Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.04.2025 - Bühne

Szene aus "Das Bildnis des Dorian Gray" am Music Box Theatre in New York. Foto: Marc Brenner.

So "außergewöhnlich" findet SZ-Kritiker Boris Herrmann eine Performance von Sarah Snook am Music Box Theatre in New York, dass er sogar mal kurz die politische Krise vergisst, in der die USA stecken. Der Succession-Star übernimmt in Kip Williams Adaption von Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" nämlich alle fünfundzwanzig Rollen: "Mitunter sind bis zu sieben Snooks in sieben verschiedenen Rollen auf einmal auf der Bühne; diejenige aus Fleisch und Blut interagiert dann mit ihren digitalen Versionen, die auf Leinwänden und Bildschirmen durch die Szenerie schweben." Dabei seien "es aber eher die kleinen Momente, die wenigen ruhigen und intimen Szenen, die Nahaufnahmen, in denen diese Kunst ihre volle Kraft entfaltet. Wohl selten hat eine brennende Zigarette, an der nicht ein einziges Mal gezogen wird, einen solch bleibenden Eindruck hinterlassen. Je nachdem wie sie diese Zigarette in ihrer Hand hält, wechselt Snook in der atemraubenden Eröffnungssequenz ihre Identitäten."

Besprochen werden Jan Friedrichs Adaption von Kim de L'Horizons "Blutbuch" am Schauspiel Magdeburg (taz), Miriam Ibrahims Inszenierung von Penda Dioufs Stück "May Landschaften" über die Lyrikerin May Ayim am Theater Münster (nachtkritik), Manuela Infantes Inszenierung von "Was wir im Feuer verloren" am Theater Basel (nachtkritik), Stefan Schneiders Inszenierung von Alistair Beatons und Dietmar Jacobs' Komödie  "Kardinalfehler" an der Frankfurter Komödie (FR), Lola Arias Inszenierung des Stücks "Los días afuera" im Mousonturm Frankfurt (FR) und Jan Bonnys Inszenierung seines Stücks "Eisenfaust" nach Johann Wolfgang von Goethes "Götz von Berlichingen" am Schauspiel Köln (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2025 - Bühne

Kader Attou: Prélude. Foto: Julie Cherki


Kader Attous "Prélude" wird im Rahmen des Tanzmainz-Festivals aufgeführt, freut sich Sylvia Staude in der FR. Der "Pionier des künstlerischen Hip-Hop" erzählt darin von seinem Leben zwischen Boxen, Kunstschaffen und Camus-Lektüren: "Glücklicherweise wird der Tanz dabei nicht vernachlässigt. Kader Attou gibt sich gleich als Dirigent des Ganzen zu erkennen, gehorsam und rhythmisch springt das Ensemble zu Beethovens pa-pa-pa-paam von den Stühlen auf, auf denen es wartete. Doch wirken seine Armbewegungen, seine Interventionen auch selbstironisch. Er und das achtköpfige Ensemble (darunter zwei Frauen) scheinen auf Augenhöhe zu arbeiten und aufzutreten. (…) Sehr rhythmusbetont, fesch vorangaloppierend ist die Musik von Romain Dubois. Dabei Attous Choreografie - was die Modern-Dance-Elemente betrifft - eher schlicht, dafür ausgreifend. Aber im Tanz ist eine solche energiegesättigte Schlichtheit allemal wirksam. Führt sie doch gleichsam zurück zu den Wurzeln des künstlerischen Tanzes im Ritual."

Besprochen werden Leos Janaceks Oper "Die Ausflüge des Herrn Broucek" in der Inszenierung von Robert Carsen an der Staatsoper Berlin (FR) und Brigitta Muntendorfs Musiktheaterstück "Orbit" im Humboldt-Forum, das Peter Uehling in der Berliner Zeitung dann doch etwas zu "lau" mit dem Thema "Vergewaltigungen im Krieg" umgeht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.04.2025 - Bühne

Szene aus "Ein Sommer in Niendorf". Bild: Thomas Aurin

Bereits 2022 hatte sich Heinz Strunk mit seiner "Tod in Venedig"-Adaption "Ein Sommer in Niendorf" an Thomas Mann versucht, gemeinsam mit seinen Studio-Braun-Kollegen Rocko Schamoni und Jacques Palminger hat er das Buch jetzt mit Charly Hübner in der Hauptrolle auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses gebracht und Jens Jessen (Zeit) ist ganz hingerissen von diesem Mix aus Christoph Marthaler und Helge Schneider: Es "ist die Größe dieses Theaterabends, dass er eben nicht nur alles veralbert - zum Beispiel die lächerliche Ambition des Dr. Roth, der Schriftsteller werden will und sich in Albträumen schon vor einem Verriss durch die Gruppe 47 fürchtet (besonders lustig dabei: Heinz Strunk als Martin Walser). Die wirkliche Tragik des Stücks liegt vielmehr darin, dass Roth sich von dieser Ambition und allen anderen Ambitionen am Ende verabschiedet und tatsächlich nur noch säuft ..."

