Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.12.2024 - Bühne

"Der Prozess" am Theater an der Wien. Anne-Fleur Werner, Valentino Blasina. © Herwig Prammer

Gottfried von Einems Opernadaption des "Prozess" kitzelt aus Kafka den Humoristen heraus, freut sich Holger Noltze in van. Zumindest in Stefan Herheims gelungener Inszenierung am Theater an der Wien. Unter anderem tragen bei Herheim sowohl Josef K. als auch die Musiker von-Einem-Perücken. Den Komponisten wiederum sehen wir "vorzugsweise im Schlafanzug. Auch das macht Sinn, denn die Regie legt mit großer Lust die Macht des Sexuellen als Triebfeder frei. Steht alles im Text. Dieser Josef K. ist ja mehrfach Objekt der Begierde mehrerer Frauen (von Anne-Fleur Werner allesamt mit Hingabe verkörpert); er vermag dennoch (sexuell wie vor Gericht) nicht recht 'durchzudringen' und gerät in ominöse Kopulationskonkurrenzen mit durchaus weniger komplizierten Kerlen."

Außerdem: Margarete Affenzeller berichtet im Standard von digitalen Experimenten am Wiener Burgtheater, wo Roman Senkl das Lisa-Wentz-Stück "Das Haus" für einen Streamingkanal inszenieren wird.

Besprochen werden die Gogol-Inszenierung "Revisor" am Wiener Akademietheater (FAZ; "Aber wozu das alles?"), die Theaterperformance "Die Schatten neben dem Sonnenschirm" in der Synagoge in Chania (taz) und die Kinderoper "Sagt der Walfisch zum Thunfisch" an der Staatsoper Wien (van; "der kindgerecht gedachte Text bleibt selbst für geübte Opern-Ohren über weite Strecken unverständlich").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.12.2024 - Bühne

Szene aus "Tiefer Graben 8" am Theater Basel. Foto: Walter Mair.

Zu alter Größe findet Christoph Marthaler mit seiner Inszenierung von "Tiefer Graben 8" am Theater Basel, jubelt Jan Brachmann in der FAZ. "'Tiefer Graben 8' war zwischen 1815 und 1817 Beethovens Adresse in Wien", erklärt der Rezensent - eine von vielen, denn Beethoven soll allein in seinen Wiener Jahren etwa 66 Mal die Wohnung gewechselt haben. Aus seiner Musik und Texten von Heimito von Doderer, hat Marthaler "einen tiefkomischen, sautraurigen Reigen innerweltlicher Sinnlosigkeit" kreiert, der dem Kritiker ein "Lachen des Wahns" entlockt: "All die alten halb vertrottelten, dysfunktionalen Typen, die Marthaler hier wieder theatralisch unter Artenschutz stellt, sind von der digitalen Boheme unberührte Dinosaurier der analogen Welt, geformt durch Echtmenschenbegegnungen und Echtmenschenentbehrungen. So eine rechtschaffen zermürbte Figur im Schürzenkleid mit Streublümchenmuster wie Nikola Weisse als Frau Ida ist doch heutzutage von der Latte-macchiato-Bourgeoisie aus der urbanen Welt längst weggehübscht worden. Hier schlurft sie in flachen, senkellosen Schuhen durch die Flure, steckt sich eine Zigarette an und singt Beethovens Lied 'Ich liebe dich', das plötzlich als Verschüttgut aus einem Leben auftaucht, zu dem die Welt nicht gut war."

Kein "neues Stück Musiktheater über Beethoven", sieht SZ-Kritiker Egbert Tholl hier, dem der Abend ebenfalls gefällt, "sondern etwas Größeres, Freieres". "Die Menschen hier drin suchen nach Begegnungen, verharren aber meist in semidepressiver Einsamkeit, die Unbehaustheit ist ins Gemüt hineingekrochen. Nur nicht bei Kerstin Avamo, schon gar nicht, wenn sie singt, auch mal ein schwedisches Lied. Abhilfe schafft außerdem der Chor, gekleidet vage wie zu der Beethovenzeit, auch mal frisch als Polonaise herumstolpernd oder Unsinn machend."

