Szene aus "Antichristie". Foto: Birgit Hupfeld "Niemand verlässt diese dreistündige Inszenierung, ohne über die genozidale Kolonialgewalt dazugelernt zu haben", versichert Benjamin Trilling (taz) nachdem er Kieran JoelsBühnenadaption von Mithu Sanyals Roman "Antichristie", der vom indischen Unabhängigkeitskampf auf zwei Zeitebenen erzählt, am Schauspielhaus Dortmund gesehen hat: "Scharfe Reißzähne ragen aus dem Maul dieses Königstigers, der überdimensional auf der Bühne thront, verziert mit glitzernden Lianenvorhängen. Wohl für den Glamourfaktor dieses Showgenres: It's Quiztime. Und so treten die Beteiligten aus dem Raubtierrachen heraus und versammeln sich um einen Buzzer zu einer postkolonialen Neuinszenierung eines TV-Formats, in dem das Wissen über die Geschichte fragmentarisch und eurozentrisch durchgespielt werde. Eine der Fragen: Wie viele Inder:innen starben während der britischen Kolonialherrschaft? Die Antwort: hundert Millionen Menschen."
Im Jahr 2015 hatten sich sieben Spielstätten der Freien Szene in Deutschland zum Bündnis internationaler Produktionshäuser zusammengeschlossen, unter anderem ermöglichte es viele internationale Koproduktionen. Nach zehn Jahren streicht der Bund dem Bündnis die Förderung. Die Nachtkritik hat mit den drei Intendantinnen Carena Schlewitt, Annemie Vanackere und Anna Wagner über die Folgen gesprochen. Wagner erklärt: "Das ist wie ein Schneeballeffekt: Wir können für Künstler*innen, die wir seit Jahren begleiten und die in teils bedrohten Kontexten arbeiten, wie etwa Lia Rodrigues aus Brasilien, Eisa Jocson von den Philippinen oder die israelische Choreographin Yasmeen Godder, keine verlässlichen Partner mehr sein. Das Wegfallen unseres Engagements destabilisiert ihre Arbeit noch mehr. Auch die für den Mousonturm zentrale Arbeit mit Künstler*innen mit Behinderung, die wir durch das Bündnis anstoßen und weiterentwickeln konnten, ist gefährdet."
Derweil berichten Imke Baumann und Felix Koch vom Berliner Spielplan Audiodeskription", der Oper und Theater einem blinden Publikum zugänglich macht, im taz-Gespräch, wie die Kürzungen im Kulturetat ihrem Projekt schaden.
Besprochen wird außerdem Martin Grubers Stück "SPEED (kills content)" am Wiener Aktionstheater (nachtkritik).
1500 Theaterleute, darunter die Regisseurin Angela Richter, warfen dem Dramaturgen Bernd Stegemann 2021 in einem offenen Brief Rassismus vor. Richter hat sich bei Stegemannn entschuldigt, im Welt-Gespräch mit Jakob Hayner pflichtet sie ihm nun bei, dass die künstlerische Freiheit durch "moralische und ideologische Regeln" begrenzt werde: "Ich beobachte einen freiwilligen und vorauseilenden Gehorsam im Theater." Stegemann sekundiert: "Der Neoliberalismus hat uns die interessante Figur des 'Unternehmers seiner selbst' eingebrockt. Wer erfolgreich sein will, muss sein eigener Herr und Knecht sein. Im woken Theater bedeutet das vor allem, sein eigener Tugendwächter zu sein. Die Selbstkontrolle wird durch das Einschüchterungspotenzial moralischer Gemeinschaften gesteigert. ... Und deswegen haben Gesellschaften üblicherweise eine ethische Aufsichtsinstanz, die sagt: Ihr müsst aufpassen, dass ihr mit dem Mittel der Moral nicht unmoralisch handelt!"
Christine Dössel kann in der SZ indes nur den Kopf schütteln über die Blackfacing-Debatte, die ausgelöst wurde durch ein nachtkritik-Interview mit der Regisseurin Isabelle Redfern, die dem Hamburger Schauspielhaus "bewusste Herabsetzung" vorwarf (unser Resümee). Dennoch fragt auch Dössel: "Ist das Stück 'Othello' angesichts heutiger Be- und Empfindlichkeiten überhaupt noch spielbar? Natürlich. Es ist nur nicht mehr unreflektiert spielbar. Neben der Besetzung mit einem schwarzen Schauspieler oder einer Schauspielerin praktizieren viele Theater Modelle wie Mehrfachbesetzungen, kollektive Textarbeit, postkoloniale Dekonstruktionen oder das sogenannte Color-blind Casting, bei dem die Besetzung nicht nach Aussehen und Ethnizität erfolgt, sondern nach Talent und Eignung. Umgekehrt gibt es das Color-consciousCasting, das Herkunft ganz bewusst thematisiert." In der nachtkritik kann sich Janis El-Bira indes nur wundern, mit welcher Leidenschaft Jürgen Kaube (FAZ) und Peter Kümmel (Zeit) die angesprochenen Inszenierungen verteidigen.
Weitere Artikel: Von MeToo-Vorwürfen am Théâtre du Soleil in Frankreich, berichtet Marc Zitzmann in der FAZ: In der Pariser Onlinezeitung Mediapart werfen acht Frauen zwei langjährigen Mitglieder der Truppe von Ariane Mnouchkine unter anderem sexuelle Gewalt vor.
Besprochen werden die Ballet Brilliance Gala in der Jahrhunderthalle in Frankfurt (FR), Anita Vusicas Inszenierung von Stanislaw Lems Essay "Eine Minute der Menschheit" am Deutschen Theater in Berlin (taz, FAZ, mehr hier), Yana Eva Thönnes' Inszenierung von Kleists "Der zerbrochene Krug" am Theater Freiburg (taz) und Franz Hilbrichs Inszenierung der "Sissy" von Fritz Kreisler am Theater Bremen (FAZ).
1983 veröffentlichte der polnische Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem seinen Prosatext "Eine Minute der Menschheit", in dem er eine fiktive Buchrezension über einen nicht existierenden Big-Data-Band verfasste. Anita Vulesica geht am Deutschen Theater in Berlin das Wagnis ein, den Text auf die Bühne zu bringen und Nachtkritikerin Elena Philipp staunt, wie gut das gelingt: "Den inneren Disput, welchen in Lems Kurzprosa der fiktive Rezensent mit sich selbst führt, verteilt sie in ihrer mit der Dramaturgin Lilly Busch entstandenen Theaterfassung auf die schrägen Figuren einer Diskussionsrunde beim '76. Weltkongress für Zukunde und Temporistik'. (…) Gedankliche Positionen aus Stanisław Lems Vorlage werden in den hitzigen Dialogen kontrastiert. Gemäß Anita Vulesica-Stil geschieht das in Form einer musikalisch getimten Humoreske."
Auch Christine Wahl amüsiert sich im Tagesspiegel mit der Inszenierung, nur Peter Laudenbach schimpft in der SZ: "Vulesica, eine auf absurde Komik spezialisierte Regisseurin, interessiert sich weniger für Lems Gedankenexperiment und die darin gelegte Tech-Dystopie, hinter tausend Daten keine Welt. Stattdessen inszeniert sie eine klamaukige Literaturbetriebssatire. In ihrem literarischen Sextett mühen sich sechs durchgedrehte Kasperfiguren in einer Kultur-Talkshow mit einer Besprechung des Buchs über die Menschheitsminute."
Weitere Artikel: Ein KulturboykottallesRussischen hat sich zum Glück nicht durchgesetzt, atmet Manuel Brug in der Welt auf. Russen inszenieren, werden inszeniert und stehen auf der Bühne: "Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind die meist (und bis heute) exzellent ausgebildeten osteuropäischen Sänger international im Kommen. Erst wurden die dramatischeren Stimmen in italienischen Opern unentbehrlich, inzwischen gibt es Belcanto-Spezialisten, Countertenöre." Arno Widmann macht sich in der FR Gedanken nach Milo Raus Inszenierung der "Seherin" an der Berliner Schaubühne über Empathie.
Besprochen werden außerdem Carolin Millners Inszenierung "Ich bin kein Fall: die Leben von Anna O., Bertha Pappenheim und P. Berthold" im Produktionshaus Naxos in Frankfurt (FR), Rossinis "La Cenerentola" in einer Inszenierung von Stephanie Kuhlmann am Staatstheater Mainz (FR), Anna-Sophie Mahlers "Requiem für eine marode Brücke" im Kolumba-Museum in Köln (SZ), Luca De Fuscos Inszenierung "Samstag, Sonntag, Montag" von Eduardo De Filippo am Teatro Argentina in Rom (FAZ), Mateja Koležniks Inszenierung von Kleists "Der zerbrochne Krug" im Münchner Cuvilliéstheater (FAZ, Welt) und "KI essen Seele auf (ORPHEAI)" von Thomas Köck, inszeniert von Mateja Meded am Schauspiel Stuttgart (taz).
"Let Them Eat Chaos" am Deutschen Theater. Foto: Thomas Aurin.
Kae Tempests Langgedicht "Let Them Eat Chaos" wird am Deutschen Theater Berlin von Sebastian Nübling inszeniert, Eva Behrendt sieht für die taz die nachtwandelnden Bewohner einer Londoner Straße über eine Bühne gehen, die an eine riesige Dunstabzugshaube erinnert. Die geschriebene (und auch als Album mit musikalischen Einsprengseln erschienene) Variante des Gedichts gefällt ihr zwar besser als die gespielte, aber die Botschaft kommt rüber: "Auch wenn die apokalpytischen Reiter es namentlich nicht in die Inszenierung geschafft haben, hat Kae Tempest mit 'Let them eat Chaos' doch schon fast alles abgesteckt, was uns 2025 umtreibt: der Niedergang des Westens, die Dämonen der kolonialen Vergangenheit, die Ausdehnung des Neoliberalismus bis in die letzten Winkel des digitalen Medienkonsums. Die Wolfsstunde hat sich breitgemacht - auch wenn das Theater hier dafür noch keine überzeugenden Bilder gefunden hat."
Und nochmal zur Debatte um Blackfacing bei Othello-Inszenierungen, aus denen beim 125. Geburtstag des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg Bilder gezeigt wurden (unser Resümee). In der FAZ meldet sich Jürgen Kaube zu Wort und gibt einen Vortrag des ersten schwarzen Schauspielers zu bedenken, der Othello gespielt hat, Hugh Quarshie: "Ein schwarzer Schauspieler, heißt es darin, verstehe die Rolle nicht besser als ein Däne Hamlet. Schauspieler geben fast immer jemanden, der sie nicht sind, und spielen fast immer etwas, das in jedem steckt. Den Othello Schwarzen zu reservieren, riskiere die Aussage, es sei etwas an den rassistischen Stereotypen dran. Umgekehrt sei es kein herabsetzendes Blackfacing, wenn ein Weißer den Schwarzen spiele, sondern ein Hinweis darauf, dass ein Weißer einen Schwarzen verkörpern kann. So wie ein Schwarzer einen Weißen. So wie eine Frau einen Mann und umgekehrt, so wie ein Arbeiterkind einen Adligen und umgekehrt, so wie ein Einheimischer einen Fremden und umgekehrt. Man nennt es spielen."
Peter Kümmel schließt sich diesem Tenor in der Zeit an und gibt den Kontext von einer der beanstandeten Inszenierungen von Peter Zadek zu bedenken: "Zadeks Othello enthielt eine Aggression, die nicht rassistisch geladen war, sondern die Verlogenheit des Nachkriegsbildungsbürgertums aufstören sollte: Sie zielte nicht gegen das Fremde, sondern nach innen, gegen das Eigene. Zadeks Othello, der wild bemalte Ulrich Wildgruber, gab, indem er die weiße Frau, Desdemona, umarmte, immer mehr Farbe an sie ab - je weniger fremd er uns wurde, desto fremder wurde sie, die weiße Person. Eine Ahnung von all dem hätte man dem Publikum von heute vermitteln sollen. Man hat es stattdessen, in dieser Gala, als lustige Kuriosität vorbeirauschen lassen."
Der britische Dramatiker Tom Stoppard ist tot, er wurde 88 Jahre alt. Sebastian Borgner findet für den Standard Trost "in einem der unsterblichen Sätze, die der Dramatiker der Nachwelt hinterlässt: 'Jeder Ausgang ist ein Eingang irgendwo anders.' Das Zitat stammt aus 'Rosenkranz und Güldenstern', jenem Bühnenstück, mit dem Stoppard 1966 auf einen Schlag berühmt wurde. Im Stile Samuel Becketts machte der Autor darin die beiden Nebenfiguren aus Shakespeares Hamlet zu Protagonisten. Der englische Nationaldichter begleitete Stoppard durch sein Berufsleben, für die Mitarbeit am Drehbuch für Shakespeare in Love erhielt er 1998 den Oscar. Sein Stil aber war ganz eigen - so besonders, dass 'stoppardian' 1993 ins Oxford English Dictionary aufgenommen wurde, Synonym für witzige Eloquenz und intellektuelle Tiefe." Als kleines Kind musste er mit seiner jüdischen Familie aus Tschechien emigrieren: "Stoppard war längst erwachsen und erfolgreich, ehe er seine verschlossene Mutter auf ihr Leben in Zlín ansprach und seine Herkunft erforschte." Weitere Nachrufe in SZ, FAZ, Tagesspiegel, Zeit. Im Guardianschreiben Claire Armitstead und Chris Wiegand.
Weiteres: Am Theater Magdeburg geht die Diskussion um das Stück über den Anschlag am Weihnachtsmarkt (unser Resümee) erbittert weiter (taz).
Besprochen werden: Barrie Kosky inszeniert Nikolaj Rimski-Korsakows "Die Nacht vor Weihnachten" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ, SZ), Kleists "Der zerbrochne Krug" unter der Regie von Mateja KoleznikMartina Eisenreich (SZ), und Axel Ranisch inszenieren Johann Strauß' "Aschenbrödels Traum" an der Wiener Volksoper (Standard), Giuseppe Tomasi di Lampedusas "Il Gattopardo", inszeniert von Pinar Karabulut am Zürcher Schauspielhaus (Nachtkritik, NZZ), "KI essen Seele auf (ORPHEAI)" von Thomas Köck, inszeniert von Mateja Meded am Schauspiel Stuttgart (Nachtkritik) und "Requiem für eine marode Brücke" von Anna-Sophie Mahler und Viola Köster, inszeniert von ersterer am Schauspiel Köln (Nachtkritik).
FAZ-Kritiker Andreas Platthaus amüsiert sich mit der "Verwirrung des Vertrauten", die Lukas Rietzschels Komödie "Der Girschkarten" (frei nach Anton Tschechow), stiftet. Enrico Lübbe bringt das Stück am Schauspiel Leipzig auf die Bühne - mit tollen Schauspielern, wie Platthaus hervorhebt: "Komödiantentum erfordert mehr Schauspielgeschick als Tragödiendarstellung. Weil wir eh mit dem Schlimmsten rechnen, das Lustige also für gekünstelt halten. Wenn es dann natürlich daherkommt, ist es große Kunst. Und die beherrscht das Septett im 'Girschkarten' in Vollendung. Allen voran Katja Gaudard als Großmutter. Gaudard ist wie Lisa-Katrina Mayer als Dunja frei engagiert worden für diese Leipziger Inszenierung, während die anderen fünf Schauspieler dem festen Ensemble des Hauses angehören. Und Gaudard, im wahren Leben noch keine fünfzig, gibt ihre alte Dame mit einer greisen Zerbrechlichkeit voller winziger Manierismen, die man nicht anders nennen kann als eine Sensation."
Auch Nachtkritiker Tobias Prüwer ist sehr zufrieden mit der Entwicklung Rietzschels als Dramatiker: "Es geht um Retrotopien, die Flucht in eine vermeintlich bessere Vergangenheit, Zukunfts- und Veränderungsängste und den Aufschub von Entscheidungen. All das wird dem Publikum nicht aufs Auge gedrückt, sondern vielmehr gestreift innerhalb der Verhandlungen dieses Familienkonflikts. Das ist klug, weil nicht bevormundend. Rietzschel will kein Erklärstück zeigen, hat sich von der Feuilleton-Zuschreibung emanzipiert, erst Erklärbär für Ostdeutschland sein zu sollen, dann Stimme einer Generation. Er gibt Anstöße, ohne Antworten zu servieren. Das ist intellektuell anregend, kitzelt hermeneutisch."
Besprochen werden: Golda Bartons "Porneia" am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik), Walter Moers' "Die Stadt der träumenden Bücher", inszeniert von Viktor Bodo am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (Nachtkritik) und Umberto Giordanos "Fedora" an der Deutschen Oper, Regie führt John Fiore (Tagesspiegel).
Szene aus "Richard III." Bild: Tommy Hetzel Jakob Hayner, kürzlich noch vergrätzt über die "freundliche Mittelmäßigkeit" des aktuellen Programms im Wiener Burgtheater (unser Resümee) feiert heute in der Welt die Rückkehr von Nicolas Ofczarek, der in Wolfgang Menardis Inszenierung einen herausragenden "Richard III." gibt. Und auch die Inszenierung, die einen Roboterhund in den Mittelpunkt stellt, überzeugt durch Frische: Indem Menardi "mit dem Robotorhund die transhumanistische Zukunft in das Spiel einbrechen lässt, fragt man sich eher, ob das Unmoralische und das Böse selbst Begriffe sind, die schon in naher Zukunft keine Bedeutung mehr haben werden. (...) Das Paradox aller KI-getriebenen Erlösungsfantasien ist nur, dass die Welt, die das Böse nur noch als Ornament vergangener Zeiten kennt, selbst moralisch fragwürdig sein kann. In diesem Graubereich der Dämmerung des Maschinenzeitalters lässt Menardi seinen 'Richard III.' spielen, in dem folgerichtig der Roboterhund den letzten Auftritt hat."
Elena Wolf ist in einem von Backstage Classical übernommenen Kontext-Artikel mindestens irritiert: Ausgerechnet die Oper Stuttgart, die sie als progressiv und feministisch schätzt, besetzt die Rolle des Otello in Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper mit dem Tenor Alfred Kim, der verurteilt wurde, nachdem er im Jahr 2017 eine Frau in einem Hotelzimmer brutal zusammengeschlagen hatte: "Diese Besetzung ist so zynisch wie die mediale Verklärung tödlicher Gewalt von Männern gegen Frauen im echten Leben als 'Beziehungsdrama'. Aus rasender Eifersucht erwürgt Otello seine Geliebte Desdemona, weil er einer Intrige zum Opfer gefallen ist und fälschlicherweise glaubt, dass sie ihn betrügt." Wolf geht es erklärtermaßen nicht darum, Kim zu "canceln". Aber vielleicht hätte die Leitungsebene der Oper "mal die Frauen ... bei dieser brisanten Besetzungsfrage" miteinbeziehen können, meint sie.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Und nochmal Othello. Esther Slevogt spricht in der nachtkritik mit der Regisseurin Isabelle Redfern, die sich geärgert hatte, dass bei der Gala zum 125. Geburtstag des Deutschen Schauspielhauses Hamburg historisches Foto- beziehungsweise Filmaterial der "Othello"-Inszenierungen von Peter Zadek aus dem Jahr 1976 sowie von Stefan Pucher aus dem Jahr 2004 gezeigt wurden - zwei Inszenierungen also, denen man heute Blackfacing vorwirft. Rassismuskritisch seien beide Inszenierungen nie gewesen, widerspricht sie Slevogt: "Sonst hätten ja schwarze Menschen mitgearbeitet, statt über sie ein Narrativ zu bauen." Derweil fragt sich Dorion Weickmann in der SZ, was sich in den letzten zehn Jahren, seit die nun scheidende Misty Copeland als erste schwarze Ballerina des American Ballett Theatres tanzte, in der Ballett-Branche für nicht-weiße Personen getan hat. Bei den 25 namhaftesten Compagnien der USA sei der PoC-Anteil in den letzten fünf Jahren von sieben auf schätzungsweise 20 Prozent gestiegen, aber vor allem in Europa gebe es noch einiges nachzuholen, liest Weickmann etwa in Osiel Gouneos 2024 erschienener Autobiografie "Black Romeo".
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel begrüßt Patrick Wildermann das neue vierköpfige Leitungsteam am BerlinerGrips-Theater, das "auf Akzentverschiebungen, auf Entschleunigung und Reduktion" setzt: "Zum Beispiel wurde das Gremium, das am Grips über die meisten künstlerischen Fragen mitentscheidet, von zwölf auf acht Personen verschlankt. Und es wird in dieser Spielzeit lediglich drei Premieren geben."
Der Bund beendet die Förderung des "Bündnis Internationaler Produktionshäuser für Darstellende Kunst", berichtet Tom Mustroph in der taz. Das ist zwar nicht existenzbedrohend, da die sieben großen Häuser (unter anderem das Berliner HAU) durch Länder und Kommunen gefördert werden - international werden sie aber "künftig kleinere Brötchen backen und damit an Relevanz und Renommee verlieren."
Besprochen werden Falk Richters neues Stück "Hannah Zabrisky tritt nicht auf" an der Berliner Schaubühne (Welt, Zeit), Evgeny Titovs Inszenierung der Strauss-Oper "Salome" an der Komischen Oper Berlin (Zeit) und Arthur Romanowskis Inszenierung von "Supermarxt" am Theaterhaus Frankfurt (FR).
Nach zwölf Jahren wird Shermin Langhoff in diesem Sommer das Gorki-Theater verlassen, ihre Nachfolgerin wird Çağla Ilk. "Die Party ist vorbei", seufzt Peter Laudenbach in der SZ, der eine Hymne auf Langhoff singt, die die deutsche Theaterlandschaft verändert habe, auch weil sie so viele Künstler mit migrantischem Hintergrund in ihrem Ensemble beschäftigte: "'Das Gorki', das kleinste der Berliner Staatstheater, war in den Langhoff-Jahren oft das aufregendste Theater der Stadt, und immer waren Programm und Schauspieler ziemlich unverwechselbar. Die politische Haltung war dabei mehr als deutlich, gerne auch mal bis zur Plakativität. Forderungen der AfD, dem Theater Gelder zu streichen, auch Morddrohungen von Rechtsextremen, sammelte das Gorki wie andere Bühnen Theaterpreise. Aber auch Preise und Einladungen zum Theatertreffen gab es nicht zu knapp. Langhoff dürfte auf beides gleich stolz sein, den Respekt der Theaterwelt und die Wut der Nazis: Das Gorki hat Wirkung, so oder so."
Weitere Artikel: Hundert Jahre nach der letzten Aufführung will das Harztheater in Halberstadt, das Anfang des 20. Jahrhunderts als "Klein-Bayreuth" galt, noch einmal den ganzen Ring aufführen, staunt Clemens Haustein in der FAZ. Katrin Bettina Müller besucht für die taz das neu eröffnete Junge Tanzhaus in Berlin Neukölln.