Das italienische Bildungsministerium hat eine neue Lehrer-Richtlinie herausgegeben, die einen "neuen Humanismus" propagiert. Auch das Theater soll als Hilfsmittel zur "Herzenserziehung", wie es heißt, dienen. Simon Strauß sieht in zwei Inszenierungen schon die "neonationale Reflexe auf Melonis Made-in-Italy-Vision", wie er in der FAZ schreibt. Zum Beispiel in Paolo Valerios Inszenierung von Goldonis "Sior Todero Brontolon" im Teatro della Pergola in Florenz: "Unabhängig von jeder offen politischen Parteinahme zeigt die Inszenierung sich stolz auf kulturelle Traditionen, indem sie das Typische des italienischen Gesten- und Mienenspiels ostentativ herausstellt. Unterstrichen wird dieser Stolz auf die eigene Darstellungsform made in Italy dadurch, dass nicht nur die Schauspieler ihre Hände exzessiv zur lautmalerischen Kommunikation einsetzen, sondern zusätzlich auch noch Puppen steuern, deren Hände ebenfalls nach dem Handbuch italienischer Gebärdensprache gestikulieren."

Besprochen werden Aureliusz Śmigiels und Valentí Rocamora i Toràs Neuinszenierung von Yael Ronens Stück "Bucket List" über den 7. Oktober am Deutschen Theater in Göttingen (taz), ein Stück über Karajan und Bernstein am Broadway (NZZ), die Bühnenfassung von George Clooneys Film "Good Night, and Good Luck" im New Yorker Garden Theatre, bei der Clooney nicht nur als Dramatiker und Regisseur fungierte, sondern auch als ernsthafter Schauspieler überzeugte, wie Dirk Peitz in der Zeit anerkennt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2025 - Bühne

Burgtheater - Herr Puntila und sein Knecht Matti.
Bruno Cathomas, Annamária Láng © Tommy Hetzel


"Brecht hätte es gefallen" - so resümiert Martin Lhotzky in der FAZ eine gelungene Aufführung des "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Wiener Burgtheater. Die von Antú Romero Nunes verantwortete Inszenierung überzeugt dank einer "teils atemberaubend" gestalteten Kulisse (Matthias Koch) sowie einer hervorragenden Besetzung: "Überzeugend besoffen kommt Bruno Cathomas als Puntila auf die Bühne, muss nicht einmal lallen, um den Unterschied zwischen mindestens drei Promille Blutalkohol und maximal einem Promille deutlich zu machen. Gruseliger wird er, wenn er den nüchternen Kapitalisten spielt. Da fährt er schon mal eine Art Gabelstapler zu wortwörtlich ungeahnter Höhe auf, er freilich immer ganz oben, um das 'gemeine Volk', das im angeheiterten Zustand nur aus Freunden, Kumpels und Brüdern besteht, eindrücklich zu erniedrigen." Marie-Luise Stockinger als Eva wiederum "trippelt wie eine Pantomimin mit ausufernd-schlenkernden Armen und Beinen durch die Szene".

Wenig an haben die Tänzerinnen und Tänzer des Stücks "Masterwork For Six Dancers" von Emese Cuhorka und Csaba Molnár, das Marcus Hladek für die FR beim Tanzmainz-Festival begutachtet hat: "Fast bis splitternackte Tänzerinnen und Tänzer - und gleich darauf womöglich geistliche Musik? Das hatte was." Insgesamt hat sich der Resezensent gut amüsiert mit diesem humorvollen Stück: "Allmählich variierten sich Bewegungsrepertoire und Bilder so, dass es einem postmodernen Marsch durch die Kulturgeschichte glich: altägyptischer Blick auf den Menschen als Pose hier, Anriss indischen Tempeltanzes dort, Kavallerieattacke zwischen Friedrich dem Großen und Wildwest in einem späteren Bild. Ein Hauch Asien oder Spanien kam im übergroßen Fächer zum Tragen, hinter dem sich ein Paar der intimen Nähe erfreute, an anderer Stelle dann diverse Stöcke, die ihrem Tänzer etwas Vogelscheuchenhaftes gaben oder andere zum Staksen brachten."

