Szene aus "Ruslan und Ljudmila" an der Staatsoper Hamburg. Foto: Matthias Baus. Zwar ist Michail Glinkas Oper "Ruslan und Ljudmila" ein Märchen - ein Adventsstück für Kinder haben Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka aber in ihrer Inszenierung nicht daraus gemacht, warnt Jan Brachmann in der FAZ. Die Regisseurinnen bringen das Kunstmärchen nach Alexander Puschkin als Kritik am Patriarchat an der Staatsoper Hamburg auf die Bühne, es spielt sich größtenteils in U-Bahnschacht oder einer Schwulenbar ab - das ist alles nicht sehr originell findet der Kritiker. Ganz anders als die Musik von Michail Glinka: "Die hat ihrer Kühnheit wegen Geschichte geschrieben: Für die Welt des Zauberers Tschernomor verwendete Glinka erstmals die vollständige Ganztonleiter und griff damit 1842 voraus bis auf Claude Debussy; es gibt zwei Chöre im Fünfvierteltakt; das persische Lied weist den Weg zum Orientalismus von Alexander Borodin; die Tanzeinlage bei der Zauberin Naina nimmt die Ballette von Peter Tschaikowsky vorweg (...) Glinkas Oper ist ein Feuerwerk musikalischer Inspiration für die folgenden siebzig Jahre."
In der SZ sieht es Helmut Mauró anders. Das Stück ist die erste Oper in russischer Sprache und gilt deshalb als russische Nationaloper. Das unterlaufen die Regisseurinnen gekonnt, findet er: "Dass man sehr wohl politisch sein kann, ohne in jeder Szene mit plumpen Anspielungen hausieren zu gehen, zeigten die beiden Regisseurinnen eindrucksvoll. Es ist ein untergründiges Stück geworden - tatsächlich spielt es zum großen Teil in einer U-Bahn-Station -, in dem es vor allem um eines geht: Wie sich ein Machtapparat Schritt für Schritt zum Unterdrückungsregime entwickelt, der alles und jeden vernichtet, der aus der Reihe tanzt. Wie kulturelle Ambitionen gleichzeitig in den Untergrund gedrängt werden und eine Subkultur entsteht, die am Ende wiederum Opfer staatlicher Gewalt wird."
Weiteres: Tom Mustroph war für die taz beim Monolog-Festival im Berliner td. Besprochen werden Julie Grothgars Inszenierung von Valère Novarinas Stück "Das eingebildete Tier" am Theater an der Ruhr (FAZ) und die Choreografie "Gnawa" von Nacho Duato beim Tanzfestival Rhein-Main im Staatstheater Wiesbaden, getanzt von der São Paulo Dance Company (FR).
"Die Zauberformel von Zürich" am Zürcher Schauspielhaus, geschrieben und inszeniert von Stefan Kaegi von Rimini Protokoll, ist ein hochpolitisches (Vor-)Weihnachtsstück, lobtnachtkritikerin Valeria Heintges. Acht Kinder zwischen elf und vierzehn Jahren wollen die Welt verbessern: Sie "nehmen das Publikum mit auf eine (zuweilen etwas ausufernde) Parforcetour, vom Zürcher Pfauen zu den (Berufs-)Wunsch-Stationen jedes Einzelnen und am Schluss sogar ins Berner Bundeshaus. Lisa Zutavern etwa wünscht sich eine größere Wohnung für ihre Familie. Und so steigen sie ein ins Puppenhaus, ausgerüstet mit Bluescreen-Technik und Handykamera. Schauen in Zutaverns Wohnung und in die des Nachbarn (der bewohnt ganz allein sechs Zimmer!), um die Ursachen der Wohnkrise zu untersuchen. (…) Und lassen sich von Kuzma Ignatiev Kyiv zeigen, aus dem der vor drei Jahren nach Zürich geflohen ist. Nur um am Ende festzustellen, dass sich niemand um die Rettung der Gletscher, die Hilfe für Arme oder ein Ende des Krieges einsetzt. Also nehmen sie die Sache selbst in die Hand."