Dem Gefängnistheater AufBruch werden circa siebzig Prozent der Finanzierung gestrichen, berichtet Sabine Seifert in der taz. Die Regisseure Sybille Arndt und Peter Atanassow sind geschockt: "Erst 2018 hatte aufBruch, das seit mehr als 20 Jahren mit Gefangenen Stücke erarbeitet, einen festen Haushaltstitel im Etat der Senatsjustizverwaltung der damals rot-rot-grünen Landesregierung bekommen. Seit April 2023 führt Felor Badenberg (CDU) das Justizressort - und scheint andere Schwerpunkte setzen zu wollen. In einem Bericht ihrer Verwaltung an den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses vom 6. Dezember heißt es, es gehe um 'eine deutliche Schwerpunktsetzung zugunsten des Opferschutzes'. Die Resozialisierung sei 'Aufgabe des Justizvollzugs und der Sozialen Dienste der Justiz'." Eine Produktion pro Jahr solle aber noch möglich sein, hieß es weiter: "Wie soll das gehen?, fragen Atanassow und Arndt. 'Vielleicht reicht der Justiz ein Projekt im Jahr', sagt Regisseur Atanassow: 'Aber die gesellschaftliche Wirksamkeit ginge verloren.'"

Besprochen werden Kamilé Gudmonaités Adaption von Kafkas "Die Verwandlung" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Joanna Lewickas Adaption von Robert Menasses Text "Das Paradies der Ungeliebten" am Landestheater Schleswig Holstein (nachtkritik) und Yael Ronens Inszenierung ihres Stücks "Replay" an der Schaubühne Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.12.2024 - Bühne

Szene aus "Replay" an der Schaubühne Berlin. Foto: Ivan Kravtsov.

Nachtkritiker Janis El-Bira tut sich etwas schwer mit Yael Ronens neuem Stück "Replay" an der Berliner Schaubühne. Einerseits profitiert auch diese Geschichte über eine Familie in der DDR, die durch die Republikflucht der Mutter ins Unglück gestürzt wird, von Ronens "unnachahmlich präzisen Screwball-Verfinsterungen aus knappen Szenen und kaustischen Dialogen. Kaum eine andere Dramatikerin heute kann die wörtliche Rede so auf Kante nähen, Sätze so panzerbrechend anspitzen." Das tolle Ensemble tröstet den Kritiker außerdem ein wenig darüber hinweg, dass das Stück "von einer so hochglanzpolierten Oberflächlichkeit ist, dass es passend gewesen wäre, der längst durchgelutschte Begriff des Netflix-Theaters wäre erst für ihn erfunden worden. Die These von der ewigen Wiederkehr der Geschichte(n) zwingt Ronens Inszenierung mitsamt Projektionen von Kreisen, Spiralen und anderem Symbolgedöns in Magda Willis schöner Rauminstallation derart besessen auf die gerade Bahn, dass man sie fast schon wieder glauben möchte."

Auch Christine Wahl ist im Tagesspiegel nicht ganz überzeugt. Die Idee des großen "Geschichts-Tableaus", das Ronen hier anhand einer Familiengeschichte zeichnen wollte, geht nicht ganz auf: "Lässige Pointen und die Begabung zur Selbstironie gehören auch in 'Replay' zum guten Ton. Aber im Gegensatz zu den treffsicher böshumorigen und gerade deshalb in letzter Instanz so philanthropischen Schlagabtäuschen, die man von Ronens früherem Stückpersonal kennt, scheint der 'Replay'-Cast von einem vergleichsweise feierlichen Willen zur großen neuen Erzählung ergriffen - für die Personal wie Phänomene allerdings viel zu grobkörnig an der Oberfläche bleiben." "Handwerklich mehr als gekonnt" findet Peter Laudenbach in der SZ die Aufführung, beklagt aber dennoch "etwas simple Erklärungsmuster" und "Einfühlungstheater". Sophia Zessnik bespricht das Stück für die taz. In der Berliner Zeitung schreibt Ulrich Seidler.