Außerdem: Der Tagesanzeiger berichtet von einer russischen Balletttruppe, die in Schweden unter falscher, nämlich ukrainischer, Flagge auftrat. Ein Aprilscherz der nachtkritik sorgt für Ärger, berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung; beim Berliner Ensemble kann man über die fingierte Nachricht, das Haus plane, seine Maskenabteilung abzuschaffen, nicht lachen. Ester Slevogt teilt uns in der nachtkritik mit, bei welchen Themen Kritiker mit murrenden Kommentatoren unter den Artikeln zu rechnen haben. Besprochen wird Beat Furrers Oper "Das große Feuer" am Opernhaus Zürich unter der Regie von Tatjana Gürbaca (van).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2025 - Bühne

Szene aus "L'invisible". Foto: Monika Rittershaus

Es sollte die letzte vollendete Oper des im vergangenen Jahr gestorbenen Komponisten Aribert Reimann bleiben, nun gab Regisseurin Daniela Löffler an der Oper Frankfurt mit "L'Invisible" über die Allgegenwärtigkeit des Todes ihr Musiktheaterdebüt und das gelingt prächtig, findet Wolfgang Fuhrmann in der FAZ: "In der wunderbar ernsten, kargen, phantastischen Inszenierung von Daniela Löffner … werden die Szenenübergänge, die Reimann fließend komponiert hat, zu Transformationen: Aus dem Bühnenhimmel senken sich mit Schilf und Gras bewachsene große Erdschollen herab, aus denen lange Wurzeln herabhängen; Fabian Wendling hat diese Symbolik von surrealer Präzision erfunden. Und der vielleicht großartigste Einfall Reimanns, in diesen Zwischenspielen drei Engel des Todes als Countertenöre auftreten zu lassen, wird in den beigen, blassen Erscheinungen von Iurii Iushkevich, Tobias Hechler und Dmitry Egorov, vereint in der makellos eisigen Schönheit unerbittlich strahlenden Gesangs, zum Ereignis." In der FR jubelt auch Judith von Sternburg: "Feinfühlig führt der Abend vor, dass wir unser Leben dicht entlang an einer Horrorgeschichte führen. Wir sollten trotzdem in die Natur hinauswandern und picknicken, unsere Lieben so gut beschützen, wie es geht, uns dem Tod entgegenstellen."

Szene aus "Hospital der Geister". Foto: Armin Smailovic

Fürs Deutsche Theater in Berlin hat Jan-Christoph Gockel seine bereits in Graz gezeigte Adaption von Lars von Triers Krankenhaus-Horrorserie "Hospital der Geister" ausgebaut und mit Stars wie Ulrich Matthes und Wolfram Koch besetzt, bleibt insgesamt aber werktreu, freut sich Michael Wolf in der taz: "Gockel und seine Dramaturgin Karla Mäder folgen mit ihrer Fassung den kulturhistorisch bewanderten Bezügen des Originals. Im gedanklichen Hintergrund des um keinen Gag verlegenen Bühnengeschehens leuchten all die Rückschritte des Fortschritts und Fortschritte des Rückschritts auf." Auch Nachtkritikerin Esther Slevogt ist zufrieden mit der Inszenierung: "Einen besseren Stoff kann man aktuell wahrscheinlich kaum finden, um von den Wucherungen des Wahns in unserer Zeit und den immer neuen Wendungen zu erzählen, die die wie irre geworden agierende Protagonist*innen uns Zeitgenossen zumuten", meint sie.