Besprochen werden außerdem Rachid Ouramdanes "Contre-Nature" auf dem Tanzfestival Rhein-Main (FR), "Die ganze Welt ist eine Bühne. Shakespeares Narren", ein Theaterabend mit Marian Kindermann am Neuen Theater Halle (FAZ), "Taxi nach Drüben" von Philipp Löhle am Theater Ulm (nachtkritik), die Doppelaufführung "Das eingebildete Tier" von Valère Novarina, inszeniert von Julie Grothgar, "Ein anderes Blau" von Charlotte Sprenger am Theater an der Ruhr (nachtkritik) und "Josephine Baker" von Monika Gintersdorfer und La Fleur, inszeniert von ersterer am Theater Freiburg (nachtkritik).
Yelizaveta Landenberger besucht für die taz Theater im ukrainischen Odessa und Mykolajiw, wo trotz Krieg immer noch gespielt wird. Und warum auch nicht? Man kann ja nicht immer weinen. In Mykolajiw steigt sie in den Untergrund, dort "steht an diesem Tag eine französische Komödie auf dem Programm, 'Tout payé!', 'Alles ist bezahlt', von Yves Jamiaque. Die Stimmung ist gelassen. Die Zuschauer sind allerdings froh, dass die Luftangriffe dem Theaterabend hier im Schutz der stickigen, aber gemütlichen 'Luftschutz-Bühne' nichts anhaben können. Einmal schon wurde das Theater zum Ziel: Am 22. September 2022 schlug nachts eine S-300 Rakete im Hof des Gebäudes ein ... Obwohl das Geschoss glücklicherweise das Gebäude selbst verfehlte, war der Schaden enorm: Fenster, Wände und Spiegel zerbrachen, Möbel, Computer, Nähmaschinen wurden zerstört, Kostüme beschädigt. Eine im Hof aufgestellte Bacchus-Skulptur verlor beide Arme. In diesem Zustand steht sie noch heute da, als Mahnmal des Krieges."
Auch im Kosovo wird Theater gespielt - ohne die Zivilisten zu vergessen, die serbische und jugoslawische Einheiten 1998 ermordeten, aber auch als Projekt der Versöhnung, berichtet Jakob Hayner in der Welt. "Es ist nicht zu verlangen, dass das Theater die Wunden der Gewalt heilen könnte. Aber vielleicht kann es in Erinnerung rufen, dass es Wege aus der Gewalt gibt. Inspiration hat [der Dramatiker Jeton] Neziraj mit seinem neuesten Stück 'Under the Shade of a Tree I Sat and Wept' in Südafrika gefunden - und in der Geschichte des Kosovo. Es geht um die Wahrheits- und Versöhnungskommission nach der Apartheid in Südafrika und eine Kampagne gegen Blutfehden unter albanischen Familien aus dem Jahre 1990. Zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit, Gewalt einzuhegen. Und auch zwei Beispiele für die Zukunft?"
Weitere Artikel: In der Welt kann Manuel Brug nicht verstehen, dass dem 2012 verstorbenen Hans Werner Henze bereits das Vergessen droht: In München spielte man kürzlich immerhin noch seine "Englische Katze". Aber anderswo? Flaute. "Besonders übel stößt es freilich in Berlin auf, auch lange ein Henze-Hot-Spot. Kein einziges der drei Musiktheater erinnert an ihn". In der FAS porträtiert Wiebke Hüster den Performancekünstler, Choreografen und Tänzer Michael Laub, dessen neue Arbeit "Snapping 2025/Snap Dance" dieses Wochenende beim "S'Art Urban Art Festival" in Battambang in Kambodscha zu sehen ist.
Besprochen werden das Tanzstück "Glitz" von Sebastian Weber und Company beim Tanzfestival Rhein-Main in Wiesbaden (FR), das Berliner Festival Theater der Dinge (taz), Holle Münsters und Anna von Haeblers Adaption von Natalia Ginzburgs Roman "Alle unsere Gestern" am Berliner Ballhaus Ost (nachtkritik) und Marie Schwesingers und Lukas Nowaks Adaption von Anna Seghers' Roman "Transit" im Werkraum am Berliner Ensemble (taz).
Szene aus Florian Lutz' "Aida" in Kassel. Foto: Sylwester Pawliczek Für die Zeit sieht sich Christine Lemke-Matwey "Das Wunder von Kassel" genauer an. Die Stadt hat es in nur fünfzehn Monaten geschafft, eine Interimsspielstätte für ihr baufälliges Staatstheater zu errichten. Nun kann es für den neuen Intendanten Florian Lutz losgehen, der hier eine ganz neue Form des Theaters schaffen will - Stichwort "Partizipation" und "Theater des Erlebnisses", erklärt die Kritikerin. Bei seiner Aida-Inszenierung, die auf einem Kreuzfahrschiff spielt, ist das für die Kritikerin noch nicht so ganz geglückt: "Bevor man sich richtig fragen kann, ob es eine gute Idee ist, die Kunst zu verzwergen, indem man sie ins Korsett einer notorisch galoppierenden Realität presst ('Stadtbild'-Debatte inklusive), sinkt der Vergnügungsdampfer. Krieg? Havarie? Radames und Aida irren fortan mit Taschenlampen übers nachtschwarze Bühnenbaugerüst, und würden einen ihre Lichter nicht so hart blenden, das Finale besäße wohl - Poesie. So aber, mit schmerzenden Augäpfeln, saust doch bloß das alte Holzhämmerchen hernieder: Glotzt nicht so romantisch, ihr saturierten, kriegslüsternen Kulturbürger!"
Szene aus "Kunst der Fuge". Foto: Camilla Winther Man möchte nach Wiebke Hüsters FAZ-Kritik gleich nach Kopenhagen reisen, wo der ehemalige Direktor des Bolschoi Balletts, Alexej Ratmansky, das Königlich Dänische BallettJohann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge" tanzen lässt. Dabei will weder die Musik noch der Tanz Ratmanskys Geschichten erzählen, so Hüster: "Es solle aussehen, als erzeugten die Bewegungen die Musik, hat der Choreograf dem Ensemble nahegelegt. Und so fühlt es sich tatsächlich an, während man diesem historisch unterfütterten, evokativen Ballett folgt. (…) Die Welt und ihre beunruhigenden Zustände finden hier zwar keinen eindeutigen Eingang in das Theater. Es ist aber eine Kunsterfahrung, die auf dem Dennoch besteht, darauf, dass es wichtig ist, an der Fähigkeit des Menschen zum Erschaffen von Schönheit festzuhalten. Dass es ein Spiel ist, heißt nicht, dass es den Menschen nicht daran erinnert, was Harmonie, was Frieden, was Leichtigkeit des Seins ist, wie es sich anfühlt, mit anderen im Einklang zu sein oder sich getragen und gehalten zu wissen, wie es etwa die schönen Duette demonstrieren."
Weitere Artikel: In der nachtkritik erinnert Atif Mohammed Nour Hussein an den 4. November 1989, als Theaterleute, darunter Christoph Hein, Christa Wolf und Heiner Müller, die größte nichtstaatliche Demonstration in der DDR organisierten. Wirklich glücklich wird Bernd Noack in der NZZ nicht, wenn Regisseur Tom Kühnel im Hamburger Thalia Theater unter dem Titel "Denken in finsteren Zeiten" und Regisseurin Theresa Thomasberger im Berliner Deutschen Theater unter dem Titel "Die drei Leben der Hannah Arendt" nach der Graphic Novel von Ken Krimstein das Leben der Philosophin auf die Bühne bringen: "Beide Stücke kranken dabei auf ganz unterschiedliche Weise an der Tatsache, dass die sich auftürmenden Gedankengebilde einer der größten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts als Monologe oder Dialoge wiedergegeben nur verhallen."
Besprochen werden außerdem das Stück "Rave Lucid" der Kompanie Mazelfreten beim Tanzfestival Rhein-Main (FR) und das Tanzstück "All Our Stories" von Thomas Noone am Theater Osnabrück, bei dem das Symphonieorchester Suiten des syrischen Komponisten Kinan Azmeh spielt (taz).
