RobertoCavalli ist tot. Er war der Modedesigner, der "Glamour und Exzess zelebrierte, indem er seine Models und Schauspielerinnen mit Leopardenmustern, in mit Juwelen geschmückten Jeans, in Satin-Korsette und anderen völlig unbekümmerten protzigen Kleidern auf den Laufsteg, bzw. den Roten Teppich schickte", schreibt Steven Kurutz in der New York Times. Seine "Aufmerksamkeit suchenden, viel Haut zeigenden Kleider waren nichts für Introvertierte. Auch war seine Marke nicht intellektuell. Stattdessen spielte Cavalli mit dem spaßigen, flamboyanten, hedonistischen Aspekt von Mode. ... Stets sonnengebräunt und immer eine Zigarre im Mund, verfolgte Cavalli einen Lebensstil, der so Rock'n'Roll war wie seine Kleider. Er flog seinen eigenen, schillernd violetten Helikopter und bereiste das Mittelmeer mit seiner ebenfalls violetten Yacht." Für Vogueführt Laird Borrelli-Persson durch Cavallis Schaffensphasen.
Golgotha Chair by Gaetano Pesce, 1972
Gestorben ist auch der große Gaetano Pesce. Künstler wäre eigentlich eine bessere Beschreibung für ihn als Möbeldesigner, meint Peter-Philipp Schmitt in der FAZ. Als der Unternehmer Cesare Cassina "1971 eine Marke für Experimentaldesign gründete, Braccio di Ferro, übernahm Pesce die Leitung. Mit ihr entwickelte er die StuhlserieGolgotha, eine Anspielung auf den Ort, wo Jesus angeblich gekreuzigt wurde. Das allein war schon gewagt. Inspiration war darüber hinaus das Grabtuch Christi. Pesce legte sein Tuch aus Glasfasergewebe, Polyesterfasern und Epoxidharz über einen Würfel und hängte die Lehne an zwei Haken auf. Bevor das Ganze aushärtete, gab eine Person mit ihrem individuellen Körperabdruck dann dem Sitz seine Form. Pesce lehnte die gleichmacherische Globalisierung ab, die eigentlich Grundlage serieller Produktion ist. Sein Ziel waren Serien aus Unikaten. Und dafür eignete sich besonders Kunstharz, das bei seinen Vasen, Stühlen oder Spiegeln, jeweils ein wenig anders, in Formen floss."
In der SZ schreibt Gerhard Matzig zum Tod des Auto-Designers PaoloPininfarina, dessen "Firma einige der schönsten Autos der Welt gestaltet" hat. Dazu zählt etwa der heute sündhaft teure Ferrari 500 Mondial aus den Fünfzigern, "ein Kunstwerk. Wenn der Satz der Futuristen, wonach ein Rennwagen schöner sei als eine antike Skulptur, je gültig war: dann im Angesicht eines Autos, das kein Auto, sondern ein Gottesdienst ist." Im Gegensatz zum heutigen, allgemein gängigen Autodesign, das "zum Teil zur Groteske verkommen" ist. "Die Gestaltungsabteilungen etlicher Autofirmen standen früher mit an der Spitze der Unternehmen - heute haben sie oft etwas von untergeordneten Befehlsempfängern. Und dann wundert man sich, warum die Leute die Autos, die man nur mit einer Papiertüte über dem Kopf fahren möchte, nicht mehr lieben. Paolo Pininfarina war einer der großenLiebenden."
Besprochen wird FrancescaCartierBrickells Buch "Die Cartiers. Eine Familie und ihr Imperium" (online nachgereicht von der FAZ).
Das Palais Galliera in Paris zeigt Fotografien von PaoloRoversi, darunter dessen zahlreiche Modefotografien für namhafte Häuser - wobei Roversis ästhetisch avancierte Arbeiten auf ihren Eigensinn pochen: "Die Technik ist hier bloß Mittel zum Zweck", schreibt Marc Zitzmann in der FAZ, und "dieser lautet: Verfremdung, Verwandlung, Verzauberung. Roversis Modefotografien - für Häuser wie Alaïa, Armani, Jean Paul Gaultier, Yves Saint Laurent, vor allem jedoch Romeo Gigli, Yohji Yamamoto und Comme des Garçons - fokussieren nicht auf Outfits. Sie schaffen vielmehr poetischeVisionen, suggestive Traumgesichte, die selbst kompromisslos radikale Kreationen wie jene von Rei Kawakubo mit einer Aura von Verführung und Fragilität umgeben. In diesen Aufnahmen verschwimmen Konturen, vervielfachen sich Schatten, verblühen oder verglühen Farben, reizt die Linse gleich Vermeers Pinsel das Spiel zwischen fokussiertem Vorder- und flauem Hintergrund aus."
Sophie Jung wirft für die taz einen Blick auf die Finalisten des Designpreises, den das Kofferunternehmen Rimowa ausgelobt hat und "kriegt den Eindruck, die Zukunft, für die sie entwerfen, befindet sich in einer steten Krise. Schutz, Panzer, Therapie sind häufige Motive dieser Designs".