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung schreibt Ulrich Seidler den Nachruf auf den im Alter von 81 Jahren gestorbenen Theaterdichter Lothar Trolle. Besprochen wird das Tanzmainz-Festival am Staatstheater Mainz (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2025 - Bühne

Szene aus "Warten auf Godot" am Münchner Residenztheater. © Birgit Hupfeld

Ziemlich mitgenommen kommt Jürgen Kaube (FAZ) aus Claudia Bauers Beckett-Inszenierung von "Warten auf Godot" am Münchner Residenztheater. Bauer lässt Wladimir und Estragon als Clowns auftreten und Kaube muss erkennen: "Die Hölle ist eine Zirkus-Manege." Das hinterlässt ein mulmiges Gefühl beim Kritiker, vor allem wenn er Michael Goldberg als Pozzo und Lukas Rüppel als Lucky zusieht: "Goldberg gibt in Anzug und Baseball-Kappe mit großem P den vollständig von sich selbst erfüllten Chef, der Kommandos desto mehr genießt, je absurder sie sind. Zwischendurch setzt er sich eine groteske Perücke auf und singt - auch böse Menschen haben Lieder - zu bunter Beleuchtung schwülstige Verse. Als Lucky aufgefordert wird, zu tanzen und zu denken - 'Ungezwungen!' lautete einst die paradoxe Weisung Hanns Dieter Hüschs -, sprudeln aus ihm in wilder Folge obszöne Gesten und Redekatarakte hervor, bevor er wieder schielend einfriert. Die Wahrheit über die Herrschaft liegt im Tourette der Unterdrückten."

Einen "Balanceakt zwischen Abstrusität und Komik" wagt Bauer hier und es funktioniert hervorragend, schwärmt Nachtkritikerin Susanne Greiner. "All das ist manchmal urkomisch, meistens aber hochgradig verfremdend und forciert die Absurdität der Situation eines ewigen Wartens im Nichts auf etwas, das vielleicht nicht einmal existiert. Mit dem Zirkusspiel wollen sich Wladimir und Estragon ihres Daseins versichern - auch wenn es weder Zeit noch Raum gibt: 'Wir finden doch immer was, um uns einzureden, dass wir existieren, nicht wahr?', fragt Estragon. 'Ja, ja, wir sind Zirkuskünstler', antwortet Wladimir." Gar nicht begeistert ist Peter Laudenbach in der SZ, der hier außer "viertellustigem" Klamauk keinen Mehrwert erkennen kann.

Szene aus "Die gerissene Füchsin" am Landestheater Linz. Foto: Reinhard Winkler

Eine Kinderoper ist das hier jedenfalls nicht, stellt FAZ-Kritiker Peter Blaha bei Peter Konwitschnys Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Die gerissene Füchsin" am Landestheater Linz fest. Aus der Tier-Parabel wird hier ein ziemlich düsteres, aber beeindruckendes Stück über eine Welt voller Gewalt und Elend, in der die kleine Füchsin ums Überleben kämpfen muss: "Doch fehlt es keineswegs an Utopie. Die keimt vor allem in der Liebe der Füchsin zum Fuchs auf, und spätestens da erfährt die Entscheidung, sämtliche Hosenrollen des Stücks mit Männern zu besetzen, eine Rechtfertigung. Der geschmeidige Tenor von Seungjick Kim vereint sich nämlich aufs beste mit dem strahlenden Sopran von Carina Tybjerg Madsen. Den alten Männern des Stücks, die der Förster, der Schulmeister und der Pfarrer repräsentieren, tritt eine jugendliche männliche Kraft gegenüber, sodass auch ein Konflikt der Generationen mit anklingt."

Warum gibt es immer noch Theatermacher, die sich nicht trauen, Leoš Janáčeks Stücke auf die Bühne zu bringen, fragt derweil Manuel Brug in der Welt. Klar, diesen "Neutöner" des 20. Jahrhunderts zu spielen ist anspruchsvoll - aber es lohnt sich: "Keine Janáček-Aufführung, von der Zuhörer nicht gepackt und begeistert werden. Von Janáčeks ganz eigener Art der Menschen- wie Milieuschilderung. Leoš Janáček gibt Tieren und Untoten, mürrischen Kleinbürgern und monströsen Schwiegermüttern stimmige Vokalgesten. Er zeichnet plastisch Wälder und Wirtshäuser, er ist emphatisch, aber er wird nie sentimental."