In Nürnberg wird der umstrittene Bau des Theaterinterims im Torso der Nazi-Kongresshalle, der stolze 300 Millionen Euro kosten soll, entschlossen vorangetrieben, berichtet Matthias Alexander in der FAZ: "Gegner des Vorhabens hatten davor gewarnt, dass die Theaternutzung in dem vergleichsweise kleinen grünen Kubus dem Riesenbau der Architekten Franz und Ludwig Ruff die mahnende Wirkung auf die Nachgeborenen nehmen könne. Auch war zu hören, dass die Kunst wieder einmal für den Exorzismus des Ungeistes missbraucht werde. Genau dieses Argument lässt sich allerdings auch für die neue Nutzung verwenden, schließlich ist die Austreibung des Bösen in allen vergleichbaren Fällen gelungen. Die Beweggründe der politisch Verantwortlichen waren wohl vor allem pragmatischer Natur: Der Unterhalt der denkmalgeschützten Ruine verschlingt ohnehin Unsummen, Tendenz steigend, und Atelierräume werden dringend benötigt."

Außerdem: Michael Ernst blickt in der FAZ mit Sorge auf die Theater in Görlitz, Halle und Rudolstadt, die mit der Finanzierung wichtiger Sanierungsarbeiten zu kämpfen haben. Besprochen werden Nuran David Calis' Theaterprojekt "Leaks. Von Mölln bis Hanau" an den Frankfurter Kammerspielen (FR, nachtkritik), Iris Limbarths Inszenierung von Alan Menkens Musical "Der kleine Horrorladen" an der Komödie Frankfurt (FR), Marcelo Evelins Tanzstück "Uirapuru" im Frankfurter Mousonturm  (FR), Helgard Haugs Theaterprojekt "Ever Given" mit der Gruppe "Rimini Protokoll" am Volkstheater Wien (taz), das Stück "Die Tüten aus der Verwaltung" von der Musiktheatergruppe glanz&krawall am inklusiven Theater Thikwa in Berlin (taz), René Polleschs letztes Stück "Der Schnittchenkauf" an der Volksbühne Berlin (taz), Mateja Koležniks Inszenierung von Nikolai Gogols "Der Revisor" am Burgtheater Wien (nachtkritik), Michael Lemathes Inszenierung von Michel Marc Bourchards Stück "Die Nacht, als Laurier erwachte" am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), Luise Voigts Inszenierung von Björn SC Deigners Brecht-Fortschreibung "Die Gewehre der Frau Carrar/Würgendes Blei" am Residenztheater München (nachtkritik), Jossi Wielers Inszenierung von Sophokles' Stück "Die Frauen von Trachis (Trachinai)" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ), David Böschs Inszenierung von Alexander Zemlinskys Oper "Kreidekreis" an der Oper Düsseldorf (FAZ), Thomas Köcks Inszenierung von "Proteus 2481" an den Münchner Kammerspielen (SZ) und die von Edith Clever realisierte szenischen Lesung "Ein Strauß für Botho" am Renaissance-Theater in Berlin (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2024 - Bühne

Szene aus "Der Schnittchenkauf" an der Berliner Volksbühne. Foto: Apollonia T. Bitzan.

Mit schwerem Herzen nimmt SZ-Kritiker Peter Laudenbach mit dem Stück "Schnittchenkauf" noch einmal Abschied von René Pollesch und von seiner ganz eigenen Art, Theater zu machen. Da Pollesch das Nachspielen seiner Stücke verboten hat, wird es wohl das letzte Mal sein, dass man einen seiner Texte auf der Bühne sieht. Das Stück ist dann auch kein wirkliches Stück, sondern eine Art "Essay-Manifest", in dem Pollesch über das Theater und die Welt nachdenkt: "Franz Beil im Kunstfellkostüm einer Riesenratte macht sich einen Spaß daraus, Polleschs Gedanken-Pirouetten zu berlinern. Milan Peschel staunt mit vorgetäuschter Begriffsstutzigkeit, und Kathrin Angerer führt vor, was ein Diven-Auftritt sein kann: 'Was für eine Bruchbude! Was für ein Dreckloch!' Martin Wuttke geht einem endgültigen Text, einem Text, der alle anderen Texte abschaffen wird, auf den Grund: 'Endstation Meinung'. Danach sieht man zwar nicht unbedingt klarer, das aber auf das Beschwingteste."

