Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2025 - Bühne

Foto: Hotta Rikimaru / New National Theatre Tokyo


Sieben Höllenkreise muss Rezensent Max Nyffeler für die FAZ durchqueren, um am Ende von Toshio Hosokawas Oper "Natasha", die "rettende Kraft der Liebe" zu erfahren. Im New National Theatre Tokyo öffnen sich: "Die Hölle der entlaubten Wälder, die knallbunte Plastikhölle des Vergnügens, die Fluthölle, die stupide Businesshölle, die Sumpfhölle der politischen Parolen und Agitatoren, die Feuerhölle der Umweltzerstörung und als letzte Konsequenz die Hölle der absoluten Dürre. In der Musik zu diesem Weltuntergangsmenetekel präsentiert sich Hosokawa - ein Novum für ihn - als genuiner Polystilist. Die Vergnügungshölle charakterisiert er durch grelle, teilweise improvisierte Klänge von E-Gitarre und Saxophon, die roboterhaft agierenden Businessmenschen mit monotonen Minimalismus-Mustern. Über weite Strecken dominiert jedoch ein vorwiegend mit Kurzmotiven, Heterophonien und Akkordschichtungen gearbeiteter katastrophischer Tonfall, harmonisch gewürzt mit dem allgegenwärtigen Tritonus, dem 'diabolus in musica'."

Nachtkritik bringt einen Auszug aus einer Bearbeitung des Stücks "Das Salzburger große Welttheater" von Hugo von Hofmannsthal durch die Schriftstellerin Lydia Haider.
Stichwörter: Hosokawa, Toshio

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2025 - Bühne

Das Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg wird für 168 Millionen Euro saniert, berichtet Till Briegleb in der SZ. Besprochen werden Ottavio Dantones Inszenierung von Antonio Caldaras Oper "Ifigenia in Aulide" bei den Innsbrucker Festspielen (FAZ), Péter Eötvös Inszenierung der Tschechow-Oper "Drei Schwestern" bei den Salzburger Festspielen (NZZ) und Bruno Max' Inszenierung von "Horrible Habsburger!" im Theater im Bunker Mödling (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2025 - Bühne

"Ifigenia in Aulide." Bild: Birgit Gufler.


SZ-Kritiker Michael Stallknecht hätte eigentlich auch damit leben können, wenn die Innsbrucker Festwochen der alten Musik Antonio Caldaras "Ifigenia in Aulide" dreihundert Jahre nach Entstehen nicht wieder ausgegraben hätten. Die Gattung der Opera Seria muss man sowieso mögen, so Stallknecht, hier ist das Problem "Caldara, den selbst intime Barockliebhaber bislang fast nur als Komponist von geistlicher und Kammermusik kannten. Für seine Oper stöpselt er einfach Floskel an Floskel. Ein Reichtum der Orchesterbehandlung, wie ihn etwa Georg Friedrich Händel oder Antonio Vivaldi in der Opera seria pflegen, ist Caldara unbekannt. Und ein melodisches Genie ist er auch nicht." Zudem finden sich in der Inszenierung von Anna Fernández und Santi Arnal Puppen auf der Bühne, "die anscheinend irgendwas über die Objektivierung der Frau in der Antike erzählen sollen; während der Umbauten tritt eine Tänzerin auf, begleitet von Dantone am Cembalo mit Improvisationen, die jedem Jazzmusikstudenten einfallsreicher gelingen würden".

Im Standard hingegen fühlt sich Stefan Ender an Monty Python erinnert - und mag's: "Die Musik des damaligen Vizehofkapellmeisters ist erfrischend einfalls- und abwechslungsreich. Unter der Leitung des tollen Ottavio Dantone, des Musikchefs der Festwochen, verwandelt sich die Accademia Bizantina in einen barocken Live-Wurlitzer, der alle Stückln spielt: frisch, frech und flink, süffig, sahnig und elegant."