Besprochen werden außerdem eine Adaption von Heinz Strunks Roman "Ein Sommer in Niendorf" durch das Studio Braun am Deutschen Schauspielhaus (nachtkritik), Armin Petras Inszenierung von "Hamlet. Ein irres Rock-Vaudeville" am Staatstheater Cottbus (nachtkritik), Alejandro Quintanas Inszenierung von Nona Fernández' Stück "Molière - Der eingebildete Tote"am Theater Rudolstadt (nachtkritik), Maik Priebes Inszenierung von "Wege übers Land" nach Helmut Sakowski am Theater Neubrandenburg / Neustrelitz (nachtkritik), Antú Romero Nunes' Inszenierung von Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Burgtheater Wien (nachtkritik), Jan-Christoph Gockels Inszenierung von "Hospital der Geister" nach der Fernsehserie von Lars von Trier und Niels Vørsel am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik), Guy Cassiers Inszenierung von Racines "Bérénice" an der Comédie-Française (FAZ), Anna-Elisabeth Fricks Inszenierung des Stücks "Lethe - ein Abend verlorener Erinnerungen" am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken (taz) und die von Matthias Ulrich kuratierte Performance-Reihe "Body and Building: 2 Evenings, 2 Days (of Performances)" in der Frankfurter Schirn (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.03.2025 - Bühne

Szene aus "Die Hexe von Konotop". Foto: Julia Weber


In der nachtkritik berichtet Verena Großkreutz vom ersten "Europäischen Theaterfestival" am Stuttgarter Schauspiel. Toll fand sie vor allem "Die Hexe von Konotop", eine Produktion des Ivan Franko Nationaltheaters für Schauspielkunst Kiew in der Regie von Ivan Uryvskyi. In dem satirischen, von Gesangseinlagen unterbrochenen Stück von 1833 gehts um Aberglauben, zwei Dorftölpel und drei Frauen, die als Hexen angeklagt sind und ihre Unschuld in einer "Wasserprobe" beweisen sollen: "Marina Dadaleva, Khrystyna Korchynska und Oksana Sydorenko singen und spielen das fantastisch, hintergründig und fein differenziert. Künstlerischer Höhepunkt des Abends ist ihre Darstellung des Ertrinkens: Ihre Körper winden sich, ziehen sich in sich zurück, um am Ende zu erstarren. Dazu bringen sie jeweils auf völlig unterschiedliche Weise ihre Stimmbänder zum Klingen: Erst singsangähnlich, dann immer gequälter, teils geisterhaft elektronisch verfremdet im Nichts verklingend. Nur die eine, die mit magischen Fähigkeiten ausgestattete Yavdokha, überlebt den 'Test', wird wiedergeboren (auch das drückt ihr Singen aus), erweckt später ihre ertrunkenen Freundinnen wieder zum Leben und rächt sich an den Männern. Ein starkes Bild weiblicher Selbstermächtigung am Schluss: Yavdokha im Sturm mit wehendem Haar." Tosender Applaus! Aber auch Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Coetzees "Elizabeth Costello" und Dušan David Pařízeks "Diptychon 1918/2022. Von Soldaten und Frauen auf der Flucht" kommen gut.

Weiteres: Im Standard bedauert Margarete Affenzeller leise das Verschwinden des Programmhefts am Theater. In der FAZ (Bilder und Zeiten) erinnert Jürgen Hillesheim an Georg Soltis letzte Opernpremiere ("Falstaff") 1961 als Generalmusikdirektor in Frankfurt am Main: An der Inszenierung lässt sich ganz gut nachvollziehen, wie viele Nazis als Bühnenbildner, Intendanten, Regisseure damals noch in leitenden Positionen aktiv waren. Besprochen wird noch Constanza Macras' Choreografie "Back to the Present" an der Volksbühne (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2025 - Bühne

"In C" auf dem Tanzmainz-Festival. Bild: Andreas Etter.


Auf nach Mainz, ruft Sylvia Staude in der FR begeistert: Das Tanzmainz-Festival unter der Leitung von Honne Dohrmann hat mit dem Stück "In C" von Sasha Waltz & Guests begonnen. Das Stück, das auf einer Komposition von Terry Riley beruht, besteht aus 53 "Bewegungsphrasen", die von 13 Tänzern vielfältig kombiniert werden: "'In C' wirkt einerseits emsig, dabei aber auch lässig. Es ist ein Spiel, dem zuzusehen etwas Meditatives hat. Man kann versuchen, zum Beispiel eine einzelne Tänzerin und ihre Phrasenwechsel im Blick zu behalten. Man kann - schwierig! -, versuchen, alles im Blick zu behalten, das ganze schöne Gewusel. Oder man lässt dieses Stück an sich vorüberziehen, freut sich an seiner Munterkeit, nimmt gute Laune mit hinaus."