"Am Ende ist das vielleicht die beste Metapher für das, was Pollesch uns zurücklässt", meint Simon Strauß in der FAZ, "Kleine Schnittchen der Theorie, über die herzhaft gelacht werden darf. Es ist ein Text voller Theorie-Pirouetten und Reflexionsreflexen, der von jener Pollesch-typischen Aseptik geprägt ist, die, statt Kritik herauszufordern, zu Koreferaten ermuntert. Entweder man hört weg oder man wird Teil dieses Volleyballturniers der Worte." Nachtkritiker Janis El-Bira bescheinigt diesem Abend einen "bis zur Albernheit reichenden Witz" und "flirrenden Rhythmus".

Ivana Sokola merkt diesem Abend trotz allem an, dass das Genie Pollesch dahinter fehlt, wie sie auf Zeit Online schreibt, dafür wird sie mitgenommen auf ein "zärtliches Wohin mit in eine seltsame Zukunft". Jakob Hayner bespricht das Stück für die Welt.

Außerdem: Außerdem: Im wochentaz-Interview unterhält sich die Theater- und Opernregisseurin Pınar Karabulut mit Sophia Zessnik über ihre Anfänge am Theater, Sexismus-Erfahrungen während ihrer Karriere und die Berliner Sparpläne. Besprochen werden Arnaud Bernards Inszenierung von Umberto Giordanos Oper "Fedora" am Grand Théatre Genève (FAZ), Thomas Köcks Inszenierung von "proteus 2481" nach Aischylos an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik), Helgard Haugs Inszenierung von "Ever Given. Eine Kipp-Punkt-Revue" am Volkstheater Wien (nachtkritik) und Kerem Hillels Inszenierung seines Stücks "Three Steps Orfeo" im TD Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2024 - Bühne

Ulrich Seidler fragt sich in der Berliner Zeitung, was aus der Volksbühne werden soll - bei den Kürzungen von Joe Chialo ist das Haus noch schlechter weggekommen als die übrigen großen Bühnen. Seit dem Tod von René Pollesch und der Absage der Interimsintendanz von Vegard Vinge und Ida Müller befindet sich die Volksbühne ohnehin in einer wackligen Situation, die Chialos Behörde nun möglicherweise ausnutzt, fürchtet Seidler, so "steht der Senat bei nicht nachlassendem Spardruck vor der Entscheidung, ein Theater zu retten, das unbequem und renitent ist, das die künstlerische Freiheit ausreizt und Risiken eingeht wie kein anderes Haus. Das wäre dann in dem kunstfeindlichen Klima, in dem die Spardebatte geführt wird, die Chance, den Laden loszuwerden. Mit der offenkundigen Benachteiligung des auch in seiner schwierigen Lage wichtigsten Hauses der Stadt ist ein finanzieller und ein symbolischer Axthieb gesetzt. Dann weinen alle, manche aber falsche Tränen."

"Die Liebe zu den drei Orangen." Foto: David Baltzer.



Weihnachtsstimmung
kommt auf in der Semperoper Dresden, wo FR-Kritikerin Judith von Sternburg sich in Sergej Prokofjews Oper "Die Liebe zu den drei Orangen", inszeniert von Evgeny Titov, davon überzeugen kann, dass es zutiefst menschlich und "werkzugewandt" ist, wenn eine Prinzessin aus einer Orange befreit und dann in eine Ratte verwandelt wird: "Wirklich ein Märchen für Erwachsene. Der Prinz, dem das Lachen vergangen ist und eine 'hypochondridiotische Verschleimung' zusetzt, befindet sich im Krankenbett, über ihm flirren MRT-Bilder. Der steil ansteigende Saal jedoch, in dem er liegt, ist mit seinen dunkelgrünen Kacheln schon sonderbar. In der Mitte ein von einem Neonlichtstreifen gefasstes bewegliches Podest. An ein Anatomietheater ließe sich denken, auch weil die Ärzteschar aussieht wie bei einem außerirdischen Medizinerkongress. Die Kostüme am Hof karikieren noble Garderoben individuell, der von Jonathan Becker einstudierte Chor trägt nicht nur abwechslungsreiche Puderperücken, sondern bewegt sich auch höchst abwechslungsreich."