In der NZZfreut sich Bernd Noack über einen "grandiosen, eiseskalten, wahnsinnigen" Richard III., gespielt von Nicholas Ofczarek, in Wolfgang Menardis Shakespeare-Inszenierung im Wiener Akademietheater. Besprochen wird außerdem Barrie Koskys Inszenierung des Händel-Oratoriums "Saul" an der Oper Köln (in Kooperation mit dem Glyndebourne Festival) (FR).
In Evgenji Titovs Inszenierung von Oscar Wildes und Richard Strauss' "Salome" an der Komischen Oper Berlin ist der für die Geschichte eigentlich so zentrale Mond eine "wenig vom Platz bewegte Kugelleuchte: massiv, geheimnislos und als Stimmungsträger ziemlich fade", seufzt Gerald Felber in der FAZ. Der Kritiker sieht eine Aufführung, "die sich den atmosphärischen Verlockungen der flirrenden und schillernden Klänge spröd verschließt und stattdessen, kammerspielartig verdichtet, weitgehend auf das Agieren und Zusammenwirken der Solisten setzt."
Frederik Hanssen ist im Tagesspiegel hingegen ganz angetan: "Rätselhaft ist dieser Abend, nichts von dem Geraune des Regisseurs, das sich im Programmheft nachlesen lässt, hilft, um die verstörenden Bilder zu entschlüsseln, die er auf die Bühne bringt. Dabei ist Titovs Personenführung brillant: Weil sie sich im Klangfluss der Partitur bewegen dürfen, weil jede Geste aus dem musikalischen Impuls entwickelt wird, können die Sänger zu Schauspielern werden, auf eine Art, wie man es selten sieht." Selten hat er die Oper "so hart und kantig, so radikal avantgardistisch, brutal, archaisch, unerhört modern für das Kompositionsjahr 1905" gehört.
Kulturkampf wird wieder klassisch, mit Demos und so, meint Simon Strauß in der Leitglosse des FAZ Feuilletons. Beispiel Magdeburg, wo ein Stück über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt 2024 auf die Bühne gebracht werden soll - was nicht allen gefällt. So "versammelten sich unlängst Menschen aus Magdeburg, darunter der Vater eines beim Anschlag getöteten Neunjährigen, und Anhänger rechtsradikaler Gruppierungen, um gegen die 'pietätlose Vermarktung' des Attentats zum 'Bühnenspektakel' zu demonstrieren. Die Leitung des soeben zum Theater des Jahres gekürten Hauses hat sich inzwischen zu Wort gemeldet und von einem 'Angriff auf einen Grundpfeiler unserer Demokratie' gesprochen. Ob jede Demonstration rechtsradikaler Gesinnungsträger gleich ein Angriff auf die Kunstfreiheit ist?" Vielleicht hätte man sein Vorhaben auch einfach etwas weniger schwammig beschreiben können, als es das Theater tat, denkt sich Strauß.
Besprochen werden das Musical "Gullivers Reisen" am Wiener Burgtheater von Nils Strunk und Lukas Schrenk (Welt), Wolfgang Menardi inszeniert Shakespeares "Richard III." am Wiener Akademietheater (FAZ, SZ), Lucy Kirkwoods "Entrückt" in einer Inszenierung von Jan Bosse am Staatstheater Wiesbaden (FR, Nachtkritik), "Hannah Zabrisky tritt nicht auf", geschrieben und inszeniert von Falk Richter an der Berliner Schaubühne (Nachtkritik, Tagesspiegel, SZ), Tolstois "Krieg und Frieden" in einer Inszenierung von Calle Fuhr am Schauspiel Köln (Nachtkritik), Mathias Spaans Inszenierung von Max Porters Roman "Trauer ist das Ding mit Federn" am Münchner Volkstheater (Nachtkritik), Sidi Larbi Cherkaouis "Bal impérial" am Grand Théâtre Genf (NZZ) und "2x241 Titel besser als Martin Kippenberger" vom Kollektiv Frankfurter Hauptschule an den Münchner Kammerspielen (taz).