Weiteres: Für die Welt interviewt Jakob Hayner die Schauspieler Wolfram Koch und Jonas Sippel, die ab Morgen in Lars von Triers "Hospital der Geister" unter der Regie von Jan-Christoph Gockel auf der Bühne des Deutschen Theaters stehen. Judith von Sternburg interviewt die Regisseurin Daniela Löffner für die FR.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2025 - Bühne

Szene aus "Eichmann - wo die Nacht beginnt". Foto: Yoshiko Kusano

Der Frage nach dem Ursprung des Bösen widmet sich Roger Vontobel an den Bühnen Bern mit Stefano Massinis Stück "Eichmann - wo die Nacht beginnt" und Nachtkritiker Andreas Klaeui scheint vor allem von der Leistung der Schauspieler, die Eichmann und Hannah Arendt geben, beeindruckt: Claudius Körber "spielt das Böse als das Reguläre, er spielt nicht den Zynismus, der in der Eichmann-Figur angelegt ist, das macht den Zynismus umso größer. Immer bleibt er der kleine Junge, der einen guten Eindruck machen will, der Beste im System. Am Ende sind es opportunistische Karriere-Manöver, an denen die Massaker von Millionen Menschen hängen. Lucia Kotikovas Arendt geht dem mit Überlegenheit auf die Spur, sie betrachtet ihr Objekt wie ein Insekt, die unangezündete Zigarette in der Hand, umkreist ihre Fallstudie dozierend wie im Hörsaal, nagelt Eichmann fest mit unerbittlicher Präzision, wenn er sich in Whataboutismus und Euphemismen flüchtet, begegnet seiner opportunistischen Willfährigkeit immer mal auch mit Ironie. Die Kontrolle verliert sie einzig bei der Frage nach dem Beweggrund. Warum ging Eichmann den entscheidenden Schritt weiter?"

Weitere Artikel: Im taz-Gespräch erklärt die argentinische Choreografin und Tänzerin Constanza Macras, deren Stück "Back to the Present" nun nach mehr als 20 Jahren wieder an der Volksbühne aufgeführt wird, was die Haushaltskürzungen des Senats für die Berliner Kultur bedeuten: "Ich habe in den neunziger Jahren in New York erlebt, was passiert, wenn der Kultur die Gelder gekürzt werden. Man konnte nur noch Arbeiten machen, die sich kommerziell verkaufen ließen - nicht das Beste für Kunst."

Besprochen werden Beat Furrers kolonialismuskritische Oper "Das große Feuer" nach Sara Gallardos Roman "Eisejuaz" am Opernhaus Zürich (Zeit, VAN, Backstageclassical) und Nuran David Calis' Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Lied vom Rand der Welt", eine Neufassung von Johann Strauss' "Zigeunerbaron" im Wiener Museumsquartier (Standard) und Maximilian Schusters Inszenierung von Marius von Mayenburgs Kammerspiel "Nachtland" an der Landesbühne Nord (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2025 - Bühne

Opera Forward Festival - Codes. Foto: Michel Schnater

Joachim Lange besucht für die taz das Amsterdamer Opera Forward Festival. Hier wird der Versuch unternommen, die Kunstform Oper einem neuen, jüngeren Publikum nahezubringen und im Großen und Ganzen scheint dies zu gelingen. Besonders gefällt Lange "das von Gregory Caers mit 170 (!) Jugendlichen inszenierte Stück 'Codes'. Es ist faszinierend, wie hier die jungen Akteure einzeln und dann in kleinen und immer größer werdenden Gruppen nach ihren Bewegungs- und Ausdrucksritualen im Umgang mit unterschiedlichen Lebenssituationen suchen, dabei verschiedene Erfahrung machen und immer wieder in neue Bewegungsmuster übersetzen und dabei singen und auch sprechen. Man kann nur staunen, wie man eine solche Masse auf einer Bühne in ein Ensemble verwandeln kann, das mit seiner Kraft fasziniert - Einzelnen ihren Auftritt verschafft und am Ende alle in den Bann zieht."

Außerdem: Das Berliner Ensemble, berichtet der Tagesspiegel, spielt wieder Jorinde Dröse und Claude De Demos Stück "#Motherfuckinghood", das die beiden Regisseurinnen nach Mobbingvorwürfen gegen die Leitung des Hauses ausgesetzt hatten. Besprochen wird Tschaikowskis "Iolanta" in Evgeny Titovs Inszenierung an der Wiener Staatsoper (Standard, "Coming-of-Age-Geschichte im Hyperkitsch").