Szene aus "Drei Schwestern" bei den Salzburger Festspielen. Foto: S/F. Monika Rittershaus


Ein "großer Wurf" sind für tazlerin Regine Müller Péter Eötvös' Oper "Drei Schwestern" nach Tschechow bei den Salzburger Festspielen. Maxime Pascal dirigiert, Evgeny Titov inszeniert. Müller findet die Inszenierung "visionär: Die Partien der Schwestern Mascha, Olga und Irina sowie die der Natascha komponierte Eötvös nämlich für hohe Männerstimmen, also Countertenöre und Sopranisten, was eine verfremdende Distanz und erhellende Künstlichkeit herstellt. Die Stimmen der drei Schwestern haben im Orchestergraben jeweils ein instrumentales Alter Ego, das als seelischer Spiegel fungiert, Irina etwa korrespondiert mit der Oboe und dem Englischhorn. Titovs Personenregie überzeichnet die grotesken Momente, unfreiwillige Komik und Tragik des ausweglosen Unglücks liegen nah beieinander, die Personenführung ist gekonnt und präzise. Exemplarisch ist die musikalische Umsetzung von Eötvös' hoch komplexer Partitur: Im Graben sitzt das famose 18-köpfige Solistenensemble Klangforum Wien unter der souveränen Leitung von Maxime Pascal, erhöht hinter der Szene das 50-köpfige Klangforum Wien Orchestra unter der Stabführung von Alphonse Cemin." Weitere Besprechungen in der FAZ und der Nachtkritik


Weiteres: Zur Ethik des Zuschauens im Theater macht sich Judith von Sternburg in der FR Gedanken. Ulrich Seidler interviewt ebenfalls für die FR den Schauspieler Jens Harzer, der soeben ans Berliner Ensemble gewechselt ist. Besprochen werden Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Verdis "Macbeth" bei den Salzburger Festspielen (SZ, Standard), und Oona Dohertys "Specky Clark" beim Berliner Festival Tanz im August (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2025 - Bühne

Für die Welt trifft sich Jakob Hayner mit dem Dramatiker Roland Schimmelpfennig, dessen neuestes Stück "See aus Asche - Das Lied der Nibelungen" derzeit bei den Nibelungenfestspielen in Worms zu sehen ist. In der Berliner Zeitung spricht Ulrich Seidler mit dem Schauspieler Jens Harzer, der ab der kommenden Saison am Berliner Ensemble spielt. Besprochen wird "Sweat. Ein Musclical" von Daniel Wetzel und Rimini Protokoll im Berliner Radialsystem (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2025 - Bühne

Gerade erst hatte man am Royal Opera House in London verkündet, Anna Netrebko für eine "Tosca"-Neuinszenierung wieder auftreten zu lassen, schon gibt es die nächsten Schlagzeilen um jene "Tosca", stöhnt Manuel Brug in der Welt: Nachdem 182 Mitarbeiter, die wenigsten unter Klarnamen, einen offenen Brief gegen die Haltung des Hauses zum Krieg in Gaza protestiert hatten, wurde beschlossen, eine als Koproduktion geplante Premiere nun nicht an die Israeli Opera in Tel Aviv zu schicken. Begründet wurde das zwar mit der "Sicherheit unserer Ensemblemitglieder", allerdings wären kommenden Sommer höchstens der künstlerische Leiter Oliver Mears oder ein Regieassistent nach Tel Aviv gereist, weiß Brug: "Alex Beard, der Geschäftsführer des Royal Opera House, gab an, seine Mitarbeiter hätten sich beklagt, die Israeli Opera (die nur wenige öffentliche Subventionen erhält) sei eine staatliche Einrichtung, die zudem Soldaten kostenlose Tickets zur Verfügung stellt. Das wolle man nicht unterstützen."

