Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2025 - Bühne

"Pénélope", Bild: Bernd Uhlig.


Manuel Brug begibt sich für die Welt in Gabriel Faurés "Pénélope" in der Bayerischen Staatsoper, Andrea Breth inszeniert. Bei der Geschichte um Odysseus und Penelope, die sich nach zwanzig Jahren wiedersehen, begreift er trotz der Fauré-typischen schönen und einfühlsamen Musik, warum dieser nur eine Oper geschrieben hat. Sie ist "von eigenwilliger Faktur, wellt sich fein, ist zart, schmiegsam und weich. Aber: Es passiert (fast) nichts. Hier ist das Warten Musik geworden. Es gibt Ausbrüche, aber kaum Dramatik. Und das Ende wirft mehr Fragen auf als es Antworten gibt."

Juan Martin Koch blickt in der Neuen Musikzeitung in mehrere Räume gleichzeitig, die das Bühnenbild zeigt. Hoch anspruchsvoll spielen sich verschiedene Szenerien des Wartens ab: "Kompliziert zu durchdringen ist diese visuelle Aufspaltung, weil sich die singend dialogisierenden Figuren oft in verschiedenen Räumen befinden, was rätselhafte Stellvertreterbegegnungen hervorruft. Dies zu entwirren, wäre durchaus spannend, wäre Breth nicht auf die Idee verfallen, alles in Zeitlupe ablaufen zu lassen. Gerade im ersten Akt wirkt das eher wie eine Karikatur von Faurés hinreißend undramatischer Musik. Susanna Mälkki lässt sich mit dem Bayerischen Staatsorchester mit großer Präzision und lyrischer Gespanntheit auf die Partitur ein, die in der Rückschau wie ein Gegenentwurf zu Wagner einerseits und Debussy andererseits wirkt. Wenn die unterschwellig brodelnden Gefühls- und Erinnerungsregungen an die Oberfläche dringen, entwickelt sie eine von innen her leuchtende Strahlkraft, die einen in den Bann zieht."

Judith von Sternburg genießt für die FR derweil die Exerzitien in Geduld: "Niemand lässt sich in die Karten blicken. Langeweile steht vor allem den Frauen ins Gesicht geschrieben. Der Kopf der Amme ist in den Eimer auf ihrem Schoß gesunken. Wie in der Musik Stillstand per se nicht möglich ist - Stillstand ist fortschreitende Länge, also Bewegung -, ist szenisch selten echter Stillstand. Es passiert wenig, aber es passiert ununterbrochen etwas. Vieles davon ist unerwartet, unerklärlich. Nichts ist uninteressant." In der SZ ist Michael Stallknecht ebenfalls fasziniert von der Geduldigkeit, die die Oper erfordert, vermutet aber, dass sie wegen der schwierig zu besetzenden Partien wohl weiterhin selten aufgeführt werden wird.

Weiteres: "Matthias Rädel soll als General Manager mit Katharina Wagner bei den Bayreuther Festspielen aufräumen. Wenn das mal gut geht", zweifelt Florian Zinnecker für die Zeit m Angesicht der Tatsache, dass die letzten zehn Jahre in Bayreuth von abberufenen Regisseuren bis sinkenden Kartenverkäufen vor allem von Problemen geprägt waren. Katrin Ullmann sieht sich für die taz auf dem Festival d'Avignon um. Karl-Martin Hentschel rechnet uns für die taz vor, warum die Oper, die Klaus-Michael Kühne der Stadt Hamburg schenken will, bei einem Jahresverdienst von 2,3 Milliarden Euro viel weniger großzügig ist als wenn er einfach Steuern zahlen würde.

