseitig, durchaus auch parteiisch sein. Die Frage ist vielmehr, ob die erzählerisch-ästhetischen Setzungen bei Zuschauern zu einer vielversprechenden Auseinandersetzung führen. 'The Voice of Hind Rajab' lässt mit seinem Überwältigungsgestus eine solche kaum zu, sondern erzielt seinen emotionalen Effekt auf Kosten des Originalmaterials, bei dem sich die Frage stellt, ob die Stimme eines toten Mädchens instrumentell zum Gegenstand von Dramatisierung werden sollte."
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sah den Film völlig anders, widerspricht sich aber auch ein wenig selbst: "Beim Filmfestival Venedig versetzte die Regisseurin das Premierenpublikum in gebannte Anspannung, die sich in den angeblich längsten dokumentierten Ovationen der Festivalgeschichte von 23 Minuten entlud." Doch gibt es laut Kothenschulte "keine unangemessene Emotionalisierung, nichts wird einer dramaturgischen Zuspitzung oder einer Spannungsdramaturgie untergeordnet." Was denn nun?
Auch SZ-Kritiker Moritz Baumstieger fragt sich, ob "man stundenlange Aufzeichnungen eines fünfjährigen Kindes nutzen darf, um einen emotionalen Effekt zu erzielen", wischt diese Bedenken aber schnell weg, denn schließlich haben die Eltern ihr Okay gegeben. Dass der Film keinen Kontext liefert, hält er derweil für einen Vorteil, so werde wenigstens niemand "dämonisiert. ... Dass bei dieser Herangehensweise kein ausgewogener Film mit Informationscharakter herauskommt, ... ist logisch." Zwar "kann man es falsch finden, in Zeiten von KI-Fakes und allgemeiner Verwirrung mutwillig Fakten und Fiktion zu vermischen. Doch jedem, den das stört, steht es frei, sofort nach dem Abspann wieder von Emotion auf Ratio zu schalten."
Weitere Artikel: Die DeutscheKinemathek eröffnet ihr auf zehn Jahre (und womöglich länger) angelegtes Provisorium im Berliner E-Werk, berichtet Michael Meyns in der taz. Daniel Kothenschulte spricht in der FR mit ChloéZhao über ihr Shakespeare-Drama "Hamnet". Katja Nicodemus sendet in der Zeit eine Notiz von Rosa von Praunheims Beerdigung.
Besprochen werden LeelaVargheses und EmmaHoughHobbs' Animationsfilm "Lesbian Space Princess" (Perlentaucher, Tsp), die DVD-Ausgabe von FrancisLawrences Stephen-King-Adaption "The Long Walk" (taz), TimDünschedes neuer "Die Drei ???"-Film (Welt), IldikóEnyedis "Silent Friend" (Jungle World, mehr zum Film hier), PaulFeigs "The Housemaid" (NZZ, unsere Kritik) und RonjavonRönnes und ThiloMischkesZDF-Doku "German Guilt" über die Suche in den eigenen Familien nach NS-Tätern (Welt).
Die Berlinale hat ihr Programm bekannt gegeben. Es ist der zweite Jahrgang unter der neuen Leiterin TriciaTuttle. "Die ganz großen Spitzentitel des anstehenden Kinojahres, um die sich die drei großen europäischen Festivals traditionell reißen", sind nach mittlerweile alter Sitte auch in diesem Jahr mal wieder nicht dabei, seufzt David Steinitz in der SZ. "Regieprominenz" vom Kaliber eines Richard Linklaters, den Tuttle 2025 nach Berlin locken konnte, fehlt tatsächlich, stellttazler Tim Caspar Boehme fest, aber immerhin sind ein paar Namen dabei, die engagierte Beobachter des internationalen Autorenkinos auf dem Zettel haben können. Aus Deutschland sind Ilker Çatak, Angela Schanelec und Eva Trobisch im Wettbewerb. Doch wächst der Zweifel, ob jene, "die einen stetigenBedeutungsverlust der Berlinale im Vergleich mit ... Cannes und Venedig beklagen, nicht doch recht haben könnten".
Im Tagesspiegelbeschleicht Andreas Busche zunehmend der Eindruck, dass auch Tuttle "gegen die Markt-KonzentrationiminternationalenFestivalzirkus machtlos ist. Das relativiert ein wenig die Kritik an ihrem Vorgänger, dem gelegentlich eine 'Verzwergung' der Berlinale vorgeworfen worden war." Carlo Chatrian wurde ja recht unschön von der Kulturpolitik und unter Applaus von Teilen der Presse abgesägt, unter anderem, weil er angeblich zu wenig Stars auf den Roten Teppich gebracht habe. Stimmt also wenigstens die Star-Power? Mit einer kleinen Handvoll Stars - die meisten im Herbst ihrer Karrieren - ist zwar zu rechnen, meldet Jörg Gerle im Filmdienst, aber nur abseits des Wettbewerbs. "Das Kino, das Tuttle und ihr Team für ihren Wettbewerb präferieren, ist dagegen eher unglamourös: An der Spree glüht man für das Kino mit Anspruch."
Außerdem: Bert Rebhandl ist im Standard überzeugt, dass JessieBuckley mit ihrer Rolle in ChloéZhaos (in taz, Standard und FAZ besprochenem) Shakespeare-Drama "Hamnet" den Oscar schon gewonnen hat. Der Filmdienstmeldet die Nominierten für den Preis der deutschen Filmkritik. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner GeenaDavis zum 70. Geburtstag. Besprochen wird JoeCarnahansNetflix-Thriller "The Rip" mit BenAffleck und MattDamon (Standard),
Besprochen werden ChloeZhaosShakespeare-Drama "Hamnet" (NZZ, mehr dazu bereits hier), AlexePoukines "Madame Kika" (Standard), das "Game of Thrones"-Spinoff "A Knight of the Seven Kingdoms" (Welt) und Nia DaCostas Horrorfilm "28 Years Later: The Bone Temple" (SZ).
Noch bis zum 25. Januar läuft im Berliner Zeughauskino das Nachspiel einiger Filme der von Tilman Schumacher (der auch für den Perlentaucherals Kritiker tätig ist) ursprünglich für DOK Leipzig kuratierten Reihe "Un-American Activities" (unser Resümee) mit us-amerikanischen Filmen, die zur Zeit der DDR bei DOK Leipzig im Programm liefen. Aus diesem Anlass hat Cargo Schumachers großen Essay zur Reihe online freigeschaltet. "Was ist es, was die Filme enthüllen? Ich denke, sie treibt vor allem die Offenlegung einer sehr amerikanischen Rhetorik der Macht um. De Antonios Filme kreisen um medial vermittelte Mechanismen des Machterhalts und -missbrauchs. Dialog- und Monologexzesse wie 'Point of Order' (1964) und 'Milhouse - A White Comedy' (1971) sind Found-Footage-Montagen, die nicht weniger als eine Demontage der schillernden Führungsfiguren des ultrakonservativen Amerikas zum Ziel haben. De Antonios Filme sind scharf, kantig, ätzend; es sind persönliche Feldzüge, ohne Rücksicht auf Verluste." Doch "handelsübliche Agitprop war ... eher die Ausnahme als die Regel." Diese Filme "gehen in Konfrontation mit dem eigenen Land, dessen Versprechen sie nicht eingelöst sehen. Sie haben die Hoffnung auf die USA - trotz allem - noch nicht aufgegeben."
Weitere Artikel: Mit Ausnahme von JafarPanahis Rede und eines Seitenhiebs Richtung Donald Trump war die Verleihung des Eurpäischen Filmpreises, bei der JoachimTriers "Sentimental Value" als bester Film ausgezeichnet wurde, ein "eher unpolitischer Abend", berichtet Jenni Zylka in der taz. Für den Standardresümiert Valerie Dirk den Abend. Denis Sasse widmet sich im FilmdienstPatchwork-Family-Filmen. Besprochen werden ChloéZhaos Shakespeare-Drama "Hamnet" (Tsp, mehr dazu bereits hier) und WilfriedHaukes mit Spielszenen angereicherte Kinodoku "AstridLindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren" (SZ).