Störaktionen wie sie sich kürzlich bei den Salzburger Festspielen ereigneten, als propalästinensische Aktivisten die Bühne stürmten (unser Resümee), stellen Veranstalter vor ein Dilemma, hält Christian Wildenhagen in der NZZ fest. Einerseits wollen Kulturveranstaltungen in ihren Programmen aktuelle Konflikte aufgreifen, andererseits bleibt meist nur der Ausweg, Protestierende aus den Veranstaltungsräumen entfernen zu lassen. Zurecht, meint Wildenhagen, "denn es geht in solchen Fällen nicht ums 'Erörtern', geschweige denn um Kunst. Es geht allein um Aufmerksamkeit. Für keinen anderen Zweck werden die Bühnen der Hochkultur gekapert und missbraucht. ... Krawall dürfte kaum jemanden dazu inspirieren, die eigenen politischen Positionen zu überdenken. Mehr noch: Die Mischung aus Gleichgültigkeit und offen artikulierter Ablehnung, die den Protestierenden in solchen Fällen aus den Reihen der Anwesenden entgegenschlägt, lässt diese Form des Protests selbst hilflos wirken..."

Weiteres: Die Berliner Regisseurin und Autorin Uljana Havemann ist im Alter von 51 Jahren gestorben, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Besprochen werden Rainer Pudenz' "Ein unerhörter Operettensalon" an Kammeroper Frankfurt (FR) und Marlene Monteiro Freitas' Performance "Not" auf Kampnagel in Hamburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2025 - Bühne

Henri Meyer: "Wagner, der Musiker der Zukunft", 1876. © Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth

Höchst vergnügt flaniert Judith von Sternburg (FR) durch die Ausstellung "Spot(t)-Light. Richard Wagner in der zeitgenössischen Karikatur" im Richard Wagner-Museum in Bayreuth, die ihr zeigt, was mancher Zeitgenosse von Wagners Musik hielt: "Eine riesige Bratpfanne wird als große Trommel mit einem Kochlöffel geschlagen, eine Harfe mit einem Rechen geharkt, eine Katze als Violine verwendet, ein Korb Glasscherben von einem aufmerksamen Orchestermusiker im genau richtigen Moment in einen Blechpott geschüttet, ein Hund zum Jaulen bis ins hohe C getrieben. Messer auf Porzellan, das Geräusch kennt jeder (aber unter uns gesagt: nicht aus Wagners Opern). Oder: Das ganze Wagnerorchester könnte auch aus Kinderlein bestehen, die in ihren Laufställen lustig vor sich hin tröten. Oder es könnte ein Kriegsschauplatz sein, so der Titel einer Karikatur, die ein Tohuwabohu im Graben zeigt, Noten als Geschosse allüberall. Dass es insgesamt so/zu viele Noten sind: immer wieder ein Thema."

Weitere Artikel: Für die taz besucht Mathieu Praun das Festival Meta Solis in Miltitz bei Bautzen, wo er sich mit der Dragqueen Angel van Hell und Mitgliedern des Kolektiw Wakuum darüber unterhält, wie sie die sorbische Kultur modernisieren wollen.

Besprochen werden James Grahams Stück "Make It Happen" mit Succession-Star Brian Cox in Edinburgh (Zeit) und Juliane Sauters Film "Primadonna or Nothing", der die Opernsängerinnen Valerie Eickhoff, Angel Blue und Renata Scotto porträtiert (taz).
Stichwörter: Wagner, Richard