Besprochen werden: "Der Prozess Pélicot" von Milo Rau auf dem Festival d'Avignon (FAZ), "Die Schweigsame Frau" von Richard Strauss an der Staatsoper Berlin, inszeniert von Jan Philipp Gloger (FAZ, taz), der Ballettabend "An American in Paris" mit Jeroen Verbruggens "An American in Paris" und Marco Goeckes "Le sacre du printemps" im Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz (SZ) und "Último Helecho", geschrieben und inszeniert von Nina Laisné auf dem Wiener Impulstanz-Festival (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2025 - Bühne

Die SZ bringt eine Seite mit prominenten Nachrufen zum Tod von Claus Peymann, darunter Elfriede Jelinek, die ihn liebte, auch wenn er an ihren Stücken stets "scheiterte", wie sie schreibt. Oder André Heller: "Claus Peymann war ein Fabeltier des Schöpferischen. Er hat Wien und dem Rest von Österreich zum richtigsten Zeitpunkt die Manieren beigebracht, im Reich des Staunens und der Schnürböden höchste Qualität nicht bloß zu behaupten, sondern auch tatsächlich zu verwirklichen." Und Frank Castorf: "Seine Lust am Fabulieren, Flunkern, Zweifeln, die hat mir gefallen. Er hatte so gar keine Redlichkeit, was die Wahrheit anging, also die einfache Wahrheit, bei der alle übereinstimmen und mit dem Kopf nicken. Da bekam sein eher überschaubares künstlerisches Talent mit einem Mal eine ganz andere Dimension. Auch durch die Bösartigkeit, die er haben konnte und die meiner durchaus entspricht. Wir haben uns gemocht." In der Welt ruft Jakob Hayner, in der taz Dirk Knipphals Peymann nach.

Weitere Artikel: In der Welt macht sich Peter Huth bereits ein paar Gedanken zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele. So viel scheint sicher: Georg Zeppenfeld, Klaus Florian Vogt, Catherine Foster, Ólafur Sigurdarson, Andreas Schager, Camilla Nylund, Tomasz Konieczny und Michael Spyres sind wieder mit von der Partie. In der FAS blickt Ralph Bollmann derweil auf 13 Jahre Bayreuth zurück. Im FR-Gespräch mit Sylvia Staude spricht der tschechische Choreograf Jiří Kylián über Emotionen auf der Bühne und das Bewahren seiner Arbeit. Im SZ-Interview mit Christiane Lutz spricht die Schweizer Schauspielerin Deleila Piasko, die ab Juli schon zum zweiten Mal die Buhlschaft im "Jedermann" in Salzburg gibt, über die Moral im "Jedermann", ihr Judentum und die Serie "Die Zweiflers". Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ macht sich der Literaturwissenschaftler Thomas Traupmann, der das Buch "'Fortschreibende Vertextung'. Zur Poetik des Dramenprojektes 'Die letzten Tage der Menschheit'" geschrieben hat, Gedanken zu dem Karl Kraus-Stück, das bei den Salzburger Festspielen unter der Regie von Dušan David Parízek auf die Bühne gebracht wird. In der NZZ resümiert Michael Stallknecht recht ernüchtert den Start der Finnin Lilli Paasikivi als neue Intendantin der Bregenzer Festspiele, was allerdings auch daran liegt, dass die Geldgeber aus Staat, Land und Stadt nur wenige Wochen vor Beginn ihrer ersten Festspiele ankündigten, "ihre Subventionen um satte dreißig Prozent zu kürzen".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2025 - Bühne

Szene aus "Œdipe". Bild: © Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann

Die neue finnische Festspiel-Intendantin Lilli Paasikivi eröffnet die 79. Bregenzer Festspiele unter dem Dirigat des Finnen Hannu Lintu mit "Œdipe", der einzigen Oper, die der Rumäne George Enescu je komponierte. Klug, findet Joachim Lange in der taz, denn: "Die Entscheidung für den großformatigen Enescu-Vierakter ist ein dezidiert europäisches Statement, hat damit doch ein frankophiler Rumäne einen zentralen Stoff aus der Frühzeit der europäischen Zivilisation zum Gegenstand einer expressiven, von vielen Einflüssen inspirierten, aber doch eigenständigen Tragédie Lyrique gemacht." Andreas Kriegenburgs Inszenierung fällt indes sowohl bei Lange als auch bei Werner M. Grimmel in der FAZ durch: "Rituelle Choreografie und realistisch gezeigte Äußerungen individueller Emotionen stehen einander im Weg. Ruppiges Schubsen wirkt aufgesetzt, salbungsvolles Getue, theatralisches Händeringen oder Stöhnen wirken unbeholfen. Derlei Klischees wollen sich nicht mit Enescus mythisch raunender Musik verbinden und banalisieren deren Beschwören großer Themen wie Prädestination, Erbsünde und über Generationen weitergereichte Schuld, die modernen Vorstellungen von Chancengleichheit diametral entgegenstehen."