Szene aus "Boris Godunow" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller Ob der Zar Boris Godunow den jüngsten Sohn Iwans des Schrecklichen nun ermordet hat oder nicht - darauf gibt es auch in Alexander Puschkins Drama "Boris Godunow" oder in der darauf basierenden Oper von Modest Mussorgski keine Antwort, erklärt Jan Brachmann in der FAZ. Überhaupt interessieren sich Regisseur Keith Warner und Bühnenbildner Kaspar Glarner nicht für eine konkrete Zeit. Die Handlung könnte im 17. Jahrhundert spielen oder im frühen 20., so Brachmann, "die Gemengelage aus Brutalität, Okkultismus ... und massenpsychotischer Rohheit ist zeitlos". Dennoch gibt es "starke Bilder", lobt der Kritiker. Großartig findet er insbesondere "die zwei letzten Bilder, wenn zunächst Boris in einem riesigen schwarz-silbernen Fabergé-Ei (das zugleich das Seelen-Ei des unsterblichen Koschtschej aus dem russischen Volksmärchen sein könnte) auf dem Thron sitzt, bis dann im Volksaufruhr nach seinem Tod die ganze Bühne voller großer Vogeleier ist."
Auch musikalisch ist das interessant, versichert Judith von Sternburg in der FR, denn die Inszenierung beruht auf einer Überarbeitung der Oper durch Dimitri Schostakowitsch: "Schostakowitsch gibt Schostakowitsch-Schlagwerk, -Xylophon, -Glockenspiel dazu, schärft die Musik leicht an. Dass die Oper Frankfurt damit gewissermaßen eine Rarität aufführt und sich viereinhalb Stunden dafür nimmt (mit zwei Pausen), muss auch niemanden beunruhigen. Das Grundmaterial ist das vertraute. Es gewinnt aber mehr Kontur, einen Hauch von 'Lady Macbeth von Mzensk' in den besonders bösen und annähernd grellen Szenen, und GMD Thomas Guggeis arbeitet das mit dem Opern- und Museumsorchester auch herausragend feinsinnig, feinliniert heraus."
Weiteres: SZ, FAZ und NZZ berichten über die ukrainischen Proteste, die Anna Netrebkos Auftritt als Donna Leonora in Giuseppe Verdis "La forza del destino" an der Oper Zürich begleiteten. Katrin Bettina Müller war für die taz auf dem "inkl.Festival" im Deutschen Theater Berlin unterwegs. Besprochen werden Elle Sofe Saras Choreografie "Láhppon/Lost" am Norwegischen Nationalballett (FAZ), Yana Eva Thönnes Inszenierung von Heinrich von Kleists "Zerbrochner Krug" am Theater Freiburg (FAZ) und Antú Romero Nunes' Inszenierung von "Was ihr wollt" am Berliner Ensemble (SZ).
"Das große Heft." Foto: Armin Smailovic. "Eine schrecklich grandiose Aufführung", ruftNachtkritiker Martin Krumbholz, hingerissen von Jette Steckels Adaption von Ágota Kristófs Roman "Das große Heft" am Schauspielhaus Bochum. Es geht um "Zwei Heranwachsende, Zwillinge, im Krieg. Es ist der Zweite Weltkrieg, und es ist Ungarn, aber nicht einmal das teilt Ágota Kristóf in ihrem Text mit, der auf Französisch geschrieben und aufs Äußerste reduziert ist, spartanisch karg, man möchte fast sagen: brutal." Fünf Schauspieler spielen die Zwillinge, ihre Großmutter, ein Nachbarsmädchen, den missbrauchenden Pfarrer, Figuren, die durch Kargheit und Gewalt geprägt sind: "Wichtige Rollen in dieser schrecklichen und schrecklich grandiosen Aufführung spielen aber auch die Lichtregie, die genau gesetzten Lichtschneisen, die die Bühne (Florian Lösche) scharf illuminieren, sowieso die Livemusik, Schlagwerk und (teils elektronisch verstärkte) Violine (Matthias Jakisic, Karsten Riedel). Das Licht ist (oft) grell, die Musik (oft) laut, beides unterminiert jede Form von Sentimentalität, von Einfühlung. Wenn es im heutigen Theater ein Pendant zur Brecht'schen Ästhetik gibt, dann in dieser Inszenierung."