Weiteres: Der Dramatiker Botho Strauß wird mit einer szenischen Lesung zu seinem 80. Geburtstag im Berliner Renaissancetheater geehrt, der skeptische Tagesspiegel und die begeisterte Welt sind zugegen. Die SZ erfährt bei der "International Dance Exposure", wie es um die israelische Tanzszene bestellt steht.

Besprochen werden: Das Musical "Nunsense" von Dan Goggin am English Theatre Frankfurt, inszeniert und choreografiert von Ewan Jones (FR), Manfred Erjautz' Techno-Oper "The closer I get, the more I drift afar" im Grazer Dom im Berg (Zeit), "Three Steps Orfeo" im TD Berlin unter der Regie von Kerem Hillel, komponiert von Meittam Govreen und "Die Tüten aus der Verwaltung" von der Gruppe glanz&krawall im Theater Thikwa (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2024 - Bühne

Szene aus "Die Insel der Perversen". Foto: Eike Walkenhorst


Jakob Hayner (Welt) hat nichts gegen politisches Theater, aber dessen Macher sollten sich nach Möglichkeit nicht nur bei Eingeweihten "plump" anbiedern, wie es derzeit Falk Richter mit Elfriede Jelineks "Endsieg" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und Rosa von Praunheim mit "Die Insel der Perversen" am Deutschen Theater in Berlin tun. Künstlerisch ist das neue Jelinek-Stück aber wenigstens ausgefeilter als die neue Praunheim-"Groteske, die der neuesten Hufeisentheorie des Extremismus folgt: Es regieren BSW und AfD. Wagenknecht und Weidel sind wie eine Person in zwei Kostümen, aber mit dem gleichen Text. Erst duellieren sie sich mit Pimmelwürsten, dann stecken sie Leute in Lager, dann wieder Peniswitze. Damit jeder versteht, wie böse sie sind, wird Weidel zur Wiedergängerin Hitlers und Wagenknecht zu der Stalins. Auch egal, dass der eine die KZs befreite, in denen der andere morden ließ. Das Dreamteam des Superbösen will aus irgendeinem Grund die Männer kastrieren. Vermutlich, damit sich Deutschland nicht mehr gegen ihren nicht kastrierten, bösen Kumpel Putin wehren kann, der oberkörperfrei auf einem Bären hereinreitet. So viel Kritik an der 'Putinknechtschaft' muss sein, selbst unter Linksliberalen ist ja Landesverrat die letzte politische Kampfvokabel."

Elfriede Jelinek widmet sich in Hamburg Trump (unser Resümee), Ariane Mnouchkine in Paris Putin (unser Resümee) und in der Zeit kann Peter Kümmel mit Mnouchkines "Ici sont les Dragons" über hundert Jahre russische Geschichte deutlich mehr anfangen, als mit Jelineks tagespolitischem "kalauerndem" Kommentar: "Wo Mnouchkine wiedererweckt, was einst geschah, um es zu verstehen, wo sie also immerzu Lebensfunken im abgelebten Material erspürt, da wittert Jelinek den Atem der Verwesung selbst in den Lebenden. Sie schenkt uns, anders als Mnouchkine, nicht das Vergnügen des Dabeigewesenseins, sondern das Grauen des Mitgehangenseins. Sie nimmt uns die Illusion, wir seien seelisch wertvolle Individuen: Es herrscht bei ihr, vor allem in diesem Stück, das große 'Wir', nämlich das dumpfe, suizidäre Mehrheitstrotteltum, das in uns allen west und sich für Jelinek derzeit am deutlichsten in der Wählerschaft Trumps zeigt."

Weitere Artikel: Zum 150-jährigen Jubiläum der Bayreuther Festspiele sollten alle zehn Musikdramen Wagners auf die Bühne gebracht werden, nun wurde das Programm auf die Hälfte zusammengestrichen. Im Zeit-Online-Interview erklärt Katharina Wagner: "Bislang haben wir die Kosten für die Tarifsteigerungen aus unserem Etat bestreiten können. Doch alles hat Grenzen, und diese Grenzen sind erreicht. Wir reden hier von mehreren Millionen Euro. Da die Gesellschafter die Übernahme dieses Betrages nicht zusagen konnten, mussten wir reagieren."