Die Zeitungen bringen weitere Nachrufe zum Tod von Claus Peymann: In der Welt verneigt sich Peter Huth, einst Chefredakteur der BZ, und erinnert sich an gemeinsame Streitigkeiten über Stierkampf und Christian Klar. In der FR fragt sich Ulrich Seidler, wie die Gegenwart ohne den "Vater des deutschen Theaters" auskommen soll. In der FAZ erinnert sich Harald Schmidt an Peymann-Inszenierungen vor und auf der Bühne. Hannes Hintermeier sammelt ebenda Stimmen aus Österreich zum Tod von Peymann. In der taz scheibt Uwe Mattheis.

Weitere Artikel: Im SZ-Gespräch mit Egbert Tholl erzählt die Regisseurin Andrea Breth, die derzeit Gabriel Faurés "Pénelope" für die Münchner Opernfestspiele inszeniert, weshalb die Oper für Regie und Publikum eine Herausforderung ist und wie man das Warten auf der Bühne inszeniert.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2025 - Bühne

Bild: Stephan Röhl, CC BY-SA 2.0
Der große Theatermacher Claus Peymann, von 1999 bis 2017 Intendant des Berliner Ensembles, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Mit Peymanns Tod "geht eine Theater-Ära zu Ende", schreibt Christine Dössel in einem ersten Nachruf in der SZ, in dem sie an Skandale wie den Zahnspenden-Aufruf für die inhaftierte Gudrun Ensslin oder Peymanns Inszenierung von Thomas Bernhards "Heldenplatz" am Wiener Burgtheater erinnert: "Mit der ihm eigenen Großmäuligkeit stänkerte er gegen die Beschränktheit der Mächtigen, gegen die Ignoranten der Kulturpolitik, gegen 'Lebenszwerge' und Theateridioten. Er war ein Intendanten-Patriarch par excellence, als solcher nicht unumstritten. Er war aber auch der größte Liebhaber und Verfechter des Theaters, den man sich denken kann. Theater, sagte Peymann, brauche er wie die Luft zum Atmen."

"Unter den Stein, Flimm, Neuenfels, Zadek, Heyme aber war Peymann der Herzigste. Noch wenn er dem alten Stück eine politische Nase zu drehen versuchte, wies die Nase ins Glückliche, Heitere, gern auch Harmlose", erinnert sich Gerhard Stadelmaier in der FAZ: "In einem Mix aus Großmäuligkeit und Bubenköpfigkeit hat er es geschafft, den Stuttgartern, den Bochumern und den Wienern (den Berlinern allerdings nicht mehr) den Eindruck zu vermitteln, er spende ihnen den Segen eines völlig neuen Theaters als luziferischer Messias, der den Clown der Regie-Arbeiterklasse in sich transzendiert. Die Geschichte seiner Inszenierungen lässt sich eigentlich als ein einziger bunter Abend erzählen." Einen Eindruck von Peymann bekommt man in diesem Dlf-Kultur-Gespräch von 2015. Weitere Nachrufe in Standard und NZZ.

Wer verstehen will, was Theater mal für eine Bedeutung hatte, sollte einen Blick in Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" in Peymanns legendärer Inszenierung werfen. Besonders sehenswert die Beifallssequenz ab Minute 10.