Gerhard Matzig hat in der SZ seinen Spaß damit, dass die mexikanische Modefirma 101% für einen neuen Anzug im Camouflage-Look Ludwig Mies van der Rohes New Yorker Seagram-Gebäude zitiert: "Ausgerechnet der minimalistische Modernist Mies, einer der Überwinder des maximalen Fassaden-Historismus im Stile Sempers, wird zum Stichwortgeber nicht der enthüllenden Moderne, sondern der verhüllenden Mode. Das ist eine lässige Pointe der Baugeschichte. Was sagen eigentlich die hundertundeinprozentigen Designer zu einer Baugeschichte, die sich als Modegeschichte erweist? Erstens finden sie Mies und das Seagram Building offenbar einfach cool. Da kann man nicht widersprechen. Zweitens schreiben sie, dass das legendäre Mies-Zitat 'Less is more' quasi auch 'die Philosophie' ihres nachhaltig gemeinten Modelabels beschreibe. Das ist auf charmante Weise ahnungslos, man kann den Guten dennoch kaum böse sein."
Außerdem: Die Luxusmarke Hermès darf sich die Käufer ihrer Birkin-Taschen nun nicht mehr selber nach Antragsstellung und Gutdünken aussuchen, berichtet Silke Wichert in der NZZ: Diese Methode, Exklusivität herzustellen, sei nun auch juristisch als "wettbewerbswidrig" festgestellt.
Ein Leben im Weltall ohne italienisches Design ist möglich, aber sinnlos, lautet Lisa Berins' Fazit in der FR nach dem Besuch des "Italian Design Days" im Frankfurter Kunstverein, wo AnnalisaDominoni und BenedettoQuaquaro vom Polytechnikum aus Mailand ihre Konzepte für ein angenehmes Leben in Outer Space vorstellten: Dazu gehören etwa "eine runde Tonne mit Rundum-Fensterblick, innen drin ein mit schallabsorbierendem Material ausgestatteter Raum zum Entspannen, man kann in einer modularen Chaiselongue sitzen und lesen oder das Spektakel draußen beobachten." Oder "ein Fitnessstudio und Wellnessbereiche in der Schwerelosigkeit für Astronaut:innen, ein Jacuzzi mit verschiedenen Zuständen von Wasser in einem Spacehotel von Virgin Galactic für Weltalltouristinnen und -touristen." Aber auch "aufblasbare Modell-Häuschen für den Mars, Möglichkeiten, Pflanzen im Weltall zu kultivieren. Oder auch futuristisch aussehende Prothesen und multifunktionale Erweiterungen für den menschlichen Körper, die den Alltag im All erleichtern sollen."
Tanja Rest verflucht in der SZ den Zeitgeist, der "einem in kaum 24 Stunden erst den Abschied von Christian Streich beim SC Freiburg und dann den Abschied von DriesVanNoten bei seinem eigenen Modelabel mal eben so nonchalant vor die Füße kotzt." Was für ein Verlust für die Modewelt: "Bei jeder Paris Fashion Week der letzten 20 Jahre gab es immer exakt eine Show, auf deren Essenz sich alle einigen konnten. Und es war seine." Und er war ein Eigenbrötler: "Zeigte keine Zwischenkollektionen. Eröffnete nur wenige Shops. Setzte nicht auf Accessoires und schaltete nullkommanull Werbung. Sein Fokus lag auf dem Laufsteg, und wenn man als Frau (oder als Mann) seine Bomberjacken mit Blumenprints aus dem eigenen Garten, seine messerscharf geschnittenen Nadelstreifenstreifenanzüge, die mit Pailletten und Stickereien über und über verzierten Tops nicht haben wollte, dann hatte man als Frau (oder als Mann), etwas ganz unbedingt nicht begriffen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im FAZ-Gespräch mit Catrin Lorch erinnert Judith Raum an die Weberin OttiBerger, die am Bauhaus Funktionsstoffe für architektonische Projekte erarbeitete und nahezu in Vergessenheit geraten ist. Für das Bauhaus-Archiv in Berlin hat sie gemeinsam mit der Fotografin Uta Neumann und der Handweberin Katja Stelz eine Berger-Installation eingerichtet, dazu begleitend ist ein Buch erschienen. Die Forschung dafür bestand buchstäblich aus Fitzelarbeit: "Katja Stelz hat den Fadenzähler angelegt und die Bindung beschrieben, manchmal mit Nadeln die Fäden vorsichtig auseinandergeschoben. Wir haben die Stoffe gegen das Licht gehalten und versucht zu verstehen, wofür die Entwürfe gedacht waren. ... Manche, sie sind als Wandbespannung entwickelt, sind glatt und kühl, ihre Ränder piksen und stechen. Andere, etwa für Möbelstoffe, sind geschmeidig und geben nach. Andere glänzen und wollen in Falten gelegt werden."
Michael Marti trauert im Tagesanzeiger um das einmalige Lebensgefühl, das einem Autofahren oben ohne einst versprach: "Mit den Cabrios droht eine kulturhistorische Ikone von der Verkehrsbühne zu verschwinden." Dabei war "Cabrio-Fahren ein einigermaßen demokratischer Spaß." Und "Distinktionsgewinn ist ebenso den Lenkerinnen und Lenkern garantiert, ob sie mit wehendem Haar oder mit Lederkappe am Steuer sitzen. Cabrio-Fahrerinnen und -Fahrer sind wind- und wetterfest. Sie fahren nicht bloß, um anzukommen - sie genießen es, unterwegs zu sein. Cabrio-Fahrerinnen und -Fahrer sind egozentrisch, in ihrem Innersten wohl ziemlich exhibitionistisch. In unbekümmerter Schamlosigkeit zeigen sie sich selbst und das Interieur ihres Wagens, während sich die Masse der Autolenkerinnen und Autolenker in der finsteren Anonymität getönter Scheiben verbirgt."
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