Besprochen wird außerdem Caroline Finns Tanzstück "The Room" im Tiroler Landestheater Innsbruck (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2024 - Bühne

Schauspielhaus Hamburg: Endsieg. © Thomas Aurin

Als einen Schnellschuss, der eher die eigene Ratlosigkeit in Szene setzt, als Donald Trump zu analysieren, beschreibt Irene Bazinger in der FAZ die Aufführung von Elfriede Jelineks "Endsieg" am Schauspielhaus Hamburg. Den zugrundeliegenden Text hatte Jelinek zwei Wochen nach der Wahl auf ihre Homepage gestellt, jetzt hat er es bereits auf die Bühne geschafft. Das Problem: Jelinek gelingen zwar viele schöne Trump-Wortspiele, aber ansonsten fabriziert sie nur sattsam bekannte Empörungsprosa, so Bazinger. Und: "Falk Richter fällt dazu auch nicht viel ein, weswegen sich in neunzig Minuten vorwiegend bizarre Schwachköpfe in religiösem Wahn auf der Bühne tummeln, die ihrem Idol auf den ideologischen Knien und mit blindem Gehorsam huldigen. Sie singen, predigen, tragen blonde Perücken oder beleben beliebte Klischees: Männer hacken Holz, grillen und trinken Bier, Frauen sticken, bis die Finger blutig sind. Dazwischen belustigt man sich über den Tanzstil des fast achtzigjährigen Trump und ermuntert die Leute im Saal, ihn zu imitieren. Später wird Trump als König beim Golf gezeigt oder wie er seine Konkurrentin Kamala Harris und andere 'Cat Ladies' durch den O-Ton-Kakao zerrt."

Joe Chialo unternimmt den Versuch, seine zuletzt viel kritisierte Politik zu erklären. An der Berliner Schaubühne war der Berliner Kultursenator im Format "Streitraum" zu Gast. Jakob Hayner hat die Veranstaltung für die Welt besucht. Die Gräben, beschreibt er, sind tief: "Chialo muss sich an diesem Nachmittag einiges anhören. Und er tut es, sowohl bei der Demonstration als auch bei der Diskussion. Er bleibt seiner Rolle treu, als freundlicher Kommunikator unfreundlicher Sachzwänge, wie es seit Merkel zum guten Politikerton gehört. 'Solche Kürzungen hat es in Berlin noch nie gegeben', sagt Chialo, der sich als 'Freund der Konfrontation mit der Realität' bezeichnet, auch wenn das zu 'Härten, Spuren und Schmerzen' führt. Der Team-Reality-Ton hat etwas von einem strengen Vater, der den Nachwuchs auf die unausweichlichen Grausamkeiten des Lebens vorbereitet. Nicht von ungefähr wirft ihm eine Schauspielerin Paternalismus vor."

Außerdem: Nicht Chialo, sondern Justizsenatorin Felor Badenberg gefährdet, wie ebenfalls Jakob Hayner in der Welt durchgibt, ein außergewöhnliches, von der Kritik regelmäßig gefeiertes Theaterprojekt, nämlich das Gefängnistheater AufBruch in den Haftanstalten Tegel, Moabit und Plötzensee. Claudia Reinhard berichtet im Tagesspiegel über den aktuellen Stand der Kürzungspläne an Berliner Bühnen - zumindest am HAU und an der Schaubühne könnte das worst case scenario erst einmal abgewendet sein. In der Berliner Zeitung sprechen Susanne Lenz und Ulrich Seidler mit Chialo, der allerdings nicht viel mehr macht, als noch einmal die Sachzwänge zu schildern. Abseits von Berlin blickt Manuel Brug für die Welt auf die ersten Schritte Demis Volpis als Leiter des Hamburg Ballets. 