Es ist ein Skandal, der Marlene Knobloch (Zeit) einiges über die Kunstfreiheit in der Provinz verrät: Im katholisch geprägten, von der CDU regierten Osnabrück wurden laut einer vom Bistum beauftragten Studie mindestens 400 Kinder und Jugendliche Opfer von sexueller Gewalt durch katholische Priester. Vor diesem Hintergrund erarbeiteten Regisseur Lorenz Nolting und die Dramaturgin Sofie Boiten gemeinsam mit einem der Missbrauchsopfer das Stück "Ödipus Exzellenz" über die Vertuschung der Missbrauchsvorfälle, zunächst genehmigt von Intendant Ulrich Mokrusch, denn dann aber ein "Vater unser" und eine Gottesdienstszene so sauer aufstießen, dass er drohte, das Stück abzusagen, resümiert Knobloch: "Später wird der Intendant ein Papier vorlegen, das die Künstler unterschreiben sollen, in dem sie versprechen, keine religiösen Symbole zu diskreditieren. Den Gottesdienst dürfe man 'probieren', allerdings unter Aufsicht. Die Künstler ihrerseits möchten die volle künstlerische Freiheit und Vertrauen zurückgewinnen, heißt konkret: die Erlebnisse und Diskussionen der letzten Tage in das Stück mit einfließen lassen. Als der Intendant Ulrich Mokrusch das hört, feuert er die Künstler." Stattdessen wird die neue Spielzeit in Osnabrück nun mit "Kunst" von Yasmina Reza eröffnen.

Besprochen werden Roland Schimmelpfennigs Nibelungen-Inszenierung "See aus Asche" bei den Wormser Festspielen (Zeit, mehr hier) und Bintou Dembélés Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus Ballettoper "Les Indes Galantes" beim Grange Festival in Glyndebourne (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.07.2025 - Bühne

Das Performance-Kollektiv LIGNA greift in ihrem gemeinsam mit der Studiobühne Köln erarbeiteten Stück "Cityrama 3" ein Projekt des Aktionskünstlers Wolf Vostell wieder auf: Wie Vostell im Jahr 1961 sucht die Gruppe mitsamt Publikum verschiedene Orte in Köln auf und reagiert auf Anweisungen, die per Kopfhörer eingespielt und in der Stadtgeschichte verankert sind. Anna-May Lohfeld war für die FAZ dabei und ziemlich angetan. Wobei die Performance-Teilnehmer einige Aspekte der Kölner Gegenwart dann doch nicht allzu genau kennenlernen wollten: "Unter einer Unterführung, die nach Urin riecht, verweilt die Gruppe nur kurz. Doch dieser Ort ist zentral für Vostells Kunstverständnis. Er war inspiriert von Marcel Duchamps Urinal, ein Alltagsobjekt, das der Künstler 1917 bei einer Ausstellung in New York einreichte. (…) Vostell ging einen Schritt weiter. (…) 1961 forderte er dazu auf, im Trümmergrundstück zu urinieren und an Freunde zu denken. Auch diese Anweisung ertönt bei LIGNA über die Kopfhörer. Manche in der Gruppe reagieren mit einem Lachen. Doch geht die Prozession rasch weiter. Vielleicht sind einige froh, dass LIGNA diese Hommage nicht allzu wörtlich nimmt."

Roland Schimmelpfennig © Manfred Werner - Tsui, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikipedia.
Björn Hayer porträtiert in der taz den Dramatiker Roland Schimmelpfennig, dessen Arbeiten derzeit viel gespielt werden. Was ist das Geheimnis dieses Erfolges? Man kommt ihm zum Beispiel im Stück "Der Kreis um die Sonne" aus dem Jahr 2000 auf die Spur, empfiehlt Hayer: "Auf einer großen Party ereignet sich ein regelrechter Clash der Emotionen. Auf der Tanzfläche wird gelacht, geheult, durchgehalten bis in die Morgenstunden, um ja nicht am eigenen Verlorensein zugrunde zu gehen. 'Angst hat kein Gesicht. Angst ist alles und nichts gleichzeitig, ein Schatten ohne Körper, ein Nebel.' Schimmelpfennig schafft es mit derlei pointierten Beschreibungen immer wieder, den Menschen (und damit uns alle) in seinem kosmischen Ausgesetztsein zu erfassen. Unabhängig von der Frage, ob seine Protagonist:innen gewaltsam und ignorant handeln, oder ob sie leiden und verdrängen, kommen sie nah an uns heran."