Das Nachbarsmädchen, das von allen Hasenscharte genannt wird, beeindruckt Hubert Spiegel in der FAZ in dieser überzeugenden Inszenierung ganz besonders: Gespielt von Risto Kübar zieht sie "sich eine Strumpfmaske übers Gesicht und bewegt sich rücklings auf allen Vieren vorwärts, mit den weit gespreizten Beinen voran. In dieser Fortbewegungsweise ist die ganze Figur enthalten, in einer Geste, in der Unterwerfung, Selbsterniedrigung und das Betteln um Zuwendung im Gewand sexueller Verfügbarkeit zusammenfallen. Und zugleich weist die Obszönität dieser Geste unweigerlich zurück auf diejenigen, denen sie gilt."
Weiteres: Chris Schinke nimmt für die taz am Programmschwerpunkt "Wohin jetzt?" an den Münchner Kammerspielen teil, der sich mit jüdischem Leben in München beschäftigt. Besprochen werden Antú Romero Nunes' Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" am Berliner Ensemble (FAZ, Nachtkritik), das Geistermusical "Grand Finale" von Philipp Stölzl, Christoph Israel und Jan Dvořák am Theater Basel (Nachtkritik), Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" am Volkstheater Wien, inszeniert von Johanna Wehner (Nachtkritik), "Goodbye Berlin" von Constanza Macras und dem Ensemble Dorky Park an der Berliner Volksbühne (taz, Monopol, SZ), Christian Stückes Inszenierung von "Appropriate" von Branden Jacob-Jenkins am Münchner Volkstheater (SZ), Wagners "Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Michael Thalheimer an der Deutschen Oper Berlin (Tagesspiegel) und Marlon Tarnow Inszenierung von Joe Ortons "Seid nett zu Mr. Sloane" am Staatstheater Darmstadt (FR).
Szene aus "Goodbye Berlin". Foto:Thomas Aurin Zum Abschied inszeniert die scheidende Choreografin Constanza Macras an der Volksbühne das Stück "Goodbye Berlin", freilich nach Christopher Isherwoods Roman "Good bye to Berlin", weißNachtkritikerin Gabi Hift, die trotz Tanznummern von barfüßigen Nymphen, akrobatischenOhrfeigenorgien und düsteren Technosounds nicht ganz glücklich mit der Inszenierung wird, denn "von der Faszination, die vom Vergnügungsfieber der Weimarer Republik ausgeht, erwischt er nur einen kleinen Zipfel. Alles hat einen mild ironischen touch. Die bei Isherwood so schillernd gezeichneten Figuren sind bloße Karikaturen. Von der Gier nach Ekstase, der grellen Grausamkeit, der erschreckenden Groteske bleibt beim Nachtanzen der Nummern von damals nur mittelprächtiges Amüsement. Woran liegt das? Vielleicht ist die Truppe zu sehr fixiert auf die Parallelen zum heutigen Berlin. Zu sehr darauf aus zu mahnen, dass wir auf eine ähnliche Situation wie damals zusteuern."
Ähnlich urteilt Tobi Müller bei monopol: "Noch sehen wir historische Choreografie der Ausdruckstänzerin Mary Wigman, schon ist von Leni Riefenstahl die Rede, da dreht sich schon das Drehbühnenelement und auf der Rückseite turnen Tänzerinnen in Fetisch- und SM-Lederzeug zu hartem Techno. Diese Szene wiederholt diese Drehung viele Male, damit auch der letzte merkt: Oh, Kunst und Faschismus, ein Problem, und tragen die sexpositiven Berliner Clubs wie Kit Kat oder Berghain daran sogar eine Mitschuld?"
Weitere Artikel: Seit Shermin Langhoffs Intendanz am Berliner Maxim Gorki Theater sind die deutschen Ensembles diverser geworden, stellt Eva Behrendt in der taz erfreut fest. Aber gilt das auch für Besetzungen in Kino, Fernsehen und Streamingdiensten, will Behrendt unter anderem von der Berliner Casting-Direktorin Suse Marquardt wissen, die allerdings betont, zunehmende Diversität läge weniger am Gorki-Theater als daran, "dass sich seit den 1990er und nuller Jahren immer mehr Menschen aus Migrationsfamilien in entsprechenden künstlerischen Ausbildungen und Berufen etablieren." Für den Tagesspiegel porträtiert Sandra Luzina den spanischen Choreografen Marcos Morau, dessen Stück "Wunderkammer" gestern im Schillertheater Premiere feierte. Für die Welt trifft sich Boris Pofalla mit der Schauspielerin Bibiana Beglau, die derzeit als "Tartuffe" in einer Inszenierung von Barbara Frey auf der Bühne steht.