Besprochen werden "Medea. Stimmen" am Theater Lübeck (taz Nord, "Etwas für Freunde des Mitdenkens") und Kija Saariahos "Innocence" im Gelsenkirchener Musiktheater (van, "Elisabeth Stöpplers Inszenierung ist ein großer Glücksfall, weil sie in ihrer präzisen Hibbeligkeit dem Charakter der Musik entspricht").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2024 - Bühne

Szene aus "Liliom". Foto: Tommy Hetzel

Terézia Mora hat Ferenc Molnárs Stück "Liliom" über das "kleinkriminellen Milieu des Wiener Wurstelpraters" frisch übersetzt, Philipp Stölzl hat das Stück des Ungarn nun auf die Bühne des Wiener Burgtheaters gebracht - und den gewalttätigen Liliom, der seine Frau schlägt, überraschenderweise als Frau besetzt, staunt Wolfgang Kralicek in der SZ: "Stefanie Reinsperger, die mit dieser Rolle ins Burgtheaterensemble zurückkehrt, ist nicht als Mann verkleidet. Aber solche äußerlichen Hilfsmittel braucht sie gar nicht, sie ist auch so ganz offensichtlich ein Macker, Kraftlackel, Riesenbaby. Alle Zweifel an der Besetzung sind im Nu verflogen, verwandeln sich in Staunen: Dass Liliom von einer Frau gespielt wird, befreit die Figur automatisch von allen Macho-Stereotypen; dieser Liliom ist ein weicher, naiver, auch lächerlicher Mann. Es fehlt ihm zwar an Gefährlichkeit - den Schläger traut man Reinsperger nicht wirklich zu -, dafür wird die Geschichte, die ohnedies märchenhafte Züge hat, auf eine andere Ebene gehoben. Trotz Neuübersetzung und auch ohne Prater-Flair ist es eine sehr wienerische Inszenierung geworden."

Szene aus "Ici sont les Dragons". Foto: Lucile Cocito

Eine ganze Menge hat sich Ariane Mnouchkine mit ihrem neusten Stück "Ici sont les Dragons" am Pariser Théâtre du Soleil da vorgenommen, seufzt Marc Zitzmann in der FAZ: Das Stück bildet den Auftakt zu einer Serie über russische Geschichte, Mnouchkine beginnt mit den Jahren 1917/1918, lässt Putin als Drachen vom Himmel schweben, Hexen, Hitler und Goebbels auftreten - und bleibt trotz einiger starker Bilder doch zu sehr Aktivistin, so Zitzmann: "Was herauskommt, ist ein hölzern-statischer historischer Abriss, den man am ehesten als eine lose Kette dramatisierter Buchberichte beschreiben kann. Wobei 'dramatisiert' hier lediglich die Aufbereitung für die Theaterbühne meint, nicht den Spannungsgehalt, das Konfliktpotential, die szenische Zündkraft - diese fehlen der Produktion durchweg. Ihre extensiven Lektüren zum Thema 'russische Revolution' haben die Mitglieder des Théâtre du Soleil in Form glatt polierter Improvisationen verarbeitet, die mehrheitlich monologischer Natur sind."

Weitere Artikel: In der FAZ schreibt Andreas Rossmann zum Tod des im Alter von 85 Jahren verstorbenen Regisseurs Jürgen Bosse.

Besprochen werden Leo Muscatos Inszenierung der Verdi-Oper "Die Macht des Schicksals" an der Mailänder Scala (Welt), Sebastian Hartmanns Inszenierung von Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Staatsschauspiel Dresden (Welt), der Abend "Slow Burn" mit Choreografien von Aszure Barton und William Forsythe in der Hamburgischen Staatsoper (FR),  Noé Souliers Choreographie "Close Up" als Gastspiel am Theater Freiburg (FAZ) und Adele Thomas' Inszenierung der Verdi-Oper "Un ballo in maschera" am Opernhaus Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2024 - Bühne

Szene aus "Die Macht des Schicksals" an der Mailänder Scala. Foto: Davide Massimiliano .