Weitere Artikel: Regisseur Milan Peschel und Schauspielerin Antje Trautmann senden auf nachtkritik einen Warnruf: Am Mecklenburgischen Staatstheater wird derzeit ein kulturpolitischer Kahlschlag vorbereitet. Trautmann und einige andere hat es bereits getroffen: Ihre Verträge werden nicht verlängert. Christian Gampert unterhält sich für die Zeit mit Ferdinand Schmalz, dessen "bumm tschak oder der letzte henker" bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wird. Im Standard wiederum spricht Christoph Irrgeher mit der Chefin der Festspiele, Lilli Paasikivi, über das Programm und gekürzte Fördergelder. Wolfgang Behrens widmet sich auf nachtkritik dem Themenkomplex Dramaturgie vs. Verwaltung.

Besprochen werden das von Andreas Gergen inszenierte Musical "Chess" an der Bühne Baden bei Wien (Standard; "die Stimmen sind oft zu zaghaft verstärkt") und Amala Dianors Straßentanzshow "Dub" im Volkstheater Wien (Standard; "Richtig spannend jedoch wird Dub erst durch einen entlarvenden Blickwinkel auf das Allzumenschliche", findet Helmut Ploebst, und zwar, weil das Stück auch als "kulturübergreifende Allegorie für Narzissmus und Eitelkeit" taugt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2025 - Bühne

Morgen beginnen die Bregenzer Festspiele. Im Backstage Classical-Interview mit Georg Rudiger erzählt die neue Intendantin Lilli Paasikivi, wie sie mit den großen Einsparungen umgeht, die auch hier angesetzt wurden und welche neuen Einflüsse zu sehen sein werden: "Mit der nordischen Perspektive kann ich etwas Neues mitbringen. Meine Heimat Finnland ist im Programm deutlich erkennbar. Es gibt finnische Dirigenten wie Hannu Lintu, der 'Oedipe' dirigieren wird, und Jukka-Pekka Saraste, der mit der Kullervo-Symphonie von Jean Sibelius ein Werk vorstellt, das auf dem finnischen Nationalepos Kalevala basiert. (...) Ich möchte die Bregenzer Festspiele gerne zu einem Festival der Gesangskunst machen. Auch Chöre werden eine Rolle spielen wie der YL Male Voice Choir, der in der Kullervo-Symphonie mitwirkt und in einem eigenen Konzert ein A-Cappella-Programm mit finnischer Chormusik präsentiert."

Weitere Artikel: In der FAZ ist Jürgen Kesting genervt vom hochtrabenden Ton der Programmankündigung für die Salzburger Festspiele. Gina Thomas hört sich ebenfalls für die FAZ auf dem englischen Sommeropernfestival in Garsington um. In der NZZ resümiert Christian Wildhagen die Intendanz von Andreas Homoki, der nach dreizehn Jahren das Zürcher Opernhaus verlässt. Besprochen wird Lucia Astigarragas Inszenierung von Händels "Giulio Cesare in Egitto" im Schlosstheater von Schwetzingen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2025 - Bühne

"See aus Asche". Bild: David Baltzer. 


Auch Roland Schimmelpfennig kann das Nibelungenlied in seinem Stück "See aus Asche" bei den Wormser Nibelungenfestspielen nicht neu erfinden, stellt Judith von Sternburg in der FR fest: Die Geschichte um Gunter, Brunhilde, Siegfried, Kriemhild und Hagen wird von Mina Salehpour inszeniert, "die den Mut hat, hier kein Spektakel zu veranstalten. Aber das Gegenteil von Spektakel ist dann, vor allem im zweiten Teil, ein Zu-Wenig von allem, ein lakonisches bis braves Zuendebringen. (…) Wie es bei anderer Gelegenheit in Romanadaptionen bis zum Verdruss durchexerziert wird, lässt auch Schimmelpfennig seine Figuren meistens eher erzählen als spielen. Vielleicht hat man das satt, kann es aber auch nachvollziehen. Die leicht öde postdramatische Distanz, die dadurch entsteht, entspricht der Vertrautheit mit dem Stoff."