"Hamnet" von Chloé Zhao Mit ihrem bei den Golden Globes bereits als bestes Drama gewürdigten Shakespearefilm "Hamnet" ist Regisseurin ChloéZhao "eine Art naturmystischer Kontrapunkt zu dem romantisch-komödiantischem 'Shakespeare in Love'" geglückt, freut sich Hanns-Georg Rodek in der Welt. Der Film stellt sich die Frage, ob Shakespeare mit seinem "Hamlet" den frühen Tod seines einzigen Sohnes Hamnet verarbeitet hat - dies aber nicht im Modus eines Kostümschinkens, sondern mit sehr gegenwärtigen Mitteln: "Fast glaubt man sich in einem Terrence-Malick-Film, wo immer die Schönheit der Natur mit den Schrecken menschlicher Tragödien koexistiert und tiefere Bedeutung suggeriert. ... Man müsste lange nach einem Film suchen, der die Trauer um den Verlust eines Menschen derart spürbar macht." In der FAZ erzählt Bert Rebhandl von seiner Begegnung mit der Regisseurin, mit der sich offenbar trefflich über westliche und östliche Philosophie sprechen lässt.
Weiteres: Josef Schnelle würdigt im Filmdienst die Filme und Bücher von DietrichBrüggemann. Der Filmhistoriker Rainer Rother widmet sich in "Bilder und Zeiten" der FAZ der Rolle, die das Essen in den Filmen von JeanRenoir spielt. Besprochen werden NiaDaCostas Horrorfilm "28 Days Later: Bone Temple" (SZ), JoeCarnahans Netflix-Thriller "The Rip" mit BenAffleck und MattDamon (SZ) sowie das "Game of Thrones"-Prequel "A Knight of Seven Kingdoms" (WamS).
"Mother's Baby" von Johanna Moder Im Titel des Mutterschaftsdrama "Mother's Baby" der österreichischen Regisseurin JohannaModer klingt nicht umsonst Polanskis "Rosemarys Baby" an, schreibt Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher. Doch Moders Film über eine Mutter, der eine postnatale Depression wohl eher untergejubelt als attestiert wird und die sich von ihrem jungen Kind zusehends entfremdet fühlt, zielt nicht auf übernatürlichen Horror. Es sind die "mit mikrosoziologischer Genauigkeit eingefangenen Interaktionen, anhand derer 'Mother's Baby' ein Bild von Mutterschaft als Zustand der Ungewissheit, Entfremdung und des Selbstverlustes zeichnet. Ein Zustand, der nicht individualpsychologisch und schon gar nicht biologisch erklärt werden kann, sondern das Ergebnis einer sozialen Konstellation ist, innerhalb derer die Frau, als Mutter, vom Subjekt zum Objekt degradiert wird." Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland hält den Film ebenfalls für gelungen und durchaus klug, allerdings ist in seinen Augen "die hier implizit formulierte Kritik an der Reproduktionsmedizin und ihren Versprechen ein bisschen schlicht".
Weitere Artikel: Pavao Vlajcic erinnert sich auf critic.de an zwei filmische Offenbarungen, die ihm der kürzlich verstorbeneBélaTarr bescherte. Marisa Buovolo erinnert in der NZZ an DavidLynch, der vor einem Jahr gestorben ist und der am 20. Januar 80 Jahre alt geworden wäre.
Besprochen werden IldikóEnyedis Baumdrama "Silent Friend" (Artechock, unser Resümee), PaulFeigs Erotikthriller "The Housemaid" mit SydneySweeney (Artechock, Standard, unsere Kritik), Nia DaCostas Horrorfilm "28 Days Later 2" (Zeit Online), HilleNordens "Smalltown Girl" (Artechock), AlexePoukines "Madame Kika" (Artechock, critic.de), CarmenEmmis "Plainclothes" (critic.de), MarcusH. Rosenmüllers Komödie "Extrawurst" mit HapeKerkeling (Artechock, SZ) und ThomasImbachs vorerst nur in der Schweiz startender Film "Nacktgeld" (NZZ).
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