Besprochen werden außerdem der Auftakt des zehnten Tanzfestival Rhein-Main in Darmstadt (FR), eine Gedenkveranstaltung im Frankfurter Schauspielhaus, die an die Bühnenbesetzung einer jüdischen Gruppe erinnert, die 1985 anlässlich der dort geplanten Uraufführung von Rainer Werner Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" stattgefunden hat (FR), Wilfried Fiebigs Stück "Von Troja nach Gaza" am Frankfurter Gallustheater (FR), Antú Romero Nunes' Shakespeare-Inszenierung "Was ihr wollt" am Berliner Ensemble (nachtkritik), Johnanna Wehners Schnitzler-Inszenierung "Traumnovelle" am Wiener Volkstheater (nachtkritik) und "Rabatz! ein komischer Abend von Herbert Fritsch und Ensemble" am Schauspielhaus Köln (nachtkritik).
Szene aus "Call me Paris". Foto: Philip Frowein Beklemmung wird bei Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl schon allein durch die XL-Versioneines Barbiehauses hervorgerufen, das die Regisseurin Yana Eva Thönnes für ihr Stück "Call me Paris" auf die Bühne der Berliner Schaubühne hat bauen lassen. Ansonsten aber fragt sich die Kritikerin, was Thönnes genau will mit ihrem Stück, das das 2004 veröffentlichte Sex-Tapevon Paris Hilton zum Ausgangspunkt nimmt, um in einer "bewusst redundantenTrauma-Erfahrungs-Struktur abendfüllend" den Missbrauch zu erinnern: "Anhand der beiden konkreten Missbrauchserfahrungen sollen nicht nur die frühen Nullerjahre exemplarisch als das 'letzte ungebrochen misogyne Jahrzehnt' vorgeführt werden. Sondern auch die Image-Produktion, -vermarktung und -verwertung in der Frühzeit des Internets, in der der eigentlich alte Hut von der 'Macht der Bilder' plötzlich eine völlig neue Dimension bekommt, ist irgendwie Thema."
Weniger ratlos als genervt ist indes Nachtkritiker Christian Rakow, auch weil ihm die Inszenierung so platt erscheint: "Sobald ein Mann die Szene betritt, egal ob als Vater, Lover oder whatever, entpuppt er sich als versoffenes Schwein oder als Porno guckendes Schwein. Jedenfalls als Schwein. Das macht die Handlung redundant. Soll aber fraglos genau so sein. Quälend, monoton, bleiern. Das Unbehagen an der voyeuristischen Teilhabe, die dem Publikum dabei aufgenötigt wird, ist Teil der Pointe. Zu welchem Zwecke, bleibt jedoch offen." Deutlich positiver urteilt Claas Oberstedt auf Zeit Online: "Das Stück kehrt nicht nur das persönlich Abgestoßene hervor: Thönnes verknüpft das Persönliche mit den popkulturellen Vorstellungen der Nullerjahre, legt die misogynen Alltäglichkeiten einer Zeit offen, die fortwirken, aber in ihrer Bedeutung abgewehrt bleiben."
Weitere Artikel: Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons gratuliert der Schauspieler Jens Harzer dem Theaterregisseur und langjährigen Intendanten der beiden Münchner Theater, Dieter Dorn, zum Neunzigsten. In der SZ gratuliert Christine Dössel. Für die FR spricht Judith von Sternburg mit dem Frankfurter Generalmusikdirektor Thomas Guggeis über die Arbeit an Modest Mussorgskis Riesenoper "Boris Godunow", die im November in der Inszenierung von Keith Warner an der Frankfurter Oper Premiere feiern wird. Besprochen wird außerdem Paul-Georg Dittrichs Inszenierung von Wagners "Ring" an der Oper Köln (FR).
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