Egbert Tholl sieht für die SZ erst einmal "eine Hügellandschaft aus 600 Tonnen Kies, die einen kleinen Teich umrahmt, und 180 billige, weiße Plastikstühle. Die Bühnenbildnerin Andrea Wagner denkt auch ökologisch, den Kies kann man leicht weiterverwerten, mit den Stühlen lassen sich zahlreiche Eisdielen ausstatten. Und zuvor, in der Aufführung, treffliche Dinge veranstalten. Nachhaltig ist auch Schimmelpfennigs Text: Er ist viel zu gut, um nicht von 'normalen' Theatern nachgespielt zu werden. (…) Gerade im ersten Teil ist das Tempo enorm, dabei bräuchten die vielen epischen Passagen mehr Hallraum, damit man vergegenwärtigen könnte, was da gerade erzählt wird. Im Kern ist das hier Kopftheater, da muss der Kopf auch mitkommen." Jakob Hayner bespricht das Stück für die Welt.

Peter Laudenbach macht in der SZ auf den Fall des Theaterintendanten Daniel Ris aufmerksam, der seinen Posten an der Neuen Bühne Senftenberg nach nur drei Jahren wieder räumen muss. In der Region erreicht die AfD Wahlergebnisse von bis zu 30 Prozent und Ris setzt sich entschieden für die Demokratie ein, was möglicherweise nicht allen passt - das Kulturministerium würde ihn gerne halten, hat aber keine Entscheidungsmacht bezüglich Personalentscheidungen: "Hier rächt sich eine echte Fehlkonstruktion. Das Kulturministerium trägt zwar mehr als die Hälfte der Zuwendungen des Theaters, hat aber bei Personalentscheidungen rein gar nichts zu melden. Im Zweifel kann der Landrat alles allein entscheiden. Die lokale AfD dürfte sich über seine Entscheidung freuen. Die Intendanten der Brandenburger Theater jedoch protestieren in einer gemeinsamen Erklärung gegen den Rauswurf ihres Kollegen, die sie 'mit Befremden und Erstaunen' zur Kenntnis nehmen."

Weiteres: Die FAZ unterhält sich mit Andreas Homoki, der nun nach 13 Jahren die Opernintendanz in Zürich an Matthias Schulz abgibt.

Besprochen wird "Von meiner Freiheit bis zu deiner Freiheit" von Milan Gather am Landestheater Tübingen, Regie führt Mirijam Kälberer (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2025 - Bühne

Anne Teresa De Keersmaeker und Solal Mariotte in "Brel". Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon


Der Tanz ist gerade eher auf der Höhe der Gegenwart als das Schauspiel, denkt sich Jakob Hayner in der Welt nach ersten Aufführungen beim Festival von Avignon. Anlass sind die rätselhafte Eröffnungschoreografie "Nôt" von Marlene Monteiro Freitas und Anne Teresa De Keersmaekers "Brel", "ein kosmisches Ereignis. Was bei 'Brel' zusammenkommt, ist kaum zu glauben: Chanson, moderner Tanz, Breakdance. ... Vielleicht ist der Tanz auch deswegen gerade im Theater tonangebend, weil er seine Utopie nicht aus der Sprache schöpft, deren Kraft als Sinnträger heute erschöpft scheint, zudem die geschichtlichen Zeichen mehr und mehr auf Abschied von der Schriftkultur stehen. Vor politischen Analphabetismus schützt das jedoch nicht, wie man in Avignon auch sehen kann: Während beim Schlussapplaus oft eine Kufiya oder palästinensische Flagge auftauchen, ist zum Beispiel von einem Zeichen der Solidarität für den in Algerien inhaftierten Boualem Sansal nichts zu sehen."

Die ganze "Bandbreite der durch und durch widersprüchlichen jüdischen Wagner-Rezeption" lernt NZZ-Kritiker Robert Jungwirth in der Ausstellung "Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven" kennen, die im Luzerner Richard-Wagner-Museum gezeigt wird: "Die Ausstellung zeigt, dass beispielsweise viele jüdische Musikerinnen und Musiker sich dessen ungeachtet für seine Kunst interessierten und auch engagierten. Wagner seinerseits hatte offenbar keinerlei Probleme damit, jüdische Künstlerinnen und Künstler für die Aufführungen seiner Opern in Anspruch zu nehmen. ... Beinahe bizarr mutet die Wagner-Begeisterung Theodor Herzls an. Der Begründer des politischen Zionismus schrieb 1895 an seiner visionären Schrift 'Der Judenstaat'. Zur Entspannung ging er dagegen abends gern in Aufführungen von Wagner-Opern."

Weitere Artikel: Katharina Granzin besucht für die taz in Athen das Medley "(Another) Winter Journey" in der Griechischen Nationaloper und eine "Turandot" im Herodeon ("die wohl beliebteste Spielstätte der Stadt überhaupt, belegt eindrucksvoll, dass privates Mäzenatentum sich in lang anhaltendem Nachruhm auszahlen kann. Herodes Atticus, der Stifter dieses ältesten noch erhaltenen antiken Odeon-Theaters, starb vor fast 2.000 Jahren, doch noch immer ist sein Name in aller Munde"). In der FR fragt sich Christian Thomas, warum eigentlich Goethes "Götz von Berlichingen" in diesem Bauernkriegsgedenkjahr nicht gespielt wird. In der SZ denkt Alexander Menden über das FlipFlop-Verbot an der Scala nach: Bekleidungsvorschriften dürften wenig fruchten, glaubt er: "Vielleicht lässt es sich in einer Epoche, in der vor allem für die Selbstfeier der größte äußerliche Aufwand betrieben wird, so erklären: Zieh dich für die Oper so an, wie du gerne auf den Insta-Fotos von der Hochzeit deines besten Freundes aussehen möchtest. Zeig Respekt!"

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Neudichtung der Nibelungen-Sage als "See aus Asche", inszeniert von Mina Salehpour bei den Nibelungenfestspielen Worms (nachtkritik), Mozarts "Zauberflöte", inszeniert als patriarchatskritischer Klassiker von Marielle Sterra und Dennis Depta in der alten Stasizentrale in Berlin (nachtkritik), Philipp M. Krenns Inszenierung des "Fliegenden Holländers" an der Oper im Steinbruch (nmz), Philipp Westerbarkeis' Bühnenspektaktel "Schiff der Träume" nach Fellini am Theater Regensburg (nmz) und Julian Warners Soloabend "Der Soldat", eine Hommage an Frantz Fanon, am Theater Rampe in Stuttgart (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2025 - Bühne

Szene aus Jeanne Candels "Fusées". Bild: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Reinhard J. Brembeck reist für die SZ trotz Flugstreiks bestens gelaunt zu den Festivals in Avignon und Aix-en-Provence, stellt aber eine nicht nur mit den Sparmaßnahmen begründete "Beschränkung der Mittel" fest: "Erleben derzeit Peter Brook mit seinem 'Empty Space' und Jerzy Grotowski mit seinem Armen Theater eine Renaissance? Sollte angesichts einer zunehmend digital aufrüstenden Welt das Theater mit digitaler Verweigerung reagieren, mit einer Rückkehr zu den ältesten, analogen Mitteln? Das wird in Jeanne Candels 'Fusées' (Raketen) auf die Spitze getrieben, das mit den einfachsten Mitteln und der hohen Kunst der Klamotte die Entstehung der Welt in fünf Minuten abhandelt und dann von zwei im All verloren gegangenen Astronauten erzählt, die von den Segnungen einer charmant weiblichen KI durchaus nicht profitieren könnten. Molière, der in Avignon so selbstverständlich präsent ist wie Montesqieu oder Beaumarchais, wäre heute zu solchen Frechheiten und Fourberien fähig, um die Menschlichkeit über Maschinen stellen."

Weitere Artikel: Wehmütig verabschiedet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung ein letztes Relikt aus der Castorf-Neumann-Ära der Volksbühne: Das Designstudio LSD (Last Second Design), das Bert Neumann zusammen mit seiner Frau Lenore Blievernicht gegründet hat und das für das Design der Volksbühne zuständig war, verlässt das Theater im Einvernehmen. Da die milliardenschwere Sanierung der Stuttgarter Oper erneut ins Stocken zu geraten droht, versucht die Stadt Stuttgart den für zehn Jahre geplanten Interimsbau günstiger zu machen, meldet die FR mit dpa.

Besprochen werden außerdem Jetske Mijnssens Inszenierung von Francesco Cavallis Oper "La Calisto" beim Festival in Aix en Provence (FAZ) und Ingrid El Sigais Inszenierung von Eduard Künnekes "Der Vetter aus Dingsda" an der Kammeroper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2025 - Bühne

Magec / the Desert, Radouan Mriziga, 2025 © Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Marc Zitzmann sendet der FAZ einen Zwischenbericht vom Festival d'Aix en Provence, wo ihn nicht nur eine Jacques Brel tanzende Anne Teresa de Keersmaeker umwirft, sondern auch einige der mehr als zehn Produktionen von Schöpfern aus Ägypten, dem Irak, Libanon, Marokko, Palästina, Syrien und Tunesien. Etwa das Stück des marokkanischen Choreografen Radouan Mriziga: Der "hat nach einem Aufenthalt in der Wüste mit sechs Tänzern das Stück 'Magec / The Desert' erarbeitet. In der Stille unter einem riesigen Vollmond steigt Weihrauchduft auf. Rätselgestalten schreiten über die dunkle Bühne - sind es Tiere, Menschen oder Dschinns? Im bleichen Himmelsgestirn quillt ein Atompilz auf, Erinnerung an französische Tests in der Sahara, dann verjagen Traumgesichte die apokalyptische Vision. Ein Hornvieh stampft auf den Boden, wälzt sich, muht; eine zweite Figur trägt eine Stammesmaske vor dem Gesicht und wiegt sich in den Hüften."

Zu den in einer VAN-Recherche erhobenen Vorwürfe zu mutmaßlicher Geldverschwendung an der Komischen Oper (unser Resümee) haben sich deren Ko-Intendanten gegenüber VAN bisher nicht geäußert, stattdessen wird über den eigens engagierten Anwalt Christian Schertz kommuniziert, informiert Hartmut Welscher: "Über Schertz lässt die Oper mitteilen, dass 'alle gesetzlichen und sonstigen Vorgaben peinlich genau eingehalten wurden, sodass unseres Erachtens bereits der Berichterstattungsanlass entfällt'. (…) Statt Kritik zu entkräften, versuchen Bröking und Moser, die Kritiker zu diskreditieren".

Weitere Artikel: Im Gespräch mit Axel Brüggemann (BackstageClassical), spricht Katharina Wagner über Sparmaßnahmen bei den Bayreuther Festspielen und fordert, dass "die Tarifsteigerungen zukünftig von den Gesellschaftern mitgetragen würden." In der Nachtkritik möchte Michael Bartsch wissen, ob Daniel Ris, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg das Haus trotz Erfolgs verlassen soll. Aber die Träger des Theaters, der Landkreis Oberspreewald-Lausitz und die Stadt Senftenberg geben keine Auskünfte zu ihren Beweggründen. Die US-amerikanische Opernregisseurin Lydia Steier übernimmt 2027 Leitung der Ruhrtriennale, meldet die FR mit EPD. Besprochen wird Christine Vogts Stück "Totenwache" im F2 Theater im Pflegewohnheim "Am Kreuzberg" (taz).