Vereinzelte Buhrufe gab es auch diesmal - das konnte Anna Netrebko aber nicht davon abhalten, in Leo Muscatos Inszenierung der Verdi-Oper "Die Macht des Schicksals" an der Mailänder Scala zu brillieren, wie Kirsten Liese im Tagesspiegel berichtet. Immer noch kritisiert wegen ihrer ursprünglich unklaren Haltung zum Ukrainekrieg, ist Netrebko das Highlight des Abends. Sie "bewegt sich zu den Szenen und Arien, in denen sich Leonoras erschüttertes Seelenleben ausdrückt, natürlich mit einfachen Gesten. Anfänglich im Streit mit ihrem Vater noch ein wenig unsicher in der Intonation, avanciert sie zunehmend mit ihrer dunklen, großen Stimme zum Glanzlicht. Besonders im Lyrischen berührt sie mit großer Zärtlichkeit, sei es in ihrem flehentlichen Gebet zur Jungfrau Maria oder in ihrer finalen Arie 'Pace, pace mio Dio', einem Aufruf zum Frieden, durchsetzt von kristallin-schönen Spitzentönen."

Auch FAZ-Kritiker Jan Brachmann ist von Netrebko begeistert, aber auch vom Dirigenten Riccardo Chailly: "Dieses Mal stürzt er sich fast atemlos in den musikalischen Mahlstrom des Schicksals, treibt die Streicher zur Weißglut, hält das Orchester, auch den von Alberto Malazzi ausgezeichnet vorbereiteten Chor, in der Raserei mit Mühe, aber erfolgreich in der Kurve und sorgt im leise verglimmenden As-Dur-Schluss für eine Spannung, die keinen Lärm mehr braucht." SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck merkt an, wie "grandios" Netrebko und Chailly "die Tiefenstrukturen der Oper ausleuchten", sonst ist ihm die Inzenierung aber ein bisschen zu oberflächlich geraten.

Besprochen werden Jan Neumanns Inszenierung von Goethes "Faust" am Nationaltheater Weimar (nachtkritik), Emre Akals Adaption von George Orwells Roman "Animal Farm" am Schauspiel Hannover (nachtkritik), Leila Hekmats musikalische Komödie "Gloriette" im HAU Hebbel am Ufer Berlin (Tsp, taz), Philipp Stölzls Inszenierung von Ferenc Molnárs Stück "Liliom" am Burgtheater Wien (FAZ), Christian Frankes Inszenierung von "Fragment Felix" über den Antifaschisten und Kriegstagebuchschreiber Felix Hartlaub am Nationaltheater in Mannheim (taz), Lorenz Noltings Inszenierung von Kleists "Michael Kohlhaas" am Theater Osnabrück (taz), Moritz Sostmanns Inszenierung von "Herzfaden" nach Thomas Hettches Roman am Staatstheater Wiesbaden (FR), Falk Richters Inszenierung von Elfriede Jelineks Text "Endsieg" am Hamburger Schauspielhaus (SZ) und Herbert Wernickes Inszenierung von Hans Pfitzners Oper "Palestrina" an der Wiener Staatsoper (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2024 - Bühne

Katja Kollmann macht für die taz eine Stichprobe in der Deutschen Oper und stellt fest, dass Zuschauer aus allen sozialen Schichten dort sitzen, auch Kassiererinnen, die laut Berlins regierendem Bürgermeister Wegner angeblich nicht in die Oper gehen: Nicht anwesend waren allerdings Versicherungskaufmänner, Unternehmensberater und Berufspolitiker. Auch die Bayreuther Festspiele müssen sparen, so dass es weniger Aufführungen zum 150-jähriges Jubiläum geben wird als geplant, berichtet Jan Brachmann in der FAZ und zitiert die Begründung der Festspiele: "Insbesondere die Tarifabschlüsse für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst (TV-L) sind von den Bayreuther Festspielen für das festangestellte und saisonal beschäftigte Personal entsprechend anzuwenden. Aufgrund des sehr hohen Personalkostenanteils am Gesamtetat wird es den Bayreuther Festspielen perspektivisch nicht gelingen, die hierfür benötigten zusätzlichen Finanzmittel aus eigener Kraft zu erwirtschaften". Die NZZ druckt eine Rede Ulrich Khuons, der der Gottfried-Keller-Gesellschaft erklärte, warum Keller nicht fürs Theater taugt.

Besprochen werden Christina Tscharyiskis Inszenierung von Ferenc Molnárs "Liliom" am Berliner Ensemble (nachtkritik, Tsp) und Jan Bosses Inszenierung von Jean-Paul Sartres "Die schmutzigen Hände" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ).