Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.08.2025 - Bühne

Den Tod von Claus Peymann hat die Theaterwelt noch längst nicht verdaut (unsere Resümees), schon muss sie den nächsten Verlust verkraften: Im Alter von 83 Jahren ist der amerikanische, oft in Deutschland wirkende Theaterregisseur Robert Wilson gestorben - der "Meister der Verfremdung von Natürlichkeit, der seine Zuschauer mit ritueller Langsamkeit und mysteriösem Bilderfluss zugleich verstörte und bannte", wie es in dpa-Meldung heißt. Einen ersten Nachruf bringt Andreas Rossmann, der in der FAZ vor allem Wilson avantgardistisches Verständnis von Theater würdigt. Es hatte "mit der anderen Aneignung von Wirklichkeit zu tun: Als Kind litt Wilson unter Sprachstörungen, von denen er erst im Alter von siebzehn Jahren geheilt wurde. Während des Kunst- und Architekturstudiums am Pratt Institute in New York begeisterte er sich für die Ballette von George Balanchine und Merce Cunningham. Mit behinderten Kindern machte er therapeutisches Theater, von dem er sich abwandte, um sein zweckfreies, autonomes Theater zu entwerfen." In der taz erinnert Katrin Bettina Müller an den "Zeremonienmeister von Licht, Zeit, Klang und Farben". Im Dlf Kultur ruft Oliver Reese nach.

Von einigem Hin und Her an den Münchner Kammerspielen berichtet Stefan Trinks in der FAZ: Dort hatte die tunesische Sängerin Emel Mathlouthi in ihrem Konzert vergangenen Samstag eine an Delacroix' Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" angelehnte Fotografie Mustafa Hassounas vom 22. Oktober 2018 gezeigt, die den Palästinenser Aed Abu Amro beim gewalttätigen Aufstand gegen die israelische Blockade in Gaza darstellt. Das Bild war allerdings auch "unmittelbar nach dem Massaker vom 7. Oktober auf sehr vielen der Triumphdemos für die Hamas hochgehalten" worden, erinnert Trinks. Die Kammerspiele hatten drei Tage lang eine Entschuldigung auf ihrer Webseite stehen, die dann wieder verschwand. Für Trinks bleibt die antiisraelische Absicht des Bildes klar: "Indem der Delacroixsche Freiheitskämpfer zum palästinensischen David mit Schleuder umgedeutet wird, stellte sich bei jedem Zeigen des Bildes nach dem Hamas-Massaker nicht nur eine Täter-Opfer-Umkehr ein, vielmehr auch ein Auf-den-Kopf-Stellen des gesamten Narrativs."

Weiteres: In der Welt zieht Manuel Brug eine bittere Zwischenbilanz der Salzburger Festspiele, (unsere Resümees) zumindest, was das Sprechtheater betrifft: "Ein Tiefstand scheint ... 2025 erreicht, einer Saison, die lediglich noch das abwickelt, was die vom künstlerischen Leiter Markus Hinterhäuser erwählte, aber schnell wieder demissionierte exilrussische Schauspielchefin Marina Dawydowa so zusammengekauft hatte." Deutlich gnädiger urteilt Christian Wildenhagen in der NZZ. In der FAZ hat Jürgen Kesting leise Hoffnung, dass die amerikanische Sopranistin Lisette Oropesa, die bei den Salzburger Festspielen in der Hauptrolle der "Maria Stuarda" von Gaetano Donizetti auf der Bühne steht, die Ära der großen Diven nochmal aufleben lässt. Besprochen wird außerdem Jay Scheibs "Parsifal"-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.07.2025 - Bühne

Szene aus "Die Geschichte vom Soldaten". Foto: Bernhard Müller.

Abseits der großen Bühnen findet Reinhard J. Brembeck für die SZ im Salzburger Marionettentheater ein kleines Theaterjuwel: Matthias Bundschuh inszeniert Igor Strawinskys Musiktheater "Die Geschichte vom Soldaten" und der Kritiker ist absolut begeistert! Allein schon die Puppen: geschaffen hat sie niemand anderes als der Maler Georg Baselitz. "Mit Pappe hat er die Marionetten gebaut, die deshalb kahl und nackt wie Roboter daherkommen. Nur die aus Blech geknautschten Köpfe sind verschieden einfarbig, braun der des Soldaten, rot der des Teufels, blau der der Prinzessin, dazu Knopfaugen. Die Figurinen sind Baselitz-typisch roh, heftig und mit der Energie von Blitzen aufgeladen, springen also die Gefühle an. Realismus hat hier keine Chance, die Kunst von Baselitz wie von Strawinsky zielt auf artifizielle Abstraktion, Realismus ist beiden ein Gräuel, da er die Rechte der Fantasie beschneidet. Und für Seele haben weder Strawinsky noch Baselitz noch die neun famosen (...) Puppenspieler etwas übrig."

Szene aus "Benjamin in Port-Bou". Foto: David Ruano

Eine wuchtige Oper über ein einsames Ende bekam FAZ-Kritiker Hans-Christian Rößler im Gran Teatre del Liceu in Barcelona zu sehen. Antoni Ros-Marbàs hat das Schicksal Walter Benjamins, der sich auf der Flucht vor den Nazis im spanischen Hafenort Port-Bou das Leben nahm, in einem Stück verarbeitet. Anna Ponces inszeniert hervorragend, trotzdem kommt man manchmal ein bisschen schwer mit, findet Rößler, auch weil so viele Zeitgenossen und Benjamin-Figuren ihren Auftritt bekommen: "Neben dem 'Angelus novus', dessen Klee-Zeichnung Benjamin im Gepäck hat, Hannah Arendt, Bertolt Brecht, Gershom Scholem, seine Ehefrau und seine Geliebte und den buckligen Zwerg (...) Einen ungewöhnlich vitalen und wenig resignativen Benjamin verkörpert der amerikanische Tenor Peter Tantsits nicht nur in Portbou, sondern auch in Berlin, Neapel und Ibiza: Anfang der Dreißigerjahre ist Benjamin zum ersten Mal länger in Spanien. Er verbringt zweimal unbeschwerte Monate auf der damals noch unberührten Baleareninsel."

Weiteres: Christine Lemke-Matwey resümiert in der Zeit ihre Eindrücke von den Salzburger Festspielen, die für sie bisher eher enttäuschen. Ebenfalls in der Zeit berichtet Berit Dießelkämper von ihren Erfahrungen als Statistin bei den Opernfestspielen in Verona. In der taz berichtet Uwe Mattheis vom Wiener Impulstanz-Festival. Besprochen wird Dusan David Parízeks Inszenierung von Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" bei den Salzburger Festspielen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.07.2025 - Bühne

Im Spiegel berichtet Oliver Das Gupta von der Eröffnung der Salzburger Festspiele, bei der "propalästinensische" Aktivisten die Bühne enterten und ihre Parolen brüllten, was bei Das Gupta einige Fragen aufwirft: "Hätten die Aktivisten auch Waffen statt der Transparente hineinschaffen können? Und darf eigentlich jeder mit jedem Anliegen stören? Den Demonstranten von Salzburg jedenfalls ging es nicht nur um die humanitäre Katastrophe in Gaza. Hinter der Aktion steckten auch linksradikale Sympathisanten der Terrormiliz Hamas, die Israel das Existenzrecht absprechen. Sie sind organisiert in der Gruppe 'Palästina Solidarität', die eine Pressemitteilung zum Eklat von Salzburg veröffentlichte. Einer der Mitgründer rechtfertigte den grausamen Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023. Befreiungskampf sei nun mal 'kein Mädchenpensionat', sagte er dem profil. Das Massaker an mehr als 1200 Menschen verglich er mit dem Aufstand des Warschauer Judenghettos gegen die Nazis 1943. Solche Sprüche und abstrusen Analogien sind keine Israelkritik, sondern Antisemitismus."

Salzburger Festspiele - La Passe. Victoria Quesnel. © Julien Gosselin

Auch ansonsten ist auf der Bühne was los in Salzburg: Julien Gosselins "La Passe", ein Text-Medley nach Leonid Andrejew, macht Furore. Im Zentrum des opulent ausgestatteten Stücks steht ein Eifersuchtsdrama um einen Duma-Abgeordneten. Staunen und hoffen lässt das Spektakel FAZ-ler Simon Strauß: "Staunen über all die technische Perfektion in Szenographie und Ausdrucksform, über die kraftvollen Körper in historischen Kostümen vor antiquarischem Ambiente. Und hoffen auf einen jungen Theateravantgardisten, der sich von der Last des postdramatischen Formdiktums befreit und mit neuem, epischem Interesse inszeniert. Mit dramaturgischer Lust an Anteilnahme und Wirkung, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln einer Überwältigungsästhetik, einer breitleinwandartigen Musikuntermalung, einer kunstvollen Videotechnik. Der das Theater als Zauberbude wiederentdecken will."

Nachtkritikerin Gabi Hift ist insbesondere von der Hauptdarstellerin angetan: "Was Victoria Quesnel als Jekaterina spielt, ist sensationell - und so ungehörig, dass man beim Zuschauen gar nicht weiß wohin mit sich. Sie verwandelt sich nach und nach in eine Hysterikerin avant la lettre, eine Geisteskranke mit allen Schikanen: entsetzliche Grimassen verzerren ihr Gesicht, ihr Augen verdrehen sich, bis man nur noch das Weiße sieht, sie wringt die Finger, der Hals starr, ein irres Lachen. Hechelnd stürzt sie sich auf die Männer, aus dem weit aufgerissenen Mund kommt ein Fauchen und die fremde tiefe Stimme eines Dämons." 

Zwei Gegenstimmen gibt es freilich auch. Zum einen Margarete Affenzeller im Standard: "Insofern bleibt von Gosselins Unternehmung vor allem der eitle Standpunkt übrig: Früher war es so schrecklich, und ich zeige euch das jetzt noch einmal." Zum anderen Egbert Tholl in der SZ: "Alles ist aufgedreht, laut, hysterisch (...). Hilft nicht viel, es bleibt ein aufgedrehter Totentanz, abgestorbenes, wie mit Starkstrom zum Leben wiedererwecktes Theater."

Mehr von den Salzburger Festspielen: Ljubiša Tošić interviewt für den Standard Antonello Manacorda, der am Freitag "Maria Stuarda" dirigieren wird. Florian Zinnecke arbeitet sich in der Zeit ungnädig an Matthias Davids humoristischer "Die Meistersinger von Nürnberg"-Interpretation ab. 

Außerdem: Droht dem Berliner Ensemble tatsächlich das Ende, wie derzeit hier und da zu lesen ist (zum Beispiel in der BlZ), weil die Spielstätte möglicherweise nicht mehr finanzierbar ist? Jakob Hayner winkt in der Welt ab: Klappern gehört zum Handwerk, der Vermieter will mehr Geld, am Ende wird eine Einigung stehen: "Was bleibt? Etwas Aufregung im Sommerloch." Gunda Bartele berichtet im Tagesspiegel vom Berlin Circus Festival. Jakob Hayner besucht für die Welt das Wiener "Impulstanz"-Festival.

Besprochen werden Anne Teresa De Keersmaekers "Brel" und Damien Jalets "Thrice", beides Tanzperfomances, erstere im Wiener Akdemie-, zweitere im dortigen Volkstheater (Doppelkritik im Standard) und Valentin Schwarz' Bayreuther "Ring"-Inszenierung (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.07.2025 - Bühne

Szene aus "One Morning Turns Into Eternity". Bild: Ruth Walz

Mit "One Morning Turns Into Eternity", einer Kombination von Gustav Mahlers "Abschiedsgesängen" und Arnold Schönbergs "Erwartung" unter der Regie von Peter Sellars erlebt Egbert Tholl (SZ) den vielleicht "kürzesten vollgültigen" Opernabend in der Geschichte der Salzburger Festspiele. Neben der "grandiosen Expressivität" von Schönbergs Musik ist es vor allem die Darbietung der litauischen Sopranistin Aušrinė Stundytė, die Tholl in dem Monodrama um eine Frau, die ihren Geliebten tot im Wald findet, umwirft: Sellars "unterläuft erst einmal das Ansinnen Schönbergs, mit jeder Art von Naturalismus zu brechen. Zwei seltsame, immer wieder auftauchende, barfüßige, leicht kafkaesk wirkende Gehilfen legen der Frau, Ausrine Stundyte, einen Leichensack vor die Füße. Darin offenbar der Geliebte, den sie nun nicht mehr suchen muss. Scheinbar Opfer eines totalitären Systems..." Was Stundytė "macht, ist allerhöchste Ausdruckskunst. Sie flüstert und schreit, das Orchester macht es ihr gleich. Sie weint und schluchzt, ist zerrissen und getrieben, sinkt auf dem Leichensack nieder, springt auf, elektrisiert von ihren höchsten Tönen." Auch Jan Brachmann gefällt in der FAZ die "überraschende und sinnfällige" Verknüpfung der beiden Stücke, während Regine Müller im Tagesspiegel einen "gediegenen Meditationsabend, dessen kunstgewerbliche Erhabenheit jedoch nicht lange nachhallt" erlebt.

Szene aus "Delirious Night". Bild: Bea Borgers

Kein Gerede, dafür große Bilder erlebt Jakob Hayner (Welt) beim ImPulsTanz in Wien: "Tanz als Antwort auf eine krisengeplagte Gegenwart (ausgehend wieder von der Corona-Zeit) beschwört auch die dänische Choreografin Mette Ingvartsen mit 'Delirious Night', einem nächtlichen Rausch in Grellgrün. Halbnackt mit Totenkopf- und Dämonenmasken gerät ihre Brüsseler Compagnie in eine Tanzwut, die nicht mehr zu stoppen scheint, ein eskalierender Maskenball der Extreme zwischen religiöser Ekstase und Rave. Ist es dem Tanz aufgetragen, die sinnliche Wirklichkeit zu erretten? Stücke wie 'Delirious Night' zeigen auch, wie sich das Bewegungsmaterial rasant ändert. Der individuelle Ausdruck triumphiert über soziale Norm."

Besprochen werden eine Inszenierung von Henrik Ibsens "Nora" durch das dänische Kollektiv Fix & Foxy beim Asphalt Festival in Düsseldorf (nachtkritik), Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Georg Friedrich Händels Barock-Oper "Giulio Cesare in Egitto" (Tsp) und David Pařízeks' Inszenierung von Karl Kraus' Stück "Die letzten Tage der Menschheit" bei den Salzburger Festspielen (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.07.2025 - Bühne

"Die Meistersänger von Nürnberg." Foto: Enrico Nawrath.


Alles, was Rang und Presseausweis hat, weilt dieser Tage bei den Bayreuther Festspielen, um sich Matthias Davids' Inszenierung von Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" zu Gemüte zu führen, die Daniele Gatti dirigiert. Jan Bachmann freut sich in der FAZ, wie geschickt Davids mit der deutschnationalen Prägung des Stücks rund um den "Meistersinger" Hans Sachs umzugehen weiß: "Lichterbogen vor weißblauem Himmel, davor eine aufgeblasene Kuh im Keith-Haring-Design, die alles überwölbt und mit vier erigierten Zitzen, die die Form von bunten Kondomen im Belastungstest haben, nach oben strebt. (…) Wenn Georg Zeppenfeld, ein Ausbund an vokaler Intelligenz, als Sachs den von deutschen Regisseuren gefürchteten deutschnationalen Schwenk in der Schlussansprache macht, zieht Beckmesser - Michael Nagy, noch so ein Ausbund an vokaler Intelligenz - den Stromstecker für die Kuh und lässt die Luft aus der Sache. Mit so viel Witz und Leichtigkeit hat seit Langem kein Regisseur, im Verbund mit seinem Bühnenbildner, diese heikle Stelle gemeistert. Dass Sachs den Stecker wieder einsteckt, macht die Kuh auch zur Metapher für die Aufgeblasenheit jenes Postulats einer nationalen Überlegenheit der deutschen Kunst."  

Dabei singt der Tenor Michael Spyres für Stefan Ender im Standard "mit einer Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit und Spontaneität, die ihresgleichen suchte. Diese gesanglichen Charakteristika passten gut zu der Sonnyboy-Lockerheit, mit der ihn Davids in Szene setzt. Susanne Hubrich wiederum hat dem vokalen Revoluzzer einen Schlabberjeanslook verpasst, der die Assoziationen Provinz und Hilfsarbeiter aufploppen ließ. Wenn Hubrichs Kostüme am Ende Revue passierten - den Showdown auf der Festwiese zeigt Davids als eine Art Musikantenstadl im Kinderkanal -, wurde einem vor Augen geführt, wie vielfältig Hässlichkeit doch sein kann."  

Egbert Tholl zeigt sich in der SZ eher enttäuscht: "Katharina Wagners Idee, für die Regie den Linzer Musical-Profi Matthias Davids zu engagieren, ging insofern auf, als er viele Sachen sehr munter und lebendig löst. Figuren, die normalerweise gar nicht in der Szene vorhanden sind, beleben diese, die Lehrbuben, die ja gleichermaßen auch, nun ja, Lehrmädchen sind, gehen als singende und tanzende Musicaltruppe durch. Und die Festwiese ist eine lebendig durchchoreografierte Veranstaltung. Aber: Es ist alles schrecklich harmlos. Die Monologe von Sachs und Pogner, die Potenzial für inhaltliche Auseinandersetzung hätten, rauschen so durch, das finale, so oft schon als Aufreger inszenierte, weil halt wirklich problematische Heil der heiligen deutschen Kunst ist hier ein Pfft."  

Die NZZ freut sich über mehr Spiel und Leichtigkeit, die FR macht noch einmal auf die antisemitischen Stereotype aufmerksam, die Wagner mit der Figur von Beckmesser bedient, die Zeit langweilt sich. Auch Welt, taz, Tagesspiegel, Spiegel Online, Nachtkritik und Neue Musikzeitung sind in Bayreuth. 


Weiteres: Propalästinensische Demonstranten haben Andreas Bablers Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele gestört, meldet die Zeit mit Bezug auf die Agenturen, der Standard weiß, dass sechs von ihnen zwar angezeigt wurden, mittlerweile aber wieder auf freiem Fuß seien. Die taz porträtiert Erich Sidler, der das Deutsche Theater Göttingen seit nun schon zehn Jahren leitet und denkt über Lucinda Childs nach, "eine Ikone des Postmodern Dance."    

Besprochen werden: Die Salzburger Festspiele geben Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit", inszeniert von Dušan David Pařízek als Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater (FAZ, SZ, NachtkritikStandard),  Dmitri Tcherniakov inszeniert Georg Friedrich Händels Oper "Giulio Cesare in Egitto" ebenfalls bei den Salzburger Festspielen (FAZ, FR, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.07.2025 - Bühne

Sollte man russische KünstlerInnen einer "Gesinnungsprüfung" unterziehen, bevor sie in Deutschland auftreten dürfen? Barbara Oertel denkt angesichts der kürzlichen Proteste gegen Anna Netrebko auf dem Gendarmenmarkt und der Ausladung Valery Gergievs (unsere Resümees) in der taz darüber nach. Klar, Kunstfreiheit ist wichtig, aber Demokratie eben auch: "Einladungspraxis heißt hier das Zauberwort. Vielleicht ist es vielen einfach egal, solange der Euro rollt und lohnende Einnahmen zu erwarten sind. Überhaupt: Warum sollte es ausgerechnet in der Kultur, noch dazu vielfach chronisch unterfinanziert, anders laufen als in Politik und Wirtschaft. Fest an der Seite der Ukraine, heißt es doch immer so schön. Bekanntlich war das aber noch nie ein Hindernis, um lukrative Geschäfte mit Russland zu machen. Andere, die die neuen Realitäten sehr wohl zur Kenntnis nehmen, sollten sich genauer ansehen, wen sie sich da ins Haus holen. Wenn es, warum auch immer, partout Anna Netrebko sein soll - bitte sehr. Der Kreml wird Auftritte wie diesen zu schätzen und für seine Zwecke zu instrumentalisieren wissen."

Weiteres: In der SZ fragt Peter Laudenbach, wie es nach dem Abgang von Demis Volpi (unsere Resümees) am Hamburg Ballett weitergehen soll. Besprochen wird die Ausstellung "Making Theatre. Wie Theater entsteht" im Deutschen Theatermuseum in München (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.07.2025 - Bühne

Ganz klar wird nicht, wie Judith von Sternburg (FR) die Ankündigung auf der Pressekonferenz der Bayreuther Festspiele findet, dass im Jubiläumsjahr 2026 mit dem Projekt "Ring 10010110" Künstliche Intelligenz mit von der Partie sein wird. Marcus Lobbes, Direktor der "Akademie für Theater und Digitalität" versichert: "Musikalisch werde es ein klassischer 'Ring' sein - Katharina Wagner hatte zuvor schon angekündigt: Christian Thielemann dirigiert (wie zuvor auch zum 150-Jahre-Jubelfestakt Beethovens Neunte im Festspielhaus), Michael Volle singt Wotan, Klaus Florian Vogt singt, uff, Loge, Siegmund, Siegfried. Dazu, so Lobbes, biete eine KI live generierte holografische Bilder. Auf Gazestoff geworfen, sollen sie 'neue Räume' eröffnen, ein 'großes tönendes Bild'. Gespeist wird es aus emsiger Archivarbeit, der Jubiläumsring solle 149 Jahre Bayreuther 'Ring'-Geschichte einbeziehen, zugleich aber, so Lobbes, kein Volkshochschulkurs sein."

Weitere Artikel: Ein bisschen scheint es Manuel Brug in der Welt, "als wollten die lokalen Opernhäuser noch schnell ein paar Premierenrestposten loswerden". "Die schweigsame Frau" von Richard Strauss unter dem Dirigat von Christian Thielemann und der Regie von Jan Philipp Gloger an der Berliner Staatsoper geriet Brug zu "zäh", Benedikt von Peters Inszenierung von Brecht und Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" an der Deutschen Oper erlebt er als "Garnichts aus gutgemeint und Rohrkrepierer", immerhin der konzertante "Werther" am selben Haus überzeugte den Kritiker.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.07.2025 - Bühne

Ein Konzert des russischen Dirigenten Valery Gergiev in Italien wurde kürzlich abgesagt (unsere Resümees). In der Zeit widmet sich Natasha Kiseleva dem Star-Dirigenten, der in Europa zur Persona non Grata geworden ist und in Russland das Mariinski-Theaters in St. Petersburg und gleichzeitig das Bolschoi-Theater in Moskau (wie es unter dem Zar üblich war) leitet: "Gergievs Vorgänger am Bolschoi-Theater hieß Wladimir Urin und galt als einer der wenigen liberalen Geister innerhalb des Systems. Auch er war Teil des Staatsapparates, strich missliebige Aufführungen aus dem Spielplan und zeigte sich zu vielerlei Kompromissen bereit. Als er im Frühjahr 2022 einen offenen Brief unterzeichnete, der dazu aufrief, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden, war das ungewöhnlich mutig. Im Jahr darauf gab er seinen Posten auf. Nicht freiwillig, wie man hört. Ähnlich erging es Ekaterina Novikova, der langjährigen Pressechefin des Bolschoi-Theaters, der kürzlich gekündigt wurde. Einen Anlass dafür gab es nicht, Novikova war hoch qualifiziert. Offiziell verließ auch sie das Theater 'auf eigenen Wunsch', aber natürlich versteht hier jeder alles."

Georg Nigl
und Nicholas Ofczarek haben aus "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus einen Hybrid aus Lieder- und Theaterabend konzipiert, der das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele eröffnete. Im Interview mit Egbert Tholl (SZ) erklärt Ofczarek, warum der Text so aktuell ist: "Weil sich nichts geändert hat, weil's noch schlimmer geworden ist, weil wir uns nicht weiterentwickelt haben. Oder, dass die Mechanismen, die Kraus beschreibt, menschimmanent sind. Letztlich spielen 'Die letzten Tage der Menschheit' nicht im Krieg, sondern im Krieg hier in uns, im Jetzt, innerhalb der Gesellschaft. Natürlich hat der Text historische Elemente, die wirklich in der Zeit spielen, aber das Wesentliche findet man genauso heute. Man muss den Text nicht heutig machen. Ich hasse es, Dinge heutig oder modern zu machen. Das ist mir wurscht. Wenn ein Text gut ist, ist er modern. Den Abgleich mit dem Heute gibt es ohnehin immer. Wenn der Zuseher das will. Wenn man ihn bevormundet - schau mal, das ist wie heute - geht's mir auch schon wieder am Arsch, weil ich mich dann bevormundet fühle."

Außerdem: In der NZZ porträtiert Birgit Schmid die non-binäre Balletttänzer:in Max Richter. In der Zeit denkt Peter Kümmel zurück an ein Treffen mit Claus Peymann und Gert Voss in Wien. Axel Brüggemann unterhält sich für Backstage Classical mit dem zukünftigen Chefregisseur des Deutschen Theaters Weimar Valentin Schwarz, der sich dem Rechtsruck in Thüringen entgegenstellen möchte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.07.2025 - Bühne


Le Procès Pelicot, Milo Rau et Servane Dècle, 2025 © Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Milo Raus szenische Lesung "Prozess Pelicot", die unlängst auf den Wiener Festwochen Furore machte (siehe hier), wurde nun auch, in einer kürzeren und leicht abgeänderten Version, beim Festival d'Avignon aufgeführt - also in jener Stadt, in deren Nähe Gisèle Pelicot ihr Martyrium erlebte und in der der reale Prozess stattfand. Annika Joeres war für die Zeit dabei und erlebt einen intensiven Abend: "Rau will das Publikum den Prozess spüren lassen, es soll hier und jetzt mit dem Begreifen anfangen. Während der Lesung hatten immer wieder Zuschauerinnen das Cloître des Carmes verlassen, fluchtartig und mit Tränen in den Augen. Hier in Avignon kennt fast jeder über Umwege einen der Verurteilten, die meisten von ihnen sind Familienväter, es ist ein Journalist darunter, ein Krankenpfleger, ein Gendarm. An einigen Mauern stehen noch immer Graffitis zu Ehren von Gisèle. Am Ende ist der Pelicot Trial eine klassische Milo-Rau-Inszenierung, die so gut funktioniert, weil die Normalität brutal genug ist, ja weil das ganze entsetzliche Schauspiel längst stattgefunden hat, im vergangenen Winter, wenige Hundert Meter entfernt." Für nachtkritik war Joseph Hanimann in Avignon dabei, ist sich allerdings nicht sicher, ob es sich hier um "quälende Detailklauberei, eine gut recherchierte Spurensicherung, eine Hommage an Madame Pelicot oder um eine szenische Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt handelt."

Was ist nur mit dem Hochkultur-Publikum dieser Tage los, stöhnt Manuel Brug in der Welt. Spätestens seit Corona weiß sich niemand mehr zu benehmen. Leute wollen mit kurzen Hosen in die Oper, Handys klingeln im Theater, und manche treiben es noch deutlich wilder: "Kürzlich soll während eines Mahler-Gastkonzerts der Münchner Philharmoniker im Amsterdamer Concertgebouw in der ersten Reihe ein offenbar total zugekifftes Paar besonders vehement aufgefallen sein. Die Liste seiner Verfehlungen ist lang: lautes Sprechen, Schreien, Singen, High-Five-Hände, Videoaufnahmen von sich und der Aufführung, Mitdirigieren, unvermitteltes Klatschen, leidenschaftliches Küssen, Briefeschreiben per Telefon an den Dirigenten, Beleidigen anderer Konzertbesucher, Pelzmantel-Herumschmeißen. Zumindest fantasievoll wussten diese ADS-ler die ihnen offenbar nicht behagende Konzertzeit totzuschlagen."

Außerdem: Peter Huth blickt für die Welt schon einmal auf die möglichen Aufregerthemen der Bayreuther Festspiele im Jahr 2026. Margarete Affenzeller portraitiert im Standard Myassa Kriatt, Leiterin der digitalen Bühne im Dschungel Wien, die sich unter anderem mit der politischen Dimension von Kindertheater auseinandersetzt. Axel Brüggemann unterhält sich für Backstage Classical mit Valentin Schwarz, dem zukünftigen Chefregisseur des Deutschen Theaters Weimar unter anderem über den gesellschaftlichen Umgang mit der AfD.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2025 - Bühne

Wegen seiner Putin-Treue verlor der russische Dirigent Valery Gergiev im Westen ein Engagement nach dem anderen. Stattdessen ist er nun zum "Zar des Musiklebens" in Moskau avanciert, erzählt Kerstin Holm in der FAZ. Prokofjews Bürgerkriegsoper "Semjon Kotko" wird so am Moskauer Bolschoi zum Propagandastück über den Ukrainekrieg. Man "lässt auf der Drehbühne ein ukrainisches Dorf kreisen, wo ukrainische Nationalisten und deutsche Interventen mit Feuer und Schwert versuchen, die Revolution der Bolschewiki rückgängig zu machen. Der Titelheld, vom Tenor Igor Morosow lyrisch-kraftvoll gesungen, will nach seiner Demobilisierung die Tochter des enteigneten Großgrundbesitzers ehelichen, der aber seine Zusage bereut und sie mit einem anderen Latifundisten zwangsverheiraten will. In der Chorszene im Wald, da Partisanen sich zum Kampf rüsten, schlägt eine Texteinblendung die Verbindung zu Russlands heutiger Großinvasion in die Ukraine und erklärt sie zum Hilfs- und Rettungsfeldzug für die bedrohten Menschen dort - ein öffentlicher Akt der Vergewaltigung von Hochkultur durch Propaganda, klagte die emigrierte russische Journalistin Natalja Kisseljowa."

Besprochen wird Christian Thielemanns Inszenierung der Strauss-Oper "Die schweigsame Frau" (SZ) und Andrea Breths Inszenierung von Gabriel Faurés Oper "Pénélopé" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ).