Früher kam kaum eine Jugend- und Subkultur ohne sie aus, einen Aufkauf durch einen Finanzinvestor und Börsengang später steht es um die klassischen Doc-Martens-Schuhe allerdings insbesondere wirtschaftlich ziemlich schlecht, fürchtet Michael Pilz in der Welt. Womöglich sind es für die Stiefel einfach keine guten Zeiten mehr, "nachdem die digitalen Netze alle Subkulturen erledigt haben, bis auf jene, die sich allen offenen Netzwerken verweigern wie die Ultras in den Fußballstadien, die allerdings auch keine Docs mehr tragen, sondern Sneakers. Moden, die aus den in sich geschlossenen Kulturen des vergangenen Jahrhunderts stammen, Marken wie Doc Martens und Fred Perry, Merc, Lambretta und Ben Sherman, finden sich längst in einer verhängnisvollen Dialektik wieder. Einige wurden bereits zwischen Diversität und Distinktion zerrieben. Andere werden getragen und gekauft, weil sie sich ständig neu erfinden, ohne es sich mit den Alten zu verderben. Zwar steht der Fred-Perry-Lorbeerkranz für nichts mehr, außer für sich selbst, aber er steht, und die Geschäftszahlen scheinen stabil zu sein. Weniger gut sieht es für Dr. Martens aus und seinen Schuh zum Polohemd."
Für die FAZspricht Alex Bohn mit den Designern HillaryTaymour und CharlieEngman über deren Modemarke CollinaStrada. Niklas Maak beobachtet in Frankfurter Allgemeine Quarterly mit Wohlwollen, dass Renault mit seinem Modell 5 dem Elektroauto endlich etwas ästhetischen Glanz verleiht.
Sehr interessiert gehttazlerin Brigitte Werneburg durch Olivier Saillards und Emanuele Coccias Ausstellung "The Many Lives of a Garment" im ITS Academy Museum of Art in Fashion in Triest, in der es um "die InszenierungendesKörpers und damit des Selbst durch Kleidung an den unterschiedlichsten Schauplätzen des Alltags" geht: "Da ist das Kleidungsstück, das ausgezogen am Boden liegt und in dem man noch immer die Form des Körpers erkennt. Die Outfits aber in der klassischen Museumsvitrine werden wie Reliquien andächtig bestaunt, verheißen sie doch eine Begegnung mit ihren Trägerinnen Tilda Swinton und Charlotte Rampling, Ikonen unserer Zeit. Ein Haute-Couture-Kleid, das ein Mannequin vor sich herträgt, macht bewusst, dass diese Schneiderkunst vor allem sich selbst präsentiert. Aufgrund der unverkennbaren Handschrift der Modeschöpferin oder des Designers ist das Kleid insofern Werbung für die Trägerin, als sich das Image des Hauses auf sie überträgt. Es ist selbst noch im Zustand des Verfalls spürbar, wie vom Licht ausgebleichte und vom Tragen formlos gewordene Kreationen von Dior und Balenciaga schmerzlich bewusst machen."
RobertoCavalli ist tot. Er war der Modedesigner, der "Glamour und Exzess zelebrierte, indem er seine Models und Schauspielerinnen mit Leopardenmustern, in mit Juwelen geschmückten Jeans, in Satin-Korsette und anderen völlig unbekümmerten protzigen Kleidern auf den Laufsteg, bzw. den Roten Teppich schickte", schreibt Steven Kurutz in der New York Times. Seine "Aufmerksamkeit suchenden, viel Haut zeigenden Kleider waren nichts für Introvertierte. Auch war seine Marke nicht intellektuell. Stattdessen spielte Cavalli mit dem spaßigen, flamboyanten, hedonistischen Aspekt von Mode. ... Stets sonnengebräunt und immer eine Zigarre im Mund, verfolgte Cavalli einen Lebensstil, der so Rock'n'Roll war wie seine Kleider. Er flog seinen eigenen, schillernd violetten Helikopter und bereiste das Mittelmeer mit seiner ebenfalls violetten Yacht." Für Vogueführt Laird Borrelli-Persson durch Cavallis Schaffensphasen.
Golgotha Chair by Gaetano Pesce, 1972
Gestorben ist auch der große Gaetano Pesce. Künstler wäre eigentlich eine bessere Beschreibung für ihn als Möbeldesigner, meint Peter-Philipp Schmitt in der FAZ. Als der Unternehmer Cesare Cassina "1971 eine Marke für Experimentaldesign gründete, Braccio di Ferro, übernahm Pesce die Leitung. Mit ihr entwickelte er die StuhlserieGolgotha, eine Anspielung auf den Ort, wo Jesus angeblich gekreuzigt wurde. Das allein war schon gewagt. Inspiration war darüber hinaus das Grabtuch Christi. Pesce legte sein Tuch aus Glasfasergewebe, Polyesterfasern und Epoxidharz über einen Würfel und hängte die Lehne an zwei Haken auf. Bevor das Ganze aushärtete, gab eine Person mit ihrem individuellen Körperabdruck dann dem Sitz seine Form. Pesce lehnte die gleichmacherische Globalisierung ab, die eigentlich Grundlage serieller Produktion ist. Sein Ziel waren Serien aus Unikaten. Und dafür eignete sich besonders Kunstharz, das bei seinen Vasen, Stühlen oder Spiegeln, jeweils ein wenig anders, in Formen floss."
In der SZ schreibt Gerhard Matzig zum Tod des Auto-Designers PaoloPininfarina, dessen "Firma einige der schönsten Autos der Welt gestaltet" hat. Dazu zählt etwa der heute sündhaft teure Ferrari 500 Mondial aus den Fünfzigern, "ein Kunstwerk. Wenn der Satz der Futuristen, wonach ein Rennwagen schöner sei als eine antike Skulptur, je gültig war: dann im Angesicht eines Autos, das kein Auto, sondern ein Gottesdienst ist." Im Gegensatz zum heutigen, allgemein gängigen Autodesign, das "zum Teil zur Groteske verkommen" ist. "Die Gestaltungsabteilungen etlicher Autofirmen standen früher mit an der Spitze der Unternehmen - heute haben sie oft etwas von untergeordneten Befehlsempfängern. Und dann wundert man sich, warum die Leute die Autos, die man nur mit einer Papiertüte über dem Kopf fahren möchte, nicht mehr lieben. Paolo Pininfarina war einer der großenLiebenden."
Besprochen wird FrancescaCartierBrickells Buch "Die Cartiers. Eine Familie und ihr Imperium" (online nachgereicht von der FAZ).
Das Palais Galliera in Paris zeigt Fotografien von PaoloRoversi, darunter dessen zahlreiche Modefotografien für namhafte Häuser - wobei Roversis ästhetisch avancierte Arbeiten auf ihren Eigensinn pochen: "Die Technik ist hier bloß Mittel zum Zweck", schreibt Marc Zitzmann in der FAZ, und "dieser lautet: Verfremdung, Verwandlung, Verzauberung. Roversis Modefotografien - für Häuser wie Alaïa, Armani, Jean Paul Gaultier, Yves Saint Laurent, vor allem jedoch Romeo Gigli, Yohji Yamamoto und Comme des Garçons - fokussieren nicht auf Outfits. Sie schaffen vielmehr poetischeVisionen, suggestive Traumgesichte, die selbst kompromisslos radikale Kreationen wie jene von Rei Kawakubo mit einer Aura von Verführung und Fragilität umgeben. In diesen Aufnahmen verschwimmen Konturen, vervielfachen sich Schatten, verblühen oder verglühen Farben, reizt die Linse gleich Vermeers Pinsel das Spiel zwischen fokussiertem Vorder- und flauem Hintergrund aus."
Sophie Jung wirft für die taz einen Blick auf die Finalisten des Designpreises, den das Kofferunternehmen Rimowa ausgelobt hat und "kriegt den Eindruck, die Zukunft, für die sie entwerfen, befindet sich in einer steten Krise. Schutz, Panzer, Therapie sind häufige Motive dieser Designs".
Gerhard Matzig hat in der SZ seinen Spaß damit, dass die mexikanische Modefirma 101% für einen neuen Anzug im Camouflage-Look Ludwig Mies van der Rohes New Yorker Seagram-Gebäude zitiert: "Ausgerechnet der minimalistische Modernist Mies, einer der Überwinder des maximalen Fassaden-Historismus im Stile Sempers, wird zum Stichwortgeber nicht der enthüllenden Moderne, sondern der verhüllenden Mode. Das ist eine lässige Pointe der Baugeschichte. Was sagen eigentlich die hundertundeinprozentigen Designer zu einer Baugeschichte, die sich als Modegeschichte erweist? Erstens finden sie Mies und das Seagram Building offenbar einfach cool. Da kann man nicht widersprechen. Zweitens schreiben sie, dass das legendäre Mies-Zitat 'Less is more' quasi auch 'die Philosophie' ihres nachhaltig gemeinten Modelabels beschreibe. Das ist auf charmante Weise ahnungslos, man kann den Guten dennoch kaum böse sein."
Außerdem: Die Luxusmarke Hermès darf sich die Käufer ihrer Birkin-Taschen nun nicht mehr selber nach Antragsstellung und Gutdünken aussuchen, berichtet Silke Wichert in der NZZ: Diese Methode, Exklusivität herzustellen, sei nun auch juristisch als "wettbewerbswidrig" festgestellt.
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