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.08.2025 - Bühne

Szene aus "NÔT" © Christophe Raynaud de Lage

Bei der Uraufführung beim Festival d'Avignon hatte Marlene Monteiro Freitas' Performance "Nôt" die Kritik in zwei Lager gespalten, erinnert Benno Schirrmeister (taz), der zumindest positiv irritiert ist von dem Stück, das die kapverdische Choreografin, die ab 2026 zum künstlerischen Leitungsteam der Volksbühne gehören soll, in Anlehnung "1001 Nacht" geschaffen hat und nun auf Kampnagel in Hamburg aufführt. Zu sehen sind "fast ausschließlich robotisch-eckige Trippelbewegungen. Im herkömmlichen Sinne tanzt mit am meisten Joãozinho da Costa: Im weißen Plisseeröckchen, das er ab und an neckisch lüftet, schwingt er sich vorne links auf der Bühne ein, noch bevor es richtig losgeht, mit reduzierten Salsaschritten zu einer geloopten Musiksequenz. Seine Präsenz wirkt gelassen majestätisch: Er verkörpert mit Bestimmtheit die aus Kränkung gespeiste Grausamkeit des Sultans Schahryâr. Und noch zuverlässiger wird man in Mariana Tembe die Heldin Scheherazade erkennen: Indem sie die Bühne entschlossen durchquert, nimmt die beinlose Tänzerin den Raum in Besitz."

Besprochen werden Georg Quanders Inszenierung der Strauß-Operette "Die Fledermaus" an der Kammeroper Schloss Rheinsberg (Tsp), eine Aufführung des "Lohengrin" unter dem Dirigat von Christian Thielemann bei den Bayeuther Festspielen (Welt) und Ulrich Rasches Inszenierung der Oper "Maria Stuarda" bei den Salzburger Festspielen (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2025 - Bühne

Szene aus "Vanya". Bild: Franziska Strauss

Nachtkritikerin
Esther Slevogt ist überrascht: Dass Tschechows "Onkel Wanja" so gut funktioniert, wenn alle Charaktere als Variationen derselben Figur von einem einzigen Schauspieler gespielt werden, liegt nicht nur an der Version "Vanya" des britischen Dramatikers Simon Stephens und der Inszenierung von Felix Bachmann, der das Stück für die Komödie am Kurfürstendamm inszenierte, sondern auch an Oliver Mommsen: "Mit spielerischer Leichtigkeit schaltet Mommsen zwischen den Figuren hin und her, schafft immer wieder - fast pantomimisch - intensive Szenen, etwa wenn Michael und Helena sich kurz näherkommen. Es gibt komische, tragische und dramatische Momente. Manchmal scheinen sich die Stimmen der Figuren fast vom Körper dieses Schauspielers zu lösen. Dann schweben sie einfach im Raum - wie die weißen dünnen Hemdchen, die anfangs noch geisterhaft an einer Leine auf der Bühne hängen." In der FAZ schwärmt auch Irene Bazinger: "Alles ist da, alles ist eins: Als wären die Zuschauer in Tschechows Kopf gelandet, der sich "Onkel Wanja" ausdenkt und vor seinem inneren Auge skizzenhaft ablaufen lässt." Im Tagesspiegel bespricht Christine Wahl die Inszenierung.

Barbara Behrendt nutzt die Spielzeitpause in der taz, um bei dem Neuropsychologen Eugen Wassiliwizky nachzufragen, weshalb auf der Bühne, etwa bei Milo Rau oder Florentina Holzinger, so häufig mit Schockmomenten, Angst und Ekel, statt mit positiven Emotionen gearbeitet wird: "Erstens, so Eugen Wassiliwizky, machen wir gern intensive Erfahrungen. Ohne die Künste, ohne Geisterbahnen und Achterbahnen, die extreme Situationen im Safe Space simulieren, könnten wir selten so tiefgreifend erleben. Zweitens: 'Negative Erfahrungen werden intensiver verarbeitet.' Biologisch macht das Sinn, da das Lernen aus negativen Erfahrungen unser Überleben sichert."

Weitere Artikel: In der SZ kann Egbert Tholl das Jugendprogramm der Salzburger Festspiele, etwas David Böschs Inszenierung "Musketiere", nur dringend empfehlen. Besprochen werden außerdem die Wiederaufnahme von Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" bei den Bayreuther Festspielen (FAZ) und Igor Strawinskys "Die Geschichte vom Soldaten" bei den Salzburger Festspielen mit Marionetten von Georg Baselitz, inszeniert von Matthias Bundschuh (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.08.2025 - Bühne

"Maria Stuarda." Foto: Monika Rittershaus, Salzburger Festspiele.


Gefährliche Cousinenrivalität bringt Ulrich Rasche mit Gaetano Donizettis "Maria Stuarda" auf die Bühne der Salzburger Festspiele: Ljubiša Tošić vernimmt für den Standard "vokale Glanzleistungen" in der Geschichte der konkurrierenden Thronprätendentinnen. Der Regisseur "schafft einen atmosphärisch starken, abstrakten Bühnenraum, in dem Elisabetta und Maria auf ihren kreisförmigen, sich unentwegt drehenden Plattformen zu Hass- und Leidensskulpturen werden. Es dominiert ein Geh- und Drehtheater, während die Zustände der Kontrahentinnen in stilisierten Bewegungen kommuniziert werden. (…) Ob in ihrer Einsamkeit oder beim Treffen mit Elisabetta, das in Vorwürfen und Beflegelung eskaliert, wenn Maria, die Unterwürfigkeit mimt, also letztlich Elisabetta als Bastard beschimpft: All das lädt Lisette Oropesa vokal souverän mit Emotion auf. Über die reine Virtuosität hinaus formt sie das innere Geschehen der Figur zum Operndrama."

Jürgen Kesting in der FAZ findet die Sängerin der Titelrolle zwar auch ganz anständig, ganz so eingenommen ist er aber nicht: "Die Stimme von Lisette Oropresa ist ein lyrischer Sopran mit einem guten Klangspektrum. Die zahlreichen figurativen Elemente, etwa den Trillern in der Arie 'Quando di luce rosea', behandelt sie nicht als Dekor, sondern als Klagelaut, ebenso die messa di voce-Effekte in der finalen Preghiera über dem Klagechor ihrer 'famigliari'. Es war ein imponierendes Debüt, obwohl sich ihr Sopran dynamisch nicht voll entfalten konnte; vielleicht lag's an der nach hinten offenen Bühne. Kate Lindsey gehört zu den herausragenden Sängerinnen des lyrischen Fachs: in Musik von Monteverdi, Mozart, Massenet oder Offenbach. Mit der Elisabetta wurde ihr ein Tort angetan. Sie hat keine Mühe mit der Equilibristik in verzierten Passagen, aber ihrem schlanken Mezzo fehlt der voice character für die Klänge von Eifersucht, Hass und Verachtung."

Wie Regine Müller im Tagesspiegel beobachtet, erzählt Rasche "den Grundkonflikt zwischen Maria und Elisabetta als simple Eifersuchtsgeschichte. Maria laufen die Männer nach, insbesondere der von Elisabetta begehrte Roberto, und das erträgt diese nicht. Auf der Video-Scheibe sind immer wieder Close-Ups von Maria zu sehen, nach der begehrende Männerhände greifen, offenbar Elisabettas zwanghafte Fantasien. Dadurch erotisiert Rasche den Plot und unterwandert das eigene Stil-Prinzip, das immer auch inhaltlich zu lesen ist. Nämlich die unbarmherzige, zermalmende Macht der Gesellschaft zu zeigen, die im Schauspiel als skandierender Chor auftritt und hier durch die Dunkelmänner verkörpert ist. Das Individuum ist nichts, der Druck der Verhältnisse alles."

Auch Spiegel, SZ und FR berichten aus Salzburg.

Weiteres: Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz ärgert sich im Standard über das patriarchale Programm der Salzburger Festspiele. Andreas Rossmann erinnert in der FAZ an die wenig bekannte Seite des im Juli verstorbenen Claus Peymann als "kluger Kulturpolitiker."

Besprochen werden: Igor Strawinskys "Die Geschichte vom Soldaten" bei den Salzburger Festspielen mit Marionetten von Georg Baselitz, inszeniert von Matthias Bundschuh (Welt), Richard Wagners 'Lohengrin' inszeniert von Christian Thielemann bei den Bayreuther Festspielen (FAZ), Bram Tahamatas Musical "& Julia" im Hamburger Stage Operettenhaus (taz) und "Ghost Riders" von Yosi Wanunu und Peter Stamer auf dem Impulstanz-Festival Wien (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.08.2025 - Bühne

Robert Wilson 2015 vor seiner Installation "A House for Edwin Denby". Foto: Wikipedia unter cc-Lizenz


Vorgestern wurde es schon gemeldet: Der Theaterregisseur Robert Wilson ist gestorben. "Er war der Amerikaner, der dem europäischen Theater in den Siebzigerjahren das Träumen beibrachte", schreibt Wolfgang Höbel in seinem Nachruf im Spiegel. "Die Kritik feierte Wilson früh als Priester und Propheten der Schönheit. 'Einstein on the Beach', 'Death, Destruction and Detroit' und 'The Black Rider' heißen einige der Hits, mit denen er berühmt wurde. In allen waren Menschen zu bestaunen, die sich in zeitlupenhafter Langsamkeit über die Bühne bewegten und oft stumm ihre Münder aufrissen, ein surreal schönes Licht und eine Bühnenbildwelt, die an die Stummfilmklassiker des Kinos erinnerte. ... In der oft grundsätzlich verkopften und auf psychologische und politische Eindeutigkeit fixierten europäischen Theaterwelt hatten die Inszenierungen, die Wilson in den Siebzigerjahren bekannt machten, eine ungeheure Wirkung."

In der SZ beschreibt ihn Reinhard J. Brembeck als einen der "ganz großen und unbeugsamen Radikalen unter den Theatermachern". Seine Inszenierungen hatten "eines gemeinsam: die Handlungslosigkeit, sie war Wilson lieb und zentral. Genauso die hingebungsvolle Konzentration auf das Sichtbare. Wilson beharrt darauf, dass an der Oberfläche alles zu finden sei, die Magie wie das Geheimnis. Das aber ist ein ureuropäischer Gedanke, schon die alten Griechen glaubten daran. Erst spätere Jahrhunderte versuchten, hinter der Oberfläche das Wesentliche eines Menschen zu verorten, vor allem in Deutschland ist dieser Gedanke nach wie vor en vogue."

Weitere Nachrufe schreiben in der Berliner Zeitung Ulrich Seidler, der daran erinnert, wie beeindruckt Heiner Müller war "von der durchästhetisierten, unpsychologischen Herangehensweise des Texaners ... Und tatsächlich interferierten die welt- und geschichtssatten Traumtexte Müllers mit den masselosen Installationen von Wilson auf das Beste." In der Welt schreibt Manuel Brug, in der NZZ Bernd Noack, in der Zeit Peter Kümmel, in der FAZ Andreas Rossmann und im Tagesspiegel Rüdiger Schaper.

Außerdem: In der nachtkritik berichtet Falk Lörcher vom Berlin Circus Festival auf dem Tempelhofer Feld. Patrick Bahners besucht für die FAZ die letzte Aufführung der "Ring"-Inszenierung von Valentin Schwarz in Bayreuth. Und Edo Reents gratuliert in der FAZ dem Schauspieler und Synchronsprecher von Michael Douglas Volker Brandt zum Neunzigsten.

Besprochen werden Gregor Bloébs Inszenierung von Shakespeares "Romeo und Julia" am Tiroler Volksschauspiele Telfs (nachtkritik, Standard), Barrie Koskys Inszenierung von Vivaldis "Hotel Metamorphosis" bei den Salzburger Festspielen (FR, Standard - beide hingerissen!) und Philippe Manourys Inszenierung von Karl Kraus' Drama "Die letzten Tage der Menschheit" an der Oper Köln (nmz).
Stichwörter: Wilson, Robert, Vogue